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Sonntag, 2. Dezember 2018

463 »Böse Drachen, gute Drachen«

Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche

Der »Bund Sankt Michael« informiert auf seiner Internetseite » Das christliche Kulturerbe des schützenden und bewahrenden Dienstes« (1) über »Symbole und Zeichen des schützenden Dienstes im Christentum« (2). Da lesen wir, kurz und bündig: »Drachen und Schlangen sind Symbole für das Böse, das alles Wertvolle sowie den Menschen und seine Seele bedroht, sowie für allgemeine Lebensbedrohung.« Wenn der Drachen so negativ gesehen wird, warum wurden dann in der Krypta der Abdinghofkirche gleich acht Drachen an einem Säulenkapitell verewigt?

Der Drachen ist in der christlichen Theologie ein Symbol für das Böse, das zu bekämpfen gilt. Drachentöter werden in der sakralen Kunst sehr häufig gezeigt: als Heroen, die böse Untiere besiegen. Belege für die böse Natur der Drachen finden sich im Alten Testament! Was selbst eifrigen Bibellesern meist verborgen bleibt: Im Alten Testament finden sich versteckte Hinweise auf Drachen aus uralten, vorbiblischen Zeiten. Ein Drachen wird gar namentlich genannt. Und der muss als böse angesehen worden sein, denn sonst hätte ihn Gott ja nicht vernichtet. Laut Bibel war dieser Drachen älter als die Schöpfung! Und er war nach Ansicht der Bibelautoren, böse!

Foto 2: Zwei der acht Drachen...

Im Buch Hiob (3) wird dieser Sachverhalt kurz angesprochen: »Durch seine Kraft hat er (Gott) das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.« In der babylonischen Mythologie ist Rahab ein Meeresdrachen namens Tiamat. Tiamat aber war eine der ältesten Gottheiten überhaupt, nämlich die große Meeresgöttin. Als »Tehom« tritt die Meeresgöttin auch im »Alten Testament« auf, allerdings nur im hebräischen Original, nicht in den Übersetzungen der christlichen Interpreten. Die Übersetzer wussten mit der uralten Göttin nichts anzufangen. Sie ließen sie hinter Umschreibungen verschwinden.

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« So, oder so ähnlich, werden für gewöhnlich die ersten Sätze des »Alten Testaments« übersetzt. Korrekter ist die berühmte »Elberfelder Bibel«: »Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer und Finsternis war über der Tiefe.« Auch die Schlachter-Übersetzung bietet Finsternis, die über der Tiefe lag... wie auch schon die legendäre lateinische Übersetzung fast zwei Jahrtausende früher von »abyssus«, also von »Abgrund« spricht. Im hebräischen Original finden wir »Tehom«. 

Das alttestamentarische »tehom« weist auf die babylonische Meeresgöttin Tiamat, Mutter aller Götter und Göttinnen, hin! Tiamat ist noch ein weiteres Mal im Schöpfungsbericht der Bibel verborgen. Wo es in Übersetzungen heißt »Und die Erde war wüst und leer!«, da steht im Hebräischen »Tohuwabohu«, »Tohu und Bohu«. Auch »Tohu« geht auf den Meeresdrachen Tehom zurück. Mit »Bohu« könnte das männliche Pendant Behom, der männliche Erdgott, gemeint sein.

Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe?

Uralt ist die Legende vom »Drachenkönig und seinen Söhnen« in China. Wann sie zum ersten Mal erzählt wurde, das vermag niemand zu sagen. Es gab sie schon sehr, sehr lange in China, ja eigentlich schon »immer«. Waren die neun Söhne des Drachenkönigs zunächst anonym, so bekamen sie in der Ming Dynastie ihre Namen. Damals, so überliefert es die Legende, wollte der Kaiser von seinem General wissen, wie denn die Namen dieser mysteriösen Wesen lauteten. Der General wusste es nicht, erfuhr aber, dass die Namen dem Volk durchaus vertraut seien. Also machte er sich auf die Suche und fragte das Volk aus.

Wann der Drachenkönig wohl zum ersten Mal auftauchte? Das war schon viel früher, nämlich vor 6000 Jahren. Im Jahr 1970 fand man in einem Grab in der Nähe der Stadt Chifeng in der Inneren Mongolei in einem Grab eine Darstellung des Drachenkönigs, den die Entdecker Zhu Long nannten. Der Name rührt daher, dass einige Archäologen in dem mysteriösen Wesen einen Drachen (Long), andere ein Schwein (Zhu) sahen. Weil die Archäologen sich nicht auf einen Namen einigen konnten, verknüpften sie beide Bezeichnungen zu einem, zu Zhu Long. Autorenkollege und Chinaexperte Alexander Knörr schrieb mir per Mail (4): »Später dann fand man in weiten Teilen Chinas ähnliche Grabbeigaben, die alle, wie auch der erste Fund, aus der Zeit der Hong Shan Kultur und deren Ablegern stammten (9.000 bis 6.000 Jahre alt).«

Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten?

Wikipedia schreibt (5): »Das in der Mythologie Chinas häufig vorkommende Wesen (Drachen!) ist, im Gegensatz zu den europäischen Drachen, eher mit einer Gottheit als mit einem (böswilligen) Dämon zu vergleichen.« 

Ein heute noch sehr beliebter Drachenkönigssohn hatte eine spezielle Aufgabe zu erledigen. Er war – und ist –  dafür zuständig, dass die Geldströme nicht versiegen und das Einkommen ständig wächst. In China sieht man ihn als Statuette in Restaurants und anderen Geschäften. Um sich den Drachenkönigssohn gewogen zu machen, legt man Münzen um diese Statuetten. Das soll das Einkommen des Spenders steigern. Chinaexperte und Buchautor Alexander Knörr (6): »Die Schildkröte steht im Chinesischen immer für langes Leben. Sie soll in diesem Fall dem Besitzer der Figur ein langes Leben schenken, und der Sohn des Drachenkönigs ein gutes Einkommen bescheren.«

Wer genau hinsieht, wird bei »meinem« »Schildkrötendrachen« Münzen und »Schiffchen« mit einer Kugel darin erkennen. Alexander Knörr erklärte mir (7): »Bei den Schiffchen handelt es sich um eine frühe Form des chinesischen Münzgeldes. Das sogenannte Barrengeld. Während man alle normalen Einkäufe mit den runden, eckigen oder schwertförmigen Cash-Münzen bezahlte (deswegen auch der Name Cash für Geld), nahm man für größere Anschaffungen kleine Silberbarren in dieser speziellen Form.«

Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen.

In der Welt der christlichen Symbolik haben Drachen wie die Schlange im Paradies eine negative Bedeutung, in der chinesischen Mythologie häufig eine positive. Wie sind die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu verstehen? »Paderborn.de« erklärt (9)»Das östliche Kapitell verfügt über den reichsten Schmuck. Das Tierkapitell zeigt acht Drachen mit geringeltem Hinterleib, Flügeln und einem kleinen Spitzbart am Kopf. Diese mythischen Drachen waren seit der Antike bis ins hohe Mittelalter Sinnbild für Naturkräfte, die hier vermutlich die Wasserquellen der Pader schützen sollten. Diese Schlangendrachen sind hier eine kunstgeschichtliche Kostbarkeit.«

Im Blog »Museum in der Kaiserpfalz« (10) lesen wir etwas anderes (11): »Um die Paderquellen ranken sich Sagen und Legenden, u. a. die der Wasserdrachen. Die Krypta in der Abdinghofkirche besitzt ein Tierkapitell mit acht Drachen, welche als Metapher für die heilende Kraft der Natur die Paderquellen beschützt haben sollen und den Quellkeller bewohnen.«

Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen.

Die Säule mit den acht Drachen befindet sich ganz in der Nähe des Altars. Sie ist, das ergab meine Messung, nur 1,80 Meter hoch. An allen vier Seiten der Bündelsäule befinden sich schmale Reliefstreifen (Breite jeweils etwa 50 cm, Höhe jeweils etwa 10 cm). Ganz eindeutig sind die acht Fabelwesen als Drachen zu erkennen. Geringfügige Beschädigungen stören den Gesamteindruck nicht. So sind einige kleine Risse auszumachen. Zu erkennen sind auch, wenn man genau hinschaut, kleine Ausbesserungen. So fehlen winzige Teile der Reliefs. Auch sind an manchen Stellen die Umrisse der Drachen nur noch zu erahnen, was meiner Meinung nach für ein sehr hohes Alter der Darstellungen spricht. Unverkennbar sind die spitzen Bärte der Drachen. Sollte es sich um männliche Drachen handeln? Betrachtet man die detailreichen in den Stein geritzten Zeichnungen sehr sorgsam, so erkennt man Hinweise auf »Schuppen«, passend zu reptilienhaften Drachen.

Sollten die Quellen von Paderborn in heidnischen Zeiten als heilsam gegolten haben? Gab es einst in Paderborn ein heidnisches Quellheiligtum? Der Sage nach (12) wurden die Quellen einst von keinem Geringeren als vom höchsten Gott der heidnischen Sachsen, von Wotan alias Odin, geschaffen. Übrigens: Es gibt eine seltsame Parallele zwischen Jesus und Wotan! Nach christlichem Glauben ließ sich Jesus kreuzigen und vollzog damit ein Selbstopfer. Nach christlichem Verständnis brachte sich Gott als letztes Opfer selbst dar. So wie Jesus am Kreuz hing, so hängte sich Odin alias Wotan an den. Weltenbaum Yggdrasil.

Im »Geschichtsforum« (13) lesen wir im Kapitel »Paderborner Ortsnamen« (14): »Es gibt einige sagenhafte Hinweise auf den Fund heidnischer Opfergaben und die Quelle unter dem Gebäude der Kaiserpfalz gilt als heilig. Aber die Analyse von Sagen und Märchen hat bekanntlich ergeben, dass so ziemlich jedes Gewässer in der/den westgermanischen Religion/en als Zugang zum Jenseits galt.«»Böse« Drachen im Christentum, »gute Drachen« bei den »Alten Chinesen«.

Und welche Bedeutung haben die acht Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche zu Paderborn?

Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz.

Fußnoten
(1) https://bundsanktmichael.org/kultur/ (Stand 1.10.2018)
(2) https://bundsanktmichael.org/kultur/symbole-und-zeichen/ (Stand: 1.10.2018)
(3)  Buch Hiob Kapitel 26, Vers 12
(4) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 18.5.2016, 6 Uhr 45. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Long_(Mythologie) (Stand: 1.10.2018)
(6) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 29.1.2016
20 Uhr 29. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(7) Email Alexander Knörr an Walter-Jörg Langbein, Datum: 12.5.2016, 15 Uhr 10. Ein herzliches Dankeschön geht an Alex für seine großzügige Hilfsbereitschaft!
(8) https://www.paderborn.de/index.php (Stand 1.10.2018)
(9) https://www.paderborn.de/tourismus-kultur/sehenswuerdigkeiten/Abdinghofkirche_Sehensw.php (Stand 1.10.2018) : »Abdinghofkirche St. Peter und Paul«, Stichwort »Krypta«
(10) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog
(11) https://www.kaiserpfalz-paderborn.de/blog/ganz-schoen-cool-der-unterirdische-quellkeller (Stand 1.10.2018)
(12) https://www.paderborn.de/veranstaltungen/events/sagen-legenden-erzaehlungen.php (Stand 1.10.2018)
(13) http://www.geschichtsforum.de/  (Stand 1.10.2018)
(14) http://www.geschichtsforum.de/thema/paderborner-ortsnamen.52493/ (Stand 1.10.2018)

Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz)

Zu den Fotos:
Foto 1: 2 Drachen in der Krypta der Abdinghofkirche. Foto/ Nachzeichnung Walter-Jörg Langbein
Foto 2: 2 der 8 Drachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Haben diese Drachen eine Aufgabe? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 4 und 5: Sollen sie erschrecken oder behüten? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Chinesischer Schildkrötendrachen mit Münzen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Der Schatz des Schildkrötendrachen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Quellwasser unter der Kaiserpfalz. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Quellwasser unter altem Gemäuer (Kaiserpfalz). Foto Walter-Jörg Langbein

464 »Drachen, Jungfrauen und ein himmlischer Fluss«,
Teil 464 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.12.2018



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Sonntag, 25. November 2018

462 »Mysteriöse Pflanzen und gefährliche Drachen«

Teil 462 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus

Betritt man die Krypta der Abdinghofkirche, so gewöhnen sich die Augen rasch an das diffuse Licht. Von der Decke hängen an jeweils vier Ketten Leuchterschalen. Friedrich Stuhlmüller, Goldschmied und Kirchenkünstler aus Hamburg (1), hat sie 1978 geschaffen. Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Sie zeigt den Kirchenmann im Ornat mit Mitra.

Der Bischof aus Stein blickt Richtung Altar. Säulen und Pfeiler tragen das Tonnengewölbe, unterteilen die überschaubare Krypta. Sie wird zu einem dreischiffigen Raum im frühromanischen Stil (Ende 10. Jahrhunderts bis um 1070). Die starken Säulen tragen den »Himmel« der Krypta seit über einem Jahrtausend. Die Bomben, die Paderborn in Schutt und Asche legten, konnten dem unterirdischen Raum unter der Abdinghofkirche nichts anhaben. Die Krypta überstand das Bombardement, anders als so mancher Bunker.

Langsam gewöhnen sich unsere Augen an das diffuse Licht. Der Raum wirkt größer als er ist. Seine Schlichtheit macht ihn irgendwie zeitlos. Sind 500 Jahre verstrichen, als die Krypta angelegt wurde oder 1000? Oder mehr? Irgendwie scheint der Lauf der Zeit bedeutungslos geworden zu sein, hier in der Unterwelt, nur wenige Meter vom Trubel, von der Hetze auf den Plätzen und Straßen. Den Lärm des Alltags haben wir hinter uns gelassen. Dem einen fällt es leichter, dem anderen schwerer, die Ruhe zuzulassen. So eine unterirdische Krypta ist da ein guter Lehrmeister.

Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche

Wir lassen die Ruhe auf uns wirken. Wir studieren die etwa in Augenhöhe angebrachten Verzierungen an den Säulenkapitellen. Einige sind nur geglättet worden. Vielleicht hatte man vor, Ornamentik anzubringen. An anderen Kapitellen erkennen wir immer wieder blattartige Muster. Es sind nicht nur Schmuckelemente, die mehr oder minder symmetrisch die Flächen füllen. Der großformatige Führer »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn« (2) spricht von »akanthusartige(r) Pflanzensymbolik«. Die Internetseite »Symbol Attribut Allegorie« führt aus (3) dass Akanthus-Blätter schon seit der Antike in Gebäuden als weit verbreitetes Motiv anzutreffen sind. Irgendwie gelangte das Symbol »Akanthusblatt« aus Griechenland nach Europa und wurde gern im sakralen Bereich eingesetzt (4) »und zwar bevorzugt für Kapitelle im Chor einer Kirche, denn dieser birgt die Reliquien der Heiligen, denen die Auferstehung verheißen ist«.

Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell

Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen

Bevor die Reliquien der Heiligen in den allgemein zugänglichen Bereich von christlichen Gotteshäusern gelangten, wurden sie in den Krypten verwahrt. So ruhte Bischof Meinwerk ursprünglich in seinem Sarkophag in der Krypta der Abdinghofkirche. Als das Abdinghofkloster anno 1803 aufgelöst wurde, brachte man die Reliquien Meinwerks in Sicherheit und transportierte den »Seligen« in seinem Sarkophag in die Busdorfkirche. Dort befindet er sich auch heute noch im »Hohen Chor«. Die Gebeine Meinwerks wurden 1936 im Dom zu Paderborn beigesetzt. Präziser: Geht man von der Krypta des Doms gen Westen, so gelangt man in den Vorraum zur Bischofsgruft. Dieser Vorraum wurde 1935 mit Mosaik ausgestaltet, zahlreiche christliche Symbole sind da zu sehen, von der Taube (»Heiliger Geist«) zum Kelch (»Abendmahl«).

F. 7: Meinwerks Grab
In der Mitte des in himmlischem Blau gehaltenen Vorraums zur Bischofsgruft wurden die Gebeine Bischof Meinwerks unter einer massiven steinernen Grabplatte beigesetzt. Es handelt sich bei dieser kunstvoll gestalteten Grabplatte um den Original-Deckel von Meinwerks Sarkophag.

Der Sarkophag selbst befindet sich heute in der Busdorfkirche von Paderborn: natürlich leer und abgedeckt mit einem schlichten Stein. Unter dem Dom zu Paderborn wartet »der selige Meinwere« auf die Auferstehung von den Toten.

Zum christlichen Auferstehungsglauben passt das Symbol des Akanthusblatts, das sich nicht nur an Säulenkapitellen in der Krypta der Abdinghofkirche findet, es ist auch am mysteriösen Paradiestor des Doms zu sehen. Die Akanthus-Pflanze ist im Mittelmeerraum beheimatet. Akanthus-Blätter zieren korinthische Säulenkapitelle etwa ab dem 5. Jahrhundert vor Christus. Wie gelangte das Blatt in christliche Baudenkmäler? Und wie wurde das Blatt zum Symbol für Auferstehung von den Toten?

»KUNSTDIREKT.NET« vermutet (4): »Akanthus: Die symbolische Bedeutung bezieht sich wahrscheinlich auf seine Stacheln; er zeigt an, daß eine schwierige Aufgabe vollendet gelöst wurde.« So kann man die Auferstehung von den Toten als schwierige Aufgabe verstehen, die vollendet gelöst werden muss, soll sie denn auch wirklich gelingen. Christlich ist diese Vorstellung allerdings nicht. Nach christlich-theologischem Weltbild kann der Mensch nur hoffen, dass er erlöst wird. Die Auferstehung wird ihm als ein Akt der Gnade geschenkt, selbst erarbeiten kann sich der Mensch nicht die Rückkehr aus dem Reich der Toten in das der Lebenden.

Foto 8: Christliches Symbol - der Pfau.

Christliches Symbol für die Auferstehung ist der Pfau, der im Vorraum zur Bischofsgruft im Dom zu Paderborn im kunstvollen Mosaik verewigt wurde. Ein stolzer Pfau blickt auf die letzte Ruhestätte Bischof Meinwerks herab. Christlichen Ursprungs ist der Pfau als Symbol aber nicht. Schon im »Alten Griechenland« hatte er religiöse Bedeutung. Er war der Göttin Juno heilig und wurde wegen seines Rades aus Federn, das der männliche Hahn schlägt, als Sonnensymbol angesehen. Die christliche Interpretation als Symbol für die Auferstehung geht auf den älteren Plinius (* 23 oder 24; † 25. August 79) zurück, der einst beschrieb, wie der Pfau im Herbst seine Federn verliert, die ihm im Frühjahr wieder wachsen. Gerd Heinz-Mohr schreibt in seinem »Lexikon der Symbole« (5): »Hier erblickten die Christen ein Symbol der Auferstehung des Leibes. Dazu kam die Erklärung des Kirchenvaters Augustinus, daß das Fleisch des Pfau unverweslich sei. In diesem doppelten Bezug stehen die überaus zahlreichen Darstellungen des Pfau auf Katakombenfresken, Sarkophagen, Reliefplatten, Grabstelen, Epitaphien, Mosaiken.«

Wir stehen vor dem Altar in der Krypta und blicken zur originalgetreuen Kopie von Bischof Meinwerks Grabplatte, die auf der anderen Seite des unterirdischen Raums an der Mauer steht. Direkt vor uns: die erste Reihe mit Kirchenbänken. Links von uns: die interessanteste Säule in der Krypta der Abdinghofkirche. Wir interessieren uns für das Kapitell dieser einen Säule. Je zwei Drachen befinden sich an jeder der vier Seiten des Säulenkapitells (Kapitell, abgeleitet vom lateinischen »capitellum«, zu Deutsch Köpfchen). Drachen in einer christlichen Kirche entsprechen so gar nicht dem christlichen Verständnis! Denken wir an den Heiligen Georg, der in unzähligen Kathedralen, Domen und Kapellen als wackerer Drachentöter dargestellt wird. Denken wir an den Erzengel Michael, der sich wie St. Georg als Drachentöter hervortat. Unverkennbar: der Drache gilt da als Symbol des Heidentums, der teuflischen Gefährdung, also als böse.

Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell.

Christliche Heilige scheinen so manchen Drachen dahingemetzelt zu haben. Die Heilige Margareta von Antiochien (*unbekannt; † um 305 n.Chr.) war eine der wenigen weiblichen Drachentöter. Die Jungfrau und Märtyrerin rückte ihrem Drachen freilich nicht mit einem Schwert oder Spieß zuleibe wie ihre männlichen Kollegen. Sie ließ sich von so einem Untier verschlingen, machte das Kreuzzeichen im Inneren des Monsters, das daraufhin zerplatzte. Die Heilige Margareta überstand die blutige Prozedur im Gegensatz zum Drachen gänzlich unversehrt.

Margareta ließ sich nicht vom christlichen Glauben abbringen. Lieber wollte sie sterben. Sie wurde, wie einige Legenden überliefern, aufs Grausamste gefoltert und blieb dennoch standhaft, bevor sie Als Märtyrerin starb. Auf diese Weise überzeugte sie zahlreiche Heiden von ihrem Glauben. Sie ließen sich ebenfalls taufen, wurden Christen.

Wir müssen uns fragen: Wieso finden sich dann in der Krypta, also dem ursprünglich Allerheiligsten, wo die Reliquien der Heiligen ruhten, gleich acht Drachen, an den vier Seiten eines Säulenkapitells sichtbar für alle angebracht?

Foto 11: Die Abdinghofkirche
Am ehesten lassen sich die Drachen in der Krypta meiner Meinung nach mit Schlangendrachen in sumerischen Darstellungen vergleichen, die bereits Ende des vierten vorchristlichen Jahrtausends v.Chr. auftauchen. Es sind lokale Götter, die im dritten Jahrtausend v.Chr. in mesopotamischen Texten als Drachentöter beschrieben werden. Fazit: Götter wie Helden töteten Drachen, schon Jahrtausende vor Entstehung der biblischen Texte.

Die Verfasser des apokryphen »Evangeliums des Pseudo-Matthäus« waren offensichtlich enttäuscht vom Evangelium nach Matthäus, fällt doch die Schilderung der Flucht von Maria und Joseph nebst Baby nach Ägypten recht knapp aus. Was mochte sich auf der Flucht nach Ägypten abgespielt haben? Und siehe da: Der apokryphe Text ist sehr viel ausführlicher und inhaltsreicher. Es kam demnach zu einer dramatischen Begegnung mit gefährlichen Drachen. Maria und Josef mit dem Jesusbaby und drei weitere Knaben sowie ein Mädchen suchten auf der gefährlichen Reise Unterschlupf in einer Höhle. Auf einmal (7) »krochen mehrere Drachen hervor, und bei ihrem Anblick schrien die Kinder laut vor Entsetzen. Da sprang Jesus von Marias Schoß und richtete sich auf vor den Drachen, die aber beteten ihn an.« Auch hier gelten Drachen als gefährlich, aber sie unterwerfen sich dem Jesus-Baby.

Niemand vermag zu sagen, wieso an einem Säulenkapitell in der Krypta der Abdinghofkirche viermal zwei, also acht Drachen zu sehen sind. Und nirgendwo ist dokumentiert, was diese Drachen zu bedeuten haben!

Fußnoten
(1) Die Lebensdaten von Friedrich Stuhlmüller konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen. Er soll bis in die 1980er Jahre ein Atelier in Hamburg geführt haben. Kunstobjekte Stuhlmüllers erfreuen sich bei Sammlern großer Beliebtheit.
(2) Ev:-Lutherische Kirchengemeinde Paderborn/ Pfarrer Dr. Eckehard Düker (Hrsg.): »Die evangelische Abdinghofkirche in Paderborn«, Paderborn 2011, keine Seitenzählung.
(3) http://baseportal.de/cgi-bin/baseportal.pl?htx=/Peter_Eckardt/Symbole&_fullsearch~~franz+otto+erich+k%FChl+geb.+am+14.09.1904&fullsearch_range=259,500000
(4) http://www.kunstdirekt.net/Symbole/symbole/sonstige.htm Stichwort »Akanthus« (Stand 23.09.2018)
(5) Heinz-Mohr, Gerd: »Lexikon der Symbole«, Stichwort »Der Pfau«, München 1988, S. 236 f. (Hinweis Rechtschreibung wurde nicht der Rechtschreibreform angepasst!)
(6) Daniel-Rops, Henri: »Die apokryphen Evangelien des Neuen Testaments«, Zürich 1952, S. 51-63
(7) ebenda, S. 59 ff.

Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta

Zu den Fotos
Foto 1: Blick in die Krypta vom Altar aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Mysteriöse Krypta unter der Kirche. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Akantusblätter an einem Säulenkapitell.Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Akantusblätter an zwei Kapitellen. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Meinwerks Grab. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Pfau - christliches Symbol für Auferstehung von den Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9 und 10: Drachen an einem Säulenkapitell. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Abdinghofkirche hat so manches Geheimnis. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Akanthusblätter in der Krypta. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 13: Drachenmotiv nach einem Fund in Worms. Rekonstruktion und Fotomontage Walter-Jörg Langbein

Foto 13: Drachenmotiv, nach einem Fund in Worms

463 »Böse Drachen, gute Drachen«,
Teil 463 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.12.2018


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Sonntag, 2. April 2017

376 »Ochs‘ und Esel und das Blut des Pelikans«

Teil  376 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Freiburger Münster
Auf meinen Reisen im In- und Ausland begegneten mir immer wieder religiöse Darstellungen in Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Oft zierten sie den Eingangsbereich von Gotteshäusern aus alten Zeiten. Immer wieder bekam ich zu hören: »Diese Bildwerke waren für Menschen gedacht, die des Lesens unkundig waren. Ihnen sollte auf dem Weg der bildlichen Darstellung der christliche Glaube vermittelt werden!«

Diese Erklärungen leuchten natürlich ein. Freilich erschließt sich die Bedeutung steinerner Reliefs oder hölzerner Schnitzwerke nicht ohne weiteres von selbst. Man muss die Geschichten kennen, die dargestellt werden. Dann – und nur dann – weiß man zum Beispiel mit dem Tympanon über dem Haupteingang zum Münster von Freiburg etwas anzufangen.

Wenn da Ochs und Esel im Stall zu sehen sind, wie sie andächtig Heu fressen, während eine Frau auf einer Bettstatt liegend ein Baby liebkost, dann verstehen wir, worum es da geht: Um die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Wir erkennen das künstlerisch schön gestaltete Szenario in seiner Bedeutung, weil wir die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem kennen. Wäre sie uns unbekannt, so könnten wir mit der Bildergeschichte nichts anfangen. Mit Fantasie könnten wir sogar ganz unterschiedliche Aussagen hineininterpretieren.

Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon
Wir kennen die christliche Vorstellung, dass auf jeden Mensch nach seinem Tode das »jüngste Gericht« wartet. Die Guten gelangen in den Himmel, die Bösen kommen in die Hölle. Betrachten wir nun das Tympanon von Freiburg, so wissen wir, was da geschieht: Zur rechten Seite von Jesus schleppt ein Teufel Menschen an einer schweren Eisenkette in den Höllenschlund, das sind die Sünder, die für ihre Untaten büßen müssen. Denen zur rechten Seite Jesu geht es viel besser, das sind die Gerechten. Es müssen die Gerechten sein, sagt uns unser Wissen. Zufrieden sehen sie aus, in der Erwartung auf Belohnung für ein gutes Leben nach den Regeln des christlichen Glaubens.

In Cuzco zeigte mir ein Geistlicher den »Nebenraum« einer alten Kirche. Da verstaubte ein Ölgemälde von bemerkenswerten Ausmaßen vor sich hin. Zwei mal drei Meter mag es gemessen haben. Große Teile des Bildes waren unter einer Schmutzschicht nicht einmal mehr zu erahnen. Andere Partien hatte man »gereinigt«, so dass wieder einiges zu erkennen war. In der Mitte stand eine Art Kreuz. Zur linken Seite des »Kreuzes« hingen Menschen aufgehängt an den Ästen eines weit ausladenden Baumes. Zur rechten Seite hingegen hatte sich eine ganz andere Schar Menschen versammelt. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen auf der anderen Seite, die in Lumpen gehüllt waren, trugen sie sehr saubere, ordentliche Kleidung und sprachen fast  wie im »Schlaraffenland« allen möglichen Speisen zu.

Foto 3: Unterwegs in Cuzco
Was aber zeigte mir das Gemälde? Das »Jüngste Gericht« etwa, die Bestrafung der Sünder und Belohnung der Guten? Spielte das Geschehen im Jenseits, nach dem Tode, oder doch im Diesseits? Waren es auf der einen Seite die Inkas, die sich den Spaniern widersetzten und dafür aufgehängt wurden? Sollten dann die Menschen auf der anderen Seite die im Überfluss lebenden Inkas sein, die ihren Widerstand gegen die Eroberer aus Europa aufgegeben hatten und entsprechend belohnt wurden? Mit einem Geistlichen unterhielt ich mich kurz über das Werk. Es schien ihm Spaß zu machen. Mich zu irritieren. Dargestellt wurde womöglich etwas ganz anderes. Aber was? Schmunzelnd bot der Geistliche eine kurios anmutende Variante: »Das Geschehen spielt auf einem Kontinent, bevor er im Meer versank. Die Menschen hassten einander. Die einen lebten im Überfluss und stopften sich Taschen und Mäuler voll. Die anderen lebten in Armut und wurden für selbst kleine Vergehen mit dem Tode bestraft.«

Was mir das Gespräch mit dem Geistlichen von Cuzco verdeutlichte? Bilder ohne Worte können oft nicht nur auf eine Weise interpretiert werden. Ein Maler mag eine ganz bestimmte Aussage im Sinn gehabt haben, als er sein Werk schuf. Wer das Bild aber betrachtet, ist auf seine Fantasie angewiesen. Er erkennt, was er zu kennen meint.

Foto 4: Der Engel mit der Waage
Wenden wir uns wieder dem Tympanon in der Turmvorhalle zu. Wir picken uns eine kleine Szene heraus. Da stehen zwei Gestalten. Der eine ist unschwer als Engel zu erkennen. Er hält eine Waage. In der einen Waagschale sitzt ein Kind. In der anderen hockt ein kleines Wesen. Das Kind ist schwerer als das Wesen auf der anderen Seite, sinkt nach unten, ist also schwerer. Das Wesen ist offenbar leichter, freilich hängt sich ein Teufel an seine Waagschale und versucht, sie nach unten zu ziehen. Was ist dargestellt? Ein Engel entscheidet, ob eine Seele in den Himmel oder in die Hölle kommt. Wer als zu leicht befunden wird, hat verloren. Geht es um das »schwere Kind«, um die Seele eines Menschen? Sitzt in der anderen Waagschale ein Teufel, zerrt ein zweiter Teufel an der Waage, weil er die Seele des Kindes für sich beansprucht? Rechts neben der Waage steht ein Teufel, der zum Engel blickt. Warum faltet der Teufel die Hände wie zum Gebet?

Foto 5: Blick auf das Tympanon
Guido Linke ist Kunsthistoriker. Er lebt in Freiburg. Sein Spezialgebiet ist die historische Bauforschung.  Er kann sich kompetent zum Tympanon äußern. Ich darf zitieren (1):

»In der Mitte des Streifens ist der Erzengel Michael bei der Seelenwägung zu sehen (Foto 4). In einer Waagschale sieht man ein Menschlein, während zwei Teufelchen die andere Schale herabzusenken versuchen. Daneben steht der ob seiner zusammengelegten Hände fälschlich so genannte ›betende Teufel‹. Tatsächlich betet er nicht, er ringt die Hände, da er sieht, dass die Waagschale sich zum Guten neigt und ihm diese Seele wohl entkommen wird.«

Die Turmvorhalle des Freiburger Münsters bietet im Tympanon eine Folge von Szenen in mehreren Etagen, wobei wir die Bedeutung der meisten Bilder zu kennen meinen. Aber liegen wir mit unserer Voreingenommenheit richtig? Oder interpretieren wir in die Darstellungen hinein, was wie für richtig halten? Könnte es sein, dass die Künstler der Gotik da und dort ganz andere Vorstellungen hatten? Weil die einzelnen Teilszenen oftmals förmlich ineinander übergehen und zudem auch nicht chronologisch geordnet sind, können wir uns durchaus auch täuschen!

Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«

Im Zentrum steht das Kreuz. Es ist kaum größer als Jesus, der Gemarterte. Und es ist ganz anders gestaltet als wir das sonst aus Kirchen kennen. Der senkrecht stehende Balken ist nicht zu sehen, wird vom Körper Jesu verdeckt. Der sonst waagrecht angebrachte Querbalken erinnert an eine Irminsul, also an einen Lebensbaum. Es kommt mir so vor, als habe man Jesus an einem Baum gekreuzigt, die Arme an zwei massive Äste genagelt. Ich meine, man sieht zahlreiche Ansätze von kleinen Ästen und Zweigen, die man abgesägt hat. Über dem Haupt Jesu ist etwas auszumachen. Vor Ort in Freiburg hielt ich es für die Dornenkrone Jesu. Beim Betrachten meiner Fotos erkenne ich aber, dass es sich bei dem goldenen Flechtwerk um ein Vogelnest handelt. Ganz klar sind zwei Jungvögel im Nest zu sehen, darüber könnte ein großer Vogel verewigt worden sein.

Foto 7: Jesus und das Nest
Guido Linke erklärt (2): »Der Gekreuzigte überragt die Beistehenden und sprengt die Streifenordnung des Tympanons. Der Schädel Adams zu seinen Füßen zeigt ihn als Überwinder des Todes. Auf dem oberen Ende des Kreuzes, das mit Astansätzen als Lebensbaum gestaltet ist, sieht man ein Vogelnest. Hier wird die mittelalterliche Tierfabel vom Pelikan als christologisches Symbol eingesetzt. Nach dem Lehrbuch des Physiologus erweckt der Vogel seine toten Jungen mit seinem Blut zum Leben, indem er sich die Brust aufreißt. Ebenso habe Christus am Kreuz durch das Opfer seines Blutes für die Menschheit den Tod überwunden.«

Tatsächlich gibt es mittelalterliche Legenden, die in ihren Aussagen voneinander abweichen. Da heißt es zum Beispiel, dass »Mutter Pelikan« sich die eigene Brust aufriss, um ihre Jungen mit ihrem Blut zu füttern, sobald sie keine Nahrung mehr für die Kleinen finden konnte. Da heißt es aber auch, dass »Mutter Pelikan« mit ihrem Blut ihre toten Jungen zu neuem Leben erwecken konnte. In der christlichen Symbolik wurde Jesus zum Pelikan, der sich opfert, um die Toten aus dem Totenreich ins Leben zu holen.

Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut
In Cuzco erklärte mir »mein« Geistlicher, das Kreuz des Christentums sei vergleichbar mit einem wichtigen Maya-Symbol. Es stehe für die Unterwelt (Reich der Toten), die Welt der Lebenden und den Himmel.  Es wurzelt in der Unterwelt, Stamm und Querbalken symbolisierten die Welt in der wir leben und der darüber hinausragende senkrechte Teil verweise auf den Himmel. Ich musste an Exkursionen ins Land der Mayas denken. Auf Reisen erfuhr ich lebhafter und mehr als aus Büchern über die alte Mythologie der Mayas (3). Wichtig war ihnen der Ceibabaum. Die Maya von Yucatán verstanden ihn als Weltachse. Seine Wurzeln, die sich tief ins Erdreich graben, versinnbildlichten die Unterwelt, sein mächtiger Stamm entspricht der Welt der Lebenden und seine Krone dem Himmel. Dieses kosmische Symbol erkenne ich auch in alten Gotteshäusern des Christentums: Die Krypta steht für die Unterwelt, das Reich der Toten, das Kirchenschiff mit den Gläubigen bildet die Welt der Lebenden ab und der Turm ragt in den Himmel.

So können christliche Symbole und Bilder weit über die Grenzen einer Konfession hinaus gedeutet und verstanden werden. Die Frage ist nur, ob die Vertreter aller Religionen dazu bereit sind, die Gemeinsamkeit mit anderen Religionen zu sehen. Das könnte zu einer Verständigung zwischen den Religionen führen. Aber ist eine solche Verständigung überhaupt erwünscht? Da habe ich meine Zweifel. Gerade in unseren Tagen sieht es ganz so aus, als ob sich – speziell im Islam – radikalere Interpretationen durchsetzen, die die eigene Sichtweise zur allein gültigen erklären.


Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt

Fußnoten
1) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 29, rechte Spalte unten und Seite 30, linke
     Spalte oben
2) ebenda, Seite 31, linke Spalte oben
3) Siehe hierzu Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/
     Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994

Zu den Fotos
Foto 1:  Das Freiburger Münster - Turm. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Unterwegs in Cuzco. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4 Der Engel mit der Waage. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick auf das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Jesus und das Nest. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«


377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem«,
Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 09.04.2017


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Sonntag, 25. Dezember 2016

362 »Monster in alten Kirchen«

Teil  362 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein    
                  

Foto 1: Hoch oben im Hamelner Münster ...

Monstermauern wurden weltweit errichtet, und das schon in grauer Vorzeit. Monstermauern wurden in unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten gebaut, und das häufig mit schier unglaublicher Präzision. Tonnenschwere Kolosse wurden mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit millimetergenau aufeinander und ineinander gefügt. Manchmal sind die Fugen zwischen den Steinriesen kaum zu erkennen und so eng, dass selbst eine Rasierklinge nicht dazwischen passt. Wurden zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen immer wieder die gleichen Techniken entwickelt? Wir wissen nicht wirklich, wie gigantische Steinmonster bewegt, bearbeitet, angehoben und ineinander gefügt wurden. Primitiv waren unsere Altvorderen jedenfalls nicht.


Fotos 2 und 3: Fabelwesen im Hamelner Münster

Monsterwesen findet man auf Jahrtausende alten Steinreliefs in fremden Ländern und Kulturen, aber auch bei uns vor der sprichwörtlichen Haustür, wo man sie eigentlich nicht erwartet: in zahlreichen alten Kirchen! Es gibt sie, und man kann sie auch entdecken, so man sie denn auch sucht. Häufig sind sie hoch oben an Säulenkapitellen angebracht, mehr oder minder versteckt vor den Augen der damaligen Menschen. Mit einem guten Teleobjektiv kann man sie aber zum Beispiel im Hamelner  Dom  studieren. Dann staunt man über das wilde Getier, das da – saurierartig – auf Leben und Tod miteinander kämpft.

Foto 4: Die Krypta vom Dom zu Paderborn

Warum wurden hoch oben auf den Säulenkapitellen vom Hamelner Münster derlei Monsterwesen verewigt? In der Krypta des Doms von Paderborn findet sich im Schnitzwerk nicht minder Mysteriöses. Da gibt es zum Beispiel einen Drachen (Foto 5!). Macht er sich für einen Angriff bereit? Oder versucht er, sich für einen größeren Feind so gut es geht unsichtbar zu machen? Die Kreatur kauert geduckt, den Kopf gesenkt, die spitzen Zähne im Maul machen einen gefährlichen Eindruck. Ist dieses Wesen der Fantasie des unbekannten Künstlers entsprungen?

Foto 5: Ein lauernder Drachen in der Krypta

Ein anderes Schnitzwerk (Foto 6) zeigt eine irdischere Szene. Findet da so etwas wie ein Hahnenkampf statt? Hähne von »Bauer Müllers« Hof sind das aber nicht. Es sind irgendwelche kämpferisch veranlagte Vogel-Fabelwesen. Derlei mysteriöse Kreaturen treten seit Jahrtausenden auf unserem Planeten auf, in Stein gemeißelt, in Holz geschnitzt, von München bis Mexico. Natürlich kann man sie alle christlich interpretieren. Quetzalcoatl, der vom Himmel steigt und wieder in den Himmel verschwindet, hat frappierende Ähnlichkeit mit einem Messias, der vom Himmel hoch kam und sich wieder in den Himmel zurück aufmachte. Christliche Interpreten werden auf einen solchen Vergleich mit Empörung reagieren. Das ändert aber nichts daran, dass es schon lange vor der islamischen, christlichen, ja auch vor der jüdischen Zeit Messiasgestalten gab. Sie alle kamen aus dem Himmel, entschwanden wieder im Himmel und versprachen, dereinst wieder auf die Erde zurück zu kommen.

Foto 6: Ein »Hahnenkampf«?

Spätestens seit Erich von Däniken wissen wir, dass derlei »Messiasse« schlicht und einfach kosmische Besucher gewesen sein können, die unsere Vorfahren besuchten, die irgendwann ihre kosmische Reise fortsetzten, nicht ohne ihre Wiederkehr anzukündigen.

Foto 7: »Katze« zwischen »Salamandern«?

Kehren wir in die Unterwelt der Krypta des Paderborner Doms zurück. Ein weiteres Schnitzwerk (Foto 7!) zeigt in der Mitte ein katzenartiges Wesen, rechts und links davon schlängeln und ringeln sich zwei Salamander (?) oder Schlangen mit Beinen. Beide »Reptilien« attackieren den »Tiger«. Sie beißen von rechts und links das Katzentier. Natürlich gibt es ein schönes Zauberwort zur Erklärung: »allegorische Darstellung«. Das Etikett »Allegorie« ist schnell zur Hand, sobald es gilt, geheimnisvolle Darstellungen zu erklären. Freilich werden auf diese Weise oft Fragen nicht beantwortet, sondern Antworten vermieden. Sobald man ein kurioses Kunstwerk nicht erklären kann, hilft die Etikettierung »Allegorie« über die Notwendigkeit, wirklich nach einer Bedeutung zu suchen, hinweg.

Regelrecht wild geht es auf einem anderen geschnitzten Szenebild in Holz zu. Beim genaueren Hinschauen machen wir gleich sechs kämpfende Wesen aus. Die sechs sind dermaßen ineinander verschlungen. Mir ging es jedenfalls so, dass ich gar nicht so leicht erkennen konnte, wie viele Wesen da im Knäuel der Leiber auszumachen sind. Welche Flügel gehören zu welcher Kreatur gehören? Welcher Kopf gehört zu welchem Leib?

Fotos 8a und 8b: 6 »Monster« an der Kirchenbank

Mischwesen wie ägyptische Sphingen sind meist unschwer zu definieren. Da sitzt zum Beispiel ein menschliches Haupt auf dem Leib eines Tieres. Mischwesen sind in der Regel Mixturen aus verschiedenen real existierenden Lebewesen. Beim Anblick dieses Getümmels von sechs Kreaturen habe ich so meine Schwierigkeiten. Was sind da für Tiere involviert?

Wir alle kennen die Kraft der Fantasie. Man muss nur in den bewölkten Himmel blicken, und schon formieren sich Wilken zu Landschaften oder Gesichtern. Wir bilden aus zufälligen Anordnungen von Wolken konkrete Bilder, die so freilich nur in unserer Vorstellung existieren. Im Fall der Schnitzereien an den Bankenden in der Krypta des Doms zu Paderborn verhält es sich anders. Da sind wirklich von Menschenhand geschaffene Darstellungen von Wesen. Und doch wirkt auch hier unsere Fantasie beim »Erkennen« mit. Wir wissen: Da (Fotos 08a und 08b) wurden Lebewesen verewigt. Was aber wollte der unbekannte Künstler konkret darstellen?

Foto 8c: »Monstersuchbild« an der Kirchenbank

Zentral im Getümmel (Foto 8c!) gelegen ist das Gesicht eines Hominiden, vielleicht eines Affen (Nr.1). Vorne links könnte so etwas wie ein schlecht gelauntes Schwein vom Betrachter aus gesehen nach links blicken. Erkennen wir einen Rüssel? Bei Nr. 3 bietet sich der Vergleich mit einem Hund oder Wolf an.

Auf einem Schlangenleib sitzt ein Tierkopf (Nr. 4). Aber: Was für ein Tier bekam da einen so unpassenden Leib verpasst? Nr. 5 ist noch schwerer einzuschätzen. Hat dieses Wesen nur eine etwas seltsam geformte Nase? Oder ist das ein Schnabel, der nicht so recht zum Gesicht zu passen scheint? Mächtige gefiederte Schwingen verdecken den Leib des Tieres. Wenn es ein vogelartiges Tier sein sollte, das da ins dunkle Holz geschnitzt wurde, macht der Schnabel durchaus Sinn. Zu guter Letzt: Nr.6 hat wiederum Schwingen aufzuweisen.

Bleiben wir kritisch uns selbst gegenüber! Sobald wir uns konkret bestimmte Tiere vorstellen, meinen wir immer mehr Merkmale zu sehen, die just zu unserer Vorstellung passen. Wir sehen, was wir sehen wollen. Experimentieren wir also mit unserer Fantasie. Dann »verändern« sich vor unseren Augen die Tiere, aus einem Schnabel mag ein weit geöffneter Rachen werden, aus dem Kopf einer Echse der eines Vogels.

Margarete Niggemeyer hat einen vorzüglichen Führer zu einer Vielzahl von geheimnisvollen Kreaturen im Paderborner Dom verfasst. »Lob der Schöpfung – Die Tier- und Pflanzenwelt im Hohen Dom zu Paderborn« heißt das empfehlenswerte Werk (1). Leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich. Für alle, die das Rätselhafte im Dom zu Paderborn suchen, ist das wichtige Werk der ideale Führer. Unter der Zwischenüberschrift »Fabelwesen an Bänken« schreibt die Autorin (2): »In der Krypta schmücken vielfach Fabeltiere als Ornament die Bankenden. … Diese Fabelwesen verschlingen sich gegenseitig, ihre Köpfe legen sie aneinander, bedecken mit ihren Flügeln den Körper oder stoßen mit ihren Schnäbeln aneinander. Andere wiederum verschlingen ein schlangenartiges Tier.«

Fotos 9 und 10: Teufel im Drogenrausch und springender Drachen

Die Krypta unter dem Dom ist als Ort der Stille und des Gebets gedacht. Natürlich habe ich beim Studium der Schnitzwerke Rücksicht auf Gläubige genommen. Fotografiert habe ich – ohne Blitz – nur, wenn ich allein in der Krypta war. So verbrachte ich manche Stunde im Raum unter dem Dom, der vor einem Jahrtausend vielleicht Reliquienschreine enthielt.

Margarete Niggemeyer macht uns auf noch eine Besonderheit aufmerksam (3): »Die Holztür vor den Orgelpfeifen in der Krypta ist ebenfalls mit Fabelwesen geschmückt.« Es sind zwei Darstellungen in die hölzernen Türen eingefügt worden (Fotos 9 und 10!), die an Laubsägearbeiten erinnern. Ein Teufel sitzt da, das Haupt geneigt, an einer Pflanze saugend. Ob er auf diese Weise ein natürliches Rauschmittel konsumiert? Teile des Teufels sind offenbar abgebrochen. Ich meine aber ein typisches Teufelsmerkmal erkennen zu können, den Bocksfuß.

Daneben ist ein munteres Fabelwesen unterwegs, eine Art Sphinx mit Drachenkopf und dem Leib eines Pferdes. Zacken am Hals des Tieres erinnern an Saurierdarstellungen.

Foto 11: Favelwesen im Handlauf

Besonders leicht übersehen wird am Handlauf der Treppe, die die Unterwelt der Krypta mit dem Kirchenschiff verbindet – natürlich ein Fabelwesen… Fazit: Fabelwesen allenthalten. Was aber mögen sie bedeuten? Sind es die berühmt-berüchtigten Allegorien? Wir fragen uns, wann ein bestimmtes Kunstwerk geschaffen wurde. Wichtiger aber scheint mir aber, wann geheimnisvolle Motive zum ersten Mal aufgetaucht sind und in welcher Form sie über die Jahrhunderte hinweg immer wieder zum Einsatz kamen. Frappierend ist es meiner Meinung nach, dass Drachen- und Monstermotive weltweit in unterschiedlichsten Kulturen zu unterschiedlichsten Zeiten in unterschiedlichsten Ländern auftauchen. Wer hat den Urdrachen wann und wo erfunden?

Foto 12: Raum der Stille, Raum des Gebets

Fußnoten

1) Margarete Niggemeyer: »Lob der Schöpfung – Die Tier- und Pflanzenwelt im Hohen Dom zu Paderborn«, Paderborn 2011
2) ebenda, S. 29 rechts unten
3) ebenda

Zu den Fotos
Foto 1: Hoch oben im Hamelner Münster ...
Fotos 2 und 3: Fabelwesen im Hamelner Münster
Foto 4: Die Krypta vom Dom zu Paderborn
Foto 5: Ein lauernder Drachen in der Krypta
Foto 6: Ein »Hahnenkampf«?
Foto 7: »Katze« zwischen »Salamandern«?
Fotos 8a und 8b: 6 »Monster« an der Kirchenbank
Foto 8c: »Monstersuchbild« an der Kirchenbank
Fotos 9 und 10: Teufel im Drogenrausch und springender Drachen
Foto 11: Fabelwesen im Handlauf
Foto 12: Raum der Stille, Raum des Gebets

363 »Übergang zur Anderswelt«,
Teil  363 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.01.2017


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Sonntag, 18. Dezember 2016

361 »Gargoylen und Monster in der Unterwelt«

Teil  361 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Fotos 1 und 2: Gorgoylen am Dom zu Bamberg

Sie begegneten mir auf meinen Reisen immer wieder: Monströse Gargoylen, in Stein verewigte mysteriöse Kreaturen, die aus großer Höhe auf uns Menschen herabblicken. Und das seit vielen Jahrhunderten. Christliche Dome und Kathedralen tragen sie in luftiger Höhe womöglich schon seit einem Jahrtausend. Auf heidnischen Tempeldächern sollen sie schon vor Jahrtausenden gehaust haben. Sie inspirierten die Macher von Walt Disney zu einer Fernsehserie, von der in den 1990ern mehrere Staffeln produziert wurden. Deutscher Titel der Reihe: »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit«.

In der gruseligen Fantasiewelt waren Gargoylen lebende Kreaturen, die tagsüber zu Stein erstarren. Tagsüber waren sie bewegungsunfähig, schutzlos ihren Feinden ausgeliefert. Erst nach Einbruch der Dunkelheit konnten sie zum Leben erwachen und auf mächtigen Schwingen zu den Menschen kommen. Die aber hießen sie nicht willkommen, verachteten und fürchteten sie wegen ihres Aussehens.  Dabei waren die Film-Gargoylen mächtige, höchst intelligente Flügelwesen, die als ein ehrbarer schottischer Clan die Menschen beschützen. In  der Fernsehserie erwachen die Geflügelten anno 1994 wieder in der für sie mehr als befremdlichen Welt des modernen New York. Seit fast fünf Jahrzehnten bieten uns Horrorfilme wie »Gargoyles« (1972), »Gargoyles – Flügel des Grauens« (2004) und »Reign of the Gargoyles« (2007) Gargoylen als grässliche Kreaturen an.

Fotos 3 und 4: Monster starren herab?

Die steinernen Gargoylen der Realität werden von so manchem Zeitgenossen heute übersehen. Selbst emsige Besucher christlicher Gotteshäuser nehmen sie oft gar nicht wahr. Dabei hocken sie hoch oben und erfüllten vordergründig einen recht profanen Zweck: Vor einem Jahrtausend gab es keine Dachrinnen mit Fallrohren, so wie wir das heute kennen. Regenwasser gefährdete das Mauerwerk der großen Sakralbauten. Um das Wasser erst gar nicht eindringen zu lassen, leitete man es zu den Gargoylen, die es in weitem Bogen vom Dach weg spien. Warum aber gestaltete man die Gargoylen besonders gern und häufig als monströse, furchteinflößende Wesen? Man wollte, um ein Sprichwort leicht abzuwandeln, den Teufel mit Beelzebub nicht aus, sondern vertreiben.

Foto 5: Monster oder Menschenfreund?

Die Fernsehserie »Gargoyles – Auf den Schwingen der Gerechtigkeit« nimmt ihren Ausgangspunkt im späten 10. Jahrhundert. In der Realität jener Zeit herrschte im christlichen Europa große Furcht vor Dämonen. Noch in der Epoche der Gotik (12. Jahrhundert bis etwa 1500) lebten böse Dämonen im Volksglauben fort. »Bavaria Antiqua« schreibt über »Heilige und Dämonen« (1): »Zu einfach wäre es, würde man nun glauben, daß mit der Gotik die Furcht vor den Dämonen insgesamt gewichen sei. Solch tief eingewurzelten Vorstellungen konnten und sollten nicht ausgerottet werden; sie blieben wirksam, wenn auch mit verminderter Intensität.«

Foto 6: Blick in die Krypta des Doms von Paderborn

Die Menschen fühlten sich von Dämonen bedroht. Derlei Ängste wurden wohl gern von Predigern gemehrt und genährt, die zugleich auch Schutz vor den bösartigen Mächten versprachen. Sicherheit vor der angeblich allgegenwärtigen Gefahr würde die Kirche bieten, speziell natürlich in den Gotteshäusern. Freilich würden die schrecklichen Wesen versuchen, den Menschen in die Kirchen zu folgen. Wie konnte man nun die sakralen Schutzräume dämonenfrei halten? Achim Hubel gibt in »Heilige und Dämonen« die Antwort (2):

Foto 7: Monströses Schnitzwerk?

»Nach wie vor hatten die dämonischen Fabelwesen ihre apotropäische, das heißt abwehrende Bedeutung, die allen bösen Geistern das Betreten des Kirchenraums unmöglich machen sollte. Diese Aufgabe kam den Wasserspeiern zu, die beim Regensburger Dom wie bei allen gotischen Kathedralen an den Obergeschossen nebeneinander gereiht sind.«  Die steinernen Monster sollten also andere monströse Dämonen daran hindern, den Gottesdienstbesuchern Leid zuzufügen. Die Gargoylen. Und gleichzeitig dienten sie im wahrsten Sinne des Wortes der Kirche, nämlich als besiegte, unterworfene Dämonen müssen sie das Mauerwerk der Gotteshäuser schützen und Wasser vom Mauerwerk weg speien. So werden sie gezwungen, die Kirchen zu schützen, die sie am liebsten zerstört hätten.

Fotos 8 und 9: Monströses in der Krypta von Paderborn

»Der Kölner Dom«, so lese ich in einer Buchvorstellung (3), »verfügt über Wasserspeier vom 13. bis zum 21. Jahrhundert. Dämonenabwehr und Ereignisse aus der Stadtgeschichte spiegeln sich in den Wasserspeiern wieder, die am Kirchbau zur fließenden Grenze zwischen Heidentum und christlichem Glauben werden.« Von der christlichen Kirche wurden die oft so gar nicht christlichen Wasserspeier in der Tat nicht erfunden. Sie waren schon in der Antike bekannt und zierten dort Tempeldächer (4). Ob freilich die »alten Heiden« mit furchteinflößenden Figuren aus Stein wirklich andere teuflische Wesen von ihren Gotteshäusern fernhalten wollten? Oder stellten die fremdartigen Wesen nicht doch Gottheiten dar, die verehrt und angebetet wurden? Wurden im Verlauf der Christianisierung aus mächtigen und verehrten Göttinnen und Göttern gefährliche, furchteinflößende Monster?

Zurück zu den Gargoylen unser Kathedralen und Kirchen. Gargoylen soll(t)en den Dom zu Paderborn ebenso schützen wie das Münster von Ulm, den Dom zu Regensburg ebenso wie die Kathedrale von Notre Dame, das Ulmer Münster wie den Stephansdom in Wien. Die Angst vor lauernden Dämonen scheint sehr groß gewesen zu sein.

Foto 10: Untier frisst sich selbst (Krypta Paderborn)

Ich gebe zu, lange Zeit den Gargoylen von Paderborn kaum Beachtung geschenkt zu haben. Völlig übersehen habe ich eine ganze Reihe von »monsterhaften«, die an völlig unerwarteter Stelle im Dom verewigt worden sind. Diese drachenähnlichen Kreaturen wurden nicht in Stein gemeißelt an der Außenseite des Doms angebracht. Sie wurden vielmehr aus Holz geschnitzt und befinden sich im Inneren des uralten christlichen Sakralbaus, genauer gesagt in der Unterwelt, in der Krypta.

Bei meinem bislang letzten Besuch des Doms zu Paderborn suchte ich als erstes die Krypta auf. Ihre Form, so heißt es, geht im Wesentlichen auf das Jahr 1100 zurück. Sie wurde allerdings im 13. Jahrhundert erneuert und umgestaltet wurde. Die Krypta von Paderborn gilt als eine der größten Hallenkrypten in Deutschland. Nur die Dome von Bamberg und Speyer haben vergleichbare »Unterwelten« zu bieten. Im Dom selbst herrschte emsiges Treiben. Man bereitete ein großes Konzert vor. Scheinwerfer wurden durch das Kirchenschiff geschoben, Lautsprecherboxen aufgestellt. Techniker legten Kabel. Andere hantierten an einem Mischpult. Das konzentrierte Arbeiten verursachte erheblichen Lärm, der auch noch in der unterirdischen Krypta, wenn auch gedämpft, zu vernehmen war.

Foto 11: Die Krypta im Dom von Paderborn....

Undefinierbare Geräusche erwiesen sich später nicht als Geisterspuk, sondern als kreischende Sägen.  Während im Kirchenschiff das Konzert vorbereitet wurde, wurde auch noch an den Außenwänden des Doms nämlich massiv restauriert. Da wurde Stein gesägt, da wurde gehämmert und gemeißelt. »Wenn wir erst einmal fertig sind, werden in den nächsten hundert Jahren keine Restaurierungsarbeiten mehr anfallen!«, versicherte mir am 4. Oktober 2016 ein Facharbeiter mit riesigem Bohrer und Schutzbrille. »Die Arbeiten erfordern viel Fingerspitzengefühl. Wir sind bemüht, angegriffene Steine zu restaurieren. Manche sind aber so marode, dass sie ganz ersetzt werden müssen. Andere wiederum müssen teilweise entfernt werden. Da müssen wir dann millimetergenau zugeschnittene Steinstücke einsetzen!«

In der Krypta konzentrierte ich mich auf die geschnitzten Fabelwesen an den Enden der Kirchenbänke. Im Halbduster waren diese Monster der Unterwelt kaum zu erkennen, eher nur zu erahnen. Um sie zu fotografieren musste ich mich in die Hocke begeben, und das stundenlang. Am nächsten Tag plagte mich Muskelkater an höchst ungewöhnlicher Stelle.

Foto 12: ... bietet Geheimnisvolles ...

Worin bestand wohl die Aufgabe dieser Wesen in der »Unterwelt« des Doms, die durchaus mit den Gargoylen verwandt zu sein scheinen. Hatten eine ähnliche Aufgabe wie die Gargoylen in luftiger Höhe? Eine Erklärung für das monströse Schnitzwerk: Die Kreaturen an den Enden der Bänke sollten Dämonen, die den Wasserspeiern trotzend, trotzdem in den Dom eingedrungen abschrecken. Auf diese Weise sollten die Menschen auf den Bänken geschützt werden. Leuchtet diese Erklärung ein?

Am Ende einer der Kirchenbänke kämpfen zwei Drachenwesen miteinander. Beide gehören offensichtlich der gleichen Art an, bekannte Tiere aber sind sie nicht. Beide haben – wie  Saurier – lange Hälse, beide gehen dem Gegner gezielt an die Gurgel, beide haben Flügel und Pfoten  wie Raubtiere.

Ein anderes Fabelwesen braucht keinen Gegner. Es ist sich selbst genug, kämpft offensichtlich mit sich selbst. Es versucht augenscheinlich den eigenen Schwanz zu verschlingen. Auch diese Kreatur hat Flügel, seine Pfoten – man sieht nur eine – passen am ehesten zu einem Raubtier. Statt eines Mauls hat es einen mächtigen Schnabel. Auch dieses Untier findet sich in keinem Werk über die bekannten Tiere unseres Planeten.

Foto 13: ... im Schnitzwerk von Kirchenbänken

Fußnoten

1) Hubel, Achim: »Heilige und Dämonen« in »Bavaria Antiqua«, München 1978, Seite 25
2) ebenda, Seite 26
3) Schymiczek, Regina E. G.: »Über deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt/ Zur Entwicklung der Wasserspeierformen am Kölner Dom«, »Europäische
Hochschulschriften«, Reihe 28, Kunstgeschichte, Frankfurt am Main, Berlin u.a., 2004
4) ebenda

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Gorgoylen am Dom zu Bamberg. Fotos Walter-Jörg Langbein
Fotos 3 und 4: Monster starren herab? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Monster oder Menschenfreund? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick in die Krypta des Doms von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Monströses Schnitzwerk? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Monströses in der Krypta von Paderborn. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Untier frisst sich selbst (Krypta Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Die Krypta im Dom von Paderborn.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: ... bietet Geheimnisvolles ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 13: ... im Schnitzwerk von Kirchenbänken. Foto Walter-Jörg Langbein

362 »Monster in alten Kirchen«
Teil  362 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 25.12.2016


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