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Sonntag, 25. Juni 2017

388 »Kein Ballon für den Inka!«

Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Nazca
Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Die zerkratzte, teilweise fast milchig-trübe kleine Fensterscheibe trübt aber die Freude. Trotzdem ist der Anblick fantastisch. Weder Fotos, noch Filme können die fantastisch anmutende Wirklichkeit von Nazca wirklich wiedergeben. Das Staunen lernt man, wenn man die Hochebene aus einem Flugzeug sieht. Sie wurde als riesige »Leinwand« benutzt. Freilich wurde nicht mit Farben gemalt.

Unter mir breitet sich die trockene, wüstenartige Hochebene von Nazca aus. Zwischen dem Río Nazca und dem Río Ingenio wurden vor rund zwei Jahrtausenden auf gut 500 Quadratkilometer riesige Darstellungen von Tieren vom Affen bis zum Walfisch in den trockenen Boden gescharrt, die im vollen Umfang nur vom Himmel aus erfasst werden können. Die kilometerlangen Linien und Bahnen sind sogar vom Weltall aus zu erkennen. Satellitenbilder lassen staunen.

1927 gilt als das Jahr der Entdeckung der Riesenbilder. 90 Jahre später weiß man immer noch nicht, wie viele der riesenhaften Bildnisse insgesamt einst im Boden verewigt wurden. Die unbekannten Künstler kratzten lediglich eine dunkle Schicht des bräunlichen Bodens weg, bis der hellere Untergrund zum Vorschein kam. Sie »zeichneten« gigantische Geoglyphen für wen auch immer. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden viele Erdzeichnungen wieder unter einer Staubschicht, die wieder verkrustete. Manchmal tauchen sie in unseren Tagen wieder auf, wie jene 24 Scharrbilder, die erst im Sommer 2015 von Forschern der Universität von Yamagata etwa 1,5 Kilometer nördlich von Nazca »entdeckt« wurden. Seit 2004 haben die emsigen Wissenschaftler aus Japan immerhin 50 Geoglyphen wieder gefunden, die vermutlich von starken Bodenwinden neuerlich freigelegt worden waren. Sie sollen besonders alt, noch vor dem Riesenkolibri geschaffen worden sein.

Für wen waren die gewaltigen Geoglyphen gedacht? Wer sollte sie sehen? Jim Woodman behauptet: Nazca war ein Startplatz für Heißluftballone. Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Jom Woodman hat seine Theorie vom Flug mit Heißluftballons über Nazca experimentell bewiesen!« Hat er das? Nicht wirklich!

Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann

 Jim Woodman ließ von der Firma Raven einen riesigen »Ballon« aus Baumwollstoff anfertigen. Für »Condor 1« durften nur Materialien verwendet werden, die auch den Menschen der Nazca-Kultur zur Verfügung standen. Der Koloss wurde auf der Hochebene von  Nazca mit heißem Rauch aus einem mächtigen Holzfeuer »betankt«. Die feinen Rußpartikel dichteten die Ballonhülle von innen ab, so dass die Hitze des Feuers nicht mehr entweichen konnte. So blähte sich der Ballon nach stundenlanger Befeuerung in der Nacht auf, erreichte am Morgen schließlich die Höhe eines zehnstöckigen Hauses.

Unter dem Ballon hing eine beängstigend kleine »Gondel«, aus Binsen geflochten, 2,5 Meter lang und 1,5 Meter hoch. Darauf nahmen Jim Woodman und Julian Nott Platz, sprich sie klemmten sich die schmale »Gondel« zwischen die Beine. Dann ging es auch schon los. Die Leinen wurden gekappt. Die Reise zur Sonne konnte beginnen (1):

Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer

»Der Aufstieg dauerte 45 Sekunden, ehe er aufhörte. Es war, als ob ein Fahrstuhl nach langer Fahrt im obersten Stock ankäme. Es schien, als ob wir für einen Augenblick aufwärts gezogen würden und dann wieder ins Gleichgewicht zurückfielen. Als ich von unserem Binsenboot nach unten schaute, baumelten wir fast 130 Meter über der Wüste. Die Aussicht war unglaublich.«  Nach nur zwei Minuten ging es wieder rapide abwärts. Woodman und Nott kamen wieder heil am Boden an, sprangen von ihrer »Banane« und der Ballon schoss wieder in die Höhe. 400 Meter über den Riesenbildern driftete er, vom Wind getrieben, dahin, um dann (2) »mehrere Kilometer entfernt auf dem Wüstenboden« aufzuschlagen. Knapp eine Viertelstunde hatte sich »Condor 1« am Himmel gehalten. Bis zur Sonne hatte es der Ballon nicht geschafft.

Man stelle sich vor: Der Leichnam des einstigen Inka wurde mit so einem Ballon gen Himmel geschickt, um nach Minuten wieder vom Himmel zu fallen. Ein würdevoller Abschied von einem mächtigen Herrscher sieht anders aus. Nach Jim Woodman diente bei der Luftbestattung des Inka die Feuerhitze nur als Starthilfe. Sobald der Ballon ausreichend Höhe erreicht haben würde, sollte die Sonne das Luft-Rauch-Gemisch im Ballon ausreichend erwärmen, um ihn stundenlang am Himmel zu halten.

Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«.

Ein Absturz auf den Wüstenboden wäre, so Woodman, dem Inka erspart geblieben. Die Winde hätten sein Ballongeführt gen Westen getrieben. Irgendwo wäre er dann mit Ballon im Pazifik versunken. Unbewiesen ist bis heute, dass die Sonnenwärme tatsächlich so einen »Nazca-Ballon« stundenlang am Himmel schweben lassen würde. Einen entsprechenden Versuch hat Jim Woodman erst gar nicht gewagt. Und dann wären da noch die von Woodman bemühten Winde, die aber in der Regel von West nach Ost wehen. Der »Inka-Ballon« wäre also nicht aufs Meer, sondern landeinwärts gedriftet und über Land abgestürzt. Es ist also falsch, wenn Woodman schreibt (3): »›Der Ballon müßte wahrscheinlich im Pazifik heruntergegangen sein. Der tote Inka, der darin fuhr, kehrte zurück zur Sonne – so mußte es aussehen.‹›Sagen die Legenden nicht so.?‹« Nein, Mr. Woodman, die Legenden sagen nicht so. Der tote Inka reiste nicht per Heißluftballon gen Himmel, um dann – pietätlos – abzustürzen. Eine solche Vorgehensweise wäre mit der immensen Verehrung der sterblichen Überreste der Inka nicht vereinbar gewesen.

Vielmehr wurden den toten Inka-Herrschern als Mumie große Ehren zuteil. In Cuzco trug man die reich geschmückten Mumien durch die Straßen. In edelste Gewänder gehüllt wurden sie wie lebende Menschen behandelt, mit Speisen und Getränken versorgt und bei Dürrekatastrophen durch die Felder getragen, um es wieder regnen zu lassen. Auch an Festivitäten ließ man sie teilnehmen, wie zu Lebzeiten von einem Heer von Dienern umsorgt.

Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel.

Anschließend brachte man sie wieder in den Coricancha-Tempel, in den »Sonnentempel« von Cuzco, also ins Zentralheiligtum. Nach Garcilaso de Vega, setzte man die Mumien auf goldene Throne im Allerheiligsten. Die Versammlung der Inka-Mumien mutet heute gruselig an. Dort glänzte eine mannshohe Scheibe aus massivem Gold, die die Sonne darstellen sollte. So gesehen reiste jeder tote Inka tatsächlich zur Sonne, die aber stand nicht am Himmel, sondern im Sonnentempel von Cuzco. Übrigens das Herz der Inka wurde in Ollantaytambo bestattet.

Auch Ollantaytambo beeindruckt heute noch. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit wurden gewaltige Steinquader transportiert und millimetergenau zusammengefügt. Wie die Inka die edlen Toten mumifizierten, welche Techniken sie anwandten, ist bis heute weitestgehend unbekannt.

Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo.

 Die Zerstörungswut der spanischen Eroberer hatte auch vor dem Inkaheiligtum nicht halt gemacht. Vom einst stolzen Bau war nur noch eine Ruine erhalten mit einzelnen Räumen, als anno 1650 Cuzco von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Über den Trümmern des Tempels wurde das Kloster von Santo Domingo erbaut. Nur vier Räume des einst gewaltigen Tempels wurden von den Klosterbrüdern weiter genutzt. Anno 1950 gab es wieder ein sehr schweres Erdbeben und siehe da… Es wurden Mauerreste des Tempels freigelegt.

Heute kann man in die »Unterwelt« des Klosters steigen und auch den Raum besuchen, der den Inka-Mumien als »Mausoleum« diente. Die herrlichen sakralen Kunstwerke der Inka gibt es natürlich nicht mehr. Die »zivilisierten« Eroberer haben sie eingestampft und zu Barren gegossen. So konnte das Inka-Gold viel leichter nach Europa geschafft werden.

Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter?

Mich beeindruckt die unglaubliche Präzision, mit der die Steine des Tempels zu Inkazeiten – oder schon früher – millimetergenau bearbeitet werden konnten. Die Steine wirken wie maschinell poliert. Geht man um die Kirche von Santo Domingo herum, erkennt man an der Rückseite Teile der alten »Inkamauer«, so sie denn überhaupt ein Werk der Inka ist. Ich halte es für durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die Inka ihrerseits einen noch älteren Vorgängerbau übernommen haben. Darüber kann man diskutieren. Zweifelsfrei aber steht fest, dass die Hochebene von Nazca nicht als Startplatz für Inka-Heißluftballons diente. Die Inka hatten keine Verbindung zu Nazca. Und die Nazca-Kultur – mindestens ein Jahrtausend älter als die der Inka – schickte auch keine Toten per Heißluftballon gen Himmel. Die Toten von Nazca wurden feierlich begraben. Je vornehmer der Tote war, desto tiefer hob man sein Grab aus.

Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ...

Am 31. Januar 1977 vermeldete DER SPIEGEL (4): »Mit einem aufsehenerregenden Experiment hat der Amerikaner Jim Woodman nachzuweisen versucht, daß südamerikanische Indianer bereits 500 nach Christus die Technik der Heißballonfahrt beherrschten.« Einer kritischen Überprüfung hält Woodmans These freilich nicht stand. Die Hochebene von Nazca bleibt nach wie vor rätselhaft. Eine »großartige Anlage eines Totenkults« war, wie DER SPIEGEL abschließend suggeriert, die »Nazca-Ebene mit ihren mythischen Zeichnungen« jedenfalls nicht.

Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Bahnen.. Bahnen.. Bahnen, soweit das Auge reicht! Ich fotografiere begeistert. Das macht auch mein Reisekollege, dem freilich der manchmal doch etwas wackelige Flug der kleinen Propellermaschine zu schaffen macht. Nach der Landung kriecht er, mit Übelkeit kämpfend aus der Maschine und wankt, kreidebleich, einige Schritt zum Rand der Start- und Landepiste, die freilich eher an einen besseren Feldweg erinnert. Erschöpft lässt er sich im Rasen nieder und starrt teilnahmslos in den Himmel.

Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 206, Zeilen  5-11 von oben
2) ebenda, Seite 210, Zeilen 3 und 4
3) ebenda, Seite 96, Zeilen 9-13 von unten
4) »Flug der Könige«, DER SPIEGL 6/ 1977


Foto 11: Großer, großer Vogel

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Nazca ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer, wikimedia commons, Foto Håkan Svensson (Xauxa)
Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel. Fotos und Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Großer, großer Vogel. Foto Walter-Jörg Langbein

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«,
Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 2.7.2017



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Sonntag, 2. April 2017

376 »Ochs‘ und Esel und das Blut des Pelikans«

Teil  376 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Freiburger Münster
Auf meinen Reisen im In- und Ausland begegneten mir immer wieder religiöse Darstellungen in Kapellen, Kirchen und Kathedralen. Oft zierten sie den Eingangsbereich von Gotteshäusern aus alten Zeiten. Immer wieder bekam ich zu hören: »Diese Bildwerke waren für Menschen gedacht, die des Lesens unkundig waren. Ihnen sollte auf dem Weg der bildlichen Darstellung der christliche Glaube vermittelt werden!«

Diese Erklärungen leuchten natürlich ein. Freilich erschließt sich die Bedeutung steinerner Reliefs oder hölzerner Schnitzwerke nicht ohne weiteres von selbst. Man muss die Geschichten kennen, die dargestellt werden. Dann – und nur dann – weiß man zum Beispiel mit dem Tympanon über dem Haupteingang zum Münster von Freiburg etwas anzufangen.

Wenn da Ochs und Esel im Stall zu sehen sind, wie sie andächtig Heu fressen, während eine Frau auf einer Bettstatt liegend ein Baby liebkost, dann verstehen wir, worum es da geht: Um die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Wir erkennen das künstlerisch schön gestaltete Szenario in seiner Bedeutung, weil wir die Weihnachtsgeschichte von Bethlehem kennen. Wäre sie uns unbekannt, so könnten wir mit der Bildergeschichte nichts anfangen. Mit Fantasie könnten wir sogar ganz unterschiedliche Aussagen hineininterpretieren.

Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon
Wir kennen die christliche Vorstellung, dass auf jeden Mensch nach seinem Tode das »jüngste Gericht« wartet. Die Guten gelangen in den Himmel, die Bösen kommen in die Hölle. Betrachten wir nun das Tympanon von Freiburg, so wissen wir, was da geschieht: Zur rechten Seite von Jesus schleppt ein Teufel Menschen an einer schweren Eisenkette in den Höllenschlund, das sind die Sünder, die für ihre Untaten büßen müssen. Denen zur rechten Seite Jesu geht es viel besser, das sind die Gerechten. Es müssen die Gerechten sein, sagt uns unser Wissen. Zufrieden sehen sie aus, in der Erwartung auf Belohnung für ein gutes Leben nach den Regeln des christlichen Glaubens.

In Cuzco zeigte mir ein Geistlicher den »Nebenraum« einer alten Kirche. Da verstaubte ein Ölgemälde von bemerkenswerten Ausmaßen vor sich hin. Zwei mal drei Meter mag es gemessen haben. Große Teile des Bildes waren unter einer Schmutzschicht nicht einmal mehr zu erahnen. Andere Partien hatte man »gereinigt«, so dass wieder einiges zu erkennen war. In der Mitte stand eine Art Kreuz. Zur linken Seite des »Kreuzes« hingen Menschen aufgehängt an den Ästen eines weit ausladenden Baumes. Zur rechten Seite hingegen hatte sich eine ganz andere Schar Menschen versammelt. Im Gegensatz zu ihren Artgenossen auf der anderen Seite, die in Lumpen gehüllt waren, trugen sie sehr saubere, ordentliche Kleidung und sprachen fast  wie im »Schlaraffenland« allen möglichen Speisen zu.

Foto 3: Unterwegs in Cuzco
Was aber zeigte mir das Gemälde? Das »Jüngste Gericht« etwa, die Bestrafung der Sünder und Belohnung der Guten? Spielte das Geschehen im Jenseits, nach dem Tode, oder doch im Diesseits? Waren es auf der einen Seite die Inkas, die sich den Spaniern widersetzten und dafür aufgehängt wurden? Sollten dann die Menschen auf der anderen Seite die im Überfluss lebenden Inkas sein, die ihren Widerstand gegen die Eroberer aus Europa aufgegeben hatten und entsprechend belohnt wurden? Mit einem Geistlichen unterhielt ich mich kurz über das Werk. Es schien ihm Spaß zu machen. Mich zu irritieren. Dargestellt wurde womöglich etwas ganz anderes. Aber was? Schmunzelnd bot der Geistliche eine kurios anmutende Variante: »Das Geschehen spielt auf einem Kontinent, bevor er im Meer versank. Die Menschen hassten einander. Die einen lebten im Überfluss und stopften sich Taschen und Mäuler voll. Die anderen lebten in Armut und wurden für selbst kleine Vergehen mit dem Tode bestraft.«

Was mir das Gespräch mit dem Geistlichen von Cuzco verdeutlichte? Bilder ohne Worte können oft nicht nur auf eine Weise interpretiert werden. Ein Maler mag eine ganz bestimmte Aussage im Sinn gehabt haben, als er sein Werk schuf. Wer das Bild aber betrachtet, ist auf seine Fantasie angewiesen. Er erkennt, was er zu kennen meint.

Foto 4: Der Engel mit der Waage
Wenden wir uns wieder dem Tympanon in der Turmvorhalle zu. Wir picken uns eine kleine Szene heraus. Da stehen zwei Gestalten. Der eine ist unschwer als Engel zu erkennen. Er hält eine Waage. In der einen Waagschale sitzt ein Kind. In der anderen hockt ein kleines Wesen. Das Kind ist schwerer als das Wesen auf der anderen Seite, sinkt nach unten, ist also schwerer. Das Wesen ist offenbar leichter, freilich hängt sich ein Teufel an seine Waagschale und versucht, sie nach unten zu ziehen. Was ist dargestellt? Ein Engel entscheidet, ob eine Seele in den Himmel oder in die Hölle kommt. Wer als zu leicht befunden wird, hat verloren. Geht es um das »schwere Kind«, um die Seele eines Menschen? Sitzt in der anderen Waagschale ein Teufel, zerrt ein zweiter Teufel an der Waage, weil er die Seele des Kindes für sich beansprucht? Rechts neben der Waage steht ein Teufel, der zum Engel blickt. Warum faltet der Teufel die Hände wie zum Gebet?

Foto 5: Blick auf das Tympanon
Guido Linke ist Kunsthistoriker. Er lebt in Freiburg. Sein Spezialgebiet ist die historische Bauforschung.  Er kann sich kompetent zum Tympanon äußern. Ich darf zitieren (1):

»In der Mitte des Streifens ist der Erzengel Michael bei der Seelenwägung zu sehen (Foto 4). In einer Waagschale sieht man ein Menschlein, während zwei Teufelchen die andere Schale herabzusenken versuchen. Daneben steht der ob seiner zusammengelegten Hände fälschlich so genannte ›betende Teufel‹. Tatsächlich betet er nicht, er ringt die Hände, da er sieht, dass die Waagschale sich zum Guten neigt und ihm diese Seele wohl entkommen wird.«

Die Turmvorhalle des Freiburger Münsters bietet im Tympanon eine Folge von Szenen in mehreren Etagen, wobei wir die Bedeutung der meisten Bilder zu kennen meinen. Aber liegen wir mit unserer Voreingenommenheit richtig? Oder interpretieren wir in die Darstellungen hinein, was wie für richtig halten? Könnte es sein, dass die Künstler der Gotik da und dort ganz andere Vorstellungen hatten? Weil die einzelnen Teilszenen oftmals förmlich ineinander übergehen und zudem auch nicht chronologisch geordnet sind, können wir uns durchaus auch täuschen!

Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«

Im Zentrum steht das Kreuz. Es ist kaum größer als Jesus, der Gemarterte. Und es ist ganz anders gestaltet als wir das sonst aus Kirchen kennen. Der senkrecht stehende Balken ist nicht zu sehen, wird vom Körper Jesu verdeckt. Der sonst waagrecht angebrachte Querbalken erinnert an eine Irminsul, also an einen Lebensbaum. Es kommt mir so vor, als habe man Jesus an einem Baum gekreuzigt, die Arme an zwei massive Äste genagelt. Ich meine, man sieht zahlreiche Ansätze von kleinen Ästen und Zweigen, die man abgesägt hat. Über dem Haupt Jesu ist etwas auszumachen. Vor Ort in Freiburg hielt ich es für die Dornenkrone Jesu. Beim Betrachten meiner Fotos erkenne ich aber, dass es sich bei dem goldenen Flechtwerk um ein Vogelnest handelt. Ganz klar sind zwei Jungvögel im Nest zu sehen, darüber könnte ein großer Vogel verewigt worden sein.

Foto 7: Jesus und das Nest
Guido Linke erklärt (2): »Der Gekreuzigte überragt die Beistehenden und sprengt die Streifenordnung des Tympanons. Der Schädel Adams zu seinen Füßen zeigt ihn als Überwinder des Todes. Auf dem oberen Ende des Kreuzes, das mit Astansätzen als Lebensbaum gestaltet ist, sieht man ein Vogelnest. Hier wird die mittelalterliche Tierfabel vom Pelikan als christologisches Symbol eingesetzt. Nach dem Lehrbuch des Physiologus erweckt der Vogel seine toten Jungen mit seinem Blut zum Leben, indem er sich die Brust aufreißt. Ebenso habe Christus am Kreuz durch das Opfer seines Blutes für die Menschheit den Tod überwunden.«

Tatsächlich gibt es mittelalterliche Legenden, die in ihren Aussagen voneinander abweichen. Da heißt es zum Beispiel, dass »Mutter Pelikan« sich die eigene Brust aufriss, um ihre Jungen mit ihrem Blut zu füttern, sobald sie keine Nahrung mehr für die Kleinen finden konnte. Da heißt es aber auch, dass »Mutter Pelikan« mit ihrem Blut ihre toten Jungen zu neuem Leben erwecken konnte. In der christlichen Symbolik wurde Jesus zum Pelikan, der sich opfert, um die Toten aus dem Totenreich ins Leben zu holen.

Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut
In Cuzco erklärte mir »mein« Geistlicher, das Kreuz des Christentums sei vergleichbar mit einem wichtigen Maya-Symbol. Es stehe für die Unterwelt (Reich der Toten), die Welt der Lebenden und den Himmel.  Es wurzelt in der Unterwelt, Stamm und Querbalken symbolisierten die Welt in der wir leben und der darüber hinausragende senkrechte Teil verweise auf den Himmel. Ich musste an Exkursionen ins Land der Mayas denken. Auf Reisen erfuhr ich lebhafter und mehr als aus Büchern über die alte Mythologie der Mayas (3). Wichtig war ihnen der Ceibabaum. Die Maya von Yucatán verstanden ihn als Weltachse. Seine Wurzeln, die sich tief ins Erdreich graben, versinnbildlichten die Unterwelt, sein mächtiger Stamm entspricht der Welt der Lebenden und seine Krone dem Himmel. Dieses kosmische Symbol erkenne ich auch in alten Gotteshäusern des Christentums: Die Krypta steht für die Unterwelt, das Reich der Toten, das Kirchenschiff mit den Gläubigen bildet die Welt der Lebenden ab und der Turm ragt in den Himmel.

So können christliche Symbole und Bilder weit über die Grenzen einer Konfession hinaus gedeutet und verstanden werden. Die Frage ist nur, ob die Vertreter aller Religionen dazu bereit sind, die Gemeinsamkeit mit anderen Religionen zu sehen. Das könnte zu einer Verständigung zwischen den Religionen führen. Aber ist eine solche Verständigung überhaupt erwünscht? Da habe ich meine Zweifel. Gerade in unseren Tagen sieht es ganz so aus, als ob sich – speziell im Islam – radikalere Interpretationen durchsetzen, die die eigene Sichtweise zur allein gültigen erklären.


Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt

Fußnoten
1) Linke, Guido: »Freiburger Münster/ Gotische Skulpturen der Turmvorhalle«,
     Freiburg, 1. Auflage 2011, Seite 29, rechte Spalte unten und Seite 30, linke
     Spalte oben
2) ebenda, Seite 31, linke Spalte oben
3) Siehe hierzu Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/
     Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994

Zu den Fotos
Foto 1:  Das Freiburger Münster - Turm. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Ochs' und Esel im Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Unterwegs in Cuzco. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4 Der Engel mit der Waage. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Blick auf das Tympanon. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Jesus am »Baum-Kreuz«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Jesus und das Nest. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der »Pelikan« füttert seine Jungen mit Blut. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 9-11: Der heilige Baum der Mayas - Symbol für die Welt. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«. Foto Walter-Jörg Langbein


Foto 12: Der geheimnisvolle »Lichtbringer«


377 »Der Teufel im Stall von Bethlehem«,
Teil  377 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 09.04.2017


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Sonntag, 12. August 2012

134 »Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«

Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rückseite von Santo Domingo
mit  Inkamauern
Foto: Håkan Svensson (Xauxa)
Mächtig und wehrhaft wirkt auch heute noch die steinerne Mauer an der Rückseite von Santo Domingo. Sie ist Teil des einstigen Heiligtums »Nr.1« der Inkas und hat schon im Verlauf vieler Jahrhunderte so manches Erdbeben überstanden.
An der Rückseite der Kirche entdeckte ich Hunderte von präzise bearbeiteten Steinen aus den Zeiten der Inkas, von fleißigen Archäologen in der Art einer steinernen »Prozession« aneinandergereiht. Sie stammen wohl vom Coricancha- Tempel. Der von den Spaniern verfälschte Name lautete in Quechua, der Inka-Sprache, »Qoricancha«, zu Deutsch »Goldener Hof«. Aber auch das war wohl nicht der Originalname ... der lautete wohl »Intikancha«, zu Deutsch »Sonnentempel« oder »Sonnenbezirk«.

Auf der Rückseite des stolzen Sakralbaus der katholischen Kirche lagen sie in Massen ... die steinernen Zeugnisse der Inka-Steinmetze. Wie in Tiahuanaco und Puma-Punku hatte ich den Eindruck, dass es so etwas wie genormte Steinformate gab. Und die wurden vor vielen Jahrhunderten wie am Fließband gefertigt, mit welchen Werkzeugen auch immer.

Massenprodukt Stein - Foto W-J.Langbein
Zwischen diesen uralten Bauelementen entdeckte ich zwei steinerne »Motore«... und einen weiteren, länglichen Stein. Genauer gesagt: Es handelt sich um ein Bruchstück eines größeren Steins. Die Bezeichnung »Stein« kommt mir irreführend vor. Auf mich macht das mysteriöse Objekt den Eindruck, als habe man ein technisches Werkstück kopiert, sprich in Stein nachmodelliert. Und von dem merkwürdigen, nachgebauten »Apparat« ist nur noch ein Teil erhalten.

Ich versuche objektiv zu beschreiben, ohne zu interpretieren ... Auf der Oberseite erkennt man präzise in den harten Stein gefräste Rillen, fünf an der Zahl. Am Ende jeder dieser Rillen findet sich ein säuberlich gebohrtes Loch. Die Bohrung führt durch den Stein, tritt an der Seite aus ... mündet wiederum in ein gebohrtes Loch. Darunter befindet sich – aus dem Stein gemeißelt – so etwas wie eine schmale »Leiste«. In diese Leiste wurden – unter den Löchern – wiederum Rillen eingefräs t... und die führen wiederum in sauber gebohrte Löcher, die im Stein verschwinden. Zu welchem Zweck wurden diese millimeterkleinen Löcher gebohrt? Darf man den Stein technisch interpretieren?

Der mysteriöse »Lochstein« (oben),
darunter einige der Bohrungen
Fotos: W-J.Langbein
Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lassen darf: Dieses Werkstück wäre ideal für Kabel, Stromleitungen etwa, geeignet ... nicht für Wasser. Die eingefrästen Rillen sind so schmal, dass sie nur winzigste Wassermengen im Tropfenbereich aufnehmen können. Auch die Bohrungen durch den Stein sind völlig ungeeignet, um eine Flüssigkeit zu befördern. Kleinste Schmutzpartikel würden rasch die Minikanälchen verstopfen.

Die Inkas kannten aber keinen elektrischen Strom. Kabel waren ihnen ebenso unbekannt wie elektronische Bauteile. Könnte es sein, dass Inkas – oder schon ihre Vorfahren – so etwas wie nicht verstandene Technologie sahen und kopierten?

Die Cargo-Kulte verschiedener Südseeinseln beweisen: Naturvölker verstanden vor Jahrzehnten überlegene Technologie nicht. Flugzeuge waren für die »Eingeborenen« rätselhafte Fabelwesen, die sie staunend beobachteten ... Später haben sie diese scheinbar überirdischen Wesen imitiert, nachgebaut ... mit primitiven Mitteln. (1) Wenn wir nicht wüssten, dass diesen künstlerisch ansprechenden Objekten reale Begegnungen mit Flugzeugen zugrunde liegen ... würden wir die aus einfachen Materialien nachgebauten Objekte auch heute noch für imaginäre Fabelwesen halten.

Für Südseeinsulaner war es eine Art Fabelwesen ...
Wir erkennen es als Flugzeug. Foto: W-J.Langbein
Sollten die Inkas ... oder deren Vorläufer ... mit Technologie in Berührung gekommen sein: mit Motoren zum Beispiel? Diese Motoren können dann aber kaum irdischen Ursprungs gewesen sein. Sollten die Inkas Kontakt mit Außerirdischen gehabt haben?
Zurück zu den kuriosen Steinen von Santo Domingo in Cuzco. Ein zweites Mal tauchte der schwäbelnde Geistliche im wehenden Talar auf. »Kennen Sie die Geschichte vom ›Goldenen Garten‹?« Natürlich hatte ich mich auf meine Reise nach Cuzco gut vorbereitet. So war mir der »Goldene Garten« ein Begriff. Ich fasste – mit etwas Stolz – mein Wissen in Sachen Inka-Gold zusammen.

Santo Domingo,
die Inkamauer von innen
Foto: Ingeborg Diekmann
Der legendäre Tupac Capak und seine Nachfolger erbeuteten auf ihren Feldzügen unermessliche Mengen Goldes – bei den Chimú, deren Kunstfertigkeit mehr als meisterhaft war. Und so vereinnahmte Tupac Capak nicht nur das kostbare Metall. Er verschleppte auch die besten Goldschmiede der Chimú, die von nun an für den Inka arbeiten mussten. Chimú-Goldschmiede waren es, die ein riesiges Standbild des Sonnengottes Inti kreierten. Sie fertigten auch – ebenso aus purem Gold – eine gewaltige Sonnenscheibe an: für die religiöse Metropole Cuzco. Vielleicht noch bedeutsamer war eine Statue von »Mama Ocllo«. »Mama Ocllo« war eine jener Urgöttinnen aus den Zeiten des Matriarchats, als Göttinnen die Schicksale der Menschen bestimmten.

»Wenn man nur diese Inka-Mauern wie ein Buch lesen könnte ... « murmelte ich vor mich hin und fotografierte weiter das Mauerwerk an der Rückseite von Santo Domingo. »Was wir dann erfahren könnten ...«

Der katholische Geistliche nickte zustimmend. »Mama Ocllo war so etwas wie eine Urgöttin ... eine Art göttliche Eva. Es gibt verschiedene Überlieferung über die Herkunft von Mama Ocllo. Sie sei die Tochter von Sonnengott Inti und Mama Qilla, heißt es. Nach einer anderen Überlieferung war sie eine Tochter von Viracocha und Mama Cocha.« Mama Qilla galt bei der Inkas als Mondgöttin ... Mama Cocha war die Göttin des Meeres.

Unvorstellbare Schätze fanden die
Spanier im Tempel der Inkas.
Fotos und Collage: W-J.Langbein
Der Geistliche fiel mir ins Wort: »Die Namen der Göttinnen sind nicht so wichtig. Von Bedeutung ist nur, dass in dieser religiösen Mythologie festgehalten wurde, dass es einst eine Herrschaft der Muttergöttin gab ... die die später mächtig werdenden männlichen Götter gebar. Die goldenen Statuen der Göttinnen befanden sich zuletzt in Räumen des Tempels, die noch zum Teil in und unter der Kirche Santo Domingo erhalten sind!«

Ob es denn wirklich diese Goldschätze gab, fragte ich ein wenig provokativ meinen Gesprächspartner. »Natürlich!« schnaubte er wütend. »So wie es auch den ›goldenen Garten‹ gab! Garcilasso de la Vega hat ihn ausführlich beschrieben!«

Auch der »goldene Garten« gehörte zum Superheiligtum Coricancha in Cuzco. Der »goldene Garten« war so etwas wie ein paradiesisches »Eden«. Von üppiger Pracht waren die schönsten Blumen und Pflanzen, die Bäume und Maisfelder mit prallen Kolben an jeder Maispflanze. Mit Sorgfalt ausgewählt waren die den Inkas wohlbekannten Heilpflanzen. An Büschen warteten reife Beeren darauf, geerntet zu werden. Käfer und Eidechsen krabbelten ... Lamas wurden von Hirten beaufsichtigt. Greise passten auf Enkelkinder auf. Bauern kümmerten sich um ihre Felder ... ein naturgetreues Szenario ... und alles aus purem Gold!

Santo Domingo bei Nacht.
Foto: Martin St-Amant
Der berühmte Archäologe und Inka-Kenner Prof. Dr. Miloslav Stingl kommentiert (2): »Dieses Wunder aller Wunder, das wohl auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen hatte, ist wahrscheinlich das Werk der in Cuzco lebenden Chimú-Goldschmiede gewesen, die nach der Unterwerfung ihres Reiches in die Hauptstadt der Inka umgesiedelt worden waren. Die Spanier haben, gleich nach der Eroberung der Stadt, diese funkelnde Pracht feiner zisilierter Blumen und Ähren, diesen ganzen Goldenen Garten von Cuzco in ihrer Gier nach dem goldglänzenden Metall zerstört und ausgeraubt, so wie 60 Jahre vorher die Inka die Goldschätze Chan-Chans geplündert hatten.«

Der Hinweis auf die plündernden Inkas ist keine Entschuldigung für das brutale, räuberische Vorgehen der christlichen Spanier ... die auch heute noch – leider – in weiten Teilen Südamerikas als Vertreter einer überlegenen, ja höher stehenden Zivilisation angesehen werden. Sachlich betrachtet waren die Conquisadores nichts anderes als ein goldgieriger Haufen von Räubern, die vor keinem noch so schlimmen Verbrechen zurückschreckten ... wenn nur Gold als Belohnung winkte!

Der seltsame Stein - Foto: W-J.Langbein
Fußnoten
1 Das Foto des nachgebauten Flugzeugs entstand am 29.08.2006 im »Mystery Park« (heute JungfrauPark) bei Interlaken, Schweiz.
2 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, Leipzig, Jena, Berlin, 2. Auflage 1990, S. 237

»Gold, Gold ... Gold«,
Teil 135 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2012


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Sonntag, 5. August 2012

133 »Ein Motor aus Stein?«

Teil 133 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Vorderseite von Santo Domingo
Foto: Martin St-Amant
Für die Inkas war Cuzco – offizielle Schreibweise Qosqo, »Zentrum« - der »Nabel der Welt«. Für mich ist Cuzco die schönste Stadt Südamerikas. Gern habe ich sonntags am Nachmittag in einem der vielen Cafés einen starken Espresso getrunken und eine gute Zigarre geraucht. Manchmal war ich von zahlreichen Schuhputzern umlagert, die alle nach und nach und immer wieder meine Stiefel poliert haben ... immer gegen einen bescheidenen Obolus ... So verlockend es auch sein mag, gleich nach Ankunft die Stadt zu erkunden: Man bedenke die Höhe – 3440 Meter über Normalnull. Am hilfreichsten ist der in jedem Hotel als Begrüßungstrunk angebotene Coca-Tee, der die Höhe erträglicher macht!

Leider haben die »kultivierten« Spanier vor Jahrhunderten gewütet wie die sprichwörtlichen »Berserker«. Ohne Skrupel haben sie vermeintlich »Wilde« in großer Zahl gefoltert und ermordet, haben sie gezielt sakrale Bauten der Inkas zerstört. Die Spanier bauten die verwüstete Stadt wieder auf. Sie nutzten häufig Inka-Fundamente, um darauf im kolonialspanischen Stil das neue Cuzco entstehen zu lassen. Beim Bau der Kirche Santo Domingo wurde massives Inkamauerwerk integriert.

Mauern aus der Inkazeit
Fotos: W-J.Langbein
Was die Inkas bauten, das überdauerte im Lauf der Jahrhunderte manches Erdbeben, so zum Beispiel das im Jahre 1650. Kolonialspanische Bauten wurden weitestgehend zerstört, die uralten Inkamauern blieben erhalten. Die jüngeren Gebäude, von den »zivilisierten« Spaniern errichtet, bestanden derlei Bewährungsproben meistens nicht. Die Baukunst der vermeintlich »Wilden« erwies sich immer wieder als standhafter.

Wer das ursprüngliche Qoso sehen will, nehme sich einige Tage Zeit ... und erkunde vor allem Nebensträßchen wie jene um den »Plaza de Armas«. Es ist ein eigenartiges Gefühl, als ob man einige Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit gereist sei ... besonders, wenn man Einheimischen in Landestracht begegnet.

Atahualpa wird überwältigt,
Bild: etwa 1800
Archiv Langbein
Nachdem die Spanier Cuzco eingenommen hatten, versuchten die Inkas ihre Metropole zurück zu gewinnen. Sie starteten eine gewaltige Großoffensive. 200.000 ihrer Krieger attackierten Cuzco unter Manco Ina ... und hätten die Spanier fast – aber eben leider nur fast – vertrieben. Zurück blieben unzählige Tote ... und eine verwüstete Stadt. Pizarro, der ehemalige Schweinehirt, blieb Sieger ... Dabei hätten die Inkas die goldgierigen Eindringlinge leicht überwältigen können. Atahualpa, der letzte Inkaherrscher, ermordet von den Spaniern am 26. Juli 1533 in Cajamarca, sandte den Spaniern Boten mit üppigen Geschenken entgegen.

Joachim G. Leithäuser (1) schreibt in seinem Werk »Ufer hinter dem Horizont«: »Er konnte nicht ahnen, was für eine Brut sich in seinem Reich einnisten wollte.« Pizarro lud Atahualpa in sein Feldlager ein. Atahualpa nahm an ... und erschien, begleitet von den Vornehmsten des Reiches. Der kultivierte Inka war den blutrünstigen Spaniern unterlegen. Die räuberischen Europäer suchten und fanden einen Anlass, den ahnungslosen Atahualpa gefangen zu nehmen.

Schwarze Inkamauer in der
Kirche Santo Domingo.
Foto oben: Håkan Svensson
(Xauxa), Foto unten:
Ingeborg Diekmann
Leithäuser (2): »Pizarro schickte den Dominikanerfrater Vincente de Valverde mit einem Dolmetscher zu Atahualpa. Der Mönch hielt eine kurze Ansprache und reichte dem Inka eine Bibel .... Valverde streckte den Arm aus, doch der Inka, solche Zudringlichkeit nicht gewöhnt, schlug ihm auf den Arm, öffnete das Buch, betrachtete es und ... warf es fort.« Der Dominikanerfrater zeterte (3): »Ich rufe euch, meine Brüder in Christo, auf, die Schmach zu rächen, die hier unserem heiligen Glauben angetan worden ist!« Es war eine geradezu groteske Szene: Die Spanier, die wie mörderische Bestien raubten und eine hochstehende Kultur auslöschten, beriefen sich auf's Christentum ...

Dann lief alles wie geplant (4): »Und nun brach die Hölle los. Trompetensignale, Kanonenschüsse, Berittene, die aus den Verstecken hervorstürmten, angreifendes Fußvolk ... Unter den Indianern entstand eine Panik, keiner setzte sich zur Wehr, zumal ihre Führer alle um den Inka geschart waren und Mann für Mann niedergemacht wurden. Binnen einer halben Stunde waren einige Tausend Eingeborene getötet, die anderen flohen, Atahualpa gefangen – Pizarro war der Herr des Inkareichs!«
Atahualpa wurde gefangen genommen. Ein gigantischer Goldschatz wurde als Lösegeld geliefert, Atahualpa aber dann doch nicht wie versprochen freigelassen. Vielmehr wurde ihm ein Scheinprozess gemacht und das von Anfang an feststehende Urteil gesprochen ... die Todesstrafe.

Atahualpa wurde auf dem Marktplatz öffentlich erdrosselt. Die christlichen Eroberer erwiesen sich als die wahren Barbaren der schlimmsten Sorte. Sie metzelten, plünderten, folterten, mordeten ... und fielen schließlich – wie sollte man es bei solchem Gesindel anders erwarten – auch übereinander her. Sie misstrauten einander. Keiner der »christlichen« Barbaren gönnte seinen Glaubensbrüdern die reiche Beute ...

Motor in Stein ..
Fotos: W-J.Langbein
Angesichts der Grausamkeit der spanischen Eroberer wundert es mich doch sehr, dass die Nachkommen der Inkas den Glauben der Mörder aus Europa angenommen haben. Meine Sympathie liegt, ich gebe es zu ... bei den »wilden« Inkas. Und so suchte ich stets auf meinen Reisen Spuren der einstigen Herrscher, aus Zeiten vor der spanischen Eroberung. Während Touristengruppen durch eine Kirche nach der anderen geführt wurden ... versuchte ich, hinter die Kulissen zu schauen. So gelangte ich auf der Rückseite der Kirche Santo Domingo hinter das Inka-Mauerwerk. Und als ich die schwarzen Inkasteine fotografierte ... sprach mich ein katholischer Geistlicher an.

»Wollen Sie sehen, was sonst kaum jemand zu sehen bekommt?«, fragte er mich in seltsam schwäbelnder Mundart. Der Mann hatte in Deutschland Theologie studiert ... und kannte mein Buch »Astronautengötter«. Zögernd folgte ich ihm. Dann zeigte mir der Gottesmann zwischen Hunderten von Bausteinen aus der Inkazeit ... zwei fast identische Plastiken, in harten Stein gemeißelt. »Sieht das nicht wie ein Motor aus?« fragte er mich, die Stimme zu einem Flüstern senkend.

Ich muss zugeben: Ich bin nach wie vor perplex. Was stellen diese beiden seltsamen Steinplastiken – von Inkas angefertigt – dar? Etwa tatsächlich einen Motor? Die beiden »Dinger« wirken technisch auf mich, wie eine motorbetriebene Töpferscheibe, zum Beispiel. »Die Inkas sollen den Motor gekannt haben?«, frage ich den Geistlichen. Er lacht verschmitzt. »Oder jemand hat ihnen einen Motor gezeigt ... und sie haben diese primitiven Kopien in Stein angefertigt ...« Ich will noch fragen, wer denn den Inkas einen Motor gezeigt haben soll. Der Theologe lacht nur ... und entschwindet mit wehendem Priesterrock.

Einer der »Motoren« von oben
Foto: W-J.Langbein
Ja ... Wer sollte den Inkas so etwas wie einen Motor gezeigt haben? Oder haben Steinmetze der Inkas nur in Stein gemeißelt, was ihre Vor-Vor-Vorfahren irgendwo gesehen haben? Aber ein Motor passt weder in die Zeit der Inkas, noch in die Epoche vor den Inkas ... wenn diese kuriosen Kunstwerke aus Inkazeiten ... überhaupt etwas Motorähnliches darstellen.

Wenn es nichts Technisches ist ... was dann? Ich frage mich: Dürfen wir Inkaplastiken mit unseren Augen sehen? Wir müssen es ... haben wir doch keine anderen!

Fußnoten1 Leithäuser, Joachim G.: »Ufer hinter dem Horizont«, Berlin 1968, S. 189
2 ebenda, Seite 190
3 ebenda, Seite 190

»Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«,
Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2012

Sonntag, 3. Oktober 2010

37 »Mit der Bahn in die Vergangenheit«

Teil 37 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein kleiner Teil der Monstermauer
von Cusco/ Sacsayhuaman
In unserer schnelllebigen Zeit werden auch die großen Rätsel der Vergangenheit gern im Sauseschritt absolviert. Nach einer Bustour durch Cuzco wird ein Abstecher zur Monstermauer von Sacsayhuaman gewagt. Oft spulen gelangweilte Guides ihr einstudiertes Informationsprogramm ab. Rasch werden einige Fotos gemacht.. und schon geht es weiter.

Gewaltige Schätze fielen im 16. Jahrhundert den raubenden und plündernden Spaniern in die Hände. Unvorstellbare Mengen an Gold wurden als Lösegeld für den letzten Inka Túpac Amarú gefordert. Aus dem gesamten Inkareich setzten sich schwer beladene Karawanen in Bewegung. Gewaltige Reichtümer wurden nach Cuzco geschafft. Allen Versprechungen zum Trotz wurde aber der Inka-Herrscher dann doch nach einem absurden Schauprozess zum Tode verurteilt und ermordet.

Die Spanier, Vertreter des »zivilisierten Abendlandes«, hatten keinen Sinn für die Goldschmiedearbeiten der Inka. Sie schmolzen herrlichste Kunstwerke ein, gossen sie in Barren. Nicht unerhebliche Schätze konnten aber vor den spanischen Barbaren gerettet werden. Sie wurden, so lautet die Überlieferung, in entfernte und kaum zugängliche Bergregionen geschafft. In den legendären Orten Huilcabamba und Vilacabamba sollen sie versteckt worden sein. Vergeblich suchten die Spanier danach. Sie folterten zahllose Inka grausam zu Tode, erfuhren aber nicht, wo sich die geheimen Schatzverstecke befanden. Auch Hiram Bingham suchte vergeblich. Auch wenn er den bis heute vermissten Inkaschatz nicht fand, soll er dennoch Kostbarkeiten von erheblichem Wert außer Landes geschafft haben.

Unterwegs nach Machu Picchu
Von Cusco aus geht es im Morgengrauen mit der Eisenbahn nach Machu Picchu. Wenn man Glück hat, kann man die ganze Strecke im Zug zurücklegen. Manchmal muss man die erste Etappe mit dem Bus fahren.

Zunächst passiert man die Elendsviertel von Cusco. Zum Skelett abgemagerte Hunde wanken durch die Slums. Erwachsene, Kinder und Jugendliche schuften. Selbst Kleinkinder schleppen schwere Lasten. Thilo Sarrazin hat Recht: Im Vergleich zu den Armen von Cusco sind die »Armen« in Deutschland steinreich. Doch während manche »Arme« in Deutschland ihr unerträgliches Los bejammern.... scheinen die materiell wirklich Armen von Cusco stolz auf ihrer Hände harte Arbeit zu sein.

Der Zug quält sich durch grandiose Landschaft in die Höhe. Was für ein krasser Gegensatz bietet sich dem Reisenden: zwischen dem schlammigen Grau von Cusco und dem üppigen Grün der subtropischen Gefilde. Wir nähern uns den Ausläufern des Amazonasgebietes.

Unterwegs legt der Zug eine kurze Pause ein. Die kleine »Station« markiert den höchsten Punkt der Zugstrecke: 4319 Meter über dem Meer! Weiter geht’s: über den Urubamba. Wir erreichen Ollantaytambo. Hier enden alle Straßen. Von hier an ist der Zug das einzige Verkehrsmittel. Nach etwa vierstündiger Fahrt kommen wir in »Aqua Calientes« an. Der Name des Dorfes weist auf die heißen Quellen hin.

4319 Meter über dem Meer
In Aqua Calientes kann man höchst preiswerte kleine Hotels finden. Von hier aus sind es nur noch etwa acht Kilometer bis zu den Ruinen von Machu Picchu. Busse schaffen Touristengruppen über eine geradezu lebensgefährlich anmutende Serpentinenstraße zur verlorenen Stadt und wenige Stunden später wieder zurück. Touristenströme drängen sich durch den schmalen Eingang am Kartenhäuschen vorbei und ergießen sich über das Areal von Machu Picchu. Jeder der bis zu 1500 Besucher ärgert sich über die anderen 1499 Touristen, die jedes Foto durch ihre bloße Anwesenheit verderben.

Wer den Zauber von Machu Picchu erleben möchte, hat nur eine Chance: Man nimmt sich ein Zimmer im »Hotel Machu Picchu Ruinas«, das direkt am Eingang der mysteriösen Stadt liegt. Dann kann man schon vor 10 Uhr morgens die rätselhafte Anlage gehen, bevor der erste Bus ankommt. Nach 15 Uhr, wenn der letzte Bus ins Tal gefahren ist, dann wird es wieder still und man ist nahezu alleine.

Im Herbst 1992 war ich mit drei Freunden vor Ort. Insider warnten: Im Sommer waren die Rebellenführer der »Tupac Amaru« und des »Leuchtenden Pfades« Victor Polay Campos und Abimael Guzman verhaftet worden. Am 10. August 1995 wurden sie vor einem Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Drohten nun Anschläge auf beliebte Ziele wie Machu Picchu? Damit müsse gerechnet werden, hieß es. Derartige Meldungen schreckten offenbar viele potentielle Reisende ab. So waren meine drei Freunde und ich die einzigen Gäste im »Hotel Machu Picchu Ruinas«. Gegen Abend fuhren die Angestellten des Hotels ins Tal. Angeblich blieb ein Nachtwächter bei uns. Ich muss zugeben: Etwas mulmig war mir damals schon!
Plötzlich wie ausgestorben...

Immer wieder hat es mich in den vergangenen Jahrzehnten nach Machu Picchu gezogen. Ich erinnere mich noch sehr gut: Vor meinem ersten Besuch habe ich dickleibige Bücher über die verlorene Stadt gelesen und detailreiche Pläne der Anlage studiert. Vor Ort aber verstand ich, dass die meisten der vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnisse reine Fantasiegebilde sind. »Palast der Prinzessin« heißt ein großes Haus, »königlicher Palast« ein anderes. Bezeichnungen wie »Heiliger Platz«, »Sonnenfeld« und »Heiliger Felsen«, »Viertel der Handwerker« und »Palast der Sonnenjungfrauen« täuschen aber nur Wissen vor. In Wirklichkeit liegt über Machu Picchu der Schleier des Rätselhaften. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir so gut wie nichts über Machu Picchu wissen.

Die präzise formulierten Bezeichnungen werden von eifrigen Guides mit inbrünstiger Überzeugung vorgetragen. In Wirklichkeit weiß aber niemand, ob zum Beispiel im »Gefängnisviertel« jemals ein einziger Häftling eine Strafe abbüßen musste. Niemand vermag zu sagen, ob es je so etwas wie eine Haftanstalt in Machu Picchu gab.

Imposant ist auch der »Tempel der drei Fenster«. Drei aus gewaltigen Steinquadern kunstvoll gestalteten Fenster sind bis in unsere Tage erhalten geblieben. Bei Sonnenaufgang soll einst das Innere des »Tempels« in geheimnisvolles Licht getaucht worden sein. Heute ist fast nur noch eine massive Steinfassade erhalten. Ob allerdings die drei Fenster je zu einem »Tempel« gehörten, das weiß niemand. Leider gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen der Erbauer und der Bewohner der Stadt.

Tempel der drei Fenster...
wenn es denn ein Tempel war!
Nichtwissen mag Vertretern der Schulwissenschaften ein Gräuel sein. Dennoch: Vergessen wir die zahlreichen Fantasienamen. Begnügen wir uns mit der Gewissheit, dass wir so gut wie nichts wissen. Eingeweiht in die Mysterien von Machu Picchu wareinst die Amauta, ein Gremium aus adeligen Philosophen und Wissenschaftlern der Inka-Zeit. Noch im 16. Jahrhundert lebte deren uraltes Wissen: als eine alte Form der Esoterik. Den Spaniern wurde dieser Schatz niemals offenbart.

Der spanische Soldat Miguel Rufino, so überliefert es die Chronik von Don Antonio Altamirano (verstorben im Jahr 1556), befreite die Inkaprinzessin Accla Gualca aus den Klauen seiner christlichen Landsleute. Er befürchtete, und das ohne Zweifel zurecht, dass man sie foltern würde, um ihr die Geheimnisse ihres Volkes zu entlocken. Dabei ging es nicht um esoterisches Wissen, sondern ganz konkret um Schatzverstecke. Die Spanier waren in ihren Methoden alles andere als zimperkich.

Miguel Rufino und Accka Gualca entkamen den spanischen Häschern. Sie schlugen sich auf strapaziösesten Wegen bis nach Machu Picchu durch. Vor der Amauta von Machu Picchu mussten beide schwören, das Geheimnis der heiligen Stadt zu wahren. Miguel Rufino hat die wirkliche Bedeutung von Machu Picchu gekannt. Er war der einzige Spanier, der die Stadt in den Anden besuchen durfte, als dort noch stolze Inka residierten.

Blick auf einen Teil der Geisterstadt
Miguel Rufino hielt seinen Schwur. Angewidert von der Grausamkeit seiner goldgierigen Landsleute kämpfte er für die Inkas. Er wurde waffentechnischer Berater des Inka Manco. Beim Versuch, die Spanier wieder aus der Stadt Cusco zu vertreiben, fiel Miguel Rufino im Gefecht.

Martin Fieber schreibt in seinem bemerkenswerten Buch »Machu Picchu« (1): »Das wahre Machu Picchu sind aber nicht die 200 Gebäude, die vielen Tausend Treppenstufen oder die heiligen Megalithe... Das wahre Machu Picchu, die Seele der Stadt in den Wolken, ist für unsere Augen unsichtbar. Aber nicht für unser Herz.«

Machu Picchu ist eine geheimnisvolle Stadt. Und sie ist ein Symbol: Fern der plündernden Spanier überlebte hoch in den Anden eine friedliche kleine Gemeinde von Inkas. Sie hatten sich in eine »unwirtliche« Region zurückgezogen. Sie trieben keinen Raubbau gegen die Natur, sondern mit ihr. In Machu Picchu wurden überwiegend Mumien von Frauen gefunden. Sollte dies auf eine matriarchalische Religion hinweisen? Angeblich wurde Pachamama - »Mutter Erde« - in Machu Picchu verehrt. Uralte matriarchalische Glaubenssystem verehrten Muttergottheiten häufig in unterirdischen Höhlen.....

In der Nähe des »Heiligen Felsens« haben argentinische Studenten ein unterirdisches Labyrinth entdeckt. Es wurde von Archäologen erkundet und zugemauert. (2) Bei einem meiner Besuche in Machu Picchu kletterte ich unter einer Absperrung hindurch und quetschte mich in einen Felsspalt. Er verlief schräg nach unten, wurde offenbar breiter. Bevor ich aber weiter erkunden wurde, beorderten mich zwei recht unwirsch aussehende Aufpasser zurück....

Trotz intensiver Recherchen über Jahre, auch in Cuzco und Lima, konnte ich keine wissenschaftliche Publikation über die unterirdischen Gänge von Machu Picchu ausfindig machen. Wartet das eigentliche Geheimnis von Machu Picchu... in der Unterwelt?


Walter-Jörg Langbein in Machu Picchu
Foto: Willi Dünnenberger
Fußnoten

(1) Fieber, Martin: »Machu Picchu/ Die Stadt des Friedens«, Bad Salzuflen 2003, Klappentext

(2) Schmidt, Kai Ferreira: »Peru Bolivien«, Markgröningen, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 6/ 2000, S. 271


»Das Geheimnis der Glimmerkammer«,
Teil 38 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.10.2010

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