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Sonntag, 14. Juli 2019

495. »Grenzbereich Tod«


Teil 495 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Friedhöfe - für viele unheimliche Orte

DER SPIEGEL (1) fragte auf dem Cover der Ausgabe Nr. 17 vom 20.4.2019 »WER GLAUBT DENN SOWAS?« Der Untertitel der Schlagzeile »Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen«. Diese provokative Feststellung kann DER SPIEGEL zwar nicht belegen, bemerkenswert sind aber die konkreten Zahlen aus über die Deutschen und ihren Glauben. 2005, so vermeldet DER SPIEGEL, glaubten noch 45% der Befragten an ein Leben nach dem Tod. Nach den aktuellen Umfrageergebnissen sind es nur noch 40%.

Deutlich »gläubiger« sind Katholiken nach wie vor: 2005 bekundeten noch 65% der Befragten Katholiken, dass ihrer Überzeugung nach der Tod nicht das Ende ist, aktuell sind es nur noch 53%. Bei den Protestanten glaubten anno 2005 49% an ein Weiterleben nach dem Tod, heute sind es nur noch 41%.

Interessant ist, dass bei den »Konfessionslosen« die Zahl jener, die an ein Leben nach dem Tod glauben, anders als das bei Katholiken und Protestanten der Fall ist,  nicht etwa geschrumpft, sondern deutlich angewachsen ist, nämlich von 15% (anno 2005) auf 25%! Es glauben also heute mehr Konfessionslose als 2005 daran, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht. Meiner Meinung nach bedeutet »konfessionslos« nicht grundsätzlich, dass sich die Menschen vom christlichen Glauben abwenden. Viele von ihnen können einfach nichts mehr mit einer Institution Kirche anfangen. Skandale wie der schlimme Missbrauch von Kindern durch Geistliche haben sicher zu Kirchenaustritten geführt. Man kann sich von der Geistlichkeit distanzieren, dabei aber bei alten Glaubensüberzeugungen bleiben.

Foto 2: »Wer glaubt denn sowas?«
Unerwartet ist für mich, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod mit dem Alter nicht wächst, sondern sinkt. Bekundeten in der Altersgruppe der 18- bis 39-jährigen 43%, dass sie an ein Leben nach dem Tode glauben, so sind das bei den 65-jährigen und älteren Befragten nur noch 29%!
George Gallup Jr. führte in den USA eine ausführliche Untersuchung durch. Resultat: Hochgerechnet hatten etwa 23.000.000 Amerikaner zumindest kurzfristig einen »totenähnlichen Zustand« erfahren. 8.000.000 dieser Menschen hatten dabei »im Umfeld des Todes« so etwas wie ein »mystisches Erlebnis irgendeiner Art«. So umfassend die Recherchen von George Gallup Jr. auch waren, so sind sie doch nur bedingt verwertbar, wenn es um die Frage nach dem Leben nach dem Tode geht. Dr. Raymond A. Moody ist genau dieser Frage nachgegangen  und zum Ergebnis gekommen, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Nicht wenige Zeitgenossen hatten Nahtoderlebnisse, Visionen vom Weg ins Jenseits. Und da spielen Engel fast immer eine zentrale Rolle. Wenn das keine »fantastischen Realitäten« sind, was dann?

Dr. Raymond A. Moody (* 30. Juni 1944 in Porterdale, Georgia, USA) studierte zunächst Philosophie und promovierte zum Dr. phil. Nach einer Anstellung als Dozent studierte er Medizin und promovierte erneut. Schon während seines Studiums beschäftigte er sich intensiv mit unerklärlichen Phänomenen im Grenzbereich des Todes. Weltbekannt wurde er durch die Veröffentlichung seiner Studie »Leben nach dem Tod« (1). Es handelt sich dabei um eine wissenschaftliche Auswertung von Berichten von 150 Menschen, die im medizinisch-klinischen Sinne bereits gestorben waren und doch überlebt hatten. Dr. Moody kam zu einer Erkenntnis, die gar nicht in unser materialistisches Weltbild zu passen schien: Es gibt so etwas wie ein »Grundschema« des Sterbens. So unterschiedlich die Individualschicksale auch waren, den Menschen, die bereits einmal klinisch tot waren, widerfuhr Vergleichbares. Zunächst einmal erlebten sie ihr eigenes Sterben.

Foto 3: Reise ins Licht...
Ein ganz typisches Todeserlebnis hatte die Amerikanerin Alberta Osborne (2). Sie stellte dem Verfasser einen persönlichen, ausführlichen Bericht zur Verfügung. Alberta Osborne erlebte ihren eigenen Tod so: »Ich schloss die Augen und fiel zu Boden. Ich wurde aufs Bett gelegt. Die Krankenschwester begann sofort mit der Herzmassage. Es gelang ihr, mein Herz wieder in Ganz zu bringen. Ich keuchte und mein Herz blieb stehen. Sie ließ nicht von mir ab bis der Notarzt da war und übernahm. Mein Atem raste und der Schmerz schlug heftig und schnell. Auf dem schnellsten Wege kam ich in die Intensivstation des Krankenhauses. Ich war bei Bewusstsein. Ich registrierte alles, was geschah. Ich wurde an den Herzschlagmonitor angeschlossen und konnte den Schlag meines Herzens hören. Ich hörte wie eine Schwester zum Arzt sagte: ›Der Blutdruck fällt!‹ und ›Ich fühle keinen Puls mehr!‹ Wie ein Blitz kam mir der Gedanke: ›So, nun bin ich tot!‹«

Alberta Osborne wurde Mitte der 1970er Jahre wegen Anstiftung zum Mord zum Tod auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Die Todesstraferteil wurde in lebenslängliche Haft umgewandelt. Alberta Osborne, die immer ihre Unschuld beteuerte, verstarb am 11. August 2000 77jährig in ihrer Gefängniszelle, in Marysville, Ohio, USA.

Dr. Moody: »Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers.« Zunächst nimmt er sich in der normalen Umgebung wahr. Er sieht seinen eigenen Leib. Nach und nach gewöhnt er sich an den neuen Zustand. Alberta Osborne: »Ich hatte keine Angst. Ich sah meinen Körper, als ob ich schwebte, wie ohne Gewicht. Ich muss sagen: Ich war so glücklich und voller Freude, ohne Sorge. Kein Kummer, kein Schmerz, nur völlige Heiterkeit.« Nach Dr. Moodys Erkenntnissen wird die Tatsache, dass man gestorben ist, schnell akzeptiert. Dann folgt dann so etwas wie eine »Reise« ins Jenseits. Sie wird von vielen der Betroffenen häufig als ein Flug durch so etwas wie einen Tunnel beschrieben.

Hannelore S. etwa, 41, hatte mit 29 einen »tödlichen Motorradunfall«. Aus ihrem Bericht an den Verfasser: »Ich fühlte mich leicht und ohne Schmerz. Ich schwebte und sah einige Meter unter mir meinen Körper. Ein Arzt kniete neben mir, schüttelte den Kopf: ›Da ist nichts mehr zu machen! Die Ärmste ist tot!‹ Er wirkte so wahnsinnig traurig, dass ich ihn am liebsten getröstet hätte. Aber dann tat sich  ein Tunnel vor mir auf. Ich flog hinein. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass es sehr rapide aufwärts ging. Plötzlich tauchte am Ende ein strahlendes Licht auf. Es war so wunderschön. Ich konnte gar nicht erwarten, in dieses Licht einzutauchen.«

Der Übergang von der Welt des Diesseits in das Jenseits wird von vielen Menschen, die Todeserlebnisse hatten, sehr ähnlich beschrieben, auch wenn die  konkreten Ausdrücke variieren: »dunkler Raum«, »Höhle«, »Schacht«, »Rinne«, »eingegrenzter Raum«, »Tunnel«, »Trichter«, »Vakuum«, »Leere«, »Rohr«, »Tal« oder »Zylinder«.

Ganz ähnliches widerfuhr auch Alberta Osborne. Allerdings hatte sie kein Röhrenerlebnis, sie sah
vielmehr gleich das als herrlich empfundene Licht: »Da war kein Kummer, kein Schmerz. Nur völlige Heiterkeit. Und als ich weiter schwebte, sah ich plötzlich vor mir ein sanftes orangenes Licht. Es war so hell, dass es mit Worten nicht zu beschreiben war. Es war fast blendend, aber ich sah immerzu hinein und schwebte näher und fühlte nur, dass ich mich beeilen wollte, um hineinzugelangen. Es sah so sanft aus, wie ein enormer Ball aus Zuckerwatte. Obwohl ich immer wieder sagen muss, dass Worte die Schönheit von all dem nicht beschreiben können: So war es in etwa.«

Während meines Studiums der evangelischen Theologie machte ich ein Praktikum in einem Altersheim. Einige der alten Menschen fassten Vertrauen zu mir und erzählten mir sehr persönliche Erlebnisse in Sachen »Grenzbereich Tod«.

Foto 4: Sterben, wie ein Gang durch einen Tunnel?

Karl Schuster (3) bereiste in Mitte der 1950er Jahre Peru. Besonders fasziniert war der gelernte Buchdrucker von Ollantaytambo. Karl Schuster: »Ich hatte zu wenig Zeit und habe mir wohl zu viel zugemutet. In Ollantaytambo, immerhin fast 2.800 Meter hoch gelegen, wurde mir plötzlich schlecht. Ich erinnere mich noch daran, dass ich aus einem in Stein gefassten Brunnen trinken wollte. Das Wasser war glasklar. Ich habe noch das Geräusch des plätschernden Wassers in den Ohren… «
Karl Schuster, damals 55 Jahre alt, bückte sich, doch bevor er einen Schluck zu sich nehmen konnte, wurde ihm schwarz vor Augen. Er brach zusammen, zog sich dabei eine blutende Wunde an der Stirn zu.

»Plötzlich hörte ich einen anschwellenden, zirpenden Ton. Ich fühlte mich so unglaublich leicht. Meine Rückenschmerzen, unter denen ich damals fast rund um die Uhr gelitten habe, waren weg. Ich empfand es als ganz natürlich, dass ich sanft gen Himmel schwebte, immer schneller und schneller. Schließlich sah ich unter mir die Ruinen von Olantaytambo.«

Foto 5: Ein Brunnen bei Ollantaytambo...

Karl Schuster bedauerte, keinen Fotoapparat dabei zu haben. »Der Anblick war überwältigend! Immer höher und höher stieg ich auf. Neben mir, rechts und links, schwebten zwei Gestalten mit Flügeln. Ihre Gesichtszüge konnte ich nicht erkennen, sie wirkten irgendwie verschwommen. Etwas sehr Positives ging von den beiden aus. Beide deuteten dann auf etwas Helles, sich am Himmel Drehendes. Es erinnerte mich an einen Wasserstrudel. Es kam mir so vor, als würden mich die beiden Gestalten zu diesem Wirbel bringen. Der wurde immer größer und größer. Er drehte sich gemächlich. Ich wusste: Das war der Zugang zur anderen Welt. Als wir fast direkt vor diesem kreisrunden Licht angekommen waren, konnte ich durch diesen Eingang hindurch sehen. Ich sah Gesichter, Gesichter von alten Menschen, aber auch von Kindern. Ich erkannte niemanden. Plötzlich hielten wir inne. Ich wollte so gern durch dieses runde Tor in die andere Welt eingehen. Meine beiden Begleiter aber hinderten mich daran. Es sei noch nicht so weit, ich hätte noch vieles in meinem Leben zu erledigen!«

Karl Schuster spürte so etwas wie einen Ruck und Kälte.»Ich war wieder in meinem Körper. Ein junger Mann schöpfte eben wieder mit seinem Hut  glasklares Wasser aus der Quelle, schleuderte es mir förmlich ins Gesicht. Ich wäre gern den anderen Weg zu Ende gegangen, aber die Zeit war wohl noch nicht gekommen…« Angst vor dem Tod hatte Kerl Schuster seither nicht mehr.

Fußnoten
1) DER SPIEGEL, Nr. 17, 20.4.2019, Titelgeschichte »Wer glaubt denn sowas? Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen«, S.40-48
2) Osborne, Alberta: »Alberta Osbornes Bericht« in Langbein, Walter-Jörg (Herausgeber): »Im Gespräch mit dem Jenseits«, Göttingen 1984
3) Name wurde geändert

Zu den Fotos
Foto 1: Friedhöfe - für viele unheimliche Orte. Foto: Walter-Jörg Langbein (Symbolfoto)
Foto 2: »Wer glaubt denn sowas?«
Foto 3: Reise ins Licht... Foto: Walter-Jörg Langbein (Symbolfoto)
Foto 4: Künstlerische Darstellung eines Nahtoderlebnisses. Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ Jesse Krauß (Symbolfoto)
Foto 5: Ein Brunnen beiOllantaytambo... Foto Walter-Jörg Langbein (Symbolfoto)

496. »Licht und Hölle im Nahbereich Tod«
Teil 496 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21. Juli 2019




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Sonntag, 25. Juni 2017

388 »Kein Ballon für den Inka!«

Teil  388 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein
                      

Fotos 1 und 2: Nazca
Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Die zerkratzte, teilweise fast milchig-trübe kleine Fensterscheibe trübt aber die Freude. Trotzdem ist der Anblick fantastisch. Weder Fotos, noch Filme können die fantastisch anmutende Wirklichkeit von Nazca wirklich wiedergeben. Das Staunen lernt man, wenn man die Hochebene aus einem Flugzeug sieht. Sie wurde als riesige »Leinwand« benutzt. Freilich wurde nicht mit Farben gemalt.

Unter mir breitet sich die trockene, wüstenartige Hochebene von Nazca aus. Zwischen dem Río Nazca und dem Río Ingenio wurden vor rund zwei Jahrtausenden auf gut 500 Quadratkilometer riesige Darstellungen von Tieren vom Affen bis zum Walfisch in den trockenen Boden gescharrt, die im vollen Umfang nur vom Himmel aus erfasst werden können. Die kilometerlangen Linien und Bahnen sind sogar vom Weltall aus zu erkennen. Satellitenbilder lassen staunen.

1927 gilt als das Jahr der Entdeckung der Riesenbilder. 90 Jahre später weiß man immer noch nicht, wie viele der riesenhaften Bildnisse insgesamt einst im Boden verewigt wurden. Die unbekannten Künstler kratzten lediglich eine dunkle Schicht des bräunlichen Bodens weg, bis der hellere Untergrund zum Vorschein kam. Sie »zeichneten« gigantische Geoglyphen für wen auch immer. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden viele Erdzeichnungen wieder unter einer Staubschicht, die wieder verkrustete. Manchmal tauchen sie in unseren Tagen wieder auf, wie jene 24 Scharrbilder, die erst im Sommer 2015 von Forschern der Universität von Yamagata etwa 1,5 Kilometer nördlich von Nazca »entdeckt« wurden. Seit 2004 haben die emsigen Wissenschaftler aus Japan immerhin 50 Geoglyphen wieder gefunden, die vermutlich von starken Bodenwinden neuerlich freigelegt worden waren. Sie sollen besonders alt, noch vor dem Riesenkolibri geschaffen worden sein.

Für wen waren die gewaltigen Geoglyphen gedacht? Wer sollte sie sehen? Jim Woodman behauptet: Nazca war ein Startplatz für Heißluftballone. Seit vierzig Jahren bekomme ich immer wieder zu hören: »Jom Woodman hat seine Theorie vom Flug mit Heißluftballons über Nazca experimentell bewiesen!« Hat er das? Nicht wirklich!

Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann

 Jim Woodman ließ von der Firma Raven einen riesigen »Ballon« aus Baumwollstoff anfertigen. Für »Condor 1« durften nur Materialien verwendet werden, die auch den Menschen der Nazca-Kultur zur Verfügung standen. Der Koloss wurde auf der Hochebene von  Nazca mit heißem Rauch aus einem mächtigen Holzfeuer »betankt«. Die feinen Rußpartikel dichteten die Ballonhülle von innen ab, so dass die Hitze des Feuers nicht mehr entweichen konnte. So blähte sich der Ballon nach stundenlanger Befeuerung in der Nacht auf, erreichte am Morgen schließlich die Höhe eines zehnstöckigen Hauses.

Unter dem Ballon hing eine beängstigend kleine »Gondel«, aus Binsen geflochten, 2,5 Meter lang und 1,5 Meter hoch. Darauf nahmen Jim Woodman und Julian Nott Platz, sprich sie klemmten sich die schmale »Gondel« zwischen die Beine. Dann ging es auch schon los. Die Leinen wurden gekappt. Die Reise zur Sonne konnte beginnen (1):

Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer

»Der Aufstieg dauerte 45 Sekunden, ehe er aufhörte. Es war, als ob ein Fahrstuhl nach langer Fahrt im obersten Stock ankäme. Es schien, als ob wir für einen Augenblick aufwärts gezogen würden und dann wieder ins Gleichgewicht zurückfielen. Als ich von unserem Binsenboot nach unten schaute, baumelten wir fast 130 Meter über der Wüste. Die Aussicht war unglaublich.«  Nach nur zwei Minuten ging es wieder rapide abwärts. Woodman und Nott kamen wieder heil am Boden an, sprangen von ihrer »Banane« und der Ballon schoss wieder in die Höhe. 400 Meter über den Riesenbildern driftete er, vom Wind getrieben, dahin, um dann (2) »mehrere Kilometer entfernt auf dem Wüstenboden« aufzuschlagen. Knapp eine Viertelstunde hatte sich »Condor 1« am Himmel gehalten. Bis zur Sonne hatte es der Ballon nicht geschafft.

Man stelle sich vor: Der Leichnam des einstigen Inka wurde mit so einem Ballon gen Himmel geschickt, um nach Minuten wieder vom Himmel zu fallen. Ein würdevoller Abschied von einem mächtigen Herrscher sieht anders aus. Nach Jim Woodman diente bei der Luftbestattung des Inka die Feuerhitze nur als Starthilfe. Sobald der Ballon ausreichend Höhe erreicht haben würde, sollte die Sonne das Luft-Rauch-Gemisch im Ballon ausreichend erwärmen, um ihn stundenlang am Himmel zu halten.

Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«.

Ein Absturz auf den Wüstenboden wäre, so Woodman, dem Inka erspart geblieben. Die Winde hätten sein Ballongeführt gen Westen getrieben. Irgendwo wäre er dann mit Ballon im Pazifik versunken. Unbewiesen ist bis heute, dass die Sonnenwärme tatsächlich so einen »Nazca-Ballon« stundenlang am Himmel schweben lassen würde. Einen entsprechenden Versuch hat Jim Woodman erst gar nicht gewagt. Und dann wären da noch die von Woodman bemühten Winde, die aber in der Regel von West nach Ost wehen. Der »Inka-Ballon« wäre also nicht aufs Meer, sondern landeinwärts gedriftet und über Land abgestürzt. Es ist also falsch, wenn Woodman schreibt (3): »›Der Ballon müßte wahrscheinlich im Pazifik heruntergegangen sein. Der tote Inka, der darin fuhr, kehrte zurück zur Sonne – so mußte es aussehen.‹›Sagen die Legenden nicht so.?‹« Nein, Mr. Woodman, die Legenden sagen nicht so. Der tote Inka reiste nicht per Heißluftballon gen Himmel, um dann – pietätlos – abzustürzen. Eine solche Vorgehensweise wäre mit der immensen Verehrung der sterblichen Überreste der Inka nicht vereinbar gewesen.

Vielmehr wurden den toten Inka-Herrschern als Mumie große Ehren zuteil. In Cuzco trug man die reich geschmückten Mumien durch die Straßen. In edelste Gewänder gehüllt wurden sie wie lebende Menschen behandelt, mit Speisen und Getränken versorgt und bei Dürrekatastrophen durch die Felder getragen, um es wieder regnen zu lassen. Auch an Festivitäten ließ man sie teilnehmen, wie zu Lebzeiten von einem Heer von Dienern umsorgt.

Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel.

Anschließend brachte man sie wieder in den Coricancha-Tempel, in den »Sonnentempel« von Cuzco, also ins Zentralheiligtum. Nach Garcilaso de Vega, setzte man die Mumien auf goldene Throne im Allerheiligsten. Die Versammlung der Inka-Mumien mutet heute gruselig an. Dort glänzte eine mannshohe Scheibe aus massivem Gold, die die Sonne darstellen sollte. So gesehen reiste jeder tote Inka tatsächlich zur Sonne, die aber stand nicht am Himmel, sondern im Sonnentempel von Cuzco. Übrigens das Herz der Inka wurde in Ollantaytambo bestattet.

Auch Ollantaytambo beeindruckt heute noch. Mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit wurden gewaltige Steinquader transportiert und millimetergenau zusammengefügt. Wie die Inka die edlen Toten mumifizierten, welche Techniken sie anwandten, ist bis heute weitestgehend unbekannt.

Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo.

 Die Zerstörungswut der spanischen Eroberer hatte auch vor dem Inkaheiligtum nicht halt gemacht. Vom einst stolzen Bau war nur noch eine Ruine erhalten mit einzelnen Räumen, als anno 1650 Cuzco von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Über den Trümmern des Tempels wurde das Kloster von Santo Domingo erbaut. Nur vier Räume des einst gewaltigen Tempels wurden von den Klosterbrüdern weiter genutzt. Anno 1950 gab es wieder ein sehr schweres Erdbeben und siehe da… Es wurden Mauerreste des Tempels freigelegt.

Heute kann man in die »Unterwelt« des Klosters steigen und auch den Raum besuchen, der den Inka-Mumien als »Mausoleum« diente. Die herrlichen sakralen Kunstwerke der Inka gibt es natürlich nicht mehr. Die »zivilisierten« Eroberer haben sie eingestampft und zu Barren gegossen. So konnte das Inka-Gold viel leichter nach Europa geschafft werden.

Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter?

Mich beeindruckt die unglaubliche Präzision, mit der die Steine des Tempels zu Inkazeiten – oder schon früher – millimetergenau bearbeitet werden konnten. Die Steine wirken wie maschinell poliert. Geht man um die Kirche von Santo Domingo herum, erkennt man an der Rückseite Teile der alten »Inkamauer«, so sie denn überhaupt ein Werk der Inka ist. Ich halte es für durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die Inka ihrerseits einen noch älteren Vorgängerbau übernommen haben. Darüber kann man diskutieren. Zweifelsfrei aber steht fest, dass die Hochebene von Nazca nicht als Startplatz für Inka-Heißluftballons diente. Die Inka hatten keine Verbindung zu Nazca. Und die Nazca-Kultur – mindestens ein Jahrtausend älter als die der Inka – schickte auch keine Toten per Heißluftballon gen Himmel. Die Toten von Nazca wurden feierlich begraben. Je vornehmer der Tote war, desto tiefer hob man sein Grab aus.

Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ...

Am 31. Januar 1977 vermeldete DER SPIEGEL (4): »Mit einem aufsehenerregenden Experiment hat der Amerikaner Jim Woodman nachzuweisen versucht, daß südamerikanische Indianer bereits 500 nach Christus die Technik der Heißballonfahrt beherrschten.« Einer kritischen Überprüfung hält Woodmans These freilich nicht stand. Die Hochebene von Nazca bleibt nach wie vor rätselhaft. Eine »großartige Anlage eines Totenkults« war, wie DER SPIEGEL abschließend suggeriert, die »Nazca-Ebene mit ihren mythischen Zeichnungen« jedenfalls nicht.

Der Pilot meint es gut mit mir. Er bringt seine kleine Propellermaschine in Schieflage, so dass sich nun die berühmte Ebene von Nazca unter mir schier endlos ausbreitet. So habe ich einen perfekten Blick nach unten und kann so gut es geht fotografieren. Bahnen.. Bahnen.. Bahnen, soweit das Auge reicht! Ich fotografiere begeistert. Das macht auch mein Reisekollege, dem freilich der manchmal doch etwas wackelige Flug der kleinen Propellermaschine zu schaffen macht. Nach der Landung kriecht er, mit Übelkeit kämpfend aus der Maschine und wankt, kreidebleich, einige Schritt zum Rand der Start- und Landepiste, die freilich eher an einen besseren Feldweg erinnert. Erschöpft lässt er sich im Rasen nieder und starrt teilnahmslos in den Himmel.

Fußnoten
1) Woodman, Jim: »Nazca/ Mit dem Inka-Ballon zur Sonne«, München 1977, Seite 206, Zeilen  5-11 von oben
2) ebenda, Seite 210, Zeilen 3 und 4
3) ebenda, Seite 96, Zeilen 9-13 von unten
4) »Flug der Könige«, DER SPIEGL 6/ 1977


Foto 11: Großer, großer Vogel

Zu den Fotos
Fotos 1 und 2: Nazca ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Santo Domingo, Vordereingang, Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Rückseite von Santo Domingo mit  Inkamauer, wikimedia commons, Foto Håkan Svensson (Xauxa)
Foto 5: Blick in die Inka-»Gruft«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Unvorstellbare Schätze fanden die Spanier im Sonnentempel. Fotos und Collage Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mauerwerk von Ollantaytambo. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9: Inka-Mauerwerk - oder älter? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Bahnen, Bahnen, Bahnen ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Großer, großer Vogel. Foto Walter-Jörg Langbein

389 »Von Pyramiden und von der Angst vor den Toten«,
Teil  389 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 2.7.2017



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Sonntag, 21. August 2011

83 »Die Monstermauer von Ollantaytambo«

Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Monstermauer von
Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Ich stehe vor der »Monstermauer« von Ollantaytambo im südlichen Peru. Tonnenschwere Steinkolosse trotzen seit uralten Zeiten Wind und Wetter. Sintflutartiger Regenschauer macht das Fotografieren schwer. Regennass glänzen die Steinquader. Sie wurden ... davon bin ich überzeugt ... lange vor der Epoche der Inkas zusammengefügt. Von wem? Wann? Warum?

Als Kind versuchte ich herrlich exotische Namen wie »Ollantaytambo« richtig auszusprechen. Sehnsüchtig studierte ich Karten Südamerikas. Ich träumte von Reisen in jene fernen Gefilde ... Jetzt sitze ich hoffnungsvoll im Minibus. Bei strahlendem Sonnenscheint geht’s am Rio Patacancha entlang. Wir erreichen den Urubamba. Am Südufer erkenne ich die kleine Bahnstation von Pachar. Hier macht der Zug von Cuzco nach Machu Picchu Halt.

Das Dörfchen Ollantaytambo hat sich seit meinem letzten Besuch nicht verändert. Lehmhütten stehen auf altehrwürdigen Inka-Mauern. Kaum steige ich aus dem Bus, ziehen sich auch schon Wolken zusammen ... pechschwarze ... und es schüttet vom Himmel. Warum regnet es fast immer, wenn ich nach Ollantaytambo komme?

Ich hole meine Regenjacke aus dem Rucksack, verstaue die beiden Kameras darunter ... und los geht’s. Zügigen Schritts will ich die steinerne Treppe erklimmen. Auf einer Höhe von 2800 Metern über dem Meer komme ich bald in Atemnot ... Weiter ... weiter ... Mir kommt es so vor, als zöge sich der steile Weg entlang der künstlich angelegten Terrassen endlos hin. Sind es zweihundert Stufen oder 2000?

Eine Steinwand mit Nischen - Foto: W-J.Langbein
Ein Weg führt von der Treppe nach links ab. Ich folge ihm und entdecke eine Steinwand mit Nischen. In ihnen sollen einst goldene Statuen von Göttern der Inkas gestanden haben, heißt es. Manche übersetzen den Namen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Ich muss gestehen, eine der Nischen zu einem profanen Zweck missbraucht zu haben ... um die vollen Filme aus meinen beiden Kameras zu nehmen und neue einzusetzen.

Weiter geht es ... zurück zur Treppe ... und nach oben. Plötzlich stehe ich (wieder einmal) vor dieser »Monstermauer«. Die tonnenschweren Steinkolosse sind millimetergenau aufeinander gesetzt worden. Um genau zu sein: Sechs je rund 50 Tonnen schwere Steinkolosse wurden auf der anderen Seite des Urubamba-Flusses von einem Steinbruch am Berg ins Tal geschafft, über den Fluss gebracht und wieder den Berg empor bis an ihren heutigen Platz geschleppt. Sie wurden bearbeitet und millimetergenau angepasst und so zusammengefügt, dass keine Messerklinge zwischen die Steine passt!

Ich schreite die Mauer ab. Sie ist etwas über dreizehn Meter lang. In der Höhe variieren die sechs Porphyr-Kolosse leicht. Der größte hat folgende Ausmaße ... Höhe 3,96 Meter, Breite 2,13 und Tiefe 1,67 Meter. Messen kann ich nur die Dicke des ersten und des sechsten Steines. Die anderen dürften aber ganz ähnliche Maße haben.

Die mysteriöse Mauer
von Ollantaytambo
Foto: W-J.Langbein
Welchem Zweck diente die Mauer? Als Verteidigungswall macht sie keinen Sinn. Vermutlich ist sie Teil eines Tempels, der allerdings nie fertig gestellt wurde. Im Flussbett des Urubamba ruht seit vielen Jahrhunderten ein Steinriese, der jenen der Mauer sehr ähnelt. Er sieht ganz so aus, als habe man ihn irgendwie an die Mauer anfügen wollen. Allerdings ist er wesentlich größer als die schon riesigen Steinquader. Der Stein der Superlative wird auf 250 Tonnen geschätzt. Die Steinmetzen haben ihm vom Steinbruch hinab ins Tal geschafft. Stürzte er beim Überqueren des Flusses in die Fluten und konnte nicht mehr geborgen werden? Oder wurden die Arbeiten urplötzlich abgebrochen?

1536 belagerten die Spanier Cuzco. Wacker hielten die Inkas den Attacken der Europäer stand. Inkaherrscher Manku Qhapaq II. hatte sein Quartier in Ollantaytambo aufgeschlagen. Hernando Pizarro befahl den Angriff auf die Festung. Die Spanier rückten mit 30 Soldaten zu Fuß und 70 zu Pferde an, begleitet von einem großen Kontingent einheimischer Hilfstruppen. Pizarro erinnerte sich später: »Wir fanden die Anlage so gut befestigt vor, so dass es ein entsetzlicher Anblick war!« Der nächtliche Angriff schlug fehl. Fast wären die Spanier vollkommen aufgerieben worden, doch den stark dezimierten Truppen gelang die Flucht.

Schmale Steinstäbe
zwischen den Riesen
Foto: W-J.Langbein
Betrachtet man die massive Steinwand genauer, so fällt ein ungewöhnliches Detail auf. Die genialen Steinmetzen haben die sechs Steinquader sorgsam abgeschliffen, aber nicht direkt aneinandergefügt. Vielmehr setzten sie zwischen jeweils zwei der wuchtigen Steine sehr schmale, ebenso sauber zugeschnittene und polierte Steinstreifen oder Steinstäbe. Bei ausnahmsweise schönem Wetter gelang mir im Herbst 1992 ein schönes Foto dieser Besonderheit. Inkabauweise ist das nicht!

Manche übersetzen »Ollantaytambo« mit »Speicher meines Gottes«. Andere erklären den Namen ganz anders. Einst habe sich ein örtlicher Stammesfürst in eine der Töchter des regierenden Inka verliebt. Die Verbindung sei nicht standesgemäß gewesen, der lokale Regent probte den Aufstand ... und wurde besiegt. Der Name des rebellierenden Verliebten – angeblich hieß er Ollanta – sei in Ollantaytambo verewigt worden. Einleuchtend ist diese Interpretation nicht.

Warum sollte der Zufluchtsort des Inka-Herrschers Manku Qhapaq II. Ausgerechnet nach einem besiegten Aufständischen benannt worden sein? Es sind die Sieger, die die Geschichtsbücher schreiben. Es sind die Sieger, die Städten und Plätzen ihre Namen verleihen. Die Verlierer werden so gut wie möglich vergessen und nicht geehrt ... Schon gar nicht benennt man den Ort, wo die Inka die Spanier schlugen, nach einem verachteten Inka-Rebellen.

Steinkolosse aus Vorinkazeiten
Foto W-J.Langbein
Meine Meinung: Die romantische Liebegeschichte wurde erfunden, um eine »Erklärung« für einen Ortsnamen zu finden ... dessen wirkliche Bedeutung schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten ist!

Gern bezeichneten räuberische Eroberer, die plündernd fremde Kulturen zerstörten, ihre Opfer als »Wilde«. Die eigentlichen »Wilden« aber waren in meinen Augen nicht die Ureinwohner Mittel- und Südamerikas, sondern die »Christen« aus Europa!

Inka-Experten wie John Hemming und Peter Frost (1) gehen davon aus, dass die Inkas »Ollantaytambo« von Vorgängern übernahmen, deren Geschichte gänzlich unbekannt ist. Wenn Touristen nach Ollantaytambo kommen, nehmen sie sich gewöhnlich sehr wenig Zeit.

Wer indes nicht nur einige Minuten vor der wuchtigen Mauer von Ollantaytambo verharrt, sondern die Umgebung – hoch über der Inkastadt Ollantaytambo – erkundet, wird immer wieder auf riesige Steinklötze stoßen, die wohl von den Inkas ... schon vorgefunden wurden! Die Inkas haben einen alten heiligen Ort übernommen. Inka-Mauerwerk ist oft längst schon wieder eingestürzt oder verfallen, während die riesigen Monolithen aus Vorinkubierten nach wie vor den Naturgewalten trotzen! Ich behaupte: Schon die Inkas wussten nichts mit den Steinmonolithen anzufangen ... so wie auch wir heute nach wie vor vor so manchem Rätsel stehen!

Ein Steinriese aus uralten Zeiten
Foto: W-J.Langbein
Wer auch immer wann auch immer mit solch gewaltigen Steinen hantierte, muss erstaunliche Kenntnisse und Fertigkeiten besessen haben. Fakt ist, dass wir mit heutigen technischen Mitteln solche Kolosse kaum an Ort und Stelle schaffen könnten! Gewaltige Kräne und Sattelschlepper wären erforderlich, die im unwegsamen Gelände von Ollantaytambo nicht eingesetzt werden können.

Mir kommt es so vor, als hätten kundige Ingenieure aus uralten Zeiten komplexe Steingebilde anfertigen lassen, die so einem monumentalen Gebäude zusammengefügt werden sollten.

Von »primitiv« kann jedenfalls angesichts so manches Steinwunders nicht gesprochen werden. Warum können wir, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, nicht einfach zugeben... dass wir vor einem Rätsel stehen? Lässt das unsere Überheblichkeit nicht zu?

Unverstandene Technologie in Stein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Fakt ist: Die Monstermauer von Ollantaytambo kann Naturkatastrophen überstehen, die moderne Bauten zerstören ... Für die Inkas war das so erstaunlich nicht. Glaubten sie doch, die Bauten von Ollantaytambo seien einst unter Anleitung des großen Schöpfergottes Viracocha errichtet worden. Mit anderen Worten: Die Inkas selbst wussten nicht, wer die monumentalen Steinkolosse verbaute. Sie selbst trauten sich diese Kunst nicht zu, deshalb mussten sie einen mächtigen Gott bemühen ...

Fußnoten
1: Frost, Peter: »Exploring Cusco«, Lima 1989, S.100
Siehe auch Hemming, John: »Monuments of the Incas«, New York 1982


»Das Orakel in der Wüste«,
Teil 84 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.08.2011

Sonntag, 14. August 2011

82 »Engel, Teufel und ein Wal«

Teil 82 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

St. Jakobus birgt so
manches Geheimnis
Foto: W-J.Langbein
St. Jakobus liegt im Dunkel der Nacht. Der weiße Putz erstrahlt im hellen Blitzlicht meines Fotoapparats. Ein 90-jähriger Greis überprüft, ob das immer noch wehrhafte Gotteshaus auch wirklich abgeschlossen ist. Einst bot es den Menschen Schutz bei Überfällen durch feindliche Truppen. Und in seinem Inneren gab es einen kostbaren Schatz, nicht aus Gold oder Silber, sondern aus Farbe.

Am Morgen schließt der greise Küster die Tür zu St. Jakobus auf. Ich betrete ein kleines Vorräumchen. Durch eine gläserne Tür kann ich ins Innere des Gotteshauses blicken. Sonnenlicht fällt durch schmale Fenster ins Innere, Finger aus Licht gleiten über die Wände. Die Farbenpracht der zahlreichen Bilder, vor vielen Jahrhunderten entstanden, beeindruckt mich. Die Farben sind die alten Originale! Auch wenn da und dort weiße Lücken klaffen, so sind doch unzählige Kunstwerke von ganz besonderem Reiz erhalten geblieben!

Biblische Szenen wurden von unbekannten Malern verewigt. Sie wirken auf uns seltsam vertraut ... und sind doch keineswegs immer so bibelkonform, wie man das eigentlich von christlichen Malereien erwartet. Wir alle kennen die Geschichte von Kain und Abel (1): Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. Beide wollten Gott ein Opfer darbringen: Kain »von den Früchten des Feldes« und Abel »von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett«. Als Gott nur Abels Opfer annahm, erschlug Kain seinen Bruder.

Adam und Eva von Urschalling
Foto: W-J.Langbein
Bis heute ist unklar, warum Gott die Opfergaben von Kain, dem Ackermann, ablehnte. Lag es daran, dass Gott den Acker verfluchte, als er Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb? Verschmähte er Kains Ernteopfer, weil die Früchte vom verfluchten Acker stammten? Die Bibel gibt uns darüber keine Auskunft.

Wenn wir den biblischen Krimi von Kain und Abel lesen und mit den gemalten Illustrationen von Urschalling vergleichen ... dann fällt uns auf, dass der Künstler am Chiemsee Kain und Abel Gestalten zugesellte, die in der Bibel nicht vorkommen: Der fromme Abel bekommt einen Engel zur Seite gestellt, der Mörder Kain einen Teufel.

Was meist auch emsige Bibelleser nicht wissen: Einstmals war der »liebe Gott« gut und böse zugleich. Überspitzt ausgedrückt: Gott hatte eine teuflische Seite und zugleich die Charaktereigenschaften eines Engels. Gott war ursprünglich böse und gut zugleich. Der gut-böse Gott konnte durchaus sein Volk strafen, wenn ihm danach war. Ein besonders amüsant-pikanter Fall ... Gott veranlasst eine Volkszählung, um sein Volk zu piesacken. Bei Samuel (2) lesen wir: »Und der Zorn des Herrn entbrannte abermals gegen Israel, und er reizte David gegen das Volk und sprach: Geh’ hin, zähle Israel und Juda.«

Nun wird genau diese Geschichte in der Bibel ein zweites Mal erzählt, und zwar in den Chroniken. Hier heißt es (3): »Und der Satan stellte sich gegen Israel und reizte David, dass er Israel zählen ließe.« So banal die »Strafe« erscheinen mag, wichtig ist die Bedeutung der Veränderung der Geschichte: Erst war Gott der böse Strafende ... jetzt aber ist nicht mehr Gott die treibende Kraft, sondern Satan!

Kain opfert Früchte
des Feldes
Foto W-J.Langbein
Anders ausgedrückt: Das Böse des Gut-Bösen Gottes wird von Gott abgetrennt und zum bösen Satan. Versuchen wir uns in einer Begriffserklärung: Unser Wort »Teufel« hat eine griechische Wurzel, nämlich »diabolos«. »Diabolos« wiederum ist die Übersetzung des hebräischen »STN« oder – mit Vokalen versehen – »Satan« . Satan alias »Luzifer« wurde im »Alten Testament« ursprünglich sehr positiv gesehen. Er wird bei Hesekiel (4) in höchsten Tönen gelobt: »Du bist ein reines Siegel, voller Weisheit und über alle Maßen schön, du bist im Garten der Götter mit allerlei Edelsteinen geschmückt ... und warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, da du geschaffen warst.« Der »Teufel« war also ursprünglich ein Engel ... und zwar ein sehr guter! Wie viele andere Engel gehörte er zum unmittelbaren Hofstaat Gottes.

Abel opfert Tierisches
Foto: W-J.Langbein
In der Geschichte von Hiob (5) wird Satan schon böser, aber durchaus im Einvernehmen mit Gott selbst. Gott hat wieder einmal sein »Gefolge« (6) um sich versammelt, da wird eine kritische Frage aufgebracht. Ob wohl der fromme Hiob gottesfürchtig bleiben wird, wenn es ihm schlecht geht? Wer wie die sprichwörtliche Made im Speck lebt, kann leicht fromm den Blick zum Himmel heben ... Es kommt nach kurzem Disput zwischen Gott und dem Engel Satan zu einer Art Wette: Gott gestattet es Satan, Hiob und seinen Angehörigen schlimmstes Leid zuzufügen. Armut, Elend und Tod lassen aber Hiob nicht von seinem unerschütterlichen Glauben abrücken. Gott – der Gute – behält recht. Der böse Engel – Satan – hat sich geirrt. Ausbaden musste es ... der fromme Hiob!

Wer die Bibel mit detektivischem Spürsinn, wer ihre versteckten Botschaften erkennt, der weiß: Vom einst gut-bösen Gott spaltete sich das Böse ab. Gott wurde zum nur-noch-guten Gott ... und Satan alias Luzifer wurde zum Bösen. Für ihn war kein Platz mehr im Himmel. Die Konsequenz war der Höllensturz aus dem Himmel. Und so sagt Jesus – wir finden das Wort bei Lukas (6): »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.« Und so entstanden zwei polare Mächte: Gott und die guten Engel einerseits ... und Teufel und die bösen Engel andererseits. Dem aus dem Himmel gefallenen Engel Satan wurde ein böser Hofstaat beigestellt, aber nur in der Theologie. Diese seltsame, aber irgendwo auch logische Entwicklung wird in Urschalling sehr deutlich gemacht ... der »böse« Kain hat einen Teufel auf seiner Seite, der gute Abel einen Engel. So versuchte man sich »theologisch« die Welt zu erklären: Gott ist gut, aber es gibt dennoch das Böse auf Erden ... weil das Böse (der Teufel) den Menschen in Versuchung führen darf. Das Böse scheint oft zu obsiegen ... aber spätestens nach dem jüngsten Gericht siegt das Gute.

Jesus, der Wal und
zwei Teufel
Foto: W-J.Langbein
In Urschalling wird der Sieg des Guten über das Böse in einem für heutige Betrachter skurril anmutenden Freskogemälde: Wir sehen einen riesigen Walfisch mit weit aufgerissenem Maul. Er kann es nicht mehr schließen, weil Jesus sein Kreuz zwischen die Kiefer des Monsterwesen gestemmt hat. Aus dem Rachen des Wals steigen Menschen, ganz voran Johannes der Täufer (mit Heiligenschein) gefolgt von Adam und Eva. Die Bedeutung des Bildes aus christlicher Sicht: Jesus ist für die Menschen gestorben. Er hat durch seinen Tod und durch seine Auferstehung – so sieht es der Christ – die Menschheit gerettet. Nach dem »Jüngsten Gericht« folgt für die Gerechten das ewige Leben.

Im Kirchenführer »Urschalling« heißt es zum Wal-Bild (7): »Im Zeichen des Kreuzes werden sie (die Menschen) nun befreit, aus der Knechtschaft Satans herausgeführt in das neue Leben mit dem Auferstandenen beim Vater.« Auf dem Haupt des Wals von Urschalling steht, heute nur noch schlecht zu erkennen, Satan mit Klauenfüßen und spitzem Schwanz. Ein weiteres teuflisches Monster, mit Horn und Klauenpranke, schaut grinsend aus dem Maul des Wals. Wie ein sicherer Verlierer ... sieht es für mich nicht aus.

Urschalling vermittelt uns ein mittelalterliches Bild von der Welt, in der wir leben. Der Mensch wird vom Teufel bedroht, der vom Himmel gefallen ist ... und im Jenseits lockt das Paradies. Bei allem Respekt vor religiösen Weltbildern ... Unser Planet Erde wird von einem höchst irdischen und selbstgemachten »Teufel« bedroht! Und wir können nicht auf einen fernen Sankt Nimmerleinstag warten, bis wird von himmlischen Mächten von dieser Gefahr befreit werden! Wir müssen selbst tätig werden und eine höchst irdisch-reale »Bombe« entschärfen, bevor sie den gesamten Erdball zur Hölle macht!

Wir müssen so schnell wie möglich alles tun, damit das irdische Leben nicht durch ein künftiges globales Fukushima ausgelöscht wird. Religiöser Fundamentalismus welcher Art auch immer wird uns bei dieser Mammutaufgabe nicht helfen, ganz im Gegenteil!

Buchtipp:

Fußnoten
1: Das Erste Buch Mose Kapitel 4, Verse 1-16
2: Das zweite Buch Samuel Kapitel 24, Vers 1
3: Das erste Buch der Chronik Kapitel 21, Vers 1
4: Der Prophet Hesekiel Kapitel 28, Verse 12-15
5: Das Buch Hiob Kapitel 1, Verse 6-12
6: Das Evangelium nach Lukas Kapitel 10, Vers 18
7: Brugger, Walter und Bahnmüller, Lisa: »Urschalling«, Raublung, 3. Auflage 2003, S. 28

»Die Monstermauer von Ollantaytambo«,
Teil 83 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.08.2011

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