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Sonntag, 12. August 2018

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«

Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ich stimme mit Ephraim George Squier überein: Auch meiner Meinung nach war Pachacamac das »Mekka Südamerikas«. Aber warum? Die Menschen kamen als Pilger zu den heiligen Tempeln, offenbar aus dem gesamten Reich der Inkas. Warum? Was machte den Ort in der Wüste so anziehend? Was zeichnete ihn aus?

Foto 1: Die  Kathedrale von Guadalupe

Am Rande von Mexico City kommen Jahr für Jahr 20 Millionen von katholischen Pilgern in der riesigen Kathedrale zusammen, weil dort alter Überlieferung nach Juan Diego auf dem Tepeyac-Hügel am 9. Dezember Maria erschienen sein soll (1). Damals kam es zum berühmten Wunder: Auf dem schlichten Umhang des Heiligen Diego erschien wie von Zauberhand ein mysteriöses Bildnis der »Jungfrau Maria«, das eigentlich gar nicht hätte entstehen können, das gar nicht existieren dürfte und das längst wieder hätte zerfallen müssen. Selbst kritische Zeitgenossen sprechen von einem Wunder. Papst Johannes Paul II. sprach 1990 Juan Diego selig, 2002 schließlich heilig. Gab es in der Wüste bei Lima an der Küste auch ein so ungewöhnliches Ereignis, das Pachacamac zu so einem bedeutenden Pilgerort des Inkareiches machte?

Foto 2: Eine Statue von Johannes Paul II.

Vermutlich galt der Mensch als besonders vom Glück begünstigt, dessen sterbliche Überreste möglichst nah bei den heiligen Stätten beigesetzt wurden. Ephraim George Squier schreibt (2): »Abermals tiefer begegnet man wohl noch einer dritten solcher Lagen, woraus hervorgeht, wie stark einst der Zusammenfluss von Leuten an dieser Stelle war, und wie begierig das Verlangen, einen Ruheplatz in geheiligter Erde zu finden.«

Foto 3: Palmyra-Übersicht

Eine Anmerkung sei mir gestattet: Ephraim George Squier vergleicht Pachacamac mit den »Ruinen von Palmyra«. Das legendäre Palmyra liegt 215 Kilometer nordöstlich von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Schon im 7. Jahrtausend vor Christus siedelten hier Menschen. Weltberühmt war zum Beispiel der Baaltempel, der laut einer Inschrift am 6. April 32 v. Chr. Eingeweiht wurde. Am 30. August 2015 setzte die Islamistenmiliz dem uralten Heiligtum mit gezielten Sprengungen zu, verursache kaum zu behebende Schäden. Weltberühmt war auch der »Tempel des Baalschamin« in der Oase von Palmyra. Baalschamin gehörte zu einer Göttertriade, zusammen mit dem Mondgott Aglibol und dem Sonnengott Jarchibol. Im 4. Jahrhundert wurde der Tempel zur Kirche umgestaltet. Und am 22. August 2015 sprengte die Terrororganisation» Islamischer Staat« das Heiligtum.

Foto 4: Baaltempel von Palmyra.

Die Römer hatten an der Kreuzung der beiden wichtigsten Straßen Palmyras ein Tetrapylon (vierseitiges Tor-Monument) errichtet. Sie hatten unter großen Mühen sechzehn Säulen aus rosafarbenem Granit von Assuan herbeigeschafft. Der Zahn der Zeit hatte schon arg an dem herrlichen Bauwerk genagt. Nur noch eine der Säulen war ein Original, die übrigen waren durch Kopien ersetzt worden. Zwischen dem 26. Dezember 2016 und dem 10. Januar 2017 wurde das Tetrapylon fast vollkommen zerstört. Nach dem »Palmyra Monitor« (3) hat vermutlich der »Islamische Staat« das Tetrapylon, angeblich einst das schönste seiner Art, gesprengt.

Über Pachacamac liegt bedrückend bleierne Zeit, die scheinbar nur quälend langsam voranschreitet. Die Mari haben hier Tempel gebaut. Die Inkas kamen und zelebrierten ihren eigenen Kult mit dem Sonnengott im Zentrum. Die Inkas, die wir heute noch gern als blutrünstige Barbaren sehen, verhielten sich dem älteren Kult gegenüber sehr viel toleranter als die spanischen Eroberer den Menschen und der Kultur des Inkareiches gegenüber.

Es gab einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Glauben der Ureinwohner und dem Glauben der Inkas (4). Die Ureinwohner verehrten eher das Weibliche. Erde, Mond und Nacht waren bei ihnen weiblich. Die Inkas waren eher religiös-patriarchalisch orientiert. Feuer, Sonne und Tag waren bei ihnen männlich. Mit den Spaniern kamen Vertreter des männlichen Elements in seiner schlimmsten Ausprägung nach Südamerika.

Foto 5: Inka-Schlächter Pizarro
Am 16. November 1532 lockte Francisco Pizarro den Inka-Herrscher Atahualpa in eine Falle. Wie verabredet erschien Atahualpa mit mehreren tausend Ratgebern, Offizieren und Bediensteten im Zentrum von Cajamarca. Atahualpa wurde in einer Sänfte getragen. Alle waren wie besprochen unbewaffnet. Dominikaner Bruder Vincente de Valverde trat mit einem Dolmetscher auf Atahualpa zu, erklärte sich zum Gesandten Gottes und des spanischen Throns und forderte Atahualpa ebergisch auf, den katholischen Glauben anzunehmen und sich Karl V. zu unterwerfen. Atahualpa empfand das Ansinnen des »Gottesmannes« als beleidigend.

Er soll sich nach dem fremden Glauben erkundigt haben. Nicht zuletzt dank des mäßig talentierten Übersetzers kam das Gespräch ins Stocken. Ich vermute, dass der Geistliche Atahualpa bewusst provozieren sollte, um die unbewaffneten Inkas angreifen zu können. Warum sonst hatten sich Pizarros Gefolgsleute in den Gebäuden um die Plaza versteckt? Zahlenmäßig weit unterlegen, aber mit effektiven Waffen ausgerüstet, richteten die Spanier ein grausames Blutbad an. Tausende Gefolgsleute Atahualpas wurden niedergemetzelt, Atahualpa selbst wurde gefangen genommen. Gegen ein gigantisches Lösegeld, so versprachen die Spanier, würde der Inka freikommen. Sie hatten wohl nie ernsthaft in Erwägung gezogen, Atahualpa tatsächlich freizulassen. Zu groß war ihre Angst, Atahualpa würde sich rächen.

Atahualpa war schon ermordet, da waren immer noch unvorstellbare Schätze aus dem Inkareich unterwegs. Es soll den Inkas aber gelungen sein, die Kostbarkeiten vor den Spaniern zu verstecken. Bis heute sind riesige Mengen sakraler Kunstwerke der Inkas (vorwiegend aus Gold und Silber), die eigentlich als Lösegeld für Atahualpa gedacht waren, nicht gefunden worden. Sie werden in unterirdischen bei Cuzco und in unterirdischen Kammern im Umfeld von Pachacamac vermutet.Bekannt ist: Am 15. Januar 1533 machte sich Hernando mit vierzehn Reitern auf den Weg nach Pachacamac. Man kann davon ausgehen, dass Inka-Läufer lange vor den Spaniern in Pachacamac ankamen und die Tempelpriester warnten. So wurde wahrscheinlich der größte Teil des Tempelschatzes gerettet, sprich irgendwo in der Wüste vergraben.

Foto 6: Riesenwand des Riesentempels von Malta.

Ich stimme, wie gesagt, mit Ephraim George Squier überein: Auch meiner Meinung nach war Pachacamac das »Mekka Südamerikas«. Aber warum? Warum wurde Pachacamac zum Kultort? Warum wurde Pachacamac zum Sitz eines großen Orakels, schon bevor die Inkas dort ihren Sonnentempel errichteten? Warum wurden vor 6.000 bis 8.000 Jahren auf den kleinen Inseln Malta und Gozo 28 Tempel errichtet? Warum wurden mit immensem Arbeitsaufwand gigantische Steinkolosse verbaut?

Foto 7: Gott oder Astronaut?(Val Camonica)
Warum wurden im doch sehr begrenzten Val Camonica in Norditalien über einen Zeitraum von vermutlich rund 10.000 Jahren hunderttausende Gravuren in den Stein geritzt?

Warum gab es bereits lange vor der Islamisierung in Mekka ein Heiligtum (Kaaba in Mekka), das lange vor Mohammed Ziel von Wallfahrten war? Hubal (5) war ein Mondgott. Sein Bildnis, vermutlich eine Statue aus rotem Karneol, stand einst in der Kaaba. ʿAmr ibn Luhaiy soll das Abbild der alten Gottheit von einer seiner Reisen nach Mekka gebracht haben. Woher das verehrte Kunstwerk stammt, wir wissen es nicht. Angeblich stand es einst an einer Quelle. Hubal war berühmt für seine Orakel. Er würde gut zum Orakel von Pachacamac passen. Wie erfolgreich die Hubal-Orakel waren, das sei dahingestellt. Sehr hilfreich war das Orakel von Pachacamac für die Inkas offensichtlich nicht. Die Inkas sollen es häufig konsultiert haben. Wichtige Entscheidungen wurden stets erst nach Befragung des Orakels getroffen. Offensichtlich hat das Orakel die Inkas nicht vor den Spaniern gewarnt. Oder schlugen die Inkas die Prophezeiungen des Orakels in den Wind? Ja womöglich deuteten sie nebulöse Vorhersagen falsch und schätzten die Spanier vollkommen falsch ein.

Foto 8: Der Omphalos-Stein
In Griechenland markierte der Omphalos-Stein im Apollon-Tempel zu Delphi den »Nabel der Welt«. Das altehrwürdige Kultobjekt war ursprünglich ein Opferstein der Göttin Gaia. »Omphalos« hieß auch der kleine Tempel, der im »Forum Romanum« stand, nach dem Glauben der Römer genau am »Nabel der Welt«.

So gut wie alle Statuen waren umgestürzt, als der holländischen Admiral Jakob Roggeveen das merkwürdige Eiland am Ostermontag den 6. April 1722 »entdeckte«. So kam die Insel zu ihrem Namen. Die Eingeborenen aber nannten ihre kleine Heimat (163 Quadratkilometer) »Te Pito o Te Henua« (Nabel der Welt).  Roggeveen hatte Kap Horn umrundet und war quer durch den riesigen Pazifik gesegelt, in der Hoffnung, einen bis dato unbekannten Kontinent zu entdecken. Roggeveens Vater war mit dem Projekt gescheitert: an der damals schon übermächtigen Bürokratie. Als Vater Roggeveen endlich alle Genehmigungen beisammen hatte, konnte er nicht mehr in See stechen.

Foto 9:  Nan Madol.
Warum wurden vor »Temwen Island« (Pohnpei, Archipel der Karolinen, »Föderierte Staaten von Mikronesien«) mit gewaltigem Aufwand 92 künstliche Inseln geschaffen, um darauf teils gigantische Tempel aus Basaltsäulen zu errichten? Viel einfacher wäre es gewesen, die Tempel auf dem Festland zu bauen, aber es musste offenbar genau dort im Meer geschehen. Warum?

Offensichtlich gibt es auf unserem Globus Orte, die die Menschen  seit Jahrtausenden wie magisch anziehen. Gläubige sehen es als ihre religiöse Pflicht an, diese Orte aufzusuchen. Sie nehmen große Strapazen auf sich, um ans Ziel zu kommen, allen Gefahren zum Trotz.

Warum sind manche Orte so besonders für religiöse Zentren geeignet? Was unterscheidet diese Orte von anderen? Was zeichnet diese besonderen Stätten aus? Was zeichnet Orte aus, die als »Nabel der Welt« bezeichnet wurden?

Hat sich an diesen Orten einstmals Wundersames ereignet? Der Sage nach wurde der erste König von Nan Madol von »Himmlischen« bestimmt, die in fliegenden Schiffen unterwegs waren. Sollte es vor Jahrtausenden wirklich Kontakte mit »Himmelsschiffen« gegeben haben? Wurden die Plätze, an denen sie landeten, für heilig gehalten? Glaubte man, sie besonders verehren zu müssen, weil sie von den »Himmlischen« auserwählt und begünstigt worden sind?

Fußnoten
(1.1) Badde, Paul: »Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb«, Berlin 2004
(1.2)Fischinger, Lars: »Das Wunder von Guadalupe/ Nicht von Menschenhand«, Güllesheim 2007
(1.3) Hesemann, Michael: »Nicht von Menschenhand – Marienerscheinungen und heilige Bilder: Mysterium – Ungelöste Rätsel der Christenheit, Band 1«, Paderborn 17. September 2015
(2) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, S. 85 unten
(3) http://www.palmyra-monitor.net/isis-destroyed-the-tetrapylon-and-part-of-the-roman-theater-in-palmyra/ (Stand 20.06.2018)
(4) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009, Pos. 40
(5) Nagel, Tilman: »Mohammed/ Leben und Legende«, München 2008

Foto 10: E. George Squier

Zu den Fotos
Foto 1: Die  Kathedrale von Guadalupe, Mexico City. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine Statue von Johannes Paul II. steht nahe der Kathedrale von Guadalupe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Palmyra-Übersicht. Foto wikimedia commons/ James Gordon Stobkcuf
Foto 4: Baaltempel von Palmyra. Foto wikimedia commons/ Zeledi Longbow4u Foto 6: Riesenwand des Riesentempels von Malta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Denkmal für den Inka-Schlächter Pizarro, Lima, Peru. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 Riesenwand des Riesentempels von Malta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott oder Astronaut, Val Camonica. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Omphalos-Stein, Nabel der Welt in Griechenland. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 9: Eine Monstermauer von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ephraim George Squier um 1870. Wikimedia commons public domain


448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«,
Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2018

Sonntag, 5. August 2018

446 »Bleierne Zeit über einer Wüste des Todes«

Teil 446 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die Pyramiden von Sipán könnten auch ...

Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war laut »Wikipedia« ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«. Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt,und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (1):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.«

Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (2) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kam es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 2... in Pachacamac stehen.

In Pachacamac scheint dieser Prozess in Urzeiten seinen Anfang genommen zu haben. Der Verfall ist weiter fortgeschritten als in Sipán und Túcume. Über Mauerresten, über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und einer schier unendlichen Wüste des Todes hängt scheinbar greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist.  Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Lovecrafts fiktive »Stadt ohne Namen« ist irgendwo in der »Arabischen Wüste« angesiedelt, »verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah versunken im Sand nie gezählter Zeitalter.« (1) »Verfallen und stumm« sind heute die einst kolossalen Pyramiden von Séchin und Túcume in Peru. Sie wirken auf mich als wären sie im Verlauf von Jahrtausenden geschmolzen und hätten ihre Konturen verloren. Der Prozess scheint unaufhaltbar zu sein. Auch heute noch, so kommt es mir vor, versinken Mauerreste im Boden. Stein für Stein werden sie vom Erdreich verschlungen, gierig und doch langsam. Diese Mauern sind kaum noch von natürlichen Formationen zu unterscheiden.

Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen.

Pachacamac wirkt sehr viel älter als es ist. Oder zeitlos, wie eine uralte Ruine auf dem Mars. Wäre Pachacamac von einem Filmemacher erfunden und als Kulisse errichtet worden, dann könnten dort Szenen gedreht werden, die auf einem fernen Planeten spielen. Man würde den Kulissenbauern zur Umsetzung einer düsteren Fantasie gratulieren, zur real erscheinenden Unwirklichkeit.
Aber Pachacamac ist real, keine Fiktion.

Der Gesamtkomplex von Pachacamac bestand aus Terrassen und Tempeln. Terrassen und Tempel bildeten eine komplexe »Pyramide«, wobei die einzelnen Bestandteile der Pyramide aus unterschiedlichen Epochen stammen. Es gibt Grabanlagen, die älter sind als die Tempel und Terrassen. Mauern und Terrassen wurden über den Gräbern errichtet. Ja es muss bereits ein Friedhof vorhanden gewesen sein, als sakrale Bauten darüber gesetzt wurden.

Die ältesten Gebäude wurden vor dem Auftauchen der Inkas aus Lehmziegeln gebaut. Als die verbrecherischen »Eroberer« einfielen, da war die mysteriöse Stadt bereits über ein Jahrtausend alt. Erstaunlich gut erhalten waren bunte Fischfresken aus der Zeit vom 200 bis 500 n.Chr. Sie zeigen Fischmotive. Die ältesten Tempel wurden bereits um 200 n.Chr. gebaut.

Foto 4: Mauerreste von Pachacamac

Die Menschen der »Lima-Kultur« ließen kleine Lehmziegel an der Sonne hart werden. Dann verbauten sie die »adobitos« zu Mauern. Zur gleichen Zeit entstanden zumindest einige der berühmten Linien von Nazca.Um 650 n.Chr. nutzen die Wari das Kultzentrum, nicht nur als Zentrum für religiöse Zeremonien, sondern sie bauten auch Gebäude der weltlichen Art, für »Verwaltungsbeamte«. Mit der Andenregion trieb man Handel. Neue Gebäude wurden kaum gebaut, es wurden hauptsächlich alte Gebäude erweitert. Die Stadt wuchs und wuchs. In jener Zeit entstand der »Templo Pintado«, der »Bemalte Tempel«, von dem massive Fundamente anno 1939 von Dr. Alberto Giesecke ausgegraben wurden. Ab 1200 n.Chr. machten sich die Menschen der »Ichma- Kultur« in Pachacamac breit. Um 1450 n.Chr. kamen die Inkas, ließen die Menschen ihren Glauben und erweiterten Pachacamac um den Sonnentempel. Die Spanier fielen 1532 ein. Das bedeutete das endgültige Ende für das einst so blühende Zentrum Pachacamac.

Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima.

Francisco Pizarro (* 1476 oder 1478; †1541) hatte ein ungeheures Lösegeld für Inkaherrscher Atahualpa (geboren um 1500, ermordet am 26. Juli 1533 in Cajamarca) gefordert. Obwohl unvorstellbare Mengen an Gold und Silber aus dem gesamten Inkareich herbei geschafft wurden, obwohl ganze Karawanen wahre Reichtümer brachten, wollte der unersättliche Pizarro noch immer mehr. Da Francisco Pizarro von gewaltigen Goldschätzen in Pachacamac gehört hatte, schickte er seinen Bruder (Halbruder?) Hernando Pizarro y de Vargas los, der auch das Gold und Silber der Tempel von Pachacamac als Lösegeld einfordern sollte. Von Hernando Pizarro y de Vargas  wissen wir nicht, wann er geboren wurde. Er starb im Jahre 1578 »hochbetagt«, als einziger der Pizarrobrüder friedlich.

Als Hernando Pizarro y de Vargas  in Pachacamac eintraf, war schon ein Teil des Tempelkomplexes verfallen. Von der gewaltigen Mauer, die einst die gesamte Tempelanlage geschützt hatte, war so gut wie nichts mehr zu sehen. Sie ist wohl schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingestürzt. In wieweit die Spanier die heiligen Gebäude der Inkas und deren Vorgänger verwüsteten, das lässt sich nicht mehr wirklich genau feststellen. Im Verlauf des folgenden halben Jahrtausends verschwand ein Großteil der einstmals so beeindruckenden Kultanlage.

Mir kam es so vor, also ob in Pachacamac der Prozess des Zerfalls bereits in Urzeiten seinen Anfang genommen hat. Der Eindruck täuscht. Pachacamac ist seit Jahrhunderten, nicht seit Jahrtausenden vom Zahn der Zeit zerfressen worden. Sehr viel besser erhalten sind die rätselhaften Pyramiden von Sipán und Túcume.

Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros.

Über Mauerresten und über einzelnen undefinierbaren Brocken aus Mauerwerk und schier unendlicher Wüste hängt fast greifbar die bleischwere Zeit. Oder ist die Zeit irgendwann einmal stehengeblieben? Bei meinen Besuchen erlebte ich Pachacamac wie die Kulisse einer Verfilmung einer Erzählung von H.P. Lovecraft. Howard Philips Lovecraft (* 20. August 1890; † 15. März 1937) war, so steht es lapidar bei »Wikipedia«, ein »amerikanischer Schriftsteller.« Weiter heißt es: »Er gilt als einer der weltweit einflussreichsten Autoren im Bereich der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur.« Ich schätze die Werke von H.P. Lovecraft sehr, einfühlsam und überzeugend beschreibt er eine »Stadt ohne Namen«.

Lovecrafts einleitenden Worte kamen mir auf so mancher Reise in den Sinn, als ich in Peru unterwegs war, etwa als ich die Pyramiden Sipán und Túcume besuchte, die lange, viel zu lange keine Pyramiden sein durften. Lovecraft schreibt, und ich zitiere hier noch einmal die wunderbare Version des FESTA-Verlags (2):

»Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem hastig geschaufelten Grab ragen mögen.« Pachacamac liegt, so habe ich das empfunden, in einer Wüste des Todes. Das mag übertrieben pathetisch klingen, trifft aber den Sachverhalt genau. In Pachacamac herrscht eine bedrückende, oder soll ich sagen, erdrückende Stille. Etwas Unbeschreibliches, Schweres lastet auf dem riesigen Areal, besonders in unmittelbarer Umgebung der Ruinen. Und genau so hat es Ephraim George Squier vor 150 Jahren empfunden.

Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac

Ephraim George Squier schreibt (3): »Nichts kann die Kahlheit und Oede des Anblicks der Ruinen übertreffen, welche so still und leblos sind wie die von Palmyra. Kein lebendes Wesen ist zu sehen, ausgenommen vielleicht ein ein vereinzelter Kondor, der über dem verwitterten Tempel seine Kreise zieht; nichts ist zu hören auszer dem regelmäszigen Wellenschlage des Groszen Ozeans, der sich am Fusze der Erhöhung bricht, auf welcher der Tempel stand. Esa ist hier ein Ort des Todes, nicht nur wegen seines Schweigens und seiner Unfruchtbarkeit, sondern auch als Begräbnisstätte vieler Tausende der alten Bewohner. Zu Pachacamac scheint der Raum um den Tempel herum ein einziger groszer Friedhof gewesen zu sein. Man grabe nur irgendwo in den trockenen, salpeterhaltigen Sand hinein und man wird auf sogenannte Mumien stoszen, die aber wirklich die ausgetrockneten Leichen der alten Zeit sind.«

Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883)

Irgendwie ist Pachacamac, nachdem die einst bombastischen Tempelkomplexe weitestgehend verschwunden waren, in der Zeit hängen geblieben. In der Einöde fiel mir jeder Schritt schwer. Jeder Atemzug erinnerte eher an Hölle als an Paradies. Und in der Wüste des Todes ruhen noch unzählige Tote. Sie sind inzwischen längst ausgedörrt. Wie viele Tote mögen in unmittelbarer Nähe der Heiligtümer vergraben worden sein? Für wie viele Tote mögen Grabkammern geschaffen worden sein. Wie vielen Tote in Grabkammern bekamen Reichtümer mitgegeben? Und wie viel Gold- und Silber aus den Tempelheiligtümern konnte vor den Spaniern in Sicherheit gebracht werden?

Fußnoten
(1) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 15 und 16 von unten. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
(2) Ebenda, Zeilen 1-5 von oben.
(3) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, Seite 84 unten  und Seite 85 oben (Rechtschreibung unverändert von Squier übernommen. Man beachte: das »scharfe s« wird stets als »sz« geschrieben. Noch in meiner Jugend bezeichnete man das »scharfe s« auch als »sz«. Die Älteren werden sich noch erinnern.)
(4) ebenda, Seite 85 unten

Zu den Fotos
Foto 1: Die Pyramiden von Sipán ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: ...könnten auch in Pachacamac stehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Die Tucúme-Pyramiden würden auch nach Pachacamac passen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5:  Francisco Pizarros protziges Grab in Lima. Foto wikimedia commons/ sandro Heinze
Foto 6:  Signatur Francisco Pizarros. Foto wikimedia commons/ maksim 
Foto 7: Zeichnerische Rekonstruktion Komplex Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein
Foto 8: Grundriss Pachacamac (um 1883). Archiv Langbein

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«,
Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2018

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Sonntag, 2. März 2014

215 »Jesus, Atahualpa und die Pyramiden von Cochasquí«

Jesus von Cochasqui.
Foto: Ingeborg Diekmann
Teil 215 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                    
von Walter-Jörg Langbein


Jesus ist von den Toten auferstanden. Er fährt auf zum Himmel. So ist es beim Evangelisten Markus zu lesen  (1). Nach einem der Petrusbriefe (2) ist Jesus der, »der in den Himmel gegangen ist, dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.« Ein unbekannter Künstler, vermutlich aus Quito, Ecuador, hat diese berühmte Szene in Stein verewigt. Man sieht Jesus gen Himmel schweben, zahlreiche Hände versuchen noch, nach ihm zu greifen.

In Cusco erklärte mir ein katholischer Geistlicher: »Vor rund 2000 Jahren hofften Jesu Anhänger, ihr Messias werde sie erlösen – von der Knechtschaft der Römer. Die Anhänger Atahualpas setzten ihre Hoffnungen in den letzten Herrscher der Inkas. Sie wurden aber enttäuscht. Atahualpa wurde – wie Jesus – hingerichtet. (3) Und das, obwohl die Inkas aus dem gesamten Reich gigantische Gold- und Silberschätze als »Lösegeld« herbeischafften. Herrlichste Kunstwerke aus Gold und Silber wurden tonnenweise zu Barren geschmolzen… etwa fünf Wochen lang! Man schätzt, dass rund 200 Tonnen Preziosen geraubt und vernichtet wurden. Aber die »zivilisierten« Spanier brachen ihr Versprechen, Atahualpa freizulassen. Sie befürchteten wohl mit Recht, der Inka-Herrscher Atahualpa könnte nach seiner Freilassung doch noch ein riesiges Heer aufstellen die entscheidende Schlacht gewinnen. Zahlenmäßig waren die Inka-Truppen den spanischen haushoch überlegen. Aus Sicht der Spanier war Inka-General Ruminahui.


Mauerreste eines angeblichen Palasts von Atahualpa.
Foto Walter-Jörg Langbein

Gold- und Silberschätze trafen auch nach der Ermordung Atahualpas aus allen Teilen des riesigen Reiches ein. Unzählige Karawanen mit unvorstellbaren Reichtümern schafften gewaltige Gold- und Silbermengen zu den spanischen Verbrechern. Noch so mancher Transport wurde in entlegenen Regionen des Inkareichs beladen und losgeschickt, als die Spanier ihren Gefangenen nach einem Scheinprozess längst ermordet hatten. So trafen weiter Teile des Lösegeldes ein, sollen aber noch rechtzeitig vor den Spaniern versteckt worden sein! Aber wo?

In den kilometerlangen unterirdischen Gängen von Cusco, zum Beispiel. Noch heute soll es ein gigantisches Netz von unterirdischen Tunneln geben: unter der alten Stadt Cusco ebenso wie im Umfeld der alten Metropole. Aus Zeiten der spanischen Eroberung sind Berichte überliefert. Demnach sollen einzelne Zeugen in der mysteriösen Unterwelt tatsächlich Gold- und Silberschätze aus Atahualpas Lösegeld gesehen haben.


Einige der Pyramiden von Cochasqui, Ecuador.
Foto Walter-Jörg Langbein

Es gab leider offenbar schon vor Jahrhunderten das Gerücht, die mysteriösen Pyramiden von Cochasquí in Ecuador würden in ihrem Inneren unvorstellbare Kostbarkeiten bergen. Cochasquí liegt rund 50 Kilometer nördlich von Quito, Ecuador, in der Pichincha-Provinz – in einer Höhe von 3100 Metern über dem Meeresspiegel.

Pyramide mit »Narbe«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Gerücht führte dazu, dass teilweise mit brachialer Gewalt Schatzsucher den Pyramiden von Cochasquí zu Leibe rückten. Fünfzehn Pyramiden-Stümpfe und etwa genau so viele Grabstätten sind von Archäologen katalogisiert worden. Wie mir ein katholischer Geistlicher schmunzelnd erzählte, suchen seit Jahrhunderten Archäologen und Grabräuber um die Wette. Gold und Silber wurden bislang so gut wie nicht gefunden. »Pyramide 9« machte auf mich einen besonders traurigen Eindruck. Es sieht so aus, als habe man ihr mit einem riesigen Messer eine klaffende Wunder zugefügt. Hier waren Grabräuber, keine Archäologen, am Werk. Zu ihrer großen Enttäuschung stießen sie aber nur auf massives Mauerwerk. Und das diente nicht als Schutz für Preziosen aus Inkazeiten, sondern als inneres »Skelett«, das dem künstlichen »Berg« Halt verleihen sollte.

Zu welchem Zweck wurden die Pyramiden von Cochasquí gebaut? Archäologie war oft  von Doktrinen bestimmt. So galten die Pyramiden Ägyptens als Grabanlagen, die von Mexiko als Plattformen für Tempel. Es zeigte sich allerdings, dass eine Stufenpyramide einen Tempel tragen und eine Gruft enthalten kann (bekanntes Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexiko).


 »Tempel der Inschriften«, Palenque, Foto W-J.Langbein
  



Die Pyramiden von Cochasquí erinnern am ehesten an die Bauten von Mexiko. Sie sind oben flach. Als Grabanlagen dienten sie offenbar nie. Runde Grabbauten gab es separat von den Pyramiden. Zum Teil führten eins recht lange Rampen nach oben auf die abgeplatteten Pyramiden. Die längste Rampe dürfte fast 300 Meter gemessen haben. Ein derart langer Weg auf eher niedrige Pyramiden macht keinen praktischen Sinn.

Mich erinnert diese Bauweise an Observatorien im Alten Indien. Dort beobachteten und studierten Priester-Astronomen die Planeten unseres Sonnensystems, aber auch ferne Sterne. Trotz der Verwüstung der Pyramiden von Cochasquí konnte inzwischen bewiesen werden, dass zumindest einige der mysteriösen Bauwerke ganz eindeutig astronomische Bedeutung hatten. Es wurden von den Pyramidenbauern astronomische Beobachtungen durchgeführt, laut Lehrmeinung auch um einen möglichst präzisen Kalender erstellen zu können. Die langen Rampen waren offenbar erforderlich, um unter einem bestimmten Winkel zu bestimmten Zeiten Planeten und Sterne anzupeilen.

Cochasquí muss ein ganz besonderer Ort gewesen sein. Wer heute zu Fuß das weiträumige Areal ergründet, erahnt, wie riesig es einst gewesen sein muss ... Und wie eindrucksvoll! Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.


Eine der gut erhaltenen Pyramiden von Cochasqui. 
Foto Walter-Jörg Langbein


Unzählige Pyramiden mit langen schmalen Rampen waren auf dem rund 100 Hektar großen Gebiet verteilt. Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.

Einigkeit herrscht weitestgehend: Einst widmeten sich die Wissenschaftler von Cochasqui der Astronomie. Von den Pyramidenplattformen starrten sie in den Himmel, peilten Gestirne und Planeten an. Wie? Sie müssen eigentlich schon über  Hilfsmittel zur Anpeilung von Planeten und Sternen gehabt haben, vielleicht gar Fernrohre! Unwillkürlich muss ich an die Steingravuren aus dem Museum von Prof. Dr. Javier Cabrera denken. Nach Prof. Dr. Cabrera stammen diese Darstellungen aus der Vorinkazeit. Offiziell gelten sie aber als Fälschungen.

»Sterngucker«, Sammlung Cabrera,
Foto Walter-Jörg Langbein

Aber wo lebten die Menschen von Cochasquí, die Gelehrten, die Geistlichen, die Arbeiter? Von ihren Quartieren wurde bislang keine Spur gefunden. Nach Carl Niemann, Dresden, gab es schon vor Jahrtausenden in Südamerika eine ausgesprochen hoch entwickelte Astronomie. Diese Gelehrten peilten nicht nur – zum Beispiel – die Plejaden an, sondern auch die dunklen Zonen unserer Milchstraße. Auch die ältesten Grundmauern von Cusco sind, so Carl Niemann, astronomisch ausgerichtet. Warum? Vermutlich spielten die Sterne eine bedeutende Rolle, bei den Inkas, aber auch schon bei deren Vorfahren.

Mysteriöser Pyramiden-Schacht (li),  
Massives Mauerwerk in einer der Pyramiden (re) 
Fotos: Ingeborg Diekmann



Aus Kostengründen wurde erst ein kleiner Teil der Pyramiden von Cochasquí wirklich archäologisch untersucht. Massives Mauerwerk wurde in einer der Pyramiden freigelegt. Ein massiver Schacht wurde gegraben ... von Grabräubern? Von Archäologen? Oder stammt er gar von den Erbauern der Pyramiden? Viele Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben ...

Auch in Ecuador habe ich vor Ort immer wieder festgestellt, dass alte Glaubensvorstellungen aus Zeiten lange vor der »Christianisierung« nur offiziell in Vergessenheit geraten sind. Tatsächlich  werden aber auch heute noch neben Jesus und seiner Mutter Maria, der Himmelskönigin, alte Gottheiten wie Pacha Mama und Pacha Papa verehrt und angebetet. Die Priester vor Ort haben es in der Regel längst aufgegeben, gegen vermeintlich »heidnisches« Brauchtum anzukämpfen. Sie dulden die Verehrung der alten Muttergöttin, solange die Anhänger auch getauft sind. Dann werden Kerzen für Maria und für Pacha Mama angezündet.

Jesus von Cochasqui.
Foto Ingeborg Diekmann
Mein Informant, ein katholischer Geistlicher: »Es wird wohl noch Jahrhunderte dauern, bis der alte Glauben vergessen sein wird, bis sich der Katholizismus wirklich durchsetzen wird. Ich freue mich schon, wenn heidnischen Kulten etwas versteckt und heimlich gefrönt, dem Katholizismus öffentlich gehuldigt wird. Mir ist klar, dass für die Menschen hier kein Widerspruch besteht zwischen alten und neuen Riten. Manchmal werde ich sogar zu heimlichen Kulthandlungen eingeladen. Das sehe ich als großen Vertrauensbeweis an!«

In Rom, so versicherte mir der Priester, interessiert das niemanden. Da zählt nur die Zahl in der Statistik. Man will möglichst viele Gläubige der eigenen Konfession vorweisen können, sprich Katholiken. Dass so mancher Nachkomme der Inkas kein echter Katholik ist, sondern auch noch an alte Göttinnen und Götter glaubt, erfährt dort niemand, zumindest nicht offiziell.




Die Wunde in der Pyramide ... 
Foto Walter-Jörg Langbein
 Fußnoten
1) Evangelium nach Markus Kapitel 19,
Vers 19
2) 1. Petrus Brief Kapitel 3, Vers 22
3) Siehe hierzu Prem, Hanns J.:
»Geschichte Altamerikas«, Oldenbourg
Wissenschaftsverlag 2007,
besonders Kapitel 8!







216. Maria-Mama, Pacha-Mama
Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 09.03.2014


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Sonntag, 9. Februar 2014

212 »Der ›Inka-Tempel‹ und Maria«

Teil 212 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Hinweis auf das Geheimnis von Otuzco.
Foto Walter-Jörg Langbein

Otuzco, Peru. Die mysteriöse Stätte liegt 8 Kilometer nordöstlich von Cajamarca. Wer von guter Kondition ist, kann von Cajamarca aus zu Fuß gehen. Einheimische weisen dem Wanderer gern den Weg. Aber Vorsicht ist geboten: Der Ort Otuzco liegt 2641 Meter über Normalnull. Die Kultstätte gar bei 2850 Metern über Null. Der in jedem Hotel, in jeder Pension, in Supermärkten, aber auch auf Märkten angebotene Mate-Tee hilft, mit der dünnen Luft der Anden besser zurecht zu kommen.

Löcher in der Felswand. Foto Walter-Jörg Langbein

Plötzlich stehen wir vor der eigenartigen Struktur. Die Felswand erinnert an eine Bienenwabe aus Stein. Bienen bauen ein Wabengebilde aus Wachs. Wie von einer Maschine gestanzt sehen die kleinen sechseckigen Zellen aus, in denen die fleißigen Bienen Honig und Pollen lagern, aber auch Bienenlarven aufziehen. Mit Honig gefüllte Zellen werden mit einer Wachsschicht verschlossen. Im Winter wollen sich die Bienen von ihrem Honig ernähren. Um an den Honig der Bienen zu kommen, entfernt der Imker diese Wachsschicht wieder...

Die Löcher in der Felswand erinnern mich an geöffnete Zellen einer Bienenwabe... aus Stein! Die mysteriöse Stätte trägt den Namen »Ventallias de Otuzco«, »Fenster von Otuzco«. Was verbirgt sich hinter den unzähligen kleinen Fenstern? Das heißt: Was befand sich einst hinter den Fenstern? »Die Inkas haben ihre Toten hier bestattet!«, heißt es. Das ist mehr als unwahrscheinlich. Warum sollten die Inkas nur bei Otuzco und Combayo (auch von Cajamarca gut zu erreichen) derartige Nekropolen geschaffen haben?

Ein Archäologe vor Ort berichtete mir von einer lokalen Überlieferung. Demnach fanden die Inkas die Fenster von Otuzco bereits vor. Sie enthielten Tote. Die Inkas, so heißt es weiter, holten die Leichname aus ihren Gräbern und funktionierten die  Begräbnisstätten um, in »collcas« (Quechua-Sprache)... als Lagerräume für Getreide.

Fenster, Fenster.. Höhleneingänge..
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Fenster  sind in der Regel rechteckig, manchmal quadratisch und haben eine Höhe von 50 bis 60 Zentimetern. Hinter den Fenstern schließen sich höhlenartige Räume an. Manche sind vergleichbar mit kleinen Zimmern, in die Tageslicht fällt. Andere sind geradezu unheimliche, schlauchartige, acht bis elf Meter lange Gänge. Welchem Zweck sie auch immer dienten: Als Getreidespeicher wie als Grabstätten waren die langen Gänge denkbar ungeeignet. Auch halte ich es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Inkas just dort Getreide lagerten, wo zuvor Tote verwesten.

Einigkeit scheint inzwischen weitgehend in einem Punkt zu herrschen, nämlich dass die »Fenster« mit anschließenden »Räumen«, »Röhren« oder »Gängen« zu Zeiten der Inkas schon längst bestanden haben. Wer hackte die Zimmer, wer trieb die mysteriösen Tunnel in das nicht sonderlich harte Vulkangestein? Und warum? Die kleinen Räume sind sowohl als Krypten wie als Lager vorstellbar. Welchem Zweck aber dienten die Gänge, die nicht begehbar waren wegen ihrer geringen Höhe und Breite?

Es ist nicht schwer, Vulkangestein zu bearbeiten. Man kann mit einfachen Werkzeugen Gänge oder Räume anlegen. Mühsamer ist es allerdings eine Röhre von beispielsweise 60 mal 60 Zentimetern zehn Meter weit in weichem Gestein anzulegen. Dabei müssen die Bergleute auf dem Bauch liegend geschuftet haben. Je tiefer sie vordrangen, desto mühsamer wurde der Abtransport des herausgebrochenen Materials ins Freie, von der Luftzufuhr für die malochenden Arbeiter ganz zu schweigen. Und zu welchem Zweck schufteten sie?

Bizarre Felslandschaften säumen unseren Weg.
Foto Walter-Jörg Langbein

Mich erinnern diese mysteriösen Gänge an ganz ähnliche Anlagen in Deutschland, zum Beispiel in Bayern, an die sogenannten Schratzelhöhlen.

Ich selbst war vor Ort in Otuzco. Die zimmergroßen Räume waren überhaupt nicht spektakulär. Meine Neugier, eine der Röhren zu erkunden, war eigentlich groß, zumal nach örtlichen Überlieferungen der mutige Forscher auf ein weit verzweigtes Tunnelsystem stoßen soll, das viele Kilometer weiter zu uralten Kultstätten führen soll.

Mein Interesse war aber doch nicht groß genug, tatsächlich durch eines der »Fenster« zu kriechen. Vor Feuchtigkeit hätte ich mich nicht fürchten müssen. Ein Archäologe versicherte mir, dass die Erbauer der Anlage Rinnen in den Gängen angebracht haben. So wurden sie selbst bei starken Regenschauern nicht überschwemmt und blieben trocken. Dennoch verzichtete ich auf eine Erkundung. Die Vorstellung, bäuchlings zehn Meter weiter ins Ungewisse zu krabbeln, fand ich schon bedenklich, von der Rückkehr ans Tageslicht ganz zu schweigen.

»Wenn sie eine plausibel scheinende Erklärung suchen...«, schlug mir ein Archäologe vor Ort vor, »dann nennen Sie doch die Anlage in ihrer Gesamtheit einfach ›Inkatempel‹!« Ob ich ihn denn mit diesem Vorschlag namentlich zitieren dürfe. Der studierte Mann winkte lachend ab. »Nur das nicht! Vielleicht nutzten die Inkas tatsächlich Räume und Gänge zu kultischen Zwecken, wer weiß. Die ganze Gegend hier scheint so etwas wie heiliges Gebiet gewesen zu sein. Schon lange vor den Inkas.« Dank der konkreten Anweisungen des Archäologen und unserer beiden Führer kamen wir dann zu einer mysteriösen Höhle... nach einiger Anstrengung.


Unser Ziel: Eine »Zyklopenhöhle«.
Foto Walter-Jörg Langbein


Der Fußweg in scheinbar immer dünner werdender Luft führte uns durch eine bizarr anmutende, karge Gebirgslandschaft. Bald erspähten wir in der einen Vulkankegel.. unser Ziel. Der Vulkanstumpf wies einen Eingang auf, der ein wenig an die Höhle des Polyphem in der griechischen Odysseus-Sagenwelt erinnert. Die Hohle selbst diente kultischen Zwecken. Leider haben »kultivierte« Besucher aus der »zivilisierten« Welt Namen und sonstige Inschriften in die Höhlenwand kratzen müssen, wobei sei uralte Kunstwerke vollkommen zerstörten.


Im Inneren der Kulthöhle. Foto Walter-Jörg Langbein

Der Boden der Höhle wurde ganz offensichtlich penibel geglättet. Nischen wurden in den Wänden angebracht, in denen einst Statuetten gestanden haben mögen. Von »Muttergöttinnen« sprach der Archäologe vor Ort.

Der »gehörnte Teufel mit Schwanz«.
Foto Walter-Jörg Langbein

Halbwegs zu erkennen ist noch die Darstellung einer unheimlich wirkenden Gestalt, die womöglich vor Jahrtausenden an die Höhlenwand gemalt wurde.... Das Wesen kann aus christlicher Sicht als »gehörnter Teufel« mit Schwanz gesehen werden.

Wie lange Otuzco ein Zentrum auch von religiöser Bedeutung war? Wir wissen es nicht. Ob in der Höhle wirklich Muttergöttinnen verehrt wurden? Wir wissen es nicht. Es ist aber nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Weltweit ist zu beobachten, dass das Christentum just dort bedeutende Kirchen errichtete, wo zuvor heidnische Kulte betrieben wurden.

Abschied vom mysteriösen Otuzco. Foto: Walter-Jörg Langbein


Nach Otuzco -10 000 Einwohner – strömen am 15. Dezember Jahr für Jahr 100 000 gläubige Katholiken, um die »Virgen de la Puerta«  (»Jungfrau vor der Tür«) zu ehren! Otuzco ist das bedeutendste Marienheiligtums Nordperus. Angeblich tauchten anno 1674 Piraten vor Trujillo auf und plünderten einen Ort nach dem andern. Auch Otuzco war bedroht. Die Katholiken von Otuzco aber – so wird überliefert – stellten ihre Marienstatue vor das Stadttor. Die Piraten verzichteten darauf, Otuzco einzunehmen und zogen ab. Seither wird am 15. Dezember das große Fest der Maria von Otuzco zelebriert.

In einer Prozession wird die verehrte Statue der Gottesmutter durch die Straßen getragen. An den übrigen Tagen im Jahr befindet sich die Gottesmutterfigur aber nicht in der Kirche, sondern in einer Art Glasschrein außerhalb des Gebäudes auf einem Balkon. So können die Gläubigen jederzeit einen Blick auf ihre »Mamita« werfen. Ratsuchende bitten die stets prächtig gekleidete Marienfigur um Hilfe. Vor wichtigen Entscheidungen wenden sie sich an »Mamita« und glauben aus ihren Augen eine Antwort ablesen zu können.

»Virgen de la Puerta«. Foto gemeinfrei
Wie mag der Kult um die »Virgen de la Puerta« entstanden sein? Ob es die plündernden Piraten wirklich gegeben hat? Historisch verbürgt ist die Legende nicht.

Die Erzdiözese Freiburg ist mit der Kirche von Otuzco partnerschaftlich verbunden. Reinhold Nann, Freiburger Diözesenpriester, Pfarrer von Trujillo, geht davon aus, dass mit der Christianisierung in Peru ein Wechsel stattgefunden hat. Die von den »Heiden« verehrte Muttergöttin Pacha Mama wurde durch »Virgen de la Puerta« ersetzt. So sollte den Nachkommen der Inka der Wechsel zum Christentum erleichtert, die alte Religion mit Pacha Mama vergessen werden.







213. Phallus und Göttin
Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.02.2014



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Sonntag, 26. Januar 2014

210 »Die Monstermauer von Peru«

Teil 210 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Monstermauer ragt wie eine übertriebene Kulisse aus einem Indiana-Jones-Film in den Himmel. Schaut man man genauer hin, erkennt man klaffende Wunden im Mauerwerk. Wie imposant sie einst wirklich war, ist auf der Zeichnung nicht zu erkennen.

Die Monstermauer anno 1877

Wann mag das Bauwerk entstanden sein, an dessen kühne Konstruktion eine präzise Zeichnung nur vage erinnert? Wann mag die Zeichnung entstanden sein? Wer mag sie angefertigt haben? Und wo stand sie wohl einst, die Monstermauer von Peru?

Anfang der 1990-er Jahre steckte mir ein Tourist-Guide im »Royal Inka«, Cuzco, Peru, das zerknitterte, schmutzig-ramponierte Foto einer Zeichnung zu. Für 250 US-Dollar würde er mich zur Monstermauer führen. So verlockend das Angebot auch war, ich musste es ausschlagen. Die nächsten Wochen meiner Reise von Ecuador über Peru, Bolivien bis in den Süden Chiles waren schon präzise verplant. Flüge waren gebucht, Tickets für Bus und Bahn waren gekauft, wichtige Gesprächstermine mit Experten vor Ort waren vereinbart worden....

Zurück in Deutschland konnte ich eruieren, wer die Zeichnung der mysteriösen Mauer-Ruine angefertigt hatte. Sie stammte von Ephraim George Squier, 1821 in Bethlehem (New York, nicht Israel!) geboren, 1888 in New York City verstorben. Mr. Squier, als Sohn eines methodistischen Predigers geboren, startete eine wenig Erfolg versprechende »Karriere« als Herausgeber diverser Zeitungen, ging in die Politik, studierte Ingenieurwissenschaften und erkundete mit wissenschaftlicher Präzision die uralten indianischen Erdpyramiden in den Tälern des Ohio und des Mississippi. 1848 erregte er mit seinem Werk über »Ancient Monuments of the Mississippi Valley« Aufsehen.

George Ephraim Squier,
Foto gemeinfrei

Politik und Diplomatie führten Squier Mitte des 19. Jahrhunderts nach Zentral- und Südamerika. 1863 kam er  als »Kommissar der Unionsstaaten» nach Peru, wo er mit wachsender Begeisterung die ihn faszinierenden mysteriösen Monumente aus uralten Zeiten studierte. 1877 brachte er ein Werk über Peru heraus (1). Bei Squier entdeckte ich... das Original jener Zeichnung von der mysteriösen Monstermauer von Peru!

Die Mauer war einst Teil eines Tempelkomplexes, beim Dörfchen San Pedro de Cacha gelegen... knapp 120 Kilometer südöstlich von Cuzco. Wenige Jahre später war ich wieder in Peru. Von Cuzco aus fuhr ich in jenes fruchtbare Tal des Vilcanota. Nur wenige hundert Meter außerhalb des kolonialen Dörfchens San Pedro stand ich endlich vor der Monstermauer. Genauer gesagt... Ein rostiges Türchen in einem hinfälligen »Zaun« trennte mich vom archäologischen Areal. Das Türchen war verschlossen, doch vom Hüter des Türchens war nichts zu sehen. Wo sollte ich also das »Eintrittsgeld« von drei US-Dollar bezahlen? Ich wartete geduldig, wurde langsam ungeduldig. Als ich schließlich Anstalten machte, über den wackeligen Zaun zu klettern, da erschien der Zerberus von Raqchi.

Seinetwegen, so teilte er mir mit, könne man die Mauer ruhig einreißen. Dann hätte er seine Ruhe. Heute, so schleuderte er mir geradezu wütend entgegen, sei ich schon der dritte Tourist, für den er das Türchen aufschließen müsse. Zum Glück sei in der Woche zuvor »kein einziger Gringo« erschienen. Mein schlechtes Gewissen hielt sich in Grenzen.

Tatsächlich interessierte sich Anfang der 1990er Jahre kaum jemand für die Anlage von Raqchi. 1996 gab es nach der amtlichen Statistik nur 452 Besucher, 2006 waren es immerhin schon 83.334!

Nähert man sich der Anlage von Raqchi, so fällt eine Monstermauer auf. Sie ist 92 Meter lang und knapp über 25 Meter hoch. Tritt man näher, so erkennt man zwei Baustile. Vier Meter hoch ist die »untere« Mauer, sorgsam aus millimetergenau passenden Andesit-Steinen zusammengefügt. Andesit, früher Porphyrit genannt, ist ein sehr feinkörniges Vulkangestein. Die Mauer über den so präzise verbauten Andesit-Steinen besteht aus ganz anderem Material, nämlich aus Lehmziegeln (Adobe), die an der Luft getrocknet worden sind.


Die Monstermauer heute.
Foto Walter-Jörg Langbein

So imposant die Mauer auch heute noch ist, so können wir kaum erahnen, wie sie aussah, als sie noch intakt war. Leider haben die spanischen Eroberer versucht, die riesige Wand zum Einsturz zu bringen, was ihnen aber nur teilweise gelang. So stehen heute nur noch große Teilstücke der Wand, in der unterschiedlich große und breite Lücken klaffen. Archäologen  haben oben auf der Mauer ein schmales Schutzdach angebracht, um das fantastische Denkmal vor dem Zahn der Zeit zu schützen. Was der mutwilligen Zerstörungswut der »zivilisierten« Spanier entgangen ist, soll Jahrhunderte später nicht dem Regen zum Opfer fallen. Die sonnengebrannten Lehmziegeln könnten bei massiven Regenschauern aufgeweicht werden und zerbröckeln.

Fragen über Fragen sind bis heute unbeantwortet. Wie sah die Monstermauer einst aus? Vermutlich war sie einst bemalt, worauf winzige Farbreste hinzuweisen scheinen. War sie die zentrale Stütze eines riesigen Daches? Wahrscheinlich war die gewaltige Mauer einst Teil eines riesigen Tempels. Das genügte den Spaniern als Grund, um zu versuchen, die Mauer zu zerstören. (2)


Zum Tempelkomplex gehörten einst 180 steinerne Rundbauten. Waren das einst Getreidespeicher? Für wen wurden große Mengen Getreide gelagert? Für die umfangreiche Priesterschaft des Tempels und deren Bedienstete? Oder für die »normale« Landbevölkerung? Wurde das Getreide den Göttern geopfert?

Eines der Fenster. Foto Walter-Jörg Langbein

»Türen« und »Fenster« durchbrechen den unteren Andesit-Teil der Mauer. Nischen im Andesitgestein mögen einst Statuetten oder anderen  sakralen Gegenständen Platz geboten haben. Die Durchbrüche beweisen auf eindrucksvolle Weise, wie präzise der feinkörnige Stein bearbeitet wurde.

Einst gab es hier Wohnquartiere, Lagerräume, einen Festplatz und Bäder. Gehörte ein Dorf zum Tempel? Oder war die gesamte Anlage sakraler Natur, für Priester und Pilger? Die Bäder können religiöser Reinigung gedient haben: Priestern wie Pilgern, bevor sie den eigentlichen Tempelbezirk betreten haben. Haben wir es mit einer Art »Vatikan« der Inkas zu tun?

Die steinernen Bauten wurden einst auf sehr fruchtbarem Boden errichtet. Es wurde Landwirtschaft in Perfektionismus betrieben. In Trocken- oder gar Dürrezeiten schaffte man lebensnotwendiges Wasser aus den Bergen heran – in einer unterirdischen Leitung, die offenbar auch heute noch funktioniert. Unklar ist nach wie vor, wann die Tempelanlage von Raqchi gebaut wurde. Die präzise Verarbeitung der Andesitsteine im unteren Teil der Mauer und der obere Teil aus Adobe-Backsteinen lassen auf zumindest zwei Bauphasen schließen. Fanden die Inkas das Fundament einer älteren Anlage vor? Bauten die Inkas »ihre« Lehmziegelmauer auf die ältere Andesitstruktur?


Unten Andesit, darüber Lehmziegeln.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Inkas haben hier, so heißt es Gott Viracocha verehrt und angebetet. (3) Viracocha war der »große Schöpfergott«. Gemeinsam mit seiner Frau Qucha, »Mutter Erde«, hatte er zwei Kinder, Sohn Inti (Sonne) und Tochter Mama Killa (Mond). Wie der biblische Schöpfergott des Alten Testaments  ließ Viracocha eine gewaltige Sintflut ausbrechen. Im Umfeld des Titicacasees wurde alles Leben ausgelöscht. Nach einer uralten Legende überlebten nur zwei Menschen, die aber schließlich alle Zivilisationen der Welt begründeten.

Fußnoten


Millimetergenaue Präzision...
Foto W-J.Langbein
1) Ephraim George Squier: »Peru - Incidents and Explorations in the Land of the Incas«, 1877. Mir liegt die Erstauflage der Übersetzung ins Deutsche vor: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«,  Leipzig 1883

2) Hemming, John: The Conquest of the Incas, London 1993
3) Krickeberg, Walter (Hrsg.): Märchen der Azteken und Inkaperuaner, Neuauflage, Düsseldorf 1972




Millimetergenaue Präzisionsarbeit in Stein.
Foto Walter-Jörg Langbein
Die Steine aus feinporigem Andesit wurden millimetergenau zusammengefügt. Im Vergleich dazu ist die Lehmziegelbauweise mehr als primitiv. Waren da zwei »Baumeister« tätig? Wurden die Lehmziegeln später auf die Andesit-Blöcke gesetzt, als die alte Steinmetzkunst in Vergessenheit geraten war? Die verwinkelten Andesitmauern überstanden so manches Erdbeben...





In einer Woche lesen Sie..
»Auf den Spuren eines Gottes...
Viracocha«,
Teil 211 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von
Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 02.02.2014

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