Posts mit dem Label Mekka werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mekka werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. März 2020

529. »Adam, Eva und das Gift Gottes«

Teil 529 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Studium
altehrwürdiger Texte
Es gibt eine schier unüberschaubare Sammlung altjüdischer Texte, von denen nur ein kleiner Teil in die Bibel aufgenommen wurde. Seit vielen Jahrhunderten studieren unzählige Gelehrte die altehrwürdigen Texte. Nach weithin anerkannter Lehrmeinung der Theologie legte man zwischen 190 v.Chr. und etwa 100 n.Chr. fest, welche Texte für das Leben schlechthin wichtig sind. So entstand das »Alte Testament« als eine Sammlung »heiliger Bücher«.

Zu Beginn des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts formierte sich langsam das »Neue Testament«. Offiziell einigte man sich aber erst anno 367 auf der Synode von Laodicea auf die Festlegung. Zu dieser regionalen Synode hatten sich etwa dreißig Geistliche aus Anatolien in der heutigen Türkei versammelt.

Jetzt erst stand fest, welche Texte in die Bibel des Christentums zu gehören hatten und welche nicht. Diese Texte bezeichnet man als biblischen Kanon. Der Ausdruck geht auf das hebräische »qanä« zurück, was so viel wie »Richtschnur, Regel und Norm« bedeutet. Die frühe Kirche verstand darunter zweierlei: Die Bibel war Richtschnur für das menschliche Leben. Und der Kanon regelte, welche Texte in die Bibel gehören und welche nicht. Damit erfolgte eine Wertung: Die einen Texte wurden als heilig angesehen, die anderen nicht.

Im Judentum war das anders: Manche Texte wurden zwar nicht im Gottesdienst benutzt, gehörten aber dennoch dem Kanon an. Im Christentum wurden manche Texte auch im Gottesdienst eingesetzt, die nicht zum Kanon gehören. Als »apokryph« bezeichnet(e) man Texte, die  man aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments übernahm. Man schätzte sie als den Glauben unterstützende Erbauungsliteratur. Man hielt sie aber nicht für würdig genug, in den Kanon aufgenommen zu werden. Prof. Dr. Georg Fohrer (*1915; †2002), Fachbereich Altes Testament an der »Friedrich Alexander Universität Erlangen«, schlug deshalb eine Umbenennung vor (1): »Treffender könnte man sie deuterokanonische Bücher nennen, die eine Art Anhang zum Kanon bilden.« »Deuterokanon« bedeutet so viel wie »2. Kanon«.

Eine zweite Gruppe von Texten, die »Pseudepigraphen«, wurde ebenfalls nicht in den Kanon aufgenommen: Mit Recht weist Fohrer darauf hin, dass diese Bezeichnung unglücklich gewählt ist. »Pseudepigraph« bedeutet »unter anderem Verfassernamen«. Tatsächlich sind aber nicht wenige »pseudepigraphe« Texte in Wirklichkeit anonym. Das heißt: Sie laufen nicht unter einem falschen Verfassernamen, sondern es wird überhaupt kein Autor genannt.

Was den Sachverhalt kompliziert macht und die Unterscheidung zwischen »kanonisch« und »nicht kanonisch« als willkürlich erkennen lässt, das ist die fehlende Logik. Die vier Evangelien, nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes benannt, waren ursprünglich anonym. Erst nachträglich wurden sie mit den Namen der Evangelisten in Verbindung gebracht, die aber in Wirklichkeit gar nicht die Verfasser sind. Die sogenannte »Johannesapokalypse« wurde nur in den Kanon der Bibel aufgenommen, weil man Jesusjünger Johannes für den Verfasser hielt. Die vier Evangelien der Bibel sind also genauso  pseudepigraph wie etwa das »Evangelium des Pseduo-Matthäus«. Letzteres aber wurde aus welchen Gründen auch immer nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen.

Auch die »Fünf Bücher Mose« sind nach heutigem Kenntnisstand der theologischen Wissenschaft nicht von Moses selbst verfasst worden und sind demnach »pseudepigraph«. Mit anderen Worten: Was als »apokryph« bezeichnet wird, könnte aus rein formalen Gesichtspunkten genauso in der Bibel stehen wie jene Texte, die wir heute in der Bibel finden.

In altjüdischen, heiligen Texten, die leider nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden, stößt man immer wieder auf Hinweise auf seltsam und phantastisch anmutende Begegnungen zwischen Menschen und himmlischen Wesen. Paul Rießler veröffentlichte in seinem Werk (2) »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel« eine ganze Reihe von Texten, die nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden.

Der vielleicht interessanteste Text dieser wichtigen Sammlung ist nach meiner Meinung (3) »Leben Adams und Evas«. Der erhalten gebliebene, vom Christentum beeinflusste Text »Leben Adams und Evas« ist seinem Ursprung nach aber gar nicht christlich. Das Original war in hebräischer Sprache verfasst. Der von jüdischen Verfassern geschaffene Text wurde zunächst aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt und schließlich aus dem Griechischen ins Lateinische übertragen. Die heute bekannten Fassungen entstanden zum Teil schon im 3., zum Teil erst im 5. Jahrhundert n. Chr., die Originalversion in hebräischer Sprache dürfte fast zwei Jahrtausende alt sein. Bis heute wurde die Urfassung nicht entdeckt.

Foto 2: Sturz aus dem Himmel.
(Albrecht Dürer)
Nach dem Hinauswurf aus dem Paradies begann für Adam und Eva ein hartes Leben (4):» Nachdem sie aus dem Paradies vertrieben waren, erbauten sie sich eine Hütte, und sie verbrachten sieben Tage trauernd, in großer Trübsal klagend.« Das paradiesische Schlaraffenland war nur noch quälende Erinnerung. Zwei Engel, bewaffnet mit fürchterlichen Schwertern, versperrten den Rückweg (5): » Gott der HERR lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit dem bloßen, hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens.« Gab es denn wirklich kein Zurück mehr? Eva macht einen selbstlosen Vorschlag (6): »Und Eva sprach zu Adam: ›Mein Herr, willst du, so töte mich!

Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies zurück, ist Gott, der Herr, doch meinethalben über dich in Zorn geraten. Willst du denn nicht mich töten, daß ich sterbe? Vielleicht führt dich dann Gott, der Herr, ins Paradies; du wurdest doch von dort nur meinetwegen ausgetrieben.‹«

Adam lehnt aber ab. Er fürchtet, mit der Ermordung Evas erneut den Zorn Gottes auszulösen: »Und Adam sprach: ›Red nicht so, Eva, auf daß nicht Gott, der Herr, uns abermals verfluche! Wie könnt ich meine Hand gegen mein eigen Fleisch erheben?‹« Trotz drastischer Bußübungen bleibt der Rückweg ins Paradies für Adam und Eva versperrt.

Im Paradies hatte die Schlange nach biblischem Glauben (7) Eva nicht nur dazu verleitet, selbst von der verbotenen Frucht zu essen. Die Schlange brachte Eva auch noch dazu, Adam zum Biss in das verbotene Obst zu verleiten. Im »Leben Adams und Evas« taucht der »Satan« nicht wieder als Schlange, sondern (8) »in der Engel Lichtgestalt« auf. Und Eva (9) »gebar einen Sohn, der lichtvoll war … und er erhielt den Namen Kain«. »Engel Lichtgestalt« verweist natürlich auf den verteufelten »Luzifer«, den »Lichtbringer«. Und dass Kain »lichtvoll war«, das bringt unterschwellig zum Ausdruck, dass nicht Adam der Vater Kains war, sondern jener »Lichtbringer«, sprich Satan, der Teufel. Paul Rießler kommentiert erklärend (10): »›Lichtvoll‹ = Kain, vielleicht so genannt wegen der Anschauung, wonach Kain ein Sohn Luzifers, des ›Lichtbringers‹ war.« Und tatsächlich: Im Zohar (11) wird erklärt, dass nicht Adam, sondern Samael der Vater von Kain war. Der Zohar stellt fest: »Seine Gesichtszüge unterschieden sich von denen anderer Menschen.« Samael (deutsch: das Gift Gottes) wird im rabbinischen Judentum häufig mit Satan gleichgesetzt.

Je intensiver man sich mit dem jüdischen Schrifttum im Umfeld des »Alten Testaments« auseinandersetzt, desto deutlicher tritt hervor, dass die Bibel zum Teil recht vereinfachte Geschichten erzählt. Ich habe versucht, die himmlischen Verhältnisse besser zu verstehen und deshalb intensiv im Zohar gelesen. Ich muss aber zugeben, dass ich umso weniger verstand, je mehr Texte mir bekannt waren. Ein Beispiel sind die ominösen Elohim, die Götter, die uns immer wieder im »Alten Testament« begegnen. Im Zohar lesen wir (12), dass bestimmte (?) Engel »Elohim (Götter) genannt werden. Sie werden in der Kategorie der Götter aufgenommen, obwohl sie nicht Himmel und Erde geschaffen haben.«

Zu den Götter-Engeln oder Engel-Göttern gezählt wurden auch Uzza und Azael, und die hatten höchst menschliche Wünsche (13): »Als Uzza und Azazel von ihrer heiligen Stätte fielen, sahen sie die Töchter der Menschen, sündigten und zeugten Söhne. Dies waren Nephilim, gefallene Wesen, wie geschrieben steht: Die Nephilim, gefallene Wesen, waren auf Erden.« An anderer Stelle erfahren wir aus dem Zohar, was Rabbi Yose lehrt (14): »Dies sind Uzaza und Azael, wie bereits erwähnt, die der Heilige aus überirdischer Seligkeit herabgestoßen hat.«

Azazel (andere Schreibweise: Asasel) war einer der gefallenen Engel. Er wurde häufig mit »Satan« alias »Luzifer« in Verbindung gebracht. Das arabische Pendant zu »Asasel«, der wie Luzifer aus dem Himmel stürzte oder gestürzt wurde, war in der vorislamischen Zeit Al-Uzza, die Schutzgöttin von Mekka. Seefahrer baten sie bei Sturm um Hilfe, galt die Göttin doch als Beschützerin der Schiffe bei ihren Reisen über die Meere. Als Delphin folgte sie den Schutzbefohlenen. Der Delphin wurde vom Christentum übernommen: aus dem Retter von Schiffbrüchigen wurde Christus, der Retter der Seelen. Heilige Symbole scheinen uralt zu sein.

Der schwarze Stein in der Kaaba zu Mekka gehörte ihr. Priesterinnen huldigten der Göttin bis der Islam kam. Al-Uzza erschien wie Venus am Morgen. Sie war Teil einer weiblichen Triade, gemeinsam mit Manat, dem Abendstern, und Al-Lat, dem Mond.

Wo der Zohar Namen nennt, bleibt das »Alte Testament« anonym, erzählt aber die gleiche Geschichte (15): »Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten. Da sprach der HERR: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre. Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden. Denn als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.«

Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens
Von der Bibel zu den mysteriösen »Qum Ran Texten«, die über Jahrzehnte hinweg der Öffentlichkeit vorenthalten wurden! Im »Buch Henoch der Riesen« (16) wird auf »himmlische Wesen« hingewiesen, die mit »irdischen Töchtern« höchst intim verkehrten und Nachwuchs erzeugten, nämlich die »Nephilim«, die Riesen.

Ein weiterer »Qum Ran Text« (17) spricht konkret vom »Wagen der Herrlichkeit«, erwähnt einen »Streitwagen der Herrlichkeit mit Scharen von Radengeln«. In einem weiteren Text (18) wird Henochs »himmlisches Wissen über die himmlischen Sphären und ihre Wege« gelobt. Kein Wunder: Wie wir aus dem 1. Buch Moses (19) wissen, wandelte Henoch mit den Göttern der Vorzeit. Er starb auch keines natürlichen Todes auf Erden. Er wurde vielmehr ins All »entrückt«.

Ins All reiste, wieder in einem »Qum Ran Text« beschrieben, auch Michael. Da gibt es einen kurzen, höchst interessanten Text. Robert H. Eisenman (* 1937),  US-amerikanischer Archäologe, ist Professor für die Religion und Archäologie des Nahen Ostens und Direktor des »Instituts für die Erforschung der frühen jüdisch-christlichen und islamischen Geschichte« an der California State University, Long Beach. Eisenman gilt als Qumran-Fachmann. Wer sich gründlich mit den Texten von Qumran auseinandersetzen möchte, sei auf sein Werk »Jesus und die Urchristen« (20) verwiesen. Prof. Eisenman geht auf ein kurzes Textfragment ein (4 Q 529). Er schreibt (21):

»Dieser Text, den man auch ›Die Vision des Michael‹ überschreiben könnte, gehört eindeutig zur Literatur der Himmelfahrts- und Visionserzählungen.«. Schließlich zitiert Prof. Eisenman die Übersetzung des Fragments (22): »Die Worte aus dem Buch, die Michal zu den Engeln Gottes sprach, nachdem er zu den Höchsten Himmeln aufgefahren war. Er sagte:›Ich fand Scharen von Feuer dort.‹«

Sehr interessant ist ein weiteres Textfragment (4Q385-389), dem Prof. Eisenman ein eigenes Kapitel widmet (23): »Deutero-Hesekiel«. Offensichtlich ist der Text nur bruchstückhaft erhalten. Da taucht im wahrsten Sinne des Wortes Hesekiel auf (24): »Die Vision, die Hesekiel sah… ein Strahl eines Wagens…« Und weiter lesen wir (25):  »Rad mit Rad verbunden, während sie gingen, und von den beiden Seiten der Räder kamen Ströme von Feuer, und in dern Mitte der Kohlen waren lebende Wesen, wie Kohlen im Feuer, Lampen sozusagen in der Mitte der Räder und der lebenden Gestalten. Über ihren Köpfen war ein Firmament, welches wie das schreckliche Eis aussah. Und über dem Firmament kam ein Laut..«
  
Fußnoten
(1) Fohrer, Georg: »Das Alte Testament«, Gütersloh 1969, S. 10
(2) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928
Eine minimal, wirklich nur marginal abweichende Übersetzung bietet Kautzsch, Emil: »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Band II: »Die Pseudepigraphen«, Tübingen 1900, Seiten 510-528
(3) Ebenda, Seiten 668-681
(4) Ebenda, Seite 668, §1
(5) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 23+24
(6) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 668, §3
(7) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Verse 1-7
(8) Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seite 669, §9
(9) Ebenda, Seite 673, §21 Zeile 11 und §22 Zeile 1
(10) Ebenda, Seite 1311, 6.-4. Zeile von unten
(11) »The Zohar: Pritzger Edition«, Band I, Stanford, Kalifornien, 2004, Seitze 234, 4.+5.- Zeile von oben
(12) Ebenda, Seite 63, 3.-6. Zeile von oben (»They are included in the category of gods, though they did not make heaven and earth.«)
(13) Ebenda, Seite 233, Zeilen 13+14 von oben und Seite 234, Zeilen 1+2 von oben: »When Uzza an Azazel fell from their holy site above, they saw the daughters of human beings, sinned and engendered sons. These were nefilim, fallen beings, as is written: The nefilim, fallen beings, were on earth.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(14) Ebenda, Seite 330, rechte Spalte oben, Zeieln 1-4: »These are Uzaza and Azael, as has been stated, cast down by the blessed Holy One from supernal samnctity.« (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(15) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(16) Textbezeichnung 4 Q 532
(17) Textbezeichnung 4 Q 286/287
(18) Textbezeichnung 4 Q 227
(19) 1. Buch Mose, Kapitel 5, Vers 24
(20) Eisenman, Robert und Wise Michael: »Jesus und die Urchristen/ Die Qumran-Rollen entschlüsselt.«, 2. Auflage, München 1993
(21) Ebenda, S. 43, 20.-18. Zeile von unten
(22) Ebenda, Seite 45, Mitte
(23) Ebenda, Seiten 65-70
(24) Ebenda, Seite 68, 14. Zeile von unten
(25) Ebenda, 6.-1. Zeile von unten


Zu den Fotos
Foto 1: Studium altehrwürdiger Texte (Ein Haggadah-Manuskript), ca. 1425. wiki commons
Foto 2: Sturz aus dem Himmel. Albrecht Dürer, etwa 1500. wiki commons
Foto 3: Vom Himmel hinab! Peter Paul Rubens um 1630. wiki commons

530. »Nicht eines Menschen Atem«,
Teil 530 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. März 2020




Besuchen Sie auch unser Nachrichtenblog!

Sonntag, 12. August 2018

447 »Wo liegt der Nabel der Welt?«

Teil 447 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ich stimme mit Ephraim George Squier überein: Auch meiner Meinung nach war Pachacamac das »Mekka Südamerikas«. Aber warum? Die Menschen kamen als Pilger zu den heiligen Tempeln, offenbar aus dem gesamten Reich der Inkas. Warum? Was machte den Ort in der Wüste so anziehend? Was zeichnete ihn aus?

Foto 1: Die  Kathedrale von Guadalupe

Am Rande von Mexico City kommen Jahr für Jahr 20 Millionen von katholischen Pilgern in der riesigen Kathedrale zusammen, weil dort alter Überlieferung nach Juan Diego auf dem Tepeyac-Hügel am 9. Dezember Maria erschienen sein soll (1). Damals kam es zum berühmten Wunder: Auf dem schlichten Umhang des Heiligen Diego erschien wie von Zauberhand ein mysteriöses Bildnis der »Jungfrau Maria«, das eigentlich gar nicht hätte entstehen können, das gar nicht existieren dürfte und das längst wieder hätte zerfallen müssen. Selbst kritische Zeitgenossen sprechen von einem Wunder. Papst Johannes Paul II. sprach 1990 Juan Diego selig, 2002 schließlich heilig. Gab es in der Wüste bei Lima an der Küste auch ein so ungewöhnliches Ereignis, das Pachacamac zu so einem bedeutenden Pilgerort des Inkareiches machte?

Foto 2: Eine Statue von Johannes Paul II.

Vermutlich galt der Mensch als besonders vom Glück begünstigt, dessen sterbliche Überreste möglichst nah bei den heiligen Stätten beigesetzt wurden. Ephraim George Squier schreibt (2): »Abermals tiefer begegnet man wohl noch einer dritten solcher Lagen, woraus hervorgeht, wie stark einst der Zusammenfluss von Leuten an dieser Stelle war, und wie begierig das Verlangen, einen Ruheplatz in geheiligter Erde zu finden.«

Foto 3: Palmyra-Übersicht

Eine Anmerkung sei mir gestattet: Ephraim George Squier vergleicht Pachacamac mit den »Ruinen von Palmyra«. Das legendäre Palmyra liegt 215 Kilometer nordöstlich von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Schon im 7. Jahrtausend vor Christus siedelten hier Menschen. Weltberühmt war zum Beispiel der Baaltempel, der laut einer Inschrift am 6. April 32 v. Chr. Eingeweiht wurde. Am 30. August 2015 setzte die Islamistenmiliz dem uralten Heiligtum mit gezielten Sprengungen zu, verursache kaum zu behebende Schäden. Weltberühmt war auch der »Tempel des Baalschamin« in der Oase von Palmyra. Baalschamin gehörte zu einer Göttertriade, zusammen mit dem Mondgott Aglibol und dem Sonnengott Jarchibol. Im 4. Jahrhundert wurde der Tempel zur Kirche umgestaltet. Und am 22. August 2015 sprengte die Terrororganisation» Islamischer Staat« das Heiligtum.

Foto 4: Baaltempel von Palmyra.

Die Römer hatten an der Kreuzung der beiden wichtigsten Straßen Palmyras ein Tetrapylon (vierseitiges Tor-Monument) errichtet. Sie hatten unter großen Mühen sechzehn Säulen aus rosafarbenem Granit von Assuan herbeigeschafft. Der Zahn der Zeit hatte schon arg an dem herrlichen Bauwerk genagt. Nur noch eine der Säulen war ein Original, die übrigen waren durch Kopien ersetzt worden. Zwischen dem 26. Dezember 2016 und dem 10. Januar 2017 wurde das Tetrapylon fast vollkommen zerstört. Nach dem »Palmyra Monitor« (3) hat vermutlich der »Islamische Staat« das Tetrapylon, angeblich einst das schönste seiner Art, gesprengt.

Über Pachacamac liegt bedrückend bleierne Zeit, die scheinbar nur quälend langsam voranschreitet. Die Mari haben hier Tempel gebaut. Die Inkas kamen und zelebrierten ihren eigenen Kult mit dem Sonnengott im Zentrum. Die Inkas, die wir heute noch gern als blutrünstige Barbaren sehen, verhielten sich dem älteren Kult gegenüber sehr viel toleranter als die spanischen Eroberer den Menschen und der Kultur des Inkareiches gegenüber.

Es gab einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Glauben der Ureinwohner und dem Glauben der Inkas (4). Die Ureinwohner verehrten eher das Weibliche. Erde, Mond und Nacht waren bei ihnen weiblich. Die Inkas waren eher religiös-patriarchalisch orientiert. Feuer, Sonne und Tag waren bei ihnen männlich. Mit den Spaniern kamen Vertreter des männlichen Elements in seiner schlimmsten Ausprägung nach Südamerika.

Foto 5: Inka-Schlächter Pizarro
Am 16. November 1532 lockte Francisco Pizarro den Inka-Herrscher Atahualpa in eine Falle. Wie verabredet erschien Atahualpa mit mehreren tausend Ratgebern, Offizieren und Bediensteten im Zentrum von Cajamarca. Atahualpa wurde in einer Sänfte getragen. Alle waren wie besprochen unbewaffnet. Dominikaner Bruder Vincente de Valverde trat mit einem Dolmetscher auf Atahualpa zu, erklärte sich zum Gesandten Gottes und des spanischen Throns und forderte Atahualpa ebergisch auf, den katholischen Glauben anzunehmen und sich Karl V. zu unterwerfen. Atahualpa empfand das Ansinnen des »Gottesmannes« als beleidigend.

Er soll sich nach dem fremden Glauben erkundigt haben. Nicht zuletzt dank des mäßig talentierten Übersetzers kam das Gespräch ins Stocken. Ich vermute, dass der Geistliche Atahualpa bewusst provozieren sollte, um die unbewaffneten Inkas angreifen zu können. Warum sonst hatten sich Pizarros Gefolgsleute in den Gebäuden um die Plaza versteckt? Zahlenmäßig weit unterlegen, aber mit effektiven Waffen ausgerüstet, richteten die Spanier ein grausames Blutbad an. Tausende Gefolgsleute Atahualpas wurden niedergemetzelt, Atahualpa selbst wurde gefangen genommen. Gegen ein gigantisches Lösegeld, so versprachen die Spanier, würde der Inka freikommen. Sie hatten wohl nie ernsthaft in Erwägung gezogen, Atahualpa tatsächlich freizulassen. Zu groß war ihre Angst, Atahualpa würde sich rächen.

Atahualpa war schon ermordet, da waren immer noch unvorstellbare Schätze aus dem Inkareich unterwegs. Es soll den Inkas aber gelungen sein, die Kostbarkeiten vor den Spaniern zu verstecken. Bis heute sind riesige Mengen sakraler Kunstwerke der Inkas (vorwiegend aus Gold und Silber), die eigentlich als Lösegeld für Atahualpa gedacht waren, nicht gefunden worden. Sie werden in unterirdischen bei Cuzco und in unterirdischen Kammern im Umfeld von Pachacamac vermutet.Bekannt ist: Am 15. Januar 1533 machte sich Hernando mit vierzehn Reitern auf den Weg nach Pachacamac. Man kann davon ausgehen, dass Inka-Läufer lange vor den Spaniern in Pachacamac ankamen und die Tempelpriester warnten. So wurde wahrscheinlich der größte Teil des Tempelschatzes gerettet, sprich irgendwo in der Wüste vergraben.

Foto 6: Riesenwand des Riesentempels von Malta.

Ich stimme, wie gesagt, mit Ephraim George Squier überein: Auch meiner Meinung nach war Pachacamac das »Mekka Südamerikas«. Aber warum? Warum wurde Pachacamac zum Kultort? Warum wurde Pachacamac zum Sitz eines großen Orakels, schon bevor die Inkas dort ihren Sonnentempel errichteten? Warum wurden vor 6.000 bis 8.000 Jahren auf den kleinen Inseln Malta und Gozo 28 Tempel errichtet? Warum wurden mit immensem Arbeitsaufwand gigantische Steinkolosse verbaut?

Foto 7: Gott oder Astronaut?(Val Camonica)
Warum wurden im doch sehr begrenzten Val Camonica in Norditalien über einen Zeitraum von vermutlich rund 10.000 Jahren hunderttausende Gravuren in den Stein geritzt?

Warum gab es bereits lange vor der Islamisierung in Mekka ein Heiligtum (Kaaba in Mekka), das lange vor Mohammed Ziel von Wallfahrten war? Hubal (5) war ein Mondgott. Sein Bildnis, vermutlich eine Statue aus rotem Karneol, stand einst in der Kaaba. ʿAmr ibn Luhaiy soll das Abbild der alten Gottheit von einer seiner Reisen nach Mekka gebracht haben. Woher das verehrte Kunstwerk stammt, wir wissen es nicht. Angeblich stand es einst an einer Quelle. Hubal war berühmt für seine Orakel. Er würde gut zum Orakel von Pachacamac passen. Wie erfolgreich die Hubal-Orakel waren, das sei dahingestellt. Sehr hilfreich war das Orakel von Pachacamac für die Inkas offensichtlich nicht. Die Inkas sollen es häufig konsultiert haben. Wichtige Entscheidungen wurden stets erst nach Befragung des Orakels getroffen. Offensichtlich hat das Orakel die Inkas nicht vor den Spaniern gewarnt. Oder schlugen die Inkas die Prophezeiungen des Orakels in den Wind? Ja womöglich deuteten sie nebulöse Vorhersagen falsch und schätzten die Spanier vollkommen falsch ein.

Foto 8: Der Omphalos-Stein
In Griechenland markierte der Omphalos-Stein im Apollon-Tempel zu Delphi den »Nabel der Welt«. Das altehrwürdige Kultobjekt war ursprünglich ein Opferstein der Göttin Gaia. »Omphalos« hieß auch der kleine Tempel, der im »Forum Romanum« stand, nach dem Glauben der Römer genau am »Nabel der Welt«.

So gut wie alle Statuen waren umgestürzt, als der holländischen Admiral Jakob Roggeveen das merkwürdige Eiland am Ostermontag den 6. April 1722 »entdeckte«. So kam die Insel zu ihrem Namen. Die Eingeborenen aber nannten ihre kleine Heimat (163 Quadratkilometer) »Te Pito o Te Henua« (Nabel der Welt).  Roggeveen hatte Kap Horn umrundet und war quer durch den riesigen Pazifik gesegelt, in der Hoffnung, einen bis dato unbekannten Kontinent zu entdecken. Roggeveens Vater war mit dem Projekt gescheitert: an der damals schon übermächtigen Bürokratie. Als Vater Roggeveen endlich alle Genehmigungen beisammen hatte, konnte er nicht mehr in See stechen.

Foto 9:  Nan Madol.
Warum wurden vor »Temwen Island« (Pohnpei, Archipel der Karolinen, »Föderierte Staaten von Mikronesien«) mit gewaltigem Aufwand 92 künstliche Inseln geschaffen, um darauf teils gigantische Tempel aus Basaltsäulen zu errichten? Viel einfacher wäre es gewesen, die Tempel auf dem Festland zu bauen, aber es musste offenbar genau dort im Meer geschehen. Warum?

Offensichtlich gibt es auf unserem Globus Orte, die die Menschen  seit Jahrtausenden wie magisch anziehen. Gläubige sehen es als ihre religiöse Pflicht an, diese Orte aufzusuchen. Sie nehmen große Strapazen auf sich, um ans Ziel zu kommen, allen Gefahren zum Trotz.

Warum sind manche Orte so besonders für religiöse Zentren geeignet? Was unterscheidet diese Orte von anderen? Was zeichnet diese besonderen Stätten aus? Was zeichnet Orte aus, die als »Nabel der Welt« bezeichnet wurden?

Hat sich an diesen Orten einstmals Wundersames ereignet? Der Sage nach wurde der erste König von Nan Madol von »Himmlischen« bestimmt, die in fliegenden Schiffen unterwegs waren. Sollte es vor Jahrtausenden wirklich Kontakte mit »Himmelsschiffen« gegeben haben? Wurden die Plätze, an denen sie landeten, für heilig gehalten? Glaubte man, sie besonders verehren zu müssen, weil sie von den »Himmlischen« auserwählt und begünstigt worden sind?

Fußnoten
(1.1) Badde, Paul: »Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb«, Berlin 2004
(1.2)Fischinger, Lars: »Das Wunder von Guadalupe/ Nicht von Menschenhand«, Güllesheim 2007
(1.3) Hesemann, Michael: »Nicht von Menschenhand – Marienerscheinungen und heilige Bilder: Mysterium – Ungelöste Rätsel der Christenheit, Band 1«, Paderborn 17. September 2015
(2) Squier, Ephraim George: »Peru - Reise- und Forschungs-Erlebnisse in dem Lande der Incas«, Leipzig 1883, S. 85 unten
(3) http://www.palmyra-monitor.net/isis-destroyed-the-tetrapylon-and-part-of-the-roman-theater-in-palmyra/ (Stand 20.06.2018)
(4) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009, Pos. 40
(5) Nagel, Tilman: »Mohammed/ Leben und Legende«, München 2008

Foto 10: E. George Squier

Zu den Fotos
Foto 1: Die  Kathedrale von Guadalupe, Mexico City. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Eine Statue von Johannes Paul II. steht nahe der Kathedrale von Guadalupe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Palmyra-Übersicht. Foto wikimedia commons/ James Gordon Stobkcuf
Foto 4: Baaltempel von Palmyra. Foto wikimedia commons/ Zeledi Longbow4u Foto 6: Riesenwand des Riesentempels von Malta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Denkmal für den Inka-Schlächter Pizarro, Lima, Peru. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 Riesenwand des Riesentempels von Malta. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gott oder Astronaut, Val Camonica. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Omphalos-Stein, Nabel der Welt in Griechenland. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 9: Eine Monstermauer von Nan Madol. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ephraim George Squier um 1870. Wikimedia commons public domain


448 »Voodoo-Magie für den Weltfrieden?«,
Teil 448 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2018

Sonntag, 14. November 2010

43 »Tulum - Tempel im Paradies«

Teil 43 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
von Walter-Jörg Langbein

Tulum - Mayafestung in der Karibik
Foto: Ingeborg Diekmann, Bremen
Nirgendwo habe ich das Meer so paradiesisch blau, den Sandstrand so weiß und den Nachthimmel so sternenklar gesehen wie hier. Nirgendwo laden rätselhafte Gemäuer mit geheimnisvollen Darstellungen von Göttern so zum Nachdenken ein wie hier. Nirgendwo in der realen Welt der sieben Meere fühlt man sich so sehr in die Filmkulissen der fantastischen Welt vom »Fluch der Karibik« wie hier. Kapitän Jack Sparrow könnte jeden Moment mit seiner Mannschaft landen... so scheint es... und versuchen, die steilen Klippen zu überwinden. Wird die steinerne Festung erobert werden können?

Am 4. März des Jahres 1517 sichteten hier Francisco Hernandez de Cordoba und seine Spießgesellen, die den übelsten Piraten der Karibik an Grausamkeit gewiss nicht nachstanden, nach langer Seefahrt Land. Am 4. März gingen die Spanier an Land... und wurden von den mexikanischen Indios kriegerisch empfangen. Ein Hagel von Pfeilen und Speeren prasselte auf die fremden Eindringlinge nieder. Die Spanier aber verfügten über Feuerwaffen. Baumwollpanzer und hölzerne Schilde taugten da nicht als Schutz. Fünfzehn mexikanische Indios wurden erschossen, zwei gefangen genommen. Die Spanier nahmen die geheimnisvolle Stadt auf den Klippen ohne weitere Probleme ein. Sie staunten über die »großen Häuser aus Stein und Kalk«. Sie nannten die alte Festung »das große Kairo«.

Stadt der Morgenröte
Foto Walter-Jörg Langbein
»Tulum«, die Festung, hieß einst »Zama«, »Stadt der Morgenröte«. Wann mag sie gegründet worden sein? In uralten Zeiten war Zama so etwas wie eine Pilgerstadt. Von hier aus traten die Anhänger der Göttin Ix-Chel die letzte Etappe ihrer Reise an: zur Insel Cozumel, um dort zur Göttin zu beten. Ix-Chel scheint eine der Urgöttinnen aus der Zeit des Matriarchats gewesen zu sein.... Sie war eine Fruchtbarkeitsgöttin, zuständig für Aussaat und Ernte, Leben und Tod. Ix-Chel war Erd- und Mondgöttin... wie so viele ihrer Vorgängerinnen überall auf der Welt. Ix-Chel schenkte den Menschen die Heilkunst, plagte sie aber auch mit Krankheiten.

Ix-Chel, auch »Göttin des Werdens« genannt, wurde mit der Schlange in Verbindung gebracht. Sollten Götter wie Kukulkan die Schlange der Göttin übernommen haben? Wurde Ix-Chel nur auf dem Eiland Cozumel verehrt, oder auch in Tulum. Wir wissen es nicht. Fest steht: »Tulum« bedeutet so viel wie »Festung« oder »Verschanzung«. Der Name ist mehr als passend: Tulum war einst von einer fast sieben Hundert Meter langen, vier Meter hohen und drei Meter dicken Mauer umschlossen. Nur zum Meer hin war sie offen. Doch unmittelbar hinter dem stolzen »Kastell« fällt eine steinerne Klippe steil zum Meer ab.

Die einst stolze Stadtmauer ist nur noch
zum Teil erhalten. Foto: Walter-Jörg Langbein
Zu meinem Befremden erkennt ein weit verbreiteter Reiseführer (1) in Tulum, deren Ruinen durch schlichte Schönheit bestechen, eine von »Dekadenz geprägte Architektur«. Dekadent, so will mir scheinen, sind eher Touristenhorden. Die immer wieder in die majestätische Ruinenstadt einfallen. Die Rede ist vorwiegend von amerikanischen Pauschaltouristen, die besonders preiswerte Touren von den USA aus unternehmen... mit »All you can eat and drink«-Angeboten! So viel essen und trinken wie man will, und das zu einem günstigen Pauschalpreis... das lockt nicht unbedingt nur Menschen an, die sich für die altehrwürdigen Ruinen von Tulum interessieren.

Tulum, der Tempel im Paradies, wird von Experten als »postklassisch« eingestuft. Die »dekadente Architektur« (was immer das sein mag) weise, so heißt es, auf das 12. oder 13. Jahrhundert hin. Auf einer Stele wurde allerdings das Datum 564 entdeckt. Stammt also Tulum schon aus dem sechsten Jahrhundert? Kritiker wenden ein, besagte Stele sei von den Mayas aus einer älteren Siedlung nach Tulum geschafft worden. Wann auch immer die Besiedlung durch die Mayas erfolgte... wann entstand das ursprüngliche Tulum, als Pendant zur Insel der Göttin?

Dekadente Architektur?
Foto: Walter-Jörg Langbein
Vor zwei Jahrtausenden siedelten die erste Mayas auf Cozumel. In der klassischen Periode (300 bis 900 n.Chr.) war die Insel so etwas wie das Mekka der Mayas. Die gläubige Maya-Frau absolvierte mindestens einmal im Leben eine Pilgerreise zur Göttin. Millionen von Maya-Frauen sollen im Verlauf der Jahrhunderte nach Cozumel gekommen sein.... bis Hernan Cortes anno 1519 auftauchte und die Maya-Kultur zerstörte. Allerdings werden auch heute noch auf Cozumel, der einst heiligen Insel der Schwalben – der Göttin kleine Opfergaben dargeboten, der christlichen Geistlichkeit zum Verdruss!

In der »weißen Mayastadt« Tulum finden sich keine sichtbaren Hinweise mehr auf die Göttin, wohl aber auf einen mysteriösen Gott. Wir kennen seinen Namen nicht mehr. In der Mythologie der Mayas wird er als »herabstürzender Gott« oder »herabsteigender Gott« umschrieben. War damit »Ah Mucen Cab« gemeint, der göttliche »Honigsammler«? »Ah Muzencab«, wie das mächtige himmlische Wesen auch genannt wurde, war in der Mythenwelt der Mayas ein Bienengott. Und in den heiligen Überlieferungen der Mayas war er ein »herabstürzender Gott«. Die »Chilam Balam«-Bücher preisen ihn als einen der Weltschöpfer. Einer der Tempel von Tulum war ihm geweiht... dem »herabstürzenden Gott«.

Tempel des herabsteigenden Gottes
Es mutet kurios an: Ein mächtiger Gott... als »Honigsammler«? In der Maya-Sprache bedeutet das Wirt »Honig« zugleich auch »Welt«. War dann der göttliche »Honigsammler« ein mächtiger, kosmischer Weltensammler? Wie auch immer: Offenbar stiegen in der Glaubenswelt der Mayas Götter vom Himmel herab... Im »Tempel im Paradies« wurden sie verehrt, diese kosmischen Wesen. Man findet sie immer wieder in Tulum. Die Abbildungen ähneln einander sehr: Immer wird die Gottheit mit dem Kopf nach unten und gespreizten Beinen nach oben dargestellt.

Mit einiger Fantasie erkennt man einen »Vogelschwanz« und »Flügel« an den Armen...

Das zentrale Gebäude von Tulum, der »Templo de los Frescos« (der »Freskentempel«) hat an zentraler Stelle die beschädigten Reste eines solchen Gottes aufzuweisen... Auch am »Castillo« wurde er in Stuck verewigt... der »herabstürzende Gott«. War es ein Gott... oder gehörten mehrere Gottheiten der geheimnisvollen Gruppe der Himmlischen an, die zur Erde herabkamen?

Einer der herabsteigenden Götter von Tulum
Foto: Ingeborg Diekmann
Fußnote
(1) »Knaurs Kulturführer in Farbe/ Mittelamerika/ Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe München 1996, S. 293





»Luzifer der Südsee«,
Teil 44 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.11.2010

Labels

Walter-Jörg Langbein (656) Sylvia B. (105) Osterinsel (79) Tuna von Blumenstein (46) Peru (34) Karl May (27) Nan Madol (27) g.c.roth (27) Maria Magdalena (22) Jesus (21) Karl der Große (19) Make Make (19) Externsteine (18) Für Sie gelesen (18) Bibel (17) Der Tote im Zwillbrocker Venn (17) Rezension (17) der tiger am gelben fluss (17) Autoren und ihre Region (16) Apokalypse (15) Vimanas (15) Atlantis der Südsee (13) Der hässliche Zwilling (13) Weseke (13) Blauregenmord (12) Nasca (12) Palenque (12) meniere desaster (12) Krimi (11) Pyramiden (11) Malta (10) Serie Teil meniere (10) Ägypten (10) Forentroll (9) Mexico (9) National Geographic (9) Straße der Toten (9) Lügde (8) Briefe an Lieschen (7) Monstermauern (7) Sphinx (7) Tempel der Inschriften (7) Winnetou (7) Lyrik (6) Marlies Bugmann (6) Mord (6) Märchen (6) altes Ägypten (6) 2012 - Endzeit und Neuanfang (5) Atahualpa (5) Hexenhausgeflüster (5) Mexico City (5) Mord in Genf (5) Satire (5) Thriller (5) Atacama Wüste (4) Cheopspyramide (4) Dan Brown (4) Ephraim Kishon (4) Hexenhausgeflüster- Sylvia B. (4) Leonardo da Vinci (4) Machu Picchu (4) Sacsayhuaman (4) Teutoburger Wald (4) große Pyramide (4) Meniere (3) Mondpyramide (3) Mord im ostfriesischen Hammrich (3) Mysterien (3) Sakrileg (3) Shakespeare (3) Bevor die Sintflut kam (2) Das Sakrileg und die heiligen Frauen (2) Friedhofsgeschichten (2) Goethe (2) Lexikon der biblischen Irrtümer (2) Markus Lanz (2) Münsterland-Krimi (2) Vincent van Gogh (2) Alphabet (1) Bestatten mein Name ist Tod (1) Hexen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen (1) Lyrichs Briefe an Lieschen Hexenhausgeflüster (1) Mord Ostfriesland (1) Mord und Totschlag (1) Münsterland (1) einmaleins lernen (1) meniére desaster (1)