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Sonntag, 17. Februar 2013

161 »Abstieg in die Unterwelt«

Teil 161 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Tulum lockt nicht nur
Maya-Freunde an.
Foto: W-J.Langbein
Tulum, direkt am Strand der karibischen See gelegen, lockt unzählige Touristen an. Man hat sich auf Pauschalreisende aus den USA eingerichtet, die für ein paar Tage einfliegen. Archäologische Rätsel interessieren viele dieser Besucher eher wenig ... wohl aber All-inklusive-Angebote. Essen und Getränke ... auch alkoholische ... sind im Preis inbegriffen. Auch im »Hotel Paraiso« ging es hoch her. Zu Deutsch: Von Tag zu Tag gab es mehr Alkoholisierte, die zusehends Gestalten aus Horrorstreifen wie »Die Rückkehr der lebenden Leichen« aussahen. Junge Amerikanerinnen und Amerikaner scheinen auf diese Weise die bibelfromme Lebensweise für kurze Zeit zu kompensieren.

Ein älterer Hotelangestellter erzählte mir spätabends von einer »Höhle der Göttin Ixcanleom«, die wohl mit Ix-chel identisch ist. Nach einigem Hin und Her erklärte sich der freundliche Südamerikaner bereit, er war in Peru gebürtig, mir den geheimnisvollen Einstieg in die Unterwelt zu zeigen. Vertrauensvoll nahm ich die Einladung gern an. Mitten in der Nacht fuhren wir per Taxi Richtung Coba ... und kletterten – nach mehrstündiger Fahrt – auf glitschigen Steinstufen eine kleine Anhöhe hinauf. Der Taxifahrer wartete derweil rauchend in seinem Vehikel.

Darstellungen der
Göttin Ix-chel.
Fotos: Archiv
W-J.Langbein
Ich erinnere mich an die nächtliche Exkursion in die Unterwelt, als sei es gestern gewesen ... Vor mir ging, bewaffnet mit einer Taschenlampe, der schmächtige Hotelangestellte, hinter mir folgte schnaufend seine beleibte Schwester. Sie schleppte eine offenbar schwere Tasche mit sich ... die nicht ungefährliche Treppe bergan. Dann ging's endlich durch einen schmalen Spalt im felsigen Boden auf einer knarrenden Leiter hinab.

Als erster hatte sich der Mann mit der Lampe auf die Leiter gewagt. Als er unten – etwa fünf Meter tiefer – angekommen war, leuchtete er uns mit der jetzt eher blendenden Lampe. Ich folgte als Zweiter mit der schweren Tasche der Schwester. Sie kletterte erstaunlich behende Sprosse für Sprosse als Letzte nach unten. Wiederholt gab die Leiter dabei seltsame Knarzgeräusche von sich. Die Dame war ob ihres Gewichts eine echte Herausforderung für die wackelige Behelfstreppe.

Unten angekommen, ließ der Mann vom Hotel den Lichtpegel seiner Taschenlampe über Boden, Wände und Decke einer weiträumigen Höhle gleiten. Von oben wuchsen Stalaktiten unterschiedlicher Größe nach unten. Von unten streckten sich ihnen Stalagmiten entgegen. Wie lange mag es wohl gedauert haben, bis sie sich trafen? Manche waren massiv und wuchtig. Andere geradezu filigran. Am Boden standen Tongefäße unterschiedlichster Größe ... Opfergaben für Göttin »Ixcanleom« alias »Ixel-che«. Die beleibte Schwester stellte einen dickbauchigen Tonkrug ab. Ihr Bruder erklärte mir flüsternd: »Sie erbittet von Göttin Ixcanleom (alias Ix-chel) ein Söhnchen. Bislang hat es mit dem Nachwuchs noch nicht geklappt. Da soll die Göttin der Fruchtbarkeit helfen!« Keine Frage: Diese Gottheit war die »richtige Adresse«!

Blick in die Unterwelt
Fotos: W-J.Langbein
Natürlich, so erfuhr ich weiter, war die Bittstellerin eine »gute Katholikin«. Aber nachdem Maria ihre Gebete bislang nicht erhört hatte, wandte sie sich nun an die Konkurrenz ... nicht ohne vorher den katholischen Geistlichen ihres Heimatdorfes zu konsultieren. Der segnete dann den für die Göttin bestimmten Krug.

Flüsternd fragte ich meinen Guide, was sich denn im Krug befinde. »Das ist geheime Frauensache ...« lautete die Antwort. Während sich seine Schwester vor ihre Gabe für die Göttin niederkniete und leise murmelnd betete, entfernten wir uns diskret. Mein Guide ermahnte mich zur Vorsicht. »Es gibt an verschiedenen Stellen Einbrüche, die teilweise sehr tief sind ...« Natürlich achteten wir darauf, keinen der zahlreichen Krüge umzustoßen ... aus Respekt vor dem Glauben der zahlreichen Bittsteller. »Manche Geistliche verabscheuen die Opfergaben für die Göttin als heidnisch. Der Vorgänger unseres Pfarrers verurteilte sie als ›dummen Aberglauben‹. Ich sehe aber keinen großen Unterschied zwischen einem Krug für die Göttin der Fruchtbarkeit und einer Kerze für die Himmelskönigin Maria! Im Himmel ist Platz für viele Göttinnen, für Maria, für Ixcanleom und viele andere!«

Der berühmte Cenote de los
Sacrificos, Chichen Itza.
Foto W-J.Langbein
In den Karstgebieten Zentralamerikas sieht das unterirdische Kalkgestein oft wie ein von Löchern durchsetzter Schweizer Käse aus. Unzählige Höhlen sind im Verlauf von Jahrmillionen entstanden, durch Auflösung des Kalksteins. Angeblich soll es weitläufige unterirdische Systeme geben: Unterirdische Flussläufe haben natürliche »Tunnel« in das Weiche Kalkgestein gefressen und verbinden über weite Strecken hinweg die oft riesigen Räume in der Unterwelt miteinander. So dürfte in Zentralamerika eines der größten und komplexesten Höhlensysteme unseres Planeten entstanden sein!

Immer wieder kam es durch Einbrechen der Decke zur Bildung von Cenotes. Die Mayas nannten diese Löcher, die sich in der Regel mit Wasser füllten, »ts'o'noot«, »heilige Quelle«. Manchmal stürzten Höhlendecken von selbst ein. Manchmal wurden unterirdische Hohlräume durch einschlagende Meteoriten brachial geöffnet. Solche Schlünde – wie die Cenote von Chichen Itza sind dann kreisrund.

Die wohl bekannteste »ts'o'noot« ist wohl die »Cenote der Opfergaben« bei den Maya-Ruinen von Chichen Itza. Für die Mayas waren Cenotes – von denen es allein im Bundesstaat »Quintana Roo« fast 1000 geben soll – Eingänge in die Unterwelt. Deshalb opferten sie den Göttern, indem sie zum Teil kostbare Schätze in die kraterartigen Wasserlöcher warfen.

Auch heute noch wird der Göttin
geopfert. Foto W-J.Langbein
Und deshalb steigen noch heute Nachfahren der Mayas in Höhlen, in die Unterwelt, um den Göttern und Göttinnen Gaben zu bringen! Solche Kulträume im Leib von »Mutter Erde« waren wohl weltweit schon vor vielen Jahrzehntausenden den archaischen Erdgöttinnen geweiht, die nach den Lehren der ältesten Religionen alles Leben gebaren ... so wie die berühmte Eva des »Alten Testaments«. Solche Glaubensvorstellung sind auch heute noch in Mittelamerika lebendig. Sie werden von vielen katholischen Geistlichen stillschweigend geduldet, so lange ihre Schäflein auch noch regelmäßig zum christlichen Gottesdienst kommen.

Inzwischen hatte die Schwester meines Guide, immer noch Gebete vor sich hinmurmelnd, eine Kerze entzündet. Sie hob ihre Arme und rief immer wieder laut den Namen der Göttin der Fruchtbarkeit und des Lebens, Ixcanleom, an. Ixcanleom wird häufig mit Göttin Ix-chel gleichgesetzt. Ix-chel war eine der bedeutendsten Göttinnen der Mayas überhaupt. Sie galt als mächtige Erd- und Mondgöttin. Sie beschützte nach altem Maya-Glauben die Schwangeren, war für die Fruchtbarkeit zuständig ... und somit für den Fortbestand des Lebens auf Planet Erde verantwortlich. Als eine Wassergöttin spendete sie Mensch, Tier und Pflanze das notwendige Nass ... ließ aber auch manchmal Unwetter über die Erde kommen. In diesen »Sintfluten« wurde sehr viel Leben zerstört ... und Platz für neues Leben geschaffen.

Maya-Darstellung der
Göttin Ix-chel
Die Götterwelt der Mayas ist selbst für Fachleute von Rang kaum zu überblicken. So wird Ix-chel auch mit einer alten Jaguargöttin gleichgesetzt, die bei den Mayas die Patronin der Schwangerschaft und der Medizin war. Während Hebammen im Christentum zeitweise mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen rechnen mussten, waren ihre Kolleginnen bei den Mayas immer hoch angesehen. Da galt es nicht als Verstoß gegen göttliches Gebot, gebärenden Frauen den Schmerz durch Arzneien zu lindern.

An Ix-chels Seite stand der mächtige Himmelsgott Itzamná, dem Schöpfergott. Seit Jahrhunderten versuchen christliche Missionare, Itzamná durch den biblischen All-Gott zu ersetzen, doch gelungen ist das bis heute nicht. So wie dem biblischen Gott des Alten Testaments Räucheropfer dargeboten wurden ... so bekamen die Göttinnen und Götter der Mayas ähnliche Geschenke. Der rauchige Duft verbrannter kostbarer Kräuter diente ihnen als Nahrung ... und als »Bestechung«.

Maya-Darstellung des Gottes Itzamna
So entfachte die Schwester meines Guides ein knisterndes Feuerchen, das von getrockneten Pflanzen gespeist wurde. Rauchschwaden waberten durch den Raum. Deutlich stieg mir der aus katholischen Kirchen bekannte Weihrauchduft in die Nase. Sich hin und her wiegend sang die Gläubige in altem Maya-Dialekt, erflehte sich von Ix-chel den schon so lang erhofften Nachwuchs. Wortlos stand sie schließlich auf und kletterte wieder die hölzerne Leiter empor. Wir folgten ihr und fuhren im Taxi wieder zurück.

Unzählige Maya-Höhlen dienen auch heute als sakrale Stätten alten Brauchtums. Unzählige Cenotes-Höhlen stehen aber unter Wasser und dienen heutigen Tauchern als nicht ungefährliches exotisches Paradies. Mayaforscher nennen die Unterwelt, wo unterirdische Flüsse von vielen Hundert Kilometern Länge fließen ... den Strom der Mayas. In Dürreperioden schenkte er den Mayas das lebensnotwendige Wasser, wenn überirdische Flussläufe schon längst versiegt waren. Die Mayas schöpften aber nicht nur Wasser aus dem gigantischen unterirdischen Gang-Höhlensystem. Fanden sich doch tief unter der Erdoberfläche in vollkommen gefluteten Höhlensystemen Opferstätten der Mayas. Man könnte nun vermuten, dass diese unterirdischen sakralen Räume genutzt wurden, bevor sie mit Wasser voll liefen.

Fakt ist aber: 2006 wurde eine spannende Fernsehproduktion publiziert: »In den Todeskammern der Maya« (Reihe »Schliemanns Erben«). In der spektakulären Dokumentation von Michael Tauchert gelang der Nachweis, dass die »Maya-Altäre« angelegt worden sein müssen ... als die unterirdischen Welten dort bereits lange Zeit geflutet waren. Die Mayas müssen in der Lage gewesen sein, stundenlang zu tauchen und dabei kilometerlange unterirdische, vollkommen mit Wasser gefüllte Korridore unter Wasser zu durchschwimmen.

Unterirdische Kulträume
gelten auch heute
noch als heilig.
Foto W-J.Langbein
Was heutigen, besonders geschulten Tauchern mit modernster technischer Ausrüstung möglich ist ... das vermochten schon Mayas vor Jahrtausenden. Wie waren sie zu solch unglaublichen Leistungen in der Lage? Sie müssen über Taucherausrüstungen verfügt haben. Wie mögen diese ausgesehen haben? Man muss sich vor Augen führen: Die Maya-Spezialisten tauchten nicht nur kilometerweit in zum Teil verwinkelten, engen, wassergefluteten Gängen, sie arbeiteten auch unter Wasser. Hier wurde eine Säule aus der Wand gearbeitet. Dort wurde ein Gesicht in den Stein gemeißelt ... und das – ich muss es wiederholen – unter Wasser! Die Mayas trugen zudem – tauchend! – Krüge und Opfergaben aus Fleisch und Blut (Tiere, wohl auch Menschen!) ... um ihre Gaben unter Wasser auf Altäre zu schaffen und Opfer zu deponieren!

Wie viele Tauchgänge wurden von den Mayas unternommen? Und – auch diese Frage muss ich wiederholen – mit was für einer Taucherausrüstung?

»Alle Straßen führen nach Coba«,
Teil 162 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24.02.2013


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Sonntag, 14. November 2010

43 »Tulum - Tempel im Paradies«

Teil 43 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
von Walter-Jörg Langbein

Tulum - Mayafestung in der Karibik
Foto: Ingeborg Diekmann, Bremen
Nirgendwo habe ich das Meer so paradiesisch blau, den Sandstrand so weiß und den Nachthimmel so sternenklar gesehen wie hier. Nirgendwo laden rätselhafte Gemäuer mit geheimnisvollen Darstellungen von Göttern so zum Nachdenken ein wie hier. Nirgendwo in der realen Welt der sieben Meere fühlt man sich so sehr in die Filmkulissen der fantastischen Welt vom »Fluch der Karibik« wie hier. Kapitän Jack Sparrow könnte jeden Moment mit seiner Mannschaft landen... so scheint es... und versuchen, die steilen Klippen zu überwinden. Wird die steinerne Festung erobert werden können?

Am 4. März des Jahres 1517 sichteten hier Francisco Hernandez de Cordoba und seine Spießgesellen, die den übelsten Piraten der Karibik an Grausamkeit gewiss nicht nachstanden, nach langer Seefahrt Land. Am 4. März gingen die Spanier an Land... und wurden von den mexikanischen Indios kriegerisch empfangen. Ein Hagel von Pfeilen und Speeren prasselte auf die fremden Eindringlinge nieder. Die Spanier aber verfügten über Feuerwaffen. Baumwollpanzer und hölzerne Schilde taugten da nicht als Schutz. Fünfzehn mexikanische Indios wurden erschossen, zwei gefangen genommen. Die Spanier nahmen die geheimnisvolle Stadt auf den Klippen ohne weitere Probleme ein. Sie staunten über die »großen Häuser aus Stein und Kalk«. Sie nannten die alte Festung »das große Kairo«.

Stadt der Morgenröte
Foto Walter-Jörg Langbein
»Tulum«, die Festung, hieß einst »Zama«, »Stadt der Morgenröte«. Wann mag sie gegründet worden sein? In uralten Zeiten war Zama so etwas wie eine Pilgerstadt. Von hier aus traten die Anhänger der Göttin Ix-Chel die letzte Etappe ihrer Reise an: zur Insel Cozumel, um dort zur Göttin zu beten. Ix-Chel scheint eine der Urgöttinnen aus der Zeit des Matriarchats gewesen zu sein.... Sie war eine Fruchtbarkeitsgöttin, zuständig für Aussaat und Ernte, Leben und Tod. Ix-Chel war Erd- und Mondgöttin... wie so viele ihrer Vorgängerinnen überall auf der Welt. Ix-Chel schenkte den Menschen die Heilkunst, plagte sie aber auch mit Krankheiten.

Ix-Chel, auch »Göttin des Werdens« genannt, wurde mit der Schlange in Verbindung gebracht. Sollten Götter wie Kukulkan die Schlange der Göttin übernommen haben? Wurde Ix-Chel nur auf dem Eiland Cozumel verehrt, oder auch in Tulum. Wir wissen es nicht. Fest steht: »Tulum« bedeutet so viel wie »Festung« oder »Verschanzung«. Der Name ist mehr als passend: Tulum war einst von einer fast sieben Hundert Meter langen, vier Meter hohen und drei Meter dicken Mauer umschlossen. Nur zum Meer hin war sie offen. Doch unmittelbar hinter dem stolzen »Kastell« fällt eine steinerne Klippe steil zum Meer ab.

Die einst stolze Stadtmauer ist nur noch
zum Teil erhalten. Foto: Walter-Jörg Langbein
Zu meinem Befremden erkennt ein weit verbreiteter Reiseführer (1) in Tulum, deren Ruinen durch schlichte Schönheit bestechen, eine von »Dekadenz geprägte Architektur«. Dekadent, so will mir scheinen, sind eher Touristenhorden. Die immer wieder in die majestätische Ruinenstadt einfallen. Die Rede ist vorwiegend von amerikanischen Pauschaltouristen, die besonders preiswerte Touren von den USA aus unternehmen... mit »All you can eat and drink«-Angeboten! So viel essen und trinken wie man will, und das zu einem günstigen Pauschalpreis... das lockt nicht unbedingt nur Menschen an, die sich für die altehrwürdigen Ruinen von Tulum interessieren.

Tulum, der Tempel im Paradies, wird von Experten als »postklassisch« eingestuft. Die »dekadente Architektur« (was immer das sein mag) weise, so heißt es, auf das 12. oder 13. Jahrhundert hin. Auf einer Stele wurde allerdings das Datum 564 entdeckt. Stammt also Tulum schon aus dem sechsten Jahrhundert? Kritiker wenden ein, besagte Stele sei von den Mayas aus einer älteren Siedlung nach Tulum geschafft worden. Wann auch immer die Besiedlung durch die Mayas erfolgte... wann entstand das ursprüngliche Tulum, als Pendant zur Insel der Göttin?

Dekadente Architektur?
Foto: Walter-Jörg Langbein
Vor zwei Jahrtausenden siedelten die erste Mayas auf Cozumel. In der klassischen Periode (300 bis 900 n.Chr.) war die Insel so etwas wie das Mekka der Mayas. Die gläubige Maya-Frau absolvierte mindestens einmal im Leben eine Pilgerreise zur Göttin. Millionen von Maya-Frauen sollen im Verlauf der Jahrhunderte nach Cozumel gekommen sein.... bis Hernan Cortes anno 1519 auftauchte und die Maya-Kultur zerstörte. Allerdings werden auch heute noch auf Cozumel, der einst heiligen Insel der Schwalben – der Göttin kleine Opfergaben dargeboten, der christlichen Geistlichkeit zum Verdruss!

In der »weißen Mayastadt« Tulum finden sich keine sichtbaren Hinweise mehr auf die Göttin, wohl aber auf einen mysteriösen Gott. Wir kennen seinen Namen nicht mehr. In der Mythologie der Mayas wird er als »herabstürzender Gott« oder »herabsteigender Gott« umschrieben. War damit »Ah Mucen Cab« gemeint, der göttliche »Honigsammler«? »Ah Muzencab«, wie das mächtige himmlische Wesen auch genannt wurde, war in der Mythenwelt der Mayas ein Bienengott. Und in den heiligen Überlieferungen der Mayas war er ein »herabstürzender Gott«. Die »Chilam Balam«-Bücher preisen ihn als einen der Weltschöpfer. Einer der Tempel von Tulum war ihm geweiht... dem »herabstürzenden Gott«.

Tempel des herabsteigenden Gottes
Es mutet kurios an: Ein mächtiger Gott... als »Honigsammler«? In der Maya-Sprache bedeutet das Wirt »Honig« zugleich auch »Welt«. War dann der göttliche »Honigsammler« ein mächtiger, kosmischer Weltensammler? Wie auch immer: Offenbar stiegen in der Glaubenswelt der Mayas Götter vom Himmel herab... Im »Tempel im Paradies« wurden sie verehrt, diese kosmischen Wesen. Man findet sie immer wieder in Tulum. Die Abbildungen ähneln einander sehr: Immer wird die Gottheit mit dem Kopf nach unten und gespreizten Beinen nach oben dargestellt.

Mit einiger Fantasie erkennt man einen »Vogelschwanz« und »Flügel« an den Armen...

Das zentrale Gebäude von Tulum, der »Templo de los Frescos« (der »Freskentempel«) hat an zentraler Stelle die beschädigten Reste eines solchen Gottes aufzuweisen... Auch am »Castillo« wurde er in Stuck verewigt... der »herabstürzende Gott«. War es ein Gott... oder gehörten mehrere Gottheiten der geheimnisvollen Gruppe der Himmlischen an, die zur Erde herabkamen?

Einer der herabsteigenden Götter von Tulum
Foto: Ingeborg Diekmann
Fußnote
(1) »Knaurs Kulturführer in Farbe/ Mittelamerika/ Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe München 1996, S. 293





»Luzifer der Südsee«,
Teil 44 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.11.2010

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