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Sonntag, 9. Juli 2017

390 »Im Tal der 300 Pyramiden«

Teil  390 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza

Weltweit gibt es Pyramiden, von Ägypten bis Mexico. Atemraubende Steinberge, Treppen in den Himmel, faszinieren mich besonders im Urwald Mexikos. Im Sonnenlicht erstrahlen sie auf geheimnisvolle Weise vor dem Hintergrund des grünen Dickichts, das sie Jahrhunderte lang verborgen hielt. Beim Anblick der herrlichen scharf umrissenen Konturen, die sich so klar und deutlich vom blauen Himmel abheben, vergisst man aber eines: Die Meisterwerke der Baukunst wurden von Archäologen „neuerer“ Zeit ausgegraben und rekonstruiert. Oftmals boten sie, vom Überwuchs befreit, einen traurigen Anblick: So manche Stufenpyramide war nur noch als „Hügel“ zu erkennen.

Scharfkantige Treppenstufen mussten erst wieder mehr als nur einer „kosmetischen Operation“ unterzogen werden. Große Teile der Außenhülle waren abgerutscht und lagen zu Füßen der einst so stolzen Pyramiden. Sorgsam wieder aufgebaut, machen die Pyramiden von Tulum, Palenque und Chichen Itza heute einen frischen Eindruck, so als ob sie eben erst errichtet worden seien und nicht vor Jahrhunderten. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass bei der »Rekonstruktion« mancher Pyramide eine gehörige Portion Fantasie zum Einsatz kam.

Foto 3: Howard Phillips Lovecraft.

Von Chiclayo aus erkundete ich die Gefilde von Lambayeque im nordwestlichen Peru. Anno 2007 lebten auf einer Fläche von rund 15.000 km² über eine Million Menschen. Einst blühten hier zu Vor-Inka-Zeiten erstaunliche Kulturen. Die Chimú-Kultur dominierte in der Zeit von etwa 1250 n.Chr. bis 1470 n.Chr. um die heutige Stadt Trujillio. Ebenso „vorinkaisch“ ist die Sipán-Kultur im La-Leche-Tal an der Nordküste von Peru, deren Bauten  im Zeitraum von ca. 700 bis 1375 errichtet wurden. Noch älter ist die Moche-Kultur. Nach heutigem Kenntnisstand hatte sie ihre Anfänge bereits im 1. Nachchristlichen Jahrhundert und ging im 8. Jahrhundert unter.  Gingen diese Kulturen ineinander über oder entstanden sie unabhängig voneinander? Oder beeinflussten sie sich nur?


Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII.

Von Chiclayo aus erwanderte ich die Bauten dieser drei Kulturen, über die weit weniger bekannt ist als man annehmen möchte. Die Pyramiden, die sie uns hinterlassen haben, erinnern mich an fantastische Schilderungen aus der Feder von H.P. Lovecraft (1) . Bei einem nächtlichen Besuch überkam mich ein komisches Gruseln, vielleicht weil mir die eine oder die andere Schauergeschichte erzählt worden war, von Menschenopfern und grausamen Ritualen. Mächtigen Fürsten seien lebende Diener mit ins Grab gegeben worden, um die Herrschaften im Jenseits standesgemäß zu bedienen. Oder man habe die engsten Vertrauten dahingeschiedener Despoten rituell getötet und die Entleibten dem toten Fürsten zur untertänigsten Betreuung im Jenseits mitgegeben.

Umstritten ist, ob die engsten Vertrauten wie Bedienstete freiwillig aus dem Leben schieden, weil sie im Glanz der Fürsten im Jenseits weiterleben wollten, oder ob sie ungefragt ermordet wurden. Vielleicht glaubten sie, so in ein besseres Leben zu sterben, in ein Jenseits, das viel angenehmer sein würde als für viele Zeitgenossen das Diesseits?

Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten.

Ein katholischer Geistlicher vertraute mir flüsternd an, Gruselstories von Geistern, die den Lebenden von heute das flackernde Lebenslicht ausblasen wollen, gingen auf das Konto von Archäologen. »Man will den Grabräubern Angst machen, ihnen einreden, dass sie höllischen Spuk auslösen, wenn sie die Gräber aus alten Zeiten plündern.« Wirklich beeindruckt scheinen die Grabräuber vor Ort nicht zu sein. Schließlich haben ihre Großväter und Väter bereits die Gefilde von Túcume und Sipán systematisch in Angriff genommen, um bis heute unentdeckte Gräber mythologischer Fürsten ausfindig zu machen. Seit Generationen hofft man auf besonders wertvolle Funde, auf edelste Grabbeigaben, die alle bisherigen Funde in den Schatten stellen.


Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume

Aus Sicht der Toten dürfte es kaum einen Unterschied machen, ob ihre »Ruhe« von Grabräubern oder Archäologen gestört wird. Gewiss, Grabräuber gehen mit den sterblichen Überresten aus alten Zeiten sehr viel brutaler um als Archäologen. Mumien werden wenig zartfühlend ausgewickelt und achtlos liegengelassen. Von alleinigem Interesse sind Goldschmuck und Tonwaren, von reichen Privatsammlern begehrt. Man befürchtet aber auch zu Recht, dass Goldschmuck aus Gräbern immer wieder eingeschmolzen wird, ganz nach Sitte der ach so kultivierten spanischen Eroberer. Archäologen gehen behutsamer mit den Toten um. Ihre wertvollen Grabbeigaben wandern in Museumsvitrinen, so wie auch gut erhaltene Mumien gern in Museen in klimatisierten »Schneewittchensärgen« zur Schau gestellt werden. Von Pietät kann man auch nicht sprechen, wenn Mumien ihren Gräbern entrissen, desinfiziert und konserviert werden, um dann in Museumsdepots zu verschwinden.

Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden

Wirken zum Beispiel die Pyramiden von Chichen Itza, Palenque oder der »Straße der Toten« am Rande von Mexico City heute, als wären sie eben erst gebaut worden, so erscheinen jene von Túcume und Sipán geradezu vorsintflutlich alt. Salopp gesagt: So manche Pyramide in Mexico oder Peru könnte als Kulisse für einen Science-Fiction-Film gebaut worden sein. Per »Zeitmaschine« reisen die Helden in die Vergangenheit, um zu erleben, welche Rituale auf den steinernen Monumenten vollzogen wurden. Die Pyramiden von Túcume und Sipán beflügeln die Fantasie. Sie kommen mir vor, als wären sie nicht Jahrtausende, sondern Jahrhunderttausende Jahre alt! Es bedürfte eines H.P. Lovecraft, um diese rätselhaften Monumente längst vergangener Zeiten angemessen zu beschreiben.

Lovecraft fabulierte fantasiereich über eine ominöse Stadt »tief in der arabischen Wüste« (2): »Die zeitzerfressenen Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden, verhießen Furcht – und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor diesen unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen, die kein Mensch je erschauen sollte.« Was Lovecraft über »seine Stadt ohne Namen« fabulierte, trifft exakt auf die Pyramidenstädte von Túcume und Sipán zu (3): »Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir die ganze Pracht einer Epoche aus, … als die Menschheit noch jung war.«

Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt

Anno 1880 entdeckte der deutsche Ingenieur Hans Heinrich Brüning unweit der Zucker-Plantage Patápo im Lambayeque-Tal, Peru, kostbare Grabbeigaben aus Gold einer unbekannten Kultur. Er staunte nicht schlecht, als er erkannte, dass es sich bei seltsamen Pyramiden in staubtrockener Wüste um gewaltige Pyramiden aus Adobe-Ziegeln handelte. Heute wissen wir, dass in jenen Gefilden Menschen den Göttern geopfert wurden. Anno 1533 wurden im Lambayeque-Tal 119 Menschen mit wuchtigen Axthieben ins Jenseits befördert. Warum? Gab es eine Hungerzeit, spricht schlechte Ernten? Spielte das Wetter verrückt? Wollte man sich die Götter wieder gewogen machen, die man als Urheber des Unglücks ansah? Antworten auf diese Fragen sind rein spekulativ.


Bleiben wir bei den Fakten! Verstreut im Lambayeque-Tal gab es wohl einst an die 300 Pyramiden. Die größte Pyramide von Túcume, »huanca larga«, misst in der Länge 700 Meter, in der Breite fast 300 Meter und hat eine Höhe von 40 Meter (4). Warum wurde diese größte Pyramide der Welt gebaut? Warum entstanden so viele, teils kaum kleinere Pyramiden? Wie viele Menschen waren damit beschäftigt, Millionen und Abermillionen von Ziegeln aus Lehm zu formen und an der Luft in der Sonnenglut hart werden zu lassen? Wollte man künstliche Berge erschaffen, auf denen Tempel errichtet wurden? Je höher der Berg, je höher die Pyramide, umso näher war man ja den himmlischen Göttern!

Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge.

Dieses Streben nach einem Weg zu den Göttern findet sich schon im »Alten Testament«. Der »Turm zu Babel« (5) war nichts anderes als ein babylonischer Himmelshügel, »Zikkurat« genannt. Die »Zikkurat«, zu Deutsch »hoch aufragend/aufgetürmt, Himmelshügel, Götterberg«, hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends sind auch in Elam, im Südwest-Iran, einwandfrei nachgewiesen. Auch in Mesopotamien baute man sie. Übrigens: Wie die Pyramiden von Túcume und Sipán wurde auch der biblische Turm zu Babel aus gebrannten Lehmziegeln gebaut (6): »Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel.«  Ziel: Aufstieg in den Himmel (7): »Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.« Das missfiel den Göttern. Nachdem sie den Turmbau inspiziert hatten, stand ihr Entschluss fest (8): »Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.«

Wiederholt war ich in Túcume, wiederholt stand ich vor den Pyramiden, die eindeutig künstlich sind, von Menschenhand geschaffene Monsterberge in der Wüste.

Fußnoten
1) * 20. August 1890 in Providence, Rhode Island; † 15. März 1937 in Providence, Rhode Island
2) Lovecraft, H.P.: »Stadt ohne Namen«, erschienen in H.P. Lovecraft: »Necronomicon«, erschienen im FESTA-Verlag, 3. Auflage März 2011, Seite 7, Zeilen 5-8 von oben. »Necronomicon« ist Teil einer sechsbändigen Ausgabe der »Gesammelten Werke« von H.P. Lovecraft. Diese Ausgabe aus dem Hause FESTA ist meiner Meinung nach die beste überhaupt.
3) ebenda, Zeilen 6 und 10-12 von unten
4) Die Maßangaben variieren je nach Quelle.
5) 1. Buch Mose Kapitel 11, Verse 1-9
6) ebenda, Vers 3
7) ebenda, Vers 4
8) ebenda, Vers 7

Foto 10 Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Die Pyramiden von Palenque und Chichen Itza. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Howard Phillips Lovecraft. Historische Aufnahme, wikimedia commons
Foto 4: Palenque, Tempel des Totenschädels, Tempel XII. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Mondpyramide, Straße der Toten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Eine der Pyramiden von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Im Tal der 300 Pyramiden. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramiden wie von einer anderen Welt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Pyramiden, wie künstliche Berge. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Modell von Túcume, ein kleiner Teilbereich. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
     Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 11: Ich bin Mitglied der deutschen Lovecraft Gesellschaft. Mein Mitgliedsausweis.
 

391 »Unterwegs in Túcume«,
Teil  391 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.7.2017


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Sonntag, 17. Februar 2013

161 »Abstieg in die Unterwelt«

Teil 161 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Tulum lockt nicht nur
Maya-Freunde an.
Foto: W-J.Langbein
Tulum, direkt am Strand der karibischen See gelegen, lockt unzählige Touristen an. Man hat sich auf Pauschalreisende aus den USA eingerichtet, die für ein paar Tage einfliegen. Archäologische Rätsel interessieren viele dieser Besucher eher wenig ... wohl aber All-inklusive-Angebote. Essen und Getränke ... auch alkoholische ... sind im Preis inbegriffen. Auch im »Hotel Paraiso« ging es hoch her. Zu Deutsch: Von Tag zu Tag gab es mehr Alkoholisierte, die zusehends Gestalten aus Horrorstreifen wie »Die Rückkehr der lebenden Leichen« aussahen. Junge Amerikanerinnen und Amerikaner scheinen auf diese Weise die bibelfromme Lebensweise für kurze Zeit zu kompensieren.

Ein älterer Hotelangestellter erzählte mir spätabends von einer »Höhle der Göttin Ixcanleom«, die wohl mit Ix-chel identisch ist. Nach einigem Hin und Her erklärte sich der freundliche Südamerikaner bereit, er war in Peru gebürtig, mir den geheimnisvollen Einstieg in die Unterwelt zu zeigen. Vertrauensvoll nahm ich die Einladung gern an. Mitten in der Nacht fuhren wir per Taxi Richtung Coba ... und kletterten – nach mehrstündiger Fahrt – auf glitschigen Steinstufen eine kleine Anhöhe hinauf. Der Taxifahrer wartete derweil rauchend in seinem Vehikel.

Darstellungen der
Göttin Ix-chel.
Fotos: Archiv
W-J.Langbein
Ich erinnere mich an die nächtliche Exkursion in die Unterwelt, als sei es gestern gewesen ... Vor mir ging, bewaffnet mit einer Taschenlampe, der schmächtige Hotelangestellte, hinter mir folgte schnaufend seine beleibte Schwester. Sie schleppte eine offenbar schwere Tasche mit sich ... die nicht ungefährliche Treppe bergan. Dann ging's endlich durch einen schmalen Spalt im felsigen Boden auf einer knarrenden Leiter hinab.

Als erster hatte sich der Mann mit der Lampe auf die Leiter gewagt. Als er unten – etwa fünf Meter tiefer – angekommen war, leuchtete er uns mit der jetzt eher blendenden Lampe. Ich folgte als Zweiter mit der schweren Tasche der Schwester. Sie kletterte erstaunlich behende Sprosse für Sprosse als Letzte nach unten. Wiederholt gab die Leiter dabei seltsame Knarzgeräusche von sich. Die Dame war ob ihres Gewichts eine echte Herausforderung für die wackelige Behelfstreppe.

Unten angekommen, ließ der Mann vom Hotel den Lichtpegel seiner Taschenlampe über Boden, Wände und Decke einer weiträumigen Höhle gleiten. Von oben wuchsen Stalaktiten unterschiedlicher Größe nach unten. Von unten streckten sich ihnen Stalagmiten entgegen. Wie lange mag es wohl gedauert haben, bis sie sich trafen? Manche waren massiv und wuchtig. Andere geradezu filigran. Am Boden standen Tongefäße unterschiedlichster Größe ... Opfergaben für Göttin »Ixcanleom« alias »Ixel-che«. Die beleibte Schwester stellte einen dickbauchigen Tonkrug ab. Ihr Bruder erklärte mir flüsternd: »Sie erbittet von Göttin Ixcanleom (alias Ix-chel) ein Söhnchen. Bislang hat es mit dem Nachwuchs noch nicht geklappt. Da soll die Göttin der Fruchtbarkeit helfen!« Keine Frage: Diese Gottheit war die »richtige Adresse«!

Blick in die Unterwelt
Fotos: W-J.Langbein
Natürlich, so erfuhr ich weiter, war die Bittstellerin eine »gute Katholikin«. Aber nachdem Maria ihre Gebete bislang nicht erhört hatte, wandte sie sich nun an die Konkurrenz ... nicht ohne vorher den katholischen Geistlichen ihres Heimatdorfes zu konsultieren. Der segnete dann den für die Göttin bestimmten Krug.

Flüsternd fragte ich meinen Guide, was sich denn im Krug befinde. »Das ist geheime Frauensache ...« lautete die Antwort. Während sich seine Schwester vor ihre Gabe für die Göttin niederkniete und leise murmelnd betete, entfernten wir uns diskret. Mein Guide ermahnte mich zur Vorsicht. »Es gibt an verschiedenen Stellen Einbrüche, die teilweise sehr tief sind ...« Natürlich achteten wir darauf, keinen der zahlreichen Krüge umzustoßen ... aus Respekt vor dem Glauben der zahlreichen Bittsteller. »Manche Geistliche verabscheuen die Opfergaben für die Göttin als heidnisch. Der Vorgänger unseres Pfarrers verurteilte sie als ›dummen Aberglauben‹. Ich sehe aber keinen großen Unterschied zwischen einem Krug für die Göttin der Fruchtbarkeit und einer Kerze für die Himmelskönigin Maria! Im Himmel ist Platz für viele Göttinnen, für Maria, für Ixcanleom und viele andere!«

Der berühmte Cenote de los
Sacrificos, Chichen Itza.
Foto W-J.Langbein
In den Karstgebieten Zentralamerikas sieht das unterirdische Kalkgestein oft wie ein von Löchern durchsetzter Schweizer Käse aus. Unzählige Höhlen sind im Verlauf von Jahrmillionen entstanden, durch Auflösung des Kalksteins. Angeblich soll es weitläufige unterirdische Systeme geben: Unterirdische Flussläufe haben natürliche »Tunnel« in das Weiche Kalkgestein gefressen und verbinden über weite Strecken hinweg die oft riesigen Räume in der Unterwelt miteinander. So dürfte in Zentralamerika eines der größten und komplexesten Höhlensysteme unseres Planeten entstanden sein!

Immer wieder kam es durch Einbrechen der Decke zur Bildung von Cenotes. Die Mayas nannten diese Löcher, die sich in der Regel mit Wasser füllten, »ts'o'noot«, »heilige Quelle«. Manchmal stürzten Höhlendecken von selbst ein. Manchmal wurden unterirdische Hohlräume durch einschlagende Meteoriten brachial geöffnet. Solche Schlünde – wie die Cenote von Chichen Itza sind dann kreisrund.

Die wohl bekannteste »ts'o'noot« ist wohl die »Cenote der Opfergaben« bei den Maya-Ruinen von Chichen Itza. Für die Mayas waren Cenotes – von denen es allein im Bundesstaat »Quintana Roo« fast 1000 geben soll – Eingänge in die Unterwelt. Deshalb opferten sie den Göttern, indem sie zum Teil kostbare Schätze in die kraterartigen Wasserlöcher warfen.

Auch heute noch wird der Göttin
geopfert. Foto W-J.Langbein
Und deshalb steigen noch heute Nachfahren der Mayas in Höhlen, in die Unterwelt, um den Göttern und Göttinnen Gaben zu bringen! Solche Kulträume im Leib von »Mutter Erde« waren wohl weltweit schon vor vielen Jahrzehntausenden den archaischen Erdgöttinnen geweiht, die nach den Lehren der ältesten Religionen alles Leben gebaren ... so wie die berühmte Eva des »Alten Testaments«. Solche Glaubensvorstellung sind auch heute noch in Mittelamerika lebendig. Sie werden von vielen katholischen Geistlichen stillschweigend geduldet, so lange ihre Schäflein auch noch regelmäßig zum christlichen Gottesdienst kommen.

Inzwischen hatte die Schwester meines Guide, immer noch Gebete vor sich hinmurmelnd, eine Kerze entzündet. Sie hob ihre Arme und rief immer wieder laut den Namen der Göttin der Fruchtbarkeit und des Lebens, Ixcanleom, an. Ixcanleom wird häufig mit Göttin Ix-chel gleichgesetzt. Ix-chel war eine der bedeutendsten Göttinnen der Mayas überhaupt. Sie galt als mächtige Erd- und Mondgöttin. Sie beschützte nach altem Maya-Glauben die Schwangeren, war für die Fruchtbarkeit zuständig ... und somit für den Fortbestand des Lebens auf Planet Erde verantwortlich. Als eine Wassergöttin spendete sie Mensch, Tier und Pflanze das notwendige Nass ... ließ aber auch manchmal Unwetter über die Erde kommen. In diesen »Sintfluten« wurde sehr viel Leben zerstört ... und Platz für neues Leben geschaffen.

Maya-Darstellung der
Göttin Ix-chel
Die Götterwelt der Mayas ist selbst für Fachleute von Rang kaum zu überblicken. So wird Ix-chel auch mit einer alten Jaguargöttin gleichgesetzt, die bei den Mayas die Patronin der Schwangerschaft und der Medizin war. Während Hebammen im Christentum zeitweise mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen rechnen mussten, waren ihre Kolleginnen bei den Mayas immer hoch angesehen. Da galt es nicht als Verstoß gegen göttliches Gebot, gebärenden Frauen den Schmerz durch Arzneien zu lindern.

An Ix-chels Seite stand der mächtige Himmelsgott Itzamná, dem Schöpfergott. Seit Jahrhunderten versuchen christliche Missionare, Itzamná durch den biblischen All-Gott zu ersetzen, doch gelungen ist das bis heute nicht. So wie dem biblischen Gott des Alten Testaments Räucheropfer dargeboten wurden ... so bekamen die Göttinnen und Götter der Mayas ähnliche Geschenke. Der rauchige Duft verbrannter kostbarer Kräuter diente ihnen als Nahrung ... und als »Bestechung«.

Maya-Darstellung des Gottes Itzamna
So entfachte die Schwester meines Guides ein knisterndes Feuerchen, das von getrockneten Pflanzen gespeist wurde. Rauchschwaden waberten durch den Raum. Deutlich stieg mir der aus katholischen Kirchen bekannte Weihrauchduft in die Nase. Sich hin und her wiegend sang die Gläubige in altem Maya-Dialekt, erflehte sich von Ix-chel den schon so lang erhofften Nachwuchs. Wortlos stand sie schließlich auf und kletterte wieder die hölzerne Leiter empor. Wir folgten ihr und fuhren im Taxi wieder zurück.

Unzählige Maya-Höhlen dienen auch heute als sakrale Stätten alten Brauchtums. Unzählige Cenotes-Höhlen stehen aber unter Wasser und dienen heutigen Tauchern als nicht ungefährliches exotisches Paradies. Mayaforscher nennen die Unterwelt, wo unterirdische Flüsse von vielen Hundert Kilometern Länge fließen ... den Strom der Mayas. In Dürreperioden schenkte er den Mayas das lebensnotwendige Wasser, wenn überirdische Flussläufe schon längst versiegt waren. Die Mayas schöpften aber nicht nur Wasser aus dem gigantischen unterirdischen Gang-Höhlensystem. Fanden sich doch tief unter der Erdoberfläche in vollkommen gefluteten Höhlensystemen Opferstätten der Mayas. Man könnte nun vermuten, dass diese unterirdischen sakralen Räume genutzt wurden, bevor sie mit Wasser voll liefen.

Fakt ist aber: 2006 wurde eine spannende Fernsehproduktion publiziert: »In den Todeskammern der Maya« (Reihe »Schliemanns Erben«). In der spektakulären Dokumentation von Michael Tauchert gelang der Nachweis, dass die »Maya-Altäre« angelegt worden sein müssen ... als die unterirdischen Welten dort bereits lange Zeit geflutet waren. Die Mayas müssen in der Lage gewesen sein, stundenlang zu tauchen und dabei kilometerlange unterirdische, vollkommen mit Wasser gefüllte Korridore unter Wasser zu durchschwimmen.

Unterirdische Kulträume
gelten auch heute
noch als heilig.
Foto W-J.Langbein
Was heutigen, besonders geschulten Tauchern mit modernster technischer Ausrüstung möglich ist ... das vermochten schon Mayas vor Jahrtausenden. Wie waren sie zu solch unglaublichen Leistungen in der Lage? Sie müssen über Taucherausrüstungen verfügt haben. Wie mögen diese ausgesehen haben? Man muss sich vor Augen führen: Die Maya-Spezialisten tauchten nicht nur kilometerweit in zum Teil verwinkelten, engen, wassergefluteten Gängen, sie arbeiteten auch unter Wasser. Hier wurde eine Säule aus der Wand gearbeitet. Dort wurde ein Gesicht in den Stein gemeißelt ... und das – ich muss es wiederholen – unter Wasser! Die Mayas trugen zudem – tauchend! – Krüge und Opfergaben aus Fleisch und Blut (Tiere, wohl auch Menschen!) ... um ihre Gaben unter Wasser auf Altäre zu schaffen und Opfer zu deponieren!

Wie viele Tauchgänge wurden von den Mayas unternommen? Und – auch diese Frage muss ich wiederholen – mit was für einer Taucherausrüstung?

»Alle Straßen führen nach Coba«,
Teil 162 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24.02.2013


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Sonntag, 28. Oktober 2012

145 »Von Rädern, Zahnrädern und Spielzeug«

Teil 145 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Tenochtitlan-Zentrum, Rekonstruktion
Foto: Thelmadatter
»Diese Kultur ist das einzige Beispiel für einen gewaltsamen Tod. Sie verkümmerte nicht, sie wurde nicht unterdrückt oder gehemmt, sondern in der vollen Pracht ihrer Entfaltung gemordet, zerstört wie eine Sonnenblume, der ein Vorübergehender den Kopf abschlägt.« So beschreibt der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler (1880-1936) in seinem epochalen Werk »Untergang des Abendlandes« (1) die gewaltsame Vernichtung des Mayaimperiums.

Resigniert-zynisch konstatiert Oswald Spengler (2): »Das alles wurde nicht etwa durch einen verzweifelten Krieg gebrochen, sondern durch eine Handvoll Banditen in wenigen Jahren so vollständig zerstört, daß die Reste der Bevölkerung bald nicht einmal eine Erinnerung bewahrten. Von der Riesenstadt Tenochtitlan blieb kein Stein über dem Boden, in den Urwäldern von Yukatan liegen die Großstädte der Mayareiche dicht beieinander und fallen rasch der Vegetation zum Opfer. Wir wissen von keiner einzigen, wie sie hieß.«

Tenochtitlan ist vollkommen vom Erdboden verschwunden und die unterirdischen Reste sind vollkommen vom Moloch Mexiko-City überbaut worden. Archäologie ist nirgendwo sonst ein so schwieriges Unterfangen. Eine Rekonstruktion des sakralen Zentrums von Tenochtitlan ist inzwischen gelungen. Sie lässt erahnen wie gigantisch die einstige Metropole einst war.

Das Observatorium
von Chichen Itza
Foto: W-J. Langbein
Neben der »Weltstadt Uxmal« preist Spengler (3) Chichen Itza und Labna als »glänzende Großstädte«. Er lobt (4) ihre »gesamte hohe Politik«, staunt über ihr komplexes »geordnetes Finanzwesen, hochentwickelte Gesetzgebung mit Verwaltungsgedanken und wirtschaftlichen Gewohnheiten, wie sie die Minister Karls V. nie begriffen hätten, mit reichen Literaturen in mehreren Sprachen, einer durchgeistigten und vornehmen Gesellschaft in großen Städten, wie sie das Abendland damals keine einzige aufzuweisen hatte.«.

Zu den Glanzleistungen der Mayas gehörte auch die präzise, wissenschaftliche Astronomie. Ihre Observatorien – wie das von Chichen Itza – legen heute noch Zeugnis ab für den faszinierenden Kosmos der Mayas.
Ich muss zugeben: Es ist einige Fantasie erforderlich, um in den Ruinen von Labna die einstige Metropole zu erkennen. Das riesige Tor lässt vergangene Glorie erahnen. In dumpfer Hitze schuftende Arbeiter lassen erkennen, dass sich unter staubigen Erdhügeln Schutthaufen türmen. Aus den Schotterbergen rekonstruieren sie unter wissenschaftlicher Anleitung Bauten aus der stolzen Mayazeit. Und stolz ragen da und dort einzelne Ruinen in den Himmel, die im Lauf der vielen Jahrhunderte noch nicht vollständig zerfallenen sind.

Vom einstigen Prunk und Glanz ist kaum noch etwas erhalten ... und das wenige, was die Zeiten überdauert hat, ist uns nach wie vor rätselhaft. Der »Palast« war einst mit einer Vielzahl von »Verzierungen« versehen, deren Sinn bis heute zu Spekulationen anregt. So dicht gedrängt sind die sauber ausgearbeiteten Reliefs und Skulpturen, dass wir leicht etwas übersehen.

Aus dem Eck des »Palastes« ragt die mysteriöse Schlange heraus. Sie hat ihr Maul furchteinflößend aufgerissen ... Ein menschliches Gesicht ragt heraus. Das ominöse Wesen zieht heute so die Blicke auf sich, dass andere Einzelheiten übersehen werden.

Da wurde, mit bestechender Präzision etwas herausgearbeitet, was es angeblich zu Zeiten der Mayas gar nicht gegeben hat: ein Rad mit »Speichen« ... oder ist es eher ein Zahnrad? Deutlich zu erkennen ist die Achse, auf der das Rad steckt. Man möchte beim Betrachten meinen, dass sich das Rad gleich wieder um die Achse dreht. Wenn nicht Räderwerk ... was wollte der Steinmetz der Mayas dann darstellen? Besonders markant ist ein Rad aus Stein ... Es darf nur keines sein, weil die Mayas doch das Rad nicht kannten!

Diese Behauptung aber erscheint mir unglaubwürdig: Die Baumeister der Pyramiden und Tempel der Mayas sollen das Rad nicht gekannt haben? Sie sollen gewaltige Massen an Stein transportiert haben, ohne das Rad zu benutzen? Sie sollen ihr Reich mit einem ausgeklügelten System von breiten Straßen überzogen haben ... und das Rad nicht gekannt haben?

Warum bildeten sie dann aber – zum Beispiel in Labná – Räder ab? Es lässt sich nicht bestreiten: Das Rad von Labná ist eindeutig ein Rad! Mir kommt es so vor, als solle hier eine technische Apparatur dargestellt werden, bei der mehrere Räder ineinander greifen. Welchem Zweck mag die Vorrichtung gedient haben, die hier in Stein nachgebildet wurde?

Das Räderwerk von Labná - Foto: W-J.Langbein
Wikipedia findet im Artikel über das Rad eine interessante Lösung für das Radproblem! (5) Die Mayas haben in Zentralamerika das Rad zwar erfunden und in Reliefs an Tempeln auch sehr deutlich dargestellt ... aber sie haben es im Alltag nicht eingesetzt. Warum sollten sie das getan haben? Warum sollten sie beim Transport für ihre Pyramiden und Tempel keine Karren mit Rädern verwendet haben? Wikipedia meint, Wagen seien zu Mayazeiten nicht nachgewiesen. Wagen seien nicht eingesetzt worden, weil den Mayas keine geeigneten Zugtiere – wie etwa Pferde – zur Verfügung standen.

Steinquader auf Karren von A nach B zu transportieren, ist auch ohne Pferde praktischer und leichter, als sie zu tragen. Warum sollten die Mayas auf den Einsatz des Rades bei der Arbeit verzichtet haben ... wenn sie es doch kannten? Eine Antwort bietet sich zunächst an: Den Mayas war das Rad heilig. Sie verwendeten es lediglich bei der Darstellung ihres zyklischen Kalenders, nicht aber bei niederer Fronarbeit!

War für die Mayas das Rad etwas sehr Heiliges? War für sie das Rad kein Gebrauchsgegenstand, sondern ein sakrales Symbol? Stellte das Rad die Sonnenscheibe dar, die am Tag über den Horizont rollte? Oder versinnbildlichte das Rad für die Mayas die Zeit? Die Mayas hatten ein zyklisches Bild von der sich ewig wie ein Rad weiter drehenden Zeit. Das Rad könnte also für den ewigen Zeitenlauf stehen.

Räder von Labná - Fotos W-J.Langbein
Denkbar wäre diese Überlegung ... wenn da nicht die Spielzeuge von Maya-Kindern wären: Tiere – eventuell Hunde – wurden von Mayakindern an einer Schnur gezogen. Und diese Spielzeugtiere liefen ... auf Rädern! Die anthropologischen Museen von Mexiko City und Jalapa haben Spielzeuge mit Rädern in ihren umfangreichen Sammlungen! Die Mayas kannten also nicht nur das Rad, sie setzten es auch ein: etwa nur als Spielzeug? Wikipedia geht davon aus. (6)

Im »Anthropologischen Museum von Jalapa« soll es ein ganz besonderes »Ensemble« geben: ein hundeartiges Tier zieht ein Wägelchen. Meine Überzeugung: Die Mayas kannten eben doch das Rad! Ich verstehe nicht, warum das in der Maya-Forschung nach wie vor bestritten wird! Drängt sich mir eine – ketzerische – Frage auf: Was wird uns sonst noch über die Mayas verschwiegen? Waren sie gar nicht das »primitiv-blutrünstige« Volk, für das sie nach wie vor gern gehalten werden? Wikipedia schreibt (6): »Sie (die Mayas) benutzten schon in präkolumbischer Zeit Räder, sogar Zahnräder, in mehr oder weniger feinmechanischen Geräten.«


Wir sehen uns gern als die Krone der Schöpfung oder der Evolution. Fundamentalistischer Christ und strenggläubiger Darwin-Fan kommen letztlich zum gleichen Ergebnis: Der Mensch steht über allen Kreaturen. Bei den Religiösen – Juden, Christen und Moslems – hat Gott den Menschen an die Spitze der Schöpfung gesetzt. Bei den Wissenschaftsgläubigen hat die Evolution den Menschen an die Spitze katapultiert. In beiden Weltbildern überragt unsere heutige Zivilisation alle früheren Epochen. In beide Weltbilder passen frühe Kulturen, die der heutigen überlegen waren, ganz und gar nicht ins Bild.

Fußnoten
1 Spengler, Oswald: »Untergang des Abendlandes«, Sonderausgabe in einem Band, München 1980, S. 606 unten und S. 607 oben
2 ebenda, S. 607
3 ebenda, S. 608
4 eben da, S. 607
5 http://de.wikipedia.org/wiki/Rad (Stand: 6.12.2011!)
6 ebenda
7 Hinweis zum Foto »Mayaspielzeug in Labná«. Diese Collage wurde zusammengesetzt aus einem Foto, das ich in Labná aufgenommen habe... und aus einem Foto aus dem Archiv von Erich von Däniken. Ich bedanke mich bei Erich von Däniken!

Däniken über die Mayas
Literaturempfehlung
Däniken, Erich von: »Was ist falsch im Maya-Land? Versteckte Technologien in Tempeln und Strukturen«, Rottenburg 2011

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Das Geheimnis vom Leistruper Wald«,
Teil 146 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.11.2012


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Sonntag, 14. Oktober 2012

143 »Rad oder nicht?«

Schildkröten, Schlangen und Ruinen 4
Teil 143 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Mann mit der
»Schriftrolle«
Foto: W-J.Langbein
Andächtig stehe ich unter der steinernen Statuette. Sie zeigt eine Person im Lendenschurz und ... so scheint es mir ... mit einem Umhang, der am Hals verknotet ist. In der Hand hält diese Person – ist es ein Mann oder eine Frau? – etwas Längliches, Rundes. Sollte es sich um einen Schriftgelehrten ... oder einen Priester handeln, der einen kostbaren Codex hält? Leider wurden ja die Maya-Codices in Massen von den spanischen Eroberern gesammelt und verbrannt.

Mag sein, dass das gesamte Wissen der Mayas einst in Schriftform verewigt worden ist. Die einst riesige Bibliothek wurde aber – noch bevor sie von Schriftgelehrten aus Europa kopiert oder gar entziffert werden konnte – mit Pedanterie Stück für Stück auf lodernde Scheiterhaufen geworfen. So sind wir heute auf Spekulationen angewiesen. Wir müssen Vermutungen anstellen ... und können die Geschichte der Mayas nicht wie ein Buch lesen. Auch die sogenannte seriöse Maya-Forschung spekuliert viel, auch wenn gern so getan wird, als seien fantasievolle Annahmen solides Wissen.

Da mag eine Skulptur für den einen Wissenschaftler den »Kopf der Königin von Uxmal« darstellen. Für den anderen Wissenschaftler hingegen ist es ganz klar das Haupt eines greisen Priesters ...

Die seltsamen runden Objekte
Foto: W-J.Langbein
Bleiben wir in Uxmal: Hinter dem Kopf der kleinen Statue mit der Schriftrolle – vielleicht ist es ja auch ein Zeremonialstab oder eine Keule – mache ich zwei runde Objekte aus, jeweils mit einem Loch in der Mitte. Sie befinden sich an der Mauer, hinter der seltsamen Gestalt, rechts und links vom Kopf. Was wurde da im Stein verewigt?

Der unvoreingenommene Betrachter erkennt sofort zwei Räder. Die Radnabe, so scheint mir, ist besonders sorgsam in den Stein gemeißelt worden. Den Laien wird es nicht weiter wundern ... Warum sollten denn Maya-Steinmetze nicht Räder dargestellt haben? Die Mayas haben herrliche Pyramiden gebaut ... da werden sie doch wohl mit dem Rad keine Probleme gehabt haben. Schon beim Betrachten eines runden Baumstamms muss doch ein findiger Mensch zum Rad gekommen sein. Ein runder Baumstamm rollt .. und ein Rad ist eine Scheibe, die man von einem runden Baumstamm absägt. Muss der Mensch nicht früher oder später das Rad erfunden haben?

Sieht aus wie ein Rad
Foto: W-J.Langbein
Ich bin davon überzeugt: Das Rad ist im Verlaufe der Menschheitsgeschichte oft erfunden worden, an unterschiedlichsten Stellen unseres Globus, von unterschiedlichsten Menschen. Aber: Die Mayas konnten zwar herrliche Tempelstädte bauen, die miteinander durch ein gewaltiges Netzwerk von Straßen verbunden waren ... sie kannten aber nicht das Rad! Die Mayas bauten Hunderte Kilometer von Straßen, oftmals 300 Kilometer lang und zehn Meter breit ... aber sie kannten nicht das Rad! Sie nivellierten ihre Straßen mit großem Geschick, hoben einzelne Straßenteile an, pflasterten die Verkehrswege. Sie besserten sie aus, wenn nötig. Und das alles für Fußgänger und Läufer, denn nach wissenschaftlicher Lehrmeinung war den Mayas das Rad unbekannt. Was aber zeigt das Relief von Uxmal, wenn kein Rad?

Auf diesem Straßensystem wurden keine Vehikel gezogen, wurden keine Karren zum Transport von Lasten eingesetzt?

Wer offenen Auges durch Maya-Ruinen wandert, der wird überall Darstellungen von Rädern finden ... zum Beispiel in Chichen Itza! In Chichen Itza sah ich eine ganze Reihe von Rädern, kunstfertig in den Stein graviert. In einem Fall waren drei Räder übereinander zu sehen. Deutlich zu erkennen sind die Naben, die von dort ausgehenden Speichen. Nur wer vom Lehrsatz »Die Mayas kannten nicht das Rad!« absolut überzeugt ist, erkennt ein Rad nicht als Rad ... jedenfalls nicht bei den Mayas!

Drei Räder von
Chichen Itza
Foto: W-J.Langbein
Weltweit kämpft eine mehr oder minder gut organisierte Gruppe gegen alles, was in ihren Augen »unwissenschaftlich« ist. Mit geradezu theologischer Spitzfindigkeit wird argumentiert: »Etwas sieht aus wie...« bedeutet nicht mit hundertprozentiger Sicherheit, dass dieses etwas auch das ist, wonach es aussieht. Natürlich muss ein Relief aus Mayazeiten, das so aussieht wie ein Raumfahrer in seinem Flugvehikel... nicht wirklich ein Astronaut im Shuttle sein. Die selbsternannten Verteidiger der »Wissenschaft« - sie nennen sich »Skeptiker« - gehen aber einen Schritt weiter. »Etwas sieht aus wie... dann ist es nicht das, wonach es aussieht!« Seltsame »Logik«!

Ein Rad sieht aus wie ein Rad. Und wenn die Mayas etwas in den Stein meißelten, das so aussieht wie ein Rad ... warum soll es dann kein Rad sein? Ich meine: Wissenschaft sollte die eigenen Erkenntnisse immer wieder skeptisch hinterfragen.

Vielleicht war im Reich der Mayas – so wie im Iran schon vor rund vier Jahrtausenden – das Rad doch bekannt? Vielleicht wurde auf dem Straßensystem der Mayas nicht nur gelaufen? Ein Rad aus dem Iran ... sieht aus wie ein Rad und ist ein Rad. In Chichen Itza gibt es eine ganze Reihe von Reliefs, die ganz einfach so etwas wie Räder zeigen ... Es gibt vollständige Räder, sorgsam in den Stein geritzt. Und es gibt Bruchstücke von steinernen Rädern, von denen einige eher schlecht als recht zusammengefügt wurden.

Räder im Iran (oben) und in
Mexiko - Fotos: Conscious
(oben), W-J.Langbein (unten)
Vielleicht muss der Lehrsatz »Die Mayas kannten nicht das Rad!« revidiert werden? Steinerne Räder in allen möglichen Varianten, von Maya-Künstlern verewigt, bringen den Lehrsatz ins Wanken! Was ich nicht verstehe: Wieso will man den Mayas nicht das Rad zubilligen? Warum gehen Maya-Experten in dickleibigen Wälzern über die Mayas mit keinem Wort auf die Räder der Mayas ein? (1)

Nicht bezweifelt wird, dass die Mayas das Rad in Steinreliefs verwendeten, um ihren Kalender bildlich darzustellen. Die Mayas gingen ja von einem zyklischen Zeitablauf aus. Das heißt: Für die Mayas hatte die Zeit keinen Anfang und kein Ende. Zeit war wie ein Kreis: ohne Anfang, ohne Ende. Zeit dreht sich nach dem Verständnis der Mayas unaufhörlich.... eben wie ein Rad!



Fußnote
1 Die folgenden Werke – eine kleine Auswahl – verschweigen die Existenz der Maya-Räder. Dessen ungeachtet bieten sie eine Fülle wichtiger Informationen zur geheimnisvollen Welt der Mayas!
Bacon, Edward (Herausgeber): Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel
früher Welten, Volksausgabe, München 1970,
(Mayas, Kap. 7. S. 93 fff.)
Biedermann, Hans: Altmexikos Heilige Bücher, Graz 1971
Bourbon, Fabio (Text): The Lost Cities of the Mayas/ The life, art and
discoveries of Frederick Catherwood, Vercelli (Italien) 1999


Räder ... Räder .. Räder - Fotos W-J.Langbein












Bridges, Marilyn: Für die Götter/ Luftaufnahmen heiliger Landschaften,
Frankfurt 1990 (Bildband)
(Bauwerke der Mayas, Yucatán und Chiapas, S. 32-55)
Cotterell, Maurice M.: The Mayan Prophecies, Shaftesbury 1995
Cotterell, Maurice M.: The Supergods/ They came on a mission to save
mankind, London 1998
Cottrel, Leonard: The Horizon Books of Lost Worlds, New York 1964
(Geschenk von Bob Fell, Kollege von Papa, USA)
Drew, David: The Lost Chronicles of the Maya Kings, London 1999
Eggebrecht, Eva und Arne: Die Welt der Maya/ Archäologische Schätze aus
drei Jahrtausenden, 2. Auflage, Hildesheim und Mainz 1992
Fuls, Andreas: Die astronomische Datierung der klassischen Mayakultur (500-
1100 n.Chr.), Hamburg 2007
Gockel, Wolfgang: Die Geschichte einer Maya-Dynastie/ Entzifferung
klassischer Maya-Hieroglyphen am Beispiel der Inschriften von Palenque,
Mainz 1988


Räder, Räder, Räder ...
Fotos W-J.Langbein
Ivanoff, Pierre: Monumente großer Kulturen/ Maya, Luxemburg 1974
Krickeberg, Walter (Hrsg.): Märchen der Azteken und Inkaperuaner, Maya
und Muisca, Düsseldorf 1972
Martinéz, Pio und Bandini, Pietro: Das Götterorakel von Yucatán/ Das
Geheimwissen der Maya entschlüsselt, München 1998
Méndez, Maria Teresa Mézquita: Die Prophezeiungen der Mayas, Mérida,
Mexiko, 3. Auflage 2010
National Geographic Society: Versunkene Reiche der Maya, Augsburg 1997
Prem, Hanns J. und Dyckerhoff, Ursula: Das alte Mexiko/ Geschichte und
Kultur der Völker Mesoamerikas, München 1986
Schele, Linda und Mathews, Peter: The Code of the Kings/ The Language of
seven sacred Maya Temples and Tombs, New York 1998
Schele, Linda und Freidel, David: Die Unbekannte Welt der Maya/ Das
Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt, Augsburg 1994, Übersetzung von A
Forest of Kings
Schele, Linda und Miller, Mary Ellen: The Blood of the Kings/ Dynasty and
Ritual in Maya Art, Fort Worth 1986 (korr. Nachdruck)
Sitchin, Zecharia: Versunkene Reiche/ Der Ursprung der Zivilisation im
Reiche der Maya und Inka, Rottenburg 2008
Soustelle, Jacques: Die Kunst des alten Mexiko, Osnabrück 1968
Stuart, David und George: Palenque/ Eternal City of the Maya, London 2008
Westphal, Wilfried: Die Maya – Volk im Schatten seiner Väter, Bindlach 1991
Wipf, Karl A.: Wanderer in der Nacht/ Religionsgeschichtliche Interpretationen
zu altamerikanischen Chroniken, Hallein 1980

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein


»Das geheimnisvolle Tor von Labná«,
Teil 144 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.10.2012


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Sonntag, 7. Oktober 2012

142 »Kuriose Tempel, kuriose Schlangen«

Schildkröten, Schlangen und Ruinen 3
Teil 142 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Schildkrötentempel - Foto: HJPD
»Wir stehen vor dem sogenannten Schildkrötentempel ...« Mit einer weit ausladenden Handbewegung deutet der braun gebrannte Guide auf ein schlicht wirkendes Gebäude. »Berühmt sind seine Klarheit der Linienführung und die Proportionen der Maße ...« Ein österreichischer Tourist unterbricht den leicht gelangweilt wirkenden Führer. Mit gezücktem Bleistift und kleinem Block in der Hand fragt er: »Wie sind denn die Maße des Tempels?«

Der Guide verstummt, blickt den Frager wie einen unerwünschten Störenfried an. Dann beginnt er wieder seinen offensichtlich auswendig gelernten Text: »Wir stehen vor dem sogenannten Schildkrötentempel. Berühmt sind seine Klarheit der Linienführung und die Proportionen der Maße. Die Länge beträgt 29 Meter, die Breite 10,5 Meter und die Höhe 6,75 Meter.« Eifrig notiert der Österreicher die Zahlen. Der Guide fährt fort im Text: »Wir erkennen die Bauweise als typisch für den frühen Puuc-Stil der Spätklassik.«

Ein weiteres Mal fällt ihm der Österreicher ins Wort: »Und wie alt ist dann das Bauwerk?« Die schlechte Laune des Führers ob der neuerlichen Störung ist nun nicht mehr zu übersehen. Wieder setzt er an: »Wir stehen vor dem sogenannten Schildkrötentempel. Berühmt sind seine Klarheit der Linienführung und die Proportionen ...« Wie ein menschlicher Schallplattenspieler sondert er Wort für Wort den offensichtlich genau einstudierten Text ab.

Schildkröten-Tempel oder -Haus ...
Foto W-J.Langbein
»Die Spätklassik bestimmte den Baustil etwa von 800 bis 900 nach Christus. Beachten Sie bitte den schmucklosen Unterbau. Jede der vier Seiten weist einen Eingang auf. Im Inneren befinden sich sieben Räume!«

Der Guide legt eine kurze Pause ein. »Warum trägt dieser schöne Tempel die Schildkröten im Namen?« Er legt eine Kunstpause ein. »Beachten Sie bitte den oberen Sims. Sie sehen ... dort oben laufen Schildkröten. Wir wissen ja, wie langsam diese Tiere sind. Sie bewegen sich kaum, man könnte meinen, sie wären aus Stein ...« Nach einem kurzen Lachen über den eigenen Scherz klärt unser Führer auf: »Die Schildkröten sind natürlich aus Stein. Es handelt sich um Wasserschildkröten. Diese Tiere stehen mit einem sakralen Kult im Zusammenhang ... mit dem Wasserkult. Wasser war für die Mayas und für ihre Kultur lebensnotwendig. Kein Wasser bedeutete schlechte Ernten, Hunger und Not. Bitte folgen Sie mir weiter ...«

Sollte die Prozession von Schildkröten – von denen keine zwei auch nur in etwa gleich groß sind – tatsächlich auf einen religiösen Wasserkult hinweisen? Sehr häufig wird das eher schlichte Gebäude nicht als »Tempel«, sondern als »Haus der Schildkröten« bezeichnet. Es ist auch wahrscheinlicher, dass es sich nicht um ein sakrales, sondern um ein weltliches Bauwerk handelt: Steht es doch nicht wie die Mayatempel auf einer Pyramide.

Eine der vielen Schildkröten
Foto: W-J.Langbein
Eine religiöse Bedeutung der Wasserschildkröte lässt sich zudem nicht nachweisen. In keiner Inschrift wird auf so etwas wie einen Wasserschildkrötenkult hingewiesen. Schildkröten tauchen allerdings im berühmten »Codex Tro-Cortesianus« auf – und zwar in Verbindung mit astronomischen Zeichen. Sollte also das »Schildkrötenhaus« mit Astronomie zu tun haben? Die drei zentralen Räume des Hauses sind exakt nach Nord-Süd ausgerichtet ... Ein Zufall?

Über dem Haupteingang eines der »Nonnenhäuser« (unsinnige Namensgebung durch die Spanier) wurde zum Hof hin eine seltsame Statue angebracht, die in der Maya-Kunst einzigartig ist: ein mysteriöses Mischwesen, eine Kreatur halb Tier und halb Mensch. Die sorgsam ausgeführte Skulptur kombiniert das Bild einer Schildkröte (deutlich zu erkennen: der Panzer!) mit dem eines Menschen! Der menschliche Teil des Mischwesens ist beschädigt. Die Beine, so es je welche gab, sind abgebrochen. Oder wurden sie abgeschlagen?

Die Kreatur scheint etwas in den Händen zu halten. Was? Das ist nicht zu erkennen. Um den Hals trägt das Wesen eine Kette mit so etwas wie einem Amulett. Der Kopf könnte von einem Federschmuck gekrönt sein ...

Das Mischwesen
Fotos: W-J.Langbein
Der Schildkrötenmensch ... die Schildkröten im Fries ... Gab es in Uxmal einen einzigartigen Kult, der vollständig in Vergessenheit geraten ist? Ob es sich bei dem Schildkrötenwesen um einen Priester eines unbekannten Kults handelt? Leider lässt sich die mysteriöse Skulptur nicht wie ein Buch lesen ...

Am Eingang von Norden her wurde – womöglich nachträglich – eine kurioser Schlangenleib angebracht. Es scheint so, als ob der imposante Komplex von Uxmal von den Anhängern des Gottes Kukulkan übernommen wurde. Waren es Kukulkan-Priester, die das »Nonnenkloster« übernahmen? Geschah dies erst im elften oder zwölften Jahrhundert?

Hier in Uxmal, so lese ich, wurde erstmals die gefiederte Schlange dargestellt. Genauer: Es handelt sich um eine gefiederte Klapperschlange. Nun war bei den Mayas Gott Kukulkan die gefiederte Schlange. Kukulkan war für den Maya der Gott der Auferstehung und der Wiedergeburt! Kukulkan kam einst zu den Mayas, so heißt es ... und versprach, dereinst wiederzukehren. Nach mythologischer Überlieferung wird die Wiederkunft der gefiederten Kukulkan-Schlange zur Zeit des Weltuntergangs erfolgen!

Eine der Ruinen von
Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Woher Kukulkan einst kam ... in dieser Frage bietet die Mythologie verschiedene Antworten: Stieg er einst aus dem Meer empor? Kam er aus einem Land jenseits des Meeres? Oder lag seine Heimat in himmlischen Gefilden?

Zur Erinnerung: Alle Jahre wieder steigt eine Schlange aus Licht am steinernen Leib der Pyramide von Chichén Itza vom Himmel herab. Sie kriecht am Treppenrand langsam, so wie die Sonne steigt, zur Erde herab. Am 21. September wiederum wandert die Lichtschlange vom Boden in den Himmel. Erich von Däniken zum grandiosen Schauspiel von Chichén Itza (1): »Das Ganze ist eine geniale Demonstration höchster Astronomie und Baukunst im Zeichen der Götter: Gott Kukulkan stieg vom Himmel hernieder. Er weilte einige Zeit unter den Menschen, belehrt sie und verschwand wieder in seiner Sternenheimat, um irgendwann erneut aufzutauchen.«

Weiter schreibt Däniken (2): »Die Kukulkan-Pyramide von Chichén Itza belegt, wie Astronomen, Mathematiker, Architekten und Priester ihre Überlieferungen dem Stein anvertrauten. Sie beweist aber auch, dass das Know-how von allem Anfang an vorhanden war. Es gab kein evolutionäres Herumprobieren an der Pyramide, keine dauernden Abänderungen und Verbesserungen. Bereits vor dem Bau musste die astronomische Ausrechnung genauso stimmen wie der Neigungswinkel der Pyramide und die Höhe der neun Plattformen. Ein perfekter Geniestreich, angelegt in der Vergangenheit für die zweifelnden Menschen der Zukunft.«

Ruinen ... Ruinen ...
Foto: W-J.Langbein
Die Pyramide von Chichén Itza kann man wie ein Buch lesen, das uns Aufschluss über das astronomische Wissen der Mayas gibt. Sie spielt uns quasi einen Film vor: von Ankunft und Abschied des Schlangengottes Kukulkan. Die heiligen Bücher der Mayas wurden zu Tausenden auf Scheiterhaufen verbrannt. Die christlichen Eroberer übersahen nur einige wenige Codices. Die steinernen Bücher konnten nicht alle zerstört werden.

Welche Botschaften mag die Pyramide des Zauberers von Uxmal für uns parat haben ... die wir bislang noch nicht entschlüsseln konnten? Mehr noch: Welche Geheimnisse mögen noch unentdeckt im Areal von Uxmal auf ihre Entdeckung warten? Noch so manche Ruine muss noch wieder aufgebaut, noch so manches Mauerwerk muss noch ausgegraben werden!

Schildkröten umrunden das steinerne Haus - Foto: W-J.Langbein

Fußnoten
1 Däniken, Erich von: »Was ist falsch im Maya-Land/ Versteckte Technologie in Tempeln und Skulpturen«, Rottenburg 2011, S.153
2 ebenda

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Rad oder nicht?«,
Schildkröten, Schlangen und Ruinen 4
Teil 143 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.10.2012


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Sonntag, 23. September 2012

140 »Schildkröten, Schlangen und Ruinen«

1: Die Pyramide des Zauberers
Teil 140 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


US-Präsident George W. Bush
besichtigt Uxmal
Foto: Paul Morse - Weißes Haus
Vom Hotel »Misión Park Inn Uxmal« ist es nur ein Katzensprung zu den Ruinen von Uxmal. Hier haben, so erfahre ich, neben anderen Größen Königin Elizabeth und Prinz Philipp von England und Rainer von Monaco nebst Gattin logiert. In der »Queen Elizabeth Master Suite« darf auch der Normalsterbliche sein müdes Haupt betten ... muss aber in der Urlaubszeit mit etwa 1100 Dollar pro Nacht rechnen. Ob US-Präsident George W. Bush ebenfalls hier nächtigte, konnte ich nicht eruieren. Besichtigt hat das Staatsoberhaupt der USA Uxmal gemeinsam mit seinem mexikanischen Amtskollegen Felipe Calderon am 13. März 2007.

Sehr viel günstiger ist das »normale« Einzelzimmer ... selbst mit Whirlpool im Bad.
Der kleine Spaziergang vom Hotel zu den »Ruinas« tut nach einer nervigen Busfahrt gut. Schon vom Hotel aus sieht man die »magische« Pyramide. Am Abend scheint sie von innen heraus zu glimmen ...

Die Atmosphäre ist exotisch-idyllisch ... »Urwald« pur, aber parkanlagenhaft, bequem zu durchschlendern. Man schreitet heute sozusagen durch ein fremdartiges Paradies, während sich die ersten Besucher vor Jahrhunderten durch eine lebensbedrohliche Hölle quälen mussten. Die frühen Entdecker und Erforscher waren oftmals begeisterte Laien, die unter Einsatz ihres Lebens die Maya-Welten erkunden wollten. Sie waren unsäglichen hygienischen Bedingungen ausgesetzt, wurden von Krankheitserregern attackiert und hatten Angst vor den Nachkommen der einst so stolzen Mayas. Für sie gab es keine bequemen Wege zu den Ruinen. Sie mussten sich Meter für Meter durch den gefährlichen, oft lebensbedrohlichen Urwald kämpfen.

Aufgang zum Götterschlund
Foto W-J.Langbein
Unterstützung von amtlicher Seite wurde ihnen allenfalls ideelle zuteil. Finanzieren mussten die ersten Entdecker ihre Exkursionen am Ende der Welt selbst. Anerkennung konnten sie nicht erwarten ... 1996 wurde Uxmal von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Und das mit Recht. Ich persönlich ziehe die mysteriöse Welt von Uxmal selbst dem grandiosen Komplex von Chichen Itza vor. Uxmal, im südwestlichen Teil von Yucatán gelegen, bietet noch viele ungelöste Rätsel und Geheimnisse.

Betritt man die archäologische Anlage von Uxmal, so fällt sofort ein eigenartiges Gebäude auf: die »Pyramide des Zauberers« genannt, auch »Pyramide des Wahrsagers« oder »Pyramide des Magiers« und »Pyramide des Zwerges« tituliert. Ihr Grundriss ist nicht quadratisch, wie man das weltweit von Ägypten bis Peru von einer »anständigen« Pyramide erwartet, sondern elipsenförmig.
Sie ragt – die Angaben dazu variieren um einige Meter – fast vierzig Meter in den Himmel. Der Mythologie nach entstand sie in einer einzigen Nacht. Ein unheimlicher Zwerg soll sie, zusammen mit seiner Großmutter, einer Hexe, mit magischen Mitteln errichtet haben. Und man sieht ihr immer noch an, dass Jahrhunderte lang an ihr herumgebaut wurde.

Die »Pyramide des Zauberers«
Foto: W-J.Langbein
In einer einzigen Nacht wurde die seltsame Pyramide ganz sicher nicht gebaut. Man kann sie am ehesten mit einer steinernen Zwiebel vergleichen. Im Verlauf vieler Jahrhunderte wurde Schicht auf Schicht aufgetürmt, wurde ein Tempel über den anderen gestülpt.

Mit anderen Worten: die Pyramide wurde mehrfach gebaut, in der Wissenschaft geht man von fünf Mal aus. »Uxmal« deutet auf wiederholtes Aufbauen hin. Lässt sich doch der Name mit »die drei Mal errichtet wurde« übersetzen! Zum sechsten Mal wird der Uxmal-Komplex seit Jahrzehnten gebaut ... von Archäologen, die in mühsamer Kleinarbeit aus Ruinen und Schutthaufen ansehnliche Gebäude entstehen lassen.

Ruinen von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Bei meinem ersten Besuch in Uxmal hatten findige Arbeiter der Pyramide so etwas wie einen »Baulift« aufgesetzt. So mussten sie die Materialien für die Restaurierung nicht mühsam über die extrem steile Treppe in die Höhe schleppen. Wie von Zauberhand bewegt wanderten so Eimer ruckelnd und zuckelnd bis zur Pyramidenspitze. Ein junger Archäologiestudent erklärte mir: »Von manchem Gebäude finden sich nur noch einige Steine. Baupläne liegen uns keine vor. Wenn wir nur ein Buch lesen könnten, das uns die Architekten von Uxmal hinterlassen haben. Aber so ein Buch wurde bislang nicht gefunden!«

Nach einigem Nachfragen gibt der junge Mann zu: Fantasievoll ist so manche »Rekonstruktion«. So soll die Außenwand der Pyramide des Zauberers nicht so glatt gewesen sein, wie sie heute ist. Angeblich bestand sie einst aus roh zugeschlagenen Steinbrocken. Das heutige, für unsere Augen ansehnlichere Äußere ... ist das Werk der modernen Archäologie.

Auferstanden
aus Ruinen ...
Foto: W-J.Langbein
Noch ist erst ein kleiner Teil von Uxmal neu entstanden. So manche Ruine wartet darauf, wieder zu einem ansehnlichen Gebäude gemacht zu werden. Die Rekonstruktionen erfolgen etappenweise, je nach finanzieller Lage ... Lokalpolitische Empfindsamkeiten, so ergaben meine Recherchen vor Ort, erschweren die wissenschaftliche Arbeit an den Ruinen. Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, dass man ausländische Unterstützung besonders finanzieller Art annehmen muss.
»Mein« Student raunte mir zu: »Je gründlicher wir uns mit diesem Bauwerk beschäftigen, desto früher müssen wir die Urpyramide datieren.«

Zunächst hatte die »Pyramide des Zauberers« als »junges Gebäude« gegolten ... errichtet im 10. Jahrhundert! Nun muss man davon ausgehen, dass der innerste Pyramidenkern bereits ein halbes Jahrtausend früher entstand. Fünf aufeinander folgende Bauetappen hat es gegeben. Viermal wurde über die Urpyramide eine weitere übergestülpt. Fünf Bauherrn waren tätig. Für sie alle muss der Standort der Pyramide von besonderer Heiligkeit gewesen sein.

Eingang zu »Tempel IV«
Foto: HJPD
Die fünf Pyramiden sind ineinander verschachtelt ... und doch wurde jedes Mal die Ausrichtung des sakralen Bauwerks verändert, als habe es immer wieder Änderungen im religiös-mythologischen Weltbild gegeben. Da die einzelnen Pyramiden jeweils die älteren in sich aufnahmen, fällt den Archäologen ihre Arbeit schwer. »Eigentlich müsste man die Pyramide Schicht für Schicht abtragen, um exakt erkennen zu können, wie sie zu Zeiten der einzelnen Bauphasen ausgesehen hat.«

Tempel IV betritt man durch das gewaltige Maul eines Gottes. Es ist Gott Chac, dessen furchteinflößende Maske die Fassade des Tempels ziert. Durch diesen göttlichen Schlund betrat einst der Gläubige das Allerheiligste, nachdem er andächtig die steile Treppe erklommen hatte.

Für mich gibt es keinen Zweifel: die »Pyramide des Zauberers« war einst ein sakraler Ort für religiöse Riten. Ich vermute: Hier wurden Einweihungen in einen göttlichen Kult zelebriert. Der Adept musste erst spirituell »sterben«, von Gott Chac verschlungen werden.

Teil des Komplexes von Uxmal
Foto: W-J.Langbein
Erst dann konnte – durfte – er in das Innere der Pyramide vordringen ... ins Totenreich. Erst danach – nach Durchleben geheimer Zeremonien – war es ihm möglich, in ein neues Leben zurückkehren. Nach drei Jahrzehnten des Erforschens uralter Kultbauten auf unserem Planeten sehe ich die großen Heiligtümer als »Tempel« uralter Glaubensvorstellungen von Leben, Sterben und Wiedergeburt an!

Fakt ist: Typisch Maya ist die Pyramide des Zauberers nicht. Sie unterscheidet sich durch ihre Gestalt von allen anderen echten Mayabauwerken der sakralen Art. Gab es in Uxmal auch einen Kult, der nicht der bekannten Maya-Ära zugeordnet werden kann?



»Der Gott mit dem Rüssel«,
Schildkröten, Schlangen und Ruinen 2
Teil 141 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.09.2012


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