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Sonntag, 3. März 2019

476 »Insel des Schweigens«


Teil 476 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Himmel über der Osterinsel

»Insel der Schweigens« (1) nannte der französische Ethnologe Francis Mazière (*1924; †1994) seinen Bestseller über die Osterinsel. Das lesenswerte Werk erschien vor rund einem halben Jahrhundert zunächst in Frankreich, rasch auch in deutscher Übersetzung. Ich habe die deutsche Ausgabe sehnsuchtsvoll und mit wachsender Begeisterung gelesen, nachdem ich von der sich weltweit ausbreitenden »Dänikenitis« erfasst worden war. Erich von Dänikens erster Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« ließ mich davon träumen, das geheimnisvolle Eiland mit den mysteriösen Steinriesen einmal selbst zu besuchen. Francis Mazières »Insel der Schweigens verstärkte meinen Wunsch noch. Aber die Osterinsel war so weit, viel zu weit entfernt im Pazifik gelegen. Es sollte lange dauern, bis mein Traum endlich wahr wurde.

Als ich Jahrzehnte später bei meinem ersten Besuch erstmals zu mitternächtlicher Stunde am kleinen Hafen der Osterinsel saß und den märchenhaft-fantastischen Sternenhimmel bewunderte, da verstand ich, warum der vielleicht älteste Name des Eilands »Matakiterani«, zu Deutsch »Augen betrachten den Himmel«, lautete. Auf keiner anderen Reise erlebte ich den nächtlichen Sternenhimmel so plastisch wie auf der Osterinsel. Die Osterinsel kam mir vor wie ein winziges Flecken aus Fels inmitten eines schier undendlich weiten Meeres aus Salzwasser. Und der weite Himmel über mir war wie ein zweites Meer aus pechschwarzer Leere mit unendlich vielen einsamen Sternen darin. »Matakiterani« war in der Tat eine »Insel des Schweigens« im unendlichen Pazifik, dessen schäumende Wogen im Mondlicht wie Schnee aussahen.

Foto 2: Ahu Vai Uri ...

Dazu passen die fast eintausend steinernen Kolosse, die alle ihre schmalen Lippen zusammenzupressen scheinen, so als würden sie wortlos demonstrieren: »Von uns erfährst du nichts!« Dabei hat die Osterinsel viele Stimmen, die auch von der geheimnisvollen Vergangenheit des einsamsten Eilands der Welt berichten. Es sind die uralten Sagen und Mythen, denen bis heute viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Sie wurden bis in unsere Tage von Generation zu Generation von Wissenden weitergereicht. So gerieten sie nicht in Vergessenheit. Leider lauschen wir ihnen nicht in ausreichendem Maß.

So erfahren wir, dass die Ureinwohner der Osterinsel aus einem Reich im Westen kamen, das einst in den Fluten des alles andere als friedlichen Pazifik versank. Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) hat so manche Sage, die ihm von Einheimischen anvertraut wurde, wortwörtlich aufgeschrieben. Horacio Teao (2) erzählte ihm, dass einst der Urheimat der Osterinsulaner Maori Nuinui eine Apokalypse bevorstand.  Wie ein Atlantis der Südsee würde sie ihm Pazifik versinken. Viel Zeit blieb den Menschen nicht (3): »So verschwanden in der Zeit von zwei Vollmonden drei Niederlassungen in den Fluten. Eine schreckliche Katastrophe stand bevor.«

Foto 3: ... droht der Untergang.

Priester Hau Maka wurde vom fliegenden Gott Make Make durch die Lüfte zur Osterinsel entführt. So kam es zum Exodus: Die gesamte Bevölkerung übersiedelte von Maori Nuinui zur Osterinsel. Zurück blieb in der Eile der überstürzten Flucht das wohl heiligste Objekt von Maori Nui Nui. Erst auf der Osterinsel angekommen (4) »erinnerte sich der König, daß er vergessen hatte, den Moai »Tauto« von Maori, seinem Geburtsland, mitzubringen.«  Der mächtige König befahl sechs seiner treuesten Diener, sofort in einem Boot nach Maori Nuinui zurückzukehren und die vergessene Steinstatue zu holen (5): »Kehrt zurück  in unsere alte Heimat und holt den Stein – Moai Tauto. Er ist in der Bucht am Meeresufer vor meinem alten Palast zurückgeblieben. Beim Einschiffen gebt wohl acht, dass ihr ihn nicht zerbrecht.«

Gehorsam machten sich die sechs Männer auf die gefährliche Reise, dank günstiger Windverhältnisse kamen sie schneller voran als erhofft. Entsetzt stellten sie fest (6), »daß die Wellen der Flut schon einen großen Teil des Landes überschwemmten.«

Foto 4: Angeschlagene Häupter ...

Die Katastrophe von damals scheint sich in unseren Tagen zu wiederholen. Mahnend erhebt Camilo Rapu, der Präsident der indigenen Gemeinschaft Ma’u Henua, seine Stimme (7): »Alle archäologischen Stätten, die nahe am Küstenrand liegen, sind in Gefahr. Wenn schlechtes Wetter herrscht, reicht das Meerwasser direkt an die Ahus (die Plattformen, auf denen die Statuen stehen) heran. Das führt zu Auswaschung und Einsturz.« Direkt bedroht ist heute der »Ahu Tahai«-Komplex unweit von Hanga Roa an der Südwestküste. Drei Plattformen mit Statuen gehören zu diesem interessanten kleinen Zeremonialzentrum: Ahu Ko Te Riku, Ahu Tahai und Ahu Vai Uri.

Ahu Vai Uri habe ich manchen Abend besucht. Von Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, erreicht man ihn zu Fuß bequem in wenigen Minuten. Nach heutigem Kenntnisstand der Archäologie entstanden die fünf Stein-Moais im 12. Jahrhundert. Sie trotzten also mindestens acht Jahrhunderten den Naturgewalten. Irgendwann stürzten sie von ihrem massiven Steinsockel. Umstritten ist, ob ein Erdbeben, ein Tsunami oder womöglich menschliche Zerstörungswut dafür verantwortlich sind.

Foto 5: Sind sie noch zu retten?

Mir imponieren diese fünf Statuen ganz besonders. So angeschlagen wie sie sind stehen sie wieder auf ihrem Ahu, stumm und trotzig dem Meer den Rücken zuwendend. Zwei der steinernen Zeitzeugen aus der mysteriösen Vergangenheit der Osterinsel konnten die beim Sturz abgebrochenen Häupter mit einer Art Zement wieder auf die Schultern gesetzt werden. Von der kleinsten Figur ist nur der schmale Rumpf übrig geblieben, zweien fehlt ein Stück des Kopfes. Bei zwei der Moais sind die leeren Augenhöhlen noch sehr gut zu erkennen. Einst hatten wohl alle Moais Augen, kunstvoll gestaltet aus weißem Korallenkalk und roter Gesteinsschlacke (für die Iris!). Im kleinen Museum in Hanga Roa wird das einzig erhaltene Moai-Auge gezeigt.


Foto 6: »Ahu Ko Te Riku«
Wie die steinernen Riesen einst aussahen? Sie trugen einen tonnenschweren, rötlichen steinernen »Hut« und blickten mit ihren Kalk-Gesteinsschlacke-Augen ins Landesinnere. Auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« steht so ein komplett rekonstruierter Koloss. Auch er war gestürzt. Mit Hilfe eines Krans wuchtete man ihn wieder auf seine rekonstruierte Plattform, setzte man ihm wieder seinen steinernen »Zylinder« aufs Haupt und verpasste ihm neue Augen, die eigens für ihn angefertigt wurden. Auch er wendet dem Meer den Rücken zu. Auch er starrt vom Ufer aus ins Landesinnere. Warum? Vielleicht weil die Osterinsulaner vom Meer her kamen, dem Meer den Rücken zuwandten und sich darauf konzentrierten, das einsame Eiland zu erkunden und zu besiedeln?

Der wieder komplett rekonstruierte Koloss auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« soll einer der ältesten seiner Art sein. Nach aktuellem Kenntnisstand der schulwissenschaftlichen Lehre soll er im 7. Jahrhundert aus dem Vulkangestein im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater gemeißelt worden sein.

Der UN-Kulturorganisation UNESCO ist die Gefährdung der Osterinsel durch den globalen Klimawandel bekannt. Als erstes, so stellte Adam Markham fest, würden wohl die besonders nah an der Küste stehenden Statuen Opfer der steigenden Meeresfluten werden. Dass der Meeresspiegel ansteigt, das scheint allgemein akzeptiert zu werden. Umstritten ist aber, ob dieser Prozess schnell oder langsam erfolgt. In ihrem Artikel »Neues Unglück bedroht die geheimnisvollen Kolossalstatuen« lässt  die »Welt« zwei Wissenschaftler mit konträren Ansichten zu Wort kommen (8).

Nach Adam Markham waren in den vergangenen zwei Jahren »keine dramatischen Veränderungen auf der Osterinsel« zu beobachten. Markham: »Der Anstieg des Meeresspiegels ist ein relativ langsamer Prozess.« Die Wissenschaftler David Pollard und Roberto DeConto hingegen betonen in einer Studie aus dem Jahr 2016, »dass der Meeresspiegel als Folge der Eisschmelze an den Polargebieten bis Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 1,50 Meter steigen könnte. Allerdings gilt diese Prognose unter Wissenschaftlern als umstritten, einige halten sie für zu hoch gegriffen.«

Was bei diesen aktuellen Diskussionen allerdings außer Acht gelassen wird ist, dass es nach alten Osterinselüberlieferungen bereits vor vielen Jahrhunderten einen deutlich gravierenderen Anstieg des Meeresspiegels in der Südsee gegeben haben muss, der die Urheimat der Osterinsel in den Fluten des Pazifiks versinken ließ.


Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen.



Fußnoten
(1) Mazière, Francis: »Insel des Schweigens/ Das Schicksal der Osterinsel«, 
Frankfurt 1966
(2) ebenda, »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(3) ebenda, Seite 13, rechte Spalte Zeilen 7-9 von oben
(4) ebenda, Seite 19, linke Spalte, Zeilen 7-9 von oben, Rechtschreibung unverändert übernommen
(5) ebenda, linke Spalte, Zeilen 12-16
(6) ebenda, Seite 19, rechte Spalte, Zeilen 7-9 von oben
(7) https://www.welt.de/geschichte/article178056718/Osterinsel-Neues-Unglueck-bedroht-die-geheimnisvollen-Kolossalstatuen.html (Stand 15.01.2019)
(8) ebenda

Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht.

Zu den Fotos
Foto 1: Himmel über der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ahu Vai Uri ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: ... droht der Untergang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Angeschlagene Häupter ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sind sie noch zu retten? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Ahu Ko Te Riku« mit sehendem Riesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht. Foto Walter-Jörg Langbein


477»Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«,
Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. März 2019




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Sonntag, 17. Februar 2019

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«

Neuerscheinung 2019: > Monstermauern, Mumien und Mysterien – Band III


Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Sie wirken snobistisch - und schweigen.

Weltberühmt sind die teils kolossalen Statuen der Osterinsel. 2007 bis 2018 wurde bei archäologischen Ausgrabungen ein einstiges Heiligtum freigelegt, dessen monumentale Terrassen staunen lassen. Eine bisher unbekannte Seite im Buch der mysteriösen Osterinsel wurde aufgeschlagen.

Wenn Fremde die Osterinsel heimsuchten, dann brachten die vermeintlich »Zivilisierten« Tod und Verderben.  Karl May schrieb (1): »Wißt Ihr nun, was wir Europäer unter ›zivilisieren‹ verstehen? Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

In konkreten Zahlen: 1862 lebten von einstmals 40.000 Menschen nur noch 3.000 auf der Osterinsel. Peruanische Sklavenjäger entführten 1.500 Männer und Frauen, die in den Guano-Minen Perus unter katastrophalen Bedingungen schuften mussten. Die Meisten dieser Geknechteten starben elendiglich. Internationale Proteste führten dazu, dass zwölf von 1.500 Osterinsulanern in ihre Heimat zurückkehren durften. Sie brachten die Pocken auf das einsamste Eiland der Welt. Eine Pockenepidemie brach aus, der fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. 1872 lebten nur noch 111 Menschen auf der Osterinsel.

Foto 2: Gespiegelt...
Mit dem Verlöschen eines Großteils der Bevölkerung verschwand auch das Wissen der Eingeweihten. So ist das von den Osterinsulanern heute wieder verstärkt gepflegte Brauchtum nicht unbedingt »echt osterinsulanisch«, sondern wurde aus dem polynesischen Raum importiert. Das ist auch legitim. Offenbar gab es polynesische »Auswanderer«, die via Osterinsel nach Südamerika gelangten. So wurden »die ältesten polynesischen Genspuren Südamerikas mitten im brasilianischen Urwald« (2) gefunden. Deshalb darf man annehmen, dass die Mythologie der Osterinsulaner zumindest in Teilen aus Polynesien stammt. So gelangte wohl auch die Vorstellung von »Tabus« von Polynesien auf die Osterinsel. So ist der Terminus »Tabu« ursprünglich polynesisch. Auf der Osterinsel galten vor Jahrhunderten gewisse Gebiete als »tabu«. »Tabu« waren auch die Plattformen, auf denen die berühmten steinernen Kolosse der Osterinsel standen.

Dieses »Tabu« wurde, wie ich selbst bei meinen ersten Besuchen der Osterinsel wiederholt erlebte, häufig von Touristen missachtet. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte man sich völlig frei auf dem einsamen Eiland bewegen. Nach und nach wurden aber immer mehr Wächter eingesetzt, die darauf achten sollten, dass die alten »Tabus« auch von Touristen geachtet wurden. Heute geht es, und das ist gut so, sehr viel strenger zu. So muss ein gewisser Abstand zu den Statuen gehalten werden. Leider kam es noch vor wenigen Jahrzehnten immer wieder vor, dass Statuen von Souvenirjägern beschädigt wurden.

Unbestreitbar ist die Rückbesinnung der heutigen Osterinsulaner auf die eigenen Wurzeln, die offenbar lange vernachlässigt wurden. Es ist zu hoffen, dass die alte Sprache der Osterinsulaner, »Rapanui« oder »Pascuense«, nicht nur nicht in Vergessenheit gerät, sondern als Teil uralten Erbes wieder stärker gepflegt wird. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich nach und nach die Jugend auf der Osterinsel verstärkt für die eigenen Wurzeln interessiert, wieder die alte Sprache lernt und auch die Gesänge der Vorfahren pflegt. Übrigens: Die »Rapanui«-Sprache ist ein polynesischer Dialekt. Auch Sagen und Mythen der Osterinsel werden wieder, so scheint es mir, mehr geschätzt.

Foto 3: Er schweigt...
Für den Osterinselexperten Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) gab es keinen Zweifel: Die Osterinselmythen sind ebenso wahr wie Homers Hinweise auf Troja. Dr. Felbermayer, gebürtiger Österreicher, der sein Leben der Erforschung der Osterinselmythologie verschrieben hatte, war fasziniert von den ältesten Überlieferungen. Da ist von einem riesigen Königreich im Westen der Osterinsel die Rede, das in den Fluten versank. Da hören wir von einem König namens Hotu Matua, der verzweifelt nach einer neuen Heimat für sein Volk suchte. Erst Gott Make Make brachte die Rettung.

Gott Make Make, so wird überliefert, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und transportierte ihn wie den biblischen Hesekiel durch die Lüfte. Auf einem fernen, unbewohnten Eiland setzte er ihn wieder ab. Make Make erklärte dem Priester, wie man von seiner alten Heimat zur neuen Insel gelangen konnte. Er warnte vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte ihm eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Nach der Überlieferung betrat der Geistliche neugierig eben dieses »weiche Gestein«. Seine Füße hinterließen Spuren darin. Vermutlich handelte es sich um noch nicht ganz erstarrte Lava.

Foto 4: Steinerner Wächter mit Hut

Make Make, der fliegende Gott, unterrichtete den Priester noch im Gebrauch von Schilfrohr, etwa für den Hausbau, zeigte ihm eine Bucht, die als natürlicher Hafen geradezu ideal war, und flog ihn wieder durch die Lüfte in seine alte Heimat zurück. Hau Maka verstand nicht, was ihm widerfahren war. Konnte es denn etwas anderes als ein Traum gewesen sein? Wohl kaum! Fliegende Götter, die Menschen durch die Lüfte transportieren durfte es damals wohl ebenso wenig geben wie in unseren Tagen UFOs. Weil schon immer nicht sein konnte, was nicht sein durfte, musste der Gottesmann also geträumt haben.

Aufgeregt berichtete der Gottesmann seinem König. Der Regent griff nach dem sprichwörtlichen Strohhalm. Er wählte sofort die sieben besten Kundschafter aus. Sie wurden genau instruiert, wo nach dem Traum die fremde Insel zu finden war. Und just dort entdeckten die sieben wackeren Seemänner tatsächlich eine menschenleere Insel. Sie war die perfekte neue Heimat. Kaum war dem König die frohe Botschaft übermittelt worden, befahl der den Massenexodus seines gesamten Volkes. Die gesamte Bevölkerung von Maori Nui Nui zog um und erreichte problemlos ein relativ kleines Eiland, ihre neue Heimat - die Osterinsel. König Hotu Matua sandte Kundschafter aus, die erst einmal die Insel in Augenschein nehmen sollten. Dabei stießen die Männer immer wieder auf Spuren, die der Priester bei seinem »Traumbesuch« hinterlassen hatte. Ganz offensichtlich war der Mann wirklich, sprich körperlich und nicht nur im Geiste, vom fliegenden Gott Make Make befördert worden. Offensichtlich hatte er das exotische Inselchen wirklich betreten.

Foto 5: Wenn er nur reden könnte... Oder hören wir nur nicht zu?

 Dr. Fritz Felbermayer über die Glaubwürdigkeit alter Osterinselsagen: »König  Hotu Matua ist bestimmt keine ›Sagengestalt‹, sondern ein Mann, der wirklich gelebt hat und sein Volk auf die Osterinsel brachte. Reale Historie ist auch die Geschichte von Make Make, von den sieben Seefahrern, vom Exodus von ›Maori Nui Nui‹ auf die Osterinsel.« Dr. Felbermayer weiter: »Ich halte diese Überlieferung für wahr! Wir können sicher sein, dass die Fahrt stattfand!«Vergeblich versuchten christliche Missionare, den »heidnischen Glauben« auszulöschen. Vieles geriet in Vergessenheit, vieles bleib erhalten, so auch so manche Überlieferung über Tabus.

Wenn ein Toter auf einem »ahu«, einer der Plattformen, aufgebahrt wurde, dann wurde diese Stätte zu einem besonders heiligen Ort. Ein »Tabu« schützte dann den Ort. Die steinernen Plattformen galten als Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. Ähnlich sah es im Heiligen Land der Bibel aus. Der Berg Sinai symbolisierte die Verbindung zwischen Himmel/ Gott und Erde. Auch hier gab es ein Tabu, das gewöhnliche Volk musste ferngehalten werden, wenn Gott auf den Berg herniederkam. Tabu soll auch das Areal des Steinbruchs am Rano Raraku-Vulkankegel gewesen sein.


Und ein Tabu lag einst über einem geheimnisvollen Ort im Zentrum der Osterinsel, an dem von 2008 bis 2018 ein Team der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« umfangreiche Ausgrabungen durchgeführte. Noch sind viele Fragen unbeantwortet. Noch wird mehr spekuliert als bewusst. Fest steht: Eine bislang unbekannte Seite der geheimnisvollen Osterinselkultur wurde entdeckt.

Foto 6: Spiegelungen und Farbspiele ...

In »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« gab es einst ein Wasserheiligtum, bestehend aus künstlichen Kanälen, Wasserbecken und einer Feuerstelle. »Archäologie online« schreibt am 23.11.2018 (3): »Zunächst ebenfalls überraschend sind die gewaltigen Mengen von Stein- und Schottermaterial, die die ehemaligen Osterinsel-Bewohner bewegt haben, um ältere Anlagen wie Wasserbecken und Kanäle mit monumentalen Terrassen zu überbauen. Die Terrassen scheinen die früheren Installationen förmlich zu versiegeln und von einer weiteren Nutzung auszuschließen. Zusammen mit den anderen Befunden liegt die Vermutung nahe, dass damit der Zugang zum Wasser des Baches gesellschaftlich und religiös sanktioniert und durch Tabus reglementiert wurde. Gestützt wird die These durch mehrere Gruben, in denen man rotes Pigment herstellte. Rot gilt in Polynesien als heilig und repräsentiert spirituelle Kraft, physische Stärke und Fruchtbarkeit. Auch Seen, Brunnen, Becken und Quellen – wie etwa der Wasserfall von Ava Ranga Uka a Toroke Hau – sind im polynesischen Kulturkreis heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen.«

Erstaunlich ist, wie viele Details »Archäologie online« zu enthüllen vermag: »Die in Ava Ranga Uka a Toroke Hau freigelegten Anlagen waren folglich Teil eines Wasser- und Fruchtbarkeitsheiligtum. Hier fanden rituelle Handlungen statt, die einerseits einen Regenzauber bewirken, andererseits aber auch menschliche Fruchtbarkeit steigern sollten. Die weiteren Forschungen sollen neue Erkenntnisse zur Gestaltung des Fundplatzes durch monumentale Terrassen, aber auch Einblicke in die frühe Nutzung des Heiligtums liefern.«

Zu den Fotos 
»Tabu« lässt sich nicht im Bild festhalten. Zur Illustration habe ich einige Fotos (Nr.1, Nr, 2, Nr.6 und Nr. 7), die ich selbst vor Ort aufgenommen habe, bearbeitet. Alle Fotos (Nr.1-Nr.7): Walter-Jörg Langbein

Fußnoten
(1) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Freiburg 1904,
Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe,
267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben. Rechtschreibung wurde unverändert übernommen
(2) https://www.spektrum.de/news/fruehe-seefahrt-bewohner-der-osterinsel-segelten-nach-suedamerika-und-zurueck/1314552 (Stand 9.1.2019)
(3) https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/tabus-als-teil-fruehen-wassermanagements-in-polynesien-4139/ (Stand 9.1.2019)

Foto 7: ... Gespiegelt und farblich bearbeitet


475 »Vom Wasserheiligtum zur Mordhöhle«,
Teil 475 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. Februar 2019




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Sonntag, 16. September 2018

452 »Die Osterinsel: Ausgeburt der Hölle«,

Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann

Denk man an die Osterinsel, so kommen einem die zum Teil kolossalen Statuen in den Sinn. Die Osterinsel hat freilich mehr zu bieten als steinerne Riesenfiguren. Sie ist, pathetisch (oder poetisch?) formuliert, eine »Ausgeburt der Hölle«. Vor zweieinhalb Millionen Jahren riss der Meeresboden auf und spie gigantische Lavamassen in den damals alles andere als friedlichen Pazifik. Ein Vulkankegel wuchs vom Meeresboden durch Wassermassen empor. Sein Kegel überragte den Meeresspiegel. Eineinhalb Millionen Jahre später brodelte es wieder. Nach dem Poike-Vulkan entstand, nur wenige Kilometer entfernt, ein zweiter Kegel, der wiederum den Pazifik durchbrach. Auch Rano Kau erstarrte als Berg, bildete eine weitere lebensfeindliche Insel. Erst vor einer Viertelmillion Jahren kochte das Wasser wieder, als mit ungeheurer Macht Lava aus dem höllischen Kern den Pazifik aufwühlte.  Terevaka, ein dritter Vulkankegel entstand. Aus den drei Vulkanen Poike Kau, Rano Kau und Terevaka Kau entstand die Osterinsel: aus der erstarrten flüssigen Höllenglut.

Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel

Teile des imposanten Rano Kau brachen an der Südwestseite ab, versanken wieder in den Fluten. So entstand eine dreihundert Meter hohe, senkrecht aus den Wogen des Pazifiks aufsteigende Felswand.
Die drei Felseninseln Motu Nui, Motu Iti und Motu Kao Kao sind Überbleibsel des wieder verschwundenen Vulkanteils. Unweit des Rano Kau Vulkankraters entstand das »Zeremonialdorf« von Orongo. Der Rano Kau selbst muss von immenser Bedeutung für die Osterinsulaner gewesen sein. Wie weit stiegen sie in den Krater hinab? Sicher bis zum See, der im Krater entstanden war. Dort sammelt sich Süßwasser. Da es keine Quelle auf der Osterinsel gibt holte man sich Trinkwasser aus dem Vulkan. 1968 waren 15 mysteriöse Stätten im Kassel des Vulkans bekannt. Emsige Künstler hatten Zeichnungen und Reliefs angefertigt. Dreizehn dieser archäologisch bedeutsamen Fundstellen sind nicht mehr auffindbar. Besonders wichtig muss »Hau Koka«, eine Höhle, gewesen sein. Hier wurden einzigartige Felsgravuren gefunden. Die Häufung von Felskunst lässt, so Dr. Georgia Lee, nur einen Schluss zu: »Hau Koka« war ein Heiligtum.

Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater

Im »Zeremonialdorf« mit seinen 52 oder 53 bunkerartigen Steinhäuschen, so wurde mir erzählt, warteten wichtige Persönlichkeiten auf den Schwimmer, der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe zurückbrachte. Umstritten ist, wer am Wettbewerb teilnehmen durfte. Ging von jedem Stamm ein Schwimmer an den Start? Oder durften ausschließlich Schwimmer des stärksten Stammes versuchen, das erste Schwalbenei zu finden und zur Osterinsel zu bringen? Vielleicht wurde der siegreiche Schwimmer selbst für ein Jahr »König«, vielleicht sein Häuptling, für den er am lebensgefährlichen Wettkampf teilnahm. Der Gewinner hauste dann in einem der »Bunker« des Zeremonialdorfes, um geben von einer Art Hofstaat. Es soll aber ein weiteres kleines Dorf im Krater selbst gegeben haben, dazu Terrassen, auf denen Ackerbau betrieben wurde. Kaum etwas zu erfahren war über »unterirdische Kammern«. Große Steinplatten decken sie ab, die Wände bestehen aus sorgsam und mörtellos verfugtem Mauerwerk.

Archäologen, so erzählte mir schmunzelnd ein polynesischer Gastwirt, zeichneten um die Jahrtausendwende mit penibler Genauigkeit Felsgravuren ab, die sie auf einem massiven Felsblock gefunden hatten. Sie waren ganz begeistert von der Vielzahl der Steinzeichnungen, bemerkten aber nicht, dass der ach so gründlich untersuchte Steinklotz die Decke einer unterirdischen Behausung war. Zahlreiche »Kreaturen aus dem Meer« sollen in einem »Buch aus in den Stein geritzten Zeichnungen« verewigt worden sein. Das geschah womöglich auf Anordnung eines Priesters.

Foto 4: Der See im Rano Rau Krater.

Die Abbildungen dienten als Illustrationen (oder Gedächtnisstützen). Erzählt wurden ohne Worte uralte Mythen von Fabelwesen aus den Tiefen des Meeres. Zu sehen ist auch ein Vogelmensch. Leider wurden auch in moderner Zeit Graffitis in den altehrwürdigen Stein gekratzt. Einige Male bekam ich zu hören, dass ein »ivi atua« für die vielfältigen Gravuren verantwortlich gewesen sei.

Was aber war ein »ivi atua«? Nach Dr. Georgia Lee (1) war das eine spezialisierte priesterliche Klasse, die für  Felsgravuren und Felsmalereien  zuständig war. Bei Katherine Routledge (2) fand ich spannende Informationen. Katherine Maria Routledge (*1866;†1935) war eine der großen Pioniere auf dem Gebiet der Erforschung der Osterinsel. Zusammen mit ihrem Mann William Scoresby Routledge (*1859;†1939) plante sie eine Osterinselexpedition vor dem »Ersten Weltkrieg«. Das Eiland war aber, anders als heute, nicht bequem per Flugzeug via Santiago de Chile erreichbar. Die Eheleute ließen nach ihren bis ins Detail ausgearbeiteten Plänen einen 27 Meter langen Schoner bauen, mit dem sie am 25. März 1913 in Falmouth in See stachen. Sie nannten das Schiff »Mana«, was man mit »Magische Kraft« übersetzen könnte. Ein Jahr später, am 29. März 1914, erreichten sie die Osterinsel. Am 18. August 1915 wurde nach wahrlich dramatischen Erlebnissen die Rückreise angetreten. Kostbar sind die Aufzeichnungen alter Osterinsellegenden, die selbst von Kritikern des Routledge Unternehmens gepriesen wurden.

Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«.

Katherine Routledge berichtet (3) von Magiern und Propheten. Die »koromaké« verfügten über unheimliche Kenntnisse. Mit geheimen Sprüchen konnten sie töten. Die »ivi-atua« waren Propheten nach biblischem Verständnis. Männer und Frauen konnten dieses wichtige Amt bekleiden. Zehn »ivi-atuas« soll es gegeben haben. Ihre wichtigste Aufgabe: Sie standen in Kontakt mit den »aku aku«. Ursprünglich nannten die Osterinsulaner ihre alten Götter »atua«. Nachdem die Bewohner des Eilands römisch-katholisch geworden waren, galt der Name »atua« als verpönt. Damit waren aber die alten Götter keineswegs aus den Köpfen der Menschen verbannt. Sie nannten sie nur anders, nämlich »aku aku«. Die Bewohner von Rapa Nui glaubten weiter an ihre »atuas«, wurden aber mehr und mehr verunsichert. War nun einer diese »atuas« Gott oder der Teufel? Aus den »alten Göttern« wurden schließlich »übernatürliche Wesen«. Die »aku aku«-Wesen waren keine Menschen, aber nicht unsterblich wie Götter.

Als altem Prä-Astronautiker kommen mir natürlich »meine« Astronautengötter in den Sinn. Sollte es sich bei den »aku aku«-Wesen um prähistorische Besucher aus dem Kosmos handeln? Natürlich kommt mir der fliegende Gott Make Make in den Sinn, der die Ur-Osterinsulaner rettete, als deren Heimat »Maori Nui Nui« im Pazifik versank. Make Make, so überliefert es eine Sage aus uralten Zeiten, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.

Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Katherine Routledge, so wird überliefert, sprach noch mit dem letzten Osterinsulaner, der die bis heute nicht entzifferte geheimnisvolle Schrift der einsamen Insel zu lesen verstand. Sie besuchte den Mann in einer Leprakolonie. Er weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass das uralte Wissen verloren gehe, als dass es in die Hände der Fremden geriete. Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod. Der letzte Wissende hätte womöglich auch begreiflich machen können, welche Bedeutung die Gravuren auf dem Inselchen »Motu Nui« hatten, von der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe geholt werden musste, um für ein Jahr »König« zu werden. 

Foto 7: James Cook.
War Make Make so ein »atua« so ein »aku aku«, zwar kein Mensch, aber nicht unsterblich wie ein »richtiger« Gott? Nicht nur in der Präastronautik wird die Frage diskutiert (4), wie wohl Außerirdische vor Jahrtausenden von den Bewohnern von Planet Erde begrüßt würden. Wir wissen, dass Naturvölker technologisch fortgeschrittene Besucher für Götter halten. Solche Kontakte gab es in der Vergangenheit. Kapitän James Cook erreichte am 13. April 1769 mit der »Endeavour« Tahiti. Bei seiner Ankunft wurde er von den Einheimischen für den zurückkehrenden Gott Rongo gehalten, der einst in einem Wolkenschiff die Erde verlassen hatte. Dem Schöpfergott Rongo entsprach die Südsee-Gottheit Karaperamun. Jegliches Leben führte man auf diesen mysteriösen Karaperamun zurück. So wie es für die Einwohner Tahitis selbstverständlich war, dass ihr Hauptgott einst wieder kommen würde, so hegten auch die Bewohner keinen Zweifel. Ihr Gott  Karaperamun würde dereinst wieder erscheinen. So wie die Bewohner Tahitis James Cook für den zurückgekehrten Gott Rongo hielten, so setzten die bereits christlich missionierten Bewohner Tannas, mehr oder minder heimlich, auf einen Neuanfang mit Gott Karaperamun.

Fußnoten
(1) Rock Art of Easter Island: Symbols of Power,
Prayers to the Gods. Los Angeles: Institute of
Archaeology, University of California, Los Angeles 1992, Seite 10
(2) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
(3) Ebenda, S. 289
(4) Langbein, Walter-Jörg: »Das Geheimnis des Cargo-Kults«, Vortrag, gehalten auf dem »One-day-Meeting«, der »A.A.S.« in Fulda, am 30.10.2004

Zu den Fotos
Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel. Foto commons gemeinfrei
Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater. Foto Imgeborg Diekmann
Foto 4: Der See im Rano Rau Krater. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«. Foto 1914, gemeinfrei
Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: James Cook. Foto: wikimedia commons/ public domain

453 »Der vergessene Kult«,
Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.09.2018



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Sonntag, 2. September 2018

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«

Teil 450 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«

Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« schreibt in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« Konkretes zum mysteriösen »Vogelmann-Kult« (2): »Die Teilnehmer am Vogelmann-Ritual mussten versuchen, auf der kleinen Insel Motu Nui ein Ei der schwarzen Seeschwalbe zu finden. Ursprünglich hatte dieses Frühlingsfest wahrscheinlich metaphysische und religiöse Bedeutung und hing mit der Wiedergeburt und Erneuerung der Natur zusammen. In den Händen der Kriegerklasse wurde es zu einem Instrument der Beherrschung der Insel.«

Foto 2: Die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«

Dr. Lees Aussage über den Wechsel von der Ahnenverehrung zum monotheistischen »Make Make« ist Spekulation, aber durchaus logisch. Tatsächlich trifft ihre Beschreibung auf so manche Religion zu. Aus Sicht eines totalitären Herrschers ist es der Idealfall, seinen Untertanen den alten Glauben zu nehmen und einen neuen aufzudrängen. Entwurzelte lassen sich am besten beherrschen. Das wusste wohl auch Konstantin der Große, als er ab 325 immer stärker das Christentum favorisierte. Dabei ist mehr als umstritten, ob Konstantin dem neuen Glauben huldigte. 

Bis zur »Mailänder Vereinbarung« im Jahr 313 wurden Christen verfolgt, ihr Vermögen konfisziert und ihre Kirchen angezündet. Das Christentum wurde zur erlaubten Religion. Die Bedeutung des Christentums wuchs und wuchs kontinuierlich. Allerdings ließ Konstantin noch anno 326 seine Frau Fausta und seinen ältesten Sohn Crispus ermorden. Es scheint so, dass der Kaiser nicht wirklich und wenn, dann nicht frühzeitig zum Christentum wechselte. Ich vermute, dass Konstantin schlicht und einfach Realpolitiker war, der die  starke Gruppe der Heiden in seinem Reich nicht verprellen wollte. Christus übernahm nach und nach die Rolle des Sonnengottes Sol.  Als Alleinherrscher wollte Konstantin schließlich seine Machtposition zementieren, seine Untertane einen, indem er massiv ein gesamtes Reich mit einem Glauben anstrebte. Als »Isapostolos« ließ er sich mit schöner »Bescheidenheit«  als »den Aposteln Gleicher« bezeichnen. 

Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«

Was wissen wir über den »Vogelmann-Kult« der Osterinsel?  Der mächtige Gott »Make Make« wurde als Retter gefeiert und verehrt, dem man es zu verdanken hatte, nicht mit der alten Heimat in den Fluten des Pazifik unterzugehen, sondern eine neue Heimat, die Osterinsel zu finden. Wir wissen, dass »Make Make« irgendwie zum »Vogelmann-Kult« gehörte. Im Zeremonialzentrum von Orongo wurde in Petroglyphen »Make Make« häufig vereint mit »Vogelmännern« gezeigt. Dabei fällt auf, dass auch Make Make manchmal wie die »Vogelmänner« als Mischwesen aus Tier und Mensch gezeigt wird. Die »Vogelmänner« scheinen oft von irgendwo in die Tiefe zu springen. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Egbert Richter-Ushanas, ein Experte auf dem Gebiet der geheimnisvollen Osterinselschrift, einen Text entzifferte und übersetzte, der auf in der Fachwelt als  »Aruka Kurenga« bekannt ist (3): 

»Durch den Himmel gestürzt kam Hotu Matua von jenem Land in dieses Land, und er ließ sich nieder im Nabel des Himmels.« (4) Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass es ursprünglich eine »Naturreligion« im Reich der steinernen Giganten gegeben hat. Naturerscheinungen wie Gewitter wurden den Göttern zugeschrieben. Als dann »Astronautengötter« (»Make Make« und Team) das Eiland (oder eine andere Insel in der Südsee) besuchten, hielt man sie für »Himmlische«. Auch das ist Spekulation.

Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«

Suchen wir nach harten Fakten, nach im wahrsten Sinne des Wortes steinharten Fakten. Als ich mich auf meinen ersten Besuch der Osterinsel vorbereitete, da versuchte ich so viele Informationen wie nur möglich zu sammeln. So erfuhr ich, dass die Osterinsulaner angeblich alljährlich in feierlicher Prozession zum »Rano Kau«-Vulkankegel empor zogen, um dann das »Zeremonialdorf« zu beziehen. Dort wartete man den Ausgang des Wettbewerbs »Wer bringt das erste Ei« ab. Das »Zeremonialdorf« gibt es tatsächlich. Ich muss zugeben: Als ich die steinernen Häuser sah, war ich doch mehr als nur etwas enttäuscht. 52 (oder 53) Steinhäuschen gab und gibt es. Sie sind aus flachen Natursteinplatten mörtellos gebaut. Fenster haben die Häuschen keine, nur einen Eingang Richtung Pazifik, den man freilich aus dem Inneren der Häuschen nicht sehen kann. Die »Türen« sind im Schnitt nur etwa 50 Zentimeter hoch. Da die Mauern unverhältnismäßig dick sind, muss man durch einen etwa einen halben Meter »hohen« Tunnel kriechen, um dann in einem Räumchen zu landen, das ein aufrechtes Stehen unmöglich macht. 

Alfred Métraux weiß zu berichten (5): »Die Zeremonien und Festgelage im Zusammenhang mit dem Vogelkult wurden in Orongo, an den Hängen des Rano-kao an der  Südwestspitze der Insel durchgeführt. Das »Dorf Orongo« liegt auf dem schmalen Grat, der das Meer vom Kratersee trennt. Es war vorübergehend während des jährlichen Fests bewohnt und den Rest des Jahres über verlassen.« Die Bevölkerung der Osterinsel muss mehr als überschaubar gewesen sein, wenn alle Bewohner in den kleinen Häuschen des »Orongo Dorfs« untergebracht worden sein sollen. Und Kleinwüchsigkeit wäre dann von erheblichem Vorteil gewesen.

Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen

Welchem Zweck mag das »Zeremonialdorf« gedient haben? In der lebenden Mythologie heißt es, dass in einem der Häuschen der »Vogelmann« höchstselbst hauste. Seine Ansprüche müssen mehr als bescheiden gewesen sein. Belegten Priester- und Dienerschaft die übrigen Häuschen?

Bei meinem ersten Besuch konnte ich mich noch vollkommen frei in Orongo bewegen. So bin ich auch in das eine oder das andere Häuschen gekrochen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich im Inneren einer kleinen Wohnung mit Zugängen zu Nachbarwohnungen rechts und links befunden habe. Oder bestand so eine Wohnung aus Haupt- und Nebenraum oder Nebenräumen? Ich erkundete einige Häuschen, die neben einem zentralen Raum über zwei oder drei Nebenräume verfügen. Keiner dieser Räume hatten Fenster. Das einzige Licht kam durch die winzige Tür. Die Luft war in allen Räumen stickig. Wie dem auch sei: Die Häuser boten im Inneren eher einen Korridor von unterschiedlicher Länge. Einige der Häuschen habe ich ausgemessen. Die kleineren waren fünf Meter, größere bis zu 15 Meter lang. Die Breite lag bei allen Häuschen bei etwa 2,50 Meter. Von »Höhe« kann man bei etwa 1,40 Meter nicht wirklich sprechen. Ein aufrechtes Stehen war in keinem der Räumchen möglich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in diesen beengten Wohnungen Menschen selbst nur für kurze Zeit gelebt haben.

Foto 7: Ein Eingang
Wurden vielleicht in diesen niedrigen, schmalen Räumchen heilige Zeremonien abgehalten, die heute vollkommen in Vergessenheit geraten sind? Aufschluss könnten die bemalten Steinplatten bieten, die einst in den Innenwänden der Räumchen fest eingebaut waren. Leider sind sie geraubt worden. Sie verschwanden in Privatsammlungen, vielleicht auch in dem einen oder anderen unbedeutenden Museum.

In »Haus R 13«, so versicherten mir verschiedene, meiner Meinung nach glaubhafte Osterinsulaner, lag bis ins Jahr 1868 versteckt eine der größten Kostbarkeiten der Osterinsel: eine Statue, 2,42 Meter hoch, etwa vier Tonnen schwer, aus Basalt gemeißelt. Auf ihrer Brust, heute kaum noch zu erkennen, war einst eine Ritzzeichnung zu sehen: von einem »Vogel-Mann«, der in Schnabel und Hand je ein Ei hält. Mit einiger Fantasie hat man sie zeichnerisch rekonstruiert. Als Vorlage dienten Petroglyphen, die offenbar eine ganz ähnliche Gestalt zeigen. Ursprünglich war die Figur schwarzweiß bemalt. Basalt ist sehr viel feinporiger als beispielsweise grobporiges Trachyt, aus dem viele der Statuen bestehen. Deshalb lässt sich Basalt recht gut bemalen, im Gegensatz zu sehr viel grobporigerem Gestein.

Es geht nicht anders: der »kleine Riese« muss in seinem Häuschen gelegen haben. Gestanden haben kann er nicht bei einer Größe von 2,42 m und einer »Raumhöhe« von nur 1,40m bis 1,50 m. Vermutlich musste man die Behausung um den altehrwürdigen Moai herum gebaut haben. Durch die kleinen »Türchen« hat er sicher nicht gepasst. Und wie wurde er herausgeholt? Es gibt nur eine Lösung des Problems: Man hat ein Loch in die Wand geschlagen. 

Der »kleine Riese« heißt »Hoa haka nana ia«, zu Deutsch angeblich etwa »Gestohlener kleiner Freund«. Er wurde anno 1868 von J. Linton Palmer, seines Zeichens Arzt, entführt und nach Europa verschleppt. Er landete im Londoner »British Museum«, wo er bis heute ausgestellt wird. Eine Briefmarke zeigt das Haupt des gestohlenen »kleinen« Riesen. (Foto 8!) Seine Rückkehr zur Osterinsel wird bis heute vergeblich gefordert.  Die Chancen, dass der gestohlene Freund in seine Heimat zurückkehren darf, sind gering. (6)

Foto 8: Er wurde gestohlen.
Gering ist auch die Chance, dass Kunstwerke, die einst das »Zeremonialdorf« von Orongo zierten, jemals wieder den Osterinsulanern zurückgegeben werden. Sie wurden geraubt oder billig gekauft und verschwanden in Museen und Privatsammlungen. Anno 1882 ankerte das Kanonenboot »SMS Hyäne« vor der Osterinsel. So wie man sich das wilde Tier der »Hyäne« vorstellt, so verhielten sich die »zivilisierten« Menschen gegenüber der vermeintlich »Wilden« der Osterinsel. Sie versklavten die Menschen, raubten archäologische Kostbarkeiten und zerstörten rücksichtslos, was ihnen in den Weg kam. Wie schrieb Karl May (*1842;†1912) in seinem Roman »Und Friede auf Erden!«, erschienen anno 1904? (7) »Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

Fußnoten
(1) Veröffentlicht in Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 16-23
(3) Richter-Ushanas, Egbert: »Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos«, Bremen 2000

Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst.

(4) Zu diesem Thema hielt ich am 19. August 2000, und zwar beim Jahrestreffen der dänikenschen A.A.S. in Berlin, einen Vortrag, betitelt »Das Geheimnis der amphibischen Götter«.
(5) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 331, Zwischenüberschrift »Orongo«. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(6) Siehe hierzu…  Palmer, J. Linton: »A visit to Easter Island Or Rapa Nui, in 1868«, London 1870
(7) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Erstausgabe Freiburg 1904. Zitat aus Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe, 267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben

Zu den Fotos
Foto 1: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.
Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Blick auf die kleinen Inseln »Motu Nui« und »Motu Iti«. Foto Ingeborg Diekmann
Fotos 3 und 4: Make Make beim »Zeremonialdorf«. Fotos Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Einige der Häuschen vom »Zeremonial-Zentrum Orongo«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 6: Eingänge in zwei der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 7: Ein Eingang in eines der Häuschen. Foto Walter-Jörg Langbein.
Foto 8: Der gestohlene kleine Freund als Briefmarkenmotiv.
Foto 9: Make Make in der heutigen Osterinselkunst. Foto Walter-Jörg Langbein.

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«,
Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09.09.2018


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Sonntag, 26. August 2018

449 »Putsch auf der Osterinsel?«

Teil 449 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Gott »Make Make«
Ein Besuch im Orongo-Kultzentrum ist für jeden Osterinselbesucher ein Muss. Man kann vom »Museo Antropológico Sebastián Englert« in »Hanga Roa« aus zu Fuß zum Kraterrand des »Rano Kau«-Vulkans empor wandern. 320 Meter hoch ist er Schildvulkan im Südwesten des mysteriösen Eilands. Wer freilich einen gemütlichen Spaziergang erwartet, wird sich wundern. Je nach Kondition und Schwere der Kameratasche ist man nach zwei Stunden am Ziel. Wenn man seinen Rucksack aber immer wieder absetzen und pausieren muss, kann es auch länger dauern. Gott »Masker Make« wartet geduldig....

Sehr viel schneller geht es mit Leihpferd, Leihmotorrad, Leihwagen oder Taxi. »Transportmittel« Pferd ist ohne Zweifel für sportliche Menschen mit Abenteuerlust ideal. Aber nicht jeder Reisende möchte dem russischen Präsidenten Putin nacheifern. Außerdem: Wohin beim Ritt mit der Kammerausrüstung? Und wer hält das Pferd, solang man das »Orongo-Kultzentrum« erkundet? Einige Stunden sollte man schon einkalkulieren.

Die motorisierte Anfahrt ist natürlich die unsportlichste. Man müsste Monate auf der Osterinsel verbringen, um sie ausgiebig zu erkunden. Die Osterinsel hat aber so viele interessante Stätten zu bieten hat, dass es auch bei einem längeren Aufenthalt nicht möglich ist,  alle zu besuchen. Ich bin lieber unsportlich auf der Osterinsel unterwegs und sehe mehr als wenn ich mich sportiv zu Fuß auf den Weg mache. Mit dem PKW gelangt man auf recht ordentlicher Straße den südlichen Kraterrand des »Rano Kau« Vulkans. Ich empfehle mindestens zwei Besuche im »Orongo-Park«: einen unter Leitung eines örtlichen Führers, einmal allein. Vorbei geht es am schweigenden Vulkan.


Foto 2: Blick in den »Rano Kau«-Krater.

Vor einer Million Jahren brach er aus, am Meeresboden, spie gigantische Lavamassen aus, die einen Kegel bildeten, der ein gutes Stück über die Wogen des Pazifiks gen Himmel ragte. Insgesamt sind es drei Vulkane, die die Osterinsel entstehen ließen. Wer unter Höhenangst leidet, wagt sich nicht an den Kraterrand. 200 Meter fällt er steil ab. Im Inneren des Kraters hat sich ein Süßwassersee gebildet. Totora-Schilf bedeckt einen großen Teil der Wasseroberfläche. Es sieht so aus, als wäre da eine grüne Welt mit einem Netz aus kleinen »Seen« und »Flüssen« überzogen.

Foto 3: Grüne Pflanzen auf blauem Wasser.

Wen die 200 Meter bis zum Wasserspiegel erschauern lassen, der sollte unbedingt der Südspitze der Osterinsel vor dem »Rano Kau« fernhalten. Da geht es nämlich 300 Meter senkrecht in die Tiefe. Tief unten wütet der oft gar nicht so friedliche Pazifik, so als wolle er die Insel abtragen. Man muss diesem Abgrund sehr nahe kommen, will man die geheimnisvollen Reliefs studieren, die vor vielen Jahrhunderten in den Stein geritzt und gehämmert wurden. Um 1500 n.Chr. sollen sie entstanden sein, als man sich vom vorherrschenden »Ahnenkult« ab- und dem neuen »Vogelmannkult« zuwandte. Es ist nicht wirklich bekannt, wann der »Vogelmannkult« aufkam und wann die »Ahnen« nicht mehr im Zentrum der Verehrung standen. Es ist auch nicht wirklich bekannt, warum von einem zum anderen Kult gewechselt wurde. Umstritten ist die These, dass die Statuen die verehrten Ahnen darstellen.

Foto 4: Die Statuen - Denkmäler für die Ahnen?

Auch in Kreisen der Wissenschaft wird letztlich nur spekuliert. So schreibt Dr. Georgia Lee, Herausgeberin des »Rapa Nui Journal« in Ihrer Abhandlung (1) »Die Felsbilder-Kunst auf Rapa Nui« (2): »Die berühmten Orongo-Petroglyphen sind relativ gut bekannt. Gefährlich nahe an den Rand dreihundert Meter hoher Klippen gesetzt, findet sich dort eine bemerkenswerte Sammlung von Petroglyphen, von denen die meisten einen ›Vogelmann‹ – eine Kombination von Mensch und Fregattvogel – darstellen. Das Motiv des Vogelmannes war um etwa 1500 n.Chr. sowohl ein religiöses Symbol als auch das Symbol der Machtübernahme durch die Kriegsklasse. Nach Meinung vieler Wissenschaftler war dieser Machtwechsel das Ergebnis von ökologischen Belastungen und Bevölkerungsdruck.«

Nach Ansicht von Dr. Georgia Lee riss die Kriegerklasse die Macht an sich, als der König als Vertreter der alten Ahnenreligion die drängenden Probleme nicht lösen konnte. Gab es also eine Revolution auf der Osterinsel? Stürzten die »Militärs« in einer Krise den alten König? Putschten sich Vertreter der »Kriegsklasse« an die Macht? Schufen sie eine neue Religion? Es wird sehr viel spekuliert in Sachen Osterinsel, auch von vermeintlich »wissenschaftlicher« Seite. Dabei wissen wir sehr wenig über die Entwicklung der Religion auf dem Eiland der steinernen Statuen. Auch Dr. Lees Überlegungen sind, wenn auch aus berufenem Munde, reine Spekulation.

Fotos 5 und 6: Wohin springen die »Vogelmänner«?

Nutzten die »Militärs« eine existenzbedrohende Krise, um die alte Religion abzuschaffen und durch eine neue zu ersetzen? Im Zentrum der alten Religion soll ein Ahnenkult gestanden haben. Es wird immer wieder behauptet, die riesigen Steinstatuen würden die verehrten Ahnen darstellen. Sollte die These in Sachen Militärputsch stimmen, hörte man dann beim Wechsel zum »Vogelmannkult« mit dem Bau der Statuen auf? Hat man den Glauben an die Ahnen nicht nur ad acta gelegt, sondern auch ihre Statuen von den Sockeln gestürzt?

7+8: Ein »Vogelmann«
Wir wissen nicht, ob es tatsächlich einen abrupten Wechsel vom alten zum neuen Glauben gab. Wir wissen nicht, ob nicht beide Kulte zumindest einige Zeit lang nebeneinander praktiziert wurden. Was wir wissen: Der »Vogelmannkult«, der im Zeremonialzentrum von Orongo seinen »Vatikan« gehabt haben mag, war auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung für die Osterinsulaner. Auch als das mysteriöse Eiland der steinernen Riesen schon längst christianisiert worden war, starb er immer noch nicht aus. Alfred Metráux (*1902; †1963), ein »Papst« der Osterinselforschung, konstatiert in seinem Klassiker (3), dass der Kult zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch »gelebt« habe (4). Aussagen über den Kult, so Metráux, gab es noch jede Menge, allerdings war vieles widersprüchlich. In seinem Buch »Ethnology of Easter Island«, 1971 erschienen, schreibt Metraux: »Der Vogel-Kult starb erst vor 50 Jahren aus.«

Über viel gesichertes Wissen zum »Vogelmannkult« verfügen wir kaum. Bekannt ist: Die Osterinsulaner versammelten sich zu Beginn der Brutzeit der Ruß-Seeschwalbe, also irgendwann zwischen Juli und September, im Zeremonialzentrum von Orongo. Einige junge Männer mussten nun die 300 Meter hohe senkrecht aufsteigende Felswand so schnell wie möglich hinabsteigen, sich in die Fluten stürzen und etwa 1.500 Meter bis zum Inselchen »Motu Nui« schwimmen. 

Allein schon wegen der gefährlichen Strömungen im Pazifik war das alles andere als ein einfaches Unterfangen. Außerdem wimmelte es nur so von Haien auf dem kurzen Weg. Wer nicht von einer der unberechenbaren Strömungen abgetrieben wurde, musste damit rechnen, von einem Hai gefressen zu werden.  Wer den Wettbewerb gewinnen wollte, der musste das Inselchen erreichen, an Land klettern und nach dem ersten Ei einer Ruß-Seeschwalbe suchen. Der erste, der so ein Ei gefunden, allen Gefahren zum Trotz in einem Schilfkörbchen zur Osterinsel gebracht hat, wurde zum »Vogelmann« erklärt.

Foto 9: »Vogelmänner« in der heutigen Kunst

Unklar ist, wo das Abenteuer endete. Wo lag das Ziel? Am Fuße der steilen Felsklippe? Oder musste erst die Steilklippe erklommen und das Orongo-Zeremonialzentrum wieder erreicht sein?

Vielleicht war es auch anders: Jeder Stammeshäuptling bestimmte einen sportiven Schwimmer. Zum »Vogelmann« wurde dann nicht der todesmutige Schwimmer selbst, sondern sein »Häuptling« ernannt. Der »Vogelmann« vollzog als erstes eine Amtshandlung, die so manchem Osterinsulaner den Tod brachte. Um sich die Schicksalsmächte gewogen zu machen, bestimmte der neue »Vogelmann« eine Reihe von Menschen, die geopfert wurden. Das konnte sehr schnell zu blutigen Stammeskriegen führen.

Der neue »Vogelmann« hauste, so wurde mir das wiederholt auf der Osterinsel erzählt, in einer abgeschiedenen Höhle. Andere Inselbewohner berichteten, dass der »Vogelmann« in einem abgelegenen Haus wie ein Gefangener leben musste. Fünf Monate lang durfte er sich nicht waschen. Fünf Monate lang durfte er sich die Haare nicht schneiden lassen. Man muss annehmen, dass der neue Herrscher schon nach einigen Wochen gewöhnungsbedürftig aussah und gerochen hat. Frauen durften sich ihm nicht nähern, auch nicht die eigene Ehefrau. Dieser Verzicht dürfte den Damen nicht schwer gefallen sein.

Foto 10: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«.

Von der Orongo-Klippe aus sieht man vor allem einen schier unendlich weiten Horizont und drei kleine Inselchen. »Motu Nui« ist am weitesten entfernt (1,5 Kilometer). Kleiner und nahe bei »Motu Nui« liegt »Motu Iti«, 1,6 Hektar »groß«. Die Kleinste der drei Inselchen, »Motu Kao Kao«, 0,1 Hektar »groß« ragt wie eine Speerspitze aus den Wogen. Wiederholt habe ich versucht, zu »Motu Nui« zu gelangen. Es hat nicht geklappt. Beim letzten Versuch kamen wir mit unserem Bötchen bis auf wenige Meter an das ersehnte Ziel heran. Unser Bootsführer ließ dann aber abdrehen. Die Brandung sei viel zu gefährlich, um das kleine Eiland zu betreten.

Ich habe den Eindruck, dass es alles andere als erwünscht ist, dass Touristen die mysteriöse Insel »Motu Nui« betreten. Das muss man akzeptieren, auch wenn es schwer fällt. Angeblich gibt es in Höhlen auf dieser kleinen Insel noch perfekt erhaltene Felsmalereien, die Szenen aus der Mythologie der Osterinsel zeigen. Zu sehen sein sollen unter anderem Vogelmann-Wesen, halb Mensch und halb Vogel.

Foto 11: Blick zu den drei kleinen Inselchen.

Solche  Kreaturen wurden einst in großer Zahl in das poröse Vulkangestein der Osterinsel geritzt und gemeißelt, angeblich mit  primitivem Werkzeug, etwa aus Basalt. Es gibt kaum noch wirklich gut erhaltene Exemplare. Die schönsten findet man im Orongo-Zeremonial-Zentrum, just an der Stelle, an der einst die Kandidaten im Wettkampf »Wer wird Vogelmann des Jahres?« vermutlich in die Tiefe kletterten.

Offenbar gab es eine Verbindung zwischen dem »Vogelmann-Kult« und dem Gott »Make Make«. »Make Make« war es, der der Legende nach die Vorfahren der Osterinsel rettete. Damals soll es eine Sintflut in der Südsee gegeben haben. »Make Make«, so sagt die Legende, entführte den Priester eines untergehenden Reiches im Westen der Osterinsel durch die Lüfte. Er zeigte ihm die Osterinsel. Und gerade noch rechtzeitig wurde das gesamte Volk, nachdem sieben mutige Seeleute die Angaben des Priesters überprüft hatten, evakuiert. Die Osterinsel wurde die neue Heimat. »Make Make« findet sich als Ritzzeichnung oder Halbrelief sehr häufig auf der Osterinsel, auch im Bereich des »Orongo-Kult-Zentrums«, sehr oft bei Darstellungen des »Vogelmann-Kults«. Es muss eine Verbindung gegeben haben. Womöglich gehörte »Make Make« zum »Vogelmann-Kult«.

Foto 12: Heutige Insulaner schaffen wieder Abbildungen von »Vogelmännern«.

Die »Vogel-Mensch-Mischwesen« scheinen in die Tiefe zu springen. Woher, wohin? Wir wissen es nicht. Nach vorsichtigen Schätzungen gibt es noch 5.000 Petroglyphen auf der Osterinsel. 4.000 davon sind bereits erfasst. Wie viele steinerne Reliefs in unzugänglichen Höhlen nur Eingeweihten bekannt sein mögen? Wie viele derlei Schnitzwerk noch unter dem Erdreich schlummern mag? Eingeweihte wissen angeblich, wo was zu entdecken ist. Sie schweigen aber. Und die mit Erdreich bedeckten Kunstwerke im weichen Gestein sind sehr viel besser geschützt als jene, die Wind und Wetter ausgeliefert sind.

Meiner Meinung nach gab es den einen oder den anderen »Putsch« auf der Osterinsel, etwa als die Statuenbauer und die Vogelkultler miteinander rangen. Und es gab schon manchen Versuch der Osterinsulaner, die Vorherrschaft der Chilenen auf dem Eiland abzuschütteln. Wird es einen Putsch und eine Unanhängigkeitserklärung geben? Wie wird Chile reagieren?

Fußnoten
(1) Barthel, Thomas S. et al.: »1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem Land des Hotu Matua«, Ausstellungskatalog, Mainz 1989, S. 109-115
(2) Ebenda, S. 109, rechte Spalte, Zeilen 1-11
(3) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
(4) Ebenda, Seite 331, 1. Drittel von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Gott »Make Make«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in den »Rano Kau«-Krater. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Grüne Pflanzen auf blauem Wasser. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Die Statuen - Denkmäler für die Ahnen? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 5 und 6: Wohin springen die »Vogelmänner«? Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: Einer der »Vogelmänner«. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: »Vogelmänner« in der heutigen Kunst. Foto Walter-Jörg Langbein  
Foto 10: »Motu Nui«, »Motu Iti« und »Motu Kao Kao«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Blick zu den drei kleinen Inselchen von der Klippe aus. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Heutige Insulaner schaffen wieder Abbildungen von »Vogelmännern«. Foto Walter-Jörg Langbein

450 »Der Vogelmannkult und einer, der durch den Himmel stürzte«,
Teil 450 der Serie
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von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.09.2018



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