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Sonntag, 16. September 2018

452 »Die Osterinsel: Ausgeburt der Hölle«,

Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann

Denk man an die Osterinsel, so kommen einem die zum Teil kolossalen Statuen in den Sinn. Die Osterinsel hat freilich mehr zu bieten als steinerne Riesenfiguren. Sie ist, pathetisch (oder poetisch?) formuliert, eine »Ausgeburt der Hölle«. Vor zweieinhalb Millionen Jahren riss der Meeresboden auf und spie gigantische Lavamassen in den damals alles andere als friedlichen Pazifik. Ein Vulkankegel wuchs vom Meeresboden durch Wassermassen empor. Sein Kegel überragte den Meeresspiegel. Eineinhalb Millionen Jahre später brodelte es wieder. Nach dem Poike-Vulkan entstand, nur wenige Kilometer entfernt, ein zweiter Kegel, der wiederum den Pazifik durchbrach. Auch Rano Kau erstarrte als Berg, bildete eine weitere lebensfeindliche Insel. Erst vor einer Viertelmillion Jahren kochte das Wasser wieder, als mit ungeheurer Macht Lava aus dem höllischen Kern den Pazifik aufwühlte.  Terevaka, ein dritter Vulkankegel entstand. Aus den drei Vulkanen Poike Kau, Rano Kau und Terevaka Kau entstand die Osterinsel: aus der erstarrten flüssigen Höllenglut.

Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel

Teile des imposanten Rano Kau brachen an der Südwestseite ab, versanken wieder in den Fluten. So entstand eine dreihundert Meter hohe, senkrecht aus den Wogen des Pazifiks aufsteigende Felswand.
Die drei Felseninseln Motu Nui, Motu Iti und Motu Kao Kao sind Überbleibsel des wieder verschwundenen Vulkanteils. Unweit des Rano Kau Vulkankraters entstand das »Zeremonialdorf« von Orongo. Der Rano Kau selbst muss von immenser Bedeutung für die Osterinsulaner gewesen sein. Wie weit stiegen sie in den Krater hinab? Sicher bis zum See, der im Krater entstanden war. Dort sammelt sich Süßwasser. Da es keine Quelle auf der Osterinsel gibt holte man sich Trinkwasser aus dem Vulkan. 1968 waren 15 mysteriöse Stätten im Kassel des Vulkans bekannt. Emsige Künstler hatten Zeichnungen und Reliefs angefertigt. Dreizehn dieser archäologisch bedeutsamen Fundstellen sind nicht mehr auffindbar. Besonders wichtig muss »Hau Koka«, eine Höhle, gewesen sein. Hier wurden einzigartige Felsgravuren gefunden. Die Häufung von Felskunst lässt, so Dr. Georgia Lee, nur einen Schluss zu: »Hau Koka« war ein Heiligtum.

Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater

Im »Zeremonialdorf« mit seinen 52 oder 53 bunkerartigen Steinhäuschen, so wurde mir erzählt, warteten wichtige Persönlichkeiten auf den Schwimmer, der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe zurückbrachte. Umstritten ist, wer am Wettbewerb teilnehmen durfte. Ging von jedem Stamm ein Schwimmer an den Start? Oder durften ausschließlich Schwimmer des stärksten Stammes versuchen, das erste Schwalbenei zu finden und zur Osterinsel zu bringen? Vielleicht wurde der siegreiche Schwimmer selbst für ein Jahr »König«, vielleicht sein Häuptling, für den er am lebensgefährlichen Wettkampf teilnahm. Der Gewinner hauste dann in einem der »Bunker« des Zeremonialdorfes, um geben von einer Art Hofstaat. Es soll aber ein weiteres kleines Dorf im Krater selbst gegeben haben, dazu Terrassen, auf denen Ackerbau betrieben wurde. Kaum etwas zu erfahren war über »unterirdische Kammern«. Große Steinplatten decken sie ab, die Wände bestehen aus sorgsam und mörtellos verfugtem Mauerwerk.

Archäologen, so erzählte mir schmunzelnd ein polynesischer Gastwirt, zeichneten um die Jahrtausendwende mit penibler Genauigkeit Felsgravuren ab, die sie auf einem massiven Felsblock gefunden hatten. Sie waren ganz begeistert von der Vielzahl der Steinzeichnungen, bemerkten aber nicht, dass der ach so gründlich untersuchte Steinklotz die Decke einer unterirdischen Behausung war. Zahlreiche »Kreaturen aus dem Meer« sollen in einem »Buch aus in den Stein geritzten Zeichnungen« verewigt worden sein. Das geschah womöglich auf Anordnung eines Priesters.

Foto 4: Der See im Rano Rau Krater.

Die Abbildungen dienten als Illustrationen (oder Gedächtnisstützen). Erzählt wurden ohne Worte uralte Mythen von Fabelwesen aus den Tiefen des Meeres. Zu sehen ist auch ein Vogelmensch. Leider wurden auch in moderner Zeit Graffitis in den altehrwürdigen Stein gekratzt. Einige Male bekam ich zu hören, dass ein »ivi atua« für die vielfältigen Gravuren verantwortlich gewesen sei.

Was aber war ein »ivi atua«? Nach Dr. Georgia Lee (1) war das eine spezialisierte priesterliche Klasse, die für  Felsgravuren und Felsmalereien  zuständig war. Bei Katherine Routledge (2) fand ich spannende Informationen. Katherine Maria Routledge (*1866;†1935) war eine der großen Pioniere auf dem Gebiet der Erforschung der Osterinsel. Zusammen mit ihrem Mann William Scoresby Routledge (*1859;†1939) plante sie eine Osterinselexpedition vor dem »Ersten Weltkrieg«. Das Eiland war aber, anders als heute, nicht bequem per Flugzeug via Santiago de Chile erreichbar. Die Eheleute ließen nach ihren bis ins Detail ausgearbeiteten Plänen einen 27 Meter langen Schoner bauen, mit dem sie am 25. März 1913 in Falmouth in See stachen. Sie nannten das Schiff »Mana«, was man mit »Magische Kraft« übersetzen könnte. Ein Jahr später, am 29. März 1914, erreichten sie die Osterinsel. Am 18. August 1915 wurde nach wahrlich dramatischen Erlebnissen die Rückreise angetreten. Kostbar sind die Aufzeichnungen alter Osterinsellegenden, die selbst von Kritikern des Routledge Unternehmens gepriesen wurden.

Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«.

Katherine Routledge berichtet (3) von Magiern und Propheten. Die »koromaké« verfügten über unheimliche Kenntnisse. Mit geheimen Sprüchen konnten sie töten. Die »ivi-atua« waren Propheten nach biblischem Verständnis. Männer und Frauen konnten dieses wichtige Amt bekleiden. Zehn »ivi-atuas« soll es gegeben haben. Ihre wichtigste Aufgabe: Sie standen in Kontakt mit den »aku aku«. Ursprünglich nannten die Osterinsulaner ihre alten Götter »atua«. Nachdem die Bewohner des Eilands römisch-katholisch geworden waren, galt der Name »atua« als verpönt. Damit waren aber die alten Götter keineswegs aus den Köpfen der Menschen verbannt. Sie nannten sie nur anders, nämlich »aku aku«. Die Bewohner von Rapa Nui glaubten weiter an ihre »atuas«, wurden aber mehr und mehr verunsichert. War nun einer diese »atuas« Gott oder der Teufel? Aus den »alten Göttern« wurden schließlich »übernatürliche Wesen«. Die »aku aku«-Wesen waren keine Menschen, aber nicht unsterblich wie Götter.

Als altem Prä-Astronautiker kommen mir natürlich »meine« Astronautengötter in den Sinn. Sollte es sich bei den »aku aku«-Wesen um prähistorische Besucher aus dem Kosmos handeln? Natürlich kommt mir der fliegende Gott Make Make in den Sinn, der die Ur-Osterinsulaner rettete, als deren Heimat »Maori Nui Nui« im Pazifik versank. Make Make, so überliefert es eine Sage aus uralten Zeiten, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und verschleppte ihn  durch die Lüfte zu einem fernen, unbekannten Eiland. Make Make erklärte dem verblüfften Priester genau, wie man von seiner alten Heimat, dem vom Untergang bedrohten Atlantis der Südsee, zur neuen Insel gelangen konnte. Make Make warnte eindringlich vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte dem Geistlichen eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Es dürfte sich um noch nicht ganz erstarrte Lava gehandelt haben.

Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.

Schließlich wurde Hau Maka in die alte Heimat zurück gebracht. Sofort berichtete er seinem König von seinem Traum. Ein Traum musste der Flug mit dem Gott Make Make ja gewesen sein. Der König wählte sieben Seefahrer aus, die sofort zu einer Erkundungsfahrt aufbrachen. Tatsächlich fanden sie die neue Insel nach dreißig Tagen strapaziöser Fahrt übers Meer. Nach weiteren vierzig Tagen waren die sieben Seefahrer wieder zu Hause. Der König befahl den Exodus. Die gesamte Bevölkerung von »Maori Nui Nui« siedelte um: vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel. Die neue Heimat wurde planmäßig erkundet und in Besitz genommen.

Katherine Routledge, so wird überliefert, sprach noch mit dem letzten Osterinsulaner, der die bis heute nicht entzifferte geheimnisvolle Schrift der einsamen Insel zu lesen verstand. Sie besuchte den Mann in einer Leprakolonie. Er weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass das uralte Wissen verloren gehe, als dass es in die Hände der Fremden geriete. Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod. Der letzte Wissende hätte womöglich auch begreiflich machen können, welche Bedeutung die Gravuren auf dem Inselchen »Motu Nui« hatten, von der das erste Ei der Ruß-Seeschwalbe geholt werden musste, um für ein Jahr »König« zu werden. 

Foto 7: James Cook.
War Make Make so ein »atua« so ein »aku aku«, zwar kein Mensch, aber nicht unsterblich wie ein »richtiger« Gott? Nicht nur in der Präastronautik wird die Frage diskutiert (4), wie wohl Außerirdische vor Jahrtausenden von den Bewohnern von Planet Erde begrüßt würden. Wir wissen, dass Naturvölker technologisch fortgeschrittene Besucher für Götter halten. Solche Kontakte gab es in der Vergangenheit. Kapitän James Cook erreichte am 13. April 1769 mit der »Endeavour« Tahiti. Bei seiner Ankunft wurde er von den Einheimischen für den zurückkehrenden Gott Rongo gehalten, der einst in einem Wolkenschiff die Erde verlassen hatte. Dem Schöpfergott Rongo entsprach die Südsee-Gottheit Karaperamun. Jegliches Leben führte man auf diesen mysteriösen Karaperamun zurück. So wie es für die Einwohner Tahitis selbstverständlich war, dass ihr Hauptgott einst wieder kommen würde, so hegten auch die Bewohner keinen Zweifel. Ihr Gott  Karaperamun würde dereinst wieder erscheinen. So wie die Bewohner Tahitis James Cook für den zurückgekehrten Gott Rongo hielten, so setzten die bereits christlich missionierten Bewohner Tannas, mehr oder minder heimlich, auf einen Neuanfang mit Gott Karaperamun.

Fußnoten
(1) Rock Art of Easter Island: Symbols of Power,
Prayers to the Gods. Los Angeles: Institute of
Archaeology, University of California, Los Angeles 1992, Seite 10
(2) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
(3) Ebenda, S. 289
(4) Langbein, Walter-Jörg: »Das Geheimnis des Cargo-Kults«, Vortrag, gehalten auf dem »One-day-Meeting«, der »A.A.S.« in Fulda, am 30.10.2004

Zu den Fotos
Foto 1: 15 Statuen in Reih' und Glied. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 2: Die drei Vulkane der Osterinsel. Foto commons gemeinfrei
Foto 3: Blick in den Rano Rau Krater. Foto Imgeborg Diekmann
Foto 4: Der See im Rano Rau Krater. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Expeditionsschiff »Mana«. Foto 1914, gemeinfrei
Foto 6: Sieben steinerne Riesen stellen die sieben Kundschafter dar.
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: James Cook. Foto: wikimedia commons/ public domain

453 »Der vergessene Kult«,
Teil 453 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.09.2018



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Sonntag, 18. August 2013

187 »Angst«

Teil 187 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Eingang in die »Unterwelt«
Foto: W-J.Langbein
Angst beschlich mich, ich gebe es zu, als ich meinem Guide bei Nacht in den engen Schacht zu seiner Familienhöhle folgte. In einer Tiefe von etwa zweieinhalb bis drei Metern befand sich ein Loch. Es war noch knapper bemessen als der Eingang des Schachts. Nach dem Abstieg in die Dunkelheit, wobei ich mich an den vorstehenden Felsbrocken festklammerte, kroch ich auf allen Vieren durch das Loch in die Höhle. Ich kam mir vor wie ein Schäferhund, der sich durch den winzigen Eingang der Hundehütte für einen Zwergpudel zwängt.

Wenn mir mein Guide – vielleicht gar im Rahmen einer Opferung für seine Götter – das Lebenslicht ausblasen würde ... Einen kräftiger Hieb mit einem Stein auf meinen Kopf in der totalen Finsternis der Höhle konnte ich kaum abwehren.

Angst spürte ich schon, als ich bei vollständiger Dunkelheit den senkrechten Schacht hinab kletterte. Es gab keine Leiter oder Stufen, nur die unregelmäßig vorstehenden Natursteine der Wände. Meine Angst steigerte sich zu einer ausgewachsenen Klaustrophobie, als ich kriechend durch das »Hundeloch« in die mysteriöse Höhle vordrang.

»Angst haben auch junge Menschen von Rapa Nui vor diesen Höhlen ... vor den Totengeistern, die in ihnen ein Leben in ewiger Finsternis verbringen!«, erfahre ich. Und deshalb befinden sich in den meisten Familienhöhlen steinerne Wächter. »Und die sollen verhindern, dass böse Geister entkommen und den Menschen schaden?«, frage ich. Mein Guide wiegelt ab. »Es gibt auch böse Geister in manchen Höhlen. In einigen spuken die Geister von Menschen, die ermordet und aufgegessen wurden. Sie könnten sich rächen wollen ... Wächter sollen verhindern, dass die geplagten Wesen in die Welt der Lebenden vordringen!«

Skelettöser Geist und
steinerner Riese
Fotos: Archiv Langbein
und Foto Langbein
Die Wächter mussten aber auch verhindern, dass unerwünschte Eindringlinge die sakrale Stätte entweihten. »Jeder Mensch verfügt über einen Aku Aku. Wenn er stirbt, verwest sein Leib, der Aku Aku aber bleibt erhalten. Manche Magier können ihren Aku Aku wie einen körperlosen Boten aussenden, zum Beispiel in eine Höhle. Das Einsteigen eines Aku Aku muss verhindert werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Aku Aku eines Lebenden oder eines Toten handelt!«

Unerwünscht seien aber natürlich auch Eindringlinge aus Fleisch und Blut, die die alten Statuen stehlen und an reiche Amerikaner und Japaner verkaufen wollen! Solche Diebe müssen mit härtester Bestrafung rechnen. Schon mancher starb schon beim Betreten einer Familienhöhle!« Als Familienoberhaupt dürfe er aber Besucher mitbringen ... in die Unterwelt.

»Welche Aufgaben haben Aku Akus?«, fragte ich, während ich das kleine Heer von steinernen und hölzernen Figuren und Figürchen betrachtete, in dessen Mitte ich ungemütlich auf hartem Steinboden saß. »Wenn ein Mensch stirbt, dann passt sein Aku Aku darauf auf, dass seine letzten Wünsche auch wirklich befolgt werden.« Besonders oft, so erfuhr ich, würden Erbschaftsangelegenheiten durch Aku Akus wieder in Ordnung gebracht.

»Einst starb ein armer Mann. Er hatte drei Söhne und eine Tochter. Sein bescheidener Besitz sollte unter allen vier Kindern gleichmäßig verteilt werden. Die Söhne versprachen dem sterbenden Vater, genau nach seinem Wunsch zu verfahren. Als der alte Mann aber gestorben war, schlugen die drei Söhne ihre Schwester und sperrten sie in eine Höhle. ›Vielleicht findet sich ja jemand, der sie heiraten möchte ...‹ meinten sie. ›Wir lassen sie erst wieder aus dem Gefängnis, wenn sie auf ihren Teil des Erbes verzichtet!‹ In der dritten Nacht erschien der Aku Aku des Toten in der Höhle. Er tröstete seine Tochter und befreite sie. Seine drei Söhne ließ er krank werden. Die Männer erkannten schließlich ihr Unrecht und ließen ihrer Schwester ihr Erbteil zu kommen ... und mehr. Sofort waren sie wieder gesund.«

Make-Make-Maske in Holz
Foto: W-J.Langbein
Aku Akus können aber auch belohnen, erzählte mir mein Guide: »Es herrschte Krieg zwischen zwei Stämmen. Der eine Stamm hatte eine junge Frau aus dem anderen Stamm gefangen genommen. Sie sollte erschlagen, im Erdofen gebacken und verzehrt werden. Der Sohn eines Fischers aber hatte Mitleid mit der Gefangenen und ließ sie nachts entkommen. Er hoffte auf überirdischen Beistand. Würde ihm Make Make helfen?«

Während mein Guide erzählte, ließ er den Kegel seiner Taschenlampe über die Höhlenwände schleichen. Immer wieder tauchte das Gesicht Make Makes auf: in die steinernen Höhlenwände geritzt, in steinerne Idole geritzt, in hölzerne Figürchen geschnitzt ... die gleiche Fratze, die auch in der Kirche der Osterinsel zu finden ist.

Mein Guide erzählte weiter: »Darüber waren die Männer seines Stammes empört. Sie beratschlagten, wie der Fischer für sein Verhalten bestraft werden könne. Einige wollten ihn erschlagen und anstelle der Entflohenen verspeisen. Andere wollten ihn in einer Höhle verhungern lassen. Schließlich schickte man ihn mit einem morschen Boot hinaus aufs Meer. Nur wenn er mit reicher Beute zurückkehren würde, sollte er begnadigt werden.

Man rechnete wohl damit, dass sein Boot untergehen und der Fischer von Haien gefressen werden würde. Doch nach kurzer Zeit kam er wieder zurück. In seinem Boot lagen mehr Fische, als selbst der Tüchtigste in einem ganzen Jahr fangen würde. Die Erklärung: Der Aku Aku des verstorbenen Großvaters des geretteten Mädchens war erschienen und hatte dem Fischer geholfen.«

Angst war offenbar ein häufiger Gast auf der Osterinsel. Angst und Schrecken verbreiteten Vertreter der »zivilisierten Welt«, die immer wieder das Eiland in den Weiten des Pazifiks überfielen, um Menschen für ihre Sklavenmärkte zu fangen.

Angst herrschte, wenn sich verschiedene Stämme der Osterinsel bekriegten. »Dabei ging es immer vorwiegend um Macht und um Einfluss. Wer darf auf besonders fruchtbaren Arealen der Insel Ackerbau betreiben? Wer muss sich mit kargem Land begnügen, wo der Wind jede Krume ins Meer fegt?«

Eine umgestoßene Statue
Foto: W-J.Langbein
Anlässe zum Krieg gab es immer wieder. Hunger ließ immer wieder Gewalt ausbrechen. Die Nahrungsmittel auf der Osterinsel waren schon immer begrenzt. Süßwasser war häufig nur knapp bemessen. Da bekämpften sich die einzelnen Gruppen auf dem Eiland immer wieder. »Die Sieger stürzten die Statuen der Besiegten um und demonstrierten so ihre Macht. Sie zeigten, dass sie auch vor den Geistern der Feinde keine Angst hatten. Und immer wieder kam es zu Kannibalismus, schlachteten und aßen die Sieger die Besiegten! Mancher verzweifelte! Warum hilft uns Make Make nicht! Warum steht uns der Vogelmann nicht bei?«

Ob es verlässliche Aufzeichnungen über die Geschichte des Eilands gebe, wollte ich wissen. Mein Guide lachte nur. »Sie müssen bedenken, dass die Geschichte von Rapa Nui sehr weit zurückreicht ...« Ich nickte bestätigend: »Ja, viele Jahrhunderte!« Mein Guide lachte wieder. »Jahrhunderte? Jahrtausende!« rief er stolz aus. Seine laute Stimme erzeugte ein unheimliches Echo in der Höhle. »Aber die Wissenschaft streitet ab, dass die Kultur der Osterinsel schon so alt ist!« Mein Guide winkte ab. »Die meisten Wissenschaftler haben doch keine Ahnung!«

Zur Ehrenrettung der Wissenschaft muss ich sagen, dass es Experten gibt, die nicht von einer jungen Osterinselkultur ausgehen. Einer der »Außenseiter« ist Frank Joseph. Im Frühjahr 1996 publizierte der Archäologieexperte Frank Joseph einen Fachartikel, der eigentlich in der Welt der Experten wie eine Bombe hätte einschlagen müssen. Verdeutlichte er doch in dem seriösen Magazin »Ancient American« (Ausgabe 12/ S. 9), dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den gängigen Publikationen steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.

Schon vor rund einem Jahrhundert, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (1851-1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor.

Der Autor neben einem
Osterinselkoloss
Foto: Archiv Langbein
Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten ... Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein! Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt«, vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Gehört der Vogelmann zu den ältesten mythologischen Gestalten der Osterinsel? Das ist umstritten. Festzustehen scheint: Als die Stammeshäuptlinge ihre Macht verloren, gerieten alte Kulte in Vergessenheit. Der Vogelmannkult verschwand.


Literatur

Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: Mysteries of Easterisland, London 1995
Petersen, Richard: The Lost Cities of Cibola, Phoenix 1985
(Island of Mystery, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: Easter Island The Endless Enigma,
Santiago 1991
Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
TerraX, Lippert, Helga: TerraX / Vom Geheimbund der
Assassinnen zum Brennpunkt Qumran, München 2003
(Odyssee zur Osterinsel/ Die Floßfahrt der Inka-Fürsten, S. 212 ff)
Krendeljow/ Kondratow: Die Geheimnisse der Osterinsel, 2. Auflage, Moskau
und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte
Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel, Heidelberg 2001

Der Vogelmensch, in das Holz
einer Heiligenfigur geschnitzt - Foto: W-J.Langbein

»Massenmord auf der Osterinsel«,
Teil 188 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.08.2013

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