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Sonntag, 8. April 2018

429 „Lasst die toten Riesen in den Gräbern!“

Teil  429 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein 
                    


Fotos 1 und 2: Reste einer Plattform heute (Foto 1, links) im 18. Jahrhundert (Foto 2, rechts).

Jakob Roggeveen (* 1. Februar 1659 in Middelburg; † 31. Januar 1729) war ein niederländischer Seefahrer und Forschungsreisender. Tatsächlich war Roggeveen nur der Namensgeber: Weil er die mysteriöse Insel am 5. April 1722,  Ostern also, erblickte, taufte er sie „Paaschen Eiland", „Osterinsel“. Carl Friedrich Behrens freilich dürfte der erste Europäer gewesen sein, der die „Osterinsel“ betreten hat!

Schon bei meinem ersten Besuch der „Osterinsel“ hatte ich Gelegenheit in einem spannenden Buch über die ersten Europäer auf dem Eiland zu lesen.

William J. Thomsons „Te Pito te Henua, or Easter Island“ ist 1891 erschienen (1). Thomson, der als unbedingt seriöse Quelle gelten darf, zitiert einen Bericht, den man sonst in der Literatur über die Osterinsel vergeblich sucht. Und zwar zitiert er Carl Friedrich Behrens, der über Begegnungen mit Riesen berichtet (2): „Wahrheitsgemäß könnte ich wohl sagen, dass diese Wilden von mehr als gigantischer Größe sind. Die Männer sind groß und breit, im Schnitt 3,65 Meter (3) groß. So erstaunlich es auch anmuten mag, aber der größte Mann unserer Besatzung konnte zwischen den Beinen dieser Kinder Goliaths hindurchgehen ohne auch nur den Kopf zu neigen. Die Frauen können nicht, was die Statur angeht, mit den Männern mithalten, da sie im Allgemeinen nicht größer als drei Meter sind.“ Sollte es noch Ende des 19. Jahrhunderts „Riesen“ auf der Osterinsel gegeben haben?

Foto 3: Gab es einst Riesen auf der Osterinsel?

Vor langer Zeit entstand nämlich auf dem kleinen Eiland in den Weiten des Pazifik ein seltsamer Mythos, in dem berichtet wird, wie der Fliegende Gott Make Make die erste Frau erschuf. Dieser fantastische Bericht deckt sich mit dem der Bibel, obgleich beide völlig unabhängig voneinander sind. Wie in der Bibel wird auch hier der erste Mensch betäubt, und eine Rippe wird ihm entnommen.

Noch heute erzählen die Osterinsulaner eine sonderbare Begebenheit, die sich vor langer Zeit abgespielt haben soll. Die Überlieferung legt nahe, dass es einmal Riesen auf der Osterinsel gab, dass aber diese Giganten die Ausnahme und nicht die Regel waren.

Foto 4: Die Tangata-Höhle.

Irgendeinmal, in grauer Vorzeit, sollen einige einfache Fischersleute eine Entdeckung gemacht haben: Ein menschenähnliches Wesen von kolossalem Körperbau sei dem Meer entstiegen. Es habe dann seine schwarze, glänzende Haut ausgezogen und sei in Richtung des Dorfes gegangen.

Die Fischer holten Verstärkung, griffen das fremde Wesen an und töteten es. Wenige Tage nach dem Mord am Riesen tauchte ein zweiter auf, der der Sage nach möglicherweise nach seinem Bruder suchte. Auf der Insel traf er keinen Menschen an, da alle Einwohner der Osterinsel Verstecke aufgesucht hatten. Sie fürchteten, für den Mord am Riesen bestraft zu werden.

Woher mögen die Riesen gekommen sein? Sollte es sich bei der ausziehbaren Haut um so etwas wie einen Taucheranzug gehandelt haben?

Im Alten Testament heißt es ja, dass die Riesen aus der Verbindung zwischen Göttersöhnen und Menschentöchtern hervorgingen. Haben einige dieser „Göttersöhne“ versucht dem einen oder dem anderen Riesen zu helfen? Gaben sie ihnen Taucheranzüge, um in einer Flutkatastrophe eine echte Chance zu haben? Vor rund 10.000 Jahren gab es so eine Sintflut in der Südsee.

Foto 5: In der Menschenfresserhöhle.

Bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel musste ich feststellen, dass nur wenige Einheimische überhaupt dazu bereit waren von den Riesen zu sprechen. Einige Male bekam ich zu hören: „Die steinernen Statuen stellen diese Riesen dar!“ Die sterblichen Überreste der Riesen, so ließ gar der Ortsgeistliche vernehmen, sollen unter einer der Plattformen bestattet worden sein, auf der einst steinerne Riesen standen.

Er selbst, so der christliche Gottesmann, glaube natürlich nicht an einen solchen „Unsinn“. „Und die meisten Menschen von Rapa Nui wollen heute nichts mehr von diesen Schauergeschichten wissen!“ Archäologische Funde, die die  alte Sage von Riesen auf der Osterinsel bestätigen könnten, sind meines Wissens in der wissenschaftlichen Literatur nicht erwähnt.

Wer freilich die wissenschaftliche Literatur über die Osterinsel gründlich liest, muss erkennen, dass sehr wenig wirklich gesichertes Wissen gibt. Fakt ist wohl, dass die ältesten Statuen der Osterinsel nicht aus dem weich-porösen Tuff, sondern aus Basalt gemeißelt wurden. Einst soll es viele Basalt-Statuen gegeben haben, sie wurden aber irgendwann „beseitigt“ und „begraben“. Angeblich ruhen sie – und das wurde mir bei verschiedenen Besuchen immer wieder erzählt – unter steinernen Podesten beerdigt, auf denen ihre „Nachfolger“ aufgestellt wurden. Andere hätten die „Vorfahren“ zerschlagen und als Baumaterial für die „Podeste“ verwendet.

Foto 6: Der Basaltriese im British Museum

„Lasst die toten Riesen in den Gräbern!“, meinte der Geistliche. Ich glaube, er meinte das allgemeiner, im Sinne von „Lasst die Vergangenheit in Vergessenheit geraten!“

Am Sonntag nach dem Gottesdienst erzählte er mir vom „entsetzlichen Heidentum“. Er sehe eine deutliche Gefahr aufkommen. Welche? Die Rückkehr zum Glauben der „heidnischen Zeit“!

Verächtlich meinte der „Gottesmann“, die „Ureinwohner“ hätten einst „Sonne, Mond und Sterne“ angebetet. Tatsächlich scheinen die „Ureinwohner“auf dem Gebiet der Astronomie bewandert gewesen zu sein. Wichtige Begräbnisstätten wurden offenbar nicht an zufällig gewählten Orten geschaffen. Sie markierten vielmehr wichtige „Linien“, die  von großer Bedeutung gewesen sein sollen.

Foto 7: Gang zum Grab des legendären Königs?

Eine besonders wichtige Linie markierte bedeutsame Sonnenstände. Der legendäre König Hotua Matua soll an der Südküste der Osterinsel bestattet worden sein. Rei Pua, die Schwester des Königs, fand auf der gegenüberliegenden Seite der Insel ihre letzte Ruhestätte. Verbindet man beide Gräber, so ergibt es eine astronomisch wichtige Linie, die den Morgen der Sommersonnwende und den Abend der Wintersonnwende kennzeichnet.

„Mein“ Geistlicher: „Für die Heiden gab es einen ewigen Kreislauf. Die Natur 'starb' und wurde wieder 'geboren'. Mag sein dass Menschenopfer dargebracht wurden, um diesen Kreislauf in Bewegung zu halten!“

Tatsächlich wird auch in Wissenschaftskreisen darüber diskutiert, ob es Kannibalismus auf der Osterinsel gab. Warum? Gab es Stammeskriege? Wurden die Verlierer aufgegessen? Oder gab es so extreme Hungersnöte, dass die Menschen um nicht elendig zugrunde zu gehen Menschenfleisch vertilgten?

noch unheimlich und düster wirkende Höhle in den gewachsenen Fels, fast fünf Meter ist sie hoch und am Eingang zum Pazifik fast zehn Meter breit. Vogel-Mensch-Wesen zieren die Wände, über ihre wahre Bedeutung kann nur spekuliert werden. Angeblich sind die meisten der Felsmalereien in der unheimlichen Höhle im Lauf der Jahrhunderte verschwunden.

Foto 8: Tourismus, Fluch oder Segen für die Osterinsel?

Vor allem die jungen Menschen, die heute auf der Osterinsel leben, erinnern sich wieder an  alte Bräuche, befragen die Ältesten nach den heiligen Gesängen und den rituellen Tänzen. Voller Stolz erlernen sie die Sprache der Ureinwohner, kleiden sich zu festlichen Anlässen nach alter Sitte und hüten ihr kostbares Erbe. Die „Heiligen Stätten“ werden strenger denn je bewacht. Das ist leider auch nötig. Denn es sind Vertreter der „zivilisierten Länder“, die im 19. Jahrhundert Elend über die Osterinsel brachten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind es wieder Menschen unserer „Kultur“, die als Touristen die Osterinsel heimsuchen und so manchen Schaden verursachen. Mancher Besucher lässt es an Respekt vor altem Kulturgut fehlen. Da werden Namen in Höhlenwände geritzt oder Statuen beschädigt.

Fußnoten
1) Thomson, William J.: „Te Pito te Henua, or Easter Island“, Washington 1891

2) ebenda, S. 462. Die Originalausgabe von Thomson liegt mir leider nicht mehr vor. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein.

Siehe auch Schoch, Robert M.: Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft, eBook-Ausgabe, Ancient Mail Verlag Werner Betz, 1. Auflage. Groß Gerau Juli 2014 (Kapitel 5 Te Pito Te Henua, Unterkapitel Legenden von Riesen.) 

Schoch gibt ein Zitat von Thomson wieder. William J. Thomson schreibt im Kapitel Personal Appearance of the Natives: „Behrens solemnly states that a boat came off to the ship steered by a single man, a giant 12 feet high, etc. He afterwards observes, ›with truth I might say that these savages are all of more than gigantic size. The men are tall and broad in proportion, averaging 12 feet in height. Surprising as it may appear, the tallest men on board of our ship could pass between the legs of these children of Goliath without bending the head.‹ The women can not compare in stature with the men, as they are commonly not above 10 feet high.« 

3) 12 Fuß bei Thomson
4) Thomson, William J.: „Te Pito te Henua, or Easter Island“, Washington 1891, Kapitel „Cannibalism“

Zu den Fotos
Foto 9: Basaltfigur.
Fotos 1 und 2: Reste einer Plattform heute (links, Foto 1) im 18. Jahrhundert (rechts. Foto 2). 
Foto 1: Foto Walter-Jörg Langbein. 
Foto 2: Gemälde 18. Jahrhundert, Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Gab es einst Riesen auf der Osterinsel? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Blick in die Kai-Tangata-Höhle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Felsmalerei in der Menschenfresserhöhle. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Der Basaltriese im „British Museum“, London, auf einer englischen Briefmarke. 
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Gang zum Grab des legendären Königs? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Tourismus, Fluch oder Segen für die Osterinsel? Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Basaltfigur. Zeichnung Grete C. Söcker. Archiv Walter-Jörg Langbein


430 „Erich von Däniken zum 83.“
Teil  430 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint bereits am 14.04.2018,

am 83. Geburtstag von E.v.D.

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Sonntag, 18. August 2013

187 »Angst«

Teil 187 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Eingang in die »Unterwelt«
Foto: W-J.Langbein
Angst beschlich mich, ich gebe es zu, als ich meinem Guide bei Nacht in den engen Schacht zu seiner Familienhöhle folgte. In einer Tiefe von etwa zweieinhalb bis drei Metern befand sich ein Loch. Es war noch knapper bemessen als der Eingang des Schachts. Nach dem Abstieg in die Dunkelheit, wobei ich mich an den vorstehenden Felsbrocken festklammerte, kroch ich auf allen Vieren durch das Loch in die Höhle. Ich kam mir vor wie ein Schäferhund, der sich durch den winzigen Eingang der Hundehütte für einen Zwergpudel zwängt.

Wenn mir mein Guide – vielleicht gar im Rahmen einer Opferung für seine Götter – das Lebenslicht ausblasen würde ... Einen kräftiger Hieb mit einem Stein auf meinen Kopf in der totalen Finsternis der Höhle konnte ich kaum abwehren.

Angst spürte ich schon, als ich bei vollständiger Dunkelheit den senkrechten Schacht hinab kletterte. Es gab keine Leiter oder Stufen, nur die unregelmäßig vorstehenden Natursteine der Wände. Meine Angst steigerte sich zu einer ausgewachsenen Klaustrophobie, als ich kriechend durch das »Hundeloch« in die mysteriöse Höhle vordrang.

»Angst haben auch junge Menschen von Rapa Nui vor diesen Höhlen ... vor den Totengeistern, die in ihnen ein Leben in ewiger Finsternis verbringen!«, erfahre ich. Und deshalb befinden sich in den meisten Familienhöhlen steinerne Wächter. »Und die sollen verhindern, dass böse Geister entkommen und den Menschen schaden?«, frage ich. Mein Guide wiegelt ab. »Es gibt auch böse Geister in manchen Höhlen. In einigen spuken die Geister von Menschen, die ermordet und aufgegessen wurden. Sie könnten sich rächen wollen ... Wächter sollen verhindern, dass die geplagten Wesen in die Welt der Lebenden vordringen!«

Skelettöser Geist und
steinerner Riese
Fotos: Archiv Langbein
und Foto Langbein
Die Wächter mussten aber auch verhindern, dass unerwünschte Eindringlinge die sakrale Stätte entweihten. »Jeder Mensch verfügt über einen Aku Aku. Wenn er stirbt, verwest sein Leib, der Aku Aku aber bleibt erhalten. Manche Magier können ihren Aku Aku wie einen körperlosen Boten aussenden, zum Beispiel in eine Höhle. Das Einsteigen eines Aku Aku muss verhindert werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Aku Aku eines Lebenden oder eines Toten handelt!«

Unerwünscht seien aber natürlich auch Eindringlinge aus Fleisch und Blut, die die alten Statuen stehlen und an reiche Amerikaner und Japaner verkaufen wollen! Solche Diebe müssen mit härtester Bestrafung rechnen. Schon mancher starb schon beim Betreten einer Familienhöhle!« Als Familienoberhaupt dürfe er aber Besucher mitbringen ... in die Unterwelt.

»Welche Aufgaben haben Aku Akus?«, fragte ich, während ich das kleine Heer von steinernen und hölzernen Figuren und Figürchen betrachtete, in dessen Mitte ich ungemütlich auf hartem Steinboden saß. »Wenn ein Mensch stirbt, dann passt sein Aku Aku darauf auf, dass seine letzten Wünsche auch wirklich befolgt werden.« Besonders oft, so erfuhr ich, würden Erbschaftsangelegenheiten durch Aku Akus wieder in Ordnung gebracht.

»Einst starb ein armer Mann. Er hatte drei Söhne und eine Tochter. Sein bescheidener Besitz sollte unter allen vier Kindern gleichmäßig verteilt werden. Die Söhne versprachen dem sterbenden Vater, genau nach seinem Wunsch zu verfahren. Als der alte Mann aber gestorben war, schlugen die drei Söhne ihre Schwester und sperrten sie in eine Höhle. ›Vielleicht findet sich ja jemand, der sie heiraten möchte ...‹ meinten sie. ›Wir lassen sie erst wieder aus dem Gefängnis, wenn sie auf ihren Teil des Erbes verzichtet!‹ In der dritten Nacht erschien der Aku Aku des Toten in der Höhle. Er tröstete seine Tochter und befreite sie. Seine drei Söhne ließ er krank werden. Die Männer erkannten schließlich ihr Unrecht und ließen ihrer Schwester ihr Erbteil zu kommen ... und mehr. Sofort waren sie wieder gesund.«

Make-Make-Maske in Holz
Foto: W-J.Langbein
Aku Akus können aber auch belohnen, erzählte mir mein Guide: »Es herrschte Krieg zwischen zwei Stämmen. Der eine Stamm hatte eine junge Frau aus dem anderen Stamm gefangen genommen. Sie sollte erschlagen, im Erdofen gebacken und verzehrt werden. Der Sohn eines Fischers aber hatte Mitleid mit der Gefangenen und ließ sie nachts entkommen. Er hoffte auf überirdischen Beistand. Würde ihm Make Make helfen?«

Während mein Guide erzählte, ließ er den Kegel seiner Taschenlampe über die Höhlenwände schleichen. Immer wieder tauchte das Gesicht Make Makes auf: in die steinernen Höhlenwände geritzt, in steinerne Idole geritzt, in hölzerne Figürchen geschnitzt ... die gleiche Fratze, die auch in der Kirche der Osterinsel zu finden ist.

Mein Guide erzählte weiter: »Darüber waren die Männer seines Stammes empört. Sie beratschlagten, wie der Fischer für sein Verhalten bestraft werden könne. Einige wollten ihn erschlagen und anstelle der Entflohenen verspeisen. Andere wollten ihn in einer Höhle verhungern lassen. Schließlich schickte man ihn mit einem morschen Boot hinaus aufs Meer. Nur wenn er mit reicher Beute zurückkehren würde, sollte er begnadigt werden.

Man rechnete wohl damit, dass sein Boot untergehen und der Fischer von Haien gefressen werden würde. Doch nach kurzer Zeit kam er wieder zurück. In seinem Boot lagen mehr Fische, als selbst der Tüchtigste in einem ganzen Jahr fangen würde. Die Erklärung: Der Aku Aku des verstorbenen Großvaters des geretteten Mädchens war erschienen und hatte dem Fischer geholfen.«

Angst war offenbar ein häufiger Gast auf der Osterinsel. Angst und Schrecken verbreiteten Vertreter der »zivilisierten Welt«, die immer wieder das Eiland in den Weiten des Pazifiks überfielen, um Menschen für ihre Sklavenmärkte zu fangen.

Angst herrschte, wenn sich verschiedene Stämme der Osterinsel bekriegten. »Dabei ging es immer vorwiegend um Macht und um Einfluss. Wer darf auf besonders fruchtbaren Arealen der Insel Ackerbau betreiben? Wer muss sich mit kargem Land begnügen, wo der Wind jede Krume ins Meer fegt?«

Eine umgestoßene Statue
Foto: W-J.Langbein
Anlässe zum Krieg gab es immer wieder. Hunger ließ immer wieder Gewalt ausbrechen. Die Nahrungsmittel auf der Osterinsel waren schon immer begrenzt. Süßwasser war häufig nur knapp bemessen. Da bekämpften sich die einzelnen Gruppen auf dem Eiland immer wieder. »Die Sieger stürzten die Statuen der Besiegten um und demonstrierten so ihre Macht. Sie zeigten, dass sie auch vor den Geistern der Feinde keine Angst hatten. Und immer wieder kam es zu Kannibalismus, schlachteten und aßen die Sieger die Besiegten! Mancher verzweifelte! Warum hilft uns Make Make nicht! Warum steht uns der Vogelmann nicht bei?«

Ob es verlässliche Aufzeichnungen über die Geschichte des Eilands gebe, wollte ich wissen. Mein Guide lachte nur. »Sie müssen bedenken, dass die Geschichte von Rapa Nui sehr weit zurückreicht ...« Ich nickte bestätigend: »Ja, viele Jahrhunderte!« Mein Guide lachte wieder. »Jahrhunderte? Jahrtausende!« rief er stolz aus. Seine laute Stimme erzeugte ein unheimliches Echo in der Höhle. »Aber die Wissenschaft streitet ab, dass die Kultur der Osterinsel schon so alt ist!« Mein Guide winkte ab. »Die meisten Wissenschaftler haben doch keine Ahnung!«

Zur Ehrenrettung der Wissenschaft muss ich sagen, dass es Experten gibt, die nicht von einer jungen Osterinselkultur ausgehen. Einer der »Außenseiter« ist Frank Joseph. Im Frühjahr 1996 publizierte der Archäologieexperte Frank Joseph einen Fachartikel, der eigentlich in der Welt der Experten wie eine Bombe hätte einschlagen müssen. Verdeutlichte er doch in dem seriösen Magazin »Ancient American« (Ausgabe 12/ S. 9), dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den gängigen Publikationen steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.

Schon vor rund einem Jahrhundert, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (1851-1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor.

Der Autor neben einem
Osterinselkoloss
Foto: Archiv Langbein
Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten ... Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein! Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt«, vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Gehört der Vogelmann zu den ältesten mythologischen Gestalten der Osterinsel? Das ist umstritten. Festzustehen scheint: Als die Stammeshäuptlinge ihre Macht verloren, gerieten alte Kulte in Vergessenheit. Der Vogelmannkult verschwand.


Literatur

Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: Mysteries of Easterisland, London 1995
Petersen, Richard: The Lost Cities of Cibola, Phoenix 1985
(Island of Mystery, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: Easter Island The Endless Enigma,
Santiago 1991
Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
TerraX, Lippert, Helga: TerraX / Vom Geheimbund der
Assassinnen zum Brennpunkt Qumran, München 2003
(Odyssee zur Osterinsel/ Die Floßfahrt der Inka-Fürsten, S. 212 ff)
Krendeljow/ Kondratow: Die Geheimnisse der Osterinsel, 2. Auflage, Moskau
und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte
Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel, Heidelberg 2001

Der Vogelmensch, in das Holz
einer Heiligenfigur geschnitzt - Foto: W-J.Langbein

»Massenmord auf der Osterinsel«,
Teil 188 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.08.2013

Sonntag, 11. August 2013

186 »Das Geheimnis der Totenschädel«

Teil 186 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Heilige Petrus auf
heidnischem Podest
Foto: W-J.Langbein
Es war der letzte Tag auf der Osterinsel. Am nächsten Morgen würde es vom Flughafen in Hanga Roa mit Lan Chile nach Santiago gehen. Meinen Koffer hatte ich gepackt, die Kameras waren verstaut. Flugticket und Reisepass lagen auf dem Nachttischchen in meinem kleinen Zimmer in einer kleinen Pension. Noch ahnte ich nicht, dass mir eine unheimliche Begegnung bevorstand ... in einer Höhle der Kannibalen ...

Ich geb's zu: Wehmut machte sich breit. Nur noch Stunden würde ich auf dem winzigen Eiland im Pazifik verbringen dürfen. Dann würde es aus der stillen Einsamkeit der Südsee zurück ins Großstadtgewühl, in Smog und Lärm gehen. So unternahm ich einen ausgiebigen Spaziergang von meiner Pension zur kleinen Kirche, dann die »Hauptstraße« hinunter zum kleinen »Hafen« ... vorbei am »Heiligen Petrus«.

Der Wirt des teuersten Lokals auf der Osterinsel mit teurer französischer Küche winkt ... aber ich verabschiede mich lieber von Petrus mit dem Schlüssel. Er steht stolz auf einem »heidnischen« Podest. An jeder Seite reckt ein mythologischer Vogelmensch Kopf und Schnabel gen Himmel. Der Vogelmensch dominiert den alten Osterinselkult, den kein Besucher von außerhalb versteht.

Petrus hält Bibel und Schlüssel. Wenn wir nur ein Buch lesen könnten ... über die verborgenen Geheimnisse der Osterinsel! Wenn es nur einen Schlüssel gäbe, zu den verborgenen Welten von Rapa Nui, die nur wenigen Eingeweihten vertraut sind ... Zurück geht’s, an lachenden Jugendlichen vorbei. Was ist das für ein Sport, den sie da betreiben? Mir scheint, da wird Fußball und Basketball zugleich gespielt ... Ich gehe zurück, die staubige »Hauptstraße« empor, zurück in meine Pension. Mein Wirt hat die Rechnung fertig gemacht. Ich zahle in US-Dollars, bedanke mich für die familiäre Betreuung.

Vogelmenschen tragen Petrus
Foto: W-J.Langbein
Ich will mich schon, zum letzten Mal, in mein Zimmer zurückziehen ... Da bedeutet mir der Wirt zu warten. Kurze Zeit später komplimentiert er mich in seinen Jeep ... und los geht die Fahrt. Polternd rumpeln wir die »Hauptstraße« zum Hafen. Einige Hühner flattern noch rechtzeitig zur Seite. Dann folgen wir der »Küstenstraße«. Inzwischen ist es stockdunkel. Querfeldein geht es weiter. Kurz taucht, hinter niedrigem Gestrüpp und einigen Bäumen, ein steinerner Sockel mit mehreren stolzen Statuen auf. »Sie sollen bald wieder ihre ›Hüte‹ aus Stein bekommen. Wir müssen nur den Kran aus Japan bekommen ...«

In einer anscheinend ausschließend aus Schlaglöchern unterschiedlicher Größe bestehendem Weg kommt das Vehikel arg ins Schlingern. Der Motor heult auf. Endlich hat die Fahrt ein Ende. Ich darf aus dem Vehikel klettern. Einige Beulen lassen vermuten, dass manche Fahrt weniger glimpflich endete.

Im Mondlicht erkenne ich einen kleinen »Hügel«. Wir gehen darauf zu. Er scheint künstlich angelegt zu sein ... ein ehemaliger »Sockel« für eine Statue. Im Schein der Taschenlampe meines wackeren Fahrers erkenne ich ein »Loch« in der Erde. Es ist von unbearbeiteten Steinbrocken eingerahmt. »Ein Brunnen?«, frage ich. Mein Guide verneint. Schon klettert er, die Taschenlampe in den Zähnen haltend, ins enge Loch. Da er doch etwas korpulent ist, muss er sich mit einiger Mühe durch die schmale Öffnung zwängen. Erstaunlich behende klettert er nach unten. Er geht in die Hocke und ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich folge vorsichtig.

»Das ist meine Familienhöhle. Als ich Kind war, hat mich mein Großvater hierher gebracht. Damals war mir angst und bange ...« Ich versuche mich aufzurichten, stoße mich heftig an der niedrigen Decke. So setze ich mich wieder. Mein Guide lässt den Kegel seiner Taschenlampe wandern. Bizarre Steinfiguren tauchen auf. Ein fischartiges Wesen mit menschlichem Kopf und gefletschten Zähnen verschwindet schon wieder aus dem Licht. Dafür erkenne ich einen »Totenkopf« aus Stein. Er könnte von einem Urmenschen stammen.

Ein Einstieg in die »Unterwelt«
Foto: W-J.Langbein
Die leeren Augenhöhlen liegen fremdartig weit auseinander. Der Mund ist leicht geöffnet, lässt viele kleine Zähne scharfe erkennen. »Das ist einer der Geisterwächter!«, erfahre ich. »Einst hatte jede Familie so eine Höhle. Mit dem Christentum sollte unser alter Glaube, sollte auch unser Brauchtum vergessen werden. Die Missionare haben das mit Nachdruck versucht. Sie predigten Hölle und ewige Qualen für jene, die am alten Glauben festhalten würden. Die meisten Neuchristen gingen zwar regelmäßig in die Kirche, behielten aber ihren alten Glauben bei.«

Ich nicke. »In der Kirche sind ja viele Hinweise auf den alten Glauben zu finden!« So trägt eine hölzerne Marien-Statue das Jesuskind auf dem Arm. Auf ihrem Haupt aber thront das Vogelwesen aus dem mysteriösen »Vogelmann-Kult«. Die Augen der Gottesmutter erinnern an die der steinernen Osterinselriesen. Überall begegnet man den glotzäugigen Gesichtern des Make-Make-Gottes. Selbst der wuchtige, steinerne Fuß eines Altartischs weist deutlich mythologische Vogelmenschen auf. Meist wird allerdings eine übergroße weiße Decke auf dem Tisch des Herrn aufgelegt, die die heidnischen Motive verdecken soll.

Die gleichen Motive wie in der christlichen Kirche finden sich auch in der Familienhöhle. Auf der Stirn eines steinernen Schädels prangt der gleiche Vogelmensch wie auf Marias Gewand. Das gleiche Gesicht wie auf einer kleinen hölzernen Jesus Statuette in der Kirche prangt auf einem steinernen Schiff. Es sieht aus wie ein kleines Ruderboot, hat aber drei Segel ... alles mit viel Liebe zum Detail aus Stein geschnitzt. »Mit solchen Booten kamen meine Vorfahren aus dem versinkenden Land im westlichen Pazifik.«, erklärt stolz mein Guide. »Sie reisten viele Tausend Meilen, in kleinen Booten, auch gegen starke Strömung.«

Ein Mischwesen erinnert an eine Schildkröte, aber auch an einen Fisch ... hat aber sechs Beine wie ein Insekt. Am Schwanz ist ein zweiter, kleiner Kopf zu erkennen. »Diese Kreatur kann im Wasser schwimmen und tauchen, sie kann aber auch an Land gehen. Sie blickt dabei stets nach vorn und zugleich nach hinten. Sie sieht die Vergangenheit und die Zukunft! Sie ist ein magisches Wesen!«

Ein menschenähnliches Wesen mit grotesken Gesichtszügen trägt so etwas wie einen Rucksack. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Ding als ein quallenartiges Tier, das sich der »Mensch« auf den Rücken geschnallt hat. »Was hat das zu bedeuten?«, frage ich. Mein Guide legt demonstrativ den Zeigefinger auf seinen Mund. »Vieles weiß ich, darf es aber nicht verraten!«

Ob es viele solche Höhlen gibt, erkundige ich mich. »Hunderte ... Tausende!«, behauptet mein Guide. Ob er übertreibt? »Jede Familie hatte eine eigene Höhle!«, erfahre ich. »Und oft bekamen Söhne wiederum eigene Höhlen!« Bekanntlich ist die kleine Osterinsel das Produkt gewaltiger Vulkanausbrüche. Innerhalb von einigen Millionen Jahren – geologisch betrachtet ist das nur ein kurzer Moment – brach auf dem Grund des Meeres die Glut der Hölle aus dem Erdinneren aus. Poike, der älteste Vulkankegel entstand vor drei Millionen, vielleicht aber auch erst vor 600.000 Jahren. Er markiert die Südostecke des Südseeeilands. Es folgten die Eruptionen des Ranu Kau im Südwesten und – vor 200 000 Jahren – des Terevaka im Norden.

Diese drei Vulkankegel bilden das Fundament der Osterinsel. Die gewaltigen Lavamassen sind natürlich nicht im Ganzen erstarrt. Vielmehr bildete sich zunächst eine harte Kruste, während die Vulkanberge im Inneren noch flüssig blieben. So entstanden im Inneren Hohlräume ... Blasen in der Lava. Lavaströme hinterließen auch röhrenartige »Gänge«.

Maria, Jesuskind und
Vogelmensch
Foto: W-J.Langbein
Wann die ersten Höhlen von den Ureinwohnern entdeckt wurden? Wir wissen es nicht. Einige dienten in Friedenszeiten als Behausungen. In andere zogen sich Familien oder Clans zurück, wenn sie von feindlichen Gruppen angegriffen wurden. Und irgendwann hatten Höhlen im Inneren der Erde so etwas wie eine sakrale Bedeutung. Wie viele Höhlen von den einzelnen Familien für ihre ganz persönlichen Sammlungen religiöser Kultobjekte verwendet wurden ... und werden? Mein Guide weiß es angeblich nicht.

Im Zentrum der niedrigen Höhle steht eine etwa eineinhalb Meter hohe Holzfigur. Der Kopf wirkt fast monströs. Ein mächtiger Schnabel bestimmt die harten Gesichtszüge. Lange dünne Arme an den Seiten der Figur erinnern an ein Skelett. In der Herzgegend des seltsamen Wesens prangt eine Make-Make Maske. Auf dem kantigen Vogelschädel hockt ein weiterer Vogelmensch. Das abgemilderte, christianisierte Pendant zu dieser Figur steht in der christlichen Kirche von Hanga Roa.

Fasziniert betrachte ich die unzähligen steinernen Figuren um mich herum. Ich versuche sie zu zählen, gebe aber nach einiger Zeit auf. Es müssen weit über hundert sein. »Diese Höhlen der Familien wurden und werden als unheimliche Orte gefürchtet ...«, bekomme ich zu hören. »In meiner Familienhöhle fanden Totenschädel ihre letzte Ruhestätte, die von Opfern von Kannibalismus stammen!« Mit meinem Guide krieche ich in eine niedrige Ecke der Höhle. Auf geflochtenem, schilfähnlichen Gras ruhen fünf Totenköpfe. Die Unterkiefer fehlen bei allen. Löcher in der Schädeldecke fallen auf. Offenbar wurden die Menschen erschlagen. »Ihr Fleisch wurde verzehrt, weil man glaubte, so die Kraft der Toten in sich aufzunehmen!«

Es wurden aber nicht nur Mitglieder verfeindeter Familien getötet und verspeist. »In manchen Familien gab es die Tradition, besonders ehrwürdige oder mächtige Familienmitglieder nach deren Tod zu essen. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass die besondere Kraft solcher Menschen erhalten blieb!«

Im Schein der Taschenlampe erkenne ich Einritzungen in den Schädeln. Es sind Make-Make-Masken und Vogelmenschen, die kunstvoll eingeritzt worden sind. »Die Figuren, speziell die Symbole stellen eine große Kraft dar, vor der man Angst hatte! Viele aus Südamerika zugereiste Menschen, die heute auf Rapa Nui leben, haben keine Ahnung von der geheimnisvollen Unterwelt ...«

Aber auch den »Unwissenden« ist bekannt, dass Gott Make Make sehr mächtig war. Von seinen steinernen Masken, von seiner in den Stein geritzten Augenpartie geht ein starker Zauber aus. Da wundert es mich nicht, dass mir in der Familienhöhle immer wieder Make Make begegnet.

Make Make - Foto: W-J.Langbein

Literatur

Bacon, Edward (Herausgeber): Versunkene Kulturen/ Geheimnis und Rätsel
früher Welten, Volksausgabe, München 1970
Bahn, Paul und Flenley, John: Easter Island, Earth Island/ A message from
our past for the future of our planet, London 1992
Barthel, Thomas S. et al.: 1500 Jahre Kultur der Osterinsel/ Schätze aus dem
Land des Hotu Matua/ Ausstellungskatalog, Mainz 1989
Blumrich, Josef F.: Kasskara und die sieben Welten, Wien 1979
Brown, John Macmillan: The Riddle of the Paific, Honolulu, Hawaii, Nachdruck
Felbermayer, Fritz: Sagen und Überlieferungen der Osterinsel, Nürnberg 1971
Machowski, Jacek: Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung
der Osterinsel, Leiepzig 1968
Mann, Peggy: Land of Mysteries, New York 1976

»Angst«,
Teil 187 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 18.08.2013




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Sonntag, 4. August 2013

185 »Kannibalismus«

Teil 185 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Die Kolosse der Osterinsel - Foto W-J.Langbein

Auf der Osterinsel kam es vor rund einem halben Jahrtausend zu einer Katastrophe. Auslöser war die Waldzerstörung. Schon um 800, vielleicht 900 nach Christus begannen die Bewohner von Rapa Nui, ihr kleines Eiland abzuholzen. Wann fiel die letzte Palme? Wir wissen es nicht genau. Auf der Halbinsel Poike dürfte vor rund 600 Jahren schon keine Palme mehr gestanden haben.

Vor 500 Jahren, so scheint es, wurden auf Rapa Nui noch sehr viele Palmennüsse geerntet. Bald danach aber scheint es überhaupt keine Palmen mehr gegeben zu haben. 1640, das haben archäologische Studien eindeutig ergeben, gab es kein Brennholz mehr. Selbst in den Häusern der Oberschicht dienten Gestrüpp und Gräser als Brennmaterial.

Unklar ist, warum der Holzbedarf so groß war. Immer wieder bekam ich von Nachfahren der Statuenbauer zu hören, dass Holz in großen Mengen für den Transport der berühmten Osterinselkolosse gebraucht wurde. Demnach gab es, beginnend beim Steinbruch, dem Rano Raraku-Krater, ein »Schienensystem«. Zwei parallel verlaufende Kerben wurden in den Boden gegraben. In diese Kerben wurden Palmenstämme gelegt, so dass zwei hölzerne »Schienen« entstanden.

Darauf wiederum zog man – vielleicht auf hölzernen Schlitten ruhend – die Steinkolosse zu den steinernen Plattformen, zu ihren Fundamenten. »Die Wissenden fertigten eine Art Öl an, das sie auf die Holzschienen schmierten. Dadurch wurde es leichter, die Statuen auf ihren Holzschlitten zu bewegen!«, teilte mir 1992 ein altehrwürdiger Einheimischer mit.

Über Jahrhunderttausende hinweg war die Osterinsel offenbar mehr oder minder von Palmenwäldern überzogen. Gelang es dem Menschen, aus dem grünen Südseeeiland einen lebensfeindlichen Flecken in der blauen Unendlichkeit zu machen?

Vielleicht wurden die Kolosse
auf Holzschienen befördert.
Foto: W-J.Langbein
Wurden die Statuen zum Fluch von Rapa Nui? Anscheinend gab es so etwas wie einen nach und nach eskalierenden Wettstreit zwischen den zwölf »Stämmen« (1). Es galt, die größte Statue aus dem Vulkangestein zu schlagen, zu transportieren und aufzurichten. Der größte Osterinselkoloss liegt, unvollendet, im Steinbruch. Er wurde nicht mehr vollendet. Aus unbekannten Gründen wurde die Arbeit im Steinbruch scheinbar von heute auf morgen abrupt abgebrochen. Der unfertige Riese misst über zwanzig Meter in der Länge. Ob er je hätte transportiert und aufgerichtet werden können?

Führte der immer schärfer werdende Riesenkult zum Ende der Osterinselkultur? Unmengen von Holz wurden bei der Beförderung der Riesen verbraucht. Das Abholzen aber hatte für die Menschen schreckliche Konsequenzen: Es kam zur Bodenerosion. Immer mehr fruchtbarer Ackerboden verschwand. Die Landwirtschaft konnte immer weniger Nahrungsmittel erzeugen.

Ein Teufelskreis entstand: Je stärker die Osterinsel für den Statuenbau gerodet wurde, desto weniger Nahrungsmittel standen zur Verfügung. Je weniger Holz zur Verfügung stand, desto weniger Boote konnten gebaut werden. Je weniger Boote zur Verfügung standen, desto weniger Fischerei konnte betrieben werden. Dabei gab es für die Osterinsulaner zu keiner Zeit üppigen Fischfang. Raul Teave, in dessen kleiner Familienpension ich einmal wohnte, erklärte mir:

»Andere Südsee-Inseln verfügen über vorgelagerte Korallenriffe und Lagunen ... ideal für den Fischfang. Rapa Nui hat beides nicht, das erschwert die Fischerei sehr. Deshalb kam es mehr auf die Landwirtschaft an. Süßkartoffeln, Bananen und Yamswurzeln waren Hauptnahrungsmittel!«

Eine Wasserschildkröte in Ufernähe - Foto: W-J.Langbein
Raul Teave, der mir köstliche vegetarische Gerichte zauberte, glaubt nicht daran, dass es seine Vorfahren waren, die die ökologische Katastrophe auf der Osterinsel verursachten. »Sicher, das Abholzen des Waldes war unverantwortlich. Es gab aber auch klimatische Veränderungen, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte. Und dass die Fische und Schalentiere irgendwann verschwanden, daran tragen meine Vorfahren auch keine Schuld!«

Das Abholzen der Palmen habe die Wälder reduziert, Klimaveränderungen hätten aber auch zum Verschwinden der Palmen beigetragen. Veränderungen im Bereich der Meeresströmungen mögen dafür gesorgt haben, dass es keine Fische mehr gab ... und auch keine Wasserschildkröten, die ebenfalls gefangen und verzehrt wurden.

Heute gehört die Osterinsel zu Chile. Landwirtschaft und Fischfang gibt es nur in bescheidenem Ausmaß. An abgelegenen Küstenstreifen rotten Fischerboote vor sich hin. Fast alles, was der Mensch zum Leben braucht, wird – meist aus Chile – importiert. Auch heute ist Trinkwasser auf dem Eiland eine Kostbarkeit. Im Vergleich zu anderen Südseeinseln im polynesischen Raum ist Rapa Nui geradezu regenarm. Der poröse Vulkanboden lässt zudem den Regensegen schnell versickern.

Flüsse oder auch nur Bäche gibt es auf Rapa Nui nicht. Manchmal bildet sich am Teravaka-Vulkan (mit etwa 500 Metern die höchste »Erhebung« der Osterinsel) ein kleines Rinnsal, das häufig versiegt. Drei Vulkane dominieren das Bild von Rapa Nui. Sie sammeln wie riesige Trichter Süßwasser. Am Boden ihrer Krater entstehen kleine Teiche, die meist mehr grünen Tümpeln gleichen.

Eines von vielen verrottenden Fischerbooten
Foto: W-J.Langbein
Stolz erklärte mir Raul Teave: »Vor vielen Jahrhunderten lebten meine Vorfahren mit der Natur. Sie kamen mit dem Wasser aus, hatten genug Trinkwasser. Es gab Spezialisten, die Experten auf dem Gebiet der Bewässerung und der Landwirtschaft waren. Sie konnten noch den eigentlich sehr fruchtbaren Boden von Rapa Nui nutzen und alle Menschen ernähren!« Es wurden Steingärten angelegt mit steinernen Schutzmauern, die den Wind so gut wie möglich abhielten. So trocknete der Boden nicht so schnell aus. Einige Milliarden Brocken Vulkangestein sollen einst in den Steingärten verbaut worden sein. Es müssen ganze Heere von Gärtnern und Steinexperten aktiv gewesen sein. Wann wurde die Kunst des Steingartens vergessen? Wie konnte das uralte Wissen in Vergessenheit geraten?

Mit Prof. Hans Schindler-Bellamy (1901-1982), Wien, habe ich so manches interessante Gespräch geführt. Der Archäologe: »Ähnliche Steingärten gab es in wüstenartigen Regionen Perus, aber auch in China und in Israels Negev-Wüste. Wo die Menschen in wüstenartigen Gegenden nur wenig Wasser vorfanden, dort versuchten sie, das wenige kostbare Nass so intelligent wie nur möglich zu nutzen.«

Prof. Barry Rolett, University of Hawai’i, kennt die Südsee wie kaum ein zweiter Wissenschaftler aus erster Hand. Der Archäologe wunderte sich darüber, wie verzweifelt offenbar Osterinsulaner mit gewaltigem Aufwand einzelne Taro-Pflanzen vor dem Wind schützten und wässerten.

Prof. Hans Schindler-Bellamy: »Man kann darüber streiten, ob die Umweltkatastrophe der Osterinsel allein von Menschenhand ausgelöst wurde, oder ob es Klimaveränderungen gab, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte. Wie dem auch sei: Die Osterinsel wurde zu einem lebensfeindlichen steinernen Fleckchen im Pazifik. Die Menschen wurden von Hungerkatastrophen heimgesucht. Bedingt durch Nahrungsmangel kam es zu Krankheiten. Und als die Nahrung immer knapper wurde, kam es auf der einst so friedlichen Insel in den unendlichen Weiten des Pazifiks zum Kannibalismus. Die Menschen waren Gefangene ihrer Insel. Holz gab es keines mehr, so dass sie keine Boote oder Flöße bauen konnten, um ihrem Elend zu entgehen!«

Unklar ist, ob es im Verlauf der Geschichte von Rapa Nui eine oder mehrere Hungerepidemien gegeben hat. Kam es im Verlauf der Jahrhunderte einmal oder mehrmals zu kannibalischen Exzessen? Und war die Menschenfresserei nur Folge von Hungersnot ... oder Teil eines längst vergessenen religiösen Kults? Prof. Jared Diamond schreibt von katastrophalen Folgen, die durch das Abholzen der Palmen verursacht wurden: Bodenerosion durch Wind und Wetter. Wo der Boden nicht mehr gehalten wurde, konnte er bei Regenfall weggeschwemmt werden.(2)

Einheimische versicherten mir, dass es »vor Jahrhunderten« gelegentlich zu Schlammlawinen kam, die seit Ewigkeiten liegende Statuen verschwinden ließen, aber auch Häuser zerstörten.

Vor den Plattformen wurden Menschen gefangen gehalten.
Foto: W-J.Langbein

Prof. Jared Diamond über eine dramatische Folge der Abholzung (3): »Im weiteren Verlauf kam es zu einer Hungersnot, einem Zusammenbruch der Bevölkerung bis hin zum Kannibalismus.« Meiner Meinung nach mag es Kannibalismus zu Zeiten von Hungersnöten gegeben haben. Mag sein, dass man Menschenfleisch aß, um nicht zu verhungern. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass Kannibalismus auch Teil von religiösen Riten war. Unter dem Fundament von steinernen Plattformen wurden Menschenopfer begraben. Auf diese Weise sollte die Standfestigkeit der Kolosse auf den Plattformen gesichert werden.

Vor den wichtigsten Plattformen, aber auch unweit des Steinbruchs (Rano Raraku-Krater) gab es Häuser, in denen Gefangene auf ihren Opfertod warteten. Sie wurden erschlagen, ihr Fleisch wurde gegessen. Warum? Die Steinmetze, die die Riesenfiguren aus dem Vulkangestein meißelten, wollten die Kraft der verzehrten Menschen in sich aufnehmen. Sie glaubten, dann besonders stattliche Kolosse dem Vulkan abtrotzen zu können.

Mir wurden in einer kleinen Höhle mehrere Menschenschädel gezeigt. In die Stirn waren geheimnisvolle Zeichen geritzt worden. Die gleichen Zeichen entdeckte ich an Heiligenfiguren in der kleinen christlichen Kirche der Osterinsel ...



Fußnoten
1 Es gab etwa elf oder zwölf »Stämme«, die jeweils ein Territorium bewohnten. Jedes Stammesgebiet hatte Zugang zum Meer.
2 Diamond, Jared: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 140
3 ebenda

»Das Geheimnis der Totenschädel«,
Teil 186 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.08.2013


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Sonntag, 28. Juli 2013

184 »Blutspuren«

Teil 184 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Wenn die Kolosse reden könnten ... Foto: W-J.Langbein
Manchmal sind nackte Zahlen erschreckend. Wenige Zeilen genügen, um erkennen zu lassen, dass auf der Osterinsel im Pazifischen Ozean ein Genozid stattfand, den man bis heute vergeblich in den Geschichtsbüchern suchen wird. Wenn man die Augen der Osterinselstatuen wie ein Buch lesen könnte ... es wäre der reinste Horror.

1862 lebten von einstmals 40.000 Menschen nur noch 3.000 auf der Osterinsel. Peruanische Sklavenjäger entführten 1.500 Männer und Frauen, die in den Guano-Minen Perus schuften mussten. Die Meisten dieser Geknechteten starben elendiglich. Internationale Proteste führten dazu, dass zwölf von 1500 Osterinsulanern in ihre Heimat zurückkehren durften. Sie brachten die Pocken auf das einsamste Eiland der Welt. Eine Pockenepidemie brach aus, der fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. 1872 lebten nur noch 111 Menschen auf der Osterinsel.

1888 brachte Chile die Osterinsel in ihren Besitz. Die wenigen Überlebenden waren von nun an Gefangene. Sie wurden gezwungen, auf engstem Raum zu hausen und mussten für einen Hungerlohn arbeiten. Die Osterinsel wurde in eine Schaffarm verwandelt. Die einstigen Herren der Insel waren Knechte, die mit Naturalien »bezahlt« wurden. Schafe, später auch Ziegen und Pferde, fraßen die Insel leer. Bäume und Palmen gab es so gut wie keine mehr. Bodenerosion setzte ein. Die letzten Bäume (Hauhau und Toromiro) verschwanden. Aus einem einstig üppig blühenden Südseeeiland war endgültig eine karge Öde geworden ... dank der »zivilisierten Welt«.

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1914 kam es zu einem verzweifelten Aufstand der Nachkommen der Statuenbauer. Chile setzte Militär ein und ging brutal vor. Niemand interessierte sich für das Gemetzel im Pazifik. 1966 wurden die Osterinsulaner mit der chilenischen Staatsbürgerschaft »beglückt« Heute, rund ein halbes Jahrhundert später, leben etwa 4.000 Menschen auf »Rapa Nui«. Die Nachkommen der Urbevölkerung und Einwanderer aus Chile leben nicht unbedingt in vertrauensvoller Harmonie miteinander. Noch heute sehnen echte Rapa-Nui (1) Freiheit von Chile herbei. Das Eiland ist aber vollkommen abhängig vom »Mutterland«.

Wenn er nur sprechen könnte ...
Foto: Anne Choulet
Nach einem sonntäglichen Gottesdienst vertraute mir ein ergrauter »Messdiener« an: »Rapa Nui hat nur Schlechtes erfahren von den Vertretern der ›zivilisierten Welt‹. Meine Vorfahren wurden versklavt, verschleppt, sie starben in Gefangenschaft. Epidemien wurden auf meine Heimat gebracht, die den größten Teil der Bevölkerung dahingerafft haben.«

Nach und nach erfolgt eine Rückbesinnung auf die eigene Geschichte: vor dem Erscheinen von Südamerikanern und Europäern. Nach und nach gewinnen alte Bräuche, alte Überlieferungen an Bedeutung. Man wehrt sich gegen eine Überfremdung. Mit Erfolg wurden bislang Touristenprojekte abgeblockt, die aus der Osterinsel eine Art Südsee-Disneyland mit bunter Plastikfolklore gemacht hätten. Touristenkasernen für Pauschalreisende sind ebenso wenig erwünscht wie Luxushochburgen.

Vertreter unserer »zivilisierten Welt« sind verantwortlich für »Ausbeutung und Unterdrückung«, wie Prof. Jared Diamond, Jahrgang 1937, Experte in Sachen Evolutionsbiologie, konstatiert (2). Wenn wundert es da, dass die Geheimnisse der Osterinsel – wenn überhaupt – nur sehr zögerlich Wissenschaftlern anvertraut wurden? Niemand kann erwarten, dass Wissende Besuchern aus der christlichen Welt die Osterinselschrift erklärten. Und wer erwartet, dass Sammlern nur echte »sprechende Hölzer« mit »echten Hieroglyphen« verkauft wurden, glaubt wohl auch an den Osterhasen und den Weihnachtsmann.

Koloss mit Hut - Foto: W-J.Langbein
Ende des 19. Jahrhunderts tauchten immer wieder »Hieroglyphentexte« etwa auf europäischen Holzrudern auf. Sie können also erst zur Zeit von europäischen Besuchern auf »Rapa Nui« entstanden sein. Schelmisch erklärte mir ein Rapa Nui: »Das beweist nicht, dass unsere Schrift erst nach Kontakten mit Europäern entstand. Das deutet vielmehr auf die Dummheit von Europäern hin, die sich angeblich echte ›sprechende Hölzer‹ verkaufen ließen, obwohl es sich doch offensichtlich um frisch angefertigte Fälschungen handelte!« Nach mehreren Besuchen auf der Osterinsel bin ich davon überzeugt, dass die echten schriftlichen Aufzeichnungen vor langer Zeit in Holz geritzt wurden. Sie schlummern noch heute in Verstecken, die nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Und – auch davon bin ich überzeugt – sie werden auch so schnell nicht auftauchen.

Was in den Hieroglyphentexten der Rapa Nui stehen mag? Wir sind auf Spekulationen angewiesen. Enthalten sie die Geschichte der Besiedlung der Osterinsel? Folgt man der mündlichen Überlieferung, dann erzählen die »sprechenden Hölzer« auch – wie ein Prequel im Kinofilm – was in der Urheimat geschah, die in einer Apokalypse im Meer versank.

Bei allem Respekt vor den todesmutigen Seefahrten Thor Heyerdahls ... seine These, die Osterinsel sei von Peru aus besiedelt worden, ist nicht haltbar. Thor Heyerdahl weist auf Ähnlichkeiten in den Bauweisen der Inka und der Osterinsulaner hin. In der Tat gibt es da scheinbar Ähnlichkeiten – zwischen megalithischen Mauerwerken aus dem Inkareich und besonders einer sauber gearbeiteten Mauer auf der Osterinsel. Allerdings trügt der Schein!

Was er wohl alles gesehen hat?
Foto: W-J.Langbein
Prof. Jared Diamond bringt es auf den Punkt (3): »Manche dieser Mauern, insbesondere jene von Ahu Vinapu, enthalten sehr schön gestaltete Steine, die an die Architektur der Inka erinnern und Thor Heyerdahl dazu veranlassten, eine Verbindung zu Südamerika herzustellen. Im Gegensatz zu den Mauern der Inkas bestehen die Seitenwände der Ahu auf der Osterinsel aber nicht aus großen Felsblöcken, sondern sie sind nur mit Steinen verkleidet.«

Der mündlichen Überlieferung nach kamen die ersten Siedler aus einem Atlantis der Südsee, westlich von der Osterinsel gelegen, nicht östlich (wie Peru!). Der Legende nach gefiel es einigen Erstbesiedlern nicht auf der Osterinsel. Sie wollten in ihre alte Heimat zurückkehren – und fuhren, von der Osterinsel aus, nach Westen.

Anno 1774 stattete James Cook der Osterinsel einen kurzen Besuch ab. In seiner Begleitung befand sich ein Mann aus Tahiti, der sich gut mit den Osterinsulanern verständigen konnte. Warum? »Osterinsulanisch« erwies sich als ein ostploynesischer Dialekt! Die Urheimat der Rapa Nui lag demnach in Polynesien, nicht in Peru.

»Wir haben polynesisches Blut in den Adern, kein peruanisches!«, das bekam ich bei allen meinen Besuchen auf der Osterinsel immer wieder zu hören. »Unsere Wurzeln sind polynesisch, nicht peruanisch!«

Besonders ältere Rapa Nui beklagten verbittert, dass so mancher »Forscher« Behauptungen über ihre Heimat aufstellte, ohne Einheimische zu befragen. Ein betagter »Messdiener« sagte mir sonntags nach dem Gottesdienst: »Bei manchem ›Wissenschaftler‹ hat man den Eindruck, dass die Herrschaften meinen, sie müssten uns beibringen, wie unsere Vorfahren nach Rapa Nui kamen und die Statuen errichteten!«

Richtig ist, dass die Rapa Nui vollkommen davon überzeugt sind, dass ihre Vorfahren aus dem polynesischen Raum kamen. Das stimmt wohl auch. So sah ich im »Bernice Pauahi Bishop Museum«, Hawaii Angelhaken, Sägen aus Koralle, Beile aus Stein und andere Werkzeuge von den Marquesas Inseln und im Vergleich dazu Pendants von der Osterinsel. Sie schienen von den gleichen Herstellern zu stammen.

Irreführend sind Hinweise auf genetische Ähnlichkeiten zwischen Osterinsulanern und Peruanern. Natürlich sind im Verlauf der letzten Jahrhunderte Peruaner, vor allem Chilenen auf die Osterinsel gezogen und haben genetische Spuren hinterlassen. Es kann aber keinen Zweifel daran geben, dass die Ur-Osterinsulaner aus Polynesien und nicht aus Südamerika stammen. Klipp und klar stellt Jared Diamond fest (4):

Trümmer erinnern an die stolze Vergangenheit des Eilands ...
»Bei der Analyse der DNA aus zwölf Skeletten, die unter einer Steinplattform auf der Osterinsel begraben waren, fand man in allen zwölf Fällen eine Deletion (5) von neun Basenpaaren und drei Basensubstitutionen, die bei den meisten Polynesiern vorkommen. Zwei dieser drei Substitutionen gibt es bei den amerikanischen Ureinwohnern nicht, und deshalb sprechen die genetischen Befunde gegen Heyerdahls Behauptung, die Urbevölkerung habe zum Genbestand der Osterinsel beigetragen.«

Blutspuren führen zurück in die Heimat der Ur-Rapanui: in den Westen des Eilands, in den westlichen Pazifik, zu den polynesischen Inseln und nicht nach Südamerika. »Wir haben polynesisches Blut in den Adern!« sagten mir sinngemäß viele Osterinsulaner. »Und wir haben unsere wichtigsten Nutzpflanzen mit aus der Heimat nach Rapa Nui gebracht ... Bananenen, Süßkartoffeln, Taro, Zuckerrohr!«

Die sprechenden Hölzer sind verstummt. Foto: Archiv W-J.Langbein
Fußnoten
1 »Rapa Nui« ist der eigentliche Name der Osterinsel, die Bewohner nennen sich »Rapa Nui«
2 Diamond, Jared: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 145
3 Diamond, Jared: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 123
4 Diamond, Jared: »Kollaps«, erweiterte Neuausgabe, Frankfurt am Main, Oktober 2011, S. 113
5 Deletion (Wikipedia): »Eine Deletion (engl. delete „›öschen‹), auch Gendeletion, ist in der Genetik eine Variante der Genmutation bzw. Chromosomenmutation (und damit eine Chromosomenaberration), bei der eine Nukleotidsequenz bzw. ein Teil bis hin zum gesamten Chromosom fehlt. Eine Deletion ist daher immer ein Verlust von genetischem Material. Jegliche Anzahl von Nukleinbasen können deletiert sein, von einer einzelnen Base (Punktmutation) bis hin zum Chromosom.«

»Kannibalismus«,
Teil 185 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 04.08.2013


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Sonntag, 29. Mai 2011

71 »Abstieg in die Unterwelt«

Teil 71 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das Tor zur Pyramide
Foto W-J.Langbein
Chavin de Huantar muss einst eine wirklich imposante Anlage gewesen sein. Das gewaltige Portal wurde inzwischen wieder teilweise restauriert. Auf zwei wuchtigen Granitsäulen ruhte einst eine riesige Steinplatte von knapp neun Metern Länge. Rechts und links von den Säulen standen einst sauber geglättete Steinplatten. Ein Erdbeben hat wohl das imposante Ensemble zum Einsturz gebracht. Die Trümmer wurden von Archäologen wieder aufgerichtet.

Einst war hinter dem Toreingang eine Pyramide zu sehen. Sie hatte vermutlich eine Seitenlänge von siebzig Metern und eine Höhe von mindestens fünfzehn Metern. Von der Pyramide ist heute nichts mehr vorhanden. Ihre Überreste liegen unter einem natürlich wirkenden Erdhügel verborgen.

Welchem Zweck die Gebäude von Chavin einst dienten, niemand vermag das zu sagen. Falsch ist die willkürlich gewählte Bezeichnung »Castillo«, was so viel wie »Schloss« oder »Burg« bedeutet. Mag sein, dass die geheimnisvollen Bauten Jahrtausende überstanden. Zerstört wurde der stolze Komplex erst im 20. Jahrhundert ... ausnahmsweise nicht von plündernden Eroberern, sondern von den Naturgewalten.

1919 untersuchte der peruanische Archäologe Julio C. Tello gut erhaltene Bauten. Unzufrieden über seine spärlichen Erkenntnisse reiste er wieder ab. Als der Wissenschaftler 1934 nach Chavin de Huantar zurückkehrte ... waren sie zerstört. Ein meist harmlos dahinplätschernder Bach, so nahm er an, hatte sich kurzfristig zu einem Wassermassen führenden Strom entwickelt und verheerende Verwüstungen angerichtet.

Einer der Abwasserkanäle
Foto W-J.Langbein
Offenbar hatten die Erbauer von Chavin de Huantar von den Gefahren gewusst, die von den Wassermassen aus den Berggipfeln ausgehen können. Sie errichteten nicht nur Pyramiden und Tempel, sie legten auch ein komplexes Schutz-System an. Sie schotteten den Gebäudekomplex mit wuchtigen Steinmonolithen ab. Sie legten Kanäle an, die die sporadisch auftretenden Wassermassen um die Anlage herum führten. Und sie konstruierten ein komplexes Röhrensystem unter den Bauten, das gefährliche Wassermengen unterirdisch ableiten sollte. Es gab Kanäle, die im Falle einer Überflutung mit Gebirgswasser die Fluten sammelten und dann unterirdisch abführten.

Wann versagte dieses System ... und warum? Irgendwann wurde Chavin de Huantar aufgegeben. Die Abwasser-Tunnels wurden nicht mehr gewartet. Verschlammten sie? Wurde das sorgfältig konstruierte System wirkungslos? Allein schon die unterirdischen Abwasserröhren waren eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. 1965 wurden erste Galerien unter Chavin de Huantar entdeckt und freigelegt: keine »simple« Kanalisation, sondern ein weiträumiges System von begehbaren Gängen und merkwürdigen Kammern. Noch ist erst ein Bruchteil der Unterwelt erforscht ... von den zugänlichen Gängen und Räumen! Weite Bereiche müssen erst ausgegraben werden, bevor sie erforscht werden können! Wie groß sie sind ... das weiß niemand!

Bunkerartiger Eingang
Foto W-J.Langbein
Mich hat die Unterwelt von Chavin de Huantar mehr fasziniert als die im Schlamm begrabenen Gebäude. Und so suchte ich bei meinen Besuchen immer wieder nach Eingängen zu den mysteriösen Tunneln. Ich wurde mehrfach fündig ... abseits der rekonstruierten Mauern, fern des einst imposanten Tors. Ich bin in mehrere Eingänge geklettert.

Mehrfach musste ich schon nach einigen Metern wieder umkehren, weil wuchtige, von der Decke gestürzte Steinbrocken ein Weiterkommen unmöglich machten. Einmal war der Boden so verschlammt, von eisigem, seitlich hereinquellenden Wasser, dass ich auf eine weitere Erkundung verzichtete.

Großen Eindruck machte auf mich, wie massive Steinbrocken von offensichtlich beachtlichem Gewicht zum Einsatz kamen: als Boden- und Deckenplatten in mannshohen, unterirdischen Gängen, aber auch in mysteriösem Kammern. In einigen Kammern hat man offensichtlich Bodensteine mit großer Gewalt zerschlagen, vielleicht weil man Schätze darunter vermutete? An solchen Stellen kann man erkennen, wie dick solche Bodenplatten oft sind. Der Stein wude von weit her antransportiert.

Tonnenschwere Decksteine
wirken bedrohlich ...
Foto W-J.Langbein
Den Erbauern war gewiss bekannt, dass die Region von Chavin de Huantar häufig von auch starken Erdbeben heimgesucht wurde. So versuchte man, so erdbebensicher wie nur möglich zu bauen. So soll auch manche Mauer erst vor wenigen Jahrzehnten eingestürzt sein, als Chavin de Huantar als »Steinbruch« missbraucht wurde. Steinquader wurden herausgebrochen und weggeschleppt, andere Steine rutschten nach ... Auch sollen manche Eingänge zugeschüttet worden sein, um bösen Geistern den Besuch in der Welt der Lebenden zumindest zu erschweren.

Welchem Zweck zum Teil sehr schmale und dabei sehr hohe Korridore dienten ... niemand vermag das zu sagen. Die Namen, mit denen einzelne unterirdische Tunnelkomplexe versehen wurden, sind willkürlich gewählt.

Da gibt es eine »Galerie der Fledermäuse«. Diese Bezeichnung passt mehr oder minder zu allen Galerien, hausen doch überall Fledermäuse. Ihre Hinterlassenschaften an Wänden und am Boden dürften manchen Besucher abschrecken. Eine weiterer unterirdischer Irrgarten wird als »Galerie des Verrückten« tituliert. Einleuchtender ist die Bezeichnung »Galerie der Treppen« für wieder einen anderen Teil der mysteriösen Unterwelt.

Eine der Kammern
Foto W-J.Langbein
Die »Galerie der Opfergaben« wurde besonders intensiv untersucht. Im Hauptgang wurden unzählige Tonscherben gefunden, die in mühsamer Geduldsarbeit wieder zu fast 700 Keramikgefäßen zusammengefügt werden konnten. Die Tonwaren sind vor vielen Jahrhunderten bewusst zerschlagen worden. Zerschlagen und zersplittert hat man auch Knochen, die mit Erdreich vermengt entdeckt wurden: von Alpakas, Andenhirschen, Beutelratten, Füchsen und Opposums. Gefunden wurden auch zerschlagene Vogelknochen ... und solche von Menschen.

Wurden Mensch und Tier irgendwo oben in der Welt der Lebenden geopfert und zerstückelt? In Sechín – ich darf daran erinnern – gibt es Steingravuren von zerteilten Menschen ... Wurden die so verstümmelten Körper in der »Galerie der Opfergaben« abgelegt? Warum befanden sich fast alle der Knochen im Hauptkorridor der Galerie und nicht in den neun schmalen Kämmerchen? Waren die beengten Räume als Behausungen für Götter oder Geister gedacht, die sich an den im Gang davor liegenden Gaben bedienen konnten? Oder projizieren wir nur unsere Fantasien in Räume und Funde, die wir nicht verstehen können? Suchen wir nur Bestätigung für unser Bild von der Vergangenheit des Menschen?
.
Eine niedrige Passage
Foto W-J.Langbein
Besonders makaber: Die Menschenknochen waren gekocht worden. Gab es rituellen Kannibalismus in Chavin de Huantar, vielleicht in einem Tempel im überirdischen Komplex? Oder fanden grausige Riten in der unterirdischen Welt statt? Oder bereitete man die Opfer als Mahl für Götter oder Geister vor? Wollte man jenen Wesen kein rohes Fleisch zumuten? Warum zerstückelte man die Opfergaben? Falls die göttlichen Wesen in der Vorstellung der Menschen in den in den unterirdischen Kammern hausten: sehr bequem hatten sie es nicht. Die Räume waren sehr schmal, etwa einen Meter, dafür bis zu 2 Meter hoch ... nach unserem heutigen Verständnis recht unpraktisch!

Ich habe zahlreiche Messungen in der »Galerie der Opfergaben« vorgenommen. Der Hauptgang ist bis zu zwei Meter hoch, aber nie breiter als 90 cm! Die Länge beträgt etwa 25 Meter.

Immer wieder enden unterirdische Tunnel abrupt, weil Steinmassen eingebrochen sind. Andere scheinen als blinde Gänge angelegt worden zu sein. Dann heißt es ... umkehren! Immer wieder kommt man an Abzweigungen.. oder besonders niedrige Passagen, die man nur auf dem Bauch kriechend überwinden kann. Und immer wieder versperren Steinbrocken den Weg, warnen vor lebensgefährlicher Einsturzgefahr. Werden wir je Chavin de Huantar verstehen? Es gibt noch sehr viel zu tun für die Forschung!

Platzangst sollte ein Erforscher der Unterwelt von Chavin de Huantar jedenfalls nicht haben ... und auch keine allzugroßen hygienischen Ansprüche stellen!

WJL in der Unterwelt
Foto Ingeborg Diekmann
»Die Lanze zwischen Himmel und Hölle«,
Teil 72 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05.06.2011



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