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Sonntag, 29. Mai 2011

71 »Abstieg in die Unterwelt«

Teil 71 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das Tor zur Pyramide
Foto W-J.Langbein
Chavin de Huantar muss einst eine wirklich imposante Anlage gewesen sein. Das gewaltige Portal wurde inzwischen wieder teilweise restauriert. Auf zwei wuchtigen Granitsäulen ruhte einst eine riesige Steinplatte von knapp neun Metern Länge. Rechts und links von den Säulen standen einst sauber geglättete Steinplatten. Ein Erdbeben hat wohl das imposante Ensemble zum Einsturz gebracht. Die Trümmer wurden von Archäologen wieder aufgerichtet.

Einst war hinter dem Toreingang eine Pyramide zu sehen. Sie hatte vermutlich eine Seitenlänge von siebzig Metern und eine Höhe von mindestens fünfzehn Metern. Von der Pyramide ist heute nichts mehr vorhanden. Ihre Überreste liegen unter einem natürlich wirkenden Erdhügel verborgen.

Welchem Zweck die Gebäude von Chavin einst dienten, niemand vermag das zu sagen. Falsch ist die willkürlich gewählte Bezeichnung »Castillo«, was so viel wie »Schloss« oder »Burg« bedeutet. Mag sein, dass die geheimnisvollen Bauten Jahrtausende überstanden. Zerstört wurde der stolze Komplex erst im 20. Jahrhundert ... ausnahmsweise nicht von plündernden Eroberern, sondern von den Naturgewalten.

1919 untersuchte der peruanische Archäologe Julio C. Tello gut erhaltene Bauten. Unzufrieden über seine spärlichen Erkenntnisse reiste er wieder ab. Als der Wissenschaftler 1934 nach Chavin de Huantar zurückkehrte ... waren sie zerstört. Ein meist harmlos dahinplätschernder Bach, so nahm er an, hatte sich kurzfristig zu einem Wassermassen führenden Strom entwickelt und verheerende Verwüstungen angerichtet.

Einer der Abwasserkanäle
Foto W-J.Langbein
Offenbar hatten die Erbauer von Chavin de Huantar von den Gefahren gewusst, die von den Wassermassen aus den Berggipfeln ausgehen können. Sie errichteten nicht nur Pyramiden und Tempel, sie legten auch ein komplexes Schutz-System an. Sie schotteten den Gebäudekomplex mit wuchtigen Steinmonolithen ab. Sie legten Kanäle an, die die sporadisch auftretenden Wassermassen um die Anlage herum führten. Und sie konstruierten ein komplexes Röhrensystem unter den Bauten, das gefährliche Wassermengen unterirdisch ableiten sollte. Es gab Kanäle, die im Falle einer Überflutung mit Gebirgswasser die Fluten sammelten und dann unterirdisch abführten.

Wann versagte dieses System ... und warum? Irgendwann wurde Chavin de Huantar aufgegeben. Die Abwasser-Tunnels wurden nicht mehr gewartet. Verschlammten sie? Wurde das sorgfältig konstruierte System wirkungslos? Allein schon die unterirdischen Abwasserröhren waren eine Meisterleistung der Ingenieurskunst. 1965 wurden erste Galerien unter Chavin de Huantar entdeckt und freigelegt: keine »simple« Kanalisation, sondern ein weiträumiges System von begehbaren Gängen und merkwürdigen Kammern. Noch ist erst ein Bruchteil der Unterwelt erforscht ... von den zugänlichen Gängen und Räumen! Weite Bereiche müssen erst ausgegraben werden, bevor sie erforscht werden können! Wie groß sie sind ... das weiß niemand!

Bunkerartiger Eingang
Foto W-J.Langbein
Mich hat die Unterwelt von Chavin de Huantar mehr fasziniert als die im Schlamm begrabenen Gebäude. Und so suchte ich bei meinen Besuchen immer wieder nach Eingängen zu den mysteriösen Tunneln. Ich wurde mehrfach fündig ... abseits der rekonstruierten Mauern, fern des einst imposanten Tors. Ich bin in mehrere Eingänge geklettert.

Mehrfach musste ich schon nach einigen Metern wieder umkehren, weil wuchtige, von der Decke gestürzte Steinbrocken ein Weiterkommen unmöglich machten. Einmal war der Boden so verschlammt, von eisigem, seitlich hereinquellenden Wasser, dass ich auf eine weitere Erkundung verzichtete.

Großen Eindruck machte auf mich, wie massive Steinbrocken von offensichtlich beachtlichem Gewicht zum Einsatz kamen: als Boden- und Deckenplatten in mannshohen, unterirdischen Gängen, aber auch in mysteriösem Kammern. In einigen Kammern hat man offensichtlich Bodensteine mit großer Gewalt zerschlagen, vielleicht weil man Schätze darunter vermutete? An solchen Stellen kann man erkennen, wie dick solche Bodenplatten oft sind. Der Stein wude von weit her antransportiert.

Tonnenschwere Decksteine
wirken bedrohlich ...
Foto W-J.Langbein
Den Erbauern war gewiss bekannt, dass die Region von Chavin de Huantar häufig von auch starken Erdbeben heimgesucht wurde. So versuchte man, so erdbebensicher wie nur möglich zu bauen. So soll auch manche Mauer erst vor wenigen Jahrzehnten eingestürzt sein, als Chavin de Huantar als »Steinbruch« missbraucht wurde. Steinquader wurden herausgebrochen und weggeschleppt, andere Steine rutschten nach ... Auch sollen manche Eingänge zugeschüttet worden sein, um bösen Geistern den Besuch in der Welt der Lebenden zumindest zu erschweren.

Welchem Zweck zum Teil sehr schmale und dabei sehr hohe Korridore dienten ... niemand vermag das zu sagen. Die Namen, mit denen einzelne unterirdische Tunnelkomplexe versehen wurden, sind willkürlich gewählt.

Da gibt es eine »Galerie der Fledermäuse«. Diese Bezeichnung passt mehr oder minder zu allen Galerien, hausen doch überall Fledermäuse. Ihre Hinterlassenschaften an Wänden und am Boden dürften manchen Besucher abschrecken. Eine weiterer unterirdischer Irrgarten wird als »Galerie des Verrückten« tituliert. Einleuchtender ist die Bezeichnung »Galerie der Treppen« für wieder einen anderen Teil der mysteriösen Unterwelt.

Eine der Kammern
Foto W-J.Langbein
Die »Galerie der Opfergaben« wurde besonders intensiv untersucht. Im Hauptgang wurden unzählige Tonscherben gefunden, die in mühsamer Geduldsarbeit wieder zu fast 700 Keramikgefäßen zusammengefügt werden konnten. Die Tonwaren sind vor vielen Jahrhunderten bewusst zerschlagen worden. Zerschlagen und zersplittert hat man auch Knochen, die mit Erdreich vermengt entdeckt wurden: von Alpakas, Andenhirschen, Beutelratten, Füchsen und Opposums. Gefunden wurden auch zerschlagene Vogelknochen ... und solche von Menschen.

Wurden Mensch und Tier irgendwo oben in der Welt der Lebenden geopfert und zerstückelt? In Sechín – ich darf daran erinnern – gibt es Steingravuren von zerteilten Menschen ... Wurden die so verstümmelten Körper in der »Galerie der Opfergaben« abgelegt? Warum befanden sich fast alle der Knochen im Hauptkorridor der Galerie und nicht in den neun schmalen Kämmerchen? Waren die beengten Räume als Behausungen für Götter oder Geister gedacht, die sich an den im Gang davor liegenden Gaben bedienen konnten? Oder projizieren wir nur unsere Fantasien in Räume und Funde, die wir nicht verstehen können? Suchen wir nur Bestätigung für unser Bild von der Vergangenheit des Menschen?
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Eine niedrige Passage
Foto W-J.Langbein
Besonders makaber: Die Menschenknochen waren gekocht worden. Gab es rituellen Kannibalismus in Chavin de Huantar, vielleicht in einem Tempel im überirdischen Komplex? Oder fanden grausige Riten in der unterirdischen Welt statt? Oder bereitete man die Opfer als Mahl für Götter oder Geister vor? Wollte man jenen Wesen kein rohes Fleisch zumuten? Warum zerstückelte man die Opfergaben? Falls die göttlichen Wesen in der Vorstellung der Menschen in den in den unterirdischen Kammern hausten: sehr bequem hatten sie es nicht. Die Räume waren sehr schmal, etwa einen Meter, dafür bis zu 2 Meter hoch ... nach unserem heutigen Verständnis recht unpraktisch!

Ich habe zahlreiche Messungen in der »Galerie der Opfergaben« vorgenommen. Der Hauptgang ist bis zu zwei Meter hoch, aber nie breiter als 90 cm! Die Länge beträgt etwa 25 Meter.

Immer wieder enden unterirdische Tunnel abrupt, weil Steinmassen eingebrochen sind. Andere scheinen als blinde Gänge angelegt worden zu sein. Dann heißt es ... umkehren! Immer wieder kommt man an Abzweigungen.. oder besonders niedrige Passagen, die man nur auf dem Bauch kriechend überwinden kann. Und immer wieder versperren Steinbrocken den Weg, warnen vor lebensgefährlicher Einsturzgefahr. Werden wir je Chavin de Huantar verstehen? Es gibt noch sehr viel zu tun für die Forschung!

Platzangst sollte ein Erforscher der Unterwelt von Chavin de Huantar jedenfalls nicht haben ... und auch keine allzugroßen hygienischen Ansprüche stellen!

WJL in der Unterwelt
Foto Ingeborg Diekmann
»Die Lanze zwischen Himmel und Hölle«,
Teil 72 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05.06.2011



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Sonntag, 22. Mai 2011

70 »Chavin de Huantar, das Geheimnis der Anden«

Teil 70 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Hier geht es nach Chavin de Huantar
Foto W-J.Langbein
In den Hochanden des nördlichen Peru gibt ein geheimnisvoller Tempel der Wissenschaft seit Jahrzehnten Rätsel auf. Wiederholt war ich vor Ort. Wiederholt kroch ich in die gefährliche Unterwelt von Chavin, hoch in der peruanischen Bergwelt. Meine Überzeugung: Der Jahrtausende alte Komplex wurde um ein meterlanges, steinernes Kult-Objekt herum gebaut. Diese nur wenige Meter hohe steinerne Lanze verbindet die »Unterwelt« mit der »Oberwelt« des Tempels von Chavin de Huantar. Sie erinnert mich an den Lebensbaum aus uralten Mythen, an die Irminsul der Germanen. Stellte sie die Verbindung zwischen Erde und Himmel dar, so wie der Turm zu Babel der Bibel?

Am besten ist die »Unterwelt« erhalten, ein komplexes, unübersichtliches System aus unterirdischen Gängen, ein Labyrinth der unübersichtlichsten Art. Wirklich erforscht wurde es bis heute nicht. Wir müssen bedenken: die heutigen »modernen« Straßen in die Hochanden Perus muten halsbrecherisch an. Vor Jahrzehnten oder gar vor einhundert und mehr Jahren war Chavin fast unerreichbar. Expeditionen in die fremde Welt waren lebensgefährlich.

Begegnung am Abgrund
Foto W-J.Langbein
Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts versuchte der Archäologe Ernst Wilhelm Middendorf, die Ruinen zu ergründen. Sie waren damals der einheimischen Bevölkerung als altes Mauerwerk ohne besonderen Wert bekannt. Menschen hausten in uraltem Gemäuer, nutzten Tunneleingänge als Keller. Altes Gemäuer wurde mit Hütten und einfachen Steinhäusern überbaut.

1923 und 1942 setzte Julio C. Tello die Arbeiten fort. Chavin de Huantar sei ein bedeutsames Zentrum südamerikanischer Urkulturen. Mag sein, dass der Wissenschaftler dem Rätsel Chavin de Huantars auf der Spur war ... 1945 machte eine gewaltige Katastrophe die gesamte archäologische Erforschung der uralten Stätte zunichte. Eine gewaltige Schlammlawine verwüstete alles. Sie begrub alles, was dem Vergessen wieder mühsam entrissen werden sollte, unter einer meterdicken Schicht. Und so zieht es nicht viele Besucher nach Chavin de Huantar, die furchteinflößenden Serpentinen schrecken doch sehr ab....

Seit Jahrzehnten bereise ich die Welt, stets auf der Suche nach den großen Geheimnissen unserer Vergangenheit. Nirgendwo sonst fühlt man sich so urplötzlich auf einen unwirtlichen, fremden Planeten irgendwo in den Tiefen des Alls versetzt wie in den Anden Nordperus. Sobald man die moderne Küstenstraße verlassen hat, dringt man in eine fremdartige Welt vor. Sobald man sich in die Berge aufmacht, sind Karten allenfalls nur bedingt vertrauenswürdig. Selbst eigene Erkenntnisse von früheren Reisen können schon längst wieder überholt sein. Moderne Teerstraßen können sich nur wenige Jahre später in Schotterpisten verwandelt haben, auf denen man nur sehr langsam vorwärts kommt. Offenbar wird immer wieder am Material gespart. Teerstraßen mögen noch so vertrauenswürdig aussehen, die manchmal nur hauchdünne Schicht des Belags kann sehr schnell abgefahren sein.

Gewöhnungsbedürftig ist auch der Umstand, dass man von der Panamericana-Küstenstraße aus – Höhe Null über dem Meeresspiegel – in kürzester Zeit auf steilen Serpentinen in Höhen vordringen muss, die man sonst nur im Flugzeug erreicht. Und das auf oftmals ungeteerten Schotterstraßen.

Einsamkeit in den Hochanden
Foto W-J.Langbein
Meine bevorzugte Route: Trujillo - Huaraz (Zwischenstopp in den Ruinen von Sechín) – Catac – Chavin de Huantar. Wie man auch fährt, man kommt nicht umhin, sich auf furchteinflößenden Serpentinen in die Hochanden hinauf zu quälen. Die Straßen sind extrem schmal, meist nur einspurig befahrbar. Auf der einen Seite geht's fast senkrecht bergab in die Tiefe, auf der anderen senkrecht empor. Wer schon einmal auf so einer Straße im Bus – oder einem PKW – einem entgegenkommenden Bus begegnete, weiß, was Angst im Straßenverkehr bedeutet. Lebensgefährliche »Ausweichmanöver« sind hier an der Tagesordnung. Beherzt setzen Busfahrer im Rückwärtsgang zurück, bis sie eine etwas »breitere« Stelle erreichen, an der die beiden Busse einander passieren können. Wer dann im Bus außen sitzt, kann senkrecht in den Abgrund blicken.

Immer wieder kommt es zu Unglücken, kommen PKWs, LKWs oder Busse von der Fahrbahn ab und stürzen in die Tiefe. Überlebende gibt es dann so gut wie nie. Längst werden keine Kreuze mehr für einzelne Tote angebracht, sondern für zerschmetterte Busse ...

Von Catac aus geht es in die Bergwelt der »Cordillera Blanco«. Wir fahren durch den Nationalpark Huascaran. Auf einer Höhe von fast 4000 Metern lädt die malerische »Laguna Querococha« zu einer kurzen Pause ein. Längere Zwischenaufenthalte sollte man meiden. Denn man weiß nie, ob man Zwangspausen einlegen muss ... etwa wenn Gerölllawinen die schmale Straße unpassierbar machen.

Laguna Querococha
Foto W-J.Langbein
Von Catac aus sind es »nur« noch 70 Kilometer bis nach Chavin. Nach 38 Kilometern erreicht man das »Nadelöhr« der Strecke: den Kahuish Tunnel ... auf einer Höhe von 4510 Metern. Einen halben Kilometer ist er lang ... fünfhundert lange Meter entsprechen hier einer gefühlten Unendlichkeit. Auch der Tunnel ist nur einspurig. Eine Ampelanlage wäre mehr als hilfreich, existiert aber nicht. Begegnen sich in seinem pechschwarzen Schlund zwei Vehikel, dann muss rückwärts zum Ausgang zurückfahren, wer der Ein- oder Ausfahrt am nächsten ist. Nicht selten werden irgendwo im Tunnel hitzige Diskussionen geführt, wer denn nun zurückstoßen muss.

Der Begriff »Tunnel« führt leicht zu falschen Vorstellungen ... die Röhre vom Kahuish-Pass erinnert mehr an einen Bergwerksschacht. Zeitweise gibt es elektrisches Licht, die Lampen fallen – so vorhanden – meist aus. Die bis zu knietiefen Schlaglöcher werden offenbar nur sporadisch ausgebessert. Von den Seiten und der Decke prasseln immer wieder Felsbrocken auf die Fahrbahn herab. Wasser tropft von der Decke oder quillt aus Spalten in den Wänden. Manchmal sprudelt plötzlich eine kraftvolle Quelle aus dem Dunkel und überschwemmt die »Angsttraumstraße« (Erich von Däniken).

Hat man den Tunnel passiert ... geht es wieder steil bergab: ins Tal von Mosna, zum Dörfchen Machac. Von hier aus erreicht man »bequem« den Tempel von Chavin de Huantar zu Fuß ... Die Schlammlawine von 1945 hat alles, was an überirdischen Ruinen noch vorhanden war, mit einer meterdicken Schicht bedeckt. Mauern, die noch standen oder von Archäologen mühsam rekonstruiert worden waren, wurden umgestoßen und begraben. Eingänge zur Unterwelt wurden verschlossen. So türmt sich heute ein »Hügel« über einer der wohl rätselhaftesten Ruinen unseres Planeten.

5Imposantes Mauerwerk von
Chavin de Huantar
Foto W_J.Langbein
Inzwischen wurden einige wenige der Außenmauern der Tempelanlage rekonstruiert. Sie lassen erahnen, von welch beeindruckender Größe der überirdische Teil von Chavin de Huantar einst war.

Schlamm drang in so manchen unterirdischen Gang ein und füllte ihn. Und doch blieben kilometerlange Tunnel in der Unterwelt erhalten ... und passierbar.

Fledermäuse haben die Unterwelt in Beschlag genommen. Wer den unterirdischen Teil von Chavin de Huantar erkunden möchte, darf keine Angst vor diesen Tierchen haben. Menschen mit empfindlichen Nasen sollten auf eine solche Tour verzichten, streckenweise stinkt es erbärmlich. Ein Erkundigen der Unterwelt, fernab der für Touristen abgesicherten Passagen, ist zudem alles andere als ungefährlich. Teil der Gänge sind eingestürzt, andere können jeden Moment neugierige Besucher begraben.


»Abstieg in die Unterwelt«,
Teil 71 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.05.2011

Sonntag, 15. Mai 2011

69 »Das Gruselkabinett von Sechín«

Preisausschreiben: Nehmen Sie noch bis 26. 06. teil und gewinnen Sie 3 x 1 Exemplar des Buches »2012 - Endzeit und Neuanfang« von Walter-Jörg Langbein

Teil 69 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von
Walter-Jörg Langbein
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Hätte ich nur ein Taxi genommen, dachte ich immer wieder. Warum musste ich auch dieses supergünstige Angebot annehmen ... Ich würde in einem Bruchteil der Zeit mit dem Flugzeug der Küste entlang förmlich meinem Ziel entgegen schweben. Dann kam es ganz anders als gedacht ... Der Flug von Lima nach Chimbote wurde zum reinsten Höllenritt. Die kleine Propellermaschine sackte mehrfach ab. Mein Magen sauste wie im Expressaufzug abwechselnd bis unter meine Schädeldecke oder in meine Füße. Und immer, wenn die kleine Maschine wie von unsichtbaren Fäusten getroffen wie ein störrischer Esel zur Seite geworfen wurde, lachte mein Pilot nur auf. Dann klatschte er sich mit der flachen Hand auf den Magen. Auf dieses Zeichen hin musste ich ihm eine dunkelbraune Flasche reichen, aus der er einen gewaltigen Schluck nahm. »Meine Magenmedizin..« kicherte er vor sich hin. Hätte ich doch nur ein Taxi genommen... dachte ich. Ich muss zugeben: Meine Angst wuchs von Minute zu Minute... und erreichte ihren Höhepunkt bei der Landung auf einer Art Feldweg außerhalb von Chimbote. Dankend lehnte ich das Angebot meines tüchtigen Piloten ab, mich gegen ein »kleines Trinkgeld« - wohl für die »Magenmedizin« - bis nach Llata zu fliegen. Ich nahm dann doch lieber ein Taxi.

Die Monstermauer vor dem Berg
W-J.Langbein
Von Llata war es nur noch ein Katzensprung zur vielleicht ältesten Tempelanlage Perus, vielleicht sogar Südamerikas. Die Hitze war unerträglich, als ich die letzten Schritte zu Fuß ging. Schwer zerrte meine Kameratasche mit meinen beiden Fotoapparaten an der Schulter. Ein schmutzig-brauner Hügel wirkte wenig einladend. Ich ging auf diesen kleinen Berg in der Wüste zu. Und stand plötzlich vor einer wahren Monstermauer. Bis zu vier Meter ist sie hoch. Zusammengesetzt wurde sie aus mächtigen Monolithen, zwischen die wuchtige Steinplatten eingesetzt wurden. Monolithen wie Platten sind mit Hunderten von kräftig ausgeführten Gravuren bedeckt. Diese Darstellungen sind es, die die Mauer zu einem Panoptikum des Grauens machen.

1937 hat der berühmte Archäologe Julio César Tello erste Ausgrabungen durchgeführt. Schnell, und wohl etwas voreilig, versah der renommierte Wissenschaftler die ersten Funde mit dem Etikett »Chavinkultur«. Für ihn stand fest: Sechín entstand um 1700 vor Christus. Ich erinnere mich sehr genau an eine Begegnung der unangenehmen Art... Ich nähere mich, müde von der Hitze, der Monsterauer von Sechín. Hinter einem wuchtigen Stein taucht ein ältlicher Archäologe mit grauem Bart auf. Argwöhnisch mustert er mich, tritt mir energisch entgegen. Wenn ich keine Grabungs-Lizenz vorzuweisen hätte, so möge ich umgehend wieder verschwinden.

Ein Opfer ohne Beine -
abgeschlagene Schädel
Foto W-J.Langbein
Milde lächelnd antworte ich: »Mein Sohn, ich bin kein Archäologe... Ich bereise als Theologe die Welt ...« Der Archäologe blickt mich besorgt an. »Diese Wand ist nichts für schwache Nerven ...« Und schon führt er mich von Gravur zu Gravur, erklärt Bild für Bild. Die Mauer zeige, so erfahre ich eine Prozession der Sieger. Vielleicht sind es Krieger, die aus einer Schlacht nach Hause zurückkehren. Vielleicht sind es aber auch Opferpriester, die ihren Göttern auf grausige Weise gehuldigt haben.

In der wissenschaftlichen Literatur ist man sich nicht einig, ob darauf geistliche Zeremonienmeister oder weltliche Kämpfer zu sehen sind. Keinen Zweifel aber gibt es, dass neben den Mächtigen die Schwachen, neben den Gewinnern die Verlierer dargestellt wurden.... die Opfer! Grausamste Szenen sind da fast wie Einzelbilder eines Horrorfilms aneinandergereiht. Da hat man einen Mann in zwei Teile gehackt, einem anderen hat man die Beine abgeschnitten. Unzählige Opfer wurden enthauptet. Man hat ihre abgeschlagenen Schädel aufgetürmt zu blutigen Bergen des Triumphs, für einen zornigen Gott oder einen grausamen Regenten. Besonders häufig waren abgetrennte Köpfe zu sehen, aus denen Fontänen von Blut spritzten. Galt das Blut als Sitz der Lebenskraft und somit als besondere Opfergabe?
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Ausgestochene Augen (links),
abgetrennte Arme und
Köpfe (rechts)
Foto W-J.Langbein
Texte haben die Erbauer der Anlage von Sechín keine hinterlassen, zumindest wurden bis heute keine entdeckt. So sind wir – noch – auf Vermutungen und Theorien angewiesen. »Die Opfer wurden nicht nur getötet, sie wurden grässlich verstümmelt...« erklärt mit beredt der Archäologe. »Man hat ihnen die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Sie sollten im Jenseits hilflos sein, nicht sehen können...« Ich frage: »Wollte man so verhindern, dass sich die Toten als Geister rächen?« Das sei durchaus möglich.

Ich bin skeptisch, was die Rekonstruktion der Mauer angeht. Man war ja gezwungen, die uralten Brocken wieder zusammenzufügen... ohne dass man sich nach einer alten Vorlage hätte richten können. Der Archäologe pflichtet mir bei. »In welcher Reihenfolge die einzelnen Figuren ursprünglich zu sehen waren, wissen wir natürlich nicht. Aber keinen Zweifel gibt es daran, wer Sieger und wer Verlierer war!«

Interpretieren wird heute richtig, was da vor Jahrtausenden dargestellt wurde? Sammelten die Sieger von einst Augen und Rückgrat-Wirbel als Trophäen ihrer blutigen Erfolge? Oder sind wir voreingenommen, suchen wir nach Bestätigung für unser Bild von den blutrünstigen »Wilden«? Wir sollten nicht vergessen: Die »christlichen« Entdecker und Eroberer haben bei ihren brutalen Kriegen gegen die Ureinwohner Perus weitaus schlimmer gewütet als die sogenannten »Wilden«!
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Zerteiltes Opfer (links) und abgetrennte
Schädel (rechts) Foto W-J.Langbein
1937 hat der Archäologe Julio César Tello Sechín auf die Zeit um 1700 vor Christus datiert. »Mein« Archäologe widerspricht. Da ich offenbar kein neidischer Konkurrent, sondern ein biederer Theologe bin, wird er immer gesprächiger. Es sei erst ein Bruchteil der einstmals riesigen Anlage von Sechín ausgegraben. Dabei handele es sich wohl um den jüngeren Teil. Der weitaus ältere müsse erst noch wissenschaftlich erfasst werden. Ich erfahre von der ältesten Schicht von Sechín... von einer wahrscheinlich gigantischen Pyramide, die aus monströsen Steinquadern aufgetürmt wurde... »vor mehr als fünf Jahrtausenden«.

In einer jüngeren, zweiten Bauphase habe man den unteren Teil der Pyramide als Fundament für einen Tempel verwendet... »Und wo befinden sich die Überreste der Pyramide?« Der Archäologe deutet mit dem Finger auf einen scheinbar natürlichen Hügel. »Unter diesem Haufen befindet sich die größte Sensation Südamerikas...«

Er zeigte mir stolz einige mächtige roh zugehauene und oberflächlich polierte Steinquader. »Davon gibt es riesige Mengen! Tausende habe ich gesehen! Sie wurden mit unglaublicher Präzision zu einer Pyramide zusammengefügt. Und das zu einer Zeit, als man in Ägypten noch nichts Vergleichbares zuwegebrachte!«

Aufgetürmte Schädel
Foto W-J. Langbein
Kühne Behauptungen... denke ich und habe so meine Zweifel. So mancher Forscher wähnte sich schon als Entdecker der großen Sensation... und wurde bitter enttäuscht. So mancher »Forscher« hat mich auf meinen Reisen auf vermeintliche Sensationen hingewiesen. Am 19.10.2006 bestätigte »Welt online« (1): »Deutsche Forscher finden riesige Pyramide in Peru. Im Casmatal im nördlichen Peru graben Berliner Archäologen gewaltige Spuren der ältesten Zivilisation Südamerikas aus. Die frühen Amerikaner bauten vor 5000 Jahren bis zu 100 Meter hohe Stufenpyramiden – und alles ohne Bagger.«

Und weiter heißt es im Bericht der renommierten Zeitung: »In Sechín Bajo im Casmatal, 370 Kilometer nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima, stießen deutsche Archäologen auf Reste eines Bauwerks, dessen Fundamente mehrere hundert Meter im Quadrat ausmachen. Geschätzte Höhe: 70 bis 100 Meter. Doch nicht nur seine Maße, auch das Alter des Monumentalbaus, machen ihn zu einer Sensation: Geophysikalische Untersuchungen datieren den Komplex auf ein Alter von 5200 Jahren. Damit wäre es der älteste Steinbau Amerikas.«

Die Prozession an der Monstermauer von Sechín stellt – aus unserer Sicht – so etwas wie ein prähistorisches Gruselkabinett dar. Wurden die Gravuren von Künstlern geschaffen, die einer sterbenden Kultur angehörten? Wie weit zurück in der Geschichte mögen die ersten Anfänge dieser Kultur liegen, wenn sie vor mehr als 5000 Jahren eine große Pyramide hervorbrachte? Vieles spricht dafür, dass es in Peru eine uralte Kultur gab, die älter als die ägyptische ist! So wurden nicht nur in Sechín, sondern auch in anderen Flussoasen in der peruanischen Küstenwüste Hinweise auf riesige Bauwerke entdeckt, für die riesige Massen Steinmaterial verarbeitet wurden. In manchen wurden offenbar bis zu 100.000 Tonnen Stein verbaut. Der Ethnologe Hanns J. Prem ist überzeugt: Es gab eine »zentrale Autorität noch unbestimmbarer Form«.

Krieger oder
Opferpriester?
Foto W-J.Langbein
Die gruselige Mauer von Sechín ist steinerner Beleg eines uralten Volkes, von dem wir so gut wie nichts wissen. Rund fünfzig unscheinbare Hügel unterschiedlichen Ausmaßen bergen noch ungeahnte Schätze... Pyramiden!

Fußnote


»Chavin de Huantar, das Geheimnis der Anden«,
Teil 70 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.05.2011

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