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Sonntag, 15. Juli 2018

443 »Die goldene Füchsin und die Pyramide«

Teil 443 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Ruine mit Rampe
Von Lima nach Pachacamac ist es nur ein Katzensprung. Für meinen ersten Besuch beim einstigen Orakel nutzte ich ein Taxi. Ich empfand die Straße streckenweise als katastrophal. Mein Taxifahrer allerdings war anderer Ansicht. »Seitdem die gröbsten Schäden beseitigt worden sind, ist es ein Genuss hier zu fahren!« Und wenn gewaltige Löcher ein Weiterkommen unmöglich machten, wich der Lenker des arg ramponierten Pontiacs eben aus und fuhr ein Stück neben der Straße. »Gleich sind wir da!«, strahlte mein Chauffeur. Wir parkten im Nirgendwo und gingen ein Stück zu Fuß. »Zwei Kilometer sind es zum Meer!« wurde ich informiert. Kein Lüftchen wehte vom Südpazifik. Die Luft war schwer wie Blei. Es roch muffig. Schatten gab es nirgendwo. Wir näherten uns dem traurigen Rest eines einst wohl stolzen Bauwerks. Es war womöglich eine Pyramide. Zur ersten Plattform führte eine Rampe. Diesen Aufgang haben Archäologen ebenso wie ein Stück Mauer restauriert.

Taxifahrer Pedro winkt verächtlich ab. »Niemand weiß, ob das Ding früher wirklich so ausgesehen hat! Vielleicht haben die Archäologen einfach ein Fantasiegebilde in die Wüste gesetzt.« Wir stapften weiter durch Sand und Geröll. Mein Fotoapparat gab seltsamste Geräusche von sich. Beim Weiterdrehen des digitalen Films knirschte es verdächtig. Schließlich gab die Kamera ihren Geist auf. Wütend öffnete ich die Kamera, um einen neuen Film einzulegen. Der »alte« Film war ruiniert, nachdem ich einen neuen eingelegt hatte, tat sich gar nichts mehr. Zum Glück konnte ich bei einem zweiten Besuch mit neuer Kamera einige Fotos machen.

Über die Geheimnisse von Pachacamac war mein stolzer Chauffeur bestens informiert. Irgendwo, so raunte er mir zu, ganz in der Nähe, habe einst eine Pyramide gestanden. Und »hoch oben« auf der Pyramide wurde ein goldenes Idol verehrt, eine »goldene Füchsin«. Später wurde die Statue der »goldenen Füchsin« in einer »Tempelhöhle« verwahrt.

Foto 2: Die Rampe.


Wenig Geduld hat mein kundiger Führer mit mir. Er reagiert zunehmend verärgert. Immer wieder weiderholt er, immer eindringlicher werden seine Worte. »Die Füchsin war ein Huaca, der die Gestalt des klugen Tieres angenommen hat. Und dieser Huaca war Pachacamac!« Also ist Gott Pachacamac, ein Huaca, in Gestalt einer goldenen Füchsin erschienen? »Pachacamac ist ein Huaca!« Ich wagte einzuwenden: »Aber ein huaca ist doch eine Pyramide!«

Mir scheint, dass die plündernden Eroberer nie so recht verstanden haben, was mit huaca gemeint war. Die Wissenden haben die Barbaren aus Europa wohl kaum in ihre großen Geheimnisse eingeweiht. Und wenn einige Europäer doch etwas erfahren haben, so haben sie es wohl nicht wirklich verstanden. Fast babylonische Sprachverwirrung herrscht in Sachen huaca. Nach Conquistador Pedro de Cieza de León (*um 1520; †1554) war ein huaca eine Begräbnisstätte. Vermutlich bezeichneten die entsetzten Opfer gegenüber ihren »Entdeckern« tatsächlich Gräber als huaca, als etwas Heiliges. So wurden auch Pyramiden als huaca bezeichnet.

Für die heutigen Quechua und Aymara sind »heilige Kultobjekte« huaca, aber offenbar gilt auch der Zustand nach dem Tod als huaca. Nach dem altehrwürdigen »Merriam Webster« Lexikon bedeutete im »Alten Peru« huaca dreierlei: ein Gott oder Geist, eine präkolumbische Ruine wie eine Pyramide oder ein Begräbnishügel und schließlich etwas, dem ein Gott oder Geist innewohnt. Eine christliche Kirche, eine jüdische Synagoge oder eine Mosche wäre dann huaca.

Während mein Guide, immer grimmiger werdend, mir vorauseilte, versuchte ich möglichst Schritt zu halten.

Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac

Wie Fata Morganas tauchten Ruinen auf. Die Luft flimmerte, es war kaum abzuschätzen, wo sich Mauern und Mauerreste befanden. Teilweise gingen das alte und das neuzeitliche Pachacamac ineinander über. Es ist unmöglich zu sagen, aus welcher Zeit die einzelnen Ruinen stammen. Wurden sie zu Zeiten der Inka erbaut oder schon früher? Entstanden einige von ihnen erst nach Eintreffen der Europäer im 16. Jahrhundert oder noch später?

Mich faszinierte der Terminus huaca. Je intensiver ich recherchierte, desto klarer wurde mir, wie umfassend dieser alte Ausdruck ist, der auf die Quechua-Sprache der alten Andenvölker zurückgehen soll. Noch heute spricht fast jeder vierte Peruaner eine Form von Quechua. Die Quechua-Völker glaubten an zwei geistige Kräfte, eine aufbauende und eine zerstörende. Und wirklich allem wohnt eine geistige Kraft inne: dem Wasserfall ebenso wie dem massigen Felsbrocken. Alles, wirklich alles ist nach diesem Glauben »beseelt«. Man versicherte mir in Lima, allem wohne huaca inne.

Ich zitiere den Wikipedia-Artikel zum Thema (Stand 10.4.2019): »Wak'a (Quechua; in kolonialen Dokumenten meist huaca geschrieben) ist in der Kultur der Anden die Bezeichnung für lokale Gottheiten wie auch für den Ort, wo eine solche Gottheit angebetet wird. Sie ähneln den Kamuy der Ainu oder den Kami Japans. Die Wak'a waren und sind teilweise bis heute wichtige Götter, haben jedoch – anders als panandine Gottheiten wie Pachacamac oder Wiraqucha – nur lokal begrenzte Bedeutung, da praktisch jede Dorfgemeinde ihre eigenen Wak'as hat. Obwohl die Anbetung der Wak'a nach der Conquista im Zuge der Christianisierung bekämpft wurde, werden sie bei den Quechua und Aymara in Teilen des südlichen Peru und in Bolivien bis heute verehrt. Im Huarochiri-Manuskript wird der Begriff Wak'a für Berggottheiten (z. B. Paryaqaqa und Wallallu Qarwinchu) verwendet, die heute in Südperu Apu oder Wamani heißen und in der Hierarchie über den Wak'a stehen.« 

Foto 4: Mauerreste im Sand.
Die Krieger der Inka haben Peru erobert, die Religion der Besiegten aber weitestgehend respektiert. Oder die Besiegten hielten am »alten Glauben« so intensiv fest, dass die Inka nachgaben. Allerdings gaben sie offenbar alten Göttern neue Namen. So wurde aus Ychsma Pachacamac. Pachacamac war ein Huaca. Pachamac ist die spanische Schreibweise von Pacha Kamaq, wurde als Schöpfergott verehrt. Pacha Kamaq kreierte die erste Frau und den ersten Mann. Dem Paar ging es aber bei weitem nicht so gut wie Adam und Eva. Während Adam und Eva bis zum »Sündenfall« im Paradies leben durften, litten die Geschöpfe von Pacha Kamaq Hunger. Der erste Mann starb. Daraufhin verfluchte die erste Frau Pacha Kamaq und bekam als »Entschädigung« Fruchtbarkeit.

Sehr interessant ist eine Überlieferung, die mir mein Guide erzählte. Nach einer gewaltigen »Sintflut« (zu Deutsch »große Flut«, nicht etwa »Sündflut«) landeten auf dem Berg Pariacaca »fünf große Eier«. »Wesen« kletterten aus diesen fliegenden Vehikeln. Der Pariacaca liegt in den peruanischen Anden, in der Huarochiri-Gebirgskette, die auch Cordillera Pariacaca genannt wird. Stolze 5750 Meter hoch ist der Berg, auf dem angeblich die mysteriösen »Eier« niedergingen.

Auf einem Flug von Tokyo nach Guam kam ich mit einer älteren Japanerin ins Gespräch. Bald unterhielten wir uns über die Welt der Mythen und Legenden. Meine Gesprächspartnerin, eine Lehrerin aus Tokyo, freute sich sehr über mein Interesse. So berichtete sie mir ausführlich über den legendären »Kitsune«, den mythologischen Fuchs. »Kitsune«-Stauen werden bis heute vor jedem Tempel der Göttin Kami platziert. Davon gibt es tausende. Kami ist nämlich die Göttin der Füchse und der Fruchtbarkeit.

Foto 5: Von der Gottesmutter ...
Ganz ähnliche goldene Statuetten der Füchsin wurden in Pachacamac verehrt und angebetet. Zur Göttin der Fruchtbarkeit Pachamama gehörte die goldene Füchsin. Und Pachamama war die Göttin der Erde. In seinem Essay »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus« (2) zitiert Klaus Mailahn Pachamama wie folgt (3): »Ich bin die Heilige Erde. Ich bin die, die nährt, die stillt. Ihr werdet mich in drei Personen anrufen und anhauchen: pacha tierra, pacha nustra, pacha virgen. An jenem Tag werde ich sprechen. Berührt nicht die heilige Erde.«

Ganz richtig schlussfolgert Klaus Mailahn (4): »Aus diesem Zitat geht eindeutig hervor, dass die Göttin Pachamama sowohl als Erdmutter als auch mit einer dreigestaltigen Göttin identifiziert wurde. Demgemäß ist in ihr, gewiss unter einem ursprünglicheren Namen, die Große Göttin selbst zu sehen, aus er sich im Lauf der Zeit unter verschiedenen Namen zahlreiche Formen abspalteten.«

Die weibliche Dreifaltigkeit der Göttin Altperus erinnert doch sehr an die göttliche Maria, Mutter der Erde (pacha tierra), unser aller Mutter (pacha nustra) und jungfräuliche Mutter (pacha virgen). Offensichtlich gibt es Glaubensbilder, dem gläubigen Katholiken wohl vertraut sind, die aber sehr viel älter als das heutige Christentum sind.

Die Göttin von Pachacamac trat in Gestalt einer Füchsin auf, so wie die japanische Fruchtbarkeitsgöttin Inari auch in Gestalt einer Füchsin in Erscheinung trat. Die japanischen Kitsunes werden mit wachsendem Alter immer mächtiger. Im Endstadium sind sie unsterblich und unbesiegbar. Die Füchsin von Pachacamac ist mit dem Mond verbunden, so es wie Maria als Gottesmutter auch ist. Und Maria wurde im Verlauf der vergangenen zwei Jahrtausende auch immer mächtiger: von der Maria, über die sich die Autoren des Neuen Testaments weitestgehend ausschweigen hin zur Himmelskönigin, die in den Himmel aufgenommen wurde. Längst weilt Maria, wie in der Antike die Göttinnen und Götter im Himmel. Längst wird sie nicht mehr nur als Gottesgebärerin gepriesen, sondern als »Miterlöserin« neben Jesus.

Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin
Es geht mir ganz und gar nicht um die Verbreitung konfessionellen Glaubensgutes, ganz im Gegenteil. Vielmehr will ich auf den steten Wandel innerhalb der Glaubenswelten hinweisen. So löste in Pachacamac der patriarchalische Sonnengott der Inkas die matriarchalische Mondgöttin der Völker, die aus den Hochanden ans Meer gewandert waren. Im jüdisch-christlichen Kulturbereich erleben wir im Katholizismus mit der Erhöhung der Gottesmutter zur Miterlöserin eine Rückkehr zur matriarchalischen Religion. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Eine Gegenströmung gibt es auch: Es ist der patriarchalische Islam ist auf dem Vormarsch. 

Fußnoten
(1) Dedenbach-Salazar Sáenz, Sabine: »Die Stimmen von Huarochirí. Indianische Quechua-Überlieferungen aus der Kolonialzeit zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Eine Analyse ihres Diskurses«, »Bonner Amerikanistische Studien«, Band 39, Aachen, 2007.
Trimborn, Hermann: »Dämonen und Zauber im Inkareich. Quellen und Forschungen zur Geschichte der Völkerkunde«, Leipzig 1939.
(2) Mailahn, Klaus: »Der Fuchs als Tier der Gottheiten Altperus«, eBook, GRIN Verlag, 1. Auflage 8. September 2009
(3) Ebenda, Pos. 417
(4) Ebenda, Pos. 420
(5) Ott, Ludwig: »Grundriss der Katholischen Dogmatik«, 10. Auflage, Freiburg 1981 (1. Auflage1952), S. 256.


Zu den Fotos
Foto 1: Ruine mit Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die Rampe. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Das alte und das neue Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Mauerreste im Sand. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Von der Gottesmutter ... Ikone. Archiv Langbein
Foto 6: ... zur Miterlöserin und Himmelskönigin. Ikone. Archiv Langbein


444 »Wer war zuerst da: Gott oder Göttin?«,
Teil 444 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.07.2018

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Sonntag, 9. März 2014

216 »Maria-Mama, Pacha-Mama«

Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


»Das ist Götzendienst! Primitiver Aberglaube! Da wird das Heiligste in den Schmutz gezogen!« Der junge Mann schimpfte. Wütend deutete er auf die bunte Puppe, die am Spiegel des wendigen kleinen Busses baumelte. »Und wie das aussieht! Als hinge sie am Galgen!« Ich betrachtete die kleine Figur etwas genauer. »Sie steht auf einer Mondsichel. Ich glaube, das soll die Gottesmutter Maria sein!« Der junge Peruaner schüttelte empört den Kopf. »Ob Maria-Mama oder Pacha-Mama ... Es gehört sich nicht, das Heilige so lächerlich darzustellen!«

Ruinen von Pachacamac heute. Foto Walter-Jörg Langbein

Wir waren unterwegs von Lima ins Tal des Rio Lurin – zum Heiligtum von Pachacámac. Ein älterer Mitreisender empörte sich. »Unerhört, die Gottesmutter Maria als Götze zu bezeichnen! Götzendienst haben die Inkas betrieben, als sie diese unsägliche Pacha-Mama angebetet haben!«

Nur vierzig Kilometer kurz war die Strecke von der Metropole Lima nach Pachacamac. Sie schien sich trotz recht guter Straßenverhältnisse schier endlos hinzuziehen. Und obwohl die Aircondition im kleinen Bus längst ihren Geist aufgegeben hatte, herrschte trotz sommerlich-heißer Temperaturen eine eisige Atmosphäre im wendigen Vehikel.

Zeremonialstraße von Pachacamac?
Foto Walter-Jörg Langbein

»Junger Mann!«, herrschte der ältere, gut gekleidete Herr den Peruaner an. »Ihr Heimatland ist doch längst zum wahren, zum katholischen Glauben bekehrt worden! Wie können Sie da so die Gottesmutter beleidigen?« Ärgerlich, aber auch mitleidvoll schüttelte der junge Mann aus Peru seinen Kopf. »Aber ich beleidige doch nicht die Mutter Gottes. Diese Götzenfigur würdigt das Heilige herab! Das Heilige hat kein Gesicht, es darf nicht in Form einer lächerlich baumelden Figur gedemütigt werden!«

Beim nächsten Halt an einer Tankstelle mitten im Niemandsland untersuchten die beiden Kontrahenten gemeinsam die kleine Figur am Spiegel. Sie konnten sich nicht einigen. Sollte nun Maria dargestellt werden oder Pacha-Mama?

Der junge Peruaner versuchte einen Kompromiss: »Ob es sich bei dieser merkwürdigen Darstellung um die Gottesmutter des katholischen Glaubens handelt … oder um Pacha-Mama, das ist doch gleichgültig!« Das wiederum empörte den älteren Herrn noch mehr. »Das ist übelstes Heidentum, schlimmste Ketzerei! Man darf doch nicht Maria gleichsetzen mit dieser ..., dieser Pacha-Mama!« In Pachacamac angekommen, kletterten die beiden Streithähne aus dem Bus und stapften in unterschiedliche Richtungen davon. Ich verlor sie aus den Augen.

Ruinen von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Pachacamac wurde ausnahmsweise nicht von den spanischen Plünderern und Marodeuren verwüstet. Die uralte heilige Stätte lag wohl schon weitestgehend in Ruinen, als sie von den Inkas entdeckt wurde. Die Inkas bauten auf alten Fundamenten »neue« Gebäude. Nach meinen Recherchen war den Inkas (1450-1550 n.Chr.) sehr wohl bekannt, dass Pachacamac einst ein Orakel beherbergte. Ja vermutlich bestand dieses Orakel sogar noch zu Zeiten der Inkas, als eine Art Delphi von Peru, auch wenn damals Pachacamac weitestgehend in Trümmern lag. Die Inka sollen sogar das Orakel von Pachacamac befragt haben, als die Spanier das Land immer brutaler und konsequenter ausplünderten. Das Orakel hat wohl versagt und nicht vor den Spaniern gewarnt.

Der Sonnentempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Woran glaubten die Erbauer von Pachacamac? Wir wissen es nicht. Heute »kennen« wir einen »Sonnentempel«, einen »Mondtempel«, einen »Pachacamac-Tempel«. Pachacamac war der große Schöpfergott zu Zeiten der Inkas. Perfide Bibelübersetzer bezeichneten den biblischen Schöpfergott Jahwe-Elohim als Pachacamac. Sie ersetzten Jahwe in einigen Ausgaben der Bibel durch Pachacamac. So sollte der Glaube an Pachacamac verdrängt werden. Es sollte den Pachacamac-Anhängern leichter gemacht werden, zum christlichen Glauben zu wechseln. Der alte, »heidnische« Glaube sollte verdrängt werden.

Der  Mondtempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Das aber gelang, wenn überhaupt, nur bedingt. Der Gott der Bibel trat für viele Nachkommen der stolzen Inkas nicht an die Stelle von Pachacamac, sondern an seine Seite. Und »Maria-Mama« wurde nicht die neue »Pacha-Mama«. Auch heute noch existieren beide im Volksglauben nebeneinander her. Allerdings ist für viele »Inka-Katholiken« Pacha-Mama eher das weibliche Gegenstück zum biblischen Jahwe. Sie wird als die weibliche Göttin, das heilige Weibliche, als »Göttin Kosmos« verehrt. Ihr ist das Leben auf Erden in all seinen Formen zu verdanken. Sie ist, wie die biblische Eva, »Mutter allen Lebens«.

Kultfigur vonPachacamac.
Foto: W-J.Langbein
Pacha-Mama kann man nicht bildlich darstellen, nicht als Heiligenfigur verehren. Es gibt Kultplätze aus uralten Zeiten, die heute nur noch Eingeweihten vertraut sind. Pacha-Mama ist das alles umfassende Göttliche, personifizierte Ausgleich zwischen »Himmel« und »Hölle«. Nichts ist für die Nachkommen der Inka nur gut oder nur böse. Übrigens: Der biblische Gott des »Alten Testaments« war ursprünglich auch gut und böse zugleich. Er wurde aber schließlich getrennt, in einen »guten Gott« und in den »Teufel«.

Die Inkas tolerierten ältere Glaubensvorstellungen. Da sie einen »Sonnen-« und einen »Mondtempel« in Pachacamac erneuerten, muss man davon ausgehen, dass einst in der ursprünglichen Kultstätte Göttin und Gott verehrt und angebetet wurden, die dann Pacha-Mama und Pachacamac genannt wurden.

Die Geschichte der christlichen Missionierung ist nicht unbedingt von Milde und Toleranz geprägt. »Heidnische« und andere Religionen wurden nicht selten mit Feuer und Schwert bekämpft. Letztlich führte diese rigorose Politik nur bedingt zum Ziel. Denn heute bestehen uralte »heidnische« Glaubensformen weiter neben den neuen, christlichen. So wird eben Pacha-Mama neben Maria-Mama oder Mama-Maria verehrt. Auch wenn das in Rom geleugnet wird, vor Ort toleriert der katholische Klerus weitestgehend dieses Nebeneinander. Wiederholt wurde ich Zeuge, wie katholische Geistliche an »heidnischen« Zeremonien mitwirkten.

Tanzen zu Ehren von »John Frum«. Foto: Walter-Jörg Langbein

Diese Methode kenne ich aus eigener Anschauung: Verdrängung durch Anpassung ...

Tanna, Südsee: 1940 wurde Gott John Frum verehrt. Der »Sohn Gottes« hauste angeblich unter dem Vulkan des Yasur-Vulkans. Der religiöse Kult wurde massiv bekämpft, aber vergeblich. 1952 wurden Mitglieder der Glaubensgemeinschaft ins Gefängnis geworfen. Fünf Jahre später formierte sich ganz offiziell die »John-Frum-Religion«. Ein halbes Jahrhundert später nehmen christlich orientierte Gruppen am »John-Frum-Fest«, wie ich selbst vor Ort beobachten konnte, teil. Offensichtlich versucht man, den Gottes-Sohn John Frum mit Jesus zu identifizieren.  Den Einheimischen soll eingeredet werden, dass der wirkliche John rum kein anderer als Jesus, der christliche Gottessohn ist! Dabei lautete doch eines der zentralen Gebote des »heidnischen« John Frum: »Glaubt nicht den christlichen Missionaren! Bleibt bei euren alten Bräuchen!«

Aus »John Frum« soll Jesus werden. Foto: Walter-Jörg Langbein

Teil 217 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von
Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.03.2014



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Sonntag, 16. Dezember 2012

152 »Von Affen und von Drachen«

Teil 152 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Brüllaffe in Palenque
Komisch, diese Touristen...
Foto: W-J.Langbein
Die letzte Touristengruppe strebt hastigen Schritts dem Ausgang zu. »Und wann besichtigen wir endlich Palenque?« nörgelt jemand mit näselnder Stimme. Genervt antwortet der Guide: »Wir sind hier in Palenque ...« Nach kurzer Pause ist wieder der unzufriedene Reisende zu hören: »Aha. Und morgen fliegen wir dann endlich nach Mexiko?« Der gestresste Guide antwortet: »Nein. Wir sind seit einer Woche in Mexiko. Morgen fliegen wir nach Guatemala!«

Der Nörgler beschwert sich über das Reiseprogramm: »Und warum steht Lima nicht auf dem Programm, wenn wir dann schon mal in Guatemala sind?« Die Antwort des Guide höre ich kaum noch: »Weil Lima in Peru und nicht in Guatemala liegt. Peru gehört zu Südamerika, wir aber ...«

Es wird rasch dunkel in Palenque. Die Dämmerung bricht herein, die Touristen fahren ab. Und plötzlich melden sich die Brüllaffen zu Wort. Es kommt mir so vor, als würden sie miteinander kommunizieren. »Hier sind keine mehr von diesen kranken Nacktaffen!« - »Endlich! Es sind bemitleidenswerte Kreaturen!« - »Ja, schon! Aber hoffentlich ist ihr Fellausfall nicht ansteckend!« Ob wir einige dieser Vertreter der Familie alouatta caraya zu sehen bekommen?

Leise gehen wir in den rasch dichter werdenden Wald unweit des Tempels der Inschriften. Etwas raschelt über uns. Ein Männchen, erkennbar an der schwärzlichen Färbung, schwingt sich von Ast zu Ast. Sein kräftiger Schwanz dient als zusätzliches Greiforgan. Kaum dass der Bursche – etwa einen halben Meter groß – bemerkt, dass wir ihn beobachten, verharrt er in seiner Bewegung. Aus der Ferne machen sich einige seiner Artgenossen bemerkbar. »Unser« Affe beobachtet uns nur, dann klettert er gemächlich seinen Baum empor, bis er im Dunkel der Krone nicht mehr auszumachen ist.

Der Brüllaffe zieht sich zurück
Foto: Ingeborg Diekmann
Brüllaffen halten sich meist in Bäumen auf, wo sie in kleinen Gruppen von meist zehn bis zwanzig Tieren leben. Gelegentlich wagen sie sich bei der Nahrungssuche auf den Boden. Ihre »Kollegen«, die Nasenbären, leben am Rand von Wüsten ebenso wie im Urwald. Auch wenn sie mit sprichwörtlicher affenartiger Geschwindigkeit Bäume erklimmen können, so gehören sie doch zur Gattung der procyonidae, der Kleinbären.

Man trifft sie in Scharen in den Ruinen von Tikal, Honduras, an ... wo sie sich an uns Touristen gewöhnt haben. So possierlich die kleinen Tierchen auch sind ... Vorsicht ist vor ihren scharfen Klauen geboten. Irgendwann haben Nasenbären in Tikal erkannt, dass diese seltsamen Menschen nicht nur steinerne Ruinen bestaunen, sondern auch ein Herz für Nasenbären haben. Wenn wir Menschen unserer Meinung nach genug zwischen Ruinen herumgewandert sind und alle erreichbaren Pyramiden erklommen haben ... dann wird Rast gemacht. Mensch setzt sich dann in den Schatten eines Baumes und verzehrt mitgebrachte Lunchpakete. Örtliche Kleinstunternehmer bieten koffeinhaltige Brause an, die von uns Besuchern aus der Fremde gern erworben und getrunken wird.

Ich rieche Cola ...
Foto: W-J.Langbein
Vor Jahren nun, so wird erzählt, saß ein Amerikaner bei Sandwich und Cola, als sich ihm ein Nasenbär näherte. Der Amerikaner soll aufgesprungen und in Panik ausgerissen sein. Dabei, so heißt es, sei seine Cola-Flasche umgefallen und ausgelaufen. Der ob seiner Wirkung auf den ängstlichen Mann aus den Staaten nicht sonderlich beeindruckte Nasenbär schnüffelte seine Beute ab ... das Sandwich und das auslaufende Cola. Genüsslich schlabberte das possierliche Tierchen die braune Flüssigkeit. Das wiederum beobachteten weitere Nasenbären ... und schon soll es zu einem Streit um das verschüttete Cola gekommen sein.

Das wiederum soll den Amerikaner geradezu gerührt haben. Wie schön, dass diese kleinen Tierchen das amerikanische Nationalgetränk so zu schätzen wussten. Vorsichtig näherte er sich wieder seinem Rastplatz, holte aus seinem Rucksack mehrere Colaflaschen heraus und spendierte das süße Getränk der immer größer werdenden Nasenbärenhorde.

Ob diese Überlieferung der Wahrheit entspricht, das weiß ich nicht. Ich konnte mich aber davon überzeugen, dass die Nasenbären in den Ruinen von Tikal geradezu süchtig sind auf Cola. Die Kleinstunternehmer vor Ort können gar nicht schnell genug Cola heranschaffen, so wie es ihnen von den Besuchern förmlich aus den Händen gerissen wird.

Her mit dem Cola!
Foto: W-J.Langbein
Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass bei meinem Besuch die Nasenbären von Tikal ausschließlich Pepsi angeboten bekamen ... und genüsslich konsumierten. Einen Vergleichstest mit Coca Cola konnte ich leider nicht durchführen.

Und wir Besucher freuen uns riesig darüber, wie sich die Nasenbären in großer Zahl nähern und genüsslich besagtes Getränk gleich aus der dargereichten Flasche trinken. Auf diese Weise fördern sie ganz erheblich den Umsatz der örtlichen Kleinstunternehmer.

Ich habe es selbst erlebt: Wasser, Fruchtsaft und Brause wurde von den Nasenbären empört abgelehnt, Cola aber begierig getrunken. Es kam gelegentlich zu Zweikämpfen, wenn nicht rasch genug Flaschen geöffnet wurden. Unser Guide erklärte uns, es sei das Coca in der Cola, was die Nasenbären so verrückt nach der braunen Brause machen würde.

Na endlich!
Foto: Ingeborg Diekmann
Von Brüllaffen über Nasenbären ... zu leibhaftigen Drachen! Von Mexiko über Guatemala nach Copan (Honduras). In den faszinierenden Ruinen von Copan fielen mir zwischen kunstvollen Stelen in Stein gehauene ... Drachen auf! Diese kuriosen Darstellungen werden meist von Besuchern übersehen, die nach Pyramiden Ausschau halten. Und doch gibt es sie, die kleinen Skulpturen dieser uns Europäern nur noch aus Märchen bekannten Wesen. Glotzäugig starren sie offenbar ihre Beute an, die sie wohl gleich mit brachialer Gewalt zerreißen und dann gierig verschlingen wollen.

Wer oder was aber stand der Maya-Künstlern Modell ... Drachen etwa? Das scheint mir unwahrscheinlich zu sein! Welches Drachenmonster harrt denn schon geduldig aus, bis es von einem Künstler als Zeichnung oder gar als Skulptur verewigt worden ist? Vor allem: Welcher Künstler begibt sich freiwillig in die Gefahr, bei Ausübung seines Berufs einem Monster zum Opfer zu fallen?

Drachen aus Stein - Fotos: W-J.Langbein
Des Rätsels Lösung ... Die Drachen hat es wirklich gegeben! Sie wurden von Maya-Künstlern tatsächlich porträtiert. Es waren aber keine Kreaturen von Riesendinosaurierwuchs, sondern wesentlich kleinere Tiere! Ich bin davon überzeugt, dass es sich bei den »Drachen« um Leguane handelte. Der Leguan spielt in der Mythologie der Mayas eine wesentliche Rolle!

Der Kosmos der Mayas hatte drei Ebenen: Die unterste Ebene war die Unterwelt, bestehend aus neun »Etagen«. Hier soll es einst zu einem wahrhaft höllischen Ballspiel gekommen sein. Das Wurzelwerk des Ceiba-Baums steht für dieses unterirdische Reich. Die mittlere Welt wird von uns Menschen und den Tieren und Pflanzen bevölkert. Der mächtige Stamm des Ceiba-Baumes wird in der Maya-Kosmologie mit unserem Lebensraum verglichen.

Der Himmel schließlich, der von den mächtigen Ästen des Ceiba-Baumes getragen wird, ist viel mehr als nur der hohe Luftraum über unseren Köpfen. Dort hausen und herrschen Götter wie Kukulcán alias Quetzalcoatl, Herr der Winde, aber auch der Medizin. Für die Medizin war auch Mondgöttin Ix-Chel zuständig, eine alte Fruchtbarkeitsgöttin. Zugleich war sie die himmlische Repräsentantin der Webkunst.

Ein grüner Leguan in Copan
Foto: W-J.Langbein
Auch Chac war im Himmel angesiedelt. Auch er war ein Gott der Fruchtbarkeit, spendete dem Land den lebenswichtigen Regen. Er schleuderte aber – wie Thor – Blitze vom Firmament.

Itzamná, männlicher Partner der Mondgöttin Ix-Chel, muss von den Mayas als ein besonders hoch stehender Gott angesehen worden sein. Itzamná trug auch den Namen »Leguan-Haus«. Verwundert es da, wenn die Mayas in Copan Leguane in Stein verewigten?

Anmerkung des Verfassers: Anlässlich des für den 21. Dezember 2012 prophezeiten Weltuntergangs wird sich Folge 153 mit dieser Thematik auseinandersetzen – am 23.12. 2012. Sollte die Welt allerdings tatsächlich bereits am 21. Dezember 2012 untergehen, wird Teil 153 meiner Serie nicht mehr erscheinen. Ich bitte um Verständnis! Für den Fall der Apokalypse verabschiede ich mich dann bei allen Leserinnen und Lesern. Sollte – wie so oft geschehen – der Weltuntergang wieder ausbleiben ... dann wird meine Serie am 23.12.2012 fortgesetzt!

»21.12.2012«,
Teil 153 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.12.2012


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Sonntag, 15. Mai 2011

69 »Das Gruselkabinett von Sechín«

Preisausschreiben: Nehmen Sie noch bis 26. 06. teil und gewinnen Sie 3 x 1 Exemplar des Buches »2012 - Endzeit und Neuanfang« von Walter-Jörg Langbein

Teil 69 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von
Walter-Jörg Langbein
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Hätte ich nur ein Taxi genommen, dachte ich immer wieder. Warum musste ich auch dieses supergünstige Angebot annehmen ... Ich würde in einem Bruchteil der Zeit mit dem Flugzeug der Küste entlang förmlich meinem Ziel entgegen schweben. Dann kam es ganz anders als gedacht ... Der Flug von Lima nach Chimbote wurde zum reinsten Höllenritt. Die kleine Propellermaschine sackte mehrfach ab. Mein Magen sauste wie im Expressaufzug abwechselnd bis unter meine Schädeldecke oder in meine Füße. Und immer, wenn die kleine Maschine wie von unsichtbaren Fäusten getroffen wie ein störrischer Esel zur Seite geworfen wurde, lachte mein Pilot nur auf. Dann klatschte er sich mit der flachen Hand auf den Magen. Auf dieses Zeichen hin musste ich ihm eine dunkelbraune Flasche reichen, aus der er einen gewaltigen Schluck nahm. »Meine Magenmedizin..« kicherte er vor sich hin. Hätte ich doch nur ein Taxi genommen... dachte ich. Ich muss zugeben: Meine Angst wuchs von Minute zu Minute... und erreichte ihren Höhepunkt bei der Landung auf einer Art Feldweg außerhalb von Chimbote. Dankend lehnte ich das Angebot meines tüchtigen Piloten ab, mich gegen ein »kleines Trinkgeld« - wohl für die »Magenmedizin« - bis nach Llata zu fliegen. Ich nahm dann doch lieber ein Taxi.

Die Monstermauer vor dem Berg
W-J.Langbein
Von Llata war es nur noch ein Katzensprung zur vielleicht ältesten Tempelanlage Perus, vielleicht sogar Südamerikas. Die Hitze war unerträglich, als ich die letzten Schritte zu Fuß ging. Schwer zerrte meine Kameratasche mit meinen beiden Fotoapparaten an der Schulter. Ein schmutzig-brauner Hügel wirkte wenig einladend. Ich ging auf diesen kleinen Berg in der Wüste zu. Und stand plötzlich vor einer wahren Monstermauer. Bis zu vier Meter ist sie hoch. Zusammengesetzt wurde sie aus mächtigen Monolithen, zwischen die wuchtige Steinplatten eingesetzt wurden. Monolithen wie Platten sind mit Hunderten von kräftig ausgeführten Gravuren bedeckt. Diese Darstellungen sind es, die die Mauer zu einem Panoptikum des Grauens machen.

1937 hat der berühmte Archäologe Julio César Tello erste Ausgrabungen durchgeführt. Schnell, und wohl etwas voreilig, versah der renommierte Wissenschaftler die ersten Funde mit dem Etikett »Chavinkultur«. Für ihn stand fest: Sechín entstand um 1700 vor Christus. Ich erinnere mich sehr genau an eine Begegnung der unangenehmen Art... Ich nähere mich, müde von der Hitze, der Monsterauer von Sechín. Hinter einem wuchtigen Stein taucht ein ältlicher Archäologe mit grauem Bart auf. Argwöhnisch mustert er mich, tritt mir energisch entgegen. Wenn ich keine Grabungs-Lizenz vorzuweisen hätte, so möge ich umgehend wieder verschwinden.

Ein Opfer ohne Beine -
abgeschlagene Schädel
Foto W-J.Langbein
Milde lächelnd antworte ich: »Mein Sohn, ich bin kein Archäologe... Ich bereise als Theologe die Welt ...« Der Archäologe blickt mich besorgt an. »Diese Wand ist nichts für schwache Nerven ...« Und schon führt er mich von Gravur zu Gravur, erklärt Bild für Bild. Die Mauer zeige, so erfahre ich eine Prozession der Sieger. Vielleicht sind es Krieger, die aus einer Schlacht nach Hause zurückkehren. Vielleicht sind es aber auch Opferpriester, die ihren Göttern auf grausige Weise gehuldigt haben.

In der wissenschaftlichen Literatur ist man sich nicht einig, ob darauf geistliche Zeremonienmeister oder weltliche Kämpfer zu sehen sind. Keinen Zweifel aber gibt es, dass neben den Mächtigen die Schwachen, neben den Gewinnern die Verlierer dargestellt wurden.... die Opfer! Grausamste Szenen sind da fast wie Einzelbilder eines Horrorfilms aneinandergereiht. Da hat man einen Mann in zwei Teile gehackt, einem anderen hat man die Beine abgeschnitten. Unzählige Opfer wurden enthauptet. Man hat ihre abgeschlagenen Schädel aufgetürmt zu blutigen Bergen des Triumphs, für einen zornigen Gott oder einen grausamen Regenten. Besonders häufig waren abgetrennte Köpfe zu sehen, aus denen Fontänen von Blut spritzten. Galt das Blut als Sitz der Lebenskraft und somit als besondere Opfergabe?
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Ausgestochene Augen (links),
abgetrennte Arme und
Köpfe (rechts)
Foto W-J.Langbein
Texte haben die Erbauer der Anlage von Sechín keine hinterlassen, zumindest wurden bis heute keine entdeckt. So sind wir – noch – auf Vermutungen und Theorien angewiesen. »Die Opfer wurden nicht nur getötet, sie wurden grässlich verstümmelt...« erklärt mit beredt der Archäologe. »Man hat ihnen die Arme abgehackt und die Augen ausgestochen. Sie sollten im Jenseits hilflos sein, nicht sehen können...« Ich frage: »Wollte man so verhindern, dass sich die Toten als Geister rächen?« Das sei durchaus möglich.

Ich bin skeptisch, was die Rekonstruktion der Mauer angeht. Man war ja gezwungen, die uralten Brocken wieder zusammenzufügen... ohne dass man sich nach einer alten Vorlage hätte richten können. Der Archäologe pflichtet mir bei. »In welcher Reihenfolge die einzelnen Figuren ursprünglich zu sehen waren, wissen wir natürlich nicht. Aber keinen Zweifel gibt es daran, wer Sieger und wer Verlierer war!«

Interpretieren wird heute richtig, was da vor Jahrtausenden dargestellt wurde? Sammelten die Sieger von einst Augen und Rückgrat-Wirbel als Trophäen ihrer blutigen Erfolge? Oder sind wir voreingenommen, suchen wir nach Bestätigung für unser Bild von den blutrünstigen »Wilden«? Wir sollten nicht vergessen: Die »christlichen« Entdecker und Eroberer haben bei ihren brutalen Kriegen gegen die Ureinwohner Perus weitaus schlimmer gewütet als die sogenannten »Wilden«!
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Zerteiltes Opfer (links) und abgetrennte
Schädel (rechts) Foto W-J.Langbein
1937 hat der Archäologe Julio César Tello Sechín auf die Zeit um 1700 vor Christus datiert. »Mein« Archäologe widerspricht. Da ich offenbar kein neidischer Konkurrent, sondern ein biederer Theologe bin, wird er immer gesprächiger. Es sei erst ein Bruchteil der einstmals riesigen Anlage von Sechín ausgegraben. Dabei handele es sich wohl um den jüngeren Teil. Der weitaus ältere müsse erst noch wissenschaftlich erfasst werden. Ich erfahre von der ältesten Schicht von Sechín... von einer wahrscheinlich gigantischen Pyramide, die aus monströsen Steinquadern aufgetürmt wurde... »vor mehr als fünf Jahrtausenden«.

In einer jüngeren, zweiten Bauphase habe man den unteren Teil der Pyramide als Fundament für einen Tempel verwendet... »Und wo befinden sich die Überreste der Pyramide?« Der Archäologe deutet mit dem Finger auf einen scheinbar natürlichen Hügel. »Unter diesem Haufen befindet sich die größte Sensation Südamerikas...«

Er zeigte mir stolz einige mächtige roh zugehauene und oberflächlich polierte Steinquader. »Davon gibt es riesige Mengen! Tausende habe ich gesehen! Sie wurden mit unglaublicher Präzision zu einer Pyramide zusammengefügt. Und das zu einer Zeit, als man in Ägypten noch nichts Vergleichbares zuwegebrachte!«

Aufgetürmte Schädel
Foto W-J. Langbein
Kühne Behauptungen... denke ich und habe so meine Zweifel. So mancher Forscher wähnte sich schon als Entdecker der großen Sensation... und wurde bitter enttäuscht. So mancher »Forscher« hat mich auf meinen Reisen auf vermeintliche Sensationen hingewiesen. Am 19.10.2006 bestätigte »Welt online« (1): »Deutsche Forscher finden riesige Pyramide in Peru. Im Casmatal im nördlichen Peru graben Berliner Archäologen gewaltige Spuren der ältesten Zivilisation Südamerikas aus. Die frühen Amerikaner bauten vor 5000 Jahren bis zu 100 Meter hohe Stufenpyramiden – und alles ohne Bagger.«

Und weiter heißt es im Bericht der renommierten Zeitung: »In Sechín Bajo im Casmatal, 370 Kilometer nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima, stießen deutsche Archäologen auf Reste eines Bauwerks, dessen Fundamente mehrere hundert Meter im Quadrat ausmachen. Geschätzte Höhe: 70 bis 100 Meter. Doch nicht nur seine Maße, auch das Alter des Monumentalbaus, machen ihn zu einer Sensation: Geophysikalische Untersuchungen datieren den Komplex auf ein Alter von 5200 Jahren. Damit wäre es der älteste Steinbau Amerikas.«

Die Prozession an der Monstermauer von Sechín stellt – aus unserer Sicht – so etwas wie ein prähistorisches Gruselkabinett dar. Wurden die Gravuren von Künstlern geschaffen, die einer sterbenden Kultur angehörten? Wie weit zurück in der Geschichte mögen die ersten Anfänge dieser Kultur liegen, wenn sie vor mehr als 5000 Jahren eine große Pyramide hervorbrachte? Vieles spricht dafür, dass es in Peru eine uralte Kultur gab, die älter als die ägyptische ist! So wurden nicht nur in Sechín, sondern auch in anderen Flussoasen in der peruanischen Küstenwüste Hinweise auf riesige Bauwerke entdeckt, für die riesige Massen Steinmaterial verarbeitet wurden. In manchen wurden offenbar bis zu 100.000 Tonnen Stein verbaut. Der Ethnologe Hanns J. Prem ist überzeugt: Es gab eine »zentrale Autorität noch unbestimmbarer Form«.

Krieger oder
Opferpriester?
Foto W-J.Langbein
Die gruselige Mauer von Sechín ist steinerner Beleg eines uralten Volkes, von dem wir so gut wie nichts wissen. Rund fünfzig unscheinbare Hügel unterschiedlichen Ausmaßen bergen noch ungeahnte Schätze... Pyramiden!

Fußnote


»Chavin de Huantar, das Geheimnis der Anden«,
Teil 70 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.05.2011

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