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Sonntag, 9. März 2014

216 »Maria-Mama, Pacha-Mama«

Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


»Das ist Götzendienst! Primitiver Aberglaube! Da wird das Heiligste in den Schmutz gezogen!« Der junge Mann schimpfte. Wütend deutete er auf die bunte Puppe, die am Spiegel des wendigen kleinen Busses baumelte. »Und wie das aussieht! Als hinge sie am Galgen!« Ich betrachtete die kleine Figur etwas genauer. »Sie steht auf einer Mondsichel. Ich glaube, das soll die Gottesmutter Maria sein!« Der junge Peruaner schüttelte empört den Kopf. »Ob Maria-Mama oder Pacha-Mama ... Es gehört sich nicht, das Heilige so lächerlich darzustellen!«

Ruinen von Pachacamac heute. Foto Walter-Jörg Langbein

Wir waren unterwegs von Lima ins Tal des Rio Lurin – zum Heiligtum von Pachacámac. Ein älterer Mitreisender empörte sich. »Unerhört, die Gottesmutter Maria als Götze zu bezeichnen! Götzendienst haben die Inkas betrieben, als sie diese unsägliche Pacha-Mama angebetet haben!«

Nur vierzig Kilometer kurz war die Strecke von der Metropole Lima nach Pachacamac. Sie schien sich trotz recht guter Straßenverhältnisse schier endlos hinzuziehen. Und obwohl die Aircondition im kleinen Bus längst ihren Geist aufgegeben hatte, herrschte trotz sommerlich-heißer Temperaturen eine eisige Atmosphäre im wendigen Vehikel.

Zeremonialstraße von Pachacamac?
Foto Walter-Jörg Langbein

»Junger Mann!«, herrschte der ältere, gut gekleidete Herr den Peruaner an. »Ihr Heimatland ist doch längst zum wahren, zum katholischen Glauben bekehrt worden! Wie können Sie da so die Gottesmutter beleidigen?« Ärgerlich, aber auch mitleidvoll schüttelte der junge Mann aus Peru seinen Kopf. »Aber ich beleidige doch nicht die Mutter Gottes. Diese Götzenfigur würdigt das Heilige herab! Das Heilige hat kein Gesicht, es darf nicht in Form einer lächerlich baumelden Figur gedemütigt werden!«

Beim nächsten Halt an einer Tankstelle mitten im Niemandsland untersuchten die beiden Kontrahenten gemeinsam die kleine Figur am Spiegel. Sie konnten sich nicht einigen. Sollte nun Maria dargestellt werden oder Pacha-Mama?

Der junge Peruaner versuchte einen Kompromiss: »Ob es sich bei dieser merkwürdigen Darstellung um die Gottesmutter des katholischen Glaubens handelt … oder um Pacha-Mama, das ist doch gleichgültig!« Das wiederum empörte den älteren Herrn noch mehr. »Das ist übelstes Heidentum, schlimmste Ketzerei! Man darf doch nicht Maria gleichsetzen mit dieser ..., dieser Pacha-Mama!« In Pachacamac angekommen, kletterten die beiden Streithähne aus dem Bus und stapften in unterschiedliche Richtungen davon. Ich verlor sie aus den Augen.

Ruinen von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Pachacamac wurde ausnahmsweise nicht von den spanischen Plünderern und Marodeuren verwüstet. Die uralte heilige Stätte lag wohl schon weitestgehend in Ruinen, als sie von den Inkas entdeckt wurde. Die Inkas bauten auf alten Fundamenten »neue« Gebäude. Nach meinen Recherchen war den Inkas (1450-1550 n.Chr.) sehr wohl bekannt, dass Pachacamac einst ein Orakel beherbergte. Ja vermutlich bestand dieses Orakel sogar noch zu Zeiten der Inkas, als eine Art Delphi von Peru, auch wenn damals Pachacamac weitestgehend in Trümmern lag. Die Inka sollen sogar das Orakel von Pachacamac befragt haben, als die Spanier das Land immer brutaler und konsequenter ausplünderten. Das Orakel hat wohl versagt und nicht vor den Spaniern gewarnt.

Der Sonnentempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Woran glaubten die Erbauer von Pachacamac? Wir wissen es nicht. Heute »kennen« wir einen »Sonnentempel«, einen »Mondtempel«, einen »Pachacamac-Tempel«. Pachacamac war der große Schöpfergott zu Zeiten der Inkas. Perfide Bibelübersetzer bezeichneten den biblischen Schöpfergott Jahwe-Elohim als Pachacamac. Sie ersetzten Jahwe in einigen Ausgaben der Bibel durch Pachacamac. So sollte der Glaube an Pachacamac verdrängt werden. Es sollte den Pachacamac-Anhängern leichter gemacht werden, zum christlichen Glauben zu wechseln. Der alte, »heidnische« Glaube sollte verdrängt werden.

Der  Mondtempel von Pachacamac. Foto Walter-Jörg Langbein

Das aber gelang, wenn überhaupt, nur bedingt. Der Gott der Bibel trat für viele Nachkommen der stolzen Inkas nicht an die Stelle von Pachacamac, sondern an seine Seite. Und »Maria-Mama« wurde nicht die neue »Pacha-Mama«. Auch heute noch existieren beide im Volksglauben nebeneinander her. Allerdings ist für viele »Inka-Katholiken« Pacha-Mama eher das weibliche Gegenstück zum biblischen Jahwe. Sie wird als die weibliche Göttin, das heilige Weibliche, als »Göttin Kosmos« verehrt. Ihr ist das Leben auf Erden in all seinen Formen zu verdanken. Sie ist, wie die biblische Eva, »Mutter allen Lebens«.

Kultfigur vonPachacamac.
Foto: W-J.Langbein
Pacha-Mama kann man nicht bildlich darstellen, nicht als Heiligenfigur verehren. Es gibt Kultplätze aus uralten Zeiten, die heute nur noch Eingeweihten vertraut sind. Pacha-Mama ist das alles umfassende Göttliche, personifizierte Ausgleich zwischen »Himmel« und »Hölle«. Nichts ist für die Nachkommen der Inka nur gut oder nur böse. Übrigens: Der biblische Gott des »Alten Testaments« war ursprünglich auch gut und böse zugleich. Er wurde aber schließlich getrennt, in einen »guten Gott« und in den »Teufel«.

Die Inkas tolerierten ältere Glaubensvorstellungen. Da sie einen »Sonnen-« und einen »Mondtempel« in Pachacamac erneuerten, muss man davon ausgehen, dass einst in der ursprünglichen Kultstätte Göttin und Gott verehrt und angebetet wurden, die dann Pacha-Mama und Pachacamac genannt wurden.

Die Geschichte der christlichen Missionierung ist nicht unbedingt von Milde und Toleranz geprägt. »Heidnische« und andere Religionen wurden nicht selten mit Feuer und Schwert bekämpft. Letztlich führte diese rigorose Politik nur bedingt zum Ziel. Denn heute bestehen uralte »heidnische« Glaubensformen weiter neben den neuen, christlichen. So wird eben Pacha-Mama neben Maria-Mama oder Mama-Maria verehrt. Auch wenn das in Rom geleugnet wird, vor Ort toleriert der katholische Klerus weitestgehend dieses Nebeneinander. Wiederholt wurde ich Zeuge, wie katholische Geistliche an »heidnischen« Zeremonien mitwirkten.

Tanzen zu Ehren von »John Frum«. Foto: Walter-Jörg Langbein

Diese Methode kenne ich aus eigener Anschauung: Verdrängung durch Anpassung ...

Tanna, Südsee: 1940 wurde Gott John Frum verehrt. Der »Sohn Gottes« hauste angeblich unter dem Vulkan des Yasur-Vulkans. Der religiöse Kult wurde massiv bekämpft, aber vergeblich. 1952 wurden Mitglieder der Glaubensgemeinschaft ins Gefängnis geworfen. Fünf Jahre später formierte sich ganz offiziell die »John-Frum-Religion«. Ein halbes Jahrhundert später nehmen christlich orientierte Gruppen am »John-Frum-Fest«, wie ich selbst vor Ort beobachten konnte, teil. Offensichtlich versucht man, den Gottes-Sohn John Frum mit Jesus zu identifizieren.  Den Einheimischen soll eingeredet werden, dass der wirkliche John rum kein anderer als Jesus, der christliche Gottessohn ist! Dabei lautete doch eines der zentralen Gebote des »heidnischen« John Frum: »Glaubt nicht den christlichen Missionaren! Bleibt bei euren alten Bräuchen!«

Aus »John Frum« soll Jesus werden. Foto: Walter-Jörg Langbein

Teil 217 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von
Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.03.2014



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Sonntag, 2. März 2014

215 »Jesus, Atahualpa und die Pyramiden von Cochasquí«

Jesus von Cochasqui.
Foto: Ingeborg Diekmann
Teil 215 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                    
von Walter-Jörg Langbein


Jesus ist von den Toten auferstanden. Er fährt auf zum Himmel. So ist es beim Evangelisten Markus zu lesen  (1). Nach einem der Petrusbriefe (2) ist Jesus der, »der in den Himmel gegangen ist, dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.« Ein unbekannter Künstler, vermutlich aus Quito, Ecuador, hat diese berühmte Szene in Stein verewigt. Man sieht Jesus gen Himmel schweben, zahlreiche Hände versuchen noch, nach ihm zu greifen.

In Cusco erklärte mir ein katholischer Geistlicher: »Vor rund 2000 Jahren hofften Jesu Anhänger, ihr Messias werde sie erlösen – von der Knechtschaft der Römer. Die Anhänger Atahualpas setzten ihre Hoffnungen in den letzten Herrscher der Inkas. Sie wurden aber enttäuscht. Atahualpa wurde – wie Jesus – hingerichtet. (3) Und das, obwohl die Inkas aus dem gesamten Reich gigantische Gold- und Silberschätze als »Lösegeld« herbeischafften. Herrlichste Kunstwerke aus Gold und Silber wurden tonnenweise zu Barren geschmolzen… etwa fünf Wochen lang! Man schätzt, dass rund 200 Tonnen Preziosen geraubt und vernichtet wurden. Aber die »zivilisierten« Spanier brachen ihr Versprechen, Atahualpa freizulassen. Sie befürchteten wohl mit Recht, der Inka-Herrscher Atahualpa könnte nach seiner Freilassung doch noch ein riesiges Heer aufstellen die entscheidende Schlacht gewinnen. Zahlenmäßig waren die Inka-Truppen den spanischen haushoch überlegen. Aus Sicht der Spanier war Inka-General Ruminahui.


Mauerreste eines angeblichen Palasts von Atahualpa.
Foto Walter-Jörg Langbein

Gold- und Silberschätze trafen auch nach der Ermordung Atahualpas aus allen Teilen des riesigen Reiches ein. Unzählige Karawanen mit unvorstellbaren Reichtümern schafften gewaltige Gold- und Silbermengen zu den spanischen Verbrechern. Noch so mancher Transport wurde in entlegenen Regionen des Inkareichs beladen und losgeschickt, als die Spanier ihren Gefangenen nach einem Scheinprozess längst ermordet hatten. So trafen weiter Teile des Lösegeldes ein, sollen aber noch rechtzeitig vor den Spaniern versteckt worden sein! Aber wo?

In den kilometerlangen unterirdischen Gängen von Cusco, zum Beispiel. Noch heute soll es ein gigantisches Netz von unterirdischen Tunneln geben: unter der alten Stadt Cusco ebenso wie im Umfeld der alten Metropole. Aus Zeiten der spanischen Eroberung sind Berichte überliefert. Demnach sollen einzelne Zeugen in der mysteriösen Unterwelt tatsächlich Gold- und Silberschätze aus Atahualpas Lösegeld gesehen haben.


Einige der Pyramiden von Cochasqui, Ecuador.
Foto Walter-Jörg Langbein

Es gab leider offenbar schon vor Jahrhunderten das Gerücht, die mysteriösen Pyramiden von Cochasquí in Ecuador würden in ihrem Inneren unvorstellbare Kostbarkeiten bergen. Cochasquí liegt rund 50 Kilometer nördlich von Quito, Ecuador, in der Pichincha-Provinz – in einer Höhe von 3100 Metern über dem Meeresspiegel.

Pyramide mit »Narbe«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Gerücht führte dazu, dass teilweise mit brachialer Gewalt Schatzsucher den Pyramiden von Cochasquí zu Leibe rückten. Fünfzehn Pyramiden-Stümpfe und etwa genau so viele Grabstätten sind von Archäologen katalogisiert worden. Wie mir ein katholischer Geistlicher schmunzelnd erzählte, suchen seit Jahrhunderten Archäologen und Grabräuber um die Wette. Gold und Silber wurden bislang so gut wie nicht gefunden. »Pyramide 9« machte auf mich einen besonders traurigen Eindruck. Es sieht so aus, als habe man ihr mit einem riesigen Messer eine klaffende Wunder zugefügt. Hier waren Grabräuber, keine Archäologen, am Werk. Zu ihrer großen Enttäuschung stießen sie aber nur auf massives Mauerwerk. Und das diente nicht als Schutz für Preziosen aus Inkazeiten, sondern als inneres »Skelett«, das dem künstlichen »Berg« Halt verleihen sollte.

Zu welchem Zweck wurden die Pyramiden von Cochasquí gebaut? Archäologie war oft  von Doktrinen bestimmt. So galten die Pyramiden Ägyptens als Grabanlagen, die von Mexiko als Plattformen für Tempel. Es zeigte sich allerdings, dass eine Stufenpyramide einen Tempel tragen und eine Gruft enthalten kann (bekanntes Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexiko).


 »Tempel der Inschriften«, Palenque, Foto W-J.Langbein
  



Die Pyramiden von Cochasquí erinnern am ehesten an die Bauten von Mexiko. Sie sind oben flach. Als Grabanlagen dienten sie offenbar nie. Runde Grabbauten gab es separat von den Pyramiden. Zum Teil führten eins recht lange Rampen nach oben auf die abgeplatteten Pyramiden. Die längste Rampe dürfte fast 300 Meter gemessen haben. Ein derart langer Weg auf eher niedrige Pyramiden macht keinen praktischen Sinn.

Mich erinnert diese Bauweise an Observatorien im Alten Indien. Dort beobachteten und studierten Priester-Astronomen die Planeten unseres Sonnensystems, aber auch ferne Sterne. Trotz der Verwüstung der Pyramiden von Cochasquí konnte inzwischen bewiesen werden, dass zumindest einige der mysteriösen Bauwerke ganz eindeutig astronomische Bedeutung hatten. Es wurden von den Pyramidenbauern astronomische Beobachtungen durchgeführt, laut Lehrmeinung auch um einen möglichst präzisen Kalender erstellen zu können. Die langen Rampen waren offenbar erforderlich, um unter einem bestimmten Winkel zu bestimmten Zeiten Planeten und Sterne anzupeilen.

Cochasquí muss ein ganz besonderer Ort gewesen sein. Wer heute zu Fuß das weiträumige Areal ergründet, erahnt, wie riesig es einst gewesen sein muss ... Und wie eindrucksvoll! Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.


Eine der gut erhaltenen Pyramiden von Cochasqui. 
Foto Walter-Jörg Langbein


Unzählige Pyramiden mit langen schmalen Rampen waren auf dem rund 100 Hektar großen Gebiet verteilt. Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.

Einigkeit herrscht weitestgehend: Einst widmeten sich die Wissenschaftler von Cochasqui der Astronomie. Von den Pyramidenplattformen starrten sie in den Himmel, peilten Gestirne und Planeten an. Wie? Sie müssen eigentlich schon über  Hilfsmittel zur Anpeilung von Planeten und Sternen gehabt haben, vielleicht gar Fernrohre! Unwillkürlich muss ich an die Steingravuren aus dem Museum von Prof. Dr. Javier Cabrera denken. Nach Prof. Dr. Cabrera stammen diese Darstellungen aus der Vorinkazeit. Offiziell gelten sie aber als Fälschungen.

»Sterngucker«, Sammlung Cabrera,
Foto Walter-Jörg Langbein

Aber wo lebten die Menschen von Cochasquí, die Gelehrten, die Geistlichen, die Arbeiter? Von ihren Quartieren wurde bislang keine Spur gefunden. Nach Carl Niemann, Dresden, gab es schon vor Jahrtausenden in Südamerika eine ausgesprochen hoch entwickelte Astronomie. Diese Gelehrten peilten nicht nur – zum Beispiel – die Plejaden an, sondern auch die dunklen Zonen unserer Milchstraße. Auch die ältesten Grundmauern von Cusco sind, so Carl Niemann, astronomisch ausgerichtet. Warum? Vermutlich spielten die Sterne eine bedeutende Rolle, bei den Inkas, aber auch schon bei deren Vorfahren.

Mysteriöser Pyramiden-Schacht (li),  
Massives Mauerwerk in einer der Pyramiden (re) 
Fotos: Ingeborg Diekmann



Aus Kostengründen wurde erst ein kleiner Teil der Pyramiden von Cochasquí wirklich archäologisch untersucht. Massives Mauerwerk wurde in einer der Pyramiden freigelegt. Ein massiver Schacht wurde gegraben ... von Grabräubern? Von Archäologen? Oder stammt er gar von den Erbauern der Pyramiden? Viele Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben ...

Auch in Ecuador habe ich vor Ort immer wieder festgestellt, dass alte Glaubensvorstellungen aus Zeiten lange vor der »Christianisierung« nur offiziell in Vergessenheit geraten sind. Tatsächlich  werden aber auch heute noch neben Jesus und seiner Mutter Maria, der Himmelskönigin, alte Gottheiten wie Pacha Mama und Pacha Papa verehrt und angebetet. Die Priester vor Ort haben es in der Regel längst aufgegeben, gegen vermeintlich »heidnisches« Brauchtum anzukämpfen. Sie dulden die Verehrung der alten Muttergöttin, solange die Anhänger auch getauft sind. Dann werden Kerzen für Maria und für Pacha Mama angezündet.

Jesus von Cochasqui.
Foto Ingeborg Diekmann
Mein Informant, ein katholischer Geistlicher: »Es wird wohl noch Jahrhunderte dauern, bis der alte Glauben vergessen sein wird, bis sich der Katholizismus wirklich durchsetzen wird. Ich freue mich schon, wenn heidnischen Kulten etwas versteckt und heimlich gefrönt, dem Katholizismus öffentlich gehuldigt wird. Mir ist klar, dass für die Menschen hier kein Widerspruch besteht zwischen alten und neuen Riten. Manchmal werde ich sogar zu heimlichen Kulthandlungen eingeladen. Das sehe ich als großen Vertrauensbeweis an!«

In Rom, so versicherte mir der Priester, interessiert das niemanden. Da zählt nur die Zahl in der Statistik. Man will möglichst viele Gläubige der eigenen Konfession vorweisen können, sprich Katholiken. Dass so mancher Nachkomme der Inkas kein echter Katholik ist, sondern auch noch an alte Göttinnen und Götter glaubt, erfährt dort niemand, zumindest nicht offiziell.




Die Wunde in der Pyramide ... 
Foto Walter-Jörg Langbein
 Fußnoten
1) Evangelium nach Markus Kapitel 19,
Vers 19
2) 1. Petrus Brief Kapitel 3, Vers 22
3) Siehe hierzu Prem, Hanns J.:
»Geschichte Altamerikas«, Oldenbourg
Wissenschaftsverlag 2007,
besonders Kapitel 8!







216. Maria-Mama, Pacha-Mama
Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 09.03.2014


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Sonntag, 16. Februar 2014

213 »Phallus und Göttin«

Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Landkarte mit Hinweis auf Chucuito
(wiki commons/ gemeinfrei)




Von Puno bis Chucuito sind es nur 18 Kilometer. Ich legte die kurze Strecke in einem Taxi zurück. Die Fahrt war atemberaubend, weniger wegen der schönen Landschaft, sondern wegen des Fahrstils meines Chauffeurs. Der versuchte offenbar, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Der Mann könnte ohne Probleme gefährliche Stunts in einem Film übernehmen. Meine Empfehlung: Entweder mit dem Bus fahren, das schont Nerven und ist sehr viel sicherer. Oder man bietet dem Taxifahrer den doppelten Fahrpreis an, wenn er auf riskante Manöver verzichtet ...

Chucuito, am Titicacasee gelegen, hat eine glanzvolle Vergangenheit. Es war einst eine Metropole der Inka und der Lupaca.  Auch die Spanier maßen dem uralten Ort große Bedeutung zu. Chucuito blieb die Hauptstadt der Region. Die Spanier bauten imposante Kirchen im kleinen Fischerdorf: »Iglesia de Nuestra Senora de la Asuncion« und »Iglesia Santo Domingo«. Wer auch immer in den Gotteshäusern predigt, wettert gewöhnlich gegen das »Sodom und Gomorrha« von Chucuito ...

(Die Maria von Chucuito. Foto Wiki commons, Foto Leon Petrosyan)


Der Stein des Anstoßes ist eher unscheinbar, heute zumindest ... »Inca Uyo«. Leicht übersieht man die Mauer aus glatt polierten Steinen. Das steinerne Geviert hat – ich habe selbst ein Maßband angelegt – eine Länge von zwanzig und eine Breite von zehn Metern. Und doch muss dieses kleine Mauerwerk vor rund einem halben Jahrtausend für Nachkommen der Inkas und Lupacas immer noch so wichtig gewesen sein, dass die Spanier es nicht abzureißen wagten.

(Der Verfasser wird von jungen Verkäufern bestürmt.
Foto Ingeborg Diekmann)

Ich erinnere mich an meinen Besuch im »Inca Uyo«-Tempel. Zwei kleine Kinder boten mir und meinen Begleitern kleine gestrickte Fingerpuppen an. Zunächst wollten sie pro Fingerpuppe einen Dollar kassieren. Ich zögerte, und schon sank der Preis auf die Hälfte. Ich zückte schon meinen Geldbeutel, um einige der kleinen innig fein gestrickten Minitierchen zu  erwerben, da strömten schon die nächsten kleinen Händler ins Tempelareal. Sie boten zehn Püppchen für einen Dollar. Der Preis erschien mir als zu niedrig für die wirklich schönen kleinen Kunstwerke aus bunter Wolle. Also machte ich ein Angebt: Fünf Minifingerpüppchen für zwei Dollar.

Kaum stand mein Angebot, war ich von Kindern unterschiedlichster Größe umringt, die mir alle schreiend und lachend ihre Ware anboten ... Fingerpüppchen in Gestalt von Löwen, Schildkröten, Hühnern, Affen, Pferden. Ich glaube, ich habe die Produktion von Wochen, wenn nicht gar Monaten aufgekauft ... Der Handel blühte an jenem Tag im Areal des »Inca Uyo«-Tempels. Warum wird der kleine »Hof« im Mauerwerk von der christlichen Geistlichkeit als ein »Sodom und Gomorrha« verabscheut? Es sind die Phallusse unterschiedlicher Größen, die wie Steinpilze aus dem Boden wachsen.

(Phallusse in allen Größen ...
Foto: Walter-Jörg Langbein)
»Diese unzüchtigen Steine müssen zerschlagen werden!«, hatte ein Professor vom Fachbereich »Altes Testament« gewettert, als wir bei meinen Vorbereitungen für den Besuch in Chucuito auf den geheimnisvollen »Inka-Tempel« zu sprechen kamen. »Dort wird das männliche Genital in unziemlicher Weise dargestellt! Zerschlagen müsste man diese Obszönitäten!« Rechts und links vom schmalen Eingang des Mauerwerks steht je ein steinerner Phallus. Mich erinnern sie an die beiden Säulen »Jachin« und »Boas« am Eingangstor zum Tempel von Jerusalem (1).

Aber sind die steinernen Phalli wirklich Obszönitäten, wie der gelehrte Theologe evangelisch-lutherischen Glaubens meinte? Die vielleicht ältesten »Phalli« gehörten im »Alten Indien« zu den heiligsten Symbolen. Eine uralte Überlieferung erklärt ihre wahre Bedeutung:

Im »Alten Indien« stritten sich einst die Götter, wer von ihnen denn der Höchste sei. Sie konnten sich nicht einigen. Da tauchte gerade noch rechtzeitig am Himmel eine riesige Feuersäule auf. Die war so riesig, dass selbst Gott Brahma nicht an ihr oberes Ende fliegen konnte. Und Gott Vishnu gelang es nicht,  bis zum unteren Ende vorzudringen. Das obere Ende ragte weit in den Himmel, das untere Ende weit in die unergründlichen Tiefen des Meeres.

Schließlich öffnete sich die Feuersäule ... und in ihr erschien Gott Shiva, der Höchste aller Götter. Die Feuersäule Shivas, so heißt es, war die Urform des altindischen Linga(m). Bis heute wird er in Stein und Holz nachgebildet und nach wie vor vordergründig sexistisch missverstanden. Dabei kennen wir Gott Shiva unter anderem Namen aus dem »Alten Testament« ....

Auch wenn es bibelfromme Christen abstreiten, so kennen wir Shivas »Lingam« aus der Bibel. Gott Shiva erschien in der Feuersäule, der biblische Gott Jahwe erschien in der Feuersäule (2): »Und Jahwe zog vor ihnen her … des Nachts in einer Feuersäule.« Wie sich doch die Bilder gleichen!


(Foto: Walter-Jörg Langbein. Aufgenommen in Konarak, Indien)

Scheinbar »erotische« Darstellungen in alten indischen Tempeln wurden von Missionaren vor Jahrhunderten als »sündhaft unsittlich« gesehen. Es gab Überlegungen, die Kunstwerke zu zerstören, was aber zum Glück unterblieb. Wenn sich Göttinnen und Götter vereinen, steht dies für etwas Heiliges. Es geht nicht um akrobatischen Sex, sondern um das Miteinander der Kräfte, um den ewigen Kreislauf des Lebens.

Betrachtet man die »Phalli« von Chucuito genauer, so stellt man fest, dass es zwei »Modelle« gibt. Die einen stehen in steinerner Pracht da. Die anderen wurden mit der Spitze nach unten eingegraben. Warum? Die Spitze der einen weist ins Erdinnere, ins Reich der Pacha Mama. Die Spitze der anderen verbindet die Erde mit dem himmlischen Reich des Sonnengottes Inti. Wie sich doch die Bilder gleichen! Der Linga(m) Shivas reichte aus den Tiefen des Meeres in den Himmel. Die »Phalli« von Chucuito verbinden das Reich der Muttergöttin mit den Gefilden des männlichen Sonnengottes!

Im »Heiligen Land« der Bibel war Jahwe keineswegs immer der einsame, alleinige Gott. Ihm zur Seite stand eine Göttin aus vorbiblischen Zeiten, Ascherah genannt. Über viele Jahrhunderte war die Göttin im Allerheiligsten des Tempels präsent. Je mehr Anerkennung Jahwe im Verlauf der Jahrhunderte als der Gott des »Heiligen Landes« zuteil wurde, desto heftiger wurde Göttin Ascherah bekämpft. So lesen wir im 5. Buch Mose (3): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes.«

Barbara Walker bringt es in ihrem viel beachteten Lexikon auf den Punkt (4): »Eine Zeit lang akzeptierte Ascherah den semitischen Gott El als ihren Geliebten. Sie war die Himmelskuh, er der Stier.« El war, was gern verdrängt wird, einer der vielen Beinamen des biblischen Jahwe. Kurios: Während sonst die »Säule« Symbol des männlichen Gottes ist, steht im Allerheiligsten von Jahwes Tempel der »Pfahl« für die Göttin.

Ascherah war dem bekanntesten Bibelübersetzer Martin Luther ein Dorn im Auge, so dass er den Namen »Ascherah« aus der Bibel verschwinden ließ. In den meisten neueren Übersetzungen aber ist Ascherah wieder an die Seite Jahwes zurück gekehrt. (5)

(Einige der Phallusse im Tempel.
Foto Leon Petrosyan. Wiki commons, gemeinfrei)

Inzwischen weiß man, dass die Mauern von Chucuito astronomische Bedeutung hatten.Verbindet man die beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem schmalen Eingang im Steingeviert, dann bilden eben diese beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem Eingang den exakten Schnittpunkt der Nord-Süd und Ost-West-Achse. Deshalb wird vermutet, dass »Inca Uyo« zur astronomischen Beobachtung diente (6).

20 mal 10 Meter misst das Mauergeviert von Chucuito. War es einst Teil eines weitaus größeren Komplexes? Ein Archäologe erklärte mir vor Ort, der »Phallus-Tempel« sei das zentrale Kernstück einer sakral-astronomischen Anlage gewesen. Man habe Sonne, Mond und Sterne beobachtet, wie die Mayas auf ihren Pyramiden und die Wissenden Indiens. Wie auch immer: Mit schmuddeligem Sex hat Chucuito ebenso wenig zu tun wie Shivas Linga(m) und Jahwes »Feuersäule«. Es geht um die Verbindung zwischen unten und oben, zwischen Himmel und Erde. Von einem »Fruchtbarkeitskult« ist immer wieder die Rede, wenn es um Chucuito geht.

Schon die ersten Missionare erkannten, wie wichtig den Menschen der Anden die »Heilige Mutter« war. Sie setzten Maria mit der alten Göttin gleich, was von den Inkas und ihren Nachfahren akzeptiert wurde. Was die Menschen – nicht nur in Peru – nicht verstanden, das war das Verbot, auch weiterhin zu Pacha Mama zu beten, ihr weiter zu huldigen. Dieses häufig mit grausamer Gewalt propagierte Verbot wurde nur oberflächlich befolgt.

Maria von Guadalupe.
Foto W-J.Langbein
Sowohl bei den Mayas als auch bei den Inkas ersetzte nach der Christianisierung Maria heidnische Göttinnen. Eines der wichtigsten Marienheiligtümer der Welt finden wir in Guadalupe, Mexico. Wo heute öffentlich Maria verehrt wird, wird auch heute noch zur Aztekengöttin Tonantzin gebetet. Und aus Pacha Mama wurde offiziell Maria, auch wenn heute noch Pacha Mama verehrt wird, gleichberechtigt mit Maria.

Pacha Mama war die personifizierte Mutter Erde, ihr Name lässt sich mit »Mutter Welt«, auch »Mutter Kosmos« übersetzen. War? 2008 wurde Pacha Mama in die Verfassung Ecuadors aufgenommen, als Prinzip »Leben im Einklang mit der Natur«.









Fußnoten
(1) Siehe 1. Buch der Könige Kapitel 7, Verse 13-22
(2) 2. Buch Mose Kapitel 13, Vers 21
(3) 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(4) Walker, Barbara: »Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 67
(5) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer«, München 2003, siehe Kapitel »Ascherah: Rückkehr einer Göttin«, S. 16-21!
(6) Schmidt, Kai Ferreira: »Peru Bolivien/ Handbuch für individuelles Reisen und Entdecken«, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Markgrönnigen 6/ 2000, S. 381

214. Vögel, Mythen, Fabelwesen
Teil 214 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 23.02.2014

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Sonntag, 9. Februar 2014

212 »Der ›Inka-Tempel‹ und Maria«

Teil 212 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Hinweis auf das Geheimnis von Otuzco.
Foto Walter-Jörg Langbein

Otuzco, Peru. Die mysteriöse Stätte liegt 8 Kilometer nordöstlich von Cajamarca. Wer von guter Kondition ist, kann von Cajamarca aus zu Fuß gehen. Einheimische weisen dem Wanderer gern den Weg. Aber Vorsicht ist geboten: Der Ort Otuzco liegt 2641 Meter über Normalnull. Die Kultstätte gar bei 2850 Metern über Null. Der in jedem Hotel, in jeder Pension, in Supermärkten, aber auch auf Märkten angebotene Mate-Tee hilft, mit der dünnen Luft der Anden besser zurecht zu kommen.

Löcher in der Felswand. Foto Walter-Jörg Langbein

Plötzlich stehen wir vor der eigenartigen Struktur. Die Felswand erinnert an eine Bienenwabe aus Stein. Bienen bauen ein Wabengebilde aus Wachs. Wie von einer Maschine gestanzt sehen die kleinen sechseckigen Zellen aus, in denen die fleißigen Bienen Honig und Pollen lagern, aber auch Bienenlarven aufziehen. Mit Honig gefüllte Zellen werden mit einer Wachsschicht verschlossen. Im Winter wollen sich die Bienen von ihrem Honig ernähren. Um an den Honig der Bienen zu kommen, entfernt der Imker diese Wachsschicht wieder...

Die Löcher in der Felswand erinnern mich an geöffnete Zellen einer Bienenwabe... aus Stein! Die mysteriöse Stätte trägt den Namen »Ventallias de Otuzco«, »Fenster von Otuzco«. Was verbirgt sich hinter den unzähligen kleinen Fenstern? Das heißt: Was befand sich einst hinter den Fenstern? »Die Inkas haben ihre Toten hier bestattet!«, heißt es. Das ist mehr als unwahrscheinlich. Warum sollten die Inkas nur bei Otuzco und Combayo (auch von Cajamarca gut zu erreichen) derartige Nekropolen geschaffen haben?

Ein Archäologe vor Ort berichtete mir von einer lokalen Überlieferung. Demnach fanden die Inkas die Fenster von Otuzco bereits vor. Sie enthielten Tote. Die Inkas, so heißt es weiter, holten die Leichname aus ihren Gräbern und funktionierten die  Begräbnisstätten um, in »collcas« (Quechua-Sprache)... als Lagerräume für Getreide.

Fenster, Fenster.. Höhleneingänge..
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Fenster  sind in der Regel rechteckig, manchmal quadratisch und haben eine Höhe von 50 bis 60 Zentimetern. Hinter den Fenstern schließen sich höhlenartige Räume an. Manche sind vergleichbar mit kleinen Zimmern, in die Tageslicht fällt. Andere sind geradezu unheimliche, schlauchartige, acht bis elf Meter lange Gänge. Welchem Zweck sie auch immer dienten: Als Getreidespeicher wie als Grabstätten waren die langen Gänge denkbar ungeeignet. Auch halte ich es für mehr als unwahrscheinlich, dass die Inkas just dort Getreide lagerten, wo zuvor Tote verwesten.

Einigkeit scheint inzwischen weitgehend in einem Punkt zu herrschen, nämlich dass die »Fenster« mit anschließenden »Räumen«, »Röhren« oder »Gängen« zu Zeiten der Inkas schon längst bestanden haben. Wer hackte die Zimmer, wer trieb die mysteriösen Tunnel in das nicht sonderlich harte Vulkangestein? Und warum? Die kleinen Räume sind sowohl als Krypten wie als Lager vorstellbar. Welchem Zweck aber dienten die Gänge, die nicht begehbar waren wegen ihrer geringen Höhe und Breite?

Es ist nicht schwer, Vulkangestein zu bearbeiten. Man kann mit einfachen Werkzeugen Gänge oder Räume anlegen. Mühsamer ist es allerdings eine Röhre von beispielsweise 60 mal 60 Zentimetern zehn Meter weit in weichem Gestein anzulegen. Dabei müssen die Bergleute auf dem Bauch liegend geschuftet haben. Je tiefer sie vordrangen, desto mühsamer wurde der Abtransport des herausgebrochenen Materials ins Freie, von der Luftzufuhr für die malochenden Arbeiter ganz zu schweigen. Und zu welchem Zweck schufteten sie?

Bizarre Felslandschaften säumen unseren Weg.
Foto Walter-Jörg Langbein

Mich erinnern diese mysteriösen Gänge an ganz ähnliche Anlagen in Deutschland, zum Beispiel in Bayern, an die sogenannten Schratzelhöhlen.

Ich selbst war vor Ort in Otuzco. Die zimmergroßen Räume waren überhaupt nicht spektakulär. Meine Neugier, eine der Röhren zu erkunden, war eigentlich groß, zumal nach örtlichen Überlieferungen der mutige Forscher auf ein weit verzweigtes Tunnelsystem stoßen soll, das viele Kilometer weiter zu uralten Kultstätten führen soll.

Mein Interesse war aber doch nicht groß genug, tatsächlich durch eines der »Fenster« zu kriechen. Vor Feuchtigkeit hätte ich mich nicht fürchten müssen. Ein Archäologe versicherte mir, dass die Erbauer der Anlage Rinnen in den Gängen angebracht haben. So wurden sie selbst bei starken Regenschauern nicht überschwemmt und blieben trocken. Dennoch verzichtete ich auf eine Erkundung. Die Vorstellung, bäuchlings zehn Meter weiter ins Ungewisse zu krabbeln, fand ich schon bedenklich, von der Rückkehr ans Tageslicht ganz zu schweigen.

»Wenn sie eine plausibel scheinende Erklärung suchen...«, schlug mir ein Archäologe vor Ort vor, »dann nennen Sie doch die Anlage in ihrer Gesamtheit einfach ›Inkatempel‹!« Ob ich ihn denn mit diesem Vorschlag namentlich zitieren dürfe. Der studierte Mann winkte lachend ab. »Nur das nicht! Vielleicht nutzten die Inkas tatsächlich Räume und Gänge zu kultischen Zwecken, wer weiß. Die ganze Gegend hier scheint so etwas wie heiliges Gebiet gewesen zu sein. Schon lange vor den Inkas.« Dank der konkreten Anweisungen des Archäologen und unserer beiden Führer kamen wir dann zu einer mysteriösen Höhle... nach einiger Anstrengung.


Unser Ziel: Eine »Zyklopenhöhle«.
Foto Walter-Jörg Langbein


Der Fußweg in scheinbar immer dünner werdender Luft führte uns durch eine bizarr anmutende, karge Gebirgslandschaft. Bald erspähten wir in der einen Vulkankegel.. unser Ziel. Der Vulkanstumpf wies einen Eingang auf, der ein wenig an die Höhle des Polyphem in der griechischen Odysseus-Sagenwelt erinnert. Die Hohle selbst diente kultischen Zwecken. Leider haben »kultivierte« Besucher aus der »zivilisierten« Welt Namen und sonstige Inschriften in die Höhlenwand kratzen müssen, wobei sei uralte Kunstwerke vollkommen zerstörten.


Im Inneren der Kulthöhle. Foto Walter-Jörg Langbein

Der Boden der Höhle wurde ganz offensichtlich penibel geglättet. Nischen wurden in den Wänden angebracht, in denen einst Statuetten gestanden haben mögen. Von »Muttergöttinnen« sprach der Archäologe vor Ort.

Der »gehörnte Teufel mit Schwanz«.
Foto Walter-Jörg Langbein

Halbwegs zu erkennen ist noch die Darstellung einer unheimlich wirkenden Gestalt, die womöglich vor Jahrtausenden an die Höhlenwand gemalt wurde.... Das Wesen kann aus christlicher Sicht als »gehörnter Teufel« mit Schwanz gesehen werden.

Wie lange Otuzco ein Zentrum auch von religiöser Bedeutung war? Wir wissen es nicht. Ob in der Höhle wirklich Muttergöttinnen verehrt wurden? Wir wissen es nicht. Es ist aber nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Weltweit ist zu beobachten, dass das Christentum just dort bedeutende Kirchen errichtete, wo zuvor heidnische Kulte betrieben wurden.

Abschied vom mysteriösen Otuzco. Foto: Walter-Jörg Langbein


Nach Otuzco -10 000 Einwohner – strömen am 15. Dezember Jahr für Jahr 100 000 gläubige Katholiken, um die »Virgen de la Puerta«  (»Jungfrau vor der Tür«) zu ehren! Otuzco ist das bedeutendste Marienheiligtums Nordperus. Angeblich tauchten anno 1674 Piraten vor Trujillo auf und plünderten einen Ort nach dem andern. Auch Otuzco war bedroht. Die Katholiken von Otuzco aber – so wird überliefert – stellten ihre Marienstatue vor das Stadttor. Die Piraten verzichteten darauf, Otuzco einzunehmen und zogen ab. Seither wird am 15. Dezember das große Fest der Maria von Otuzco zelebriert.

In einer Prozession wird die verehrte Statue der Gottesmutter durch die Straßen getragen. An den übrigen Tagen im Jahr befindet sich die Gottesmutterfigur aber nicht in der Kirche, sondern in einer Art Glasschrein außerhalb des Gebäudes auf einem Balkon. So können die Gläubigen jederzeit einen Blick auf ihre »Mamita« werfen. Ratsuchende bitten die stets prächtig gekleidete Marienfigur um Hilfe. Vor wichtigen Entscheidungen wenden sie sich an »Mamita« und glauben aus ihren Augen eine Antwort ablesen zu können.

»Virgen de la Puerta«. Foto gemeinfrei
Wie mag der Kult um die »Virgen de la Puerta« entstanden sein? Ob es die plündernden Piraten wirklich gegeben hat? Historisch verbürgt ist die Legende nicht.

Die Erzdiözese Freiburg ist mit der Kirche von Otuzco partnerschaftlich verbunden. Reinhold Nann, Freiburger Diözesenpriester, Pfarrer von Trujillo, geht davon aus, dass mit der Christianisierung in Peru ein Wechsel stattgefunden hat. Die von den »Heiden« verehrte Muttergöttin Pacha Mama wurde durch »Virgen de la Puerta« ersetzt. So sollte den Nachkommen der Inka der Wechsel zum Christentum erleichtert, die alte Religion mit Pacha Mama vergessen werden.







213. Phallus und Göttin
Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 16.02.2014



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