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Sonntag, 31. Juli 2016

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«

Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm
Fischkutter tuckeln aufs Meer hinaus. Wir sehen abgearbeitete, arm gekleidete Fischer. Aber die Augen der Menschen strahlen. Freudig werden wir begrüßt, wo wir Pause machen.

Hier sind wir Bleichhäutigen die Exoten. Immer wieder begegnen uns Schulklassen, die uns höflich und mit strahlendem Lächeln auf »Gruppenfotos mit Bleichgesichtern« bitten. Wir verstehen nicht, was sie sagen, aber ihre Gesten. 

Durch Meere aus Reisfeldern fahren wir, vorbei an Palmenhainen, von Kanchipuram nach Mahabalipuram. Der Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm (Foto 1) hat uns mächtig beeindruckt. Was erwartet uns in Mahabalipuram?

Auf den ersten Blick ist es nur ein ärmliches Fischerdorf. Was für ein Kontrast zur einstigen Metropole Kanchipuram. Aber warum wurde hier das größte Flachrelief der Welt mit der vom Himmel kommenden Göttin Ganga in den Stein gemeißelt? 400 Wesen – von der Maus bis zur Göttin – haben Künstler verewigt.

Wahre Künstler der Steinmetzkunst haben die fünf »Rathas« von Mahabalipuram geschaffen. Die kleinen Tempel werden auf das 7. Jahrhundert datiert, vielleicht sind sie auch älter. Jedenfalls gelten sie als die ältesten freistehenden Sakralbauten Indiens. Rathas sind aus der indischen Mythologie bekannt. Übersetzen lässt sich die Bezeichnung »Rathas« mit »himmlische Wagen«. Jedes einzelne dieser himmlischen Gefährte wurde aus dem massiven Stein gehauen. Jeder einzige besteht aus einem einzigen Monolithen. Und jeder einzelne wurde von innen ausgehöhlt und außen hat man komplexe Verzierungen eingemeißelt. Da stehen Menschen – oder sollen es Göttinnen und Götter sein? – in Türen.

Foto 2: Rathas von Mahabalipuram

Foto 3: Ratha mit Tonnendach
Einer der Fünf, der größte, trägt ein »Tonnendach« (Foto 3). Offenbar wurde er nicht mehr vollendet. Seine »Türen« sind erst nur angedeutet, auf die Gestalten darin hat man verzichtet. Immer wieder habe ich die fünf in Stein nachgebildeten »Tempelwagen« umrundet. Mir kamen die Worte von Professor Dr. Dileep Kumar Kanjilal (* 1. August 1933 in Kalkutta) in den Sinn. Der Gelehrte, wohl einer der besten Sanskritkenner Indiens, hat ein wichtiges Werk über die Flugapparate im alten Indien verfasst, es trägt den Titel: »Vimana in Ancient India«. Es basiert auf einer Reihe von seinen Vorlesungen. Julia Zimmermann hat das Werk von Prof. Kanjilal ins Deutsche übertragen. Leider erschienen sowohl das Original (1) von Prof. Kanjilal als auch die Übersetzung von Julia Zimmermann nur als Privatdrucke in bescheidenen Auflagen (2).

Prof. Kumar Kanjilal ist zur Überzeugung gelangt, dass die ältesten Tempel Indiens Nachbildungen von Raumschiffen waren, die in prähistorischen Zeiten zur Erde kamen. Im »vedischen Zeitalter« (vorsichtig datiert: 1500-1000 v.Chr.) wurden in heiligen Büchern Flugmaschinen beschrieben und in Stein als Rathas verewigt. Sind also die fünf Rathas von Mahabalipuram nichts anderes als steingewordene Abbildungen von »himmlischen Streitwagen«? Bis heute steht eine vollständige Untersuchung der ältesten Epen Indiens im Hinblick auf die Beschreibung von Weltraumtechnologie aus. Das darf und kann nicht verwundern, bedankt man die ganze Bibliotheken füllenden Texte. Die meisten davon liegen noch nicht in Übersetzungen in heutige Sprachen vor. Und viele der »Übersetzungen« wiederum sind keine Wort für Wort vorgenommenen Übertragungen in eine heutige Sprache, sondern Nacherzählungen.

Foto 4: Tiere in Stein, Himmelswagen in Stein

Prof. Kumar Kanjilal zum Verfasser (3): »Betrachten Sie die Rathas nicht nur als kleine Räume der religiösen Versammlung. Sie sollen vielmehr an eine fantastische Vergangenheit erinnern!« Mag sein, dass wir im christlichen Europa bei »Gotteshaus« nur an ein praktisches Gebäude denken, dass Gläubigen ein Dach für ihre Zusammenkünfte bietet.

Foto 5: Noch ein steinerner Ratha
Was die »fünf Rathas« von Mahabalipuram angeht, so führte ich vor Ort einige interessante Gespräche mit Archäologen, die sich leider weigerten, ihre Aussagen auf Band bannen zu lassen. Sie gaben mir aber in angeregten Unterhaltungen zu verstehen, dass so gut wie nichts wirklich als gesichertes Wissen angesehen werden kann. So mag es sein, dass die »fünf Rathas« keine »Tempel« im eigentlichen Sinn waren, sondern nur Modelle. Jedes einzelne der fünf Gebäude ist in einem anderen Stil gebaut worden. Vielleicht haben hier auch nur werde »Tempelbaumeister« geübt?

Festzustehen scheint die Vorgehensweise (4) der indischen Baumeister vor mindestens 1300 Jahren. Sie wählten ein wahres Steinmonster aus, erklommen es und begannen, sich von oben nach unten vorarbeitend, einen steinernen Himmelswagen aus dem Monolithen heraus zu meißeln. Schließlich wurde er innen komplett ausgehöhlt.

Nach einem glühend heißen Tag zu so manchem Tempel des südlichen Indien sind wir am Meer angelangt. Unsere Reiseleiterin deutet mit dem Arm hinaus. In der Dunkelheit der Nacht ist die Koromandelküste zu hören und zu sehen. Im seit Jahrtausenden unveränderten Gleichklang der Wellen ahnt man, was Ewigkeit ist. Und die weiße Gischt der Wogen zeichnet den Verlauf des Strandes in die Finsternis. Gegen Himmel und Meer zeichnet sich der »Shore Temple«, der »Küstentempel«, ab. Er hieß einst (5) bei den Seefahrern »Sieben Pagoden«. Wie kann ein einzelner Tempel direkt am Strand so genannt werden?

Foto 6: Wer schaut da raus?
Vor Ort gab’s auf diese Frage immer die gleiche Antwort: Der heute einmalige Küstentempel war einst ein kleines Teilstück eines »kilometerlangen« Komplexes von insgesamt sieben Tempeln. Sechs dieser Kultbauten wurden im Verlauf der Jahrhunderte vom Meer verschlungen!

Ähnliche Geschichten habe ich schon wiederholt auf meinen Reisen gehört. So soll es auf dem Grund des Titicacasees uralte Ruinen geben. Von Süd- nach Nordamerika: Auf dem Grund des »Rock Lake«, östlich von Madison in Wisconsin, USA, wollen Taucher Pyramiden entdeckt haben. Erstmals gab es 1900 »Sichtungen« der künstlich geschaffenen Objekte. Claude und Lee Wilson waren mit dem Boot auf dem See unterwegs und erkannten – klimatische Besonderheiten hatten den Wasserspiegel erheblich sinken lassen –  »rechteckige Strukturen«, die eindeutig künstlich waren. In den folgenden Jahrzehnten wurde es zur Gewissheit. Taucher bestätigten künstliche Bauten auf dem Grund des Sees!

Mich beeindruckt besonders ein Bericht von Victor S. Taylor aus dem Jahr 1936 (6): »Vier Pyramiden auf dem Grund des Rock Lake entdeckt. Womöglich indianischen Ursprungs, vielleicht von den Azteken gebaut.« 1937 suchte und fand Tieftauchspezialist und Rekordtaucher Max Gene Nohl. Er fuhr mit einem kleinen Boot den See ab, schleppte eine primitive Suchvorrichtung hinter sich her, die aus einem langen Seil und einem massiven Eisengewicht bestand. Präzise notierte er einen besonderen Fund auf dem Grund des Rock Lake: »Die Pyramide hat die Gestalt eines gekippten Kegels. Oben befindet sich eine kleine, quadratische Plattform, Kantenlänge 1,4 Meter. Kantenlänge am Boden 5,43 Meter. Höhe 8,83 Meter. Offenbar besteht die Konstruktion aus glatten, in Mörtel gesetzten Steinen. Sie ist weitgehend von einem grünlichen Schaum überzogen, der sich aber leicht wegkratzen lässt, zum Teil treten die Steine offen zutage, sind dem Wasser direkt ausgesetzt.«

Foto 7: Startbereit?
Zurück nach Mahabalipuram. Der Küstentempel soll kärglicher Rest einer eins riesigen Anlage mit sieben Tempeln gewesen sein? Einheimische, vorwiegend Fischer, erzählen Seltsames, ja manchmal Fantastisches. Darf man ihre Hinweise als pure Fantasiegebilde abtun, nur weil sie manchmal neugierigen Touristen gegenüber gern arg übertreiben? Darf man sachliche Hinweise auf sechs versunkene Tempel als Lügengeschichten abtun, weil sie einem nicht ins Konzept von der Vergangenheit unseres Planeten passen?

Mark Twain formulierte (8): »Die Wirklichkeit ist seltsamer als Dichtung, aber das liegt daran, dass die Dichtung sich an Wahrscheinlichkeiten halten muss, die Wirklichkeit nicht.«

Fakt ist: Auch der letzte der sieben Tempel wäre wohl längst vom Meer zerstört worden. Selbst die normale Brandung hätte ihn im Verlaufe der letzten Jahrzehnte vollkommen ausgelöscht, wenn nicht mit massivem Aufwand und unter Einsatz gewaltiger Mengen von Material Schutzmaßnahmen ergriffen worden wären. Und neueste Forschungsergebnisse beweisen: Sechs Küstentempel sind tatsächlich vom Meer verschlungen worden!

Foto 8: Der mysteriöse Küstentempel um 1915
Fußnoten

1) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Sanskrit Pustar Bhandar, Calcutta, o.J.
2) Kanjilal, Prof. Dr. Dileep Kumar: »Vimana in Ancient India. Aeroplanes or Flying Machines in Ancient India«, Übersetzung aus dem Englischen von Julia Zimmermann, Bonn 1991, Archiv Langbein, Artikel-Nr. 1317b
3) Das Gespräch fand am 16. Juni 1979 statt, und zwar am Rande der Weltkonferenz der »Ancient Astronaut Society« in München. Prof. Kanjilal hielt einen vielbeachteten Vortrag. Auch ich referierte auf der Tagung. Mein Thema: »Die Sache mit den (biblischen) Urtexten«.
4) Malarvannan, Apoorva: »The Life of Mahabalipuram/ Pulsing Stories Trapped in Stone«, eBook Version 1.0 – Amazon Edition, publication date September 21 2014, Pos. 618, Pos. 674 u.a.
5) ebenda, Pos. 220
6) Langbein, Walter-Jörg: »Bevor die Sintflut kam«, München 1996, siehe Unterkapitel »Ein Paradoxon wird entdeckt« und »Wer suchet, der findet …«, Seiten 16-2. Zitat S. 17, Zeilen 6-8 von oben
7) ebenda, Seite 18
8) Twain, Mark: »Unterwegs: Aus Querkopf Wilsons Neuem Kalender«, Eulen Spiegel Verlag, S. 116

Foto 9: Der letzte Küstentempel muss geschützt werden.
Zu den Fotos

Foto 1: Der Ekambareswara-Tempel mit seinem Turm. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Rathas von Mahabalipuram. Foto wikimedia commons/ Kiwiodysee
Foto 3: Ratha mit Tonnendach. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tiere in Stein, Himmelswagen in Stein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Noch ein steinerner Ratha. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wer schaut da raus? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Startbereit? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der mysteriöse Küstentempel um 1915. Foto gemeinfrei
Foto 9: Der letzte Küstentempel muss geschützt werden. Foto Walter-Jörg Langbein

342 »Die Göttin und die sieben Tempel«,
Teil 342 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 7.08.2016


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Sonntag, 16. Februar 2014

213 »Phallus und Göttin«

Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Landkarte mit Hinweis auf Chucuito
(wiki commons/ gemeinfrei)




Von Puno bis Chucuito sind es nur 18 Kilometer. Ich legte die kurze Strecke in einem Taxi zurück. Die Fahrt war atemberaubend, weniger wegen der schönen Landschaft, sondern wegen des Fahrstils meines Chauffeurs. Der versuchte offenbar, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Der Mann könnte ohne Probleme gefährliche Stunts in einem Film übernehmen. Meine Empfehlung: Entweder mit dem Bus fahren, das schont Nerven und ist sehr viel sicherer. Oder man bietet dem Taxifahrer den doppelten Fahrpreis an, wenn er auf riskante Manöver verzichtet ...

Chucuito, am Titicacasee gelegen, hat eine glanzvolle Vergangenheit. Es war einst eine Metropole der Inka und der Lupaca.  Auch die Spanier maßen dem uralten Ort große Bedeutung zu. Chucuito blieb die Hauptstadt der Region. Die Spanier bauten imposante Kirchen im kleinen Fischerdorf: »Iglesia de Nuestra Senora de la Asuncion« und »Iglesia Santo Domingo«. Wer auch immer in den Gotteshäusern predigt, wettert gewöhnlich gegen das »Sodom und Gomorrha« von Chucuito ...

(Die Maria von Chucuito. Foto Wiki commons, Foto Leon Petrosyan)


Der Stein des Anstoßes ist eher unscheinbar, heute zumindest ... »Inca Uyo«. Leicht übersieht man die Mauer aus glatt polierten Steinen. Das steinerne Geviert hat – ich habe selbst ein Maßband angelegt – eine Länge von zwanzig und eine Breite von zehn Metern. Und doch muss dieses kleine Mauerwerk vor rund einem halben Jahrtausend für Nachkommen der Inkas und Lupacas immer noch so wichtig gewesen sein, dass die Spanier es nicht abzureißen wagten.

(Der Verfasser wird von jungen Verkäufern bestürmt.
Foto Ingeborg Diekmann)

Ich erinnere mich an meinen Besuch im »Inca Uyo«-Tempel. Zwei kleine Kinder boten mir und meinen Begleitern kleine gestrickte Fingerpuppen an. Zunächst wollten sie pro Fingerpuppe einen Dollar kassieren. Ich zögerte, und schon sank der Preis auf die Hälfte. Ich zückte schon meinen Geldbeutel, um einige der kleinen innig fein gestrickten Minitierchen zu  erwerben, da strömten schon die nächsten kleinen Händler ins Tempelareal. Sie boten zehn Püppchen für einen Dollar. Der Preis erschien mir als zu niedrig für die wirklich schönen kleinen Kunstwerke aus bunter Wolle. Also machte ich ein Angebt: Fünf Minifingerpüppchen für zwei Dollar.

Kaum stand mein Angebot, war ich von Kindern unterschiedlichster Größe umringt, die mir alle schreiend und lachend ihre Ware anboten ... Fingerpüppchen in Gestalt von Löwen, Schildkröten, Hühnern, Affen, Pferden. Ich glaube, ich habe die Produktion von Wochen, wenn nicht gar Monaten aufgekauft ... Der Handel blühte an jenem Tag im Areal des »Inca Uyo«-Tempels. Warum wird der kleine »Hof« im Mauerwerk von der christlichen Geistlichkeit als ein »Sodom und Gomorrha« verabscheut? Es sind die Phallusse unterschiedlicher Größen, die wie Steinpilze aus dem Boden wachsen.

(Phallusse in allen Größen ...
Foto: Walter-Jörg Langbein)
»Diese unzüchtigen Steine müssen zerschlagen werden!«, hatte ein Professor vom Fachbereich »Altes Testament« gewettert, als wir bei meinen Vorbereitungen für den Besuch in Chucuito auf den geheimnisvollen »Inka-Tempel« zu sprechen kamen. »Dort wird das männliche Genital in unziemlicher Weise dargestellt! Zerschlagen müsste man diese Obszönitäten!« Rechts und links vom schmalen Eingang des Mauerwerks steht je ein steinerner Phallus. Mich erinnern sie an die beiden Säulen »Jachin« und »Boas« am Eingangstor zum Tempel von Jerusalem (1).

Aber sind die steinernen Phalli wirklich Obszönitäten, wie der gelehrte Theologe evangelisch-lutherischen Glaubens meinte? Die vielleicht ältesten »Phalli« gehörten im »Alten Indien« zu den heiligsten Symbolen. Eine uralte Überlieferung erklärt ihre wahre Bedeutung:

Im »Alten Indien« stritten sich einst die Götter, wer von ihnen denn der Höchste sei. Sie konnten sich nicht einigen. Da tauchte gerade noch rechtzeitig am Himmel eine riesige Feuersäule auf. Die war so riesig, dass selbst Gott Brahma nicht an ihr oberes Ende fliegen konnte. Und Gott Vishnu gelang es nicht,  bis zum unteren Ende vorzudringen. Das obere Ende ragte weit in den Himmel, das untere Ende weit in die unergründlichen Tiefen des Meeres.

Schließlich öffnete sich die Feuersäule ... und in ihr erschien Gott Shiva, der Höchste aller Götter. Die Feuersäule Shivas, so heißt es, war die Urform des altindischen Linga(m). Bis heute wird er in Stein und Holz nachgebildet und nach wie vor vordergründig sexistisch missverstanden. Dabei kennen wir Gott Shiva unter anderem Namen aus dem »Alten Testament« ....

Auch wenn es bibelfromme Christen abstreiten, so kennen wir Shivas »Lingam« aus der Bibel. Gott Shiva erschien in der Feuersäule, der biblische Gott Jahwe erschien in der Feuersäule (2): »Und Jahwe zog vor ihnen her … des Nachts in einer Feuersäule.« Wie sich doch die Bilder gleichen!


(Foto: Walter-Jörg Langbein. Aufgenommen in Konarak, Indien)

Scheinbar »erotische« Darstellungen in alten indischen Tempeln wurden von Missionaren vor Jahrhunderten als »sündhaft unsittlich« gesehen. Es gab Überlegungen, die Kunstwerke zu zerstören, was aber zum Glück unterblieb. Wenn sich Göttinnen und Götter vereinen, steht dies für etwas Heiliges. Es geht nicht um akrobatischen Sex, sondern um das Miteinander der Kräfte, um den ewigen Kreislauf des Lebens.

Betrachtet man die »Phalli« von Chucuito genauer, so stellt man fest, dass es zwei »Modelle« gibt. Die einen stehen in steinerner Pracht da. Die anderen wurden mit der Spitze nach unten eingegraben. Warum? Die Spitze der einen weist ins Erdinnere, ins Reich der Pacha Mama. Die Spitze der anderen verbindet die Erde mit dem himmlischen Reich des Sonnengottes Inti. Wie sich doch die Bilder gleichen! Der Linga(m) Shivas reichte aus den Tiefen des Meeres in den Himmel. Die »Phalli« von Chucuito verbinden das Reich der Muttergöttin mit den Gefilden des männlichen Sonnengottes!

Im »Heiligen Land« der Bibel war Jahwe keineswegs immer der einsame, alleinige Gott. Ihm zur Seite stand eine Göttin aus vorbiblischen Zeiten, Ascherah genannt. Über viele Jahrhunderte war die Göttin im Allerheiligsten des Tempels präsent. Je mehr Anerkennung Jahwe im Verlauf der Jahrhunderte als der Gott des »Heiligen Landes« zuteil wurde, desto heftiger wurde Göttin Ascherah bekämpft. So lesen wir im 5. Buch Mose (3): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes.«

Barbara Walker bringt es in ihrem viel beachteten Lexikon auf den Punkt (4): »Eine Zeit lang akzeptierte Ascherah den semitischen Gott El als ihren Geliebten. Sie war die Himmelskuh, er der Stier.« El war, was gern verdrängt wird, einer der vielen Beinamen des biblischen Jahwe. Kurios: Während sonst die »Säule« Symbol des männlichen Gottes ist, steht im Allerheiligsten von Jahwes Tempel der »Pfahl« für die Göttin.

Ascherah war dem bekanntesten Bibelübersetzer Martin Luther ein Dorn im Auge, so dass er den Namen »Ascherah« aus der Bibel verschwinden ließ. In den meisten neueren Übersetzungen aber ist Ascherah wieder an die Seite Jahwes zurück gekehrt. (5)

(Einige der Phallusse im Tempel.
Foto Leon Petrosyan. Wiki commons, gemeinfrei)

Inzwischen weiß man, dass die Mauern von Chucuito astronomische Bedeutung hatten.Verbindet man die beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem schmalen Eingang im Steingeviert, dann bilden eben diese beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem Eingang den exakten Schnittpunkt der Nord-Süd und Ost-West-Achse. Deshalb wird vermutet, dass »Inca Uyo« zur astronomischen Beobachtung diente (6).

20 mal 10 Meter misst das Mauergeviert von Chucuito. War es einst Teil eines weitaus größeren Komplexes? Ein Archäologe erklärte mir vor Ort, der »Phallus-Tempel« sei das zentrale Kernstück einer sakral-astronomischen Anlage gewesen. Man habe Sonne, Mond und Sterne beobachtet, wie die Mayas auf ihren Pyramiden und die Wissenden Indiens. Wie auch immer: Mit schmuddeligem Sex hat Chucuito ebenso wenig zu tun wie Shivas Linga(m) und Jahwes »Feuersäule«. Es geht um die Verbindung zwischen unten und oben, zwischen Himmel und Erde. Von einem »Fruchtbarkeitskult« ist immer wieder die Rede, wenn es um Chucuito geht.

Schon die ersten Missionare erkannten, wie wichtig den Menschen der Anden die »Heilige Mutter« war. Sie setzten Maria mit der alten Göttin gleich, was von den Inkas und ihren Nachfahren akzeptiert wurde. Was die Menschen – nicht nur in Peru – nicht verstanden, das war das Verbot, auch weiterhin zu Pacha Mama zu beten, ihr weiter zu huldigen. Dieses häufig mit grausamer Gewalt propagierte Verbot wurde nur oberflächlich befolgt.

Maria von Guadalupe.
Foto W-J.Langbein
Sowohl bei den Mayas als auch bei den Inkas ersetzte nach der Christianisierung Maria heidnische Göttinnen. Eines der wichtigsten Marienheiligtümer der Welt finden wir in Guadalupe, Mexico. Wo heute öffentlich Maria verehrt wird, wird auch heute noch zur Aztekengöttin Tonantzin gebetet. Und aus Pacha Mama wurde offiziell Maria, auch wenn heute noch Pacha Mama verehrt wird, gleichberechtigt mit Maria.

Pacha Mama war die personifizierte Mutter Erde, ihr Name lässt sich mit »Mutter Welt«, auch »Mutter Kosmos« übersetzen. War? 2008 wurde Pacha Mama in die Verfassung Ecuadors aufgenommen, als Prinzip »Leben im Einklang mit der Natur«.









Fußnoten
(1) Siehe 1. Buch der Könige Kapitel 7, Verse 13-22
(2) 2. Buch Mose Kapitel 13, Vers 21
(3) 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(4) Walker, Barbara: »Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 67
(5) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer«, München 2003, siehe Kapitel »Ascherah: Rückkehr einer Göttin«, S. 16-21!
(6) Schmidt, Kai Ferreira: »Peru Bolivien/ Handbuch für individuelles Reisen und Entdecken«, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Markgrönnigen 6/ 2000, S. 381

214. Vögel, Mythen, Fabelwesen
Teil 214 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 23.02.2014

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