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Sonntag, 28. August 2016

345 »Sprechende Steine«

Teil 345 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: Der »Sonnentempel« von Konarak

Die Kleinstadt Konarak, am »Golf von Bengalen« gelegen, ist gut von Puri zu erreichen. Wer den indischen Bundesstaat Odisha besucht, sollte unbedingt die Tempelanlage von Konarak einplanen. Die Bauarbeiten wurden vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich anno 1243 von König Narasimha Deva (1238–1264) in Auftrag gegeben. Bei meinem Besuch im November 1995 wurde emsig restauriert. Hunderte Arbeiter schufteten für wenig Geld nach altüberlieferten Methoden ohne heutige Geräte, verarbeiteten Materialien wie vor rund 1500 Jahren.

Vollendet wurde die sakrale Anlage nicht, sie wurde vor dem »Richtfest« bereits wieder aufgegeben, so wie die Tempelchen und das Riesenrelief von Mahabalipuram auch. Anno 1255 ließen die Arbeiter von heute auf morgen die Werkzeuge fallen, verließen die Baustelle, um nie wiederzukehren. 12.000 Steinmetze und weitere 12.000 hatten zwölf Jahre lang gewerkelt. Warum wurden die aufwändigen Arbeiten schlagartig abgebrochen, wie bei den Statuen der Osterinsel und den Bauwerken von Mahabalipuram am Strand von Mahabalipuram?

Fotos 3 und 4: Steinerne Räder am Sonnentempel

Wissenschaftler schätzen, dass der steinerne Tempel von Konarak eine Höhe von siebzig Metern erreichen sollte. Dazu kam es nicht. Nach dem heutigen Zustand der Bauruine zu urteilen wurde nur etwa die Hälfte des Tempels vollendet. Wie weit der Tempelturm schon in den Himmel ragte als er zur Bauruine wurde und schließlich einstürzte, wir wissen es nicht. Ähnliches gelingt ja heutigen »Baumeistern« bei berühmt berüchtigten Bauruinen wie jenen vom Flughafen in Berlin und vom Superbahnhof Stuttgart. Vielleicht sollten manche heutigen Objekte irgendwann auch aufgegeben und nicht mit weiteren Milliarden im Koma erhalten werden.

Vorschnell nennen wir mehr oder minder mysteriös anmutende Bauwerke weltweit »Tempel«. Der Ausdruck Tempel ist leicht irreführend. Eine christliche Kirche oder Kapelle wäre in diesem Sinne ebenso ein Tempel wie eine megalithische Anlage auf Malta oder eine Höhle in der Türkei. Im Fall des küstennahen  Kultbaus von Konarak ist der Sachverhalt klar: Das steinerne Monument stellt einen Wagen des Sonnengotts Surya dar, der auf 24 mächtigen Rädern aus Stein »rollt«. Die Räder sind – Durchmesser fast drei Meter – wesentlich größer als sie wirken. Sie sind äußerst grazil gearbeitet, sind detailreich geschmückt und könnten – auf den ersten Blick scheint das tatsächlich so – aus Holz geschnitzt sein.

Fotos 5 und 6: Fabelwesen, Tänzer aus Stein am Sonnentempel

Die 24 Räder sollen, so erzählte man mir vor Ort, für die 24 Stunden des Tages stehen, aber auch an einen Mondkalender erinnern. Die sieben steinernen Pferde, die den kolossalen Wagen des Sonnengottes zogen, sollen die sieben Tage der Woche versinnbildlichen, die acht Speichen jedes Rades zeigen angeblich die Zeiteinheiten an, in welche die Vorväter Tag und Nacht einteilten.« (1)

Der »Wagen des Sonnengottes« ist reich mit unglaublich detailreich herausgearbeiteten Halbreliefs versehen. Der Reiseführer von Marco Polo vermeldet (2): »In die … Mauern sind Blätter, Tiere, mystische Wesen, Musiker und Tänzer eingemeißelt. Zwei Löwen bewachen den Eingang. Auf jeder Seite des Tempels zertrampeln ein kolossaler Kriegselefant und ein Pferd gegnerische Krieger. Überlebensgroße Paare tanzen im erotischen Vorspiel.«

Im fast schon unüberschaubaren Getümmel der unterschiedlichsten Figuren werden die besonders interessanten Nagas leicht übersehen, besonders wenn man nur Augen für die erotischen Darstellungen hat. Nagas, »Schlangen«-Gottheiten, gibt es in verschiedenen Variationen: Manchmal treten sie als Mischwesen auf, als Mensch mit Schlangenkopf oder als Schlange mit Menschenkopf. Manchmal werden sie als vollständige Schlangen gezeigt. Es gibt aber auch Nagas mit Schlangenleib und mehreren Schlangenköpfen.

Fotos 7-9: Schlangengottheiten von Konarak (Mitte) und Mahabalipuram (rechts und links außen)

Die Schlangengottheiten haben magische Fähigkeiten. So können sie ihre Welt der Fabelwesen und der Zauberei verlassen und als Menschen die Welt von uns Sterblichen Besuchen. Das göttliche Schlangenwesen »Shesha« (»Bleibender«) hat eine für uns Menschen höchst bedeutsame Funktion: Es trägt die Welt. Ein weiteres Schlangenwesen ist »Ananta« (»Unendlicher«). Das göttliche Reptil ruht auf dem Milchozean und bietet dem göttlichen Vishnu Schutz, so dass der seinen kosmischen Schlaf genießen kann.

Im November 1995 bereiste ich mit einer kleinen Reisegruppe Südindien. Wir besichtigten zahlreiche Tempel und staunten, wie viele Tempel eigentlich Nachbildungen von Vehikeln waren. »Rathas« wurden sie oft genannt, »Götterwagen«. Immer wieder sahen wir Darstellungen von Schlangengottheiten, sorgsam in den Stein graviert, als Halbreliefs liebevoll herausgearbeitet. »Die Schlangenkraft wurde genutzt, um Götterwagen Kraft zu verleihen!«, behauptete unser Guide.

Durch missionierende Engländer sei viel in Vergessenheit geraten, erfuhr ich. »Heidnisches Brauchtum« war den Geistlichen ein Gräuel. Angeblich wird bis heute – und das schon Jahrhunderte lang – ein geheimes Wissen weitergereicht, oftmals nur in Familienclans. In einer Mittagspause wurde mir gestattet, ein »magisches Bild« abzuzeichnen, das an der Schwelle eines kleinen, familiären Restaurants angebracht war. Fotografieren durfte ich nicht. »Weil sonst der Zauber zerstört wird!« Worin der »Zauber« genau bestand, das erfuhr ich leider nicht. Auf alle Fälle würde er Positives bewirken, so hieß es.

Foto 10: Schlangenmagie heute
Mich erinnerte die in Kreide angefertigte Zeichnung an Schlangengottheiten, so wie sie besonders im Süden Indiens populär sind. Im himmlischen Fluss des Riesenreliefs von Mahabalipuram kommen zwei von ihnen aus überirdischen Sphären herab zur Erde, eine ist männlich, eine ist weiblich. Am Sonnentempel von Konarak sah ich mehrere dieser Paare, freilich nicht separat wie in Mahabalipuram, sondern innig ineinander verschlungen. An derlei Schlangenpaare erinnerte mich stark die gezeichnete »Magie« im Jahre 1995.

»Schlangen haben nichts Böses oder gar Teuflisches an sich bei uns!«, erfuhr ich von »meinem« Guide. »Schlangen bringen Glück. Von Pech verfolgt wird, wer eine Schlange verletzt oder gar tötet. Deshalb werden selbst hochgiftige Kobras, die in Wohnhäuser eindringen, so sanft wie möglich gefangen und entfernt vom Haus wieder freigelassen. Manche bedanken sich dabei überschwänglich bei den Schlangen für das Glück das sie ins Haus gebracht haben und ermuntern sie, nun doch anderen Mitmenschen ebenso Glück verheißende Besuche abzustatten.« Das »magische Zeichen« sei so etwas wie eine Einladung an die höchste Schlangengöttin, sie möge das auf besondere Weise gekennzeichnete Haus begünstigen und den Einwohnern Glück jeglicher Art zu schenken, auf dass alle gesund blieben, stets genug zu essen und reichlich gesunden Nachwuchs haben würden.

Indien gehört längst nicht mehr zum Commonwealth, die Engländer sind längst nicht mehr die eingebildeten Herren. Und doch wird selbst in wissenschaftlichen Kreisen, wenn auch versteckt, hochnäsig auf Indien herabgeblickt. Wissenschaftliche Kenntnisse wie in Sachen Astronomie seien erst anno 300 v.Chr. mit den Griechen ins Land gekommen. Dabei sollte längst auch offiziell bekannt sein, dass erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse in Indien auf »eigenem Mist« wuchsen. Nur wer es zumindest für möglich hält, dass modernste wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa um »Schwarze Löcher« im All oder die Bedeutung von Atomen – in Indien bereits vor Jahrtausenden bekannt waren, kann uralte wissenschaftliche Texte wirklich richtig übersetzen.

Ich bin davon überzeugt, dass »Heilige Bücher« Indiens Fakten überliefern, die nur als sensationell bezeichnet werden können. Dr. Hermann Burgard hat es für das Sumerische stichhaltig bewiesen: In »Tempelhymnen«, etwa 2300 v.Chr. entstanden, finden wir keineswegs nur fromme Gebete, sondern glasklare Beweise für Kontakte mit Außerirdischen vor Jahrtausenden. Da wird über die DI.IN.GIR, berichtet, zu Deutsch über »Entscheider, die sich mit Fluggeräten bewegen«. Vermeintliche Götter-Folklore erweist sich, dank des detektivischen Spürsinns von Dr. Hermann Burgard wissen wir das heute, als Quelle fantastischen Wissens, über Raumfahrt vor Jahrtausenden.

Fotos 11 und 12: »Bhima Ratha«, Mahabalipuram

Es ist an der Zeit, dass endlich altindische heilige Texte wie der Rigveda neu übersetzt werden, und zwar unter Einbeziehung heutigen Wissens in Sachen Wissenschaften, in Sachen Weltraumfahrt. Mit der Rigveda kann begonnen werden. Dann verstehen wir die Bedeutung der steinernen Götterfahrzeuge vielleicht zum ersten Mal wieder wirklich richtig. Dann erscheinen die heiligen Texte über Götterwagen  in einem ganz anderen Licht. Und dann erhalten die »kleinen« Tempelchen von Mahabalipuram, »rathas« genannt, eine ganz andere Bedeutung als »Götterwagen«. Heilige Texte und steinerne Bauwerke erzählen dann eine fantastisch an mutende Geschichte.

Es waren wahre Künstler, die die »Tempelchen« von Mahablipuram aus dem gewachsenen Fels meißelten. Sie hinterließen sprechende Steine, die uns fantastische Geschichten erzählen!

Fußnoten

Foto 13: Buchcover »Encheduanna«
(1) Marco Polo Redaktion: »Marco Polo Reiseführer Indien«, 2. aktualisierte Auflage, Ostfildern 1993, Seite 77, »Konarak«, rechte Spalte
(2) ebenda
(3) Burgard, Dr. Hermann: »Encheduanna/ Geheime Offenbarungen«, Groß-Gerau 2012 und Burgard, Dr. Hermann: » Encheduanna: Verschlüsselt - Verschollen - Verkannt. Tempelhymnen Nr. 20 - 42 mit neuen Geheimen Offenbarungen«, Groß-Gerau 2014

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Der »Sonnentempel« von Konarak. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Fotos 3 und 4: Steinerne Räder am Sonnentempel.
Fotos 5 und 6: Fabelwesen, Tänzer aus Stein am Sonnentempel.
Fotos 7-9: Schlangengottheiten von Konarak (Mitte) und Mahabalipuram (rechts und links außen).
Foto 10: Schlangenmagie heute. Zeichnung Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Bhima Ratha. Foros Archiv Walter-Jörg Langbein

346 »Der Herr des Unterwasserfahrzeugs«,
Teil 346 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 4.09.2016

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Sonntag, 25. Januar 2015

262 »Tempel des Teufels«

Teil 262 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1
»Das sind die Tempel des Teufels!«, zischte hasserfüllt der rundliche Mann. »Die Bilder, die Sie jetzt sehen, sind nicht misslungen! Sie sind nicht versehentlich unscharf…« Auf der kleinen Leinwand war in der Tat kaum etwas zu erkennen. Nur wenige Besucher hatten sich in den Nebenraum der Gastwirtschaft verirrt, um dem Vortrag »Tempel des Teufels« zu lauschen.

»Das sind die Tempel des Teufels!«, wiederholte der Referent. »Jeder Quadratzentimeter ist mit Gravuren, Schnitzwerk und Statuetten versehen. Es sind Bildnisse der Unzucht, mit denen uns Satanas in Versuchung führen will!« Weil er natürlich nicht die »unkeuschen Darstellungen« zeigen wolle, habe er die entsprechenden Dias fachkundig bearbeitet, so dass er nicht »Werbung für Hurerei« machen würde, vor der er doch nicht laut genug warnen könne.

»Was ist denn auf diesen Dias zu sehen, was wir nicht sehen dürfen?«, wollte ein Teilnehmer wissen. »Unkeusche, unzüchtige Werke des Teufels…«, antwortete der Referent. »Bilder der Wollust, die den sittsamen Menschen auf Abwege bringen sollen, die direkt auf breiter Straße in die Hölle führen!«

Nur wenige Neugierige waren zum Vortrag des Sektenpredigers gekommen. Der Nebenraum der Gastwirtschaft in einem Vorort von Nürnberg bot Platz für etwa 50 Personen. Nur fünfundzwanzig waren gekommen. Wie viele davon der Sekte angehörten, war nicht zu erkennen. Nachdem immer weiter völlig verschwommene Bilder gezeigt wurden, machte sich langsam Unmut breit. »Wenn es nichts zu sehen gibt.. unser Bier können wir auch woanders trinken…« Nach und nach verließen murrend unzufriedene Gäste den Raum.

Foto 2
 »Sie haben ja nicht viel darüber gesagt, wo sich diese… Darstellungen befinden…«, fragte ich. »In Indien!«, schleuderte mir der Referent entgegen. »Vor Jahrtausenden wurden dort diese hässlichen Bilder der Sünde geschaffen, um uns Christen in Versuchung zu führen!« Erst durch intensives Nachfragen konnte ich dem Sektenprediger entlocken, dass eine »Tempelanlage des Teufels« um 1250 im indischen Konarak am Golf von Bengalen entstand. König Narasimha Deva (gestorben 1264 unserer Zeitrechnung) soll den Auftrag erteilt haben. Unklar ist allerdings, ob die Tempelanlage überhaupt fertig gestellt wurde. Es mag sein, dass, aus welchen Gründen auch immer, der Bau schon vor Vollendung  aufgegeben wurde. Es mag aber auch sein, dass dies kurz nach Fertigstellung geschah und dass der Kultbau rasch zur Ruine verfiel.

35 Jahre sind seit jenem bemerkenswerten Diavortrag vergangen, der in strenger Selbstzensur immer nur Verschwommenes zeigte, wo Nacktes zu sehen gewesen wäre. Als ich damals – braver Student der evangelisch-lutherischen Theologie zu Erlangen – den Worten des Sektieres über die Versuchungen des Teufels lauschte, konnte ich mir nicht vorstellen, dereinst einmal selbst vor indischen Tempeln zu sehen, die in der Tat erotische Kunst in allen Varianten zeigten, mit präziser Kunstfertigkeit vor etwa einem Jahrtausend von Steinmetzen verewigt.

Foto 3

Der »Sonnentempel« von Konarak ist ein riesiges Göttervehikel aus Stein, das auf vierundzwanzig riesigen Steinrädern zu rollen scheint. Gezogen wurde es einst von steinernen Zugtieren, von denen allerdings nur noch spärliche Reste zu erahnen sind. Unzählige steinerne Plastiken zeigen Menschen bei sexuellen Handlungen.

Etwa 950 n.Chr. entstand der Lakshmana-Tempel. Zwanzig Jahre wurde an dem Monument gebaut. Hunderte Künstler müssen es gewesen sein, die hunderte Figuren schufen und an den Außenwänden des Tempels anbrachten. Ganz oben sind Göttinnen und Götter zu sehen. Darunter reihen sich erotische Darstellungen.  »Schöne Mädchen« und »himmlische Liebespaare« vergnügen sich akrobatisch-intim. Der Lakshmana-Tempel ist einer von zwanzig des Khajuraho-Tempelbezirks unweit von Khajuraho im indischen Bundesstaat Madya Pradesh.

Foto 4
Im Tempelbezirk steht auch der Kandariya-Mahadeva-Tempel, wie alle seine »Kollegen« auf einem steinernen Sockel. Vor Ort versicherte man mir, auf diese Weise habe man vor rund einem Jahrtausend die Kunstwerke an den Außenwänden der Tempel vor wilden Tieren schützen wollen. Der Kandariya-Mahadeva-Tempel, im frühen 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung entstanden, ist dem großen Gott Shiva geweiht. Shiva, auch »der Glückverheißende« genannt, seine Frau Parvati, und ihr Sohn Ganesha, bildeten als göttliche Dreiheit, die Dreifaltigkeit des Hinduismus, die »göttliche Familie«.

Shiva trug viele Namen. »Magadeva« war einer davon, zu Deutsch »Großer Gott«. Shiva war zugleich Verkörperung von Schöpfung, Zerstörung und Neubeginn. Vor Ort erklärte mir eine kundige Reiseleiterin, dass im Shiva Purana »genau 1008 Beinamen« Shivas verzeichnet sind.

Vor Ort, im Schatten uralter Tempel, wurden meinen Reisegefährtinnen und mir alte Überlieferungen erzählt. Sie entführten uns in die Zeiten der Göttinnen und Götter. So heißt es, dass Shiva einst mit Sati verheiratet war. Shiva erregte den Zorn seines Vaters. Der alte Herr wollte ganz und gar nicht einen frommen Asketen zum Sohn. Ergrimmt lud Vater Daksha Shiva und Sati nicht ein, als er ein großes Fest gab. Sati empfand dies als schlimme Kränkung ihres Mannes. Also verbrannte sie sich daraufhin bei lebendigem Leib… und wurde von der Erde verschlungen. Als Parvati wurde sie wiedergeboren. Die Botschaft der alten Überlieferung: Auf Leben folgt Tod, auf Tod Wiedergeburt und neues Leben.

Sati, auf die Erde der Lebenden zurück, wollte zu ihrem »Witwer« zurückkehren. Doch der war so tief in Meditation versunken, dass er die Schöne gar nicht wahrnahm. Parvati beschloss zu warten. Das tat sie dann auch sehr ausgiebig. Millionen Jahre stand sie auf einem Bein. Sie erstarrte, wurde selbst zum Baum. Pflanzen wuchsen an ihr empor. Shiva erwachte gerührt aus seiner tranceartigen Meditation…

Foto 5

Die ältesten erotischen Kunstwerke dürften vor weit mehr als einem Jahrtausend entstanden sein. Sie wurden wohl zunächst nicht aus Stein, sondern aus Holz geschnitzt. Die Plastiken dürften schon einfache kleine Tempel geschmückt haben, freilich nicht als Zierrat, sondern als Botschaft in 3D! Erhalten sind diese ersten Kunstwerke allerdings nicht. Man vermutet nur, dass man nicht gleich zum Stein griff, als erste Plastiken geschaffen wurden.


Foto 6
 Die uralte Mythologie gibt Aufschluss über die tiefere Bedeutung der alten Darstellungen. Die göttliche Vollkommenheit wird erst durch die Vereinigung der natürlichen Gegensätze erreicht – und plastisch in höchst erotischen Szenen gezeigt. Was Frömmler und Sektierer als »Teufelswerk« und »Versuchung« ansehen, ist wohl in Wirklichkeit Illustration zum ältesten Glauben überhaupt: Was existiert ist nur dank der Vereinigung der Gegensätze zu einer Einheit möglich. Erst im Christentum wurde das Weibliche verteufelt, zum Teuflischen in der Gestalt der biblischen Eva. Eva ist es, die nach dieser Vorstellung die Sünde in die Welt bringt und die für das harte Los der Menschheit verantwortlich ist. Ohne Evas Sündenfall, ohne die Versuchung Adams durch Eva, würden wir noch im Paradies leben?

Wohl nicht. Ohne den biblischen Sündenfall wäre es bei Adam und Eva geblieben. Denn die beiden zeugten den ersten Nachwuchs erst nach der Vertreibung aus dem Paradies. Der Begriff des »Sündenfalls« findet sich freilich nicht im Schöpfungsbericht, auch nicht in der weiteren Geschichte von Adam und Eva. In Sachen Sündenfall berufen sich Theologen gern auf das »4. Buch Esra«, das man allerdings vergeblich in der Bibel suchen wird. Es ist eine verchristlichte Apokalypse, die  frühestens am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Kirchengucker schreibt: »Erst viel später, im spätjüdischen 4. Buch Esra, wurde aus einer Unbeherrschtheit die Sünde, die auf alle menschlichen Nachfahren der Ureltern zurückfallen sollte. Vererbt wird die Sünde im Judentum allerdings noch nicht. Auf das 4. Buch Esra bezog sich schließlich auch Paulus in seinen ersten Römerbrief. Der ›Sündenfall‹ galt von nun an als Beginn allen Übels. Damit war die so folgenreiche Erbsünde in der Welt.«

Foto 7
Im frühen dritten Jahrhundert machte Origines (gestorben um 250), immerhin einer der bedeutendsten Theologen der katholischen Kirche überhaupt, den Sündenfall zum sexuellen Delikt. Jetzt war es nicht mehr der eher harmlose Verzehr eines »Apfels« trotz göttlichen Verbots, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte. Jetzt galt als Ursprung der Erbsünde ein sexuelles Vergehen von Adam und Eva, wofür es allerdings keinen biblischen Beleg gibt.

Von nun an hieß es, dass bereits durch die Zeugung eines Menschen der Mensch mit Sünde belastet wird. Und diese Last vererbt er wiederum seinen Kindern und Kindeskindern.

Zwei Jahrhunderte später: Augustinus (gestorben um 430), lateinischer Kirchenlehrer, sah in der Sexualität der Menschen eine Strafe Gottes für Adam und Evas Sünde im Paradies. Nach Augustin wurde jedes neugeborene Kind befleckt – durch die sündhafte Freude am Sex.

Angesichts eines solchen Verständnisses von Sexualität muss tatsächlich so mancher indischer Tempel mit seinen sehr konkreten intimen Darstellungen Sünde pur, ja Teufelswerk sein. Anno 1833 votierten prüde englische »Entdecker« der Tempelanlagen für eine Zerstörung des »unzüchtigen« Teufelswerks. Davon wurde abgesehen, weil sich die Vernunft durchsetzte. Man anerkannte dann eben doch, dass die uralten sakralen Gebäude einzigartig und als Zeugnisse einer alten hochstehenden Kultur erhaltenswert waren.

Foto 8

Bedroht sind Tempel wieder: in unserer Zeit. So soll ein führender Vertreter des »islamischen Staates« in Indonesien angekündigt haben, den antiken Borobudur-Tempel zerstören zu lassen. Leere Drohungen, so ist zu befürchten, sind das nicht. Man denke an die Sprengung der riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan im Jahr 2001 durch Taliban.

Anmerkungen zu den Fotos

Foto 1: Sinnlichkeit in Stein am Khajuraho-Tempel. Foto Crative Commons Dennis Jarvis Jungpionier.
Foto 2: Erotische Darstellung am Sonnentempel zu Konarak. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Der Sonnentempel von Konarak, ein riesiges Vehikel aus Stein mit riesigen steinernen Rädern... und erotischen Darstellungen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Eines der steinernen Riesenräder am Sonnentempel von Konarak. Auch am Sonnentempel gibt es sehr viele erotische Darstellungen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Der Khajuraho-Tempel, man kann ihn fast wie ein Buch lesen.. zum Thema erotische Liebeskünste. Foto Crative Commons Dennis Jarvis Jungpionier.
Foto 6: Schlangenkönigin und Schlangenkönig mit verschlungenen Schlangen-Unterleiben. Tempel von Halebid. wiki public domain. wiki/ mohonu
Foto 7: Die Schlangenkönigin und der Schlangekönig von Mahabalipuram - für Viele eine symbolisch-erotische Darstellung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Schlangenkönigin von Mahabalipuram... Weibliche Göttin, auch für Erotik zuständig. Foto Walter-Jörg Langbein


263 »Phallus, Gott und Kirche…«
Teil 263 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.02.2015



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Sonntag, 16. Februar 2014

213 »Phallus und Göttin«

Teil 213 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Landkarte mit Hinweis auf Chucuito
(wiki commons/ gemeinfrei)




Von Puno bis Chucuito sind es nur 18 Kilometer. Ich legte die kurze Strecke in einem Taxi zurück. Die Fahrt war atemberaubend, weniger wegen der schönen Landschaft, sondern wegen des Fahrstils meines Chauffeurs. Der versuchte offenbar, einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Der Mann könnte ohne Probleme gefährliche Stunts in einem Film übernehmen. Meine Empfehlung: Entweder mit dem Bus fahren, das schont Nerven und ist sehr viel sicherer. Oder man bietet dem Taxifahrer den doppelten Fahrpreis an, wenn er auf riskante Manöver verzichtet ...

Chucuito, am Titicacasee gelegen, hat eine glanzvolle Vergangenheit. Es war einst eine Metropole der Inka und der Lupaca.  Auch die Spanier maßen dem uralten Ort große Bedeutung zu. Chucuito blieb die Hauptstadt der Region. Die Spanier bauten imposante Kirchen im kleinen Fischerdorf: »Iglesia de Nuestra Senora de la Asuncion« und »Iglesia Santo Domingo«. Wer auch immer in den Gotteshäusern predigt, wettert gewöhnlich gegen das »Sodom und Gomorrha« von Chucuito ...

(Die Maria von Chucuito. Foto Wiki commons, Foto Leon Petrosyan)


Der Stein des Anstoßes ist eher unscheinbar, heute zumindest ... »Inca Uyo«. Leicht übersieht man die Mauer aus glatt polierten Steinen. Das steinerne Geviert hat – ich habe selbst ein Maßband angelegt – eine Länge von zwanzig und eine Breite von zehn Metern. Und doch muss dieses kleine Mauerwerk vor rund einem halben Jahrtausend für Nachkommen der Inkas und Lupacas immer noch so wichtig gewesen sein, dass die Spanier es nicht abzureißen wagten.

(Der Verfasser wird von jungen Verkäufern bestürmt.
Foto Ingeborg Diekmann)

Ich erinnere mich an meinen Besuch im »Inca Uyo«-Tempel. Zwei kleine Kinder boten mir und meinen Begleitern kleine gestrickte Fingerpuppen an. Zunächst wollten sie pro Fingerpuppe einen Dollar kassieren. Ich zögerte, und schon sank der Preis auf die Hälfte. Ich zückte schon meinen Geldbeutel, um einige der kleinen innig fein gestrickten Minitierchen zu  erwerben, da strömten schon die nächsten kleinen Händler ins Tempelareal. Sie boten zehn Püppchen für einen Dollar. Der Preis erschien mir als zu niedrig für die wirklich schönen kleinen Kunstwerke aus bunter Wolle. Also machte ich ein Angebt: Fünf Minifingerpüppchen für zwei Dollar.

Kaum stand mein Angebot, war ich von Kindern unterschiedlichster Größe umringt, die mir alle schreiend und lachend ihre Ware anboten ... Fingerpüppchen in Gestalt von Löwen, Schildkröten, Hühnern, Affen, Pferden. Ich glaube, ich habe die Produktion von Wochen, wenn nicht gar Monaten aufgekauft ... Der Handel blühte an jenem Tag im Areal des »Inca Uyo«-Tempels. Warum wird der kleine »Hof« im Mauerwerk von der christlichen Geistlichkeit als ein »Sodom und Gomorrha« verabscheut? Es sind die Phallusse unterschiedlicher Größen, die wie Steinpilze aus dem Boden wachsen.

(Phallusse in allen Größen ...
Foto: Walter-Jörg Langbein)
»Diese unzüchtigen Steine müssen zerschlagen werden!«, hatte ein Professor vom Fachbereich »Altes Testament« gewettert, als wir bei meinen Vorbereitungen für den Besuch in Chucuito auf den geheimnisvollen »Inka-Tempel« zu sprechen kamen. »Dort wird das männliche Genital in unziemlicher Weise dargestellt! Zerschlagen müsste man diese Obszönitäten!« Rechts und links vom schmalen Eingang des Mauerwerks steht je ein steinerner Phallus. Mich erinnern sie an die beiden Säulen »Jachin« und »Boas« am Eingangstor zum Tempel von Jerusalem (1).

Aber sind die steinernen Phalli wirklich Obszönitäten, wie der gelehrte Theologe evangelisch-lutherischen Glaubens meinte? Die vielleicht ältesten »Phalli« gehörten im »Alten Indien« zu den heiligsten Symbolen. Eine uralte Überlieferung erklärt ihre wahre Bedeutung:

Im »Alten Indien« stritten sich einst die Götter, wer von ihnen denn der Höchste sei. Sie konnten sich nicht einigen. Da tauchte gerade noch rechtzeitig am Himmel eine riesige Feuersäule auf. Die war so riesig, dass selbst Gott Brahma nicht an ihr oberes Ende fliegen konnte. Und Gott Vishnu gelang es nicht,  bis zum unteren Ende vorzudringen. Das obere Ende ragte weit in den Himmel, das untere Ende weit in die unergründlichen Tiefen des Meeres.

Schließlich öffnete sich die Feuersäule ... und in ihr erschien Gott Shiva, der Höchste aller Götter. Die Feuersäule Shivas, so heißt es, war die Urform des altindischen Linga(m). Bis heute wird er in Stein und Holz nachgebildet und nach wie vor vordergründig sexistisch missverstanden. Dabei kennen wir Gott Shiva unter anderem Namen aus dem »Alten Testament« ....

Auch wenn es bibelfromme Christen abstreiten, so kennen wir Shivas »Lingam« aus der Bibel. Gott Shiva erschien in der Feuersäule, der biblische Gott Jahwe erschien in der Feuersäule (2): »Und Jahwe zog vor ihnen her … des Nachts in einer Feuersäule.« Wie sich doch die Bilder gleichen!


(Foto: Walter-Jörg Langbein. Aufgenommen in Konarak, Indien)

Scheinbar »erotische« Darstellungen in alten indischen Tempeln wurden von Missionaren vor Jahrhunderten als »sündhaft unsittlich« gesehen. Es gab Überlegungen, die Kunstwerke zu zerstören, was aber zum Glück unterblieb. Wenn sich Göttinnen und Götter vereinen, steht dies für etwas Heiliges. Es geht nicht um akrobatischen Sex, sondern um das Miteinander der Kräfte, um den ewigen Kreislauf des Lebens.

Betrachtet man die »Phalli« von Chucuito genauer, so stellt man fest, dass es zwei »Modelle« gibt. Die einen stehen in steinerner Pracht da. Die anderen wurden mit der Spitze nach unten eingegraben. Warum? Die Spitze der einen weist ins Erdinnere, ins Reich der Pacha Mama. Die Spitze der anderen verbindet die Erde mit dem himmlischen Reich des Sonnengottes Inti. Wie sich doch die Bilder gleichen! Der Linga(m) Shivas reichte aus den Tiefen des Meeres in den Himmel. Die »Phalli« von Chucuito verbinden das Reich der Muttergöttin mit den Gefilden des männlichen Sonnengottes!

Im »Heiligen Land« der Bibel war Jahwe keineswegs immer der einsame, alleinige Gott. Ihm zur Seite stand eine Göttin aus vorbiblischen Zeiten, Ascherah genannt. Über viele Jahrhunderte war die Göttin im Allerheiligsten des Tempels präsent. Je mehr Anerkennung Jahwe im Verlauf der Jahrhunderte als der Gott des »Heiligen Landes« zuteil wurde, desto heftiger wurde Göttin Ascherah bekämpft. So lesen wir im 5. Buch Mose (3): »Du sollst dir keinen Holzpfahl als Ascherahbild errichten bei dem Altar Jahwes.«

Barbara Walker bringt es in ihrem viel beachteten Lexikon auf den Punkt (4): »Eine Zeit lang akzeptierte Ascherah den semitischen Gott El als ihren Geliebten. Sie war die Himmelskuh, er der Stier.« El war, was gern verdrängt wird, einer der vielen Beinamen des biblischen Jahwe. Kurios: Während sonst die »Säule« Symbol des männlichen Gottes ist, steht im Allerheiligsten von Jahwes Tempel der »Pfahl« für die Göttin.

Ascherah war dem bekanntesten Bibelübersetzer Martin Luther ein Dorn im Auge, so dass er den Namen »Ascherah« aus der Bibel verschwinden ließ. In den meisten neueren Übersetzungen aber ist Ascherah wieder an die Seite Jahwes zurück gekehrt. (5)

(Einige der Phallusse im Tempel.
Foto Leon Petrosyan. Wiki commons, gemeinfrei)

Inzwischen weiß man, dass die Mauern von Chucuito astronomische Bedeutung hatten.Verbindet man die beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem schmalen Eingang im Steingeviert, dann bilden eben diese beiden gegenüberliegenden Ecken mit dem Eingang den exakten Schnittpunkt der Nord-Süd und Ost-West-Achse. Deshalb wird vermutet, dass »Inca Uyo« zur astronomischen Beobachtung diente (6).

20 mal 10 Meter misst das Mauergeviert von Chucuito. War es einst Teil eines weitaus größeren Komplexes? Ein Archäologe erklärte mir vor Ort, der »Phallus-Tempel« sei das zentrale Kernstück einer sakral-astronomischen Anlage gewesen. Man habe Sonne, Mond und Sterne beobachtet, wie die Mayas auf ihren Pyramiden und die Wissenden Indiens. Wie auch immer: Mit schmuddeligem Sex hat Chucuito ebenso wenig zu tun wie Shivas Linga(m) und Jahwes »Feuersäule«. Es geht um die Verbindung zwischen unten und oben, zwischen Himmel und Erde. Von einem »Fruchtbarkeitskult« ist immer wieder die Rede, wenn es um Chucuito geht.

Schon die ersten Missionare erkannten, wie wichtig den Menschen der Anden die »Heilige Mutter« war. Sie setzten Maria mit der alten Göttin gleich, was von den Inkas und ihren Nachfahren akzeptiert wurde. Was die Menschen – nicht nur in Peru – nicht verstanden, das war das Verbot, auch weiterhin zu Pacha Mama zu beten, ihr weiter zu huldigen. Dieses häufig mit grausamer Gewalt propagierte Verbot wurde nur oberflächlich befolgt.

Maria von Guadalupe.
Foto W-J.Langbein
Sowohl bei den Mayas als auch bei den Inkas ersetzte nach der Christianisierung Maria heidnische Göttinnen. Eines der wichtigsten Marienheiligtümer der Welt finden wir in Guadalupe, Mexico. Wo heute öffentlich Maria verehrt wird, wird auch heute noch zur Aztekengöttin Tonantzin gebetet. Und aus Pacha Mama wurde offiziell Maria, auch wenn heute noch Pacha Mama verehrt wird, gleichberechtigt mit Maria.

Pacha Mama war die personifizierte Mutter Erde, ihr Name lässt sich mit »Mutter Welt«, auch »Mutter Kosmos« übersetzen. War? 2008 wurde Pacha Mama in die Verfassung Ecuadors aufgenommen, als Prinzip »Leben im Einklang mit der Natur«.









Fußnoten
(1) Siehe 1. Buch der Könige Kapitel 7, Verse 13-22
(2) 2. Buch Mose Kapitel 13, Vers 21
(3) 5. Buch Mose Kapitel 16, Vers 21
(4) Walker, Barbara: »Das Geheime Wissen der Frauen«, Frankfurt 1993, S. 67
(5) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer«, München 2003, siehe Kapitel »Ascherah: Rückkehr einer Göttin«, S. 16-21!
(6) Schmidt, Kai Ferreira: »Peru Bolivien/ Handbuch für individuelles Reisen und Entdecken«, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage, Markgrönnigen 6/ 2000, S. 381

214. Vögel, Mythen, Fabelwesen
Teil 214 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 23.02.2014

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Sonntag, 12. Mai 2013

173 »Monsterwesen in Konarak«

Teil 173 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Markttag in Konarak
Foto: W-J.Langbein
Markt in Konarak. Dicht gedrängt steht Bude an Bude. Ärmlich gekleidete Frauen sind viele Kilometer gelaufen, um einzukaufen. Besonders begehrt sind Töpfe und Pfannen. Besser Betuchte bezahlen bar. Andere versuchen, am Markt Obst und Gemüse zu verkaufen, das sie bei glühender Hitze wer weiß wie weit in Kiepen oder Rucksäcken geschleppt haben. Manche Händler lassen sich auf Tauschgeschäfte ein. Oder sie akzeptieren Geld und Naturalien als Bezahlung für ihre Produkte.

Bunte Plastikplanen sollen vor der vom Himmel brennenden Sonne schützen ... und vor eventuell einsetzendem Gewitterregen. Die Schwüle macht das Atmen schwer ... und in der Ferne rumpelt ein Gewitter. Einige Frau eilen zum Sonnentempel, um zur Göttin zu beten. Großmütter erflehen männlichen Nachwuchs für schwangere Enkeltöchter. Männer erbitten Regen für ihre kargen Felder, sonst droht der Familie Hunger. Und viele nehmen den steinalten Tempel im Hintergrund gar nicht wahr, so sehr sind sie in ihre Geschäfte vertieft, so heftig feilschen sie ... Verkäufer mit Kunden und umgekehrt.

Es sind Anhänger des Hindu-Glaubens, die in stiller Andacht im Schatten des Tempels gedankenverloren meditieren ... oder auch nur kurz ausruhen, um sich gleich wieder ins Getümmel des Marktes zu stürzen. Christliche Heilige, Jesus, Maria, Maria Magdalena, Petrus ... sie finden sich auf vielen Hausaltären von Hindus, die sich über Diskussionen zwischen Katholiken und Protestanten über den »wahren Glauben« nur wundern können. Es gibt doch nur eine Welt, nur das Heilige, das so viele Namen und Gesichter hat. »Das Überirdische ... niemand vermag es zu verstehen«, erklärt mir eine junge Marktfrau in hervorragendem Englisch. »Wie kann man sich da streiten, ob Jesus oder Krishna wichtiger ist?«

Der Sonnentempel von Konarak
Foto: W-J.Langbein
Die hübsche Inderin, die sich auf keinen Fall fotografieren lassen möchte, lächelt: »Wie lustig manche Christen mit ihrer Rechthaberei sind!«, sie wird ernst. »Aber Angst habe ich vor muslimischen ...« Ein grimmig blickender Bärtiger geht vorüber. Die Inderin verstummt.

Ich verlasse das Marktgetümmel, gehe auf den Sonnentempel zu. Ein Stück des Wegs begleitet mich der zornige Bärtige. Er spuckt in Richtung des Tempels aus und bleibt stehen. Seine Verachtung für den fremden Glauben spricht nicht für eine tolerante Haltung ... Vor einem Jahrtausend gab es in Indien unzählige Tempel unterschiedlichster Größe. In Khajuraho zum Beispiel sollen bis zu einhundert sakrale Bauten Gläubige angelockt haben. Heute sind nur noch fünfundzwanzig erhalten.

Vor tausend und mehr Jahren muss es in Indien eine hochstehende sakrale Baukunst gegeben haben. Hunderte von Tempeln wurden errichtet. Hunderte von Jahren wurde an einzelnen Bauten gearbeitet. Tausende und Abertausende von Statuen wurden mit großer Sorgfalt aus dem Stein gemeißelt. Die Künstler vermochten naturgetreue Wirklichkeit darstellen. Da sehen wir eine Büffelkuh, die zärtlich ihr kleines Kälbchen leckt. Für fundamentalistische Moslems ist die Tempelkunst Indiens ein Gräuel ... böses Teufelszeug, das zerstört werden muss. Dabei spielt es keine Rolle, ob Gottheiten oder Menschen im Alltag dargestellt werden.

Fotorealismus in Stein
Foto: W-J.Langbein
Für christliche Fundamentalisten sind freizügige Sexszenen ebenso ein Gräuel wie religiöse Darstellungen. Besonders verhasst sind Nagas, die in der Mythologie eine große Rolle spielen. Nagas – und andere Gottheiten – wurden von den Steinmetzkünstlern gleich hingebungsvoll, gleich realistisch dargestellt. Für sie war aber nicht das eine real und das andere fiktiv. Vor tausend und mehr Jahren gehörten Bullenkühe und ihre Kälbchen ebenso zur Wirklichkeit wie die unterschiedlichsten Gottheiten, wie etwa die legendären Nagas.

Für die »Alten Inder« waren Nagas Wesenheiten mit magischen Fähigkeiten, für die christlichen Entdecker dieser Kunstwerke waren es Schlangenwesen, die wie der biblische Teufel in die Hölle gehörten. Doch die biblische Schlange war eben nur für die Christen ein Monsterwesen. In fast allen anderen, älteren Kulturen indes waren sie höchst angesehen ... so auch im »Alten Indien«. So verehren Hindus »Shesha« als heilige Schlange, die die Erde trägt. Zu Deutsch lautet ihr Name »der Bleibende«. Für die Ewigkeit steht die heilige Schlange »Ananta«, die dem »Menschensohn« ein sicheres Lager für den kosmischen Schlaf bietet.

Kurios: In der Bibel (1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 15) prophezeit Gott, dass der Menschensohn der Schlange den Kopf zertreten wird. In der weit älteren sakralen Literatur Indiens beschützt die Schlange den Menschensohn ...

Der König der Nagas, so wird es in der buddhistischen Mythologie überliefert, bot Buddha Schutz vor allen Gefahren und Unbilden, als er über einen Zeitraum von Wochen meditierte und schutzlos Sonnenglut und Regensturm ausgesetzt war.

Naga von Konarak
Foto: W-J.Langbein
Für Christen war und ist die Schlange der Teufel, der im Paradies Eva dazu verleitet, vom verbotenen Baum zu essen. Nach diesem Verständnis hat die teuflische Schlange das Böse über die Menschheit gebracht. In Indien indes gilt die Schlange als Glücksbringer. Im südlichen Indiens zeichnen noch heute Frauen wahre Irrgärten in den Staub vor den Türen ihrer Behausungen. Auf diese Weise soll die Naga-Gottheit gewonnen werden, von der man sich Schutz vor Bösem und Glück für die Mitbewohner erhofft. Und so verwundert es nicht, dass die Steinmetzkünstler bei der Ausgestaltung von Konarak besonders viel Sorgfalt für die Darstellung von gleich zwei Nagas aufwandten, die ineinander verschlungen sind.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es neben den steinernen Nagas auch unzählige aus Holz geschnitzte. Christliche Missionare wetterten gegen den vermeintlichen »Aberglauben«. Als ihre Hasspredigten keinen Erfolg einbrachten, versuchten die Missionare so viele hölzerne Nagas wie nur möglich an sich zu bringen und öffentlich zu verbrennen. Wie viele Nagas wohl noch rechtzeitig versteckt werden konnten?

Nagas begegneten mir auf meiner Indienreise immer wieder: Monsterwesen aus der biblischen Mythologie, die aber in Indien verehrt und nicht verteufelt werden. Mir scheint, dass die biblische Teufels-Schlange nichts anderes darstellt als den Versuch, sehr viel ältere Glaubenswelten zu bekämpfen. Was Jahrtausende lang als positive Lichtgestalt angebetet worden war, das sollte nun als teuflische Ausgeburt der Hölle bekämpft werden. In Indien allerdings hat die glückbringende Schlange – allen Missionierungsveruschen zum Trotz – überlebt! So wie die Monsterwesen in Konarak.

Monstervarianten von
Konarak - Fotos:
W-J.Langbein
Diese Kreaturen wurden nicht von der Evolution hervorgebracht. Wenn es sie gab, müssen sie geschaffen worden sein. Wer die altindischen Epen kennt, der weiß, dass nur die Götter als Schöpfer dieser furchteinflößenden Wesen infrage kommen. Wenn wir doch die heiligen Tempel-Skulpturen als Bücher lesen könnten ... würden wir in die Welt von Howard Phillips Lovecraft (1890 bis 1937) versetzt. Doch was Lovecraft wohl nicht für möglich gehalten hat: Die Wissenschaftler von heute und morgen werden grausige Monsterwesen leibhaftig auferstehen lassen!




»Monstern auf der Spur«,
Teil 174 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 19.05.2013


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Sonntag, 5. Mai 2013

172 »Das Horrorkabinet von Konarak«

Teil 172 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«

von Walter-Jörg Langbein

Konarak, im indischen Bundesstaat von Orissa am Golf von Bengalen gelegen, ist so etwas wie eine Geisterstadt in Stein. König Narasimha Deva (13. Jahrhundert) gab den Auftrag, einen imposanten Himmelswagen für den Sonnengott Surya zu bauen. Der Gigant aus Granit scheint auf vierundzwanzig gewaltigen, mannshohen Rädern zu ruhen. Sieben magische Pferde aus Stein standen bereit. Der Sonnengott sollte jederzeit mit seinem mächtigen Vehikel gen Himmel fliegen können.

Unklar ist, ob die Kultanlage erst kurze Zeit nach Vollendung ... oder schon während des Baus wieder aufgegeben wurde. Verschwunden ist, so viel wissen wir, der einstige Tempelturm. War das sakrale Bauwerk bereits vollendet, als es wieder abgebrochen wurde? Oder hatten die Baumeister eine unfertige Bauruine hinterlassen, die aufgegeben und später wieder abgetragen wurde? Wurden die unzähligen, üppigen Figürchen am Tempel von den Steinmetzen (1) alle fertig gestellt? Oder unterbrachen die Künstler manche ihrer Arbeiten, aus welchem Grund auch immer?

Besonders liebevoll wurden Statuen von Surya gestaltet, ob stehend oder hoch zu Ross. Ein Sonnengott wurde schon lange vor Baubeginn just an jener Stelle verehrt, wo später Surya angebetet werden würde. So wie Kirchen häufig auf »heidnischen« Kultplätzen entstanden, so bauten die »Alten Inder« ihre Tempel oftmals dort auf, wo schon lange zuvor sehr viel ältere Kulte zelebriert wurden.

Sonnengott Surya von
Konarak - Foto:
W-J.Langbein
Aus einem Sonnengott (oder gar ... aus einer Sonnengöttin?) wurde Surya, der als Zentrum des Sonnensystems angesehen wurde. Ja man verehrte ihn als Atman, das »Höchste Selbst«. Mag sein, dass in Surya zwei Gottheiten aufgingen: eine männliche und eine weibliche. Aus der weiblichen Göttin wurde der weibliche Aspekt Suryas, genannt »Savitri«, die »Leuchtende«. Frommen Missionaren war die Göttin mehr als suspekt. Sie verunglimpften sie gern als Teufel Luzifer, den »Lichtbringer« oder »Lichtträger«.

Im 19. Jahrhundert wurden einige der grandiosen Tempel Indiens entdeckt ... zum Beispiel die Sakralbauten von Khajuraho. Und fast überall haben emsige Steinmetzen Himmelstänzerinnen, Göttinnen und mysteriöse Fabeltiere dargestellt ... und immer wieder sexuelle Darstellungen. Die Pärchen, fein säuberlich in Stein modelliert, demonstrieren zum Teil akrobatische Liebesakte, die an Hochleistungssport erinnern. Einer der Tempelentdecker war der britische Offizier T.S. Burt. Für den Armeehauptmann waren diese erotischen Kunstwerke »extrem unzüchtig und anstößig«. Zögerlich vermeldete der prüde Offizier Königin Viktoria seine Entdeckungen ... und dachte intensiv darüber nach, ob es denn nicht besser wäre, die Erotik in Stein möglichst rasch zu zerstören. Schließlich siegte der Respekt vor den uralten Bauwerken über die Prüderie, die Kunstwerke blieben unangetastet, in Khajuraho, in Konarak und in anderen Städten Indiens.

In Konarak gingen moderne Restauratoren sehr sorgfältig mit der alten, zum Teil maroden Bausubstanz vor. Sie waren bemüht, die alte Bausubstanz zu erhalten. Auch sollten die Tempelanlagen so stabilisiert werden, dass sie noch möglichst viele Jahrhunderte dem Zahn der Zeit trotzen können. Es wurde aber darauf verzichtet, die Fantasie walten zu lassen, wo Lücken in den Reliefs klafften. Man bewies den Mut zur Lücke und verzichtete auf erfundene Ausfüllungen aus Stein.

Mut zur Lücke - Foto: W-J.Langbein
Tausende von Figürchen und Reliefs zieren den Sonnentempel von Konarak, kleine und große. Es ist, als hätten die Künstler vor vielen Jahrhunderten ein Werk hinterlassen, das wir wie ein Buch lesen sollen. Genauer gesagt: Es ist ein riesiges Bildband in Stein. Tausende Darstellungen unterschiedlichster Größen belegen eine simple Wahrheit: die Künstler der »Alten Inder« schufen detailgetreue Abbildungen der Wirklichkeit, fotorealistisch und naturgetreu. Diese Feststellung ist wichtig. Wir können nicht einerseits die präzise, korrekte Darstellung von Menschen und Tieren bewundern ... und andererseits bei fantastisch anmutenden Darstellungen Unfähigkeit der Künstler unterstellen!

Was viele Besucher – vor allem aus dem christlichen Abendland – oftmals übersehen, das sind Horrorkreaturen, die genauso detailgetreu abgebildet wurden wie Menschen und Tiere. Diese Wesen locken nur wenige Betrachter an, ganz im Gegensatz zu den Pärchen, die Sexakrobatik demonstrieren. Ich behaupte: die furchteinflößenden Monsterwesen muss es wirklich gegeben haben, genauso wie die Menschen und Tiere. Sie lassen sich nur keiner bestimmten Gattung zuordnen. Es sind kuriose Mischwesen. Für Fantasiegestalten sind sie alle zu naturalistisch dargestellt!

Mischwesen wurden im Königreich Ur bereits vor rund fünf Jahrtausenden verewigt ... als Stiere mit Menschenköpfen, aber auch als Skorpion-Menschen. 1995 stellte ich diese monströsen Wesen in meinem Buch »Das Sphinx-Syndrom« (2) vor.

Monster von Ur
Foto: Archiv
W-J.Langbein
Solche Monsterwesen hat der Geschichtsschreiber Eusebius (etwa 260 bis 339 n. Chr.) schaudernd und detailgetreu beschrieben (3): »Menschen mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe, noch andere, pferdefüßige, und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschengestalt an der Vorderseite. Erzeugt hätten sie (die Götter) auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits an den Hinterteilen hervorliefen, auch Pferde mit Hundeköpfen ... sowie andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte, dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen, mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten.«

Man möchte gern diese Horrorkreationen ins Reich der Märchen verbannen. Man möchte hoffen, dass es sie nie gegeben hat ... doch in fast allen Museen der Erde finden sich Abbildungen, präzise Darstellungen jener Wesen. So finden sich im französischen Louvre Miniaturen, etwa 4.200 Jahre alt, die menschenköpfige Stiere darstellen. Im Eingangsbereich des Ägyptischen Museums von Kairo sah ich in einer Glasvitrine das in Stein gearbeitete Halbrelief fremdartiger Monster. Ihre Leiber erinnern an Pferde, sie haben Löwenfüße. Auf unnatürlich langen Hälsen sitzen verhältnismäßig kleine Köpfe, die an Löwenhäupter erinnern. Angriffslustig stehen die beiden Wesen einander gegenüber, scheinen gleich einander angreifen zu wollen. Noch hindern sie kleine, sehr naturgetreu dargestellte Wesen daran, zerren an Stricken ...

Monster der Osterinsel
in der Kirche
Foto: W-J.Langbein
Monsterschriften wurden auch auf der Osterinsel dargestellt - in Halbreliefs in Stein, halb Vogel, halb Mensch. Emsige Steinmetzen haben mit großer Geduld unzählige dieser Kreaturen in das grobkörnige Vulkangestein gemeißelt. Tausende solcher Kunstwerke mag es gegeben haben. Die meisten sind dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Nicht wenige sind nur den Einheimischen bekannt. Und nicht wenige werden interessierten Besuchern gezeigt.

Die mysteriösen Mischwesen der Osterinsel wurden sogar von der christlichen Kunst übernommen. Man findet sie im Schnitzwerk der kleinen christlichen Kirche auf dem mysteriösen Südseeeiland! Da werden Vogel-Mensch-Kreaturen im Sinne der christlichen Religion geduldet: offenbar will die Geistlichkeit den Insulanern mit starkem »heidnischen« Hintergrund entgegenkommen. Und so tauchen alte heidnische Fabelwesen in christlichem Kontext wieder auf. Im Vordergrund steht die Statistik: Im Vordergrund steht die Zahl der Religionsanhänger der eigenen Richtung. Da stört man sich auch nicht daran, dass uraltes fremdes Glaubensgut mehr oder minder heimlich weiter zelebriert wird, auch wenn man es eigentlich als heidnisch ablehnen müsste!

Konaraks Tempelfiguren ... ein riesiges Buch in Stein! Die sexuellen Darstellungen haben, so höre ich immer wieder, einen tieferen, symbolischen Sinn. Es gehe um den göttlichen Zeugungsakt der Weltschöpfung. Wie aber sind die Mischwesen zu verstehen, die einem Horrorkabinett entsprungen zu sein scheinen? Darf man die unheimlichen Darstellungen psychologisierend interpretieren: als Darstellung von Urängsten der Menschen, die so konkretisiert wurden?

Misch- und Fabelwesen 
Oder haben wissenschaftliche Interpreten der Kunst von Konarak und anderer Tempel Angst vor der Vorstellung, dass es einst wirklich furchteinflößende Geschöpfe gegeben hat, die in der Zoologie eigentlich keinen Platz haben dürften?

Fußnoten
1 Steinmetzen und Steinmetze sind Pluralformen von Steinmetz
2 Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom«, München 1995, Abbildungen 21 und 22
3 Karst, Josef: »Eusebius Werke«, Band 5, »Die Chronik«, Leipzig 1911. Siehe hierzu Däniken, Erich: »Die Augen der Sphinx«, München 1989. S. 68 und 69

»Monsterwesen in Konarak«,
Teil 173 der Serie Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 12.05.2013


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Sonntag, 28. April 2013

171 »Spuk in Monstermauern«

Teil 171 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 

von Walter-Jörg Langbein

Teil der wehrhaften Monstermauer
Foto: W-J.Langbein
Delhi ist eine rapide wachsende Monsterstadt. Weit über elf Millionen Menschen leben in Delhi-City. Nimmt man das Umland hinzu, muss man von siebzehn Millionen Bewohnern ausgehen. Es können aber auch mehr sein. Heute gibt es für dieses Millionenheer drei Stadtverwaltungen. Das Ur-Delhi soll, so berichtet es das Mammutepos Mahabharata, vor weit mehr als drei Jahrtausenden gegründet worden sein. Delhi hat den Beinamen »Stadt der sieben Städte«. Und in der Tat: Sieben ehemalige Städte lassen sich archäologisch nachweisen, die im Verlauf der letzten Jahrtausende im Stadtgebiet des heutigen Delhi entstanden und wieder verfielen.

Tughlaqabad zum Beispiel – Delhi Nr. 3 oder Nr. 5 (**) – wurde anno 1321 von Ghuyas-ud-din Tughlag gegründet ... als »uneinnehmbares Fort«. Wahre Monstermauern sollten es jedem noch so starken Heer unmöglich machen, die Stadtfestung einzunehmen. Besonders gefürchtet waren attackierende Mongolen. Und so wurden die Bauten im Eiltempo aus dem Boden gestampft, vermutlich von Arbeitersklaven ohne Rechte. Noch heute beeindrucken mächtige Mauerreste von gewaltigem Format. Meterdicke Monstermauern verschlangen unvorstellbare Massen an Material. Ich kletterte auf Steinhaufen herum, die seit Jahrhunderten von der Natur in Beschlag genommen werden. Ob man sie je zu rekonstruieren versuchen wird? Wohl kaum! Denn es gibt nicht einmal ausreichend finanzielle Mittel für den Erhalt der noch erhaltenen Ruinen. Selbst wahrscheinlich noch gut erhaltene Teile der Wehranlagen, die unter dichtem Gestrüpp schlummern, werden nicht freigelegt ... einfach weil das Geld fehlt.

Bis zu 15 Meter hoch soll die
Monstermauer einst gewesen sein.
Foto: W-J.Langbein
Ob die gewaltigen Wallanlagen tatsächlich jedem Angriff trotzen konnten? Imposant müssen sie einst gewesen sein. Aber: Es gab wohl keine echte militärische Bewährungsprobe. 1327 wurde die Stadt, die zu diesem Zeitpunkt womöglich noch nicht vollendet war, bereits wieder aufgegeben. Warum? Der Legende nach soll Nizamuddin Aulia, ein als heilig angesehener Sufi-Mystiker, die Stadt schon verflucht haben ... als sie von einem großen Zwangsarbeiterheer aus dem Boden gestampft wurde. Angeblich wurden Arbeiter, die für den Sufi einen Brunnen anlegten, abgezogen und beim Stadtbau eingesetzt ... sehr zum Zorn des Sufi. Wütend soll er geschrieben haben: »Ich verfluche diese Stadt, die schon bald unbewohnt und unfruchtbar sein soll!« Mag sein, dass die Story vom Fluch einen wahren Kern enthält. Es war womöglich Wassermangel, der zur Aufgabe des Forts führte. Sank der Grundwasserspiegel, warum auch immer, so dass es nicht mehr ausreichend Wasser für die Bevölkerung gab? In der Legende verflucht ein Heiliger die Stadt, weil die Arbeiten an seinem Brunnen abgebrochen werden mussten ...

Wie auch immer: Die Geschichte vom Fluch lebt auch heute noch in so mancher lokalen Legende fort. Und in den uralten Gemäuern soll es auch in unseren Tagen noch spuken.

Reste eines Wehrturms
Foto: W-J.Langbein
»In einer uralten indischen Ruine bin ich einem Gespenst begegnet!« Davon ist der Bauingenieur Heiner Pohlmann*, 28, überzeugt. »Mein Hobby sind die ältesten Baudenkmäler der Welt. In meiner Freizeit unternehme ich deshalb Weltreisen, um vor Ort die Baukunst unserer Vorfahren zu studieren.«

Vom Flughafen von New Delhi fuhr der Weltreisende in Sachen »uralte Gemäuer« zu den weitläufigen Ruinen von Tughlaqabad. »Der gewaltige, festungsartige Komplex wurde auf einer kleinen Insel erbaut. Ein Großteil der Mauern erstand vor etwa 700 Jahren: auf älteren Ruinen. Schon vor 4000 Jahren gab es hier eine Verteidigungsanlage!« Einen Tag lang erkundete Heiner Pohlmann den riesigen Komplex.

»Ich benötigte viele Stunden, um die wuchtige Außenmauer zu umrunden. Dann ging ich ins Innere des Gebäudes. Die Hitze war unerträglich. Drei Wächter zogen sich in ein kleines Hüttchen zurück. So konnte ich auf teilweise halsbrecherischen Wegen jene Teile der Burganlage aufsuchen, die sonst für Touristen gesperrt sind! Ich kletterte über eingestürzte Mäuerchen. Ich fotografierte eifrig. Plötzlich hatte ich ein merkwürdiges Gefühl: Beobachtete mich jemand? Hatte ein Wächter bemerkt, dass ich die vorgeschriebenen Wege verlassen hatte? Ich drehte mich um. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. In brütender Hitze kam plötzlich so etwas wie ein eisiger Windhauch auf. Als ich mich wieder den Ruinen zuwandte, stand einige Meter vor mir eine Gestalt.«

Pohlmann weiter: »Sie trug einen wollenen Umhang, der auch den Kopf bedeckte und nur das Gesicht freiließ. Die Person, anscheinend eine Frau, faltete die Hände wie zum Gebet. Ich wollte sie fotografieren, aber mein neuer, teurer Apparat versagte. Die Frau schritt weiter, in das Innere eines halb verfallenen Raumes. Ich ging ihr nach. Ich sah sie am Ende eines langen Korridors stehen. Sie drehte sich kurz zu mir um und verschwand durch die steinerne Wand. Dabei kam wieder ein eiskalter Windhauch auf! Mir zitterten die Knie. Ich stürzte ins Freie und es dauerte eine Weile, bis ich nicht mehr fror.«

So soll die Spukgestalt
ausgesehen haben.
Foto:
Archiv W-J.Langbein
Einer der Wächter sprach ganz gut Englisch. Heiner Pohlmann erzählte ihm sein Erlebnis. »Der Mann starrte mich entsetzt an und verschwand wortlos in seiner Hütte.« Tage später kehrte Bauingenieur Heiner Pohlmann mit einem Dolmetscher an den Ort der unheimlichen Begegnung zurück. Jetzt erfuhr er von dem zurückhaltenden Wächter, dass es sich bei der Spukerscheinung um einen Zombie, einen wiederkehrenden Toten, handelt. »Vor vielen Jahrhunderten wirkte er als eine Art Architekt bei der Errichtung der gewaltigen Bauanlage mit. Er soll bei einem ›Unfall‹ ums Leben gekommen sein.« Womöglich fiel er einem Sabotageakt zum Opfer, war doch der Bau der wehrhaften Stadt von Anfang an umstritten. Heiner Pohlmann jedenfalls bekam zu hören: »Sehr, sehr selten kommt der Tote an seine frühere Wirkungsstätte zurück. Vielleicht spürt er es, wenn sich jemand in besonderem Maße für seine Arbeit interessiert?«

Pohlmann: »Ich habe mir die Erscheinung wirklich nicht eingebildet. Ich habe diese Gestalt gesehen. Es war kein normales lebendes Wesen, kein lebender Mensch! Die Erscheinung sonderte den Gestank der Verwesung aus. Auch wenn ich kein ängstlicher Mensch bin, dieser Spuk war einfach unheimlich. Ich bekomme noch heute eine Gänsehaut, wenn ich daran denke!« Ich kann Herrn Pohlmanns Bericht nur wiedergeben. Bestätigen kann ich ihn nicht. Mir jedenfalls ist die unheimliche Gestalt bei meinem Besuch vor Ort nicht begegnet, auch keinem meiner Reisegefährten!

Hier soll die Spukgestalt
erschienen sein.
Foto: W-J.Langbein
Eine andere Version der Legende besagt: Der Tote, der Zombie, bewacht einen Schatz von unermesslichem Wert. Einst gab es nämlich, mitten in der Festung, einen Palast, dessen Bau gewaltige Mengen von Gold verschlang. Der arabische Weltreisende Ibn Battuta will ihn noch gesehen haben. Die Ziegelsteine, so berichtet er, waren mit purem Gold umhüllt. So wurde am Tage das Sonnenlicht reflektiert ... Das gespiegelte Licht soll neugierige Besucher förmlich geblendet haben. Bewacht eine Spukerscheinung einen riesigen Goldschatz? Für Geistererscheinungen gibt es keine Beweise. Den »Goldpalast« hat es aber wahrscheinlich wirklich gegeben. Wurde die Spukgeschichte erfunden, um die uralten Mauern vor Plünderern zu bewahren? Oder sind sie Ausgeburten der Fantasie, die gern von scheinbar uralten Gemäuern inspiriert werden? Bei meiner Erkundung der Ruinen hatte ich – ich gebe es zu – mehr Angst vor Giftschlangen, die im Ruinengemäuer hausen und gern auf von der Sonne erhitzten Steinen dösen.

Was mag sich unter diesem
Hügel verstecken?
Foto: W-J.Langbein
Begegnet sind mir weder Geister, noch Schlangen. Beim Gang durch die Ruinen sinnierte ich über die Vergänglichkeit nach ... über den Verfall auch solcher Monstermauern, die eigentlich für die Ewigkeit gedacht sein können, um schon nach wenigen Jahren zu verfallen! Seltsam unnatürlich wirkende »Hügel« warten darauf, sachkundig erforscht zu werden. Sie mögen kein Gold zu bieten haben ... aber sicherlich noch erstaunlich gut erhaltenes Mauerwerk aus der Gründerzeit der Moloch-City Delhi.

* Name geändert, der Verfasser
** Beide Bezeichnungen sind in der Literatur gebräuchlich, der Sachverhalt ist umstritten!

»Das Horrorkabinett von Konarak«,
Teil 172 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien« 

 von Walter-Jörg Langbein erscheint am 05.05.2013

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