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Sonntag, 28. August 2016

345 »Sprechende Steine«

Teil 345 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: Der »Sonnentempel« von Konarak

Die Kleinstadt Konarak, am »Golf von Bengalen« gelegen, ist gut von Puri zu erreichen. Wer den indischen Bundesstaat Odisha besucht, sollte unbedingt die Tempelanlage von Konarak einplanen. Die Bauarbeiten wurden vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich anno 1243 von König Narasimha Deva (1238–1264) in Auftrag gegeben. Bei meinem Besuch im November 1995 wurde emsig restauriert. Hunderte Arbeiter schufteten für wenig Geld nach altüberlieferten Methoden ohne heutige Geräte, verarbeiteten Materialien wie vor rund 1500 Jahren.

Vollendet wurde die sakrale Anlage nicht, sie wurde vor dem »Richtfest« bereits wieder aufgegeben, so wie die Tempelchen und das Riesenrelief von Mahabalipuram auch. Anno 1255 ließen die Arbeiter von heute auf morgen die Werkzeuge fallen, verließen die Baustelle, um nie wiederzukehren. 12.000 Steinmetze und weitere 12.000 hatten zwölf Jahre lang gewerkelt. Warum wurden die aufwändigen Arbeiten schlagartig abgebrochen, wie bei den Statuen der Osterinsel und den Bauwerken von Mahabalipuram am Strand von Mahabalipuram?

Fotos 3 und 4: Steinerne Räder am Sonnentempel

Wissenschaftler schätzen, dass der steinerne Tempel von Konarak eine Höhe von siebzig Metern erreichen sollte. Dazu kam es nicht. Nach dem heutigen Zustand der Bauruine zu urteilen wurde nur etwa die Hälfte des Tempels vollendet. Wie weit der Tempelturm schon in den Himmel ragte als er zur Bauruine wurde und schließlich einstürzte, wir wissen es nicht. Ähnliches gelingt ja heutigen »Baumeistern« bei berühmt berüchtigten Bauruinen wie jenen vom Flughafen in Berlin und vom Superbahnhof Stuttgart. Vielleicht sollten manche heutigen Objekte irgendwann auch aufgegeben und nicht mit weiteren Milliarden im Koma erhalten werden.

Vorschnell nennen wir mehr oder minder mysteriös anmutende Bauwerke weltweit »Tempel«. Der Ausdruck Tempel ist leicht irreführend. Eine christliche Kirche oder Kapelle wäre in diesem Sinne ebenso ein Tempel wie eine megalithische Anlage auf Malta oder eine Höhle in der Türkei. Im Fall des küstennahen  Kultbaus von Konarak ist der Sachverhalt klar: Das steinerne Monument stellt einen Wagen des Sonnengotts Surya dar, der auf 24 mächtigen Rädern aus Stein »rollt«. Die Räder sind – Durchmesser fast drei Meter – wesentlich größer als sie wirken. Sie sind äußerst grazil gearbeitet, sind detailreich geschmückt und könnten – auf den ersten Blick scheint das tatsächlich so – aus Holz geschnitzt sein.

Fotos 5 und 6: Fabelwesen, Tänzer aus Stein am Sonnentempel

Die 24 Räder sollen, so erzählte man mir vor Ort, für die 24 Stunden des Tages stehen, aber auch an einen Mondkalender erinnern. Die sieben steinernen Pferde, die den kolossalen Wagen des Sonnengottes zogen, sollen die sieben Tage der Woche versinnbildlichen, die acht Speichen jedes Rades zeigen angeblich die Zeiteinheiten an, in welche die Vorväter Tag und Nacht einteilten.« (1)

Der »Wagen des Sonnengottes« ist reich mit unglaublich detailreich herausgearbeiteten Halbreliefs versehen. Der Reiseführer von Marco Polo vermeldet (2): »In die … Mauern sind Blätter, Tiere, mystische Wesen, Musiker und Tänzer eingemeißelt. Zwei Löwen bewachen den Eingang. Auf jeder Seite des Tempels zertrampeln ein kolossaler Kriegselefant und ein Pferd gegnerische Krieger. Überlebensgroße Paare tanzen im erotischen Vorspiel.«

Im fast schon unüberschaubaren Getümmel der unterschiedlichsten Figuren werden die besonders interessanten Nagas leicht übersehen, besonders wenn man nur Augen für die erotischen Darstellungen hat. Nagas, »Schlangen«-Gottheiten, gibt es in verschiedenen Variationen: Manchmal treten sie als Mischwesen auf, als Mensch mit Schlangenkopf oder als Schlange mit Menschenkopf. Manchmal werden sie als vollständige Schlangen gezeigt. Es gibt aber auch Nagas mit Schlangenleib und mehreren Schlangenköpfen.

Fotos 7-9: Schlangengottheiten von Konarak (Mitte) und Mahabalipuram (rechts und links außen)

Die Schlangengottheiten haben magische Fähigkeiten. So können sie ihre Welt der Fabelwesen und der Zauberei verlassen und als Menschen die Welt von uns Sterblichen Besuchen. Das göttliche Schlangenwesen »Shesha« (»Bleibender«) hat eine für uns Menschen höchst bedeutsame Funktion: Es trägt die Welt. Ein weiteres Schlangenwesen ist »Ananta« (»Unendlicher«). Das göttliche Reptil ruht auf dem Milchozean und bietet dem göttlichen Vishnu Schutz, so dass der seinen kosmischen Schlaf genießen kann.

Im November 1995 bereiste ich mit einer kleinen Reisegruppe Südindien. Wir besichtigten zahlreiche Tempel und staunten, wie viele Tempel eigentlich Nachbildungen von Vehikeln waren. »Rathas« wurden sie oft genannt, »Götterwagen«. Immer wieder sahen wir Darstellungen von Schlangengottheiten, sorgsam in den Stein graviert, als Halbreliefs liebevoll herausgearbeitet. »Die Schlangenkraft wurde genutzt, um Götterwagen Kraft zu verleihen!«, behauptete unser Guide.

Durch missionierende Engländer sei viel in Vergessenheit geraten, erfuhr ich. »Heidnisches Brauchtum« war den Geistlichen ein Gräuel. Angeblich wird bis heute – und das schon Jahrhunderte lang – ein geheimes Wissen weitergereicht, oftmals nur in Familienclans. In einer Mittagspause wurde mir gestattet, ein »magisches Bild« abzuzeichnen, das an der Schwelle eines kleinen, familiären Restaurants angebracht war. Fotografieren durfte ich nicht. »Weil sonst der Zauber zerstört wird!« Worin der »Zauber« genau bestand, das erfuhr ich leider nicht. Auf alle Fälle würde er Positives bewirken, so hieß es.

Foto 10: Schlangenmagie heute
Mich erinnerte die in Kreide angefertigte Zeichnung an Schlangengottheiten, so wie sie besonders im Süden Indiens populär sind. Im himmlischen Fluss des Riesenreliefs von Mahabalipuram kommen zwei von ihnen aus überirdischen Sphären herab zur Erde, eine ist männlich, eine ist weiblich. Am Sonnentempel von Konarak sah ich mehrere dieser Paare, freilich nicht separat wie in Mahabalipuram, sondern innig ineinander verschlungen. An derlei Schlangenpaare erinnerte mich stark die gezeichnete »Magie« im Jahre 1995.

»Schlangen haben nichts Böses oder gar Teuflisches an sich bei uns!«, erfuhr ich von »meinem« Guide. »Schlangen bringen Glück. Von Pech verfolgt wird, wer eine Schlange verletzt oder gar tötet. Deshalb werden selbst hochgiftige Kobras, die in Wohnhäuser eindringen, so sanft wie möglich gefangen und entfernt vom Haus wieder freigelassen. Manche bedanken sich dabei überschwänglich bei den Schlangen für das Glück das sie ins Haus gebracht haben und ermuntern sie, nun doch anderen Mitmenschen ebenso Glück verheißende Besuche abzustatten.« Das »magische Zeichen« sei so etwas wie eine Einladung an die höchste Schlangengöttin, sie möge das auf besondere Weise gekennzeichnete Haus begünstigen und den Einwohnern Glück jeglicher Art zu schenken, auf dass alle gesund blieben, stets genug zu essen und reichlich gesunden Nachwuchs haben würden.

Indien gehört längst nicht mehr zum Commonwealth, die Engländer sind längst nicht mehr die eingebildeten Herren. Und doch wird selbst in wissenschaftlichen Kreisen, wenn auch versteckt, hochnäsig auf Indien herabgeblickt. Wissenschaftliche Kenntnisse wie in Sachen Astronomie seien erst anno 300 v.Chr. mit den Griechen ins Land gekommen. Dabei sollte längst auch offiziell bekannt sein, dass erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse in Indien auf »eigenem Mist« wuchsen. Nur wer es zumindest für möglich hält, dass modernste wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa um »Schwarze Löcher« im All oder die Bedeutung von Atomen – in Indien bereits vor Jahrtausenden bekannt waren, kann uralte wissenschaftliche Texte wirklich richtig übersetzen.

Ich bin davon überzeugt, dass »Heilige Bücher« Indiens Fakten überliefern, die nur als sensationell bezeichnet werden können. Dr. Hermann Burgard hat es für das Sumerische stichhaltig bewiesen: In »Tempelhymnen«, etwa 2300 v.Chr. entstanden, finden wir keineswegs nur fromme Gebete, sondern glasklare Beweise für Kontakte mit Außerirdischen vor Jahrtausenden. Da wird über die DI.IN.GIR, berichtet, zu Deutsch über »Entscheider, die sich mit Fluggeräten bewegen«. Vermeintliche Götter-Folklore erweist sich, dank des detektivischen Spürsinns von Dr. Hermann Burgard wissen wir das heute, als Quelle fantastischen Wissens, über Raumfahrt vor Jahrtausenden.

Fotos 11 und 12: »Bhima Ratha«, Mahabalipuram

Es ist an der Zeit, dass endlich altindische heilige Texte wie der Rigveda neu übersetzt werden, und zwar unter Einbeziehung heutigen Wissens in Sachen Wissenschaften, in Sachen Weltraumfahrt. Mit der Rigveda kann begonnen werden. Dann verstehen wir die Bedeutung der steinernen Götterfahrzeuge vielleicht zum ersten Mal wieder wirklich richtig. Dann erscheinen die heiligen Texte über Götterwagen  in einem ganz anderen Licht. Und dann erhalten die »kleinen« Tempelchen von Mahabalipuram, »rathas« genannt, eine ganz andere Bedeutung als »Götterwagen«. Heilige Texte und steinerne Bauwerke erzählen dann eine fantastisch an mutende Geschichte.

Es waren wahre Künstler, die die »Tempelchen« von Mahablipuram aus dem gewachsenen Fels meißelten. Sie hinterließen sprechende Steine, die uns fantastische Geschichten erzählen!

Fußnoten

Foto 13: Buchcover »Encheduanna«
(1) Marco Polo Redaktion: »Marco Polo Reiseführer Indien«, 2. aktualisierte Auflage, Ostfildern 1993, Seite 77, »Konarak«, rechte Spalte
(2) ebenda
(3) Burgard, Dr. Hermann: »Encheduanna/ Geheime Offenbarungen«, Groß-Gerau 2012 und Burgard, Dr. Hermann: » Encheduanna: Verschlüsselt - Verschollen - Verkannt. Tempelhymnen Nr. 20 - 42 mit neuen Geheimen Offenbarungen«, Groß-Gerau 2014

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Der »Sonnentempel« von Konarak. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Fotos 3 und 4: Steinerne Räder am Sonnentempel.
Fotos 5 und 6: Fabelwesen, Tänzer aus Stein am Sonnentempel.
Fotos 7-9: Schlangengottheiten von Konarak (Mitte) und Mahabalipuram (rechts und links außen).
Foto 10: Schlangenmagie heute. Zeichnung Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Bhima Ratha. Foros Archiv Walter-Jörg Langbein

346 »Der Herr des Unterwasserfahrzeugs«,
Teil 346 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 4.09.2016

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Sonntag, 21. Februar 2010

6 »Der Mann mit Hut«

Walter-Jörg Langbein
Teil 6 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«


Es ist eine uralte indische Tradition, Tempel an heiligen Orten zu errichten. Was aber sind »heilige Orte«? Was macht eine Stätte zu etwas Besonderem, religiös Bedeutsamem? »Wo einst Götter vom Himmel zur Erde kamen, dort wurde die Erde geheiligt!« Diese oder eine ähnliche Erklärung hörte ich auf meinen Reisen immer wieder, und nicht nur in Indien. Und dort errichtete man erst kleine Tempelchen, die im Lauf der Jahrhunderte zu gewaltigen Anlagen ausgebaut werden konnten. So entstand auch die weltgrößte Pilgerstätte des Christentums: zu Ehren der Maria von Guadalupe in Mexiko.

In Indien scheint es besonders viele Orte gegeben zu haben, an denen sich Himmlische einst den Menschen zeigten. Wo Menschen und Götter miteinander kommunizierten, wo regelmäßig die Götter erschienen und den Menschen Befehle oder Ratschläge erteilten, dort wurden Häuser der Begegnung errichtet, zur Erinnerung an die Geschehnisse von einst. Zunächst mögen nur bescheidene Hütten an die mysteriösen Ereignisse erinnert haben. Mit dem Heranwachsen der religiösen Kulte wuchsen auch die sakralen Bauten.

Tempel wurden errichtet, oft mit einem heute kaum noch nachvollziehbaren Aufwand. Oftmals wurden gigantische Materialmassen bewegt und mit angeblich primitiven Mitteln zu Wunderwerken der Bautechnik aufgetürmt. Wichtig ist dabei nicht so sehr das steinerne Gebäude, sondern der Ort, an dem es steht.

Wird ein Tempel baufällig, wird er untersucht und – falls möglich – renoviert. Sind die Schäden aber nicht mehr zu reparieren, dann wird der Tempel abgetragen. An gleicher Stelle wird dann ein neuer errichtet. Ähnliches geschah im christlichen Europa: Wo einst heidnische Kulte zelebriert wurden, hat man später Kirchen und Kathedralen gebaut. Die ursprüngliche Bedeutung der heiligen Orte wurde weitestgehend verdrängt.

Für die Altersbestimmung eines Ortes der Verehrung ist es also nicht ausschlaggebend, wann das jeweils aktuelle Tempelgebäude errichtet wurde, sondern wann der erste Tempel an der heiligen Stätte gebaut wurde. Das aber lässt sich in der Regel nicht mehr feststellen.

Wichtig ist: Es handelt es sich bei letztlich allen wichtigen indischen Tempeln stets um Kopien von Kopien von Kopien – und niemand vermag zu sagen, wann denn das jeweilige Original gebaut wurde.

Der Brhadisvaratempel in seiner heutigen Ausführung soll anno 1003 nach einer Bauzeit von nur sieben Jahren errichtet worden sein. Allein schon die steinerne Monsterkugel (Kopie eines Vimana) an der Spitze der Tempelpyramide stellt heutige Bauingenieure vor ein Rätsel: sie wiegt stattliche 80 Tonnen, wurde aus einem einzigen Riesenstein gefertigt. Wie wurde der gewaltige Monolith an seinen Platz in luftiger Höhe gebracht ?

Verschiedene »Erklärungen« werden angeboten, die alle nicht so recht überzeugen. Man habe eine komplizierte Holzkonstruktion errichtet, meinen die einen Theoretiker, eine mindestens 6.000 Meter lange Rampe, auf der der Steinkoloss von 80 Tonnen Gewicht mit Hilfe zahlloser Arbeitskräfte und Elefanten geschoben und gezerrt wurde. Andere »Erklärer« lehnen diese Überlegung ab. Eine Holzkonstruktion habe niemals die enorme Last tragen können. Man habe vielmehr den gesamten Tempel nebst Turm unter einem künstlich aufgeschütteten Riesenhügel verschwinden lassen, dann den Vimana-Stein auf einer ebenso aus Erde aufgeschütteten Rampe gen Himmel geschoben und schließlich wieder die Erdmassen abgetragen. Wie nun besagte Rampe ausgesehen haben soll, selbst darüber streiten sich die Gelehrten. War sie gerade und viele Kilometer lang ? Oder wurde sie spiralförmig um den Hügel, der den Tempel in der Bauphase umgab, angelegt ?

So ein Erdberg hätte die Tempelbauer vor schier unlösbare Probleme gestellt. Er müsste nicht nur gewaltige Ausmaße gehabt haben, sondern auch irgendwie befestigt worden sein, damit nichts beim Transport des Riesensteins abrutschte. Vor Ort löst diese Hypothese nur Kopfschütteln aus. Nie und nimmer hätte man einen heiligen Tempel, den man nur mit bloßen Füßen betreten darf, unter einem schmutzigen Erdberg verschwinden lassen, auch nicht vorübergehend. Eine solche Vorgehensweise wäre mit der Würde des heiligen Bauwerks in keiner Weise vereinbar gewesen.

Eine dritte Hypothese geht von einer gewaltigen Holzkonstruktion aus, die in massiv angelegten Stufen aufgebaut worden sein soll. Die gewaltige Last musste nach dieser Theorie nicht in einem Anlauf angehoben werden. Vielmehr habe man sie Stück für Stück hochgewuchtet. Von Stockwerk zu Stockwerk habe man mit Hilfe von gewaltigen hölzernen Hebeln und Elefanten die steinerne Last Stockwerk für Stockwerk hochgeschafft. Auch diese Erklärung, die sich nicht einmal auf dem Papier wirklich gut ausmacht, lässt sich praktisch wohl kaum verwirklichen.

Es gibt keinerlei Unterlagen aus der Zeit des Tempelbaus über die Arbeitsweisen der damaligen Baumeister. Immer wieder werden Theorien vorgetragen: aber es sind Spekulationen, für die keine Beweise vorliegen. Immer wieder wird versucht die Methoden der Tempelbaumeister zu erahnen. Doch niemand kann behaupten zu wissen, was geschah... allenfalls was womöglich geschehen ist.

Der gewaltige Steinkoloss hoch oben auf der Tempelpyramide lenkt unseren Blick auf sich. Dabei übersieht man leicht, den Tempelkomplex, der um den alles dominierenden Pyramiden-Turm gebaut wurde. Bis zu eintausend Menschen sollen unmittelbar vom Tempelkult gelebt haben, im Sakralbereich von Brhadisvara allein: Vierhundert Tempel-Tänzerinnen (»devadasis«) und mindestens 600 Angehörige zahlreicher Berufe, vom Steinmetz zum Tempelpriester, vom Händler bis zum Tempeldiener, vom Opferpriester bis zum Maler. Offenbar wurden nicht nur religiöse Zeremonien abgehalten. Offenbar wurden nicht nur den Göttern Opfer gebracht. Offensichtlich wurde die Tempelanlage im Verlauf der vielen Jahrhunderte ständig renoviert, instand gehalten und nach und nach erweitert.

Einst pulsierte der Komplex von Brhadisvara wie eine Miniaturstadt von Leben. Die ehrfürchtige Stille christlicher Kirchen gibt es erst seitdem Brhadisvara zu einer leeren Hülle wurde, die den einstigen Glanz kaum noch erahnen lässt. Wie ein kupferner Turm überragt die steile Tempelpyramide den Komplex, vom Licht der morgendlichen oder abendlichen Sonne verzaubert. Man bräuchte Zeit, sehr viel Zeit. Dann könnte man diesen gewaltigen Tempelturm vielleicht wie ein Buch lesen. Aus der Distanz beeindruckt die gewaltige »Kugel« an der Spitze, auf der der 80-Tonnen-Koloss zu schweben scheint. Die steinerne Nadelspitze darunter ist eine Art Bilderbuch in Stein. Sechzehn Stockwerke bestehen jeweils aus einer vom Boden aus kaum zu erkennenden Fülle Hunderter Figürchen. Hunderte reliefartig dargestellter kleiner Tempelchen verzieren jeden einzelnen Reliefkranz. Und jedes dieser Tempelchen stellt ein Flugvehikel der Götter dar. Steigt da eine ganze Armada von Flugvehikeln gen Himmel?

Die eigentliche Sensation wird meistens übersehen und von Touristenführern verschwiegen: mitten in diesem Gewimmel von halbplastischen Götterdarstellungen, von mächtigen irdischen Heroen und unzähligen kleinen Tempelchen... ist eine fremdartige Darstellung versteckt. Man übersieht sie wirklich leicht in luftiger Höhe... zwischen den vielen Darstellungen von Opfergaben und Spenden für die Götter. Zeigen uns viele der kunstvoll gearbeiteten Halbreliefs Lobpreisungen des Herrschers, der den gewaltigen Bau ermöglichte? Und zwischendrin erkennt man, bei konzentrierter Aufmerksamkeit, einen Europäer in Hut und Anzug. Rechts und links wird er von zwei Kämpfern flankiert. Diese beiden Krieger sind mit Schwert und Schild bewaffnet. Sie halten ihre martialischen Attribute mit spielerischer Eleganz. Geradezu tänzerisch scheinen sie so etwas wie ein seltsames Ballett aufzuführen, annähernd spiegelbildlich zueinander. Dank meines 300-Millimeter-Teleobjektivs konnte ich die mysteriöse Darstellung im Bild festhalten.

Bedenken wir: Erst um das Jahr 1290 besuchte Marco Polo Indien, von seiner Chinareise zurückkehrend. Noch später, nämlich 1498, drangen portugiesische Handelsleute ins Landesinnere vor. Wann mögen die ersten Europäer in die Region von Brhadisvara gekommen sein? Wir wissen es nicht genau, nur dass zu jener Zeit der mysteriöse Tempel längst gestanden hat!

Warum setzten indische Künstler, deren Namen wir nicht kennen, das Bild eines Europäers an die Tempelpyramide? Und das im zehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung, Jahrhunderte bevor der erste Europäer nach Indien kam? Handelt es sich bei dem »Mann mit Hut« um die prophetische Vision eines indischen Künstlers, der auf seine Weise die Ankunft der Europäer in Indien vorhersagte? Stellt die seherische Darstellung den kriegerischen Kampf der Inder dar, die sich gegen die mit Gewalt vorrückenden Europäer zu verteidigen suchten?

»Vimanas, Flugvehikel der Götter«,

Teil 7 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
erscheint am 28.02.2010

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