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Sonntag, 28. August 2016

345 »Sprechende Steine«

Teil 345 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: Der »Sonnentempel« von Konarak

Die Kleinstadt Konarak, am »Golf von Bengalen« gelegen, ist gut von Puri zu erreichen. Wer den indischen Bundesstaat Odisha besucht, sollte unbedingt die Tempelanlage von Konarak einplanen. Die Bauarbeiten wurden vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich anno 1243 von König Narasimha Deva (1238–1264) in Auftrag gegeben. Bei meinem Besuch im November 1995 wurde emsig restauriert. Hunderte Arbeiter schufteten für wenig Geld nach altüberlieferten Methoden ohne heutige Geräte, verarbeiteten Materialien wie vor rund 1500 Jahren.

Vollendet wurde die sakrale Anlage nicht, sie wurde vor dem »Richtfest« bereits wieder aufgegeben, so wie die Tempelchen und das Riesenrelief von Mahabalipuram auch. Anno 1255 ließen die Arbeiter von heute auf morgen die Werkzeuge fallen, verließen die Baustelle, um nie wiederzukehren. 12.000 Steinmetze und weitere 12.000 hatten zwölf Jahre lang gewerkelt. Warum wurden die aufwändigen Arbeiten schlagartig abgebrochen, wie bei den Statuen der Osterinsel und den Bauwerken von Mahabalipuram am Strand von Mahabalipuram?

Fotos 3 und 4: Steinerne Räder am Sonnentempel

Wissenschaftler schätzen, dass der steinerne Tempel von Konarak eine Höhe von siebzig Metern erreichen sollte. Dazu kam es nicht. Nach dem heutigen Zustand der Bauruine zu urteilen wurde nur etwa die Hälfte des Tempels vollendet. Wie weit der Tempelturm schon in den Himmel ragte als er zur Bauruine wurde und schließlich einstürzte, wir wissen es nicht. Ähnliches gelingt ja heutigen »Baumeistern« bei berühmt berüchtigten Bauruinen wie jenen vom Flughafen in Berlin und vom Superbahnhof Stuttgart. Vielleicht sollten manche heutigen Objekte irgendwann auch aufgegeben und nicht mit weiteren Milliarden im Koma erhalten werden.

Vorschnell nennen wir mehr oder minder mysteriös anmutende Bauwerke weltweit »Tempel«. Der Ausdruck Tempel ist leicht irreführend. Eine christliche Kirche oder Kapelle wäre in diesem Sinne ebenso ein Tempel wie eine megalithische Anlage auf Malta oder eine Höhle in der Türkei. Im Fall des küstennahen  Kultbaus von Konarak ist der Sachverhalt klar: Das steinerne Monument stellt einen Wagen des Sonnengotts Surya dar, der auf 24 mächtigen Rädern aus Stein »rollt«. Die Räder sind – Durchmesser fast drei Meter – wesentlich größer als sie wirken. Sie sind äußerst grazil gearbeitet, sind detailreich geschmückt und könnten – auf den ersten Blick scheint das tatsächlich so – aus Holz geschnitzt sein.

Fotos 5 und 6: Fabelwesen, Tänzer aus Stein am Sonnentempel

Die 24 Räder sollen, so erzählte man mir vor Ort, für die 24 Stunden des Tages stehen, aber auch an einen Mondkalender erinnern. Die sieben steinernen Pferde, die den kolossalen Wagen des Sonnengottes zogen, sollen die sieben Tage der Woche versinnbildlichen, die acht Speichen jedes Rades zeigen angeblich die Zeiteinheiten an, in welche die Vorväter Tag und Nacht einteilten.« (1)

Der »Wagen des Sonnengottes« ist reich mit unglaublich detailreich herausgearbeiteten Halbreliefs versehen. Der Reiseführer von Marco Polo vermeldet (2): »In die … Mauern sind Blätter, Tiere, mystische Wesen, Musiker und Tänzer eingemeißelt. Zwei Löwen bewachen den Eingang. Auf jeder Seite des Tempels zertrampeln ein kolossaler Kriegselefant und ein Pferd gegnerische Krieger. Überlebensgroße Paare tanzen im erotischen Vorspiel.«

Im fast schon unüberschaubaren Getümmel der unterschiedlichsten Figuren werden die besonders interessanten Nagas leicht übersehen, besonders wenn man nur Augen für die erotischen Darstellungen hat. Nagas, »Schlangen«-Gottheiten, gibt es in verschiedenen Variationen: Manchmal treten sie als Mischwesen auf, als Mensch mit Schlangenkopf oder als Schlange mit Menschenkopf. Manchmal werden sie als vollständige Schlangen gezeigt. Es gibt aber auch Nagas mit Schlangenleib und mehreren Schlangenköpfen.

Fotos 7-9: Schlangengottheiten von Konarak (Mitte) und Mahabalipuram (rechts und links außen)

Die Schlangengottheiten haben magische Fähigkeiten. So können sie ihre Welt der Fabelwesen und der Zauberei verlassen und als Menschen die Welt von uns Sterblichen Besuchen. Das göttliche Schlangenwesen »Shesha« (»Bleibender«) hat eine für uns Menschen höchst bedeutsame Funktion: Es trägt die Welt. Ein weiteres Schlangenwesen ist »Ananta« (»Unendlicher«). Das göttliche Reptil ruht auf dem Milchozean und bietet dem göttlichen Vishnu Schutz, so dass der seinen kosmischen Schlaf genießen kann.

Im November 1995 bereiste ich mit einer kleinen Reisegruppe Südindien. Wir besichtigten zahlreiche Tempel und staunten, wie viele Tempel eigentlich Nachbildungen von Vehikeln waren. »Rathas« wurden sie oft genannt, »Götterwagen«. Immer wieder sahen wir Darstellungen von Schlangengottheiten, sorgsam in den Stein graviert, als Halbreliefs liebevoll herausgearbeitet. »Die Schlangenkraft wurde genutzt, um Götterwagen Kraft zu verleihen!«, behauptete unser Guide.

Durch missionierende Engländer sei viel in Vergessenheit geraten, erfuhr ich. »Heidnisches Brauchtum« war den Geistlichen ein Gräuel. Angeblich wird bis heute – und das schon Jahrhunderte lang – ein geheimes Wissen weitergereicht, oftmals nur in Familienclans. In einer Mittagspause wurde mir gestattet, ein »magisches Bild« abzuzeichnen, das an der Schwelle eines kleinen, familiären Restaurants angebracht war. Fotografieren durfte ich nicht. »Weil sonst der Zauber zerstört wird!« Worin der »Zauber« genau bestand, das erfuhr ich leider nicht. Auf alle Fälle würde er Positives bewirken, so hieß es.

Foto 10: Schlangenmagie heute
Mich erinnerte die in Kreide angefertigte Zeichnung an Schlangengottheiten, so wie sie besonders im Süden Indiens populär sind. Im himmlischen Fluss des Riesenreliefs von Mahabalipuram kommen zwei von ihnen aus überirdischen Sphären herab zur Erde, eine ist männlich, eine ist weiblich. Am Sonnentempel von Konarak sah ich mehrere dieser Paare, freilich nicht separat wie in Mahabalipuram, sondern innig ineinander verschlungen. An derlei Schlangenpaare erinnerte mich stark die gezeichnete »Magie« im Jahre 1995.

»Schlangen haben nichts Böses oder gar Teuflisches an sich bei uns!«, erfuhr ich von »meinem« Guide. »Schlangen bringen Glück. Von Pech verfolgt wird, wer eine Schlange verletzt oder gar tötet. Deshalb werden selbst hochgiftige Kobras, die in Wohnhäuser eindringen, so sanft wie möglich gefangen und entfernt vom Haus wieder freigelassen. Manche bedanken sich dabei überschwänglich bei den Schlangen für das Glück das sie ins Haus gebracht haben und ermuntern sie, nun doch anderen Mitmenschen ebenso Glück verheißende Besuche abzustatten.« Das »magische Zeichen« sei so etwas wie eine Einladung an die höchste Schlangengöttin, sie möge das auf besondere Weise gekennzeichnete Haus begünstigen und den Einwohnern Glück jeglicher Art zu schenken, auf dass alle gesund blieben, stets genug zu essen und reichlich gesunden Nachwuchs haben würden.

Indien gehört längst nicht mehr zum Commonwealth, die Engländer sind längst nicht mehr die eingebildeten Herren. Und doch wird selbst in wissenschaftlichen Kreisen, wenn auch versteckt, hochnäsig auf Indien herabgeblickt. Wissenschaftliche Kenntnisse wie in Sachen Astronomie seien erst anno 300 v.Chr. mit den Griechen ins Land gekommen. Dabei sollte längst auch offiziell bekannt sein, dass erstaunliche wissenschaftliche Erkenntnisse in Indien auf »eigenem Mist« wuchsen. Nur wer es zumindest für möglich hält, dass modernste wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa um »Schwarze Löcher« im All oder die Bedeutung von Atomen – in Indien bereits vor Jahrtausenden bekannt waren, kann uralte wissenschaftliche Texte wirklich richtig übersetzen.

Ich bin davon überzeugt, dass »Heilige Bücher« Indiens Fakten überliefern, die nur als sensationell bezeichnet werden können. Dr. Hermann Burgard hat es für das Sumerische stichhaltig bewiesen: In »Tempelhymnen«, etwa 2300 v.Chr. entstanden, finden wir keineswegs nur fromme Gebete, sondern glasklare Beweise für Kontakte mit Außerirdischen vor Jahrtausenden. Da wird über die DI.IN.GIR, berichtet, zu Deutsch über »Entscheider, die sich mit Fluggeräten bewegen«. Vermeintliche Götter-Folklore erweist sich, dank des detektivischen Spürsinns von Dr. Hermann Burgard wissen wir das heute, als Quelle fantastischen Wissens, über Raumfahrt vor Jahrtausenden.

Fotos 11 und 12: »Bhima Ratha«, Mahabalipuram

Es ist an der Zeit, dass endlich altindische heilige Texte wie der Rigveda neu übersetzt werden, und zwar unter Einbeziehung heutigen Wissens in Sachen Wissenschaften, in Sachen Weltraumfahrt. Mit der Rigveda kann begonnen werden. Dann verstehen wir die Bedeutung der steinernen Götterfahrzeuge vielleicht zum ersten Mal wieder wirklich richtig. Dann erscheinen die heiligen Texte über Götterwagen  in einem ganz anderen Licht. Und dann erhalten die »kleinen« Tempelchen von Mahabalipuram, »rathas« genannt, eine ganz andere Bedeutung als »Götterwagen«. Heilige Texte und steinerne Bauwerke erzählen dann eine fantastisch an mutende Geschichte.

Es waren wahre Künstler, die die »Tempelchen« von Mahablipuram aus dem gewachsenen Fels meißelten. Sie hinterließen sprechende Steine, die uns fantastische Geschichten erzählen!

Fußnoten

Foto 13: Buchcover »Encheduanna«
(1) Marco Polo Redaktion: »Marco Polo Reiseführer Indien«, 2. aktualisierte Auflage, Ostfildern 1993, Seite 77, »Konarak«, rechte Spalte
(2) ebenda
(3) Burgard, Dr. Hermann: »Encheduanna/ Geheime Offenbarungen«, Groß-Gerau 2012 und Burgard, Dr. Hermann: » Encheduanna: Verschlüsselt - Verschollen - Verkannt. Tempelhymnen Nr. 20 - 42 mit neuen Geheimen Offenbarungen«, Groß-Gerau 2014

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Der »Sonnentempel« von Konarak. Fotos Walter-Jörg Langbein 
Fotos 3 und 4: Steinerne Räder am Sonnentempel.
Fotos 5 und 6: Fabelwesen, Tänzer aus Stein am Sonnentempel.
Fotos 7-9: Schlangengottheiten von Konarak (Mitte) und Mahabalipuram (rechts und links außen).
Foto 10: Schlangenmagie heute. Zeichnung Walter-Jörg Langbein
Fotos 11 und 12: Bhima Ratha. Foros Archiv Walter-Jörg Langbein

346 »Der Herr des Unterwasserfahrzeugs«,
Teil 346 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 4.09.2016

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Sonntag, 28. Februar 2016

319 »Heidenzauber unter der Kirche«

Teil 319 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Heidenzauber?
»Schade…«, meinte der Geistliche bedauernd. »Haben Sie Ihren Entschluss auch reiflich überlegt? Sie sind doch schon so weit gekommen im Studium!« Ich hatte meiner Meinung nach zu lange gezögert. Meine Zweifel waren stetig gewachsen, der Glaube war stetig geschwunden. »Schon der Respekt vor dem gläubigen Christen erlaubt es mir nicht, Pfarrer zu werden!« Verblüfft sah mich der Geistliche an. »Jeder Mensch, der in einen Gottesdienst kommt, jeder Gläubige, der sich mit seinen Sorgen an seinen Pfarrer wendet, muss davon ausgehen können, dass der Pfarrer selbst von seiner Religion überzeugt ist! Wer nicht wirklich glaubt, der darf auch nicht Glauben predigen…«

Der Geistliche nickte. »So ernsthaft machen sich nicht viele Studenten Gedanken…« Er wechselte das Thema. »Sie interessieren sich doch für Archäologie, für ungelöste Rätsel….«  Ich nickte. »Ich mich auch!« Es war schon spät am Abend. Die Glocken vom Kirchturm würden schon bald »Mitternacht« läuten. Das eine oder das andere Gläschen Wein hatten wir auch schon getrunken. Plötzlich stand der Geistliche abrupt auf. »Kommen Sie! Ich muss Ihnen etwas zeigen!«

Von der gemütlichen Studierstube stiegen wir eine schmale Treppe hinab in die »Unterwelt«.  Für Licht sorgten mehrere flackernde Öllampen.»Die stammen noch von meinem Vorvorgänger…«, erläuterte der Geistliche. »Der unterirdische Gang ist noch viel, viel älter!« Knarrend öffnete er eine niedrige, unscheinbare Holztür. Eine alte Taschenlampe lag bereit und ließ einen recht niedrigen Gang mehr erahnen als erkennen. Wir musste beide in die Knie gehen, konnten nur nach vorn gebeugt einen Zusammenstoß mit dem steinernen Gewölbe verhindern. Nach einigen Metern machte sich ein muffig-feuchter Geruch bemerkbar.

»Vorsicht! Jetzt müssen wir abbiegen!« Der Gang wechselte Abrupt seine Richtung. Wieder standen wir vor einer niedrigen Tür. Wieder erklang ein Knarzen. Wir standen in einem kleinen, eher unscheinbaren »Keller«. »Ich vermute, dass es einst unter unserem Gotteshaus eine Krypta gab. Sie mag einsturzgefährdet gewesen sein. Jedenfalls wurden neue Wände und eine ›neue‹ Decke eingezogen. Man erkennt, dass das Mauerwerk nicht besonders alt ist. Mein Vorgänger jedenfalls versicherte mir, dass er nicht für diese Baumaßnahmen verantwortlich sei.« Und der wiederum hat von seinem Vorgänger nichts Nennenswertes über die »Unterwelt« erfahren.

Mein geistlicher Guide durch die Unterwelt hat die kirchlichen Unterlagen durchforstet »soweit sie noch vorhanden waren und im Krieg nicht verbrannt sind«. Er fand keinen Hinweis auf die »Krypta«, von Maurerarbeiten in neuerer Zeit ganz zu schweigen. Der Lichtstrahl der Taschenlampe glitt über das Mauerwerk, tastete sich durch die Dunkelheit. Schließlich blieb er an einem schlichten steinernen Altar hängen. »Wie alt der Altar ist, weiß ich nicht. Ob hier je Gottesdienste abgehalten wurden, das weiß ich auch nicht. Viele Menschen passen ja nicht in den unterirdischen Raum!«

Einst, so erfuhr ich weiter, gab es eine Verbindung zwischen »Krypta« und Gotteshaus. So konnten die Geistlichen vom Pfarrhaus direkt ins Innere der Kirche gelangen. Doch der von der Krypta aus weiterführende Gang wurde verfüllt und zugemauert. Angeblich hatten sich wiederholt Steine aus Wänden und Decke gelöst und waren auf die zur Kirche führenden Treppe gestürzt. Auf dem Rückweg in die Studierstube im Pfarrhaus erfuhr ich noch vom Pfarrer, dass er gern den Aufstieg von der »Krypta« ins Gotteshaus wieder freilegen würde. »Selbst mache ich mich da aber nicht an die Arbeit, so sehr es mir auch in den Fingern juckt. Das ist einfach zu gefährlich! Und wer weiß, was da alles passieren kann!« In der Studierstube setzten wir unser Gespräch fort. »Am Schluss würde noch die Kirche zusammenbrechen…«, wandte ich scherzend ein. »Und das wollen wir doch wirklich nicht!«

Nach einem deftigen Käsebrot, begleitet von dem einen oder anderen weiteren Glas Frankenweins, legte der Pfarrer ein Geständnis ab. Er hatte »an anderer Stelle im Gotteshaus« gegraben, und das natürlich heimlich. An verschiedenen Stellen im Mittelgang, der zum Altar führt, hat der neugierige Priester Steine gelockert und aus dem Boden gelöst. Ob er etwas gefunden habe, das wollte er mir zunächst nicht verraten. Ich ließ aber nicht nach, bohrte fragend weiter.

»Von mir wird niemand etwas erfahren, bekundete ich eifrig. Jahrzehnte lang hütete ich das Geheimnis. Inzwischen ist der Geistliche verstorben. Und erst seit kurzer Zeit habe ich eine Vorstellung, um was es sich bei dem Fund des Priesters wohl gehandelt haben mag.

Direkt unter einem der Steine, den der neugierige Gottesmann aus dem Boden gelöst hatte, lag ein seltsames Objekt. Nach einigem Bitten und Betteln holte der Priester seinen mysteriösen Fund, den er in einem Bücherregal hinter staubigen Wälzern mit den »Tischgesprächen Martin Luthers« verwahrte. Ich durfte das »Ding« nicht fotografieren, ja nicht einmal in einer Zeichnung verewigen.

Kopf der »Kreatur«
Das Objekt war etwa dreißig Zentimeter lang und aus sehr dunklem, offenbar sehr hartem Holz geschnitzt. Es war lang und schmal, lief nach unten spitz zu. An den drei abgeflachten Seiten der »Spitze« waren geometrische Figuren zu erkennen, die mich an Schlangen erinnerten. Diese Spitze machte ungefähr eine Hälfte des Fundobjekts aus. Die obere Hälfte bestand aus dem sorgfältig geschnitzten Oberkörper eines menschlichen Wesens, offenbar eines Mannes.

Bemerkenswert war der Kopf der Kreatur. Sie hatte drei Gesichter, die alle recht harte Konturen hatten und streng ja fast wütend drein blickten. Auf dem dreigesichtigen Haupt ruhte so etwas wie eine hohe Krone. Offensichtlich waren da und dort Stückchen abgebrochen. Ich war und bin mir nicht sicher, ob das Wesen wirklich eine Krone trug. Oder war es doch etwas anderes, vielleicht ein Federschmuck? Erst Jahrzehnte später machte ich eine Entdeckung, die mich an den Fund des Geistlichen erinnerte. Sollte ich recht haben mit meiner Vermutung, dann passt der Fund des Geistlichen ganz und gar nicht in ein fränkisches christliches Gotteshaus, sondern eher nach … Tibet!

Wie aber soll ein »Kultobjekt« aus Tibet wann auch immer ins Frankenland gekommen und unter einem Fußbodenstein in einer kleinen Kirche versteckt worden sein? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vielleicht brachte ein Missionar das »Ding« von einer Reise mit nach Hause? Und warum wurde es dann und von wem im Gotteshaus versteckt?

»Unterteil« des »Dings«
»Mein« Geistlicher meinte jedenfalls damals, dass es sich bei dem Schnitzwerk »wohl um irgendetwas Heidnisches« gehandelt habe und dass irgendwann ein frommer Christ aus Angst vor dem Verbotenen das »Ding« unter dem Fußboden des Gotteshauses versteckte. »Vielleicht war das Ding ein Fetisch, ein Heidenzauber? Vielleicht sollte die Kraft des Gotteshauses den Heidenspuk bannen? Ja vielleicht war der unterirdische Raum einst ein Heidentempel? Christliche Kirchen wurden ja oft an solchen Orten errichtet, um das Heidnische zu verdrängen!« Jahrzehnte später entdeckte ich, dass der Geistliche aus seiner Sicht so unrecht gar nicht hatte!

Ich habe mich vor Jahrzehnten im Studierzimmer des Geistlichen zu Verschwiegenheit verpflichtet. Ich versprach niemals zu enthüllen, um welches Gotteshaus es sich handelt und wer der Geistliche war. Daran habe ich mich bislang gehalten und werde das auch weiterhin tun.

Meine Recherchen über den Verbleib des kuriosen Objekts sind im Sand verlaufen. Und doch machte ich kürzlich eine erstaunliche Entdeckung!

Zu den Fotos: In meiner Sammlung sakraler Gegenstände befindet sich ein Objekt, das dem Fund des Priesters recht ähnlich sieht. Eine Spur führt uns nach Tibet! Vom Objekt (»Heidenzauber«) liegen mir weder Fotos noch Zeichnungen vor. Die Fotos sollen nur einen Eindruck vermitteln, wie in etwa der merkwürdige Gegenstand ausgesehen hat.

Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein

320 »Der Engel auf dem Feuerstrahl«,
Teil 320 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.03.2016



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Sonntag, 7. Dezember 2014

255 »Ketzerisches von einem Theologen«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 4«
Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Die Hände des greisen Theologen zitterten. Es kostete ihn viel Kraft, den schweren Folianten aus dem Regal zu ziehen. Er wuchtete den kostbaren Band auf  den niedrigen Tisch und schlug zielsicher eine Seite auf. Mit knochiger Hand deutete er auf eine handkolorierte Abbildung. »Uraltes Wissen wird seit Ewigkeiten von Generation zu Generation weitergereicht, allen Zensoren zum Trotz!«

Nach einer kurze Pause setze der alte Herr fort: »Die Altvorderen glaubten, dass Gott oder die Götter über die Kraft der Magie verfügten und so die schrecklichsten Wesen schaffen konnten!  Mit der christlichen Theologie war natürlich ein solches Gottesbild nicht mehr vereinbar!«

Schöpfung nach Koberger. Foto Archiv W-J.Langbein

Mit einer fahrigen Handbewegung brachte er mich zum Schweigen. »Die Schöpfung Gottes war viel umfangreicher als uns das geschriebene Wort der biblischen Schriften glauben machen möchte. Es gab sicher auch deutliche Hinweise auf andere Kreaturen wie den Behemoth im ›Alten Testament‹, aber die wurden von eifrigen Zensoren gelöscht! Und doch wurde verbotenes Wissen weitergegeben!«

Wie das denn geschehen sei, warf ich fragend ein. »Meist haben begnadete Künstler vermeintlich nur biblische Texte illustriert. Und dabei mehr gezeigt als die Zensoren erkannt haben. In Drucken Kobergers aus dem späten 15. Jahrhundert sei die Schöpfung Gottes zu sehen gewesen, wie Eva aus der Seite Adams geschaffen worden sei, meinte der altehrwürdige ehemalige Professor der Theologie in seiner kleinen Wohnung im fränkischen Nürnberg.

Seite aus einer Koberger Bibel. Foto W-J.Langbein
»Da waren, oft innig fein und klein, während des Schöpfungsakts andere Lebewesen präsent, in den Meeren, zum Beispiel. Das waren die Drachen der Urzeit!« Der gelehrte Mann schlurfte wieder zu einem Bücherregal, das unter der Last dickleibiger Bände zusammenzubrechen drohte. »Haben Sie schon von Abt St. Brendanus gehört?« Stolz antwortete ich: »Brendan lebte Ende des fünften Jahrhunderts nach Christus, starb um 580. Manche behaupten, dass er ein Jahrtausend vor Kolumbus Amerika entdeckt hat, in einem erstaunlich kleinen Boot, zusammen mit einigen Mönchen aus seinem Kloster.«

Der alte Herr öffnete einen weiteren Folianten. »Ja, das stimmt! Im Mittelalter hat sich die gelehrte Welt intensiv mit den Seereisen des  Odysseus aus Irland beschäftigt. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts entstanden – vermutlich im Böhmischen – Zeichnungen zu Brendans…«

St. Brendans Fabelwesen... Foto Archiv W-J.Langbein

Der Theologe deutete auf eine fleckige Zeichnung. »Sie können den Druck ruhig in die Hand nehmen…«, ermutige mich der Professor Emeritus. »Es ist eine Reproduktion,  kein Original!« Aufmerksam studierte ich die Skizze. »Das Original dürfte 1350, vielleicht 1360 entstanden sein!«, höre ich den einstigen Theologieprofessor mit brüchiger Stimme erklären. »Was sehen Sie?« Ich zögere, druckse herum. »Da ist ein, ein... Fabelwesen abgebildet. Es hat den Hinterleib eines Löwen, auch die Hinterbeine eines Löwen. Das Vorderteil passt nicht so recht dazu. Da sind Flügel, Beine und Kopf eines Greifvogels. Die Ohren passen wieder nicht so recht zum mächtigen Schnabel…«

Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich Jahrzehnte später am Paradiestor zu Paderborn ganz ähnliche Kreaturen entdecken würde, Mischwesen aus dem Horrorkabinett eines mythologischen Frankenstein der Vorgeschichte, die so gar nicht in einen christlichen Zusammenhang zu passen schienen. Heute weiß ich, dass viele, ja unzählige Kuriosa und Monstrositäten in und an christlichen Gotteshäusern zu finden sind. Man muss nur bereit sein, sie zu sehen, sonst übergeht man sie allzuleicht.

»Und wie nennt man diese Kreatur?« Ich zögerte. »Es könnte sich um den Vogel Greif handeln…« Der Greis nickte. »Aber was sind Namen? Schall und Rauch! Jahrtausende alte Überlieferungen berichten von monströsen Wesen, die einst von den Göttern geschaffen wurden. Dazu gehörte einst auch der Vogel Greif!« Ich machte wohl ein in den Augen des Gelehrten unpassendes Gesicht.

Fabelwesen von Paderborn, Sphinx oder Pergasus?
Foto W-J.Langbein

»Sie müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass die sogenannte heidnische Welt von der christlichen abgelöst wurde und spurlos verschwand! Uraltes heidnisches Wissen lebte in christlicher Kunst weiter, bis in unsere Tage! Diese Kunstwerke wären von christlichen Bilderstürmern schon längst vernichtet worden, hätte man die heidnischen Darstellungen nicht auch christlich interpretieren können! Vergessen Sie aber einfach die Erklärungen wie ›Flügel des Glaubens‹, ›Stärke Jesu‹ oder › Macht der Kirche‹!«

Jahrzehnte sind seit jenem Gespräch mit dem Professor in Nürnberg vergangen. Immer wenn ich den Dom zu Paderborn besuche, muss ich daran zurückdenken, besonders auch an die alten Drucke aus vergangenen Jahrhunderten! Der »Vogel Greif« aus Illustrationen zum Reisebericht des Heiligen Brendan ähnelt der einen oder der anderen Kreatur vom Relief am Paradiestor zu Paderborn. Dort gibt es unterschiedliche »Mischungen« unterschiedlichster Tierarten, Wesen mit Stierkopf , Menschenkopf, Schafs- oder Eselskopf, aber auch solche mit Vogelköpfen, die in der Literatur als »Vogel Greif« bezeichnet werden.  Zumindest eine der Kreaturen vom Paradiesportal hat Pferdehufe… und erinnert somit an den mystischen Pegasus aus der griechischen Mythologie. Pegasos war nach alter Überlieferung ein Wundertier und hat »mit seinem Hufschlag die Quelle Hippokrene auf dem Musenberg Helikon« (1) geöffnet.

Stier oder Stierpferd von Paderborn.
Foto W-J.Langbein

Ein solcher Pegasus passt sehr gut nach Paderborn, steht doch der beeindruckende Dom auf einigen der wichtigsten Quellen der Pader. Eben diese Quellen des Flüsschens Pader haben ja dem Ort den Namen gegeben! Älter als der heutige Dom ist die sogenannte »Bartholomäus-Kapelle«, wenige Meter vom »roten Tor« entfernt. Zuvor hat es hier ein heidnisches Heiligtum gegeben, das auf Befehl des unsäglichen Karl, der Große genannt, zerstört wurde. Reste einer vorchristlichen Inschrift weisen darauf hin, dass da einem »Drachen« Pferdeopfer dargebracht wurden. Wir sind auf Spekulationen angewiesen. Wurde in Paderborn ursprünglich eine weibliche Quellgottheit verehrt und angebetet? Der Drache steht gewöhnlich für die ins Negative gezerrte Göttin, die vor den patriarchalischen Herrschern den Himmel regierte.

Hörner am Kopf, Hufe an den Füßen. Foto W-J.Langbein

Der mythologische Pegasos hat die heilige Quelle Hippokrene geöffnet, so heißt es. In Paderborn soll es Wodan alias Wotan alias Odin gewesen sein, der einst die Quellen der Pader zum Sprudeln brachte. »Wie das Wunderpferd Pegasus hat auch das magische Pferd Wotans, Sleipnir, heilige Quellen aufgetan! Sie sehen also, dass die Geschichte Paderborns weit ins Heidentum zurückreicht!«, erfuhr ich von meinem gelehrten Gesprächspartner, der als Professor staubtrockene lutherische Theologie gelehrt hatte.  Seine Gedanken über verdrängtes Wissen aus uralten Quellen behielt er sonst strikt für sich.

Mein Gesprächspartner, ein einst angesehener Kirchenhistoriker, händigte mir ein altes Schwarzweißfoto einer auf einem Thron sitzenden »Madonna« aus. Außerdem gab er mir einen handgeschriebenen Bericht zum Lesen, der im Ersten Weltkrieg verfasst worden war (2). Demnach befand sich vor rund einem Jahrtausend im Vorgängerbau des Doms zu Paderborn eine Heiligenfigur der besonderen Art. Die »Mutter Gottes«, die auch eine ägyptische Muttergottheit darstellen könnte, war aus Lindenholz geschnitzt und trug ursprünglich eine »Bekleidung aus Metall«. Irgendwann wurde die Metallhülle, warum auch immer, entfernt. Offenbar war diese verschwundene Hülle mit Nägeln an der Heiligenfigur befestigt, deren Spuren vor rund einem Jahrhundert noch zu erkennen waren.

Foto Archiv W-J.Langbein
 Untersuchungen jüngeren Datums indes ergaben, dass die Holzfigur bunt bemalt war, sie war dann – vermutlich beim Brand des Doms anno 1058 –  einem Feuer ausgesetzt und wurde dann mit vergoldetem Kupferblech umhüllt. Die goldglänzende Außenhülle wurde allerdings wahrscheinlich schon bald wieder entfernt.

Sollte eine »heidnische« Göttin als Vorbild für die fast lebensgroße Marienfigur gedient haben? Ja wurde womöglich ein vorchristliches Göttinnenbild in eine den christlichen Theologen genehme Maria umgestaltet? Vor Jahrzehnten, als ich evangelisch-lutherische Theologie studierte, hielt ich derlei Gedanken für ketzerisch. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass es in christlichen Kirchen nur christliche Kunst gab. Nach und nach aber dämmerte es mir, dass die junge christliche Kirche mit Vorliebe Bilder der heidnischen Konkurrenz übernahm, um so größere Chancen bei den Anhängerinnen und Anhängern der älteren Kulte zu haben. Gerade in der frühen Geschichte der christlichen Kirche war die Entwicklung des Christentums zur größten Weltreligion alles andere als selbstverständlich. Die religiöse Geschichte der Welt hätte einen völlig anderen Verlauf nehmen können.

Wer offenen Auges durch die Kirchen Europas geht, entdeckt vieles, was man an solchen Orten wirklich nicht erwartet….

Ausblick auf Folge 256... Foto Langbein
Fußnoten

1) Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989, siehe Stichwort »Pegasus«, S. 327 rechts unten
2) Handschriftliche Kopie eines Untersuchungsberichts, unbekannter Verfasser,
1916 oder 1917 erschienen. Das Manuskript liegt dem Verfasser leider nicht mehr vor.




»Odysseus und das Monster ... in der Kirche« 
»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 5«
Teil 256 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 14.12.2014



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