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Sonntag, 1. November 2020

563. »Buchstaben und Schöpfung«

Teil 563 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Das kleine Schwarzweißfoto ist verblasst. Eine Ecke fehlt. Zu sehen ist ein kleines Sandsteinhäuschen. An einer Ecke wagt sich zaghaft etwas Efeu empor. Auf der Rückseite ist, kaum noch leserlich, ein Datum notiert: 10. November 1938. Der Terror nahm seinen Anfang in jener schrecklichen Nacht. In der kleinen Synagoge gab es eine »Zwischendecke«. Und oberhalb von dieser Zwischendecke waren auch handschriftliche Texte zur Kabbala versteckt, wie mir ein altehrwürdiger Herr versichert. Man hat die Texte übersetzt. Aber versteht man sie auch? Der meiner Meinung nach mysteriöseste alte Text ist »Sefer Jesirah«.

Foto 1: Das »Sefer Jesira« - erste Worte im Original.

 Ich bin davon überzeugt, dass so mancher alte Text unverständlich zu sein scheint, weil wir womöglich zu fantastisch anmutende Interpretationen ausschließen. »Sefer Jesirah« kann Hinweise auf ein geradezu fantastisches Wissen in alten Zeiten enthalten, das eher aus der Zukunft als aus der Vergangenheit zu stammen scheint. Für den Menschen des 21. Jahrhunderts kann das Manipulieren am »Baum des Lebens« sinnbildlich für Veränderungen an den Erbanlagen eines Menschen stehen. Heutige Wissenschaftler können schon Leben schaffen, das eigentlich in der Natur so nicht vorgesehen ist. Denkbar sind auch künstlich herbeigeführte Chromosomenmutationen, wenn wie in einem göttlichen Schöpfungsakt gezielt verändertes Leben geschaffen werden soll.

Gewiss, die ethisch-moralischen Bedenken einem solchen Eingriff in das Leben und seine Entwicklung gegenüber sind durchaus berechtigt. Allerdings halten sich mit Sicherheit Wissenschaftler ohne Skrupel nicht an von Ethikkommissionen formulierte Beschlüsse. Was öffentlich noch nicht geschieht, das wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Geheimlabors längst probiert. Es ist zudem zu befürchten, dass es nicht nur die Experten irgendwelche obskurer Diktaturen sind, die mit ihren Experimenten die Versuche des fiktiven Barons Frankenstein als harmlose Versuche á la »Jugend forscht« erscheinen lassen.

Foto 2: Buchstaben, Symbole, Magie.
Das Foto dient der Illustration,
es hat keinen direkten
Bezug zum Text!
Im »Sefer Jesirah«, im »Buch der Schöpfung« gibt es einen kurzen Passus, der zu kühnen Spekulationen verleiten kann. William Wynn Westcott (*1848; †1925), Arzt, Autor, Freimaurer, Rosenkreuzer, Theosoph und einer der Gründer des »Hermetic Order of the Golden Dawn« publizierte seine Übersetzung des »Sefer Jesirah« erstmals 1887. In der gängigen Übersetzung ins Deutsche lesen wir (1):

»Er hat mit diesen 22 Buchstaben jedes geschaffene Ding geformt, gewogen und zusammengestellt, und die Form alles dessen, was später sein wird.« Die englische Originalversion von Westcotts Übersetzung lautet in der Übersetzung allerdings etwas anders (2): »Er hat mit diesen zweiundzwanzig Buchstaben jedes Lebewesen und jede noch ungeschaffene Seele geformt, gewogen, verwandelt, komponiert und erschaffen.« Es ist also nicht die Rede von der Erschaffung »jedes Dings«, sondern lediglich »jedes Lebewesens«

Keinen Zweifel scheint es zu geben, von wem da die Rede ist (3): »JAH, der Herr der Heerscharen, Gott der Armeen Israels, ewiger Gott, barmherzig und gnädig, erhaben, in der Höhe wohnend, der in der Ewigkeit lebt.«

Aryeh Kaplan (*1934; †1983) war ein orthodoxer US-amerikanischer Rabbiner und höchst vielseitiger wissenschaftlicher Schriftsteller. Er publizierte umfangreiche Studien über die Tora und den Talmud und veröffentlichte Werke über Mystik und Philosophie. Mehr als 50 Bücher zu Themen der jüdischen Mystik und Religion aus seiner Feder liegen vor.

Was als ein kurzer Bericht von Gottes Schöpfung verstanden wird, das kann, so Aryeh Kaplan auch ganz anders übersetzt werden, nämlich nicht als Beschreibung von Gottes Wirken, sondern als Befehl Gottes (4):»Dieser Abschnitt kann auch als Befehl gelesen werden. … Zweiundzwanzig Buchstaben: Graviere sie, schnitze sie, wiege sie, permutiere sie und verwandele sie und zeige mit ihnen die Seele von allem, was geformt wurde und was in Zukunft geformt wird.«

Foto 3: Der heiligste Name in der Kabbala.

Nach der alternativen Lesweise gibt also Gott den Befehl, Leben zu erschaffen. Ich halte es für sehr gut möglich, dass der Originaltext des »Sefer Jesirah« Hinweise auf die Kunst der Lebenserschaffung enthielt, die dem Verfasser (oder den Verfassern) wie unverständliche Magie erscheinen mussten. Lazarus Goldschmidt, eigentlich Elieser ben Gabriel (*1871; †1950), einer der bedeutendsten Orientalisten und Gelehrteren des Judentums, konnte von derlei märchenhaften, nur Gott vorbehaltenen Möglichkeiten wissen. Und doch gibt er in seiner Übersetzung des »Sefer Jesirah« (5) von 1894 einen entscheidenden Hinweis, der sich als der Schlüssel zu fantastischem Wissen der Altvorderen entpuppen könnte! Bei Lazarus Goldschmidt bleibt wie bei allen anderen Übersetzern, gerade was die Erschaffung von Leben angeht, alles sehr mysteriös.

Als Ausgangspunkt für die Kreation von Leben dienen, so Lazarus Goldschmidt, »Grundbuchstaben«. Dieser Ausdruck kommt bei Goldschmidt mehrfach vor. Sie begegnen uns gleich zu Beginn des »Sepher Jesirah« und das mehrfach (6). Abstrahiert man den wahrlich mysteriösen Text, dann gibt es nach dem »Sepher Jesirah« Grundbausteine, aus denen das Leben zusammen gesetzt wird. In englischen Textfassungen tauchen die »Grundbuchstaben« als »foundation letters« auf, dem englischen Pendant zum deutschen Ausdruck. Was aber sind diese Bausteine, diese Grundbausteine, diese Grundbuchstaben? Was hat es zu bedeuten, wenn von »Grundbuchstaben« die Rede ist?

Bei Lazarus Goldschmidt lesen wir (7): »Dies ist ein grosses, verborgenes und verhülltes (und prächtiges« Geheimnis, versiegelt mit sechs Siegelringen.« Aryeh Kaplan staunt nicht minder über das Geheimnis, wenn er übersetzt (8): »Ein großes, mystisches, verborgenes Geheimnis, versiegelt mit sechs Ringen.« Ziehen wir eine weitere Übersetzung zu Rate (9): »ein mächtiges Mysterium, in höchstem Maße okkult und wunderbar, versiegelt wie mit sechs Ringen«.

Im »Verlag der Weltreligionen« ist »Sefer Jezira« erschienen. Klaus Herrmann bietet Übersetzungen, basierend auf verschiedenen Manuskripten des »Sefer Jezira«. In seiner Übersetzung von »Manuskript London 6577« lesen wir (10): »Ein großes wunderbares, verborgenes, und mit sechs Siegeln versiegeltes Geheimnis.« Worin aber besteht das Geheimnis des »Sefer Jesirah«? Welches Geheimnis bietet das »Buch der Schöpfung«?

Nach dem Schöpfungsbericht im 1. Buch Mose kreierte Gott zunächst den Mann und dann – noch vor der Frau – die Tiere (11): »Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.« Was heutige Bibelleser kaum noch wissen: Adam benennt die Tiere in einem magischen Akt. Nach uraltem magischem Verständnis gewinnt man Macht über etwas, wenn man es benennt. Diese Vorstellung dürfte Jahrtausende alt sein. Und sie lebt noch im Märchen der Gebrüder Grimm vom »Rumpelstilzchen« fort, zu finden in »Kinder- und Hausmärchen«. Das »Rumpelstilzchen« ist darauf bedacht, dass niemand seinen Namen erfährt, denn wer den Zwerg benennen kann, der hat Macht über den Gnom.

Foto 4: Der heiligste Name in der Kabbala.

Im »Sefer Jesirah« geht es auch um Magie des Worts, genauer gesagt der Buchstaben. Aber wie ist diese Magie zu verstehen? Die Langfassung des mysteriösen Texts umfasst 2.700 Wörter, die kürzeren bieten zwischen 1.500 und 1.700 Wörter. Die älteste gedruckte Fassung in hebräischer Sprache entstand anno 1562 in Mantua (Italien). Wann aber entstand das Werk und wo?

Die ältesten bekannten Kommentare zum »Sefer Jesirah« stammen von Sa'adiah ben Yosef Gaon (*882/892; † 942) und von Dunash ibn Tamim (* um 900; † um 960). Beide Kommentare stammen von renommierten jüdischen Gelehrten, die in der Welt des Islam zuhause waren. Folgerichtig verfassten beide ihre Werke in arabischer Sprache. Das »Sefer Jesirah« war demnach in der islamischen Gelehrtenwelt bekannt. Ist es möglich, dass auch sein Ursprung in dieser Welt zu suchen ist?

Foto 5: Symbole und Buchstaben
in der Magie der Kabbala.
Das Foto dient der Illustration,
es hat keinen direkten Bezug
zum Text!
Umstritten ist das Alter der »Urfassung«, wenn es denn je eine gegeben haben sollte. Nach mündlicher jüdischer Tradition entstand sie zu biblischen Zeiten und wurde von Abraham selbst verfasst. Der mythische König Melchisedek, der im »Alten Testament« kurz erwähnt wird (12), soll Abraham, der damals noch Abram hieß, in magische Geheimnisse und Mysterien eingeweiht haben. Nach biblischer Datierung, das lässt sich aus den Angaben des Alten Testaments errechnen, lebte Abraham vor rund 4.000 Jahren.

Bei meinen umfangreichen Studien zum »Sepher Jesirah« stieß ich auf ein höchst interessantes Werk von Moshe Idel (*1947). Der emeritierte Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem hat sich intensiv mit der Geheimlehre der Kabbala beschäftigt. Moshe Idel thematisiert in seinem Buch den Golem (13) als eine Art artifiziellen Menschen, als einen mit magischen Mitteln erschaffenen Roboter. Urheber dieser Kreation war, so Moshe Idel, kein Geringerer als Abraham selbst.

Der renommierte jüdische Religionshistoriker Prof. Gershom Scholem (* 1897; †1982), erforschte an der »Hebräischen Universität Jerusalem« die Geheimnisse der jüdischen Mystik und publizierte zahlreiche fachbezogene Werke. Scholem übersetzte den Schluss des »Sefer Jesirah« so (14): »Als unser Vater Abraham kam, da schaute, betrachtete und sah er, forsche und verstand und umriß und grub ein und kombinierte und bildete (das heißt schuf). Und es gelang ihm. Da offenbarte sich ihm der Herr der Welt und setzte ihn in seinen Schoß und küßte ihn aufs Haupt und nannte ihn seinen Freund (andere Lesart fügt noch hinzu: und machte ihn zu seinem Sohn) und schloß mit ihm undseinem Samen einen ewigen Bund.«

In seinen Anmerkungen zu diesem Passus moniert Prof. Gershom Scholem, dass Kommentatoren diese rätselhaften Aussagen (15) »immer gern erbaulich-harmlos erklärt oder wegerklärt« hätten. Scholem weiter: »Das sonderbare ›er schuf und es gelang ihm‹ bezieht sich aber nicht nur auf Abrahams Bemühungen spekulativer Natur, die von Erfolg gekrönt waren, sondern ausdrücklich auf sein Verfahren mit den Buchstaben, bei dem alle von Gottes Tätigkeit bei der Schöpfung gebrauchten Verben exakt wiederholt werden. Mir scheint, wer diesen Satz schrieb, hatte ein Verfahren Abrahams im Auge, nach welchem er imstande war, aus seiner Einsicht in den Zusammenhang der Dinge und in die Potenzen der Buchstaben den schöpferischen Prozeß in gewisser Weise nachzuahmen und zu wiederholen.«


Foto 6: Lazarus Goldschmidts
Übersetzung vom »Buch der Schöpfung«
Fußnoten
(1) »SEPHER YETZIRAH« (Das Buch der Schöpfung), dritte Ausgabe von Westcott's Übersetzung, Kapitel II.2.
(2) »SEPHER YETZIRAH OR THE BOOK OF CREATION«, erste Ausgabe 1887. Originalzitat: »He hath formed, weighed, transmuted, composed, and
created with these twenty-two letters every living being, and every soul yet uncreated.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(3) Ebenda, Kapitel I.1. Originalzitat: »JAH the Lord of Hosts, God of the armies of Israel, ever-living God, merciful and gracious, sublime, dwelling on high, who inhabiteth eternity.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(4) Kaplan, Aryeh: »Sefer Yetzira/the Book of Creation: The Book of Creation in Theory and Practice«, revidierte Fassung, San Francisco 1997, eBook, Seite 100, 7.-10. Zeile von oben und Seite 262, 6.-2. Zeile von unten. Originalzitat: »Twenty-two letters: Engrave them, carve them, weigh them, permute them, and transform them, and with them depict the soul of all that was formed and all that will be formed in the future.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(5) Goldschmidt, Lazarus: »Sefer Jesirah. Das Buch der Schöpfung«, Frankfurt am Main 1894
(6) Ebenda, Seite 50, »Erster Abschnitt II«, Seite 54, »Zweiter Abschnitt I« und »Zweiter Abschnitt III« und Seite 55, »Zweiter Abschnitt IV«
(7) Ebenda, Seite 56, »Dritter Abschnitt II«
(8) Kaplans englische Version lautet: »A great, mystical, concealed secret, sealed with six rings.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein
(9) Westcott, William Wynn: »Sepher YetzirahThe Book of Creation/ Translated by Wm. Wynn Westcott«, 1. Auflage, Bath (England) 1887. Originalzitat: »a mighty mystery, most occult and most marvelous, sealed as with six rings«. Auch hier habe ich die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche übernommen. Eventuelle Fehler gehen also »auf meine Kappe«.
(10) Herrmann, Klaus (Übersetzer): »Sefer Jezira/ Buch der Schöpfung«, Leipzig 2008, Seite 37, 5.-1. Zeile von unten
(11) 1. Buch Mose Kapitel 2, Verse 18-20 in der Übersetzung der »Lutherbibel 2017«
(12) 1. Buch Mose Kapitel 14, Verse 18-20
(13) Idel, Mosche: »Golem : Jewish magical and mystical traditions on the artificial anthropoid«, State University of New York Press, Albany 1990
(14) Grözinger, Karl Erich: »Jüdisches Denken/ Theologie, Philosophie, Mystik/ Band 2/ Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus «, Frankfurt und New York 2005, Seite 63, 4.-9. Zeile von oben. Rechtschreibung des Zitats wurde unverändert übernommen.
(15) Scholem, Gershom: »Die Vorstellung vom Golem in ihren tellurischen und magischen Beziehungen« in »Zur Kabbala und ihrer Symbolik«, Zürich 1960, Seite 223

Zu den Fotos
Foto 1: Das »Sefer Jesira« - erste Worte im Original.
Foto 2: Buchstaben, Symbole, Magie. Das Foto dient der Illustration, es hat keinen direkten Bezug zum Text!
Fotos 3 + 4: Der heiligste Name in der Kabbala.
Foto 5: Symbole und Buchstaben in der Magie der Kabbala. Das Foto dient der Illustration, es hat keinen direkten Bezug zum Text!
Foto 6: Lazarus Goldschmidts Übersetzung vom »Buch der Schöpfung«
Alle Fotos: Archiv Walter-Jörg Langbein

564. »Abraham, der ›Herr des Alls‹ und die Chromosomen«,
Teil 564der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08. November 2020




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Sonntag, 7. Dezember 2014

255 »Ketzerisches von einem Theologen«

»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 4«
Teil 255 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein


Die Hände des greisen Theologen zitterten. Es kostete ihn viel Kraft, den schweren Folianten aus dem Regal zu ziehen. Er wuchtete den kostbaren Band auf  den niedrigen Tisch und schlug zielsicher eine Seite auf. Mit knochiger Hand deutete er auf eine handkolorierte Abbildung. »Uraltes Wissen wird seit Ewigkeiten von Generation zu Generation weitergereicht, allen Zensoren zum Trotz!«

Nach einer kurze Pause setze der alte Herr fort: »Die Altvorderen glaubten, dass Gott oder die Götter über die Kraft der Magie verfügten und so die schrecklichsten Wesen schaffen konnten!  Mit der christlichen Theologie war natürlich ein solches Gottesbild nicht mehr vereinbar!«

Schöpfung nach Koberger. Foto Archiv W-J.Langbein

Mit einer fahrigen Handbewegung brachte er mich zum Schweigen. »Die Schöpfung Gottes war viel umfangreicher als uns das geschriebene Wort der biblischen Schriften glauben machen möchte. Es gab sicher auch deutliche Hinweise auf andere Kreaturen wie den Behemoth im ›Alten Testament‹, aber die wurden von eifrigen Zensoren gelöscht! Und doch wurde verbotenes Wissen weitergegeben!«

Wie das denn geschehen sei, warf ich fragend ein. »Meist haben begnadete Künstler vermeintlich nur biblische Texte illustriert. Und dabei mehr gezeigt als die Zensoren erkannt haben. In Drucken Kobergers aus dem späten 15. Jahrhundert sei die Schöpfung Gottes zu sehen gewesen, wie Eva aus der Seite Adams geschaffen worden sei, meinte der altehrwürdige ehemalige Professor der Theologie in seiner kleinen Wohnung im fränkischen Nürnberg.

Seite aus einer Koberger Bibel. Foto W-J.Langbein
»Da waren, oft innig fein und klein, während des Schöpfungsakts andere Lebewesen präsent, in den Meeren, zum Beispiel. Das waren die Drachen der Urzeit!« Der gelehrte Mann schlurfte wieder zu einem Bücherregal, das unter der Last dickleibiger Bände zusammenzubrechen drohte. »Haben Sie schon von Abt St. Brendanus gehört?« Stolz antwortete ich: »Brendan lebte Ende des fünften Jahrhunderts nach Christus, starb um 580. Manche behaupten, dass er ein Jahrtausend vor Kolumbus Amerika entdeckt hat, in einem erstaunlich kleinen Boot, zusammen mit einigen Mönchen aus seinem Kloster.«

Der alte Herr öffnete einen weiteren Folianten. »Ja, das stimmt! Im Mittelalter hat sich die gelehrte Welt intensiv mit den Seereisen des  Odysseus aus Irland beschäftigt. Mitte des vierzehnten Jahrhunderts entstanden – vermutlich im Böhmischen – Zeichnungen zu Brendans…«

St. Brendans Fabelwesen... Foto Archiv W-J.Langbein

Der Theologe deutete auf eine fleckige Zeichnung. »Sie können den Druck ruhig in die Hand nehmen…«, ermutige mich der Professor Emeritus. »Es ist eine Reproduktion,  kein Original!« Aufmerksam studierte ich die Skizze. »Das Original dürfte 1350, vielleicht 1360 entstanden sein!«, höre ich den einstigen Theologieprofessor mit brüchiger Stimme erklären. »Was sehen Sie?« Ich zögere, druckse herum. »Da ist ein, ein... Fabelwesen abgebildet. Es hat den Hinterleib eines Löwen, auch die Hinterbeine eines Löwen. Das Vorderteil passt nicht so recht dazu. Da sind Flügel, Beine und Kopf eines Greifvogels. Die Ohren passen wieder nicht so recht zum mächtigen Schnabel…«

Damals hatte ich keine Ahnung, dass ich Jahrzehnte später am Paradiestor zu Paderborn ganz ähnliche Kreaturen entdecken würde, Mischwesen aus dem Horrorkabinett eines mythologischen Frankenstein der Vorgeschichte, die so gar nicht in einen christlichen Zusammenhang zu passen schienen. Heute weiß ich, dass viele, ja unzählige Kuriosa und Monstrositäten in und an christlichen Gotteshäusern zu finden sind. Man muss nur bereit sein, sie zu sehen, sonst übergeht man sie allzuleicht.

»Und wie nennt man diese Kreatur?« Ich zögerte. »Es könnte sich um den Vogel Greif handeln…« Der Greis nickte. »Aber was sind Namen? Schall und Rauch! Jahrtausende alte Überlieferungen berichten von monströsen Wesen, die einst von den Göttern geschaffen wurden. Dazu gehörte einst auch der Vogel Greif!« Ich machte wohl ein in den Augen des Gelehrten unpassendes Gesicht.

Fabelwesen von Paderborn, Sphinx oder Pergasus?
Foto W-J.Langbein

»Sie müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass die sogenannte heidnische Welt von der christlichen abgelöst wurde und spurlos verschwand! Uraltes heidnisches Wissen lebte in christlicher Kunst weiter, bis in unsere Tage! Diese Kunstwerke wären von christlichen Bilderstürmern schon längst vernichtet worden, hätte man die heidnischen Darstellungen nicht auch christlich interpretieren können! Vergessen Sie aber einfach die Erklärungen wie ›Flügel des Glaubens‹, ›Stärke Jesu‹ oder › Macht der Kirche‹!«

Jahrzehnte sind seit jenem Gespräch mit dem Professor in Nürnberg vergangen. Immer wenn ich den Dom zu Paderborn besuche, muss ich daran zurückdenken, besonders auch an die alten Drucke aus vergangenen Jahrhunderten! Der »Vogel Greif« aus Illustrationen zum Reisebericht des Heiligen Brendan ähnelt der einen oder der anderen Kreatur vom Relief am Paradiestor zu Paderborn. Dort gibt es unterschiedliche »Mischungen« unterschiedlichster Tierarten, Wesen mit Stierkopf , Menschenkopf, Schafs- oder Eselskopf, aber auch solche mit Vogelköpfen, die in der Literatur als »Vogel Greif« bezeichnet werden.  Zumindest eine der Kreaturen vom Paradiesportal hat Pferdehufe… und erinnert somit an den mystischen Pegasus aus der griechischen Mythologie. Pegasos war nach alter Überlieferung ein Wundertier und hat »mit seinem Hufschlag die Quelle Hippokrene auf dem Musenberg Helikon« (1) geöffnet.

Stier oder Stierpferd von Paderborn.
Foto W-J.Langbein

Ein solcher Pegasus passt sehr gut nach Paderborn, steht doch der beeindruckende Dom auf einigen der wichtigsten Quellen der Pader. Eben diese Quellen des Flüsschens Pader haben ja dem Ort den Namen gegeben! Älter als der heutige Dom ist die sogenannte »Bartholomäus-Kapelle«, wenige Meter vom »roten Tor« entfernt. Zuvor hat es hier ein heidnisches Heiligtum gegeben, das auf Befehl des unsäglichen Karl, der Große genannt, zerstört wurde. Reste einer vorchristlichen Inschrift weisen darauf hin, dass da einem »Drachen« Pferdeopfer dargebracht wurden. Wir sind auf Spekulationen angewiesen. Wurde in Paderborn ursprünglich eine weibliche Quellgottheit verehrt und angebetet? Der Drache steht gewöhnlich für die ins Negative gezerrte Göttin, die vor den patriarchalischen Herrschern den Himmel regierte.

Hörner am Kopf, Hufe an den Füßen. Foto W-J.Langbein

Der mythologische Pegasos hat die heilige Quelle Hippokrene geöffnet, so heißt es. In Paderborn soll es Wodan alias Wotan alias Odin gewesen sein, der einst die Quellen der Pader zum Sprudeln brachte. »Wie das Wunderpferd Pegasus hat auch das magische Pferd Wotans, Sleipnir, heilige Quellen aufgetan! Sie sehen also, dass die Geschichte Paderborns weit ins Heidentum zurückreicht!«, erfuhr ich von meinem gelehrten Gesprächspartner, der als Professor staubtrockene lutherische Theologie gelehrt hatte.  Seine Gedanken über verdrängtes Wissen aus uralten Quellen behielt er sonst strikt für sich.

Mein Gesprächspartner, ein einst angesehener Kirchenhistoriker, händigte mir ein altes Schwarzweißfoto einer auf einem Thron sitzenden »Madonna« aus. Außerdem gab er mir einen handgeschriebenen Bericht zum Lesen, der im Ersten Weltkrieg verfasst worden war (2). Demnach befand sich vor rund einem Jahrtausend im Vorgängerbau des Doms zu Paderborn eine Heiligenfigur der besonderen Art. Die »Mutter Gottes«, die auch eine ägyptische Muttergottheit darstellen könnte, war aus Lindenholz geschnitzt und trug ursprünglich eine »Bekleidung aus Metall«. Irgendwann wurde die Metallhülle, warum auch immer, entfernt. Offenbar war diese verschwundene Hülle mit Nägeln an der Heiligenfigur befestigt, deren Spuren vor rund einem Jahrhundert noch zu erkennen waren.

Foto Archiv W-J.Langbein
 Untersuchungen jüngeren Datums indes ergaben, dass die Holzfigur bunt bemalt war, sie war dann – vermutlich beim Brand des Doms anno 1058 –  einem Feuer ausgesetzt und wurde dann mit vergoldetem Kupferblech umhüllt. Die goldglänzende Außenhülle wurde allerdings wahrscheinlich schon bald wieder entfernt.

Sollte eine »heidnische« Göttin als Vorbild für die fast lebensgroße Marienfigur gedient haben? Ja wurde womöglich ein vorchristliches Göttinnenbild in eine den christlichen Theologen genehme Maria umgestaltet? Vor Jahrzehnten, als ich evangelisch-lutherische Theologie studierte, hielt ich derlei Gedanken für ketzerisch. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass es in christlichen Kirchen nur christliche Kunst gab. Nach und nach aber dämmerte es mir, dass die junge christliche Kirche mit Vorliebe Bilder der heidnischen Konkurrenz übernahm, um so größere Chancen bei den Anhängerinnen und Anhängern der älteren Kulte zu haben. Gerade in der frühen Geschichte der christlichen Kirche war die Entwicklung des Christentums zur größten Weltreligion alles andere als selbstverständlich. Die religiöse Geschichte der Welt hätte einen völlig anderen Verlauf nehmen können.

Wer offenen Auges durch die Kirchen Europas geht, entdeckt vieles, was man an solchen Orten wirklich nicht erwartet….

Ausblick auf Folge 256... Foto Langbein
Fußnoten

1) Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989, siehe Stichwort »Pegasus«, S. 327 rechts unten
2) Handschriftliche Kopie eines Untersuchungsberichts, unbekannter Verfasser,
1916 oder 1917 erschienen. Das Manuskript liegt dem Verfasser leider nicht mehr vor.




»Odysseus und das Monster ... in der Kirche« 
»Ein Panoptikum des Schreckens – in der Kirche – Teil 5«
Teil 256 der Serie 
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 14.12.2014



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Sonntag, 19. Oktober 2014

248 »Was geschah vor der Schöpfung? Ein ›Reisebericht‹


Teil 248 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein 

Gott als Weltenschöpfer. Archiv Langbein

Am 25. Oktober 2014 werde ich im Rahmen des »One-Day-Meetings« der »A.A.S.«-Gesellschaft in Bremen einen Vortrag halten: »Pyramiden, Monster, Fabelwesen – Von Cheops bis zum Dom in Paderborn«. Hier im Blog lesen Sie eine ausführlichere Fassung meines Vortrags, heute Teil 1!

Mein Vortrag markiert ein Jubiläum: 35 Jahre sind seit Erscheinen meines ersten Buches - »Astronautengötter« - vergangen.


»Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.«, proklamiert die Bibel. Wirklich? Nicht wirklich! Folgen Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, auf einer Reise in die Zeit vor der Schöpfung! Die Bibel weiß Erstaunliches über das Davor zu berichten!

Ich wiederhole... Wie beginnt die Geschichte von Gott in der Bibel? Die Antwort meinen selbst Atheisten zu kennen, die gewöhnlich die Bibel nicht lesen (1):

»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe. Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.«

Mit diesen Worten wird die Bibel eingeleitet. Versteckt – und selbst Theologen oft unbekannt – im »Alten Testament« findet sich aber ein anderer Anfang der Geschichte von Gott. Bevor Gott mit der Schöpfung beginnen konnte musste er erst Rahab besiegen. Bei Hiob steht (2): »Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.«    

Gott erschafft Behemoth und Leviathan.

Gott hat, noch bevor er mit seiner Schöpfung begann, das Meer aufgewühlt und Rahab getötet. Vor dem Beginn der biblischen Geschichte von Gott, wie sie das Alte Testament erzählt, war also Rahab. Wer oder was aber war Rahab?

Diverse Lutherausgaben der Bibel erklären in Fußnoten, Rahab sei »der Drache der Urzeit« gewesen. Und in der Tat: der Prophet Jesaja umschreibt Rahab als Drachen. Jesaja appelliert an Gott (3): »Wach auf, wach auf, zieh’ Macht an, du Arm des Herrn! Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?«

Adam
Bevor der Gott des Alten Testaments mit der eigentlichen Schöpfung anfangen konnte, musste er erst einmal den »Drachen« Rahab töten. Rahab existierte also schon bereits vor der Schöpfung. Verschweigt uns die Bibel da etwas? Der Schlüssel zum Geheimnis um Rahab findet sich gleich zu Beginn des Alten Testaments, allerdings muss man den Text gründlich im hebräischen Original untersuchen. In der Übersetzung heißt es wenig aussagekräftig (4): »Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe.«. Übersetzt man das hebräische Original wörtlich, lautet der zweite Teil des Verses: »Finsternis lag auf dem Antlitz von Tehom.« Tehom aber lässt sich auf uralte babylonische Mythologie zurückführen: auf die babylonische Gottheit Tiamat, die auch als Meeresdrachen bezeichnet wird. Ursprünglich aber war Tiamat die Meeresgöttin.

Die biblische Geschichte vom Kampf Gottes gegen Rahab ist eine Kopie einer älteren Vorlage.  Das Original steht in der babylonischen Geschichte von Gott: Schöpfergott Marduk muss erst Tiamat besiegen, damit er den Kosmos erschaffen kann. Jahwe, der biblische Gott, entspricht dem babylonischen Gott Marduk, Rahab ist die hebräische Variante der babylonischen Meeresgöttin Tiamat. In Rahab lebt also die Göttin des Meeres weiter. Das Alte Testament verdrängt weitestgehend die Erinnerung an die Göttin, die vor Jahwe geherrscht haben muss.

1. Fazit: Vor der Schöpfung

Eva
Der biblische Gott wird uns als der Schöpfer schlechthin vorgestellt. Wirklich? Die Bibel selbst bekundet, dass vor der vermeintlichen »Urschöpfung« etwas da war. Schwebte doch laut Bibel der Geist Gottes über dem Wasser, bevor sich Gott an die Arbeit machte. Gott schuf demnach also nicht aus dem Nichts, sondern fand schon etwas vor. Und: Die Bibel bekundet, dass es vor dem Gott des Alten Testaments schon andere Götter gab.

Kehren wir zu den Schöpfungen der Bibel zurück! Gott kreiert Adam und Eva. Wie entstand Eva? Eva, so heißt es bei Moses (5) wurde von den Göttern aus Adams Rippe erschaffen. Das sumerische Keilschriftzeichen für »Rippe« heißt »ti« - und bedeutet auch »Lebenskraft«, und die hat ihren Sitz in der Zelle. Entstand also Eva als Kunstprodukt, basierend auf Adams Genen?

Adam und Eva haben zwei Kinder, Kain und Abel. Kain ermordet Abel. Eva bekommt ein drittes Kind, Schet. Der Name Schet bietet einem weiteren interessanten Hinweis, der sich allerdings nur dann erschließt, wenn wir den Text im hebräischen Original lesen. Die gängigen Übersetzungen lauten etwa so (6): »Sie (Eva) gebar einen Sohn und nannte ihn Seth, denn gewährt hat mir Gott einen anderen Samen für Abel, welchen Kain erschlug.« In unseren gängigen Übersetzung scheint dieser Vers kaum brisante Information zu enthalten, wohl aber in der wortwörtlichen Übertragung: »Und sie nannte ihn Schet (zu Deutsch: Setzling), denn gegeben haben mir die Götter fremden Samen für Abel, welchen Kajin erschlug.« Seth oder »Setzling« war demnach das Produkt einer künstlichen Befruchtung durch die Götter!

Ein ähnlicher Vorgang der kompliziert-medizinischen Art wird in »Nala und Damayanti« beschrieben, in einer Episode aus dem wohl ältesten Epos der Menschheitsgeschichte, dem Mahabharata. Im Vidarbaland, so heißt es da, herrschte einst der große Bhima. Die Menschen bewunderten ihn ob seiner Klugheit. Sie bedauerten ihn, weil der so ersehnte Nachwuchs ausblieb. Davon vernahm der brahmanische Rsi, ein Vermittler zwischen der himmlischen und der irdischen Welt. Er ließ sich vom König und seiner Frau bei einem mehrtägigen Besuch im Königspalast genau mitteilen, wie man sich welchen Nachwuchs wünschte. Er notierte sorgsam die erhofften Eigenschaften der geplanten Kinder. Dann kehrte er in die himmlischen Gefilde zurück und unterbreitete den Erhabenen die ihm aufgetragenen Wünsche.
    
Adam und Eva von Urschalling.

Von den Himmlischen erhielt der RSI schließlich sogenannte Mädchen- und Knabenperlen. Sie wurden der Königin offensichtlich eingepflanzt – und die edle Dame war schwanger. Im Verlauf der nächsten Jahre gebar sie drei Knaben und drei Mädchen. Die vornehme Dame war, wie ihr Gemahl auch, begeistert: Die Kinder fielen allesamt genauso aus, wie man sich das gewünscht hatte.

2. Fazit: Genetische Schöpfung oder .. Wer oder was war Behemoth

Bibel und Mahabharata berichten unabhängig voneinander von Schöpfung von Leben. Nach unserem Kenntnisstand kann es sich dabei sehr wohl um wissenschaftlich-genetische Kreationen gehandelt haben. Und in der Bibel finden sich weitere Kreationen, die uns von den Theologen geflissentlich verschwiegen werden…

Adam von Urschalling
Bevor Make-Make sein erstes Menschenpaar kreiert, erschafft er ein Mischwesen: Nach seinem Spiegelbild schuf er es und verabreichte ihm noch die Attribute eines Vogels, Schnabel, Flügel, Federn. Wer glaubt, dass Adam und Eva die ersten von Gott fabrizierten Lebewesen waren, irrt. Vor den Tieren und vor den Menschen rief Gott den mysteriösen »Behemoth«. Im kleinen Bibelbuch Hiob (7) lesen wir: »Sieh‘ doch den Behemoth, den ich gemacht habe wie dich: Gras frisst er wie der Ochse. … Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« In manchen Bibelausgaben wird per Fußnote erklärt, bei dem Behemoth habe es sich um einen grasfressenden Landsaurier gehandelt.

Hiob beschreibt den Behemoth als unglaublich stark (8): »Sieh‘ doch, welche Kraft in seinen Lenden liegt und welche Stärke in seinen Bauchmuskeln! Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder, die Sehnen seiner Schenkel sind fest verflochten. Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie Eisenstangen.«

Das klingt nach einem monströsen Tier. Aber was für ein Tier sollte gemeint sein? Ein Nilpferd vielleicht, oder ein Saurier? Wie ist der folgende Satz gemeint? »Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« Ein Blick in den hebräischen Text verschafft vielleicht Klarheit. Die wortgetreue Übersetzung lautet: »Er/Es war der Erstling der Wege von El (Gott), der machende war ihn/es, dass er/es herbeibringe sein Schwert.« El schuf also Behemoth, damit der ihm sein Schwert bringen würde? Wieso sollte Behemoth dem mächtigen Gott sein Schwert apportieren? Oder gab umgekehrt Gott dem Behemoth sein Schwert? Das vermutet Martin Buber, dessen Bibelverdeutschung hohes Ansehen genießt. Buber interpretiert übersetzend (9):

»Das ist der Erstling auf den Wegen des Gottesherrn, der es machte, reichte sein Schwertgebiß ihm.« Buber deutet also das »Schwert« als das besonders scharfe und gefährliche Gebiss des Monsters.

Völlig anders versteht Leopold Zunz den Vers. In seiner für jüdische Leser gedachten Übersetzung der Thora wird auch betont, dass Gott den Behemoth als Ersten schuf, aus dem Schwert aber wird ein Messer. Und das gehört weder Gott, noch dem Behemoth (10): »Er ist der Erstling des Werkes Gottes; wer ihn opfern will, mag sein Messer heranbringen.«  Dazu wäre wohl ein besonders starker Gläubiger erforderlich gewesen, der das monströse Lebewesen hätte mit einem Messer töten können.

Wiederum eine andere Übersetzung bietet »The Interlinear Hebrew-English Old Testament« (11), die auf wortgetreue Wiedergabe Wert legt. Da heißt es dann, dass Gott, der den Behemoth schuf, dem Monster mit seinem Schwert entgegentreten kann. Mit anderen Worten: Die Kreatur war so stark und furchteinflößend, dass ihm nur Gott selbst mit dem Schwert in der Hand begegnen konnte. Unbewaffnet wäre das Risiko für Gott selbst zu groß gewesen.

Eva von Urschalling
Je mehr Übersetzungen ich konsultiere, desto mehr Varianten finde ich: Mal bringt das Monster Gott sein Schwert, mal überreicht umgekehrt Gott der Kreatur sein Schwert. Mal soll der, der das Monster opfern möchte, sein Messer mitbringen. Und mal muss sich Gott selbst mit seinem Schwert bewaffnen, wenn er dem Behemoth begegnen möchte. Mal wird der Terminus »Schwert« mit den Schneidezähnen des Behemoth gleichgesetzt. Nach Luthers Übersetzung von 1545 attackiert Gott den Behemoth (12): Gott, »der jn gemacht hat/ der greifft jn an mit seinem schwert«. In neueren Ausgaben des »Alten Testaments« nach Luther heißt es Gott (13), »der ihn gemacht hat, der gab ihm sein Schwert«.

In der Übersetzung des »Alten Testaments« ins Griechische, in der »Septuaginta« geht das Schwert vollkommen verloren (14): »Dies ist der Anfang der Schöpfung des Herrn, gemacht um von seinen Boten verspottet zu werden.« In einer Fußnote wird erklärt, dass es sich bei den »Boten« um »Engel« handele. Demnach wurde Behemoth geschaffen, damit die Engel über ihn lachen können. Völlig anders lautet eine Textvariante nach der »Elberfelder Bibel« (15): »Er ist gemacht zum Gewalthaber seiner Gefährten.« Das geschaffene Wesen wäre also so etwas wie ein »Leittier«.

Angaben zu den Fotos

»Gott als Weltenschöpfer«: Französische Bibelillustration, frühes 15. Jahrhundert, gemeinfrei, Archiv Langbein
»Gott erschafft Behemoth und Leviathan« : William Blage, erstes Viertel des 18. Jahrhunderts, gemeinfrei, Archiv Langbein
»Adam« und »Eva«: »Adam und Eva Haus« Höxter, Fotos Walter-Jörg Langbein
»Adam und Eva von Urschalling«, »Adam von Urschalling« und »Eva von Urschalling«: Fotos Walter-Jörg Langbein



Fußnoten

Kain von Urschalling
1)  1. Buch Mose Kapitel 1, Verse 1-3
2)  Hiob Kapitel 26, Vers 12
3)  Jesaja Kapitel 51, Vers 9
4) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 2
5) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 21
6) 1. Buch Mose, Kapitel 25, Vers 4
7) Hiob, Kapitel 40, Verse 15 und 19
8) ebenda, Verse 16-18
9) »Die Schrift/ Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, Band 4, Heidelberg, 4. Verbesserte Auflage der neubearbeiteten Ausgabe von 1962, S. 336
10) »Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift/ Übersetzt von Leopold Zunz«, Basel 1980, S. 616
11) »The Interlinear Hebrew-English Old Testament«, Grand Rapids, USA, 1987, S. 344

12) »Die gantze Heilige Schrifft Deudsch«, Wittenberg 1545, zitiert in der Schreibweise Luthers

Abel von Urschalling
13) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers«, Stuttgart 1915

14) »Septuaginta Deutsch/ Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung«, Stuttgart, 2. Verbesserte Auflage 2010

15) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Heilige Schrift/ Aus dem Grundtext übersetzt/ Elberfelder Bibel revidierte Fassung«, Wuppertal und Zürich, 4. Sonderausgabe 1995
 
»Vom biblischen Behemoth und anderen Monstern«,
Teil 249 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 26.10.2014


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