Sonntag, 30. Juni 2013

180 »Der Vampir von Puri«

Teil 180 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Heilige Geometrie und
Architektur - Fotos: W-J.Langbein
Am Anfang war die »Heilige Architektur«, die nur den eingeweihten Sthapatis bekannt war, den Priester-Baumeistern. Die Sthapatis zeichneten Grundrisse, nach denen die ältesten Tempel gebaut wurden. Die »Urform« aber wurde im Lauf der Jahrhunderte ergänzt. Es wurden zum Beispiel Vorhallen an- oder eingebaut: von »Baumeistern«, die längst keine Ahnung mehr vom geheimen Wissen der Sthapatis hatten!

In dem bedeutenden Nachschlagewerk über die »Architektur der Welt« heißt es (1): »Die Vorhallen ... und die kleinen Schreine innerhalb der Umfassungsmauern des Heiligtums sind nicht dem ursprünglichen Plan-Schema untergeordnet. Sie stammen aus späteren Jahrhunderten, in denen die geheim gehaltene Aufteilung der Fläche bereits vergessen war.«

>> Neue Bücher von Walter-Jörg Langbein

Mit anderen Worten: Der »Ur-Tempel« war so etwas wie ein Buch aus Stein, das nur Eingeweihte lesen konnten. Im Verlauf der Jahrhunderte ging der Schlüssel zum steinernen Code verloren. Es wurden »Textergänzungen« vorgenommen, sprich Anbauten errichtet ... von Architekten, die das Geheimwissen ihrer Vorgänger nicht mehr kannten. Wird der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts nach Christus je wieder die heiligen Tempelbauten wie ein Buch lesen und verstehen können?

Kosmische Architektur - Foto: W-J.Langbein
Wir wissen heute wieder, dass Tempel als Abbilder des Kosmos gedacht waren, mit dem Göttlichen Brahma im Zentrum und mit der Welt der Kobolde und Geister außen – weit weg vom Allerheiligsten. Diese Ferne von Brahma zeigte sich deutlich in der sakralen Architektur. Die unheimliche Welt der Gnome, Kobolde und Dämonen fand im Tempel selbst keinen Platz. Den gespenstischen Gestalten wurde das vorspringende Fundament außerhalb des eigentlichen Tempels zugeteilt. Die Welt der Menschen und die der Kobolde und Konsorten werden durch eine massive Mauer getrennt.

Es gibt zwar eine massive Abgrenzung zwischen Tempelwelt und dem Reich von Geistern, aber unüberwindbar ist diese Monstermauer nicht. Deshalb können Kobolde in unseren Lebensraum eindringen. Der Ausdruck »Kobold« ist allerdings irreführend, lässt er uns doch an einen kleinen niedlichen Gnom denken. Gnomen traut man allenfalls einen kleinen Schabernack zu, aber doch keine Morde
.
Zu den Kobolden im südlichen Indien zählen Pey und Peymakilir. Der Pey ist eine Art Vampir. Peymakilir ist das weibliche Pendant zum Pey. Peys und Peymakilire sind aber keine Nosferatus, die sich zu nächtlicher Stunde am Blut ihrer lebenden Opfer laben, die dann ihrerseits zu Vampiren werden. Sie werden von Schlachtfeldern wie magisch angezogen. Sie suchen das Gemetzel der menschlichen Kriege, um das Blut der Gefallenen zu trinken. Nach anderen Überlieferungen begnügen sie sich nicht mit dem Blut, sondern fressen die Toten. Wieder andere Überlieferungen (2) beschreiben den Pey als Blutsauger, die Peymakilir als Kannibalin.

Pey und Peymakilir haben nicht nur monströse Züge. Wenn sie einem Schwerverletzten, der Todesqualen erlitt, das Blut aus dem Leibe saugten ... verkürzten sie sein Leid und schenkten ihm einen gnädigeren Tod.

In Puri, so wurde mir vor Ort versichert, gebe es seit Jahrhunderten eine Peymakilir. Ich erinnere mich an meinen nachmittäglichen Besuch in der Tempelanlage. In einem Nebenräumchen lagerten einige »sehr alte« Palmblätter. In dem steinernen Kiosk roch es muffig. Spärliches Licht fiel durch ein kleines Fenster. Auf einem wackeligen Tisch lagen mehrere Palmblätter, etwa 30 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. (3)

Vergleichsfoto: Tempel im
Querschnitt
Foto: W-J.Langbein
Mehrere der Palmblätter zeigten Tempel im Querschnitt. Zahllose Zahlen waren eingetragen, offenbar handelte es sich um Bauanleitungen ... Zu Füßen eines »Tempelturms« kauerte hockend eine furchteinflößende Kreatur. Das Wesen ähnelte mehr einem wandelnden Skelett als einem gesunden Menschen. Seine Finger endeten in scharfen, spitzen Klauen. Ähnlich sahen auch die Füße aus. Sie erinnerten mich an die Greifwerkzeuge eines Raubvogels. An beiden Füßen zählte ich sechs Klauen.

Auffällig groß waren die hervorquellenden Augen und der weit geöffnete Mund, ein furchteinflößendes Maul. Zähne konnte ich keine erkennen. Aus den Mundwinkeln entströmte etwas. Was war es? Es sah aus wie eine Flüssigkeit, die allerdings seltsam strukturiert war. Die Flüssigkeit (Blut?) hatte die Form von sprießenden Ranken, vergleichbar mit Efeu.

Gerade diese Darstellung interessierte mich besonders. Ich sah mir das Palmblatt genau an. An der »Blutpflanze« machte ich winzig kleine »Blüten« aus. Ich nahm das Palmblatt in die Hand, deutete auf den Ausgang. Ob ich die seltsame Darstellung kurz draußen, bei Tageslicht betrachten dürfe, fragte ich auf Englisch. Fotografieren war in dem kleinen steinernen Kiosk verboten. Ob es mir gelingen würde, draußen heimlich eine Aufnahme zu machen? Dazu kam es leider nicht. Höflich, aber energisch, nahm man mir das Palmblatt aus der Hand. Es wurde in einer Schublade verstaut, die sorgfältig abgeschlossen wurde. Mit eindeutigen Gesten komplimentierte man mich ins Freie.

Ich weiß nicht, wie lang ich mich in dem kleinen Raum aufgehalten hatte. Ich schätze es waren nur wenige Minuten. Als ich wieder draußen im gleißenden Sonnenlicht stand, war ich für einen Moment geblendet. Wo waren meine Reisegefährten? Die kleine Gruppe war verschwunden. Wenige Schritte von mir entfernt sah ich eine steinerne Treppe, sie führte zu einem Nebengebäude des Jagannath-Komplexes empor. Ich hastete die Treppe hoch, betrat aber nicht den Tempel selbst. Vielmehr ging ich außerhalb der Tempelmauer auf dem steinernen Vorsprung und spähte nach meinen Freunden.

Alle Gebäude wurden nach einem kosmischen Plan gebaut.
Foto: W-J.Langbein
Was ich dann erlebte, habe ich damals in meinem Reisetagebuch festgehalten. Ich benötige diese meine Notizen eigentlich nicht, so nachhaltig hat sich das Geschehen in mein Gedächtnis eingegraben. Bis zum heutigen Tage habe ich niemandem berichtet, was damals geschehen ist ...

Die Sonne steht hoch am Himmel. Ich habe meine Schuhe ausgezogen und gehe langsam auf dem steinernen Vorsprung weiter. Durch meine Socken spüre ich den harten glatten Stein. Er fühlt sich angenehm warm an. Links neben mir ... die Tempelmauer mit zahllosen Figürchen. Mir ist, als reflektiere die steinerne Mauer die Hitze des Tages.

Ich ärgere mich, weil ich meine Fototasche mit meinen beiden Kameras nicht dabei habe. Sie steht am Fuße der kleinen Treppe. Ob ich umkehre und die Fotoausrüstung hole? Ich drehe mich um, schaue in Richtung Treppe. Ich erkenne deutlich meine Kameratasche. Ob ich sie hole? Nicht, dass sie mir noch gestohlen wird. Außerdem ... Mit dem Makro-Objektiv müssten mir einige gute Fotos von den Schnitzereien im Stein der Tempelwand gelingen! Auf einmal ist erst die Kameratasche, dann die kleine Treppe in Schatten getaucht. Eine Wolke, denke ich. Ich blicke zum Himmel. Der Himmel ist wolkenlos. Woher kommt der Schatten?

Dann geschieht Merkwürdiges. Der Schatten wandert, Stufe für Stufe hoch. Er hält, sehr kurz, inne. Er schießt förmlich an der Tempel wand entlang, auf dem Mauervorsprung ... auf mich zu. Sekundenbruchteile später stehe ich selbst im Schatten. Schlagartig ist mir in der Hitze des Tages kalt. Ich fröstele. Ich spüre förmlich, wie sich meine Nackenhaare aufstellen. Dann saust der Schatten weiter. Für Sekundenbruchteile liegt er vor mir. Dann, so scheint es mir, klettert er die Tempelwand empor.

Ich spüre ein seltsames Schwindelgefühl, stütze mich kurz an der Tempelmauer ab. Schon stehe ich wieder im Sonnenschein. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Gut hundert Meter entfernt sehe ich Julia aus Bonn. Sie winkt mir zu, winkt mich zu sich. Sie deutet mit dem Finger in eine Richtung. Rasch gehe ich auf dem Mauervorsprung zurück, die Treppe nach unten, greife meinen Rucksack mit den Kameras ... und eile zu Julia (4).

Alle Tempel weisen gen Himmel - Foto: W-J.Langbein
»Wie siehst Du denn aus?« fragt sie mich, während wir zur Gruppe aufschließen. »Ist Dir nicht gut? Oder bist Du dem Vampir von Puri begegnet?« Wir lachen. Ich bin froh, das merkwürdige Erlebnis hinter mich gebracht zu haben. Zur Treppe kehre ich nicht zurück. Auch verzichte ich darauf, Fotos von den herrlichen Schnitzarbeiten zu machen. Wir kehren zu unserem Bus zurück. Die Reise wird fortgesetzt.

Fußnoten
1 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 55
2 Meine Ausführungen basieren auf Gesprächen mit Einheimischen vor Ort.
3 Die Maßangaben sind geschätzt. Die einzelnen Palmblätter wichen in Länge und Breite etwas voneinander ab.
4 Zusammen mit Julia Z. Habe ich von Deutschland aus die Indien-Reise vorbereitet und organisiert. Unsere kleine Gruppe besuchte eine Palmblattbibliothek, Museen und viele Tempel.

»Der Herrscher und der Friseur«, 
 Teil 181 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
 von Walter-Jörg Langbein
 erscheint am 07.07.2013

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Montag, 24. Juni 2013

Fido Buchwichtel: Judas war kein Verräter

Hallo liebe Leute!

Der Sommer hat angefangen und hier bin ich:
Fido Buchwichtel
mit dem 
Bestseller der Woche 
aus dem Wichtelland.

In der letzten Woche habe ich etwas Merkwürdiges erlebt. Auf der Suche nach Wichtelleckereien bewegte ich mich nahe eines Wanderweges, den Ihr Menschen durch unseren Wald führen lasst. Wie der Zufall es so wollte, konnte ich beobachten, wie sich auf diesem Weg zwei Menschen begegneten. Es waren männliche Exemplare Eurer Gattung. Sie schienen sich zu kennen, mochten sich aber offensichtlich überhaupt nicht. Kaum waren sie auf einer Höhe, gerieten sie sich in die Haare und ein Wort gab das andere. 

Erwartet jetzt nicht von mir, dass ich die unflätigen Worte wiederhole, die hin und her flogen. Denn ich bin mir nicht sicher, ob nicht das ein oder andere Wichtelkind hier mitliest. Gerade wollte ich mich zum Gehen wenden, denn ein solches Gezänke mochte ich mir nicht antun, als einer der beiden laut zum anderen sagte: »Du Judas!«


Was habt Ihr Menschen eigentlich mit diesem armen Judas für ein Problem? Warum muss Verrat seinen Namen tragen? Ich finde, Ihr solltet endlich mit diesem Vorurteil aufräumen. Darum stelle ich Euch heute das Buch
Judas war kein Verräter: Das Neue Testament und seine Geheimnisse
des Menschenautors Walter-Jörg Langbein vor.

Der räumt darin mit dieser falschen Überlieferung gründlich auf. Anders als die meisten von Euch glauben, wurde Judas nämlich zum Verräter gemacht. Es waren andere für den Tod von Jesus verantwortlich. Versteckt in den alten Texten sind da Hinweise zu finden. Wenn Ihr wirklich wissen wollt, was im Neuen Testament steht … müsst Ihr dieses Buch lesen ... dann erfahrt Ihr, wie das wirklich war mit dem Judas. Der war nämlich gar kein Verräter... und noch etwas dazu: die Bibel ist gar nicht langweilig ... und echt spannende Infos gibt es in diesem Buch...

Also, wie immer an dieser Stelle:
Der Bestseller der Woche aus dem Wichtelland.

Bleibt mir vorurteilsfrei gewogen!

Winke winke
Euer

Fido Buchwichtel



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Sonntag, 23. Juni 2013

179 »Von Büchern aus Stein«

Teil 179 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die Tempelwelt von Puri
Foto: W-J.Langbein
Puri, im indischen Bundesstaat Orissa gelegen, ist das Rom des Hinduismus. In der Küstenstadt wird kein Geringerer als Jagannath verehrt: der »Herr des Universums«. Ende Juni bis Anfang Juli – der genaue Termin hängt vom Mondkalender ab – wird ein großes Fest gefeiert. Statuen von Jagannath und seinen Geschwistern Balabhadra und Subhadra werden auf heiligen Wagen durch die Straßen gezogen ... und das mehrere Tage lang.

Unzählige Pilger strömen Jahr für Jahr nach Puri. Jeder versucht, und sei es auch nur kurz, beim Bewegen der Statuen behilflich zu sein. Besonderer Andrang herrscht bei den Seilen, an denen die Wagen vorwärts gezogen werden. Wer auf diese Weise den Göttern hilft, der hofft auf Gnade, sprich auf schnelleren Wechsel vom irdischen Diesseits ins unbeschreibliche Nirvana.

Immer wieder kommt es vor, dass sich besonders eifrige Pilger vor die Götterwagen werfen und überrollen lassen. Diese religiös motivierten Selbstmörder haben es besonders auf den Wagen von Jagannath selbst abgesehen. Sie glauben, dass ihr irdischer Leib zerquetscht und dass jeder so Dahingeschiedene durch den »Herrn des Universums« selbst vom irdischen Jammertal ins unfassbare »Nirvana« katapultiert wird. (1)

Jagannath und seine Geschwister Balabhadra (männlich) und Subhadra (weiblich) bilden eine Göttertriade. Kurios: Auch die christliche Trinität, bestehend aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist, setzt sich aus zwei männlichen und einem weiblichen Wesen zusammen. Ist doch »der« Heilige Geist ursprünglich ... eine »Heilige Geistin« (ruach im »Alten Testament«). Jagannath entspricht als »Herr des Universums« am ehesten »Elohim« (2) des »Alten Testaments«. Während allerdings eine bildliche Darstellung des Bibelgottes per Gebot streng verboten ist, gibt es von den indischen Göttern unzählige Skulpturen und Gemälde.

Supergott Jagannath - Foto: W-J.Langbein
Aus europäischer Sicht mag die typische Jagannath-Statue kurios anmuten. Sie wird meist aus dem Holz des Niembaumes geschnitzt, den die Hindus als heilig ansehen. Der Kopf des mächtigen Gottes ist überproportional groß. Die runden »Glotzaugen« erinnern an eine Brille. Bei allen Darstellungen von Jagannath fallen die bunten Farben auf. Beine fehlen ebenso wie Hände.

Warum Jagannath so unvollständig ausgeführt wird? Eine Erklärung fand ich in der Literatur nicht. Möglicherweise soll auf diese Weise verdeutlicht werden, dass Jagannath kein physisches Wesen im herkömmlichen Sinne ist. Er benötigt keine Beine, um sich fortzubewegen. Er erschafft das Universum ohne Hände, nur aus seiner geistigen Kraft. Mein Gesprächspartner in Sanchi stimmte mir zu: »Jagannath ist ein anderes Gesicht von Krishna, der schon als Baby Wunder bewirkte!«

Der »Jagannath-Tempel« in Puri ist ein gewaltiger Komplex. In seiner heutigen Form geht er auf Codaganga Anantavarman (1088-1160), Herrscher von Orissa, zurück. Er mag ältere Vorgänger gehabt haben. Für den mächtigen Regenten war Religion die wichtigste Stütze seiner Autorität. Gott Jagannath wurde zum eigentlichen Herrscher erklärt, der König selbst begnügte sich mit dem Amt des irdischen Stellvertreter Gottes. Wer es wagte, den irdischen Regenten zu kritisieren, der galt schon als Gotteslästerer. Ein Aufstand, eine Rebellion war dann ein Angriff auf den Gott des Universums, ein schlimmes Sakrileg. Rund vierhundert Jahre später vertrat Martin Luther die gleichen Lehren, nur im »christlichen Gewand«. Auch nach Luther ist der irdische Herrscher von göttlicher Autorität hienieden auf Erden. Als sich die Bauern gegen die unmenschliche Knechtschaft erhoben, war dies für Luther auch eine Art Sakrileg.

Puri ist für den Besucher seltsam fremd. Und doch fühlte ich mich wohl. Bei aller Turbulenz war doch eine ganz besondere Ruhe, ich möchte sagen Harmonie, zu spüren. Da schritt der offensichtlich bettelarme Pilger im schlichten Gewand gravitätisch wie ein Kaiser. Da knatterte ein Moped, da wartete geduldig ein Jeepfahrer in seinem Vehikel, bis eine dösende Kuh erwachte und den Weg freigab.

Geordnetes Chaos
Foto: W-J.Langbein
Da schob sich eine Fahrradrikscha ins Straßengetümmel. Dort ließ eine mit einem kleinen Motor laufende Rikscha einer greisen Marktfrau den Vortritt. In unseren Breiten wäre ein solch harmonisches Durcheinander nicht denkbar. Jeder Verkehrsteilnehmer würde auf sein unbestreitbares Recht pochen ... Es käme zu zahllosen Karambolagen. Warum geht es in Indiens Städten so viel friedlicher zu?

Und mitten im scheinbaren Chaos des Alltags ... thront seit rund 800 Jahren der heilige Jagannath-Tempel. Eine Fahne wehte stolz im Wind. Und ein gewaltiges, mit einfachen Mitteln errichtetes Gerüst umgibt den Haupttempel wie ein schützendes Netz. Mich hat der Tempel mit Gerüst an den legendären Turm zu Babel erinnert. Ob man im Lande Babylon auch mit solchen Gerüsten gearbeitet hat, auf denen Arbeiter bis in den Himmel empor steigen zu können scheinen? Wer hier zum Beispiel Steine über unzählige Leitern an die Spitze des Tempels tragen muss, der leistet Unglaubliches.

Ist es der Tempelkomplex, der Ruhe ausstrahlt? Der Tempel ist in Indien sehr viel mehr als ein »Gotteshaus« nach christlichem Verständnis. Er ist ein symbolisches Abbild des Universums. Der Tempel symbolisiert auch den Schöpfungsakt Brahmas, der aus dem ungeordneten Sein die geordnete Form gestaltete.

Im Zentrum des Universums ... des Seins ... befindet sich Brahma. Um diesen Kern legt sich die Welt der Götter, und zwar ringförmig. Die Götterwelt wiederum wird umschlossen von unserer Welt, in der wir leben. Am weitesten entfernt von Brahma ist der äußerste Bezirk. Hier haust die niedrigste und zugleich unheimlichste Gruppe: die der Gnome, Geister und Kobolde. »Am tiefsten in dieser Hierarchie stehen«, so heißt es in Henri Stierlins Werk »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, »die Kobolde, Gnome und Geister. Sie bewohnen, ohne Verbindung zu den Göttern und zu Brahma, die Randzone der konzentrisch um das Brahma geordneten Welten.«

Ein Buch in Stein - Foto: W-J.Langbein
Der Bauplan eines typischen südindischen Tempels bildet mathematisch exakt diesen Kosmos von Supergott Brahma, von Göttern, Menschen und Kobolden ab. Der Grundriss eines Tempels wird penibel auf dem Reißbrett entworfen. Der Bauplan wird in quadratischer Form angelegt und in sechzehn mal sechzehn gleichgroße Felder unterteilt.

Der Architekt hat exakte Zahlenangaben, nach denen er sich richten muss. Jede der »Welten« hat eine vorgegebene Größe ...

Das Allerheiligste, Brahma: 16 Felder
Welt der Götter, zweiter Ring: 84 Felder
Welt der Menschen, dritter Ring: 96 Felder
Welt der Kobolde, vierter Ring: 60 Felder

Formenreichtum eines
Buches in Stein
Foto: W-J.Langbein
Uralt ist das Geheimwissen um die göttliche Architektur. Vieles ist längst in Vergessenheit geraten, manches wurde gewiss falsch überliefert. Gesichert ist aber der Grundgedanke indischer Tempelbauweise: Der gesamte Kosmos trägt in sich einen göttlichen Plan. Aufgabe des Sthapati war es nun, das geheime Wissen um den Aufbau des Universums in Zahlen auszudrücken. Diese Zahlen wiederum wurden in geometrische Formen umgesetzt. Und nach diesen Formen wurden die Tempel gebaut! Der Eingeweihte konnte die uralten Bauten wie ein Buch lesen.
Es war die Aufgabe des Sthapati, das uralte Wissen in Stein zu verewigen. Papyrustexte, Palmblätter, Bücher, ja auch Disketten und CDs sind vergänglich. Stein überdauert Jahrtausende! Werden wir je die uralten Botschaften der indischen Tempelbauer wieder wie ein Buch lesen können?

Fußnoten
1 Kulke, Hermann: »Jagannātha-Kult und Gajapati-Königtum/ Ein Beitrag zur Geschichte religiöser Legitimation hinduistischer Herrschaft«, Wiesbaden 1979
2 »Elohim« ist ein Pluralbegriff und verweist eher auf einen alten Vielgötterglauben als auf den Eingottglauben der Bibel.
3 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 55

>> Neue Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Der Vampir von Puri«,
Teil 180 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30.06.2013


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Montag, 17. Juni 2013

Fido Buchwichtel und das Leid mit den Trollen

Hallo liebe Leute!

Da bin ich wieder:
Fido Buchwichtel
mit dem 
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland.

In dieser Woche wird in meinem Wichteldorf gefeiert. Nicht nur wegen der mittsommerlichen Nächte, die jedes Jahr für Festivitäten förmlich geschaffen sind. Nein, es gibt zusätzlich Grund zum Feiern. 

Erstmals seit vielen hundert Jahren ist rund um die Windrichtungen gute Luft im Dorf. Kein übler Gestank, der uns den Appetit auf leckere Bucheckerröstlinge verdirbt. Endlich können wir an den Abenden und Nächten ungestört Brauchtumpflege betreiben, ohne damit rechnen zu müssen, dass die Lustbarkeiten durch den üblen Streich eines Widerlings gestört werden. 

Jetzt möchtet Ihr Menschen sicher wissen, was geschehen ist, welcher Grund zur besonderen Freude besteht. Da möchte ich Euch nicht länger auf die Folter spannen: Unser Troll hat uns verlassen! Ist das nicht großartig? Er ist abgewandert und das hat auch mit einem Buch zu tun, das ich Euch heute vorstellen möchte.


Dieser Troll hatte gerade in der letzten Zeit immer mal wieder für Ärger gesorgt. Die Geschichten um die Wichtelschlüpfer und seine plötzliche Vorliebe für verbotene Substanzen habe ich Euch ja schon berichtet.

Bei einem seiner nächtlichen Ausflüge in eine Menschensiedlung ist ihm dieses Buch in die dreckigen Pfoten gefallen. Unsere Spähtrupps haben ihn dann ausgemacht, wie er seine verpestete Habe zusammenpackte. Er verkündete dabei laut, dass er auswandern werde. Na, das hat natürlich ein großes »Hallo« im Wichteldorf gegeben, als die Kundschafter zurückkamen und ihren Bericht ablieferten:

Der kleine Wichteltrupp hatte aus sicherer Entfernung den Troll beobachtet. Er saß, mit einem Wichtelschlüpfer auf dem Kopf vor seiner Pfeife und jammerte vor sich hin.
»Trolli will nicht mehr reich werden. Trolli will einen Freund! Trolli ist soooo eiiinsaaaam!«

Die Wichtelkollegen meinten, dass sein Gejammer und Geheule einen Stein hätte erweichen können. 
»Was ist denn mit dem passiert?«, raunten sie sich zu.

»Das dürfte vermutlich an den verbotenen Substanzen liegen, die er sich täglich reinzieht. Die Kräuterwichtelin hatte es ja schon so vorausgesehen! Der versinkt ja im Selbstmitleid!«

Der Troll wurde des Jammerns nicht müde. 
»Die letzten Krümmel sind geraucht! Trolli muss Abschied nehmen! Trolli wandert aus nach World Wide Web. Trolli findet dort viieeeeläää  Freuuundääää! Hier ist alles doooof buuh huuuu …«

Die Wichtel spitzten ihre Öhrchen. 
»Hast du verstanden, wohin der gehen will?« 
»Keine Ahnung, den Ort kenne ich nicht, aber lass uns ganz ruhig sein. Soll er ziehen wohin er will. Hauptsache er geht tatsächlich und überlegt es sich nicht anders.«

So lauerten die Wichtel, sicher versteckt hinter einem Baumstumpf, auf Trollis Aufbruch. Und tatsächlich. Der Troll schnürte sein Bündel, nahm noch mit großer Pose Abschied von seiner Müllhalde und schritt von dannen.

World Wide Web habe ich noch nie gehört. Das klingt irgendwie fremdländisch. Und es scheint dort von Trollen nur so zu wimmeln, also kommt dieses Land für uns Wichtel eh nicht infrage. Aber ich habe mich kundig getan. Natürlich sorgte ich für eine ordentliche Ausgabe des Buches. Was ein Troll einmal in seinen versifften Pranken hatte, fasst kein Wichtel mehr an.

Wie groß war meine Überraschung als ich feststellen musste, dass dieses World Wide Web der Ort ist, an dem ich immer Montags meinen Bestseller der Woche vorstelle. Ein Troll ist mir hier aber noch nicht begegnet, das hätte ich sofort gerochen.

Bei der Lektüre des Buches fielen mir keine großen Unterschiede auf. Ein Troll ist ein Troll, auch wenn er ein Forentroll ist. Das einzige, was die beiden voneinander unterscheidet, ist der furchtbare Gestank. Aber vielleicht liegt es daran, dass das www. eine Welt am Draht ist und durch den werden keine Gerüche weitergeleitet. Dafür könnt Ihr Menschen Eure Forentrollplage einfacher beenden als wir: Ihr braucht nur den Stecker zu ziehen.

Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen!

Duftende Mittsommernächte wünsche ich!

Winke winke Euer

Fido Buchwichtel




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Sonntag, 16. Juni 2013

178 »Das Geheimnis der Kuppelbauten«

Teil 178 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der Rundbau von Cuilcuilco
Foto: W-J.Langbein
Völlig übermüdet kam ich in Mexiko City mit einigen Stunden Verspätung an. Freudestrahlend empfing mich eine Lady als Guide. Leider, so schien es, waren ihre Kenntnisse der englischen Sprache nicht die besten. Jedenfalls reagierte sie nicht wirklich auf meinen Wunsch, die Überreste des runden „Kuppelbaus“ von Cuilcuilco zu besuchen. So wurden mir in einem kleinen Familienbetrieb Steinbearbeitungen vorgeführt. Ich staunte, mit welcher Schnelligkeit kleine steinerne Skulpturen fabriziert wurden, Darstellungen der Göttin Chicomeocatl, zu Deutsch »Sieben Schlangen« zum Beispiel. Kleine Figürchen aus Stein vom Coatlicue, zu Deutsch »Die mit dem Schlangenrock«, Mutter der Erde, des Mondes und der Sterne, wurden im Handumdrehen fabriziert. Ich aber wollte unbedingt Cuilcuilco sehen.

Wie der Komplex von Cuilcuilco ursprünglich ausgesehen hat? Wir wissen es nicht wirklich. Von zentraler Bedeutung war offenbar die runde Pyramide von Cuilcuilco. Man stelle sich eine riesige, runde Torte vor. Nach und nach werden runde, immer kleiner werdende Tortenscheiben aufeinander getürmt. So entsteht der Eindruck einer kuppelförmigen Torte. In der Realität war die Pyramide von Cuilcuilco alles andere als klein wie eine Torte. Die unterste Schicht hatte einen Durchmesser von fast 140 Metern und eine Höhe von fast zehn Metern. Insgesamt wurden mindestens 100 000 Kubikmeter Steine und Erdreich verbaut. 250 000 Tonnen Erdreich, so schätzt man, mussten bewegt werden.

Wann geschah dies? Vor vielen Jahrtausenden, wie angeblich geologische Untersuchungen ergeben haben? Cuilcuilco fiel nämlich einer Naturkatastrophe zum Opfer, verschwand unter unvorstellbaren Massen von Lava. Ein schweres Leichentuch von bis zu zehn Metern Dicke heute erstarrter Lava liegt über den archäologischen Rätseln. Brach der alles verwüstende Vulkan vor vielen Jahrtausenden aus? Oder ist Cuilcuilco wesentlich jünger? Eine Urform des mysteriösen Rundbaus von Cuilcuilco soll es bereits im fünften Jahrhundert v. Chr. gegeben haben.

Cuilcuilco ist bislang nur wenig erforscht. Ein Tunnel, von Archäologen in den Bau getrieben, ergab: die Rundpyramide hat so etwas wie ein steinernes »Gerippe«, bestehend aus zwei Meter hohen und einen Meter dicken Monolithen. Die Steinblöcke sind in konzentrischen Kreisen angeordnet und stecken – um ihnen bestmöglichen Halt zu gewähren – im Erdreich. Der Kern der mysteriösen Anlage soll ebenfalls aus massiven Steinquadern bestehen.

Der Bienenkorb von Quito
Foto: W-J.Langbein
Darf man die Bauweise als primitiv bezeichnen, weil weder Mörtel, noch Zement verwendet wurden? Oder beweist das Fehlen von Mörtel und Zement erstaunliche Meisterschaft in der Steinbearbeitung?

War die Rundpyramide von Cuilcuilco der Versuch eines Kuppelbaus? Außerhalb von Quito, Ecuador, hoch über der Stadt ... steht ein seltsames »Gebäude« aus, eine steinerne Kuppel ohne Fenster. Man nennt das geheimnisvolle Bauwerk »Bienenkorb«, aber auch »Kochtopf«. Fenster hat der Kuppelbau keine, nur ein kreisrundes Loch an der höchsten Stelle ... in rund sechs Metern Höhe. Knapp einen halben Meter misst es im Querschnitt. Welchem Zweck diente die Kuppel aus Stein?

Auf dem »Kuppelbau« von Cuilcuilco standen »Gebäude« aus Holz. »Tempel« seien das gewesen. Dienten sie astronomischen Beobachtungen? War der Kuppelbau von Quito so etwas wie ein Observatorium? Die Völker Zentralamerikas – etwa die Mayas – waren von der Beobachtung der Sterne geradezu besessen. Das minutiöse Beobachten von Planeten und Sternen hatte religiösen Charakter. Man wollte das Geheimnis der Zeitabläufe erforschen. Quintessenz der Kalenderwissenschaft der Mayas: Die Zeit verläuft in Zyklen. Es gibt immer wieder gewaltige Katastrophen, die ein Weltzeitalter beenden. Doch es folgt auf die Katastrophe stets ein Neuanfang.

Cuilcuilco wurde von einem gewaltigen Vulkanausbruch verwüstet. Konnten die Menschen rechtzeitig fliehen?

Auch in Indien pflegte die Elite der Wissenschaft die Kunst der astronomischen Beobachtung. Jahrtausende alt ist das indische Wissen. So soll der »Ursprung der Welt« in einem »heiligen Ei« seinen Anfang genommen haben. Wir denken an die Theorie vom »Big Bang«, wonach am Anfang das Universum auf einen Punkt – auf ein Ei – verdichtet war und sich explosionsartig ausdehnte. Schon vor drei Jahrtausenden muss es in Indien eine ausgeklügelte Astronomie gegeben haben. Waren die ersten »Tempel« in Wirklichkeit astronomische Forschungsstationen, von denen aus Planeten und Sterne beobachtet wurden?

Fest steht, dass im »Alten Indien« Gebäude errichtet wurden, die an »Himmelstreppen« erinnern – und die präzisen astronomischen Beobachtungen dienten! Leider sind die Beschreibungen astronomischen Wissens in heutiger Zeit kaum noch verständlich. Offenbar galt vor Jahrtausenden – in der sogenannten »vedischen Zeit« - das Wissen um Planeten und Sterne als eine Art Geheimwissenschaft.

Sanchi-Kuppel und Bienenkorb
Fotos: W-J.Langbein, links, und Willi Dünnenberger, rechtes Foto
In Sanchi (im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh) sprach ich mit einem Astronomen, der in Oxford studiert hatte. Hauptamtlich übersetzte der Mann vedische Texte im Rahmen eines groß angelegten Forschungsprojekts, mit dem Ziel die alten »Gottesdienstordnungen« aus vedischen Zeiten wieder verständlich zu machen. »Meine Arbeit ist theologischer Natur. Aber man kann nicht wirklich eine Trennlinie ziehen zwischen Religion und Wissenschaft. Was mich wirklich interessiert, das ist eine Entschleierung uralten vedischen Wissens um Planeten und Sterne. Wie wurden die astronomischen Beobachtungen durchgeführt? Wie sahen die astronomischen Werkzeuge und Instrumente aus? Wie müssen wir uns die astronomischen Observatorien aus uralten Zeiten vorstellen?«

Leider, so der kundige Übersetzer, hätten viele Wissenschaftler in Indien kein Interesse an »prosaischen Wissenschafts-Texten«. »Für Hinweise auf Jahrtausende alte Observatorien nehmen sich viele Gelehrte keine Zeit!«

Das Maya-Observatorium - Foto: W-J.Langbein
Vermutlich gab es einst kuppelförmige »Tempelbauten«, die in erster Linie der Beobachtung des Himmels dienten. So einen Kuppelbau gibt es noch in Sanchi. Er ähnelt in verblüffender Weise dem mysteriösen Bau von Quito ... oder dem Maya-Observatorium von Chichen Itza. Wie mag der »Urbau« von Sanchi ausgesehen haben? War es eine einfache Kuppel mit einem »Auge« zum Observieren? Nach und nach, so ist zu vermuten, kamen Verzierungen hinzu. Zu hinterfragen ist, wie originalgetreu moderne Archäologen den Kuppelbau von Sanchi rekonstruiert haben. Ergänzten sie mehr Zierrat, als ursprünglich vorhanden war? Oder war vor Jahrhunderten noch sehr viel mehr schmückendes Beiwerk angebracht? Sah Sanchi vielleicht so aus, wie in der Rekonstruktion auf dem Foto?

Wiederholt sprach ich ausführlich mit Robert K. G. Temple, einem Wissenschaftler, der sich intensiv mit den alten Götterkulten unserer Vorfahren auseinandergesetzt hat. Temple, 1945 in Amerika geboren, studierte an der Universität von Pennsylvanien in Philadelphia, erwarb einen akademischen Grad in Orientalistik und Sanskrit. Er ist Mitglied der »Royal Astronomical Society« und lebt in England.

Robert K. G. Temple: »Der bekannte Bibeltext spricht davon, dass Gott vom Himmel herabgestiegen sei und den Turm von Babel zerstört habe. Vom Himmel herab kamen auch die Götter der Babylonier. Meiner Meinung nach spiegeln diese mythischen Texte konkrete Erinnerungen wieder. In grauer Vorzeit kamen Außerirdische zur Erde. Sie wurden als Götter verehrt. Deshalb sollten ihre Tempel dem Himmel so nah sein, wo man die Heimat der kosmischen Besucher vermutete. Deshalb wurde im Alten Sumer Astronomie betrieben - in den Tempeln der Götter. Man wollte so viel wie möglich über ihre Heimat, die Sterne, in Erfahrung bringen.«

Mein Gesprächspartner in Sanchi - Foto: W-J.Langbein
Wie dem auch sei, ob nun Götter von den Sternen kamen oder nicht: Unsere Altvorderen haben mit religiöser Inbrunst das Geschehen am Himmel beobachtet. Der »Turm zu Babel« war wohl ebenso ein prähistorisches Observatorium wie die Kuppel von Chichen Itza, der »Bienenkorb« von Quito und der Rundbau von Cuilcuilco ... und sein Pendant von Sanchi, Indien!

Mein Gesprächspartner von Sanchi: »Ich lebe nach westlichen Standards in Armut. Ich empfinde aber ganz anders. Ich habe ein Privileg, das sich niemand mit noch so viel Geld kaufen kann. Ich darf mit den vielleicht ältesten Texten der Menschheit arbeiten! Ich lese die uralten Berichte, ich übersetze sie. Auf diese Weise wird es mir ermöglicht, wie in einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zu reisen!«

Auf Anerkennung sei er nicht aus, nur auf Erkenntnis durch eigene Arbeit. Einen Seitenhieb auf die »westliche Wissenschaft« konnte er sich nicht verkneifen. »Da studiert der junge Mensch beim alten Professor. Der Professor fördert ihn nur, wenn er die Ansichten des Professors geradezu nachbetet. Irgendwann wird der junge Student zum Professor. Dann müssen wiederum die Studenten bestätigen, was er verkündet. Neue Erkenntnisse setzen sich nicht durch! Oder nur schwer!«

Was denn seiner Meinung nach das große Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis sei, wollte ich wissen. »Der materielle Reichtum! Wer nach Anerkennung und Gewinn strebt, der verliert das Ziel des wissenschaftlich suchenden Menschen aus den Augen ...«

»Von Büchern aus Stein«,
Teil 179 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.06.2013


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Montag, 10. Juni 2013

Fido Buchwichtel und ein Mord in Ostfriesland

Hallo liebe Leute!

Ja, ist es denn die Möglichkeit?
Schon wieder ist eine Woche vergangen!
Habt Ihr mich vermisst?
Euren
Fido Buchwichtel,
der Euch jeden Montag den 
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland bringt.

Heute geht es wieder um Mord und Totschlag.
Mord im ostfriesischen Hammrich von g.c.roth.

Ein Beziehungsdrama der besonderen Art wird da beschrieben. Liebe macht blind, das kann auch einem Wichtel passieren. Swantje, so heißt die verliebte Menschenfrau in dem Buch, merkt nicht, dass sie von ihrem Partner nur an der Nase herum geführt wird. Sie ist aber auch viel zu brav und lieb. Swantje hätte das Zeug zum Wichtel. Wie gut, dass wir nicht so sind wie dieser Rollo, der Mann von Swantje. Dann wäre es schlecht um die Wichtelvölker bestellt.


Der Rollo macht was er will. Als ich das Buch förmlich verschlungen habe, wollte ich immer wieder ausrufen: »Swantje, was machst du nur? Lass ihn zischen und such dir einen frischen!« Sie konnte mich nicht hören. Es ist auch nur ein Buch, musste ich mir in Erinnerung rufen. 

Tatsächlich muss ich Euch mitteilen, Rollos Ende wundert mich überhaupt nicht. Er hat es aber auch übertrieben. Und das nicht nur in der Beziehung zu Swantje … Ein übler Bursche ist dieser Rollo!

Aber mehr will ich Euch nicht verraten. Ihr sollte das Buch ja schließlich: Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen! 
Mord im ostfriesischen Hammrich der Bestseller der Woche aus dem Wichtelland.

Eine schöne Woche wünsche ich Euch und macht nichts, was ich nicht auch tun würde!

Winke winke
Euer

Fido Buchwichtel





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Sonntag, 9. Juni 2013

177 »Kosmischer Plan und Weltuntergang«

Teil 177 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Gigantische Steintore
Fotos: W-J.Langbein
Das Allerheiligste von Vijayanagara, der priesterlich-sakrale Bereich, war einst von Monstermauern umgeben. Die mächtigen Wände sind weitestgehend verschwunden. Staunend stehe wir vor den Überresten, die allenfalls erahnen lassen, welche gigantischen Steinmassen da einst verbaut worden sind! Königliche und Himmlische sollen sich hier einst getroffen haben. Himmlische Wesen und mächtige Menschen begegneten einander.

Gut fünf Meter hohe, tonnenschwere Steintore sind erhalten geblieben. Wie hat man sie wohl in die Senkrechte gestellt? Und wie wurden sie aufgehängt? Das Türscharnier muss gewaltige Gewichte getragen haben ... Diese Monstertüren deuten auf echte Monstermauern hin. Und was geschah hinter den Mauern? Wie begegneten die Mächtigen, die vom Himmel stiegen, den mächtigen Vertretern der Menschen?

Um 1500 n. Chr. Wurden Grundregeln der Baukunst schriftlich festgelegt. Vastu Vidya ist aber sehr viel älter. Nach manchen Quellen kannten die Wissenden schon vor sieben Jahrtausenden da Geheimnis, wie der Mensch seinen Lebensraum gestalten muss, um die unsichtbaren Kräfte zu nutzen – für Bauwerke, in denen man gesund leben kann. Viele Generationen lang war das uralte Wissen nur Eingeweihten zugänglich.

Andreas Volwahsen und Gerd Mader schreiben in ihrem Werk »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains« (1): »Vastu-Vidya, die Lehre von der Architektur, war schon in vedischer Zeit eine Geheimwissenschaft. Sie wurde vom Vater auf den Sohn mündlich weitergegeben. Eine schriftliche Festlegung wurde erst im Mittelalter notwendig.«

Der Sonnentempel von Konarak - Foto: W-J.Langbein
Offen gestanden: Das kann meiner Meinung nach so nicht stimmen. Die riesigen Tempelanlagen im »Alten Indien«, steil in den Himmel ragende Tempeltürme mit gewaltigen Steinen von zig Tonnen Gewicht auf der Spitze, Tempel in Kuppelform... all das muss sorgsam auf dem Reißbrett entworfen worden sein. Es muss schriftlich fixierte Baupläne gegeben haben, bevor der erste Stein gesetzt werden konnte. Bauten wie der Sonnentempel von Konarak setzen eine fortgeschrittene Wissenschaft des Bauens voraus, allein schon was die Statik angeht. Die Architekten müssen, wenn auch nicht auf Papier, dann aber auf Palmblatt präzise Bauzeichnungen angefertigt haben ... vor dem Baubeginn.

Schon im 19. Jahrhundert haben englische Wissenschaftler eine »Archaeological Survey of India« (2) unternommen. Ob diese Expedition ihren Namen verdient hat, sei dahingestellt. Offenbar waren die Engländer, die sich als arrogante Vertreter ihrer vermeintlich wahren Zivilisation auf Erden keine Freunde machten, sehr stark an der Baukunst des »Alten Indien« interessiert. Sie befragten auch sehr intensiv indische Priester-Architekten, Sthapatis. Allerdings fand sich nicht ein einziger Wissender, der die europäischen Besucher in die Geheimwissenschaft der Baukunst einzuweisen bereit war.

Stella Kramrisch (1896-1993) verfasste eine Dissertation über »Buddhistische Skulpturen« und unterrichtete von 1921 bis 1950 an der Universität von Kalkutta. Sie konvertierte zum Hinduismus und dürfte eine der wenigen nichtindischen Wissenschaftler gewesen sein, denen ein gewisses Vertrauen entgegengebracht wurde. Offenbar entdeckte Stella Kramrisch, die gebürtige Tschechin, einige alte Manuskripte über die Baukunst in Indien. In wieweit es ihr gelungen ist, die Texte zu verstehen ... wir wissen es nicht. Nach meinen Recherchen sind die Texte bis heute erst zu einem kleinen Teil ausgewertet worden!

Ausschnitt aus einem
Palmblatt mit einer Art
Bauskizze
Foto: W-J.Langbein
Für den Priester-Architekten Sthapati gibt es vor der Entstehung von Materie so etwas wie einen undefinierbaren Geist. In der Schöpfung wird das Ungeordnete und Formlose geordnet und erhält Form. Der kosmische Plan sieht vor, dass der Sthapati alles in seiner Macht stehende tut, um eine Auflösung des Geordneten zu verhindern.

Andreas Volwahsen und Gerd Mader halten fest (3): »Jede Bautätigkeit bedeutet einen neuen Sieg über die Gefahr der Auflösung und unterstützt die kosmische Ordnung. Vorausgesetzt allerdings, daß das Bauwerk im Einklang mit dieser phänomenalen … Ordnung errichtet wird.« Der Tempelbauer errichtet also nicht nur ein sakrales Gebäude als Raum der Lobpreisung und des Gottesdienstes. Sein Wirken im Einklang mit dem großen kosmischen Plan verhindert, dass sich unsere Welt einfach auflöst.

Der Priesterarchitekt schwadroniert nicht über die Allmacht der Göttlichkeit. Er verfügt über uraltes Geheimwissen über den »Kosmischen Plan«. Er weiß von der ewigen Tendenz zur Auflösung alles Existierenden ... und versucht, mit seinen Bauten eben diese geordnete Schöpfung zu stabilisieren. Es gibt eine unsichtbare Welt des Geistigen ... und unsere sichtbare Welt des Materiellen.

Jahrtausende vor unserer Zeit verkündeten in Indien Propheten – anders als im Judentum, Christentum und Islam – nicht den Willen eines Gottes. Er war vielmehr ein Forscher, ein Wissenschaftler. Seine Aufgabe bestand nicht darin unterwürfig die göttliche Macht über die Menschenhit zu verkünden. Die Seher (4) »verkünden nicht mehr den Weg zur Erlangung ihrer Gunst (der Götter!) durch Opfer oder Verehrung, sie bemühen sich vielmehr, das den Kosmos durchdringende Gesetz zu erkennen und alles Sein und Handeln in einem kausalen Zusammenhang zu sehen.«

Der Tempelbauer huldigt keinem individuellen Gott, sondern – wenn überhaupt – einem kosmischen Prinzip, dem kosmischen Plan. Die Frage der Fragen lautet: Kann auch heute noch das verborgene Wissen, das in Sakralbauten wie dem Jagannath-Tempel von Puri, Orissa, verewigt wurde ... erkannt und entschlüsselt werden? Werden wir die Steine irgendwann wieder wie ein Buch lesen können?

Der Jagannath-Tempel - Foto: W-J.Langbein
Es gilt, verborgene Gesetzmäßigkeiten, den kosmischen Plan zu erkennen ... und nicht den Willen willkürlich handelnder Götter. Niemand muss einem vermeintlich allmächtigen Gott Loblieder darbringen, der sonst vielleicht böse wird und Schaden über die Menschen bringt. Der Forschende sucht nach den Gesetzen der Natur. Das Leben soll dann nach diesen Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet werden, nicht nach den willkürlichen Launen eines Gottes. Tagesaktuell ausgedrückt: Mit den Gesetzen der Natur leben, nicht nach den Launen einer Gottheit.

Der Tempel, gebaut nach den verborgenen Prinzipien, demonstriert: Bestand hat, was im Einklang mit den Gesetzen des Kosmos ist. Und wer die ewigen Gesetze des Kosmos kennt, der kann schließlich eins werden mit dem Geistigen. Ziel des Buddhisten ist es nicht, in einem Paradies vom Typ Schlaraffenland als Unsterblicher bis in alle Ewigkeit zu schlemmen! Er wartet weder auf saftige Trauben, noch auf liebreizende Jungfrauen. Er will alle irdischen Fesseln abstreifen und eins werden mit dem undefinierbaren Göttlichen.



In diesem Kosmos haben auch körperliche Wesen Platz, die so mächtig sind, dass man sie für Götter halten könnte. Es sind aber physische Wesen. Prof. Dr. Dileep Kumar Kanjilal ist überzeugt: Solche Wesen kamen aus den Tiefen des Alls und besuchten unseren Planeten. Ihre Vehikel werden als Vimanas bezeichnet ... und Vimanas in Stein wurden in Indien als Tempel verewigt. »Göttliche« Riesenvehikel umkreisten die Erde, sich um die eigene Achse drehend. Kleinere Vehikel pendelten zwischen den Monsterschiffen und der Erde hin und her.

Mir wurde ein Palmblatt aus einer privaten Sammlung gezeigt. Diverse Zeichnungen waren eingeritzt worden. Angeblich sind die Motive viele Jahrhunerte, wenn nicht Jahrtausende alt. Die Palmblätter vertrocken und zerfallen ... müssen also rechtzeitig immer wieder kopiert werden. Ich durfte ein Detail fotografieren ... nämlich ein kleines Vimana, so wie es sich der unbekannte Künstler vorgestellt hat!

Ein Vimana wird in einer Prozession mitgezogen. Foto W-J. Langbein
Liebe Leserin, lieber Leser! Wenn Sie diesen Beitrag lesen ... im Juni 2013 ... ist der angebliche Maya-Weltuntergangstermin längst verstrichen. Keine einzige echte Maya-Prophezeiung hat den Weltuntergang für das Jahr 2012 vorhergesagt. Es gibt aber eine konkrete Prophezeiung aus dem »Alten Indien«.

Demnach wird unsere Welt, so wie wir sie kennen, am Ende des Kaliyuga-Zeitalters, in dem wir leben, untergehen. Nicht nur unsere Welt wird ausgelöscht werden, auch das Universum ist dem Untergang geweiht.

Wer sich den Weltuntergangstermin im Kalender notieren möchte ... Das Ende des laufenden Kaliyuga-Zeitalters ist für das Jahr 428.898 n. Chr. vorgesehen.


Fußnoten
1 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 43
2 Etwa: »Archäologische Untersuchung Indiens«
3 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 44
4 ebenda, S. 10 unten und S. 11 oben

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»Das Geheimnis der Kuppelbauten«,
Teil 178 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.06.2013


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Samstag, 8. Juni 2013

Das Männlein mit dem Popel an der Backe – Ein Mutmachtext von Sylvia B.

Illustration: Sylvia B.
er ist das männlein
das schon in der schule
immer einen popel
an der backe hängen hatte

und bestimmt hat ein kind
das so aussah
oder so lachte
oder so ging wie du
ihm damals im sandkasten
ein butterbrot geklaut

und jetzt hat er sich
zu irgendeinem kleinen leiter
von was weiß ich hochgebuckelt

zu hause
hat sie das sagen
und er das schweigen

ich wette mit dir
der holt sich heimlich
auf dem klo einen runter
wenn du gleich
sein büro verlassen hast

denn du
willst was
von ihm

er braucht nicht unbedingt
wenn er nicht will
er könnte aber
wenn er wollte
das gibt ihm macht

Illustration: Sylvia B.
und in seiner verstrahlten phantasie
lässt er dich
auf allen vieren vor sich rutschen
und bitte bitte machen
und seine phantasie hebt seine potenz
lässt ihn endlich wieder
seinen besten freund erahnen

zieh ihn über den tisch
stopf ihm eine stulle ins maul
und dann sag ihm
dass er einen popel an der backe hat


aus:
Sylvia B.
der tiger am gelben fluss: Texte und Illustrationen

nimm es nicht persönlich: Poetische Texte und erotische Bilder



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Montag, 3. Juni 2013

Fido Buchwichtel und die menschliche Heilkunde

Hallo liebe Leute!

Wie schnell die Zeit vergeht! 
Es ist Montag und
Fido Buchwichtel
bringt Euch Menschen den
Bestseller der Woche
aus dem Wichtelland.

Auch Wichtel können krank werden, oder sogar chronisch krank sein. Diesen armen Wichteln zu helfen ist oberste Aufgabe unserer Kräuterwichtel. Meist sind es weise Wichtelfrauen, die mit Rat und Tat und durch ganz altes Wissen heilen. Es gibt also seriöse Kräuterwichtel aber auch Quaksalbertrolle und es gibt Sinn, letztere nicht aufzusuchen. Es sei denn, die Eitelkeit treibt seltene Blüten. Wie das Beispiel der Wichtelin Susa aufzeigt, die sich ihre Hupen bei einem Quaksalbertroll mit minderwertigen Gerstensplitt hat ausfüllen lassen. Darüber habe ich schon in abschreckender Weise hier berichtet. 

Kein Wichtel, der auf sich hält, sucht einen Quaksalbertroll auf. Es ist sogar so, dass erkrankte Trolle, wenn auch nur heimlich, Rat bei Kräuterwichteln suchen, so sie denn ein Zipperlein plagt. Daran können wir erkennen, dass selbst die Trolle auf die Heilkunde ihrer Spezies nichts geben.

Der Bauer erkennt seine Schweine am Gang, wir jeden Troll schon aus weiter Entfernung am Gestank. Bei Euch Menschen scheint eine Abgrenzung und damit das Erkennen von Schein und Sein nicht so leicht möglich zu sein, wie wir aus dem Buch
 menière desaster: der Feind in meinem Innenohr
lernen können.


Die Menschenautorin Sylvia B. beschreibt darin, dass sie fast zwei Jahrzehnte lang keine Hilfe bei den menschlichen Heilberuflern fand. Was mich besonders berührt hat, sie hatte einen Arzt gefragt, ob ihr Drehschwindel vielleicht Morbus Menière sein konnte und der hat sie ausgelacht. Und 20 Jahre und viele Anfälle später steht diese Diagnose. Nun ist diese Erkrankung und die Ursache weitgehend unbekannt. Sie gilt als unheilbar. Dieser Arzt hätte ihr zu diesem Zeitpunkt nicht helfen können, aber musste er sie auch noch seelisch so fertig machen? In dem er sie auslacht? Wie vermessen, wie brutal ist das?

Und noch ein Gedanke kam mir in den Sinn. Scheinbar war sie und ihre Arbeitskraft noch einigen Menschen nützlich. Was, wenn das nicht der Fall gewesen wäre? Es wäre sicher ein Leichtes gewesen, sie in der Obhut der Seelendoktoren verschwinden zu lassen. Ich muss da an den armen Gustl Mollath denken, diese Geschichte macht im Wichtelland die Runde! Dieser Gedanke ist so abwegig nicht, denn bei Euch Menschen gibt es Gutachter, die viel Zeit mit Modellautos verbringen und deren Beurteilung mancher vermeintlicher Bauermörder darum völlig daneben gegangen ist.

Wir Wichtel lernen auch durch Eure Fehler, liebe Menschen. Darum werden wir auf der Hut sein und darauf achten, dass hier im Reich der Wichtel die Quacksalbertrolle niemals die Hoheit über die Zwangsjacken bekommen.

menière desaster: der Feind in meinem Innenohr der Bestseller der Woche aus dem Wichtelland: Kaufen! Lesen! Weiterempfehlen!
Ich wünsche Euch eine gesunde Woche!

Winke winke Euer

Fido Buchwichtel





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Sonntag, 2. Juni 2013

176 »Das Geheimnis der steinernen Kugel«

Teil 176 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Der geheimnisvolle
Pyramidenturm
Foto: W-J.Langbein
»Du möchtest also ein Sthapati werden?« fragt mich der junge Inder vor dem Tempelturm von Tanjore. »Gibt es denn noch echte Sthapatis?« frage ich zurück. Sthapatis waren Theologen, Priester und Architekten. Sie kannten die heiligen Texte, sie interpretierten sie und sie verstanden die Kunst des Tempelbaus. Es gibt sie nicht mehr, die Sthapatis. Und so stehen wir in Indien vor so manchem Rätsel, etwa in Sachen Baukunst!

74 Meter hoch ragt der Tempelturm von Tanjore. Die einzelnen »Etagen« sind kaum als solche zu erkennen. Unzählige kleine Tempelchen sind angebracht, Miniaturtempelchen, wie kleine Modelle. Ich frage mich: Was soll diese komplexe Vielfalt, die so liebevoll gestaltet wurde ... die man aber vom Boden aus gar nicht erkennen kann?

»Der gesamte Tempelturm stellt ein Vimana dar!«, erklärt ein greiser Tempeldiener. Vimanas werden in den altindischen Texten wie dem Mahabharata oder dem Veda beschrieben: als fliegende Vehikel, in denen die Götter am Himmel reisten. Vimanas bewegen sich aus eigener Kraft. Und Vimanas sind es, die in Form von steinernen Tempeln verewigt wurden. Professor Dileep Kumar Kanjilal (geboren am 1. August 1933 in Kalkutta) ist als Spezialist für Pali, Sanskrit und weitere alte Sprachen Indiens der vielleicht führende Experte in Sachen Vimanas. Im Verlaufe der Jahrzehnte meiner Beschäftigung mit den Vimanas führte ich mehrere Gespräche mit dem Wissenschaftler. Professor Dileep Kumar Kanjilal ist davon überzeugt, dass Vimanas höchst reale Flugvehikel der altindischen Götter waren! Im Mahabharata wird zum Beispiel der »himmlische Wagenlenker« beschrieben, der »im Lichtglanz der Wagen die Weltgegenden mit Getöste anfüllt«.

Auch Ardschuna, so Kanjilal reist mit seinem Flugvehikel in Gefilde, die den Irdischen verborgen bleiben. Prof. Kanjilal diktierte mir folgenden Text aus dem Mahabharata: »Mit dem magischen Vehikel, dem Wagen, fuhr er empor. Er kam heran an jene Gefilde, die den sterblichen Menschen verborgen bleiben. Dort oben leuchten aus eigener Kraft jene Sterne, die wegen der Ferne uns wie Lampen erscheinen. Dort sah er wunderschöne Vimanas, herrlich anzusehen, zu Tausenden!«

Prof. Kanjilal im Gespräch: »So wie wir heute in der Schule das einmal eins lernen, so mussten die Sthapatis die Prinzipien der heiligen Götter-Flugmaschinen kennen!«

Die mächtige Dynastie der Cola (9. bis 12. Jahrhundert) regierte von Tanjore aus. Die mächtige Seemacht sah sich als Herrscher eines Weltreichs ... und huldigte den alten Göttern in mächtigen Tempeln. Im Zentrum der Brhadisvara-Anlage steht der mächtige Vimana-Turm. Es gibt aber neben dem Riesen auch noch »Zwerge«, kleinere Tempelchen. Auch sie sind ähnlich wie ihr großer »Bruder« aufgebaut, auch sie haben einen Pyramidenturm mit aufgesetzter Kuppelkugel.

Vimanakugeln, groß
und klein ...
Fotos: W-J.Langbein
Ungeklärt ist bis heute die Frage, wie die steinerne Kugel auf die Spitze des Pyramidenturms verbracht wurden. Lange Zeit hatte man – irrtümlich – angenommen, diese steinerne Kugel bestehe aus einem einzigen Felsungetüm von 80 Tonnen Gewicht. Inzwischen weiß man, dass die Vimanakugel hoch über dem Tempelbau aus zwei Teilen zu je »nur« vierzig Tonnen besteht! Wie hat man dieses zweiteilige Steinmonstrum in die luftige Höhe der Tempelpyramide geschafft?

Der Theorien gibt es nicht wenige, ähnlich wie in Sachen Cheopspyramide. In Ägypten wie in Indien gehen manche Experten von einer Rampe aus. 6000 Meter soll die auf dem Zeichenbrett rasch erstellte Konstruktion gewesen sein. In der Realität dürfte es erhebliche Probleme gegeben haben. Riesige Mengen Baumaterial mussten zu einer solchen »schiefen Ebene« verarbeitet werden. Ein Heer von Arbeitersklaven soll geschoben und gezogen haben.

Eine andere »Erklärung«: Zunächst baute man die steile Pyramide auf. Dann ließ man sie unter einem riesigen Erdhügel verschwinden. Man stelle sich eine gigantische Halbkugel vor. In dieser Halbkugel steht der Pyramidenturm. Nun legt man einen Weg an, der in Spiralen um die Halbkugel herum führt, bis oben zum höchsten Punkt. Auf dieser »long and winding road« marschierten nun Arbeitselefanten, die den krönenden Abschluss – zwei Monolithen zu je 40 Tonnen – ans Ziel brachten. Im Vergleich zur Rampe verschlingt so ein Erdhügel sehr viel mehr Füllmaterial. Der Bau einer gigantischen Rampe oder eines Erdhügels von riesigem Ausmaß hätte erhebliche Probleme mit sich gebracht. Gegen beide Theorien spricht die Heiligkeit des Tempels. Für die alten Inder war so ein Kultbau heilig, göttlich ... und so einen Sakralbau beschmutzt man nicht mit einer Rampe oder gar einem Erdhaufen, in dem der gesamte Tempel verschwunden sein muss.

Kampfelefant im Einsatz
Foto: W-J.Langbein
Als Sakrileg hätten es die Erbauer empfunden, ein Heiligtum zuzuschütten und dann noch Elefanten darauf herumlaufen zu lassen. Ohne Frage: Elefanten können gewaltige Lasten bewältigen. Sie wurden im »alten Indien« – anschaulich im Tanjore-Komplex dargestellt – auch als Kampfmaschinen eingesetzt, die Angst und Schrecken verbreitet haben müssen!

Eine weitere Theorie geht von einer Holzkonstruktion aus ... von einer hölzernen Rampe, zum Beispiel. Oder es werden – zeichnerisch sehr schön – riesige, geradezu ausufernde Gerüste ersonnen. Manche Theoretiker begnügen sich mit einem Gerüst an einer Seite des Pyramidenbaus, andere lassen wiederum das gesamte Bauwerk im Gerüst verschwinden. Hölzerne Hebebäume sollen es dann ermöglicht haben die insgesamt 80 Tonnen Stein in zwei Teilen auf die Pyramidenspitze zu schaffen.

Unterschiedliche Konzepte wurden entwickelt. Tatsache ist: Die verschiedenen Lösungen funktionieren alle bestens ... auf dem Papier, kaum in der Realität. Keine der Erklärungen wurde auch nur ansatzweise im Versuch getestet. Vor allem: Es gibt kein einziges Dokument von den Erbauern der Tempelpyramide, das unsere Fragen der technischen Art beantworten könnte. So stehen wir staunend vor einem echten architektonischen Weltwunder!

Ungeklärt ist bei so manchem Tempelbau, wie die oft gigantischen Steinkolosse aus den nicht selten weit entfernten Steinbrüchen zu den Baustellen transportiert wurden. Geschah dies auf dem Landweg? Auf Karren? Nutzte man Flüsse, um gewaltige Steinmassen zu verschiffen? Dienten Flöße als Transportmittel? Es wird dabei leicht übersehen, was für ein Aufwand erforderlich ist, allein schon um einen zig Tonnen schweren Monolithen auf ein Floß zu schaffen, ohne es zum Kentern zu bringen! Viele Fragen warten seit Jahrhunderten auf Antworten! Ich habe das Gefühl: Wir akzeptieren oft zu schnell Lösungen, die nicht funktionieren können!

Fabelwesen mit Reiter
Foto: W-J.Langbein
Und wir verbannen gern ins Reich der Fantasie, was wir uns nicht vorstellen können! So wurden vor rund einem Jahrtausend im Tanjore-Komplex nicht nur fotorealistisch Elefanten und Pferde dargestellt, sondern auch Menschen – sehr naturgetreu – mit Fabelwesen. Haben diese Kreaturen wirklich existiert? Oder sind es reine Hirngespinste fantasiereicher Künstler? Oder werden gar keine Menschen, sondern himmlische Götter dargestellt? Sie flogen in Vimanas, von der Erde in den Himmel und umgekehrt ... mussten sie da nicht fürchterlich stark gewesen sein? Symbolisieren die wuchtigen Tiere nichts anderes als die unvorstellbare Kraft und Macht der Götter?

Prof. Dr. Dileep Kumar Kanjilal im Interview mit mir: »Die meisten Besucher der Tempel waren Analphabeten. Ein Buch lesen – dazu waren sie nicht imstande. Die Kunstwerke sollten Botschaften vermitteln ... ohne Worte.« Welche Botschaften?

Warum, zum Beispiel, wird Gottheit Ganesha immer mit Elefantenkopf dargestellt? Ein Mythos sieht das so: Parvati, Shivas Frau, nutze die Abwesenheit ihres Göttergatten, um einen Knaben aus Lehm zu formen. Das Bürschlein bewachte Parvatis Haus. Als Shiva heimkam, wollte ihn der junge Wächter nicht ins Haus lassen. Shiva schlug ihm den Kopf ab. Zu spät erkannte Shiva, dass er die Kreation seiner Frau getötet hatte. Er ließ Diener ausschwärmen. Sie sollten ihm den Kopf des ersten Lebewesen bringen, das ihnen begegnete. Und das war ... ein Elefant. So erhielt der enthauptete Ganesha einen Elefantenkopf. (2)

Elefantensegen
Foto: Ingeborg Diekmann
Im Hinduismus wird Ganesha in jedem Gottesdienst gleich zu Beginn angerufen. Von ihm erhofft man Glück ... auf allen Wegen, geschäftlich wie privat. Ein Haus soll gebaut werden? Damit die künftigen Bewohner stets Glück haben, wird Ganesha beschworen! Ganeshas vier Arme gelten als Zeichen für seine gewaltige, kosmische Macht. Ganesha, der mit Abstand beliebteste Gott, ist auch der stärkste ... als Wächter des Alls!

Heute trifft man in zahlreichen Tempeln Indiens ... so auch im Schatten der Tempel und Tempelchen von Tanjore ... Elefanten. Stellvertretend für den mächtigen Ganesha segnen sie Besucher jeden Glaubens. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man von so einem Elefant sanft berührt wird. Fast zärtlich legt er dem Besucher seinen Rüssel auf den Kopf. Natürlich entrichtet man einen Obolus, sei es als Münze, sei es als Schein. Der Elefant streicht die freiwillige Spende ein und reicht sie umgehend weiter an seinen Betreuer.

Fußnoten

1 Sthapati: Architekt, Priester und Theologe in Personalunion.
2 Purana-Tradition, wird in abweichenden Varianten überliefert.

»Kosmischer Plan und Weltuntergang«,
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