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Sonntag, 14. Juli 2013

182 »Die Osterinsel-Connection«

Teil 182 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Eine Botschaft der Osterinsel - Foto: Archiv W-J.Langbein
In Puri, so wurde mir vor Ort versichert, gebe es seit Jahrhunderten eine Peymakilir, ein menschenfressendes Monstrum. Ich erinnere mich an einen nachmittäglichen Besuch in der kultigen Tempelanlage. In einem archivartigen Nebenräumchen lagerten in marode wirkenden Regalen mit verstaubten Glastüren einige »sehr alte« Palmblätter. »Diese Palmblätter wurden seit Jahrhunderten ... seit Jahrtausenden immer wieder kopiert, von Hand von alten auf neue Palmblätter übertragen.«, erklärte mir mein Guide. »Manche Palmblätter zerfallen bereits nach wenigen Jahrzehnten. Man muss sie frühzeitig genug abschreiben, damit uraltes Wissen nicht für immer verlorengeht!«

In dem steinernen Kiosk roch es muffig. Spärliches Licht fiel durch ein kleines Fenster. Auf einem wackeligen Tisch lagen mehrere Palmblätter, etwa 30 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. »Es gibt Bibliotheken, zu denen nur wenige Eingeweihte Zugang haben. Selbst hohe Priester ahnen nur, dass es sie gibt. In uralten Texten ist von Horrorwelten die Rede, von schwarzen Einflüssen, die Menschen zu Kannibalen machen ...« Auf der Osterinsel, so erklärte mir mein Guide, »kam es zu Menschenfresserei.« Ich wandte ein: »Auch auf anderen Südseeinseln. Aber das geschah doch in schlimmsten Zeiten der Not, wenn Hungersnöte die Bevölkerung ganzer Inseln auszurotten drohten!«

Verborgene Botschaften auf
Palmblättern - Fotos: W-J.Langbein
Es gibt, so erfuhr ich, Bildnisse von Tieren auf Palmblättern, deren geheime Botschaften nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Es existieren, so erfuhr ich weiter, Palmblätter mit mysteriösen Schriftzeichen, die nur wenige Auserwählte überhaupt zu Gesicht bekommen. Und kaum jemand kann sie übersetzen. Und die wenigen Auserwählten verraten nicht, was in den Texten steht. Schreiber müssen die Texte kopieren, ohne den Sinn der Texte auch nur erahnen zu können. »Lesen können nur wenige Menschen diese Schriften ...«, raunte mein Guide ehrfurchtsvoll. Eine Handvoll solcher Wissender soll auf der Osterinsel leben. Auf der Osterinsel?

Was ich schon wiederholt als Gerücht in grenzwissenschaftlichen Kreisen gehört hatte, wurde mir in Puri bestätigt: Demnach gab es einst eine Verbindung zwischen Indien und der Osterinsel. Die bis heute nicht entzifferte Schrift der Osterinsel ... soll im »Alten Indien« entwickelt worden sein! Zum Beweis wurden mir vergilbte Blätter vorgelegt – mit Schriftzeichen aus der Induskultur und der Osterinsel. Tatsächlich: da gibt es verblüffende Ähnlichkeiten zwischen beiden Schriften. Ich erinnere mich an Zeichen, die sowohl in der indischen Schrift wie in jener der Osterinsel vorkommen. Einige davon erinnern an menschenähnliche Fabelwesen, die seltsame Gegenstände in den Händen halten. Die Ähnlichkeit zwischen Zeichen der Osterinselschrift, genannt Rongorongo, und uralten Schriftsymbolen aus Indien ... kann sie Zufall sein? Oder kam das Wissen um die Kunst des Schreibens aus dem »Alten Indien« in die Südsee?

Vergleich
Indusschrift (links),
Osterinselschrift (rechts)
Foto: Archiv W-J.Langbein
Nach meinen Recherchen war Wilhelm von Hevesy der erste Wissenschaftler, der auf die geheimnisvolle Verbindung zwischen Indien und der Osterinsel aufmerksam machte. 1934 publizierte er einen wissenschaftlichen Artikel über die »Osterinsel-Connection« (1).

Wenig wissen wir über die Osterinselschrift. Kurios mutet an, dass offenbar der Lesende die »sprechenden Holztafeln« nach jeder Zeile umdrehen musste. In Zeile 1 stehen die bildhaften Zeichen – zu erkennen an den Darstellungen von »männchenartigen« Symbolen – noch richtig, »auf den Füßen«. In Zeile 2 stehen sie auf dem Kopf, in Zeile 3 wieder auf den Füßen usw. usw. usw. Der Lesende musste also nach jeder Zeile die Schrifttafel »auf den Kopf stellen«? Warum? Wir wissen es nicht!

Der sagenhaften Überlieferung nach entstand die Osterinselschrift nicht auf der Osterinsel selbst. König Hotu Matua soll 67 Schrifttafeln vom »Atlantis der Südsee« mitgebracht haben, das in grauer Vorzeit in den Weiten des Pazifiks versank. Osterinselexperte Dr. Fritz Felbermayer hat sich wie kaum ein zweiter Wissenschaftler intensiv mit den Überlieferungen der Osterinsel beschäftigt, auch mit den Erzählungen über die Urheimat der Osterinsulaner. Sie soll weit im Westen der Osterinsel, im Pazifik, bei einer gewaltigen Katastrophe zerstört worden und im Meer versunken sein. Vor rund 40 Jahren habe ich ihn zu diesem Thema befragt.

Der Wissenschaftler antwortete mir: »Es ist meine felsenfeste Überzeugung, dass diese Überlieferung eine absolut wahre Begebenheit beschreibt. Von den alten Insulanern wird diese Tatsache so klar und ohne Zögern wiedererzählt, und immer in derselben Weise. Es werden Namen genannt, die einfach nicht erfunden wurden. So konnte ich diese Begebenheiten ohne jeden Zusatz aufschreiben.« (2)

Die Urheimat der Osterinsulaner versank
in den Fluten des Pazifik. Foto: W-J.Langbein
Die Schrifttafeln müssen als ungeheuer wertvoll erachtet worden sein. Man stelle sich vor: Ein Inselreich versinkt in den Fluten des Meeres. Überstürzt fliehen die Menschen in eine ungewisse Zukunft. Die Menschen sind verzweifelt. Können sie mehr als das nackte Leben retten? Was tragen sie auf ihre Boote? Proviant, Wasser, Kleidung, Angeln? Der Überlieferung nach nahmen sie 67 Schrifttafeln mit. Warum? Waren die Aufzeichnungen von so großer Bedeutung? Wenn wir doch nur heute die wenigen erhaltenen Schrifttafeln wie ein Buch lesen könnte!

Es gibt eine interessante Parallele, auf die ich auf der Osterinsel aufmerksam gemacht wurde. Demnach führten die Maori Neuseelands ebenfalls als kostbarstes Gut geheimnisvolle Schrifttafeln mit sich.

Seit Jahrzehnten frage ich mich: Gibt es eine Osterinsel-Connection? Gibt es eine Verbindung zwischen den vor Jahrtausenden entstandenen Schriften des Indusgebiets und der Osterinsel? Seit Jahrzehnten recherchiere ich in Sachen »Woher stammt die Schrift auf den sprechenden Hölzern der Osterinsel?« Zu meinem Erstaunen ist nicht einmal bekannt, bis zu welchem Zeitpunkt die mysteriöse Schrift von Kundigen auf dem einsamsten Eiland der Südsee noch gelesen werden konnte. Katherine Maria Routledge (1866-1935) ließ 1910 eine Jacht bauen und startete eine Osterinselexpedition. Ende März 1914 erreichte sie »Rapa Nui«. Siebzehn Monate lang dokumentierte sie so viele Überlieferungen wie nur möglich: über die Historie des einsamen Eilands, über die religiösen Kulte (Beispiel: Vogelmann-Mythos!), über die Bedeutung der Kolossalstatuen. (3)

Rätselhafte Statuen ... Foto: W-J.Langbein
Katherine Routledge, so scheint es, gewann nach und nach das Vertrauen der Einheimischen. Sie führten sie zu »Gräbern« von Riesenstatuen. So konnte die unermüdliche Forscherin rund dreißig Statuen ausgraben lassen, die so gut wie keine Verwitterungsspuren aufwiesen.

Besonders interessiert war Katherine Maria Routledge an den Schriftzeichen der Osterinsulaner. So fasziniert sie von den mündlichen Überlieferungen der Einheimischen war, wesentlich wichtiger waren ihr möglichst alte Schrifttexte in der mysteriösen Osterinselschrift. Also suchte sie mit Nachdruck nach Eingeweihten, die ihr die »sprechenden Hölzer« vorlesen und übersetzen konnten. Gewiss, es gab immer wieder Osterinsulaner, die angeblich noch die alten Schrifttafeln entziffern konnten. Rasch verflog aber die Euphorie. Man ließ einem »Eingeweihten« den Text eines gravierten Holztäfelchens vorlesen und notierte genau den angeblichen Text. Tage später bekam er wieder das gleiche Täfelchen vorgesetzt ... und las einen ganz anderen Text vor. Kurzum, es fand sich kein einziger »Wissender«, der dazu in der Lage war, wiederholt die Aussage eines in Holz gravierten Textes im gleichen Wortlaut wiederzugeben!

In einer Leprakolonie stieß Katherine Maria Routledge auf einen Schwerkranken, der angeblich wirklich die uralte Schrift der Osterinsel beherrschte. Angeblich war er der letzte wirklich Eingeweihte. Der Mann weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass uralte Wissen gehe verloren, als dass es in die Hände der Weißen geriete! Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod.

Eine Botschaft der Osterinsel, Foto: Archiv W-J.Langbein
Fußnoten
1 von Hevesy, Wilhelm: »Osterinselschrift und Indusschrift«, »Orientalistische Literaturzeitung/ Monatsschrift für die Wissenschaft vom ganzen Orient und seinen Beziehungen zu den Angrenzenden Kulturkreisen«, 1934 37(11): 666-74.
2 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J.
3 Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919, Nachdruck,
Kempton 1998

»Wege zur Osterinsel«,
Teil 183 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.07.2013


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Sonntag, 30. Juni 2013

180 »Der Vampir von Puri«

Teil 180 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Heilige Geometrie und
Architektur - Fotos: W-J.Langbein
Am Anfang war die »Heilige Architektur«, die nur den eingeweihten Sthapatis bekannt war, den Priester-Baumeistern. Die Sthapatis zeichneten Grundrisse, nach denen die ältesten Tempel gebaut wurden. Die »Urform« aber wurde im Lauf der Jahrhunderte ergänzt. Es wurden zum Beispiel Vorhallen an- oder eingebaut: von »Baumeistern«, die längst keine Ahnung mehr vom geheimen Wissen der Sthapatis hatten!

In dem bedeutenden Nachschlagewerk über die »Architektur der Welt« heißt es (1): »Die Vorhallen ... und die kleinen Schreine innerhalb der Umfassungsmauern des Heiligtums sind nicht dem ursprünglichen Plan-Schema untergeordnet. Sie stammen aus späteren Jahrhunderten, in denen die geheim gehaltene Aufteilung der Fläche bereits vergessen war.«

>> Neue Bücher von Walter-Jörg Langbein

Mit anderen Worten: Der »Ur-Tempel« war so etwas wie ein Buch aus Stein, das nur Eingeweihte lesen konnten. Im Verlauf der Jahrhunderte ging der Schlüssel zum steinernen Code verloren. Es wurden »Textergänzungen« vorgenommen, sprich Anbauten errichtet ... von Architekten, die das Geheimwissen ihrer Vorgänger nicht mehr kannten. Wird der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts nach Christus je wieder die heiligen Tempelbauten wie ein Buch lesen und verstehen können?

Kosmische Architektur - Foto: W-J.Langbein
Wir wissen heute wieder, dass Tempel als Abbilder des Kosmos gedacht waren, mit dem Göttlichen Brahma im Zentrum und mit der Welt der Kobolde und Geister außen – weit weg vom Allerheiligsten. Diese Ferne von Brahma zeigte sich deutlich in der sakralen Architektur. Die unheimliche Welt der Gnome, Kobolde und Dämonen fand im Tempel selbst keinen Platz. Den gespenstischen Gestalten wurde das vorspringende Fundament außerhalb des eigentlichen Tempels zugeteilt. Die Welt der Menschen und die der Kobolde und Konsorten werden durch eine massive Mauer getrennt.

Es gibt zwar eine massive Abgrenzung zwischen Tempelwelt und dem Reich von Geistern, aber unüberwindbar ist diese Monstermauer nicht. Deshalb können Kobolde in unseren Lebensraum eindringen. Der Ausdruck »Kobold« ist allerdings irreführend, lässt er uns doch an einen kleinen niedlichen Gnom denken. Gnomen traut man allenfalls einen kleinen Schabernack zu, aber doch keine Morde
.
Zu den Kobolden im südlichen Indien zählen Pey und Peymakilir. Der Pey ist eine Art Vampir. Peymakilir ist das weibliche Pendant zum Pey. Peys und Peymakilire sind aber keine Nosferatus, die sich zu nächtlicher Stunde am Blut ihrer lebenden Opfer laben, die dann ihrerseits zu Vampiren werden. Sie werden von Schlachtfeldern wie magisch angezogen. Sie suchen das Gemetzel der menschlichen Kriege, um das Blut der Gefallenen zu trinken. Nach anderen Überlieferungen begnügen sie sich nicht mit dem Blut, sondern fressen die Toten. Wieder andere Überlieferungen (2) beschreiben den Pey als Blutsauger, die Peymakilir als Kannibalin.

Pey und Peymakilir haben nicht nur monströse Züge. Wenn sie einem Schwerverletzten, der Todesqualen erlitt, das Blut aus dem Leibe saugten ... verkürzten sie sein Leid und schenkten ihm einen gnädigeren Tod.

In Puri, so wurde mir vor Ort versichert, gebe es seit Jahrhunderten eine Peymakilir. Ich erinnere mich an meinen nachmittäglichen Besuch in der Tempelanlage. In einem Nebenräumchen lagerten einige »sehr alte« Palmblätter. In dem steinernen Kiosk roch es muffig. Spärliches Licht fiel durch ein kleines Fenster. Auf einem wackeligen Tisch lagen mehrere Palmblätter, etwa 30 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. (3)

Vergleichsfoto: Tempel im
Querschnitt
Foto: W-J.Langbein
Mehrere der Palmblätter zeigten Tempel im Querschnitt. Zahllose Zahlen waren eingetragen, offenbar handelte es sich um Bauanleitungen ... Zu Füßen eines »Tempelturms« kauerte hockend eine furchteinflößende Kreatur. Das Wesen ähnelte mehr einem wandelnden Skelett als einem gesunden Menschen. Seine Finger endeten in scharfen, spitzen Klauen. Ähnlich sahen auch die Füße aus. Sie erinnerten mich an die Greifwerkzeuge eines Raubvogels. An beiden Füßen zählte ich sechs Klauen.

Auffällig groß waren die hervorquellenden Augen und der weit geöffnete Mund, ein furchteinflößendes Maul. Zähne konnte ich keine erkennen. Aus den Mundwinkeln entströmte etwas. Was war es? Es sah aus wie eine Flüssigkeit, die allerdings seltsam strukturiert war. Die Flüssigkeit (Blut?) hatte die Form von sprießenden Ranken, vergleichbar mit Efeu.

Gerade diese Darstellung interessierte mich besonders. Ich sah mir das Palmblatt genau an. An der »Blutpflanze« machte ich winzig kleine »Blüten« aus. Ich nahm das Palmblatt in die Hand, deutete auf den Ausgang. Ob ich die seltsame Darstellung kurz draußen, bei Tageslicht betrachten dürfe, fragte ich auf Englisch. Fotografieren war in dem kleinen steinernen Kiosk verboten. Ob es mir gelingen würde, draußen heimlich eine Aufnahme zu machen? Dazu kam es leider nicht. Höflich, aber energisch, nahm man mir das Palmblatt aus der Hand. Es wurde in einer Schublade verstaut, die sorgfältig abgeschlossen wurde. Mit eindeutigen Gesten komplimentierte man mich ins Freie.

Ich weiß nicht, wie lang ich mich in dem kleinen Raum aufgehalten hatte. Ich schätze es waren nur wenige Minuten. Als ich wieder draußen im gleißenden Sonnenlicht stand, war ich für einen Moment geblendet. Wo waren meine Reisegefährten? Die kleine Gruppe war verschwunden. Wenige Schritte von mir entfernt sah ich eine steinerne Treppe, sie führte zu einem Nebengebäude des Jagannath-Komplexes empor. Ich hastete die Treppe hoch, betrat aber nicht den Tempel selbst. Vielmehr ging ich außerhalb der Tempelmauer auf dem steinernen Vorsprung und spähte nach meinen Freunden.

Alle Gebäude wurden nach einem kosmischen Plan gebaut.
Foto: W-J.Langbein
Was ich dann erlebte, habe ich damals in meinem Reisetagebuch festgehalten. Ich benötige diese meine Notizen eigentlich nicht, so nachhaltig hat sich das Geschehen in mein Gedächtnis eingegraben. Bis zum heutigen Tage habe ich niemandem berichtet, was damals geschehen ist ...

Die Sonne steht hoch am Himmel. Ich habe meine Schuhe ausgezogen und gehe langsam auf dem steinernen Vorsprung weiter. Durch meine Socken spüre ich den harten glatten Stein. Er fühlt sich angenehm warm an. Links neben mir ... die Tempelmauer mit zahllosen Figürchen. Mir ist, als reflektiere die steinerne Mauer die Hitze des Tages.

Ich ärgere mich, weil ich meine Fototasche mit meinen beiden Kameras nicht dabei habe. Sie steht am Fuße der kleinen Treppe. Ob ich umkehre und die Fotoausrüstung hole? Ich drehe mich um, schaue in Richtung Treppe. Ich erkenne deutlich meine Kameratasche. Ob ich sie hole? Nicht, dass sie mir noch gestohlen wird. Außerdem ... Mit dem Makro-Objektiv müssten mir einige gute Fotos von den Schnitzereien im Stein der Tempelwand gelingen! Auf einmal ist erst die Kameratasche, dann die kleine Treppe in Schatten getaucht. Eine Wolke, denke ich. Ich blicke zum Himmel. Der Himmel ist wolkenlos. Woher kommt der Schatten?

Dann geschieht Merkwürdiges. Der Schatten wandert, Stufe für Stufe hoch. Er hält, sehr kurz, inne. Er schießt förmlich an der Tempel wand entlang, auf dem Mauervorsprung ... auf mich zu. Sekundenbruchteile später stehe ich selbst im Schatten. Schlagartig ist mir in der Hitze des Tages kalt. Ich fröstele. Ich spüre förmlich, wie sich meine Nackenhaare aufstellen. Dann saust der Schatten weiter. Für Sekundenbruchteile liegt er vor mir. Dann, so scheint es mir, klettert er die Tempelwand empor.

Ich spüre ein seltsames Schwindelgefühl, stütze mich kurz an der Tempelmauer ab. Schon stehe ich wieder im Sonnenschein. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Gut hundert Meter entfernt sehe ich Julia aus Bonn. Sie winkt mir zu, winkt mich zu sich. Sie deutet mit dem Finger in eine Richtung. Rasch gehe ich auf dem Mauervorsprung zurück, die Treppe nach unten, greife meinen Rucksack mit den Kameras ... und eile zu Julia (4).

Alle Tempel weisen gen Himmel - Foto: W-J.Langbein
»Wie siehst Du denn aus?« fragt sie mich, während wir zur Gruppe aufschließen. »Ist Dir nicht gut? Oder bist Du dem Vampir von Puri begegnet?« Wir lachen. Ich bin froh, das merkwürdige Erlebnis hinter mich gebracht zu haben. Zur Treppe kehre ich nicht zurück. Auch verzichte ich darauf, Fotos von den herrlichen Schnitzarbeiten zu machen. Wir kehren zu unserem Bus zurück. Die Reise wird fortgesetzt.

Fußnoten
1 Stierlin, Henri (Herausgeber): »Indien/ Bauten der Hindus, Buddhisten und Jains«, Band 9 der Reihe »Architektur der Welt«, herausgegeben von Henri Stierlin, Köln, ohne Jahresangabe, S. 55
2 Meine Ausführungen basieren auf Gesprächen mit Einheimischen vor Ort.
3 Die Maßangaben sind geschätzt. Die einzelnen Palmblätter wichen in Länge und Breite etwas voneinander ab.
4 Zusammen mit Julia Z. Habe ich von Deutschland aus die Indien-Reise vorbereitet und organisiert. Unsere kleine Gruppe besuchte eine Palmblattbibliothek, Museen und viele Tempel.

»Der Herrscher und der Friseur«, 
 Teil 181 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien« 
 von Walter-Jörg Langbein
 erscheint am 07.07.2013

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