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Sonntag, 24. März 2019

479 »Statuen, Sterne und Planeten«

Teil 479 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Im Westen der Osterinsel stehen sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi«. Sie blicken gen Westen, wo einst das »Atlantis der Südsee« n einer Apokalypse versank. Die sieben Moai repräsentieren die sieben Seefahrer, die im Auftrag ihres Königs die Osterinsel suchten und fanden. »ahu akivi« ist somit eine der wichtigsten Stätten der Osterinsel. Und genau hier kam es zu einer sensationellen Entdeckung!

Foto 1: Sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi« (Foto: Ingeborg Diekmann)

Mit magnetometrischen Verfahren kann man ein wenig Superman nacheifern. Man kann sich zwar nicht in die Lüfte erheben, wohl aber ein wenig mit »Röntgenblick« Unterirdisches entdecken, was sich unter der Erdoberfläche befindet. Das geht so: Man misst rund 30 Zentimeter über dem Boden Mit einem Magnetometer wird das Erdmagnetfeld gemessen. Ein unterirdischer Raum, zum Beispiel eine Grabkammer, beeinflusst das Erdmagnetfeld. Man  erkennt Abweichungen und kann so Rückschlüsse ziehen. Selbst zugeschüttete Hohlräume sind noch eindeutig zu erkennen, ohne dass man graben muss.

Dr. Jörg Fassbinder, Lehrbeauftragter für »Archäometrie und Allgemeine und Angewandte Geophysik« im »Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege«, nutzte auf der Osterinsel dieses Erfahren. Er nahm das Umfeld von »Ahu Akivi« unter die Lupe. Und siehe da: Mit seinem  Magnetfeldmessgerät, entdeckte er Sensationelles. Laut Zeitschrift »GEO« äußerte sich Dr. Jörg Fassbinder wie folgt (1):

»In einem Umkreis von 60 Metern gruppieren sich unterirdische Bauten um den Ahu – sind es Grabkammern? Oder die Reste einer gigantischen Arena, die einst auf die Statuen ausgerichtet war? Ich bin Geophysiker, kein Archäologe. Aber meine Bilder zeigen den Kollegen, wo sie graben müssen. Fest steht, ich werde im nächsten Jahr wiederkommen. und dann hoffentlich viele weitere Kultstätten durchleuchten können.«

Foto 2: Wo sind die »Grabkammern«? (Foto: Ingeborg Diekmann)

Vergeblich suchte ich nach Hinweisen auf Ausgrabungen, die klären würden, ob sich im Erdreich unweit des »Ahu Akivi« mit den in Stein verewigten »7 Kundschaftern« tatsächlich Grabkammern befinden. Oder wurden da Schätze verborgen, die  Fremde nicht finden sollten? Ich denke da weniger an Gold und Silber als an verschollene Holztafeln mit den bis heute nicht entzifferten Schriftzeichen. Wer hat diese Schrift entwickelt? Und wo?

In der Osterinselmythologie taucht immer so etwas wie ein Gründermythos auf. Die Urgeschichte der Osterinsel (2) »beginnt in einem großen Königreich, das vor langer Zeit im Pazifik blühte«. Nach der örtlichen Legende war da einst ein Land, »das Land, bekannt als Hiva, ein Land der Tempel, der weit reichenden Straßen, der hohen Steintore,  der zyklopischen Bauwerke,  der weit ausladenden Zeremonialplätze«. Dieses legendäre Land, in anderen Überlieferungen heißt es Groß Maori, wird im Mythos als ein »Land des Überflusses« beschrieben.

Foto 3: Sprechende Hölzer...
In jenem Reich, das in einer Apokalypse im Pazifik versank, wurde ein Schatz des Wissens gehütet, eine (3) »Bibliothek, bestehend aus 67 Tafeln, eingehüllt in aus Baumrinde gewonnenem Tuch. Aus welchem Material diese Tafeln bestanden, das erfahren wir nicht. Der sagenhaften Überlieferung nach entstand die Osterinselschrift nicht auf der Osterinsel selbst. Fast so bekannt wie die steinernen Statuen sind die »sprechenden Hölzer«. Heute sind noch  26 »Rongorongo-Holztafeln« (4) bekannt, bedeckt mit Schriftzeichen, die mit Haifischzähnen eingeritzt wurden.

Ich frage mich: Handelt es sich bei den »sprechenden Hölzern« um Teile der geheimnisvollen Bibliothek, die vom Atlantis der Südsee mitgebracht wurde? Ich glaube nicht! Die größte bekannte »Rongorongo-Schrifttafel«,  »Tahua« genannt, ist 90 Zentimeter lang und 11,5 Zentimeter breit. Es dürfte sich um ein Teil eines Ruderblattes eines amerikanischen oder europäischen Bootes handeln. Die Schrifttafel entstand also zu Zeiten, als der Pazifik bereits von Vertretern unserer »Zivilisation« befahren wurde und nicht aus der Urheimat der Osterinsulaner. Sehr viel kleiner ist die Schrifttafel »échancrée«. Sie ist 241 Millimeter lang, 121 Millimeter breit und 26 Millimeter dick. Das »sprechende Holz« befindet sich heute im »Musée de Papeete«, Tahiti. Das Material wurde genauestens untersucht und analysiert (5):»Das Holz stammt von der Steineibe - Podocarpus latifolia. Wie das Holz des in Südafrika heimischen Baumes auf die Osterinsel kam, ist nicht bekannt. Steven Fischer meint, es sei ein Teil einer Bootsplanke eines europäischen Schiffes gewesen.«

Eine ganz andere Form hat der »Santiagostab«, der heute im »Museo Nacional de Historia Natural«, Santiago de Chile, aufbewahrt wird. Auf der vorbildlichen Homepage »Osterinsel.de« wird er wie folgt beschrieben (6):

»Der Santiago-Stab ›i‹ ist eines der (aus religiöser Sicht der Rapa-Nui) am bedeutendsten Objekte mit Rongorongo-Schriftzeichen, vor allem aber das Objekt mit den meisten Schriftzeichen (2320). Der Stab hat eine Länge von 1,12 Meter und einen Durchmesser von durchschnittlich 6 cm. Es handelt sich auch um die schönste erhaltene Arbeit. Im Gegensatz zu allen anderen Tafeln sind die Zeichenfolgen auf diesem Stab in Gruppen zu je drei Zeichen (oder eine Vielzahl von Zeichen die durch drei geteilt werden können), mit senkrechten Strichen abgetrennt. Th(omas) Barthel schreibt: ›Der Stil ist vorzüglich und weist viele singuläre Konstruktionen auf.‹«

Ich halte die heute noch erhaltenen »sprechenden Hölzer« nicht für die Originale, die beim großen Exodus vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel gebracht wurden. Wie man mir vor Ort versicherte, hatte man die  67 Tafeln der geheimnisvollen Bibliothek zu ihrem Schutz für den Transport auf See in aus Baumrinde gewonnenes Tuch eingehüllt. Alle Tafeln sollen die gleiche Form gehabt haben. Die mysteriöse »Bibliothek« ist bis heute verschwunden. Meine Spekulation: Wurde sie in einer Höhle oder einer unterirdischen Kammer versteckt? Der Überlieferung nach hat sie ein geradezu enzyklopädisches Wissen zu bieten.

Foto 4: Easter Island von Metraux
Auf den Tafeln wurden die Ergebnisse von Ahnenforschung festgehalten, aber auch Erkenntnisse aus der Geschichtsforschung verewigt. Festgehalten wurde uraltes Wissen aus den Bereichen »Religion«, »Landwirtschaft«, »Botanik«, »Medizin« und »Astronomie«. Bedauernd stellt Thomas Barthel in seiner Habilitationsschrift »Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift« (7) fest (8): »Von den astronomischen Kenntnissen der alten Osterinselkultur haben sich nur Bruchstücke erhalten. Immerhin kann aus den Ortsnamen ›Ana-ui-hetuu‹ und ›Papa-ui-hetuu‹ auf die frühere Existenz von Observatorien geschlossen werden. Aufgabe einer bestimmten Priesterschule war es, die Insulaner vor dem verderblichen Einfluß gewisser Sterne zu schützen. Eine besondere Rolle spielten die Plejaden.«

Auch heute noch bietet der nächtliche Himmel über der Osterinsel einen märchenhaft schönen Anblick. Nirgendwo sonst auf der Welt konnte ich die Sterne so klar erkennen. In unseren Gefilden kann man in der Nähe von Großstädten nachts die Milchstraße fast nur noch erahnen. Auf der Osterinsel stört nachts kein Kunstlicht. In »Hanga Roa«, der Hauptstadt und einzigem Ort auf der Osterinsel, geht man sparsam mit Elektrizität um. Vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden waren die Voraussetzungen für die Beobachtung von Sternen ideal. Die Osterinsulaner beobachteten den Sternenhimmel sehr genau, so wie das schon ihre Vorfahren in der »alten Heimat« bereits taten. Alfred Métraux schreibt in seinem voluminösen Standardwerk »Ethnology of Easter Island« im Kapitel »Sonne und Sterne« (9):

»In der Nähe der Plattform Okahu, an der Westküste, gibt es eine kleine Höhle, die Anu-ui-hetnu (»Die-Höhle-wo man die Sterne sah«). Gemäß der Tradition war diese Stätte ein Observatorium, wo Priester die Sterne beobachteten und eine Schule, in der Kandidaten für das Priesteramt in die Wissenschaft von den Sternen eingewiesen wurden.«

Foto 5: Mystery of Easter Island
Besonders aufmerksam beobachtet wurden der Mars, der Gürtel des Orion und »Stern Pau«. Sergei Rjabchikov, »Sergei Rjabchikov«-Stiftung, Zentrum zur Erforschung »Alter Zivilisationen und Kulturen« in Krasnodar, Russland, hat sich intensiv mit der vorgeschichtlichen Astronomie bei den Osterinsulanern beschäftigt. Ihre Priester-Astronomen beobachteten ständig die Himmelskörper. Noch 1682 waren sie höchst aktiv, so Sergei Rjabchikov, und studierten den Halleyschen Kometen. Sehr aufmerksam wurden auch Sonne, Mond, Mars und Saturn. Sergei Rjabchikov vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen astronomischen Studien und dem bis heute nicht wirklich verstandenen »Vogelmann-Kult« gab.

Ein zweites Observatorium gab es irgendwo ganz im Osten der Osterinsel, »am äußersten Ende der östlichen Landzunge« wie Katherine Routledge (11) vor einem Jahrhundert zu berichten wusste. Vergeblich habe ich versucht, den mysteriösen Ort aufzusuchen. Mir scheint, dass die weitestgehend zerstörte Stätte immer noch mit einem Tabu belegt ist. Der Ort heißt auch heute noch »Ko Te Papa-ui-hetuu«, was so viel heißt wie »Der Fels zum Beobachten der Sterne«. Die alten weisen Männer versammelten sich hier, um Sternkonstellationen zu studieren. Von dem einstigen Heiligtum sind aber nur noch einige Felsbrocken erhalten. In einen der Felsblöcke hat man eine Spirale eingraviert. Noch interessanter soll ein weiterer Steinquader sein, in den  zehn Vertiefungen gemeißelt wurden. Vor einem Jahrhundert teilte man Katherine Routledge mit, dabei handele es sich um eine Sternenkarte.In den unendlichen Weiten des Pazifiks wirkt die Osterinsel wie ein einsamer Stern in den Tiefen des Kosmos.

Diese Abgeschiedenheit hat sicher dazu beigetragen, dass die Wissenschaftler der Osterinsel die Geheimnisse der Sonne, der Planeten und der Sterne zu ergründen suchten. Erkannten sie, dass sie auf ihrem Eiland genauso im Meer verloren waren wie ein einsamer Stern im All? Oder fürchteten sie sich vor den Naturgewalten, vor dem stürmischen Meer? Das wäre durchaus verständlich, war doch die Urheimat ihrer Vorväter in den Fluten des Pazifiks versunken? Glaubten oder hofften sie, dass ein Studium der Planeten und Sterne die Priester-Astronomen in die Lage versetzen würde, Naturkatastrophen wie Fluten vorauszusehen? Laut der Überlieferung waren astronomische Erkenntnisse auf den 67 Tafeln der alten Bibliothek des Atlantis der Südsee verewigt. Offenbar setzten die Osterinsulaner die wissenschaftlichen Studien ihrer Vorfahren fort.

Foto 6: Verfremdete Moai
Ob die geheimnisvolle »Bibliothek« jemals gefunden werden wird? Vielleicht in einer unterirdischen Kammer? Von der mysteriösen Entdeckung im Umfeld der sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi« habe ich bis heute leider nichts mehr gehört. Dabei sollen inzwischen weitere unterirdische Unregelmäßigkeiten entdeckt worden sein. Wurde je nachgegraben?

Fußnoten
(1) »GEO«,  Jahrgang 2007, Heft 9, Seite 18
(2) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 60, Zeilen 1-8 von unten
(3) ebenda, Seite 61,  Zeile 8 von unten
(4) http://www.osterinsel.de/34-rongorongo-holztafeln.htm (Stand 1.Februar 2019)
(5) ebenda, »04. - D Tablette échancrée« (Stand 1.Februar 2019)
(6) ebenda, »09. - I Santiagostab« (Stand 1.Februar 2019)
(7)  Barthel, Thomas: »Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift«, Hamburg 1958
(8) ebenda, Seite 239, erster Absatz oben
(9) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 52, Zeilen 2-5 von unten
Foto 7: Moai - Moderne Kunst
(10) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, Seite 235, Zeilen 10 und 11 von oben. Im Original: »On the extremity of the eastern headland«.
(11) ebenda, Seite 235, letzter Absatz unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi«. Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Wo sind die »Grabkammern«? Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 3: Sprechende Hölzer... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Easter Island von Metraux. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Mystery of Easter Island von Katherine Routledge. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Verfremdete Moai. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moai - Moderne Kunst. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

480 »Nabel des Lichts«,
Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 31. März 2019


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Sonntag, 14. Juli 2013

182 »Die Osterinsel-Connection«

Teil 182 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Eine Botschaft der Osterinsel - Foto: Archiv W-J.Langbein
In Puri, so wurde mir vor Ort versichert, gebe es seit Jahrhunderten eine Peymakilir, ein menschenfressendes Monstrum. Ich erinnere mich an einen nachmittäglichen Besuch in der kultigen Tempelanlage. In einem archivartigen Nebenräumchen lagerten in marode wirkenden Regalen mit verstaubten Glastüren einige »sehr alte« Palmblätter. »Diese Palmblätter wurden seit Jahrhunderten ... seit Jahrtausenden immer wieder kopiert, von Hand von alten auf neue Palmblätter übertragen.«, erklärte mir mein Guide. »Manche Palmblätter zerfallen bereits nach wenigen Jahrzehnten. Man muss sie frühzeitig genug abschreiben, damit uraltes Wissen nicht für immer verlorengeht!«

In dem steinernen Kiosk roch es muffig. Spärliches Licht fiel durch ein kleines Fenster. Auf einem wackeligen Tisch lagen mehrere Palmblätter, etwa 30 Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit. »Es gibt Bibliotheken, zu denen nur wenige Eingeweihte Zugang haben. Selbst hohe Priester ahnen nur, dass es sie gibt. In uralten Texten ist von Horrorwelten die Rede, von schwarzen Einflüssen, die Menschen zu Kannibalen machen ...« Auf der Osterinsel, so erklärte mir mein Guide, »kam es zu Menschenfresserei.« Ich wandte ein: »Auch auf anderen Südseeinseln. Aber das geschah doch in schlimmsten Zeiten der Not, wenn Hungersnöte die Bevölkerung ganzer Inseln auszurotten drohten!«

Verborgene Botschaften auf
Palmblättern - Fotos: W-J.Langbein
Es gibt, so erfuhr ich, Bildnisse von Tieren auf Palmblättern, deren geheime Botschaften nur wenigen Eingeweihten bekannt sind. Es existieren, so erfuhr ich weiter, Palmblätter mit mysteriösen Schriftzeichen, die nur wenige Auserwählte überhaupt zu Gesicht bekommen. Und kaum jemand kann sie übersetzen. Und die wenigen Auserwählten verraten nicht, was in den Texten steht. Schreiber müssen die Texte kopieren, ohne den Sinn der Texte auch nur erahnen zu können. »Lesen können nur wenige Menschen diese Schriften ...«, raunte mein Guide ehrfurchtsvoll. Eine Handvoll solcher Wissender soll auf der Osterinsel leben. Auf der Osterinsel?

Was ich schon wiederholt als Gerücht in grenzwissenschaftlichen Kreisen gehört hatte, wurde mir in Puri bestätigt: Demnach gab es einst eine Verbindung zwischen Indien und der Osterinsel. Die bis heute nicht entzifferte Schrift der Osterinsel ... soll im »Alten Indien« entwickelt worden sein! Zum Beweis wurden mir vergilbte Blätter vorgelegt – mit Schriftzeichen aus der Induskultur und der Osterinsel. Tatsächlich: da gibt es verblüffende Ähnlichkeiten zwischen beiden Schriften. Ich erinnere mich an Zeichen, die sowohl in der indischen Schrift wie in jener der Osterinsel vorkommen. Einige davon erinnern an menschenähnliche Fabelwesen, die seltsame Gegenstände in den Händen halten. Die Ähnlichkeit zwischen Zeichen der Osterinselschrift, genannt Rongorongo, und uralten Schriftsymbolen aus Indien ... kann sie Zufall sein? Oder kam das Wissen um die Kunst des Schreibens aus dem »Alten Indien« in die Südsee?

Vergleich
Indusschrift (links),
Osterinselschrift (rechts)
Foto: Archiv W-J.Langbein
Nach meinen Recherchen war Wilhelm von Hevesy der erste Wissenschaftler, der auf die geheimnisvolle Verbindung zwischen Indien und der Osterinsel aufmerksam machte. 1934 publizierte er einen wissenschaftlichen Artikel über die »Osterinsel-Connection« (1).

Wenig wissen wir über die Osterinselschrift. Kurios mutet an, dass offenbar der Lesende die »sprechenden Holztafeln« nach jeder Zeile umdrehen musste. In Zeile 1 stehen die bildhaften Zeichen – zu erkennen an den Darstellungen von »männchenartigen« Symbolen – noch richtig, »auf den Füßen«. In Zeile 2 stehen sie auf dem Kopf, in Zeile 3 wieder auf den Füßen usw. usw. usw. Der Lesende musste also nach jeder Zeile die Schrifttafel »auf den Kopf stellen«? Warum? Wir wissen es nicht!

Der sagenhaften Überlieferung nach entstand die Osterinselschrift nicht auf der Osterinsel selbst. König Hotu Matua soll 67 Schrifttafeln vom »Atlantis der Südsee« mitgebracht haben, das in grauer Vorzeit in den Weiten des Pazifiks versank. Osterinselexperte Dr. Fritz Felbermayer hat sich wie kaum ein zweiter Wissenschaftler intensiv mit den Überlieferungen der Osterinsel beschäftigt, auch mit den Erzählungen über die Urheimat der Osterinsulaner. Sie soll weit im Westen der Osterinsel, im Pazifik, bei einer gewaltigen Katastrophe zerstört worden und im Meer versunken sein. Vor rund 40 Jahren habe ich ihn zu diesem Thema befragt.

Der Wissenschaftler antwortete mir: »Es ist meine felsenfeste Überzeugung, dass diese Überlieferung eine absolut wahre Begebenheit beschreibt. Von den alten Insulanern wird diese Tatsache so klar und ohne Zögern wiedererzählt, und immer in derselben Weise. Es werden Namen genannt, die einfach nicht erfunden wurden. So konnte ich diese Begebenheiten ohne jeden Zusatz aufschreiben.« (2)

Die Urheimat der Osterinsulaner versank
in den Fluten des Pazifik. Foto: W-J.Langbein
Die Schrifttafeln müssen als ungeheuer wertvoll erachtet worden sein. Man stelle sich vor: Ein Inselreich versinkt in den Fluten des Meeres. Überstürzt fliehen die Menschen in eine ungewisse Zukunft. Die Menschen sind verzweifelt. Können sie mehr als das nackte Leben retten? Was tragen sie auf ihre Boote? Proviant, Wasser, Kleidung, Angeln? Der Überlieferung nach nahmen sie 67 Schrifttafeln mit. Warum? Waren die Aufzeichnungen von so großer Bedeutung? Wenn wir doch nur heute die wenigen erhaltenen Schrifttafeln wie ein Buch lesen könnte!

Es gibt eine interessante Parallele, auf die ich auf der Osterinsel aufmerksam gemacht wurde. Demnach führten die Maori Neuseelands ebenfalls als kostbarstes Gut geheimnisvolle Schrifttafeln mit sich.

Seit Jahrzehnten frage ich mich: Gibt es eine Osterinsel-Connection? Gibt es eine Verbindung zwischen den vor Jahrtausenden entstandenen Schriften des Indusgebiets und der Osterinsel? Seit Jahrzehnten recherchiere ich in Sachen »Woher stammt die Schrift auf den sprechenden Hölzern der Osterinsel?« Zu meinem Erstaunen ist nicht einmal bekannt, bis zu welchem Zeitpunkt die mysteriöse Schrift von Kundigen auf dem einsamsten Eiland der Südsee noch gelesen werden konnte. Katherine Maria Routledge (1866-1935) ließ 1910 eine Jacht bauen und startete eine Osterinselexpedition. Ende März 1914 erreichte sie »Rapa Nui«. Siebzehn Monate lang dokumentierte sie so viele Überlieferungen wie nur möglich: über die Historie des einsamen Eilands, über die religiösen Kulte (Beispiel: Vogelmann-Mythos!), über die Bedeutung der Kolossalstatuen. (3)

Rätselhafte Statuen ... Foto: W-J.Langbein
Katherine Routledge, so scheint es, gewann nach und nach das Vertrauen der Einheimischen. Sie führten sie zu »Gräbern« von Riesenstatuen. So konnte die unermüdliche Forscherin rund dreißig Statuen ausgraben lassen, die so gut wie keine Verwitterungsspuren aufwiesen.

Besonders interessiert war Katherine Maria Routledge an den Schriftzeichen der Osterinsulaner. So fasziniert sie von den mündlichen Überlieferungen der Einheimischen war, wesentlich wichtiger waren ihr möglichst alte Schrifttexte in der mysteriösen Osterinselschrift. Also suchte sie mit Nachdruck nach Eingeweihten, die ihr die »sprechenden Hölzer« vorlesen und übersetzen konnten. Gewiss, es gab immer wieder Osterinsulaner, die angeblich noch die alten Schrifttafeln entziffern konnten. Rasch verflog aber die Euphorie. Man ließ einem »Eingeweihten« den Text eines gravierten Holztäfelchens vorlesen und notierte genau den angeblichen Text. Tage später bekam er wieder das gleiche Täfelchen vorgesetzt ... und las einen ganz anderen Text vor. Kurzum, es fand sich kein einziger »Wissender«, der dazu in der Lage war, wiederholt die Aussage eines in Holz gravierten Textes im gleichen Wortlaut wiederzugeben!

In einer Leprakolonie stieß Katherine Maria Routledge auf einen Schwerkranken, der angeblich wirklich die uralte Schrift der Osterinsel beherrschte. Angeblich war er der letzte wirklich Eingeweihte. Der Mann weigerte sich strikt, sein Wissen zu offenbaren. Es sei besser, dass uralte Wissen gehe verloren, als dass es in die Hände der Weißen geriete! Zwei Wochen später starb der Mann. Das Misstrauen der Osterinsulaner gegenüber den Weißen aus der angeblich so »zivilisierten Welt« war verständlich: Die »Entdecker« und »Besucher« brachten den Osterinsulanern nur Unglück, Krankheit und Tod.

Eine Botschaft der Osterinsel, Foto: Archiv W-J.Langbein
Fußnoten
1 von Hevesy, Wilhelm: »Osterinselschrift und Indusschrift«, »Orientalistische Literaturzeitung/ Monatsschrift für die Wissenschaft vom ganzen Orient und seinen Beziehungen zu den Angrenzenden Kulturkreisen«, 1934 37(11): 666-74.
2 Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«,
Nürnberg o. J.
3 Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919, Nachdruck,
Kempton 1998

»Wege zur Osterinsel«,
Teil 183 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.07.2013


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