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Sonntag, 24. März 2019

479 »Statuen, Sterne und Planeten«

Teil 479 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Im Westen der Osterinsel stehen sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi«. Sie blicken gen Westen, wo einst das »Atlantis der Südsee« n einer Apokalypse versank. Die sieben Moai repräsentieren die sieben Seefahrer, die im Auftrag ihres Königs die Osterinsel suchten und fanden. »ahu akivi« ist somit eine der wichtigsten Stätten der Osterinsel. Und genau hier kam es zu einer sensationellen Entdeckung!

Foto 1: Sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi« (Foto: Ingeborg Diekmann)

Mit magnetometrischen Verfahren kann man ein wenig Superman nacheifern. Man kann sich zwar nicht in die Lüfte erheben, wohl aber ein wenig mit »Röntgenblick« Unterirdisches entdecken, was sich unter der Erdoberfläche befindet. Das geht so: Man misst rund 30 Zentimeter über dem Boden Mit einem Magnetometer wird das Erdmagnetfeld gemessen. Ein unterirdischer Raum, zum Beispiel eine Grabkammer, beeinflusst das Erdmagnetfeld. Man  erkennt Abweichungen und kann so Rückschlüsse ziehen. Selbst zugeschüttete Hohlräume sind noch eindeutig zu erkennen, ohne dass man graben muss.

Dr. Jörg Fassbinder, Lehrbeauftragter für »Archäometrie und Allgemeine und Angewandte Geophysik« im »Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege«, nutzte auf der Osterinsel dieses Erfahren. Er nahm das Umfeld von »Ahu Akivi« unter die Lupe. Und siehe da: Mit seinem  Magnetfeldmessgerät, entdeckte er Sensationelles. Laut Zeitschrift »GEO« äußerte sich Dr. Jörg Fassbinder wie folgt (1):

»In einem Umkreis von 60 Metern gruppieren sich unterirdische Bauten um den Ahu – sind es Grabkammern? Oder die Reste einer gigantischen Arena, die einst auf die Statuen ausgerichtet war? Ich bin Geophysiker, kein Archäologe. Aber meine Bilder zeigen den Kollegen, wo sie graben müssen. Fest steht, ich werde im nächsten Jahr wiederkommen. und dann hoffentlich viele weitere Kultstätten durchleuchten können.«

Foto 2: Wo sind die »Grabkammern«? (Foto: Ingeborg Diekmann)

Vergeblich suchte ich nach Hinweisen auf Ausgrabungen, die klären würden, ob sich im Erdreich unweit des »Ahu Akivi« mit den in Stein verewigten »7 Kundschaftern« tatsächlich Grabkammern befinden. Oder wurden da Schätze verborgen, die  Fremde nicht finden sollten? Ich denke da weniger an Gold und Silber als an verschollene Holztafeln mit den bis heute nicht entzifferten Schriftzeichen. Wer hat diese Schrift entwickelt? Und wo?

In der Osterinselmythologie taucht immer so etwas wie ein Gründermythos auf. Die Urgeschichte der Osterinsel (2) »beginnt in einem großen Königreich, das vor langer Zeit im Pazifik blühte«. Nach der örtlichen Legende war da einst ein Land, »das Land, bekannt als Hiva, ein Land der Tempel, der weit reichenden Straßen, der hohen Steintore,  der zyklopischen Bauwerke,  der weit ausladenden Zeremonialplätze«. Dieses legendäre Land, in anderen Überlieferungen heißt es Groß Maori, wird im Mythos als ein »Land des Überflusses« beschrieben.

Foto 3: Sprechende Hölzer...
In jenem Reich, das in einer Apokalypse im Pazifik versank, wurde ein Schatz des Wissens gehütet, eine (3) »Bibliothek, bestehend aus 67 Tafeln, eingehüllt in aus Baumrinde gewonnenem Tuch. Aus welchem Material diese Tafeln bestanden, das erfahren wir nicht. Der sagenhaften Überlieferung nach entstand die Osterinselschrift nicht auf der Osterinsel selbst. Fast so bekannt wie die steinernen Statuen sind die »sprechenden Hölzer«. Heute sind noch  26 »Rongorongo-Holztafeln« (4) bekannt, bedeckt mit Schriftzeichen, die mit Haifischzähnen eingeritzt wurden.

Ich frage mich: Handelt es sich bei den »sprechenden Hölzern« um Teile der geheimnisvollen Bibliothek, die vom Atlantis der Südsee mitgebracht wurde? Ich glaube nicht! Die größte bekannte »Rongorongo-Schrifttafel«,  »Tahua« genannt, ist 90 Zentimeter lang und 11,5 Zentimeter breit. Es dürfte sich um ein Teil eines Ruderblattes eines amerikanischen oder europäischen Bootes handeln. Die Schrifttafel entstand also zu Zeiten, als der Pazifik bereits von Vertretern unserer »Zivilisation« befahren wurde und nicht aus der Urheimat der Osterinsulaner. Sehr viel kleiner ist die Schrifttafel »échancrée«. Sie ist 241 Millimeter lang, 121 Millimeter breit und 26 Millimeter dick. Das »sprechende Holz« befindet sich heute im »Musée de Papeete«, Tahiti. Das Material wurde genauestens untersucht und analysiert (5):»Das Holz stammt von der Steineibe - Podocarpus latifolia. Wie das Holz des in Südafrika heimischen Baumes auf die Osterinsel kam, ist nicht bekannt. Steven Fischer meint, es sei ein Teil einer Bootsplanke eines europäischen Schiffes gewesen.«

Eine ganz andere Form hat der »Santiagostab«, der heute im »Museo Nacional de Historia Natural«, Santiago de Chile, aufbewahrt wird. Auf der vorbildlichen Homepage »Osterinsel.de« wird er wie folgt beschrieben (6):

»Der Santiago-Stab ›i‹ ist eines der (aus religiöser Sicht der Rapa-Nui) am bedeutendsten Objekte mit Rongorongo-Schriftzeichen, vor allem aber das Objekt mit den meisten Schriftzeichen (2320). Der Stab hat eine Länge von 1,12 Meter und einen Durchmesser von durchschnittlich 6 cm. Es handelt sich auch um die schönste erhaltene Arbeit. Im Gegensatz zu allen anderen Tafeln sind die Zeichenfolgen auf diesem Stab in Gruppen zu je drei Zeichen (oder eine Vielzahl von Zeichen die durch drei geteilt werden können), mit senkrechten Strichen abgetrennt. Th(omas) Barthel schreibt: ›Der Stil ist vorzüglich und weist viele singuläre Konstruktionen auf.‹«

Ich halte die heute noch erhaltenen »sprechenden Hölzer« nicht für die Originale, die beim großen Exodus vom Atlantis der Südsee auf die Osterinsel gebracht wurden. Wie man mir vor Ort versicherte, hatte man die  67 Tafeln der geheimnisvollen Bibliothek zu ihrem Schutz für den Transport auf See in aus Baumrinde gewonnenes Tuch eingehüllt. Alle Tafeln sollen die gleiche Form gehabt haben. Die mysteriöse »Bibliothek« ist bis heute verschwunden. Meine Spekulation: Wurde sie in einer Höhle oder einer unterirdischen Kammer versteckt? Der Überlieferung nach hat sie ein geradezu enzyklopädisches Wissen zu bieten.

Foto 4: Easter Island von Metraux
Auf den Tafeln wurden die Ergebnisse von Ahnenforschung festgehalten, aber auch Erkenntnisse aus der Geschichtsforschung verewigt. Festgehalten wurde uraltes Wissen aus den Bereichen »Religion«, »Landwirtschaft«, »Botanik«, »Medizin« und »Astronomie«. Bedauernd stellt Thomas Barthel in seiner Habilitationsschrift »Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift« (7) fest (8): »Von den astronomischen Kenntnissen der alten Osterinselkultur haben sich nur Bruchstücke erhalten. Immerhin kann aus den Ortsnamen ›Ana-ui-hetuu‹ und ›Papa-ui-hetuu‹ auf die frühere Existenz von Observatorien geschlossen werden. Aufgabe einer bestimmten Priesterschule war es, die Insulaner vor dem verderblichen Einfluß gewisser Sterne zu schützen. Eine besondere Rolle spielten die Plejaden.«

Auch heute noch bietet der nächtliche Himmel über der Osterinsel einen märchenhaft schönen Anblick. Nirgendwo sonst auf der Welt konnte ich die Sterne so klar erkennen. In unseren Gefilden kann man in der Nähe von Großstädten nachts die Milchstraße fast nur noch erahnen. Auf der Osterinsel stört nachts kein Kunstlicht. In »Hanga Roa«, der Hauptstadt und einzigem Ort auf der Osterinsel, geht man sparsam mit Elektrizität um. Vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden waren die Voraussetzungen für die Beobachtung von Sternen ideal. Die Osterinsulaner beobachteten den Sternenhimmel sehr genau, so wie das schon ihre Vorfahren in der »alten Heimat« bereits taten. Alfred Métraux schreibt in seinem voluminösen Standardwerk »Ethnology of Easter Island« im Kapitel »Sonne und Sterne« (9):

»In der Nähe der Plattform Okahu, an der Westküste, gibt es eine kleine Höhle, die Anu-ui-hetnu (»Die-Höhle-wo man die Sterne sah«). Gemäß der Tradition war diese Stätte ein Observatorium, wo Priester die Sterne beobachteten und eine Schule, in der Kandidaten für das Priesteramt in die Wissenschaft von den Sternen eingewiesen wurden.«

Foto 5: Mystery of Easter Island
Besonders aufmerksam beobachtet wurden der Mars, der Gürtel des Orion und »Stern Pau«. Sergei Rjabchikov, »Sergei Rjabchikov«-Stiftung, Zentrum zur Erforschung »Alter Zivilisationen und Kulturen« in Krasnodar, Russland, hat sich intensiv mit der vorgeschichtlichen Astronomie bei den Osterinsulanern beschäftigt. Ihre Priester-Astronomen beobachteten ständig die Himmelskörper. Noch 1682 waren sie höchst aktiv, so Sergei Rjabchikov, und studierten den Halleyschen Kometen. Sehr aufmerksam wurden auch Sonne, Mond, Mars und Saturn. Sergei Rjabchikov vermutet, dass es einen Zusammenhang zwischen astronomischen Studien und dem bis heute nicht wirklich verstandenen »Vogelmann-Kult« gab.

Ein zweites Observatorium gab es irgendwo ganz im Osten der Osterinsel, »am äußersten Ende der östlichen Landzunge« wie Katherine Routledge (11) vor einem Jahrhundert zu berichten wusste. Vergeblich habe ich versucht, den mysteriösen Ort aufzusuchen. Mir scheint, dass die weitestgehend zerstörte Stätte immer noch mit einem Tabu belegt ist. Der Ort heißt auch heute noch »Ko Te Papa-ui-hetuu«, was so viel heißt wie »Der Fels zum Beobachten der Sterne«. Die alten weisen Männer versammelten sich hier, um Sternkonstellationen zu studieren. Von dem einstigen Heiligtum sind aber nur noch einige Felsbrocken erhalten. In einen der Felsblöcke hat man eine Spirale eingraviert. Noch interessanter soll ein weiterer Steinquader sein, in den  zehn Vertiefungen gemeißelt wurden. Vor einem Jahrhundert teilte man Katherine Routledge mit, dabei handele es sich um eine Sternenkarte.In den unendlichen Weiten des Pazifiks wirkt die Osterinsel wie ein einsamer Stern in den Tiefen des Kosmos.

Diese Abgeschiedenheit hat sicher dazu beigetragen, dass die Wissenschaftler der Osterinsel die Geheimnisse der Sonne, der Planeten und der Sterne zu ergründen suchten. Erkannten sie, dass sie auf ihrem Eiland genauso im Meer verloren waren wie ein einsamer Stern im All? Oder fürchteten sie sich vor den Naturgewalten, vor dem stürmischen Meer? Das wäre durchaus verständlich, war doch die Urheimat ihrer Vorväter in den Fluten des Pazifiks versunken? Glaubten oder hofften sie, dass ein Studium der Planeten und Sterne die Priester-Astronomen in die Lage versetzen würde, Naturkatastrophen wie Fluten vorauszusehen? Laut der Überlieferung waren astronomische Erkenntnisse auf den 67 Tafeln der alten Bibliothek des Atlantis der Südsee verewigt. Offenbar setzten die Osterinsulaner die wissenschaftlichen Studien ihrer Vorfahren fort.

Foto 6: Verfremdete Moai
Ob die geheimnisvolle »Bibliothek« jemals gefunden werden wird? Vielleicht in einer unterirdischen Kammer? Von der mysteriösen Entdeckung im Umfeld der sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi« habe ich bis heute leider nichts mehr gehört. Dabei sollen inzwischen weitere unterirdische Unregelmäßigkeiten entdeckt worden sein. Wurde je nachgegraben?

Fußnoten
(1) »GEO«,  Jahrgang 2007, Heft 9, Seite 18
(2) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 60, Zeilen 1-8 von unten
(3) ebenda, Seite 61,  Zeile 8 von unten
(4) http://www.osterinsel.de/34-rongorongo-holztafeln.htm (Stand 1.Februar 2019)
(5) ebenda, »04. - D Tablette échancrée« (Stand 1.Februar 2019)
(6) ebenda, »09. - I Santiagostab« (Stand 1.Februar 2019)
(7)  Barthel, Thomas: »Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift«, Hamburg 1958
(8) ebenda, Seite 239, erster Absatz oben
(9) Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971, Seite 52, Zeilen 2-5 von unten
Foto 7: Moai - Moderne Kunst
(10) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, Seite 235, Zeilen 10 und 11 von oben. Im Original: »On the extremity of the eastern headland«.
(11) ebenda, Seite 235, letzter Absatz unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Moai auf der Plattform »ahu akivi«. Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Wo sind die »Grabkammern«? Foto: Ingeborg Diekmann
Foto 3: Sprechende Hölzer... Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Easter Island von Metraux. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Mystery of Easter Island von Katherine Routledge. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Verfremdete Moai. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moai - Moderne Kunst. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein

480 »Nabel des Lichts«,
Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 31. März 2019


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Sonntag, 10. März 2019

477 »Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«

Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel

Sieben Kundschafter, so ist überliefert, fanden einst den Weg zur rettenden Osterinsel. In einer anderen alten Sage der Osterinsel wird der kühne Versuch von sechs Männern beschrieben, den heiligen Moai »Tauto« zu retten und aus der im Meer versinkenden Heimat zur neuen Heimat zu schaffen (1). Die sechs mutigen Seeleute sahen sich am Ziel ihrer weiten Reise angekommen in einer höchst gefährlichen Situation. Würden sie selbst beim Versuch den vergessenen Moai Tauto zu bergen ums Leben kommen?

Das Meer verschlang nach und nach die alte Heimat, die sechs Männer (2) »beeilten … sich noch mehr um ihr Werk zu beenden und möglichst schnell nach Anakena (eine Bucht der Osterinsel) zurückzukehren, und die Ratschläge Hotu Matuas vergessend, ließen sie nicht die nötige Vorsicht walten. Als sie den Moai zum Boot hinuntertragen wollten, da entglitt er ihnen und zerbrach: der Kopf war vom Rumpfe getrennt.«

Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer...

Der schon legendäre Erforscher der Osterinsel Thor Heyerdahl (*1914; †2002) war vorübergehend im Besitz der Originale von schriftlichen Aufzeichnungen, die von eingeweihten Osterinsulanern niedergelegt worden waren. Diese Manuskripte wurden strikt geheim gehalten. Selbst in der Bevölkerung der Osterinsel bekam sie so gut wie niemand zu lesen. Eine ganze Reihe von »Heften« soll auf den legendären »Dorfkapitän« Esteban Atan zurückgehen. Als Thor Heyerdahl 1955 und 1956 auf der Osterinsel intensiv Ausgrabungen durchführte, kam er vorübergehend in den Besitz der mysteriösen Notizen. Er durfte sie aber nicht behalten, sondern musste sie wieder zurückgeben. Im Jahr 1963 durfte der französische Osterinselforscher Francis Mazière ebenfalls geheime Aufzeichnungen über die Geschichte der Osterinsel studieren. Auch er erhielt die Dokumente nur leihweise. Heyerdahl fertigte Kopien an.

Die russischen Gelehrten Prof. Dr. Fjodor Petrowitsch Krendeljow und Dr. phil. Aleksandr Michailowitsch Kondratow zitierten erstmals 1980 explosives Material aus den geheimen Unterlagen, die Jahrzehnte zuvor Heyerdahl zur Verfügung gestanden hatten, in  ihrem Buch »Die Geheimnisse der Osterinsel«. Eine Übersetzung ins Deutsche erschien 1987 in Moskau und Leipzig. Die zweite Auflage mit dem brisanten Material erschien bereits 1990 (3). Was das Buch so spannend macht das sind uralte, kaum bekannte  Überlieferungen der Osterinsel, in denen ganz eindeutig von einem Atlantis der Südsee gesprochen wird. Da heißt es zum Beispiel (4):

Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf
»Der Jüngling Tea Waka sagte: ›Unsere Erde war früher ein großes Land, ein sehr großes Land.‹ Kuukuu fragte ihn: ›Aber warum wurde das Land klein?‹ Tea Waka antwortete: ›Uwoke senkte seinen Stab darauf. Er senkte seinen Stab auf die Gegend Ohio.‹«

Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es die alten Überlieferungen, die Osterinsel. Weiter heißt es in Heyerdahls Kopien, zitiert bei Krendeljow und Kondratow: »Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der Nabel der Erde genannt.«

In einer anderen Überlieferung, ebenfalls in den Aufzeichnungen Thor Heyerdahls vor dem Vergessen bewahrt, heißt es: »Kuukuu sagte zu ihm: ›Früher war diese Erde groß.‹ Der Freund Tea Waka sagte: ›Diese Gegend nennt sich Ko-te-To-monga-o-Tea-Waka.‹ Ariki Hotu Matua fragte: ›Warum versank das Land?‹ ›Uwoke machte das; er versenkte das Land‹ antwortete Tea Waka. ›Von nun an wurde das Land Te-Pito-o-te-Henua genannt.« Te-Pito-o-te-Henua bedeutet »Nabel der Welt«.

Was erzählen uns diese mysteriösen Überlieferungen? Sie berichten davon, dass in der Südsee einst auf der einen Seite Landmassen unter Wasser gedrückt und dass auf der anderen Seite Landmassen über den Meeresspiegel angehoben wurden. Mit anderen Worten: Die Urheimat der Osterinsulaner verschwand in den Tiefen des Pazifiks, die neue Heimat, heute als Osterinsel bekannt, erschien über den Wogen des Meeres.

Zurück zur Sagenwelt der Osterinsel. Der heilige Moai wurde Opfer einer gewaltigen Naturkatastrophe, die offenbar weite Teile des Pazifiks heimsuchte. Der Osterinsulaner Jose Fati erzählte Fritz Felbermayer die Ereignisse in Sachen »Der Moai Tauto« (5). In der Sage heißt es konkret (6): »Als dies geschah, da bedeckte sich der Himmel mit schwarzen Wolken, Sturm kam auf, Blitze erhellten jäh den Raum, und strömender Regen rauschte hernieder von Maori (7) bis Te Pito O Te Henua (8).« Es gab also eine Naturkatastrophe vom versinkenden Maori bis zur Osterinsel, das heißt es waren weite Teile des Pazifiks betroffen! Als Maori Nui Nui, die Urheimat der Osterinsulaner, nach und nach von stürmischen Wogen überflutet wurde, da tobten Stürme gegen die kleine Osterinsel. Jose Fati erzählte Dr. Fritz Felbermayer die Sage »Der Moai Tauto«. Da heißt es (9): »Als Hotu Matua dies in seinem neuen Lande (Osterinsel) sah, da beschlich ihn  die Ahnung dessen, was geschehen war.«

Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück

Die Rettungsaktion für die vergessene Statue Tauto wird offensichtlich auch in anderen Sagen der Osterinsel überliefert (10). So wie heute so manche Steinstatue der Osterinsel direkt am Strand von den Unbilden der Naturgewalten bedroht ist, so konnte die verehrte Statue Tauto jeden Moment ein Opfer der brachialen Wellen werden (11): »Sie (die Retter) erreichten endlich die Küste von  Marea Renga, wo sie die vergessene Staue von Tauto vorfanden, die immer noch am Rande von Marae-toe-hau (12) stand, just wie von  Hotu Matua beschrieben. Als sie sie gerade von dort entfernten, da schlug der Gott der Erdbeben zu und stürzte große Landstriche ins Meer.«

Der Osterinsulaner Arturo Teao wusste aus der Sagenwelt der Osterinsel zu berichten (13), dass »Wellen über das Land (Urheimat der Osterinsulaner) hereinbrachen, der Wind tobte, Regen  strömte, Donner brüllte, Meteoriten auf das Land stürzten.« Kurz gesagt, es herrschten geradezu apokalyptische Verhältnisse.

Die Statue Tauto entglitt den mutigen Rettern, stürzte krachend zu Boden und zerbrach. Die Männer drohten in den Fluten umzukommen. Höchste Eile war geboten.  Sie flohen in Panik, schleppten nur den Kopf von Tauto in ihr Boot. Körper, Arme und Beine mussten sie zurücklassen.

Kurios ist, dass die Statue Tauto auch über Beine verfügte, im Gegensatz zu den Kolossen der Osterinsel! Fast 1.000 Statuen der Osterinsel sind bekannt. Sie werden aber immer wieder wie vor über einem Jahrhundert in den Medien als »Steinköpfe« bezeichnet (14). Tatsächlich ragen besonders in unmittelbarer Nähe des Steinburchs steinerne Häupter aus dem Erdreich. Aber seit über einem Jahrhundert weiß man, dass auch diese »Steinköpfe« über einen Rumpf und Arme verfügen, aber nicht über Beine. Geradezu lächerlich wird es dann, wenn gemeldet wird (15):

Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine
»Es ist eine der größten archäologischen Entdeckungen des Jahres 2012. Ein privates Team aus Forschern und Archäologen nimmt derzeit eine spektakuläre Ausgrabung, im Rahmen des Easter Island Statue Project, an den bekannten Köpfen der Osterinsel vor, welche zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Anlass dazu gaben einige Moais, wie man die Figuren nennt, im Inselinneren. Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen. Diese vollständigen Statuen findet man zum einen auf Steinplatten in alten Tempelanlagen und zum anderen in alten Werkstätten der Insel.«

Man muss sich die Worte auf der Zunge zergehen lassen: »Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen.« Was für ein Unsinn! Einen kompletten Körper hat nur eine einzige Statue. Nur aus einem Kopf besteht keine einzige Statue. An der Meldung ist nichts sensationell, nur alles falsch. Bis heute ist eine einzige Statue bekannt, die einen kompletten Körper, Beine inklusive, hat. Diese kuriose Figur scheint zu knien, auf den Unterschenkeln zu hocken.

Wie mag die Statue Tauto ausgesehen haben, von der nur der Kopf auf die Osterinsel geschafft wurde? Wo mag sich das steinerne Haupt heute befinden. Zu Beginn des dritten Jahrtausends sind Teile der Osterinsel vom Untergang bedroht. Statuen an der Küste könnten bei wachsendem Meeresspiegel unterspült werden und umstürzen. Ist dafür der Mensch verantwortlich?
Vor Jahrhunderten hatte König Hotu Matua eine Vision. Was aber sah er? Den Untergang des »Atlantis der Südsee«? Oder blickte er in eine fernere Zukunft, als er klagend ausrief (16) »Ku emu a!«, zu Deutsch »Die Erde ist untergegangen«!

Fußnoten
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«
(1)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(2) ebenda, Zeilen 9-15 von oben
(3) Krendeljow, Dr. Fjodor Petrowitsch und Kondratow, Aleksandr Michailowitsch: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
(4) ebenda, Seite 109
(5)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20
(6) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 3-7
(7) Maori: Urheimat der Osterinsulaner, die im Meer versank.
(8) Te Pito O Te Henua: Einer der Namen der Osterinsel (9)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20, Zitat Seite 19, Zeilen 1 und 2 von unten
(10) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82
(11) ebenda, Seite 62, Zeilen 12 - 15 von oben: »They at last arrived on the shores of Marea Renga, where they found the forgotten statue auf Tauto still standing at the edge of Morae-toe-hau, just as Hotu Motua described. But as they were removing it, the god of earthquakes struck, upending great stretches of territory into the sea.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein

Foto 7
(12) Marae-toe-hau: Teil der versunkenen Urheimat der Osterinsulaner.
(13) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeilen 16 und 15 von unten: »According to Arturo Teao ›the waves broke, the wind blew, rain fell, thunder roared, meteorites fell on the island.‹« Übersetzung aus dem Englischen
(14) Beispiel: https://www.reise-inspirationen.de/die-osterinsel-wo-die-steinkoepfe-wohnen-reisemagazin-herbst-2017/ (Stand:18.01.2019)
(15) https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/archaeologie/die-moai-statuen-auf-der-osterinsel-haben-einen-koerper-13371666
(16) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeile 9 von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer... Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine. Foto: Zeichnung Grete C. Söcker, bearbeitet von Walter-Jörg Langbein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«.
Foto 7: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«.

478 »In der Menschenfresserhöhle«,
Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.03.2019






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Sonntag, 3. März 2019

476 »Insel des Schweigens«


Teil 476 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Himmel über der Osterinsel

»Insel der Schweigens« (1) nannte der französische Ethnologe Francis Mazière (*1924; †1994) seinen Bestseller über die Osterinsel. Das lesenswerte Werk erschien vor rund einem halben Jahrhundert zunächst in Frankreich, rasch auch in deutscher Übersetzung. Ich habe die deutsche Ausgabe sehnsuchtsvoll und mit wachsender Begeisterung gelesen, nachdem ich von der sich weltweit ausbreitenden »Dänikenitis« erfasst worden war. Erich von Dänikens erster Weltbestseller »Erinnerungen an die Zukunft« ließ mich davon träumen, das geheimnisvolle Eiland mit den mysteriösen Steinriesen einmal selbst zu besuchen. Francis Mazières »Insel der Schweigens verstärkte meinen Wunsch noch. Aber die Osterinsel war so weit, viel zu weit entfernt im Pazifik gelegen. Es sollte lange dauern, bis mein Traum endlich wahr wurde.

Als ich Jahrzehnte später bei meinem ersten Besuch erstmals zu mitternächtlicher Stunde am kleinen Hafen der Osterinsel saß und den märchenhaft-fantastischen Sternenhimmel bewunderte, da verstand ich, warum der vielleicht älteste Name des Eilands »Matakiterani«, zu Deutsch »Augen betrachten den Himmel«, lautete. Auf keiner anderen Reise erlebte ich den nächtlichen Sternenhimmel so plastisch wie auf der Osterinsel. Die Osterinsel kam mir vor wie ein winziges Flecken aus Fels inmitten eines schier undendlich weiten Meeres aus Salzwasser. Und der weite Himmel über mir war wie ein zweites Meer aus pechschwarzer Leere mit unendlich vielen einsamen Sternen darin. »Matakiterani« war in der Tat eine »Insel des Schweigens« im unendlichen Pazifik, dessen schäumende Wogen im Mondlicht wie Schnee aussahen.

Foto 2: Ahu Vai Uri ...

Dazu passen die fast eintausend steinernen Kolosse, die alle ihre schmalen Lippen zusammenzupressen scheinen, so als würden sie wortlos demonstrieren: »Von uns erfährst du nichts!« Dabei hat die Osterinsel viele Stimmen, die auch von der geheimnisvollen Vergangenheit des einsamsten Eilands der Welt berichten. Es sind die uralten Sagen und Mythen, denen bis heute viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Sie wurden bis in unsere Tage von Generation zu Generation von Wissenden weitergereicht. So gerieten sie nicht in Vergessenheit. Leider lauschen wir ihnen nicht in ausreichendem Maß.

So erfahren wir, dass die Ureinwohner der Osterinsel aus einem Reich im Westen kamen, das einst in den Fluten des alles andere als friedlichen Pazifik versank. Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) hat so manche Sage, die ihm von Einheimischen anvertraut wurde, wortwörtlich aufgeschrieben. Horacio Teao (2) erzählte ihm, dass einst der Urheimat der Osterinsulaner Maori Nuinui eine Apokalypse bevorstand.  Wie ein Atlantis der Südsee würde sie ihm Pazifik versinken. Viel Zeit blieb den Menschen nicht (3): »So verschwanden in der Zeit von zwei Vollmonden drei Niederlassungen in den Fluten. Eine schreckliche Katastrophe stand bevor.«

Foto 3: ... droht der Untergang.

Priester Hau Maka wurde vom fliegenden Gott Make Make durch die Lüfte zur Osterinsel entführt. So kam es zum Exodus: Die gesamte Bevölkerung übersiedelte von Maori Nuinui zur Osterinsel. Zurück blieb in der Eile der überstürzten Flucht das wohl heiligste Objekt von Maori Nui Nui. Erst auf der Osterinsel angekommen (4) »erinnerte sich der König, daß er vergessen hatte, den Moai »Tauto« von Maori, seinem Geburtsland, mitzubringen.«  Der mächtige König befahl sechs seiner treuesten Diener, sofort in einem Boot nach Maori Nuinui zurückzukehren und die vergessene Steinstatue zu holen (5): »Kehrt zurück  in unsere alte Heimat und holt den Stein – Moai Tauto. Er ist in der Bucht am Meeresufer vor meinem alten Palast zurückgeblieben. Beim Einschiffen gebt wohl acht, dass ihr ihn nicht zerbrecht.«

Gehorsam machten sich die sechs Männer auf die gefährliche Reise, dank günstiger Windverhältnisse kamen sie schneller voran als erhofft. Entsetzt stellten sie fest (6), »daß die Wellen der Flut schon einen großen Teil des Landes überschwemmten.«

Foto 4: Angeschlagene Häupter ...

Die Katastrophe von damals scheint sich in unseren Tagen zu wiederholen. Mahnend erhebt Camilo Rapu, der Präsident der indigenen Gemeinschaft Ma’u Henua, seine Stimme (7): »Alle archäologischen Stätten, die nahe am Küstenrand liegen, sind in Gefahr. Wenn schlechtes Wetter herrscht, reicht das Meerwasser direkt an die Ahus (die Plattformen, auf denen die Statuen stehen) heran. Das führt zu Auswaschung und Einsturz.« Direkt bedroht ist heute der »Ahu Tahai«-Komplex unweit von Hanga Roa an der Südwestküste. Drei Plattformen mit Statuen gehören zu diesem interessanten kleinen Zeremonialzentrum: Ahu Ko Te Riku, Ahu Tahai und Ahu Vai Uri.

Ahu Vai Uri habe ich manchen Abend besucht. Von Hanga Roa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, erreicht man ihn zu Fuß bequem in wenigen Minuten. Nach heutigem Kenntnisstand der Archäologie entstanden die fünf Stein-Moais im 12. Jahrhundert. Sie trotzten also mindestens acht Jahrhunderten den Naturgewalten. Irgendwann stürzten sie von ihrem massiven Steinsockel. Umstritten ist, ob ein Erdbeben, ein Tsunami oder womöglich menschliche Zerstörungswut dafür verantwortlich sind.

Foto 5: Sind sie noch zu retten?

Mir imponieren diese fünf Statuen ganz besonders. So angeschlagen wie sie sind stehen sie wieder auf ihrem Ahu, stumm und trotzig dem Meer den Rücken zuwendend. Zwei der steinernen Zeitzeugen aus der mysteriösen Vergangenheit der Osterinsel konnten die beim Sturz abgebrochenen Häupter mit einer Art Zement wieder auf die Schultern gesetzt werden. Von der kleinsten Figur ist nur der schmale Rumpf übrig geblieben, zweien fehlt ein Stück des Kopfes. Bei zwei der Moais sind die leeren Augenhöhlen noch sehr gut zu erkennen. Einst hatten wohl alle Moais Augen, kunstvoll gestaltet aus weißem Korallenkalk und roter Gesteinsschlacke (für die Iris!). Im kleinen Museum in Hanga Roa wird das einzig erhaltene Moai-Auge gezeigt.


Foto 6: »Ahu Ko Te Riku«
Wie die steinernen Riesen einst aussahen? Sie trugen einen tonnenschweren, rötlichen steinernen »Hut« und blickten mit ihren Kalk-Gesteinsschlacke-Augen ins Landesinnere. Auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« steht so ein komplett rekonstruierter Koloss. Auch er war gestürzt. Mit Hilfe eines Krans wuchtete man ihn wieder auf seine rekonstruierte Plattform, setzte man ihm wieder seinen steinernen »Zylinder« aufs Haupt und verpasste ihm neue Augen, die eigens für ihn angefertigt wurden. Auch er wendet dem Meer den Rücken zu. Auch er starrt vom Ufer aus ins Landesinnere. Warum? Vielleicht weil die Osterinsulaner vom Meer her kamen, dem Meer den Rücken zuwandten und sich darauf konzentrierten, das einsame Eiland zu erkunden und zu besiedeln?

Der wieder komplett rekonstruierte Koloss auf der Plattform »Ahu Ko Te Riku« soll einer der ältesten seiner Art sein. Nach aktuellem Kenntnisstand der schulwissenschaftlichen Lehre soll er im 7. Jahrhundert aus dem Vulkangestein im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater gemeißelt worden sein.

Der UN-Kulturorganisation UNESCO ist die Gefährdung der Osterinsel durch den globalen Klimawandel bekannt. Als erstes, so stellte Adam Markham fest, würden wohl die besonders nah an der Küste stehenden Statuen Opfer der steigenden Meeresfluten werden. Dass der Meeresspiegel ansteigt, das scheint allgemein akzeptiert zu werden. Umstritten ist aber, ob dieser Prozess schnell oder langsam erfolgt. In ihrem Artikel »Neues Unglück bedroht die geheimnisvollen Kolossalstatuen« lässt  die »Welt« zwei Wissenschaftler mit konträren Ansichten zu Wort kommen (8).

Nach Adam Markham waren in den vergangenen zwei Jahren »keine dramatischen Veränderungen auf der Osterinsel« zu beobachten. Markham: »Der Anstieg des Meeresspiegels ist ein relativ langsamer Prozess.« Die Wissenschaftler David Pollard und Roberto DeConto hingegen betonen in einer Studie aus dem Jahr 2016, »dass der Meeresspiegel als Folge der Eisschmelze an den Polargebieten bis Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 1,50 Meter steigen könnte. Allerdings gilt diese Prognose unter Wissenschaftlern als umstritten, einige halten sie für zu hoch gegriffen.«

Was bei diesen aktuellen Diskussionen allerdings außer Acht gelassen wird ist, dass es nach alten Osterinselüberlieferungen bereits vor vielen Jahrhunderten einen deutlich gravierenderen Anstieg des Meeresspiegels in der Südsee gegeben haben muss, der die Urheimat der Osterinsel in den Fluten des Pazifiks versinken ließ.


Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen.



Fußnoten
(1) Mazière, Francis: »Insel des Schweigens/ Das Schicksal der Osterinsel«, 
Frankfurt 1966
(2) ebenda, »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(3) ebenda, Seite 13, rechte Spalte Zeilen 7-9 von oben
(4) ebenda, Seite 19, linke Spalte, Zeilen 7-9 von oben, Rechtschreibung unverändert übernommen
(5) ebenda, linke Spalte, Zeilen 12-16
(6) ebenda, Seite 19, rechte Spalte, Zeilen 7-9 von oben
(7) https://www.welt.de/geschichte/article178056718/Osterinsel-Neues-Unglueck-bedroht-die-geheimnisvollen-Kolossalstatuen.html (Stand 15.01.2019)
(8) ebenda

Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht.

Zu den Fotos
Foto 1: Himmel über der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ahu Vai Uri ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: ... droht der Untergang. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Angeschlagene Häupter ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sind sie noch zu retten? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Ahu Ko Te Riku« mit sehendem Riesen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Autor Walter-Jörg Langbein im Steinbruch der Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Der Koloss auf dem »Ahu Ko Te Riku« bei Nacht. Foto Walter-Jörg Langbein


477»Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«,
Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10. März 2019




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Sonntag, 14. Oktober 2018

456 »Rätselhafte Kolosse und geheimnisvolle Kammern«

Teil 456 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1 (Montage): Statuen...
Die steinernen Kolosse der Osterinsel sind sehr viel rätselhafter als manchem Zeitgenossen lieb ist. Alle Jahre wieder tauchen Schlagzeilen in der Presse auf, werden vermeintlich sensationelle »Dokumentationen« im Fernsehen ausgestrahlt. Immer wieder wird verkündet, jetzt sei endgültig geklärt, wie die tonnenschweren Statuen transportiert wurden. Immer wieder heißt es, das sei mit ganz einfachen Mitteln möglich gewesen, die bis zu viele Tonnen schweren Kolosse zum Laufen zu bringen. Beispiel: Archäologe Carl Lipo von der »California State University«, Long Beach, will herausgefunden haben, wie man die Steinstatuen transportierte. Carl Lipo berief sich auf eine Legende, wonach die Moai selbst vom Steinbruch aus losmarschiert seien.

»Spiegel online« veröffentlichte einen ausgewogenen Artikel zum Experiment. Carl Lipo wird wie folgt zitiert (1): »Natürlich geschah das nicht aus eigenen Kraft, sondern mit Hilfe der Rapanui, der Einwohner der Insel. Sie sicherten die bis zu 74 Tonnen schweren Figuren mit Seilen, richteten sie auf und bewegten sie dann mit Schaukelbewegungen vorwärts.«

Fakt ist: Das Experiment gelang auf absolut flachem Areal mit einem für das Experiment hergestellten Modell. Das Gewicht der extra angefertigten Statue: 4,4 Tonnen. Der Weg vom Steinbruch im Rano Raraku Vulkan zu den Plattformen der Statuen ist aber nicht eben, sondern mal geht es steil abwärts, mal wieder einen Hang empor. Und wie sollen die Figuren auf ihre Plattformen »gelaufen« sein?

Foto 2: Blick in eine der geheimnisvollen Kammern.

Fakt ist: Es gelang tatsächlich, ein kleines »Modell« eines Moai ein Stück weit auf einer mit großem Aufwand eingeebneten »Straße« zu bewegen. Fakt ist aber auch, dass das »Modell« nicht einem echten Moai entsprach.

Carl Lipos Hauptargument ist nicht stichhaltig (2): »Rund tausend Statuen stehen und liegen auf der Osterinsel, einige davon allerdings zerbrochen am Wegrand. Es waren diese Trümmer, die Lipo auf die Idee brachten. An Straßen, die bergauf führten, liegen die Moai auf dem Rücken; auf abwärts führenden Straßen haben sie einen Bauchklatscher gemacht. Diese Verteilung ergäbe sich nicht, wenn die Statuen nach der bisher gängigen Theorie auf Baumstämmen vorwärts gerollt worden wären.«

Foto 3: In einer der Kammern.
Die meisten zerbrochenen Statuen liegen nicht »am Wegrand«, sondern vor oder hinter den steinernen Podesten, auf denen sie einst standen, von denen sie herabstürzten. Das heißt: Sie hatten unbeschädigt ihr Ziel erreicht, waren auf ihre Plattform gestellt worden, von der sie irgendwann, warum auch immer, fielen und zerbrachen. Nicht belegbar ist die Behauptung, dass die Statuen auf den Rücken fielen, wenn es aufwärts ging und dass sie nach vorn aufschlugen, wenn es abwärts ging.

Dass die Statuen »auf Baumstämmen vorwärts gerollt worden wären« ist keineswegs die »bisher gängige Theorie« und zudem auch falsch. Zu keinem Zeitpunkt gab es auf der Osterinsel ausreichend Holzvorräte, um die Statuen auf Holzrollen zu befördern. Die abstruse Theorie war auch zu keinem Zeitpunkt »die gängige Theorie«.

Jo Anne Van Tilburg, Direktorin des »Easter Island Statue Projects« an der »University of California«, Los Angeles, spricht dem vermeintlich bahnbrechenden Versuch jede wissenschaftliche Bedeutung ab (3): »Was sie da gemacht haben war ein Stunt, aber kein Experiment!« Die Form von Lipos Modell sei keine genaue Nachbildung eines Moai, also nicht für ein seriöses Experiment geeignet. »Sein Projekt hat die Statuen aus ihrem archäologischen Kontext gerissen. Und ich glaube, immer wenn so etwas geschieht, begibt man sich – wie vorsichtig auch immer – ins Reich der Phantasie und der Spekulation auf einer Ebene, die nicht mehr wissenschaftlich ist.«

Die Osterinsulaner, mit denen ich über solche »Erklärungen« diskutierte, lachten nur. »Wenn es so einfach und mit primitiven Mitteln ginge, einen Moai von A nach B zu bringen, wieso werden bis heute zum Beispiel moderne Krane benutzt? Die Moai kamen mit Hilfe von Magie vom Steinbruch an ihre Ziele!«

Foto 4: Standen hier einst die verschwundenen Statuen?

Die 16 Moai von Ahurikiriki standen irgendwo in einer Steilwand an der Südwestküste der Osterinsel. Zwischen 1886 und 1913 stürzten die Kolosse aber ab. Ein Erdbeben mag dafür verantwortlich gewesen sein, wie jenes von 1960, das tonnenschwere Steinquader wie Kinderspielzeug weiter ins Innere der Osterinsel schleuderte.

Foto 5: Unvollendete Statue im Steinbruch

Am 22. Mai 1960 brach ein verheerendes Erdbeben vor Chile aus. Es ließ die Pazifikküste bei Valdivia um bis zu vier Meter absacken. Das Horrorbeben (Stärke 9,5 auf der MM-Skala) verursachte einen Tsunami, der sich im ganzen Pazifik ausbreitete. Die Flutwelle, anfangs 11 Meter hoch,  erreichte am 23. Mai 1960 die Osterinsel. Ahu Tongariki wurde vollkommen zerstört. 16 Kolossalstatuen (Gewicht einer einzelnen Figur: bis zu 100 Tonnen!) wurden wie Bauklötzchen von der zertrümmerten Plattform ins Innere der Insel gespült. Massive Befestigungssteine der Plattform, auf der die Kolosse einst gestanden hatten, wurden einen halben Kilometer von der Küste weg ins Innere des Eilands geschwemmt.

Es sollten 34 Jahre vergehen, bis man sich endlich an die Rekonstruktion von Ahu Tongariki wagte. Das Podest stellte kein Problem dar. Es ließ sich schnell wieder aufbauen. Aber wie sollte man die liegenden Statuen wieder aufrichten und auf das Podest stellen?

Foto 6: Leuchtende Deckenplatten

Die japanische Firma Tadano ließ einen Schwerlastkran auf die mysteriöse Insel schaffen und spendierte weitere 600.000 US-Dollar für den Wiederaufbau. Mit Hilfe des Schwerlastkrans, mit moderner Technik und unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel, gelang der Wiederaufbau der Anlage von Tongariki.

Oberhalb der vielleicht steilsten Felswand der Osterinsel befindet sich das Zeremonialdorf Orongo. Die 52 Häuschen mit den niedrigen, tunnelartigen Eingängen, erinnern sehr an Bunker. Die Decken sind aus massiven Felsplatten. Geheimnisvolle Malereien mit Darstellungen von mythologischen Fabelwesen befanden sich an den Wänden dieser Kammern. Ich bin in so manchen dieser »Schutzräume« gekrochen, entdeckte in jeder kleine Nischen, in denen vielleicht einst sakrale Figuren standen.

Erst auf meinen Fotos entdeckte ich etwas, was mir vor Ort in der Dunkelheit nicht aufgefallen war. Dank eines starken Blitzlichtgeräts gelang mir eine ganze Reihe von Aufnahmen. Erst auf den Papierabzügen, ich fotografierte damals noch analog, sah ich herrliche Farben. Da leuchteten die schweren Deckenplatten in geradezu schillernden bunten Farben. Was die Natur so schuf ist meiner Meinung nach mit abstrakten Gemälden zu vergleichen, nur  schöner.

Foto 7: Mysteriöse Farbenpracht
Die Atmosphäre in den Kammern mit Nebenräumen war seltsam und unbeschreiblich dicht. Wenn ich da in der Finsternis und völliger Stille auf dem Steinboden lag, kam es mir vor, als sei die Zeit vor Jahrhunderten stehengeblieben. Es hätte mich nicht sehr verwundert, wenn ich plötzlich in die Zeit vor einem Jahrtausend versetzt worden wäre. Wie hätte man mich behandelt, wenn man mich entdeckt hätte?

So manche Stunde sinnierte ich in einer dieser Kammern darüber nach, welchem Zweck diese höchst unpraktisch niedrigen Räumchen wohl einst dienten. Warteten hier die Honoratioren auf den Verlauf des Wettkampfes im »Vogelmann-Kult«? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist doch, dass die von Orongo aus die Teilnehmer am Wettbewerb beobachteten. Oder meditierten hier einst Priester? Beteten sie zu Make Make, er möge doch den richtigen Mann das erste Ei auf der Vogelinsel finden lassen, damit der Richtige König werden würde? 

Ungeklärt ist bis heute, warum die Menschen auf der Osterinsel sozusagen über Nacht  aufhörten, Statuen aus dem Vulkan zu meißeln, über Land zu befördern und auf Plattformen aufzustellen. Man hat offensichtlich irgendwann den Steinbruch verlassen. Zurück blieben eben begonnene, halbfertige, fast fertige und fertige Statuen. Andere hat man wenige Meter vom Steinbruch einfach liegen lassen. In unmittelbarer Nähe des Steinbruchs sind Statuen bis zum Hals im Erdreich versunken.

Foto 8: Autor Langbein im Steinbruch neben einer halbfertigen Statue

Fußnoten
(1) http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neues-aus-der-archaeologie-laufende-osterinsel-statuen-a-863451.html (Stand 27.07.2018)
(2) ebenda
(3) ebenda

Foto 9: Spielerei mit einem Osterinselomotiv... Fotomontage Walter-Jörg Langbein

Zu den Fotos
Foto 1 (Montage): Statuen geben Rätsel auf. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Blick in eine der geheimnisvollen Kammern. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: In einer der Kammern. Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 4: Standen hier einst die verschwundenen Statuen? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Unvollendete Statue im Steinbruch. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Leuchtende Deckenplatten. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Mysteriöse Farbenpracht. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Autor Langbein im Steinbruch neben einer halbfertigen Statue. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Spielerei mit einem Osterinselomotiv... Fotomontage Walter-Jörg Langbein

457 »›Geisterstädte‹ auf der Osterinsel?«,
Teil 457 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 21.10.2018



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Sonntag, 7. Oktober 2018

455 »Ahurikiriki und das Geheimnis der verschwundenen Statuen«

Teil 455 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörgangbein

Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki.

Die Kolossalstatuen der Osterinsel haben das einsame Eiland in den Weiten des Pazifiks weltberühmt gemacht. Die größte steinerne Plattform, Tongariki, befindet sich am östlichen Ende der Südküste der Osterinsel. Fünfzehn Statuen stehen heute wieder auf dem altehrwürdigen »ahu«, den Blick ins Innere des Eilands gerichtet. Eine größere Ansammlung von steinernen Riesen auf einer Plattform findet sich nirgendwo auf dem Eiland. Es soll aber einst eine noch größere Plattform mit sechzehn Statuen gegeben haben.

William  J. Thomson,  Zahlmeister auf dem Schiff »USS Mohican«, publizierte (1) eine recht lange, penibel genau geführte Liste von Monumenten, so wie er sie in der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember 1886 inspiziert und vermessen hat. Das wohl bemerkenswerteste Denkmal, das er beschreibt, konnte er allerdings nur aus der Distanz beschreiben. Dieses Monument ist irgendwann spurlos verschwunden und gibt bis heute Rätsel auf. Immer wieder wurde nach »Plattform Nr. 112« gesucht. Bis heute vergeblich.

Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki.

Thomson schreibt (2): »Plattform No. 112. – Genannt Ahurikiriki. Gelegen am äußersten südwestlichen Ende der Insel, und außergewöhnlich wegen ihrer Position an einer lotrecht abfallendend Klippe (Höhe fast 1.000 Fuß) und mittig zwischen Meer und oberem Rand.«

Diese Beschreibung weist sehr deutlich auf die in der Tat fast 1.000 Fuß hohe  Felswand an der Südwestspitze der Osterinsel hin. Vom Zeremonial-Zentrum der Osterinsel kletterten mutige Männer 300 Meter in die Tiefe, um zur »Vogelinsel« zu schwimmen (»Vogelmann-Kult«). Und an dieser Felswand sollen einst, so Thomson, wohl auf einem kleinen Felsvorsprung sechzehn kleine Statuen gestanden haben. Als Thomson sie 1886 zu Gesicht bekam, standen sie aber schon nicht mehr. Sollte Thomsons Schilderung den Tatsachen entsprechen, dann hätten auf dem Felsvorsprung in der Steilklippe mehr Statuen gestanden als auf jeder anderen Plattform.

Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann

Thomson (3): »Sechzehn kleine Götzenbilder liegen auf dieser Plattform und viele davon scheinen sich in einem ausgezeichneten Zustand zu befinden. Wir konnten keine Möglichkeit ausfindig machen, wie wir diesen kleinen Vorsprung hätten erreichen können, auf welchem diese Plattform steht. Kein Weg führt vom  oberen Rand der Klippe hinab, es gibt auch keinen Zugang von rechts oder links, und von unten geht es lotrecht nach oben.«

Thomson weist auf die Brecher des Meeres, die gegen den Fuß der Klippe schlagen und stellt Überlegungen an, wie wohl die sechzehn kleinen »Götzenbilder« an Ort und Stelle gebracht werden konnten. Er hält es für »kaum wahrscheinlich«, dass die Figuren einst von oben an Seilen hinab gelassen wurden. Seine Schlussfolgerung: Es müsse einmal einen »Zugang« (4) gegeben haben, der von den tosenden Wellen abgetragen wurde. Ganz ähnlich sieht es im »Dorf der Toten« aus: Unklar ist, wie die »Sarkophage« von Karajia an ihren Bestimmungsort gelangten.  Sie stehen auf einem kleinen Felsvorsprung an  einer senkrechten Felswand, etwa auf halber Höhe, etwa dreihundert Meter unterhalb des Dorfes Karajia. Die mysteriösen »Sarkophage« von Karajia befinden sich allerdings noch heute an Ort und Stelle.

Zurück zur verschwundenen Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«. Leider sind Thomsons Reisenotizen, die eventuell zusätzliche Informationen zu »Ahurikiriki« enthalten haben mögen, unauffindbar. Sie sollen sich bis 1904 im Besitz des »Smithsonian Institution«, Washington D.C., befunden haben, wurden aber offenbar an Thomson zurück geschickt. Vergeblich hat man die in der »Smithsonian Institution« aufbewahrten Thomson-Fotos durchforstet. Es fand sich keine einzige Aufnahme der mysteriösen Plattform. Wie dem auch sei: 1886 will Thomson die 16 Götzenbilder in der Felswand gesehen haben. Oder hat der gute Thomson einfach nur fantasiert? 

Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen.

Offenbar nicht! Denn Katherine Routledge bestätigt Thomson (5). Demnach konnte Thomson anno 1886 eine »Reihe von Götzenbildern (6) sehen, aber nicht erreichen. Als Katherine Routledge 1913/1914 vor Ort war, waren die Figuren allerdings abgestürzt und lagen »1.000 Fuß tiefer« am Meeresufer. Katherine Routledge scheint einen zweiten Band zum Thema Osterinsel geplant zu haben. Offenbar wollte sie auch näher auf die Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki« eingehen, Das legen ihre handschriftlichen Notizen nahe, die erhalten geblieben sind. Zu einem zweiten Buch aber kam es leider nicht.

Eine Lehrerin, die in einer der Schulen von Hanga Roa unterrichtete, erklärte mir: »Ahurikiriki hat zweifelsohne existiert! Es gibt einige Lieder, die diese Statuen am Abgrund besingen!« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, begann sie sogleich, mir eines der Lieder vorzusingen, in der so vokalreichen, wohlklingenden Sprache der Osterinsel. Immer wieder tauchte »I Ahu Rikiriki«. Die Lehrerin übersetzte mir einige Passagen: »Ich bin bei der Plattform (ahu) von Rikiriki und sie bringen die moai zu Fall.«

Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein.

Voller Begeisterung erzählte mir die Lehrerin vom alten Urglauben der Osterinsel, verschwieg aber mehr als sie zu enthüllen bereit war. So erfuhr ich von »religiösen Praktiken«, die zum »Iviatua«-Kult gehörten. Im Zentrum der Religion stand der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Die Seelen der Dahingeschiedenen konnten noch zwei Jahre nach dem physischen Tod der Menschen auftauchen und den Nachkömmlingen der Toten helfen, so die in Not geraten sollten.  Zwei Jahre nach dem Tod machten sich die Seelen auf die Reise in ein sagenumwobenes Totenreich irgendwo im Westen.

Die Totenbräuche der Osterinsulaner muten makaber an. Man wartete offenbar bis alles Fleisch eines Toten verwest war. Dann trennte man den Schädel vom übrigen Skelett und setzte ihn bei. Die Knochen wurden gesäubert und kamen in eine »Steinkammer«. Dort begegneten die Geister der kürzlich Verstorbenen den Seelen der Vorfahren, die offenbar aus dem Totenreich angereist kamen.

Als Gottheit wurde Make Make verehrt, als allmächtiger Schöpfergott angebetet. Stammesfürsten verfügten über eine geheimnisvolle »Kraft« oder »Energie«, »Mana« genannt. Mit dieser Kraft konnten Feinde bekämpft, konnte der Wohlstand der Stammesmitglieder gesteigert werden. Mit dieser »übernatürlichen Kraft« konnten Eingeweihte die moai genannten Steinriesen veranlassen, vom Steinbruch aus an ihre Bestimmungsorte zu gehen oder zu fliegen.

Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu.

Die Osterinsulaner glaubten offenbar an zwei Reiche: an ein Reich des Lichts und an ein Reich der Finsternis. Ein örtlicher Geistlicher brachte im Gespräch seine »erheblichen Zweifel« zum Ausdruck. Was die Osterinsulaner einst wirklich glaubten, was wirklich echter Osterinselglaube sei, das könne man leider nicht mehr mit Sicherheit sagen. Und in der Tat: Die Bevölkerung der Osterinsel wurde ja fast völlig ausgelöscht. Starb mit den Menschen der wahre Osterinselglaube? Wurden religiöse Bilder und Überzeugungen aus Polynesien geholt? Nach polynesischer Theologie wurden menschliche Verstorbene zu niederen Göttern, weil sie magische Kräfte von höherrangigen Göttern erhielten. Eingeweiht in die geheimen Glaubenswelten waren hochrangige Priester, »ivi atua« genannt. Diese mächtigen Geistlichen hausten angeblich in kleinen Häusern unter gewaltigen Steinbrocken im Inneren des »Rano Kau«-Vulkans. Dort soll es ein zweites heiliges Zeremonial-Zentrum gegeben haben, das bis heute weitestgehend unerforscht blieb.


Oder die Priester arbeiteten in steinernen Türmen, von denen es auf der Osterinsel eine ganze Reihe gegeben haben soll. Kein einziges dieser Gebäude blieb bis in unsere Tage erhalten. Sie leben aber in Erzählungen aus den »alten Zeiten« fort. Wie sie ausgesehen haben? Das wissen auch die letzten echten Nachkommen der Ureinwohner nicht.

Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki.
Was die Priester in diesen Steintürmen genau getrieben haben? Das soll schon immer nur wenigen Eingeweihten bekannt gewesen sein. Angeblich studierten sie Zeichen aus der »natürlichen Welt«, um prophezeien zu können: über das Wetter, den Fischfang und die anstehende Ernte. Betrieben diese Priester Hokuspokus? Oder studierten sie den Ablauf der Jahreszeiten, stets auf der Suche nach Regelmäßigkeiten im Ablauf der Dinge, um Aussagen über die Zukunft treffen zu können? Von Priestern bemannte Türme könnten sehr wohl auf astronomische Studien hinweisen, die von der Bevölkerung als magische Rituale verstanden wurden. Es mag auch sein, dass die Priesterschaft bewusst den Eindruck zu erwecken suchte, dass sie magische Zauberkräfte besaßen.

Es waren auserwählte Priester, die die Schrift der Osterinsel beherrschten. Sie gravierten ihre Geheimnisse in Holztäfelchen, die bis heute nicht übersetzt werden konnten. Genauer gesagt: Es gibt verschiedene Versuche, einige der Texte zu übersetzen. Die Ergebnisse dieser Bemühungen werden aber nicht von »der« Osterinselforschung anerkannt.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William  J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891.
(2) Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 113, Pos. 1405 (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(3) ebenda
(4) »And the natural conclusion is, that a roadway once existed, which has been undermined by the waves and has fallen into the sea.«
(5) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, S. 174, ab Zeile 8 von unten
(6) Im englischen Original: »images«.

Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann


Zu den Fotos
Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein 
Torsten Nierenberg hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Foto 
Nr.1 spiegelverkehrt wiedergegeben wurde. Ich habe das korrigiert 
und bedanke mich sehr herzlich bei Torsten für den hilfreichen Hinweis!
Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann

456 »Rätselhafte Kolosse und geheimnisvolle Kammern«,
Teil 456 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.10.2018


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