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Sonntag, 10. März 2019

477 »Die Erde ist ertrunken – Ku emu a«

Teil 477 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel

Sieben Kundschafter, so ist überliefert, fanden einst den Weg zur rettenden Osterinsel. In einer anderen alten Sage der Osterinsel wird der kühne Versuch von sechs Männern beschrieben, den heiligen Moai »Tauto« zu retten und aus der im Meer versinkenden Heimat zur neuen Heimat zu schaffen (1). Die sechs mutigen Seeleute sahen sich am Ziel ihrer weiten Reise angekommen in einer höchst gefährlichen Situation. Würden sie selbst beim Versuch den vergessenen Moai Tauto zu bergen ums Leben kommen?

Das Meer verschlang nach und nach die alte Heimat, die sechs Männer (2) »beeilten … sich noch mehr um ihr Werk zu beenden und möglichst schnell nach Anakena (eine Bucht der Osterinsel) zurückzukehren, und die Ratschläge Hotu Matuas vergessend, ließen sie nicht die nötige Vorsicht walten. Als sie den Moai zum Boot hinuntertragen wollten, da entglitt er ihnen und zerbrach: der Kopf war vom Rumpfe getrennt.«

Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer...

Der schon legendäre Erforscher der Osterinsel Thor Heyerdahl (*1914; †2002) war vorübergehend im Besitz der Originale von schriftlichen Aufzeichnungen, die von eingeweihten Osterinsulanern niedergelegt worden waren. Diese Manuskripte wurden strikt geheim gehalten. Selbst in der Bevölkerung der Osterinsel bekam sie so gut wie niemand zu lesen. Eine ganze Reihe von »Heften« soll auf den legendären »Dorfkapitän« Esteban Atan zurückgehen. Als Thor Heyerdahl 1955 und 1956 auf der Osterinsel intensiv Ausgrabungen durchführte, kam er vorübergehend in den Besitz der mysteriösen Notizen. Er durfte sie aber nicht behalten, sondern musste sie wieder zurückgeben. Im Jahr 1963 durfte der französische Osterinselforscher Francis Mazière ebenfalls geheime Aufzeichnungen über die Geschichte der Osterinsel studieren. Auch er erhielt die Dokumente nur leihweise. Heyerdahl fertigte Kopien an.

Die russischen Gelehrten Prof. Dr. Fjodor Petrowitsch Krendeljow und Dr. phil. Aleksandr Michailowitsch Kondratow zitierten erstmals 1980 explosives Material aus den geheimen Unterlagen, die Jahrzehnte zuvor Heyerdahl zur Verfügung gestanden hatten, in  ihrem Buch »Die Geheimnisse der Osterinsel«. Eine Übersetzung ins Deutsche erschien 1987 in Moskau und Leipzig. Die zweite Auflage mit dem brisanten Material erschien bereits 1990 (3). Was das Buch so spannend macht das sind uralte, kaum bekannte  Überlieferungen der Osterinsel, in denen ganz eindeutig von einem Atlantis der Südsee gesprochen wird. Da heißt es zum Beispiel (4):

Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf
»Der Jüngling Tea Waka sagte: ›Unsere Erde war früher ein großes Land, ein sehr großes Land.‹ Kuukuu fragte ihn: ›Aber warum wurde das Land klein?‹ Tea Waka antwortete: ›Uwoke senkte seinen Stab darauf. Er senkte seinen Stab auf die Gegend Ohio.‹«

Nach der mythischen Tradition der Südsee gab es einst ein großes Königreich in der Südsee. Uwoke, ein mächtiger Gott des Erdbebens berührte mit einem »Stab« das Land. Große Teile davon versanken. Übrig blieb, so wissen es die alten Überlieferungen, die Osterinsel. Weiter heißt es in Heyerdahls Kopien, zitiert bei Krendeljow und Kondratow: »Es erhoben sich Wellen, und das Land ward klein. Der Stab Uwokes zerbrach am Berg Puku-puhipuhi. Von nun an wurde es Te-Pito-o-te-Henua, der Nabel der Erde genannt.«

In einer anderen Überlieferung, ebenfalls in den Aufzeichnungen Thor Heyerdahls vor dem Vergessen bewahrt, heißt es: »Kuukuu sagte zu ihm: ›Früher war diese Erde groß.‹ Der Freund Tea Waka sagte: ›Diese Gegend nennt sich Ko-te-To-monga-o-Tea-Waka.‹ Ariki Hotu Matua fragte: ›Warum versank das Land?‹ ›Uwoke machte das; er versenkte das Land‹ antwortete Tea Waka. ›Von nun an wurde das Land Te-Pito-o-te-Henua genannt.« Te-Pito-o-te-Henua bedeutet »Nabel der Welt«.

Was erzählen uns diese mysteriösen Überlieferungen? Sie berichten davon, dass in der Südsee einst auf der einen Seite Landmassen unter Wasser gedrückt und dass auf der anderen Seite Landmassen über den Meeresspiegel angehoben wurden. Mit anderen Worten: Die Urheimat der Osterinsulaner verschwand in den Tiefen des Pazifiks, die neue Heimat, heute als Osterinsel bekannt, erschien über den Wogen des Meeres.

Zurück zur Sagenwelt der Osterinsel. Der heilige Moai wurde Opfer einer gewaltigen Naturkatastrophe, die offenbar weite Teile des Pazifiks heimsuchte. Der Osterinsulaner Jose Fati erzählte Fritz Felbermayer die Ereignisse in Sachen »Der Moai Tauto« (5). In der Sage heißt es konkret (6): »Als dies geschah, da bedeckte sich der Himmel mit schwarzen Wolken, Sturm kam auf, Blitze erhellten jäh den Raum, und strömender Regen rauschte hernieder von Maori (7) bis Te Pito O Te Henua (8).« Es gab also eine Naturkatastrophe vom versinkenden Maori bis zur Osterinsel, das heißt es waren weite Teile des Pazifiks betroffen! Als Maori Nui Nui, die Urheimat der Osterinsulaner, nach und nach von stürmischen Wogen überflutet wurde, da tobten Stürme gegen die kleine Osterinsel. Jose Fati erzählte Dr. Fritz Felbermayer die Sage »Der Moai Tauto«. Da heißt es (9): »Als Hotu Matua dies in seinem neuen Lande (Osterinsel) sah, da beschlich ihn  die Ahnung dessen, was geschehen war.«

Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück

Die Rettungsaktion für die vergessene Statue Tauto wird offensichtlich auch in anderen Sagen der Osterinsel überliefert (10). So wie heute so manche Steinstatue der Osterinsel direkt am Strand von den Unbilden der Naturgewalten bedroht ist, so konnte die verehrte Statue Tauto jeden Moment ein Opfer der brachialen Wellen werden (11): »Sie (die Retter) erreichten endlich die Küste von  Marea Renga, wo sie die vergessene Staue von Tauto vorfanden, die immer noch am Rande von Marae-toe-hau (12) stand, just wie von  Hotu Matua beschrieben. Als sie sie gerade von dort entfernten, da schlug der Gott der Erdbeben zu und stürzte große Landstriche ins Meer.«

Der Osterinsulaner Arturo Teao wusste aus der Sagenwelt der Osterinsel zu berichten (13), dass »Wellen über das Land (Urheimat der Osterinsulaner) hereinbrachen, der Wind tobte, Regen  strömte, Donner brüllte, Meteoriten auf das Land stürzten.« Kurz gesagt, es herrschten geradezu apokalyptische Verhältnisse.

Die Statue Tauto entglitt den mutigen Rettern, stürzte krachend zu Boden und zerbrach. Die Männer drohten in den Fluten umzukommen. Höchste Eile war geboten.  Sie flohen in Panik, schleppten nur den Kopf von Tauto in ihr Boot. Körper, Arme und Beine mussten sie zurücklassen.

Kurios ist, dass die Statue Tauto auch über Beine verfügte, im Gegensatz zu den Kolossen der Osterinsel! Fast 1.000 Statuen der Osterinsel sind bekannt. Sie werden aber immer wieder wie vor über einem Jahrhundert in den Medien als »Steinköpfe« bezeichnet (14). Tatsächlich ragen besonders in unmittelbarer Nähe des Steinburchs steinerne Häupter aus dem Erdreich. Aber seit über einem Jahrhundert weiß man, dass auch diese »Steinköpfe« über einen Rumpf und Arme verfügen, aber nicht über Beine. Geradezu lächerlich wird es dann, wenn gemeldet wird (15):

Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine
»Es ist eine der größten archäologischen Entdeckungen des Jahres 2012. Ein privates Team aus Forschern und Archäologen nimmt derzeit eine spektakuläre Ausgrabung, im Rahmen des Easter Island Statue Project, an den bekannten Köpfen der Osterinsel vor, welche zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Anlass dazu gaben einige Moais, wie man die Figuren nennt, im Inselinneren. Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen. Diese vollständigen Statuen findet man zum einen auf Steinplatten in alten Tempelanlagen und zum anderen in alten Werkstätten der Insel.«

Man muss sich die Worte auf der Zunge zergehen lassen: »Hier finden sich mehrere Moai-Statuen, die nicht nur aus einem Kopf bestehen, sondern einen kompletten Körper besitzen.« Was für ein Unsinn! Einen kompletten Körper hat nur eine einzige Statue. Nur aus einem Kopf besteht keine einzige Statue. An der Meldung ist nichts sensationell, nur alles falsch. Bis heute ist eine einzige Statue bekannt, die einen kompletten Körper, Beine inklusive, hat. Diese kuriose Figur scheint zu knien, auf den Unterschenkeln zu hocken.

Wie mag die Statue Tauto ausgesehen haben, von der nur der Kopf auf die Osterinsel geschafft wurde? Wo mag sich das steinerne Haupt heute befinden. Zu Beginn des dritten Jahrtausends sind Teile der Osterinsel vom Untergang bedroht. Statuen an der Küste könnten bei wachsendem Meeresspiegel unterspült werden und umstürzen. Ist dafür der Mensch verantwortlich?
Vor Jahrhunderten hatte König Hotu Matua eine Vision. Was aber sah er? Den Untergang des »Atlantis der Südsee«? Oder blickte er in eine fernere Zukunft, als er klagend ausrief (16) »Ku emu a!«, zu Deutsch »Die Erde ist untergegangen«!

Fußnoten
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«
(1)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Die ersten Bewohner der Osterinsel«, Seiten 13-15
(2) ebenda, Zeilen 9-15 von oben
(3) Krendeljow, Dr. Fjodor Petrowitsch und Kondratow, Aleksandr Michailowitsch: »Die Geheimnisse der Osterinsel«, 2. Auflage, Moskau und Leipzig 1990
(4) ebenda, Seite 109
(5)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20
(6) ebenda, rechte Spalte, Zeilen 3-7
(7) Maori: Urheimat der Osterinsulaner, die im Meer versank.
(8) Te Pito O Te Henua: Einer der Namen der Osterinsel (9)  Felbermayer, Dr. Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Kapitel »Der Moai Tauto«, Seiten 19+20, Zitat Seite 19, Zeilen 1 und 2 von unten
(10) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82
(11) ebenda, Seite 62, Zeilen 12 - 15 von oben: »They at last arrived on the shores of Marea Renga, where they found the forgotten statue auf Tauto still standing at the edge of Morae-toe-hau, just as Hotu Motua described. But as they were removing it, the god of earthquakes struck, upending great stretches of territory into the sea.« Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein

Foto 7
(12) Marae-toe-hau: Teil der versunkenen Urheimat der Osterinsulaner.
(13) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeilen 16 und 15 von unten: »According to Arturo Teao ›the waves broke, the wind blew, rain fell, thunder roared, meteorites fell on the island.‹« Übersetzung aus dem Englischen
(14) Beispiel: https://www.reise-inspirationen.de/die-osterinsel-wo-die-steinkoepfe-wohnen-reisemagazin-herbst-2017/ (Stand:18.01.2019)
(15) https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/archaeologie/die-moai-statuen-auf-der-osterinsel-haben-einen-koerper-13371666
(16) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Seite 62, Zeile 9 von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Sieben Kundschafter fanden den Weg zur Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Die alte Heimat versank im Meer... Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Tautos Kopf brach vom Rumpf. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Tautos Rumpf blieb zurück. Symbolbild. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Nur eine Statue hat auch Beine. Foto: Zeichnung Grete C. Söcker, bearbeitet von Walter-Jörg Langbein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«.
Foto 7: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«.

478 »In der Menschenfresserhöhle«,
Teil 478 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 17.03.2019






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Sonntag, 21. Oktober 2018

457 »›Geisterstädte‹ auf der Osterinsel?«

Teil 457 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1-3: Geheimnisvolle Osterinsel ...

Die 16 verschwundenen Moai von Ahurikiriki standen oder lagen noch im 19. Jahrhundert irgendwo in einer Steilwand an der Südwestküste der Osterinsel auf einer Plattform. Ein Erdbeben mag sie zu Fall gebracht haben. Wie dem auch sei: Warum auch immer, die Kolosse stürzten in die Tiefe, schlugen in der Gischt ein und zerbrachen wohl in mehrere Teile. Seit Jahrzehnten sucht man die Brocken, offiziell hat man sie bis heute nicht gefunden. Allerdings sieht man von der Steilklippe aus da und dort im brodelnden Wasser Felsklumpen liegen, bei denen es sich um die zertrümmerten Kolosse von Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«, handeln könnte. Bislang hat sich freilich niemand an die mögliche Fundstelle herangewagt. Es besteht wegen der extremen Brandung und massiver Strömungen Lebensgefahr. Und wer weiß, vielleicht gibt es dann doch nur formlose Brocken und nicht Trümmer einst stolzer Statuen zu entdecken. Zu finden gibt es auf der Osterinsel noch sehr viel. Vieles aber wird wahrscheinlich für immer rätselhaft und unverstanden bleiben.

Als das Geheimnis der Osterinsel schlechthin gelten die riesigen Steinkolosse, die zum Teil fast zehn Meter hoch in den Himmel ragten. Bislang konnten lediglich kleinere bis mittelgroße Exemplare mit Kranen wieder aufgerichtet werden. Wer wie der Autor die Osterinsel besucht hat, wer schon zu Füßen der stoisch ins Nichts blickenden Kolosse stand, der kann sich über manchen »Wissenschaftler« nur wundern.

Foto 4: Nach wie vor rätselhaft ...
Je intensiver man sich in die wissenschaftliche Literatur über die Osterinsel vergräbt, desto mehr erfährt man über das geheimnisvolle Eiland. Je aufmerksamer man liest, desto klarer werden Widersprüche erkennbar zwischen Aussagen verschiedener Wissenschaftler.

Mit dieser Thematik beschäftigte ich mich bereits 1977. Damals erschien mein Artikel »The Easter Island Controversy« in »Ancient Skies« (1). Ein anschauliches Beispiel: Wilhelm Ziehr beispielsweise wundert sich darüber, wie man sich über die Osterinselriesen wundern kann. Trocken stellt er fest (2):

»Die Existenz monumentaler Steinplastiken auf der Osterinsel ist keineswegs so rätselhaft, wie oft behauptet wurde. Da Holz auf der Insel außerordentlich knapp war, bot sich das hingegen reichlich vorhandene Tuffgestein an.« Mit anderen Worten: Die Osterinsulaner verspürten einen sehr starken künstlerischen Drang. Sie griffen zum Stein, weil Holz extrem selten war.

Foto 5: ... die Kolosse der Osterinsel. Rechts im Bild: Ingeborg Diekmann

Wie aber war es möglich, die Steinkolosse zu transportieren? Da sieht Thor Heyerdahl wiederum keinerlei Problem (3). Seinen Untersuchungen zufolge gab es einst auf der Osterinsel Holz in unvorstellbaren Mengen. Das ganze Eiland war von einem Urwald überzogen. Dieses Holz wurde dann, so Heyerdahl, etwa in Form von Rollen zum Transport der Kolosse benutzt. Der Widerspruch ist eklatant.

Wurden die Riesenfiguren nun gebaut weil den Künstlern kein Holz zur Verfügung stand? Oder konnten die Riesenplastiken so leicht transportiert werden, weil Holz in Hülle und Fülle zur Verfügung stand? Der Widerspruch lässt sich nur mit unsinnigen Annahmen aus der Welt schaffen. Etwa so: Erst war die Insel kahl und leer, Holz gab es kaum. Deshalb griffen die Künstler in ihrem Drang, sich gestalterisch zu verwirklichen, zum Stein. Wie sie die Kolosse befördern würden, darüber machten sich die weltfremden Künstler keine Gedanken. Kaum waren die Kunstwerke aber fertig, wurde das Eiland aus unerfindlichen Gründen von einem wahren Urwald überzogen. Jetzt wussten die Steinmetze plötzlich, wie ihre Werke transportiert werden konnten: mit Hilfe von Holzrollen zum Beispiel. Warum schufen sie dann nicht in großem Umfang Kunstwerke aus Holz als es angeblich Holz im Überfluss gab?

Foto 6: Reste eines der massiven Podeste

Mit einer Fläche von 162,5 km² ist die Osterinsel sehr klein. Lebten einst sehr viele Menschen auf dem winzigen Eiland? Arnold Roggeveen, der das merkwürdige Eiland am Ostermontag den 6. April 1722 »entdeckte«, fühlte sich einmal von »mehreren Tausend« Einheimischen umzingelt und bedroht. Er ließ auf die friedlichen Osterinsulaner schießen. James Cook (*1728; †1779) besuchte die Osterinsel im Rahmen seiner zweiten Südseereise (1772 bis 1775) in der Zeit vom 11. bis zum 17. März 1774. Vergeblich hatte er nach dem legendären »Terra australis« gesucht, von der Osterinsel war er enttäuscht. Am Freitag, den 11. März 1774, notierte Cook in seinem Logbuch: »Leichte Brise und freundliches Wetter. Hatten noch um Mitternacht Tageslicht, nahmen sodann Fahrt auf und sichteten wenig später Land im Westen aus dem Mastkorb.« Dass es sich um die Osterinsel handelte, wurde Cook am Sonntag, den 13. März klar: »Bei der Annäherung an das Land entdeckten wir Leute und eben dieselben Monumente und Idole, welche von den Autoren von Roggeveens Reise erwähnt wurden, welcher Umstand uns keinen Raum für Zweifel daran ließ, dass es sich um die Osterinsel handele.«

James Cook, der die Osterinsel selbst wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht betrat, schätzte die Zahl der Einwohner auf sechs- bis siebenhundert. George Foster, der im Auftrag Cooks an Land ging, ging von neunhundert Osterinsulanern aus. Alexander Ariipaea Salmon lebte viele Jahre auf der Osterinsel. Zwischen 1850 und 1860 gab es seinen Angaben zufolge fast 20.000 Menschen auf dem Eiland.

Foto 7: Auf Podesten standen einst steinerne Kolosse

Im Jahre 1886 suchte die Besatzung des US-Schiffs »Mohican« die Osterinsel heim, richtete zum Teil erhebliche Schäden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Sicher gelangten kostbare Kunstschätze auch in Privatsammlungen. Sie sind somit für die für die Forschung verloren. Anno 1886 lebten insgesamt nur 155 Menschen auf der Osterinsel. Nach einer Liste aus jener Zeit waren das 68 Männer, 43 Frauen, 17 Knaben und 27 Mädchen unter 15.



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Lebten nun viele Menschen auf der Osterinsel, als die Statuen entstanden? Gab es viele Steinmetze, die die Statuen aus dem Vulkangestein schlugen? Waren viele Menschen erforderlich, um die zum Teil kolossalen Statuen zu transportieren und aufzustellen? Bemerkenswert sind die zahlreichen Spuren auf einstige Siedlungen, die auf eine einstmals dichte Besiedelung schließen lassen könnten. So gab es wohl einst auf dem »Kotatake«-Berg eine Siedlung. Am Fuß des Kotatake Bergs bis zur Küste im Westen erstreckte sich eine Siedlung, immerhin über eine Länge von fast zwei Kilometern! Es könnten hier einst die ältesten Behausungen gestanden haben. Der Grundriss der Häuser war elliptisch, vielleicht in Anlehnung an Boote. Weitere Siedlungen gab es zum Beispiel im Bereich der Küste bei »Rana-Hana-Kana« und an der Küste der »La Pérouse«- Bucht.

Foto 8: Einige der Podeste trotzten dem Zahn der Zeit.

Es gibt also eigentlich zu viele Ruinenreste auf der Osterinsel. Wären sie alle bewohnt gewesen, dann hätten die Menschen nicht ausreichend ernährt werden können. Eine mögliche Erklärung: Es gab eine ganze Reihe von Siedlungen, die aber nicht immer bewohnt waren. Die Insulaner zogen von Siedlung zu Siedlung und wieder zurück. So wurden, und das ist Fakt, die Häuser von Orongo nur während der Feierlichkeiten des »Vogelmann-Kults« bewohnt. Sie standen also den Großteil des Jahres leer. Das mag auch für andere Siedlungen auf der Osterinsel gegolten haben. Es gab also wohl kleine »Geisterstädte« auf der Osterinsel, die einstens aber nicht verfielen, sondern periodisch bewohnt wurden.

Die Osterinsel ist wirklich sehr klein, das schließt eine dichte Besiedlung aus. Je dichter das Eiland besiedelt war, desto mehr Menschen konnten auf der Osterinsel leben, aber desto größer wurden die Ernährungsprobleme. Es müssen auch große Anteile des Eilands nur landwirtschaftlich genutzt worden sein. Es konnte nur eine überschaubare Zahl von Menschen auf »Isla la Pascua« leben und ausreichend ernährt werden.

Foto 9: Steinmetzkunst von Perfektionisten!

Die Menschen mussten nicht nur für Ernährung sorgen. Es mussten auch die Steinkolosse aus dem Vulkan geschlagen, kreuz und quer über das gesamte Eiland transportiert und aufgestellt werden. Was oft unterschätzt wird: Einst standen die Kolosse auf massiven Plattformen, von denen die meisten verfallen oder verschwunden sind. Schon die Mauern dieser Plattformen sind Beweise für die erstaunliche Kunstfertigkeit der Osterinsulaner.

Fußnoten
(1) Langbein, Walter-Jörg: »The Easter Island Controversy«, »Ancient Skies«, Ausgabe November/ Dezember 1977, Chicago 1977
Der Vollständigkeit halber: Mein erster Artikel (»Researcher interviews Prof. Dr. Hermann Oberth«) erschien in der März/April-Ausgabe 1976 von »Ancient Skies«, Chicago.
(2) Ziehr, Wilhelm: »Zauber vergangener Reiche«, Stuttgart 1975
(3) Heyerdahl, Thor: »Die großen Steine der Osterinsel« in
»Versunkene Kulturen«, Zürich 1963

 
Foto 10: Podest mit Statuen. Historisches Gemälde, 18. Jahrhundert.


Zu den Fotos:
Fotos 1-3: Geheimnisvolle Osterinsel ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Nach wie vor rätselhaft ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: ... die Kolosse der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Reste eines der massiven Podeste. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auf Pdesten standen einst steinerne Kolosse. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einige der Podeste trotzten dem Zahn der Zeit. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Steinmetzkunst von Perfektionisten! Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ahu mit Statuen. Historisches Gemälde, 18. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


458 »Ein Pirat, Samson und Skelette«,
Teil 458 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.10.2018


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Sonntag, 22. April 2018

431 „Die Kreatur, Eulenmann und Kartoffelkopf/ Abschied von der Osterinsel“

Teil  431 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein                       


Foto 1: Heyerdahls Experiment misslang

1955/56 scheiterte Thor Heyerdahl weitestgehend auf der Osterinsel. Es gelang ihm nicht, allen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz, eine Statue mit Faustkeilen aus dem Vulkankegel am Rano Raraku heraus meißeln zu lassen. Seine tüchtigen Gehilfen mussten enttäuscht und mit wunden Händen aufgeben. Das Ergebnis des Heyerdahl-Experiments mutet kläglich an. Allenfalls die Umrisse, nur wenige Millimeter tief, konnten in das relativ weiche Vulkangestein „geritzt“ werden.

Gescheitert ist Thor Heyerdahl mit seinem Versuch, archäologische Nachweise für seine Theorie, die Osterinsulaner seien von Peru aus gekommen. Auch trotz zahlreicher Grabungen konnte nicht ein einziger Fund getätigt werden, der eine Verbindung Peru/ Südamerika mit der Osterinsel zumindest nahelegte.

Foto 2: Osterinselriesen als Briefmarkenmotiv

Ganz in der Nähe des Rano Raraku Vulkankegels, nur wenige Meter vom „Steinbruch“ entfernt, stießen Heyerdahls Gehilfen in einiger Tiefe auf eine kuriose steinerne Figur. Sie ist eine der kleineren Statuen, ihre Höhe misst nur 3,60 Meter. Und sie unterscheidet sich vollkommen vom Standardtypus der Osterinselriesen. „Tukuturi“ nannten die Einheimischen spontan die mysteriöse Figur, zu Deutsch „der Kniende“.

Die typische Osterinsel-Statue steht aufrecht. Die Arme liegen seitlich am Körper, die langen dünnen Finger deuten Richtung Nabel. Einen Unterleib haben die Riesen nicht, an der Gürtellinie ist Schluss. Die Köpfe der Kolosse wirken roboterhaft starr, aber auch blasiert und arrogant. In den Augenhöhlen lagen einst Augen aus Muschelkalk, auf den flachen Häuptern standen zylindrische Steine wie monströse Hüte.

Fotos 3-5: „Der Kniende“

„Tukuturi“, „der Kniende“, fällt vollkommen aus dem Rahmen. Die Figur ist komplett ausgearbeitet, von den Füßen bis zum rundlichen Kopf. Die Figur kniet, hockt auf Fersen und Unterschenkeln, die Hände ruhen auf den Oberschenkeln. Leicht angedeutete Brüste sehen manche als Hinweis auf das Geschlecht der seltsamen Statue. Nicht zu übersehen ist aber der Bart. Es dürfte sich also um einen Mann handeln, der da kauert. Nach weithin akzeptierter Lehrmeinung wurden die Osterinsel-Statuen immer größer, womöglich als Resultat eines Wettstreits zwischen verschiedenen Stämmen.

Foto 6: Mein Bungalow

Versuchte jeder Stamm seine Konkurrenten zu übertreffen und möglichst noch größere Figuren aus dem Vulkankrater zu hauen? Oder wollte man von Generation zu Generation die „Altvorderen“ mit immer größer werdenden Figuren übertrumpfen? Die größte bekannte Statue – Länge rund 20 Meter (von mir nachgemessen) – wurde nie vollendet. Sie wurde nicht komplett aus dem Vulkangestein gelöst. Niemand vermag zu sagen, warum die Arbeiten im Steinbruch offensichtlich abrupt beendet wurden.

Dann müsste „der Kniende“ mit ihrer geringen Höhe (ich habe 3,60 Meter gemessen) zu den ältesten Statuen gehören. Wieso hat man sie vergraben? Etwa weil es zu einem abrupten Stilwechsel kam, warum auch immer? Man muss sich natürlich fragen, ob „der Kniende“ die einzige Statue ihrer Art ist. Sie ist die einzige, die man bis heute gefunden, sprich ausgegraben hat. Ruhen noch weitere solche vollkommen aus dem Rahmen fallenden Figuren unter dem Erdboden der Osterinsel?

Davon sind viele Osterinsulaner überzeugt. Tatsächlich sieht man da und dort auf dem Eiland Gesichter der berühmten Steinkolosse aus dem Erdboden ragen. Wie viele ganz und gar vom Erdreich bedeckt sind und so von Witterungseinflüssen verschont bleiben? Niemand weiß das. Und Eingeweihte, die von Vätern und Großvätern in Geheimnisse der Osterinsel eingeweiht worden sind, schweigen.

Fotos 7 und 8: „Der Eulenmann" oder „Die Eule"

Ein Gesicht ragt ein Stück aus dem Erdreich. Im Hintergrund: Reste einer Plattform, auf der einst mehrere Statuen der bekannten, klassischen Art standen. Sie sind (wurden) gestürzt, liegen in Trümmern vor der verfallenden Plattform. Ganz aus dem Rahmen fällt das runde Gesicht. Es ist keines der fast normierten stoischen Gesichter der typischen Statuen. Leere Augenhöhlen starren den Besucher an. Einheimische nennen die Figur, von der nur wenig zu sehen ist, scherzhaft „Eulenmann“ oder „Eule“. Warum gräbt man die Figur nicht aus?

Ein Geistlicher erzählte mir vor Ort: Über Jahrzehnte hinweg seien die Statuen für viele Einheimische nichts Besonderes gewesen. Mehrfach sei er gefragt worden, ob es überall auf der Welt diese „Dinger“ gebe. Lange Zeit hatte kaum jemand Interesse, die Vergangenheit der Insel zu erforschen. Aber immer mehr, auch junge Inselbewohner, interessieren sich für die Geschichte der Insel mit den Riesenstatuen.

Foto 9: „Die Kreatur“
Die Osterinsel ist mit Lava-Schlacken übersät. Überall liegen kleine oder große unförmige, auch runde, Klumpen, die einst einer der Vulkane ausgespuckt hat. Sie schossen noch flüssig in die Höhe, schlugen verfestigt wie Bomben wieder auf. In der Regel haben sie eine raue Außenhülle mit Löchern unterschiedlicher Größe. Figuren aus Lava-Schlacke-Klumpen soll es „viele“ gegeben haben. Sie entsprachen ganz und gar nicht dem weltberühmten Typus des Osterinselriesen mit starren, fast roboterhaften Gesichtsauszügen.

Vergeblich suchte ich bei meinen Aufenthalten auf „meiner Lieblingsinsel“ nach einer „nur“ etwa 2,40 Meter kleinen Figur aus rötlich-brauner Vulkanschlacke. Ein vergilbtes Foto stand mir kurz zur Verfügung. Eine angeblich maßstabsgetreue Zeichnung (Foto 8) durfte ich ausgiebig in Augenschein nehmen, aber nicht publizieren. Grete C. Söcker fertigte für mich eine Zeichnung dieser Kreatur an. Auf einem formlosen „Oberkörper“ oder „Leib“ ohne erkennbare Gliedmaßen ruht ein wuchtiger Kopf mit dicker Knollennase und wulstigen Lippen. Gab es eine reale Vorlage für dieses in rötlich-brauner Schlacke verewigte Geschöpf? Es könnte sehr wohl findige Hollywoodgrößen zu einem menschenfressenden Monster inspirieren.

Fotos 10 und 11: „Der Krallenmann“

Das gilt auch für  eine weitere Statue, die auf den ersten Blick sehr dem „typischen“ Osterinselriesen ähnelt. Sie ist verglichen mit ihren steinernen „Kollegen“ ausgesprochen klein, sie misst nur etwa 1,70 Meter. Anstatt von Fingern hat dieser seltsame „Osterinselzwerg“ aus Basalt lange, unnatürlich abgewinkelte Krallen. Freunde von Horrorfilmen mögen an Freddy Krueger aus der langlebigen Reihe „Nightmare on Elmstreet“ erinnert werden. Massenmörder Freddy trägt an seiner rechten Hand einen Handschuh mit Klingen, scharf wie Skalpelle, am Ende der Finger. Sein Osterinsel-Pendant freilich hat an beiden Händen diese scharfen spitzen Krallen.


Foto 12: „Kartoffelkopf“
Die Osterinsel bietet noch viele Geheimnisse und Rätsel. Immer wieder werden Meldungen durch die Medien verbreitet, wonach nun endgültig geklärt sei, wie die Riesen vom Steinbruch an die Plätze ihrer Bestimmung transportiert werden. Tatsache ist: Keiner dieser Lösungsvorschläge ist mehr als reine Spekulation. Und keine dieser Spekulationen hält einer stichhaltigen Überprüfung stand. Daran ändert auch die immer wieder in die Welt posaunierte Meldung, nun sei Däniken endgültig widerlegt. „Widerlegt“ werden nämlich auch in Sachen Osterinseln angebliche Behauptungen Dänikens, die sich nirgendwo in seinen Büchern finden.

Ungelöst sind nach wie vor viele Geheimnisse der Osterinsel. Wo wurden Riesenstatuen und Statuetten vergraben und warum? Wen oder was sollen die stoisch dreinblickenden Statuen darstellen? Wie kamen sie zu Fall? Wer oder was hat sie gestürzt? Wen stellen fratzenartige Reliefs und gnomartige Skulpturen dar, die man selbst in dickleibigen Bildbänden über die Osterinsel nicht zu sehen bekommt? Warum hat der angeschlagene, wieder aufgerichtete Moai vom „Ahu Huri a Urenga“ (Größe: Fast 3,50 Meter) gleich vier Hände mit Krallenfingern wie Freddy Krueger aus der Horror-Film-Reihe „Nightmare on Elmstreet“?
Foto 13: „Puoko Tea Tea“

Wen oder was stellt – pardon – der „Kartoffelkopf“ (von mir so „getauft“) dar, der im „Orongo-Heiligtum“ verewigt wurde? Man möchte ihm nachts ebenso wenig begegnen wie seinem Kollegen „Puoko Tea Tea“, der vor Jahrhunderten als Miniatur aus Trachyt-Gestein geschaffen wurde.

Die Osterinsel ist und bleibt rätselhaft, ein winziges Fleckchen Erde, irgendwie verloren in Zeit und Raum…

Ich habe im Laufe der Jahre eine erfreuliche Entwicklung auf der Osterinsel feststellen dürfen. Junge Osterinsulanerinnen und Osterinsulaner interessieren sich wieder für ihre Heimat. Kinder lernen in der Schule wieder die langsam in Vergessenheit geratende Sprache des Eilands. Sie lassen sich von den Älteren und Alten die Tänze zeigen, die schon seit Urzeiten auf dem Eiland bekannt waren. Junge Künstler studieren wieder die seltsamen Steingravuren von Fabelwesen, Vogelmenschen, Obergott Make Make und fertigen neue Kunstwerke an, Halbreliefs und Statuetten. Und die alten Kunstwerke, die gigantischen Steinriesen, aber auch Halbreliefs und Ritzzeichnungen, werden, leider ist das erforderlich, bewacht. Es ist bedauerlicherweise immer wieder vorgekommen, dass uralte Überlieferungen in Stein beschädigt wurden.

Manche Menschen müssen sich anscheinend überall »verewigen«. Ein Tourist wurde erwischt, der einem der Osterinselkolosse die Nase abgeschlagen hatte. Er wollte sie als Souvenir mit nachhause mitnehmen. Dein anderer Tourist hatte es auf ein Ohr einer der Statuen abgesehen. Es gelang ihm, das imposante Ohr abzuschlagen, beim Aufprall auf dem Boden zerbrach es in mehrere Teile. Ein Stück wurde im Gepäck des Touristen gefunden. Der Bürgermeister der Inselgemeinde, Pedro Edmunds, ließ verlautbaren (1), der Finne sollte frei gelassen werden und müsse keine Haftstrafe antreten. Die Beschädigung der Statue, so der Bürgermeister, sei nur möglich gewesen, weil die chilenische Regierung zu wenig für den Schutz des Weltkulturerbes tue.

Übrigens: Bevor Erich von Däniken anno 1968 über die Osterinsel berichtete, interessierte sich niemand für das mysteriöse Eiland. Erich von Däniken war es, der mit »Erinnerungen an die Zukunft« weltweit die geheimnisvollen Statuen zum Diskussionsthema machte. Auch wenn alle Jahre wieder verkündet wird, dieses oder jenes Geheimnis der Osterinsel sei gelöst worden, so wurden bislang nur, zum Teil kuriose, Spekulationen vorgetragen. Auch in Sachen Osterinsel konnte Erich von Däniken bis heute nicht widerlegt werden.

Meine Trauminsel ist und bleibt die Osterinsel!. ¡'Iorana!

Fußnote
(1) Der Vorfall ereignete sich meiner Erinnerung nach im Jahr 2010.

Danksagung

Ein herzliches Dankeschön 
geht an Grete C. Soecker 
für die großartigen Zeichnungen, 
die sie für diesen Beitrag angefertigt hat. 
Ihre Illustrationen bereichern meinen Beitrag, 
veranschaulichen den Text, wo keine Fotos vorliegen. 
DANKE!

Fotos 14-16: Einige der rätselhaften Statuen der Osterinsel

Zu den Fotos:
Foto 1: Heyerdahls Experiment misslang. Foto/ Archiv W-J.Langbein
Foto 2: Osterinselriesen als Briefmarkenmotiv. Archiv W-J.Langbein
Foto 3: Der Kniende. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der Kniende. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 5: Der Kniende. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Mein Bungalow. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: „Der Eulenmann“ oder „Die Eule“. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: „Die Kreatur“. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 10 und 11: Der „Krallenmann“. Zeichnungen Grete C. Söcker
Foto 12: „Kartoffelkopf“. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 13: „Puoko Tea Tea“. Zeichnung Grete C. Söcker
Fotos 14-16: Einige der rätselhaften Statuen der Osterinsel. Fotos Walter-Jörg Langbein

432 „Das Leuchten in der Gruft“,
Teil  432 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.04.2018


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Sonntag, 30. Juli 2017

393 »Wo Medizinmänner mit Teufeln sprachen«

Teil  393 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick

Zweitausend Kilometer Küste hat Peru zu bieten. Weite lebensfeindliche Wüsten wirken wenig anziehend auf heutige Besucher. Und doch bietet eben diese kahlen Ebenen am »Stillen Ozean« ungeahnte Schätze, die sich viele Touristen auch heute noch, zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus, entgehen lassen. Im Norden Perus, einen »Katzensprung« von der Grenze zum heutigen Ecuador entfernt, liegt Túcume, ein unscheinbares Dorf. Die schlichten Hütten kleben förmlich am wohl größten Pyramidenkomplex der Welt.

Warum ist das Interesse an derlei Mysterien aus riesigen Pyramiden aus Millionen von Lehm-Ziegeln nach wie vor gering? Warum werden selbst die hervorragenden Museen vor Ort viel zu wenig beachtet? Das mag daran liegen, dass die riesigen Pyramiden-Komplexe im Raum Lambayeque auf den ersten und zweiten Blick so imposant nicht sind. Man übersieht sie aus der Distanz leicht, weil sie – so groß sie sind – im Wüstenboden zu verschwinden scheinen.

Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume

Thor Heyerdahl schreibt in seinem sehr informativen Werk »Die Pyramiden von Tucumé«, das leider nur noch antiquarisch erhältlich ist (2): »Als die spanischen Eroberer im frühen 16. Jahrhundert auf der Inkastraße an den Pyramiden von Tucumé vorüberritten, waren sie von dem Anblick dieser gewaltigen Monumente aus einer vergessenen Vergangenheit überwältigt. Tausende von modernen Touristen dagegen sind auf der neuen Fernstraße vorübergerauscht, ohne zu ahnen, was ihnen verborgen blieb: die Pyramiden von Tucumé, die durch Erosion eine wirkungsvolle Tarnung erhalten haben. Eine noch bessere Tarnung bieten ihre Dimensionen: Bleichen Sandsteingebirgen gleich ragen sie im tropischen Sonnenschein hoch auf, die blauen Anden als Schatten im Hintergrund.«

Thor Heyerdahl spricht davon, dass die Monsterbauten (3) »gegen Ende des 20. Jahrhunderts ins Rampenlicht gerieten«, Weltwunder sozusagen, die sich bis dahin »über die Ebenen auftürmten, als wären sie dort vom Schöpfer selbst hinterlassen worden. Gleichzeitig jedoch schienen sie ebenso unwirklich wie Gespenster zu sein.«

Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume)

Die Pyramiden sehen auf den ersten und zweiten Blick gar nicht wie von Menschenhand errichtete Bauwerke riesigen Ausmaßes aus, sondern wie wenig attraktive Hügel. Die geradezu manchmal höllischen Temperaturen laden auch nicht unbedingt dazu ein, die Denkmäler verschwundener Kulturen zu besuchen. Noch heute nennt man die Pyramide von Túcume (4) im Dörfchen Túcume »El Purgatorio«, zu Deutsch »Das Fegefeuer«. Warum?

Ein Geistlicher vor Ort hatte eine Erklärung parat, die ich in dieser Form nirgendwo in der Literatur gefunden habe: »Die heidnischen Erbauer opferten auf den Pyramiden ihren Göttern Menschen, als es eine Hungersnot gab. Man glaubte, die Götter seien zornig und man müsse sie mit Blut besänftigen. Als aber die Götter stumm blieben und nicht helfend eingriffen, steckten die Heiden die Tempel auf den Pyramiden in Brand und verließen die Stätte des Grauens!« Tatsächlich hat der katholische Klerus die Pyramiden von Túcume seit Jahrhunderten zum abscheulichen Erbe der heidnischen Vorfahren erklärt, zum (5) »Ort, an dem die Medizinmänner der Vergangenheit und der Gegenwart mit den Teufeln kommunizierten«.

Foto 4: Pyramide an Pyramide 
oder Rampe und große Pyramide?

Die riesigen Pyramiden von Lambayeque – Treffunkt von Menschen und »Teufeln«? Meine Meinung: Die Pyramiden im Raum Lambayeque sind künstlich geschaffene Berge. Ich vermute sogar, dass weltweit alle Pyramiden mythologische Berge darstellen. Die ältesten künstlichen Berge sind die Zikkurats, die vor Jahrtausenden in Babylon entstanden. Ein Zikkurat, Ziggurat oder Ziqqurat war, ja was denn? Der Name verrät es uns: Ein »Schiggorat« war »hoch aufragend, hoch aufgetürmt, ein Himmelshügel, ein Götterberg«. Erinnern wir uns! Der allmächtige Gott des Alten Testaments landete auf dem Berg Sinai. Er fuhr aus himmlischen Gefilden herab, mit Schnauben, Feuer und Rauch. Und das war alles andere als ungefährlich für die Menschen. So musste ein Schutzzaun um den vorgesehenen Landeplatz errichtet werden, um die Menschen von der Gefahrenzone fernzuhalten (6): »Mose aber sprach zu Jahwe: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen, denn du hast uns verwarnt und gesagt: Zieh eine Grenze um den Berg und heilige ihn.« Noch einmal zitiere ich aus dem Altem Testament (7): »Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der ganze Berg bebte sehr.«

Kamen die himmlischen Götter weltweit aus himmlischen Gefilden herab, um auf Bergen zu landen? Auf den Pyramiden von Túcume sollen Teufel mit Medizinmännern kommuniziert haben. Waren damit die Götter der Pyramidenbauer gemeint, die sich auf den künstlichen Pyramidenbergen mit Menschen trafen? Wollten die Menschen von Lambayeque ihren Göttern unbedingt näher kommen? Waren es die »Oberpriester«, die auf die Spitzen der Pyramiden klettern durften, so wie es Moses erlaubt war, den Berg Sinai zu ersteigen, um sich hoch oben zwischen Himmel und Erde mit »Gott« zu treffen? Wurden im Zuge der Christianisierung aus den Himmelsgöttern der Pyramidenbauer im christlichen Sprachgebrauch Teufel? Das ist eine Spekulation, gewiss, aber eine – wie ich meine – berechtigte!

Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume).

Vor Ort erlebte ich, wie an einer der Lambayeque-Pyramiden archäologische Ausgrabungen vorgenommen wurden. Die Wissenschaftler hatten über ihrer Ausgrabung ein schützendes Dach errichtet. Zum einen diente es als Sonnenschutz für die Archäologen. Zum anderen sollten auf die Pyramide dort, wo man die äußere schützende Schicht entfernt hatte, möglichst wenig schädliche Witterungseinflüsse einwirken. Vor allem wollte man vermeiden, dass Regenschauer Schäden anrichten können. Ich fragte einen Studenten, der mit großer Geduld Sand siebte, in der Hoffnung, kleine Artefakte aus alten Zeiten zu finden:


»Wurde schon eine Datierung der Pyramidensubstanz vorgenommen?« Der Student erklärte mir, das sei sehr schwierig. »Die äußere Schicht der Pyramide muss nicht zwangsläufig aus der Zeit des Pyramidenbaus stammen. Es ist durchaus möglich, dass im Lauf der Jahrhunderte die Pyramide immer wieder eine neue Schutzschicht erhielt. Wir wissen ja auch von den Inka, dass sie alte Pyramiden immer wieder überbauten, ihnen neue Außenhüllen aus Stein verpassten. Warum sollte das nicht auch bei den Pyramiden von Lambayeque der Fall sein?«

Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume

Wir wissen also nicht, wann im Bereich von Lambayeque mit dem Bau der ersten Pyramiden begonnen wurde. Womöglich wurden die ältesten Strukturen durch Anbauten auch immer wieder erweitert, so dass schließlich komplexe Strukturen entstanden. Mag sein, dass erst da und dort Pyramiden aufgeschichtet wurden, die man dann mit Monstermauern aus Ziegeln miteinander verband. Mag sein, dass die augenscheinliche Erosion so großen Schaden angerichtet hat, dass wir nie erfahren werden, wie die Pyramidenkomplexe einst ausgesehen haben. Vielleicht ist ja mal das Glück auf Seiten der Archäologen und sie entdecken Baupläne, so es die denn je gegeben haben sollte.


Manchmal drängt sich mir ein Verdacht auf: dass wir gar nicht alles wissen sollen, was wir wissen könnten. Was Wissenschaftler herausgefunden haben, das passt nicht immer zum aktuellen Wissensstand. So erfuhr ich vor Ort, dass im  Umfeld der Pyramiden von Túcume und Sipán »einige kostbare Masken« gefunden wurden, die ein Merkmal aufweisen, das nun gar nicht zu Südamerika passt: Sie hatten eingelegte blaue Augen!

Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen

Bis heute konnte ich in der wissenschaftlichen Literatur keinen einzigen Hinweis auf diese Masken mit blauen Augen finden. Ich konnte auch keine Maske in den Museen vor Ort (1) entdecken. Nur Thor Heyerdahl erwähnt eine (8) »auffallend blauäugige Mumienmaske von Sipán«, die er seinem Bekunden nach selbst in Händen hielt.

Hatten die Erbauer der Pyramiden also blaue Augen und woher kamen sie? Woher kam der erste Herrscher, Ñaymlap per Floß? Gab es Kontakt mit Europa, als die ersten Pyramiden an der Küste Perus gebaut wurden? Gab es lange vor Kolumbus europäische »Entdecker«? Gab es lange vor Kolumbus weltweite Seefahrt? Wurden die Ozeane schon sehr viel früher überquert als man heute noch glauben zu müssen meint? Am 8.5.2013 berichtete die Tageszeitung »Welt« (9):

»Wie kamen blonde Weiße vor Kolumbus nach Peru? Als die Konquistadoren in die Anden kamen, staunten sie über die hellhäutigen Chachapoyas. Nach genetischen Untersuchungen ist sich Hans Giffhorn sicher: Es handelt sich um Nachfahren von Kelten. Wer sich die Hinterlassenschaften der Kelten anschauen möchte, fährt naheliegender Weise zu den einschlägigen Orten in Deutschland, nach Frankreich und in andere Länder Westeuropas, um Überreste von Siedlungen, Grabstätten und Verteidigungsanlagen zu finden. Hat er sie alle durch, kann er allerdings auch nach Südamerika fahren, um am Ostrand der Anden Bauwerke und andere kulturelle Errungenschaften jenes frühen europäischen Volkes und seiner Nachfahren zu bewundern – alles aus einer Zeit viele Jahrhunderte vor der ersten Überfahrt von Christoph Kolumbus. Kelten waren nämlich lange vor Kolumbus in der Neuen Welt. Gemeinsam mit Karthagern.«

Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar

Es gibt durchaus Hinweise auf für bislang in der Wissenschaft bestrittene sehr frühe Besucher aus Europa in Peru. Sollten gar die Erbauer der nordperuanischen Riesenfestung Kuelap in den Hochanden ursprünglich aus Europa gekommen sein (10)? Noch sind derlei Spekulationen für die anerkannte Schulwissenschaft ein böses Sakrileg. Noch, so scheint mir, wagen Wissenschaftler aus Angst um ihr Renommee nicht, in dieser Richtung auch nur zu forschen. Wird sich daran etwas ändern? Kann sich daran überhaupt kurzfristig etwas ändern? Warum sträuben wir uns so sehr gegen die Vorstellung, dass die Menschheitsgeschichte nicht linear verlief? Weil wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns unseren Vorfahren unbedingt haushoch überlegen fühlen möchten? Können wir nicht akzeptieren, dass die Menschheit vor Jahrtausenden sehr viel fortgeschrittener war als unsere Väter und Großväter? Die Bauten von Lambayeque und Kuelap stehen in keiner direkten Verbindung. Es wurden ganz unterschiedliche Baumaterialien verwendet. Und doch haben sie vielleicht etwas gemeinsam. Sie alle könnten nämlich Zeugnis ablegen für eine Hochkultur, die lange vor Kolumbus Transatlantikreisen beherrschte. Derlei Reisen darf es aber nach aktueller Wissenschaft nicht gegeben haben, also kann es auch nicht zu derartigen Reisen über die Meere gekommen sein?


Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas)

Fußnoten
1) Diese Museen sind ein »Muss«:
»Museo Tumbas Reales de Sipán«, das »Museum der Königsgräber von Sipán«, Lambayeque
»Museo Arqueologico Nacional Brüning«, Lambayeque
»Museo de Sitio de Tucume«
»Museo de sitio Huaca Rajada«, Sipan
2) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 8, Zeilen 1-7 von unten und Seite 10, Zeilen 1 und 2 von oben
3) ebenda, S.10, Zeilen 3-7 von oben
4) Heutige Schreibweise ist Túcume, nicht mehr Tucumé.
5) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, Seite 10, Zeilen 11-13 von oben
6) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 23
7) 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18
8) Heyerdahl, Thor: »Die Pyramiden von Tucumé«, München 1995, S. 17, 2. Zeile von unten
9) Meine Quelle ist die Online-Version des zitierten Artikels!
10) Meine Quelle ist die Online-Version des Artikels »Die Kelten kamen bis nach Peru«  der »Wienerzeitung« vom 20.9.2013


Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap


Zu den Fotos
Foto 1: Pyramidenkomplex von Túcume im Überblick. Foto wikimedia commons/ Euyasik
Foto 2: Pyramiden, Mauern, Plattformen von Túcume. Foto wikimedia commons Lomita
Foto 3: Schutzdächer für Archäologen (Túcume). Foto wikimedia commons Lourdes Cardenal
Foto 4: Pyramide an Pyramide oder Rampe und große Pyramide? Foto wikimedia commons Euyasik
Foto 5: Imposanter Teilbereich des Pyramidenkomplexes (Túcume). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Abgeflachte Pyramide von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auch das sind künstliche Strukturen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Pyramide und Wüstenei verschmelzen scheinbar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Stadt der Wolkenmenschen (Chachapoyas). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Eingang zum Komplex Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Walter-Jörg Langbein unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann


Foto 11: Walter-Jörg Langbein 
unterwegs im Reich der Wolkenmenschen. 
Foto Ingeborg Diekmann


394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«,
Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 06.8.2017

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Sonntag, 6. Juli 2014

233 »Riesen, Pyramiden, Menschenfresser«

Teil 233 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Gestürzter Koloss, zerbrochener Koloss
Foto W-J.Langbein

Die von der Osterinsel bekannten Fotos und Filme zeigen die mysteriösen Kolosse auf ihren Podesten stehend, mit rötlichen Steinzylindern auf dem stolz erhobenen Kopf. Was kaum bekannt ist: In diesem Zustand befinden sich nur wenige Statuen, die erst im 20. Jahrhundert mit heutiger Technik (Einsatz eines aus Japan herangeschafften Krans usw.) wieder aufgerichtet worden sind. Die überwiegende Zahl der Kolosse, die einst auf einem »Ahu« standen, wurden zu Fall gebracht und liegen nach wie vor am Boden. Die meisten der schweren Kolosse haben den Fall nicht überlebt und sind meist mehrfach zerbrochen. Fast immer brach im wahrsten Sinne des Wortes das Genick. Durch Witterungseinflüsse sind manche der einst so präzisen Steinmetzarbeiten kaum noch als künstlich geschaffene Figuren zu erkennen. Am besten erhalten sind die Statuen, die sich noch im Steinbruch befinden, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht fertig gestellt wurden. Andere Statuen blieben beim Transport vom Steinbruch an den Bestimmungsort einfach liegen. Wieder andere wurden halb oder bis zum Kopf eingegraben.

Koloss mit magischen Augen
Foto W-J.Langbein

Die Augenhöhlen der »moai paea« blieben beim Transport leer. Erst wenn sie auf ihren Podesten standen, wurden ihnen weiße Augäpfel aus Koralle und Pupillen aus Vulkangestein eingesetzt. Das soll magisch-rituelle Bedeutung gehabt haben. »Sobald die moai Augen hatten, konnten sie sehen. Dann konnten verstorbene Könige oder wichtige Ahnen aus dem Geisterreich in die Figuren schlüpfen und das Leben auf ihrer Heimatinsel beobachten!«, erklärte mir Carolina Teao (6) nach einem sonntäglichen Gottesdienstbesuch. Die Osterinsulanerin beteuerte flüsternd: »Die moai standen auf Pyramiden aus Stein. In den Pyramiden waren Grabkammern, in denen die Toten ruhten. Die Geister der Toten können in die Statuen fahren, solange die Statuen intakt sind!«

Dass den Statuen einst Augen eingesetzt worden sind, wurde erst 1978 entdeckt, als der »Ahu Nau Nau« restauriert wurde. Dabei wurde ein zersplittertes Riesenauge – Länge des Ovals immerhin 35 Zentimeter – entdeckt.
Die Osterinselforscherin Catherine Routledge berichtete (1) bereits 1919 in ihrem Standardwerk »The Mystery of Easter Island« von »semi-pyramidal Ahus«. Unklar ist, welche »Ahu«-Form die älteste ist. Allem Anschein nach gab es in ältesten Zeiten primitive »Steinpyramiden«, kegelförmige Anhäufungen von Steinbrocken. Angeblich soll es auch mehrstufige Plattformen gegeben haben, auf denen Statuen standen, mit Grabkammern in den Plattformen. Andere »Ahus« sollen der Form nach Schiffen geähnelt haben.
Fundament eines uralten Bauwerks in Bootsform
Foto W-J.Langbein

Im 18. Jahrhundert sah Captain Cook eine »steinerne Plattform«, auf der unter Steinen ein menschliches Skelett lag. Unklar ist, ob man die sterblichen Überreste dort platziert hatte, damit die Verwesung fortschreiten konnte, oder ob Cook ein verfallenes »Ahi«-Grab beschrieb. Sollten also die Knochen da liegen? Oder kamen sie zum Vorschein, weil der »Ahu« nur noch eine Ruine war? Der Seefahrer La Pérouse besuchte ebenfalls im 18. Jahrhundert die Osterinsel. Er beobachtete und beschrieb »mehrere Pyramiden von Stein«, in deren Nähe Knochen verstreut lagen. War ein Grab geplündert worden? Hatte ein feindlicher Clan in der Gruft nach Grabbeigaben wie geschnitzten Angelhaken gesucht? Ein Geistlicher erklärte mir vor Ort: »Wirklich wichtig war für die Insulaner nur der Schädel, der Rest des Skeletts wurde oft recht pietätlos behandelt!« (2)
Solange Tote – sei es auf Holzgestellen, sei es auf steinernen Plattformen oder Pyramiden – aufgebahrt wurden, lag ein »Tapu« auf dem Grundstück. So durfte am nahegelegenen Strand nicht gefischt werden. Gekocht werden durfte auch nur bedingt im Bereich des Toten. Es bedarf keiner Fantasie, um sich vorzustellen, dass so ein offen aufgebahrter Leichnam nicht gerade ein ideales Ambiente für leckere Kocherei geboten hat. Offene Feuer im Umfeld des Toten unterlagen auch einem »Tapu« waren also auch verboten. Bei Tageslicht durfte man sich dem Toten nicht nähern, aber in der Nacht? Ein Steinhaufen mit einem weißen Stein an der Spitze zeigte wie ein Hinweisschild das »Tapu« an. Wer dagegen verstieß, wer die »Tapu«-Gebote nicht einhielt, der war des Todes und wurde mit einer Keule erschlagen. Da auf der Osterinsel lange Zeit Kannibalismus weit verbreitet war, kann es sein, dass so ein »Tapu«-Übertreter bald den Speisenplan bereicherte.
Was die Ernährung angeht, so waren Frauen nicht gleichberechtigt. Frauen mussten ihren Vater, Ehemann oder einen Bruder fragen, wenn sie Geflügel verzehren wollten. Beim Kannibalismus allerdings gab es für Frauen kein »Tapu«. Warum auch. Offenbar kämpften Frauen wie Männer in Kriegen Seite an Seite und teilten sich dann auch die Beute. Dazu gehörte eben auch das Fleisch der getöteten Feinde. Anlässe für Kriege gab es viele. Nach einem Mord an einem Osterinsulaner wurde der Täter ermittelt. Die Angehörigen des Stamms des Opfers erklärten dann dem Stamm des Mörders den Krieg. Und der endete mit dem Tod des Mörders. Anschließend feierten die Sieger bei einem Bankett… und verzehrten den Mörder. Damit hatte das Blutvergießen aber kein Ende. Denn jetzt sannen die Verwandten und Stammesangehörigen des Mörders nach Rache. Das Gemetzel wurde fortgesetzt.

Man zeigte mir im kleinen Osterinselmuseum eine Lithographie aus dem späten (?) 19. Jahrhundert. Sie stellt eine der »semi-pyramidalen« Strukturen dar. Offenbar schichtete man mehrere, nach oben hin kleiner werdende Plattformen aufeinander, so dass eine Art Stufenpyramide entstand. Auf der Lithographie sind zwei halbwegs korrekt dargestellte »moai« mit Steinhüten zu sehen. Allerdings wurden diese Wahrzeichen der Osterinsel – anders als im Bild gezeigt - stets auf die höchste Plattform gestellt.

Pyramidenartige Plattform ... Foto Archiv W-J.Langbein

Im Jahre 1864, so viel scheint sicher, waren alle Statuen von den »Begräbnisplattformen« gestürzt worden. Anno 1838 soll Admiral du Petit-Thouars noch einen der Osterinselkolosse auf einem Ahu stehend gesehen haben. Alfred Metraux geht nach Quellenlage davon aus, dass zwischen 1838 und 1864 die letzten Statuen gefallen sein müssen. Die »semi pyramidal Ahus« verfielen nach und nach oder wurden mutwillig zerstört. Ahus wurden aber auch in neuerer Zeit von Chilenen verwüstet (3). Zerstört worden ist alter Volksglaube der Osterinsulaner – durch christliche Missionare. Einzig der wichtigste Gott der Osterinsel, Make-Make, überdauerte die Zeiten. Seine »Kolleginnen und Kollegen« gerieten weitestgehend in Vergessenheit.
Die Osterinsulaner wurden bewusst ihrer religiösen und heimatlichen Wurzeln beraubt. Man vertrieb sie von ihren angestammten Wohngebieten und zwang sie in ein Dorf. Zeitweise waren sie wie Gefangene, die Dorf nur mit Genehmigung verlassen durften. Das importierte Vieh hatte mehr Rechte als die Osterinsulaner!

Die Osterinsel ist weniger christlich als man denkt.
Foto W-J.Langbein

Als die ersten christlichen Kreuze aufgestellt wurden, wunderten sich die Insulaner sehr. Wieso hing da ihr Make-Make am Kreuz? Als ihnen der biblische Gott als der einzige Gott angepriesen wurde, gab es für die Insulaner keinen Zweifel mehr! Wenn der Bibel-Gott der mächtigste Gott war, dann musste er ihr Make-Make sein. So opferten die Insulaner dem Bibel-Gott, wie sie das bislang für Make-Make getan hatten. Dass de facto ein heidnischer Gott nach alter Väter Sitte verehrt und mit Opfergaben beschenkt wurde, nahm die christliche Geistlichkeit – grummelnd vielleicht – hin. Es war alles gut, solang die Osterinsel offiziell in den amtlichen Statistiken als »Katholiken« geführt werden konnten. Solange durften auch heidnische Darstellungen in der christlichen Kirche in christlichem Gewand die einheimischen Gläubigen anlocken.
Make-Make wurde in alten Überlieferungen auch als zorniger, eifersüchtiger Gott beschrieben, so wie Jahwe im »Alten Testament« der Bibel. Weinend erklärte mir eine greise Osterinsulanerin, Make-Make, Make-Make fresse die Seelen von Toten. »Deshalb wurden die Statuen auf die Gräber gestellt! Sie boten den Geistern der Verstorbenen Schutz vor dem strafenden Make-Make!«

Mischwesen ... Mensch und Eidechse
Foto W-J.Langbein

Make-Make war der große Schöpfergott. Er kreierte Menschen, aber auch ein Mischwesen, einen Gott-Mensch-Vogel. War er auch für seltsame Kreaturen verantwortlich, deren Abbilder auf alten Holzschnitzereien der Osterinsel erhalten geblieben sind? 1992 erwarb ich auf der Osterinsel die Kopie einer Gravur, die einen Eidechsen-Menschen zeigt. Das Wesen nimmt die typische Haltung einer Eidechse ein, hat eidechsenhafte Klauen als Greifinstrumente und einen Schwanz, gleichzeitig aber auch menschliche Attribute. Derlei monströs anmutende Mischwesen zierten häufig kunstvolles Schnitzwerk. Sie wurden vorwiegend am Kopf von hölzernen Statuetten eingeritzt. Waren es Kreaturen aus der »Werkstatt« von Make-Make?
Make-Make soll – auch – ein Seelenfresser gewesen sein. Manche Osterinsulaner sehen das heute positiv. So schützte Make-Make seine Gläubigen vor Angriffen durch bösartige Geister, die womöglich schon zu Lebzeiten Verbrecher gewesen waren. Mord- und Totschlag galten auch auf der Osterinsel als schlimme Untaten, Kannibalismus aber scheint eine akzeptierte Form der Ernährung gewesen zu sein (4). Nach Osterinselforscher Hippolyte Roussel waren es erst christliche Missionare, die diesen alten, unsäglichen Brauch verboten haben. Es wird überliefert, dass Krieger »Kai-tangatas« (Kannibalen) waren. Getötete Feinde, so heißt es, wurden verspeist. Gefangene, so wird berichtet, wurden in speziellen Hüten verwahrt und im Rahmen von Siegesfeiern im Angesicht der stolzen Riesenstatuen verzehrt. Kapitänleutnant Geiseler beschreibt (5) in seinem Buch »Die Oster-Insel«, anno 1883 in Berlin erschienen, dass Kriegsgefangene für »besondere Anlässe« aufgespart und dann zu Ehren der Götter getötet und verzehrt wurden!
Kriege zwischen einzelnen Stämmen gab es im Lauf der Geschichte auf der Osterinsel immer wieder. So soll nach langem Gemetzel der Tuu-Clan als Sieger in den heimischen Bezirk auf dem Eiland zurückgekehrt sein. Die Tuu-Krieger haben, so ist überliefert, ihre besiegten Gegner, die Hotu-iti, regelmäßig überfallen. Sie schleppten die getöteten Feinde zum Strand und transportierten sie in ihren Kanus nach Hause. Die Leichname wurden unter den Kriegern verteilt… und verzehrt. Im Gegenzug belagerten die Hoto-iti die Tuu in ihren Höhlen, hungerten sie aus. Die Tuu mussten sich ergeben… und einige von ihnen wurden verzehrt. (8)

In Höhlen wie dieser wurde Kannibalismus zelebriert.
Foto Ingeborg Diekmann

Zu kannibalistischen Exzessen soll es häufig in Höhlen gekommen sein. Dort, unter der Erde, verspeisten siegreiche Krieger ihre erschlagenen Feinde. Es heißt, sie glaubten auf diese Weise noch stärker zu werden, weil sie die Energie der Toten in sich aufnahmen. Auch sollte so den Gefallenen in gewisser Weise ein »Weiterleben« ermöglicht werden…Womöglich konnten sie dann auch als Geister ihren Mördern nicht mehr schaden.
Fritz Felbermayer überliefert eine ausführliche Legende zum Thema Kannibalismus, betitelt »Der große Krieg zwischen den Stämmen der ›Miru‹ und ›Tapahotu‹« (6). In der Einleitung lesen wir (7): »Die mächtigen Stämme nützten die Kriege, um sich mit Menschenfleisch zu versehen, denn in den vergangenen Zeiten herrschte Kannibalismus unter den Bewohnern der Insel. Die Stärkeren suchten jedwelchen Vorwand, um Konflikte mit den kleineren Stämmen herbeizuführen und so in Kämpfen zu dem von ihnen begehrten Fleischgenuß zu kommen.«

Fußnoten
1) Routledge, Catherine S.: »The Mystery of Easter Island«, London 1919, S. 172

2) Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971, S. 115, siehe »Funeral Rites«!

3) ebenda, siehe S. 86-88, »Destruction of the Images«

4) ebenda, siehe S. 150 und 151: »Cannibalism«

5) Geiseler, Kapitänleutnant: »Die Osterinsel«, Berlin 1883, S. 30

6) Felbermayer, Fritz: »Sagen und Überlieferungen der Osterinsel«, Nürnberg 1971, Seiten 51-63

7) ebenda, S. 51, linke Spalte, Zeilen 6-12 (Orthographie unverändert übernommen!)

8) Auch diese Geschichte wird in unterschiedlichen Varianten erzählt. Mal gehen die einen, mal die anderen als Sieger hervor. Zu Kannibalismus aber kam es in allen Versionen.


»Alte Götter, neue Götter, tote Götter…«,
Teil 234 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 13.7.2014




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