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Sonntag, 21. Oktober 2018

457 »›Geisterstädte‹ auf der Osterinsel?«

Teil 457 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1-3: Geheimnisvolle Osterinsel ...

Die 16 verschwundenen Moai von Ahurikiriki standen oder lagen noch im 19. Jahrhundert irgendwo in einer Steilwand an der Südwestküste der Osterinsel auf einer Plattform. Ein Erdbeben mag sie zu Fall gebracht haben. Wie dem auch sei: Warum auch immer, die Kolosse stürzten in die Tiefe, schlugen in der Gischt ein und zerbrachen wohl in mehrere Teile. Seit Jahrzehnten sucht man die Brocken, offiziell hat man sie bis heute nicht gefunden. Allerdings sieht man von der Steilklippe aus da und dort im brodelnden Wasser Felsklumpen liegen, bei denen es sich um die zertrümmerten Kolosse von Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«, handeln könnte. Bislang hat sich freilich niemand an die mögliche Fundstelle herangewagt. Es besteht wegen der extremen Brandung und massiver Strömungen Lebensgefahr. Und wer weiß, vielleicht gibt es dann doch nur formlose Brocken und nicht Trümmer einst stolzer Statuen zu entdecken. Zu finden gibt es auf der Osterinsel noch sehr viel. Vieles aber wird wahrscheinlich für immer rätselhaft und unverstanden bleiben.

Als das Geheimnis der Osterinsel schlechthin gelten die riesigen Steinkolosse, die zum Teil fast zehn Meter hoch in den Himmel ragten. Bislang konnten lediglich kleinere bis mittelgroße Exemplare mit Kranen wieder aufgerichtet werden. Wer wie der Autor die Osterinsel besucht hat, wer schon zu Füßen der stoisch ins Nichts blickenden Kolosse stand, der kann sich über manchen »Wissenschaftler« nur wundern.

Foto 4: Nach wie vor rätselhaft ...
Je intensiver man sich in die wissenschaftliche Literatur über die Osterinsel vergräbt, desto mehr erfährt man über das geheimnisvolle Eiland. Je aufmerksamer man liest, desto klarer werden Widersprüche erkennbar zwischen Aussagen verschiedener Wissenschaftler.

Mit dieser Thematik beschäftigte ich mich bereits 1977. Damals erschien mein Artikel »The Easter Island Controversy« in »Ancient Skies« (1). Ein anschauliches Beispiel: Wilhelm Ziehr beispielsweise wundert sich darüber, wie man sich über die Osterinselriesen wundern kann. Trocken stellt er fest (2):

»Die Existenz monumentaler Steinplastiken auf der Osterinsel ist keineswegs so rätselhaft, wie oft behauptet wurde. Da Holz auf der Insel außerordentlich knapp war, bot sich das hingegen reichlich vorhandene Tuffgestein an.« Mit anderen Worten: Die Osterinsulaner verspürten einen sehr starken künstlerischen Drang. Sie griffen zum Stein, weil Holz extrem selten war.

Foto 5: ... die Kolosse der Osterinsel. Rechts im Bild: Ingeborg Diekmann

Wie aber war es möglich, die Steinkolosse zu transportieren? Da sieht Thor Heyerdahl wiederum keinerlei Problem (3). Seinen Untersuchungen zufolge gab es einst auf der Osterinsel Holz in unvorstellbaren Mengen. Das ganze Eiland war von einem Urwald überzogen. Dieses Holz wurde dann, so Heyerdahl, etwa in Form von Rollen zum Transport der Kolosse benutzt. Der Widerspruch ist eklatant.

Wurden die Riesenfiguren nun gebaut weil den Künstlern kein Holz zur Verfügung stand? Oder konnten die Riesenplastiken so leicht transportiert werden, weil Holz in Hülle und Fülle zur Verfügung stand? Der Widerspruch lässt sich nur mit unsinnigen Annahmen aus der Welt schaffen. Etwa so: Erst war die Insel kahl und leer, Holz gab es kaum. Deshalb griffen die Künstler in ihrem Drang, sich gestalterisch zu verwirklichen, zum Stein. Wie sie die Kolosse befördern würden, darüber machten sich die weltfremden Künstler keine Gedanken. Kaum waren die Kunstwerke aber fertig, wurde das Eiland aus unerfindlichen Gründen von einem wahren Urwald überzogen. Jetzt wussten die Steinmetze plötzlich, wie ihre Werke transportiert werden konnten: mit Hilfe von Holzrollen zum Beispiel. Warum schufen sie dann nicht in großem Umfang Kunstwerke aus Holz als es angeblich Holz im Überfluss gab?

Foto 6: Reste eines der massiven Podeste

Mit einer Fläche von 162,5 km² ist die Osterinsel sehr klein. Lebten einst sehr viele Menschen auf dem winzigen Eiland? Arnold Roggeveen, der das merkwürdige Eiland am Ostermontag den 6. April 1722 »entdeckte«, fühlte sich einmal von »mehreren Tausend« Einheimischen umzingelt und bedroht. Er ließ auf die friedlichen Osterinsulaner schießen. James Cook (*1728; †1779) besuchte die Osterinsel im Rahmen seiner zweiten Südseereise (1772 bis 1775) in der Zeit vom 11. bis zum 17. März 1774. Vergeblich hatte er nach dem legendären »Terra australis« gesucht, von der Osterinsel war er enttäuscht. Am Freitag, den 11. März 1774, notierte Cook in seinem Logbuch: »Leichte Brise und freundliches Wetter. Hatten noch um Mitternacht Tageslicht, nahmen sodann Fahrt auf und sichteten wenig später Land im Westen aus dem Mastkorb.« Dass es sich um die Osterinsel handelte, wurde Cook am Sonntag, den 13. März klar: »Bei der Annäherung an das Land entdeckten wir Leute und eben dieselben Monumente und Idole, welche von den Autoren von Roggeveens Reise erwähnt wurden, welcher Umstand uns keinen Raum für Zweifel daran ließ, dass es sich um die Osterinsel handele.«

James Cook, der die Osterinsel selbst wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht betrat, schätzte die Zahl der Einwohner auf sechs- bis siebenhundert. George Foster, der im Auftrag Cooks an Land ging, ging von neunhundert Osterinsulanern aus. Alexander Ariipaea Salmon lebte viele Jahre auf der Osterinsel. Zwischen 1850 und 1860 gab es seinen Angaben zufolge fast 20.000 Menschen auf dem Eiland.

Foto 7: Auf Podesten standen einst steinerne Kolosse

Im Jahre 1886 suchte die Besatzung des US-Schiffs »Mohican« die Osterinsel heim, richtete zum Teil erhebliche Schäden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Sicher gelangten kostbare Kunstschätze auch in Privatsammlungen. Sie sind somit für die für die Forschung verloren. Anno 1886 lebten insgesamt nur 155 Menschen auf der Osterinsel. Nach einer Liste aus jener Zeit waren das 68 Männer, 43 Frauen, 17 Knaben und 27 Mädchen unter 15.



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Lebten nun viele Menschen auf der Osterinsel, als die Statuen entstanden? Gab es viele Steinmetze, die die Statuen aus dem Vulkangestein schlugen? Waren viele Menschen erforderlich, um die zum Teil kolossalen Statuen zu transportieren und aufzustellen? Bemerkenswert sind die zahlreichen Spuren auf einstige Siedlungen, die auf eine einstmals dichte Besiedelung schließen lassen könnten. So gab es wohl einst auf dem »Kotatake«-Berg eine Siedlung. Am Fuß des Kotatake Bergs bis zur Küste im Westen erstreckte sich eine Siedlung, immerhin über eine Länge von fast zwei Kilometern! Es könnten hier einst die ältesten Behausungen gestanden haben. Der Grundriss der Häuser war elliptisch, vielleicht in Anlehnung an Boote. Weitere Siedlungen gab es zum Beispiel im Bereich der Küste bei »Rana-Hana-Kana« und an der Küste der »La Pérouse«- Bucht.

Foto 8: Einige der Podeste trotzten dem Zahn der Zeit.

Es gibt also eigentlich zu viele Ruinenreste auf der Osterinsel. Wären sie alle bewohnt gewesen, dann hätten die Menschen nicht ausreichend ernährt werden können. Eine mögliche Erklärung: Es gab eine ganze Reihe von Siedlungen, die aber nicht immer bewohnt waren. Die Insulaner zogen von Siedlung zu Siedlung und wieder zurück. So wurden, und das ist Fakt, die Häuser von Orongo nur während der Feierlichkeiten des »Vogelmann-Kults« bewohnt. Sie standen also den Großteil des Jahres leer. Das mag auch für andere Siedlungen auf der Osterinsel gegolten haben. Es gab also wohl kleine »Geisterstädte« auf der Osterinsel, die einstens aber nicht verfielen, sondern periodisch bewohnt wurden.

Die Osterinsel ist wirklich sehr klein, das schließt eine dichte Besiedlung aus. Je dichter das Eiland besiedelt war, desto mehr Menschen konnten auf der Osterinsel leben, aber desto größer wurden die Ernährungsprobleme. Es müssen auch große Anteile des Eilands nur landwirtschaftlich genutzt worden sein. Es konnte nur eine überschaubare Zahl von Menschen auf »Isla la Pascua« leben und ausreichend ernährt werden.

Foto 9: Steinmetzkunst von Perfektionisten!

Die Menschen mussten nicht nur für Ernährung sorgen. Es mussten auch die Steinkolosse aus dem Vulkan geschlagen, kreuz und quer über das gesamte Eiland transportiert und aufgestellt werden. Was oft unterschätzt wird: Einst standen die Kolosse auf massiven Plattformen, von denen die meisten verfallen oder verschwunden sind. Schon die Mauern dieser Plattformen sind Beweise für die erstaunliche Kunstfertigkeit der Osterinsulaner.

Fußnoten
(1) Langbein, Walter-Jörg: »The Easter Island Controversy«, »Ancient Skies«, Ausgabe November/ Dezember 1977, Chicago 1977
Der Vollständigkeit halber: Mein erster Artikel (»Researcher interviews Prof. Dr. Hermann Oberth«) erschien in der März/April-Ausgabe 1976 von »Ancient Skies«, Chicago.
(2) Ziehr, Wilhelm: »Zauber vergangener Reiche«, Stuttgart 1975
(3) Heyerdahl, Thor: »Die großen Steine der Osterinsel« in
»Versunkene Kulturen«, Zürich 1963

 
Foto 10: Podest mit Statuen. Historisches Gemälde, 18. Jahrhundert.


Zu den Fotos:
Fotos 1-3: Geheimnisvolle Osterinsel ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Nach wie vor rätselhaft ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: ... die Kolosse der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Reste eines der massiven Podeste. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auf Pdesten standen einst steinerne Kolosse. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einige der Podeste trotzten dem Zahn der Zeit. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Steinmetzkunst von Perfektionisten! Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ahu mit Statuen. Historisches Gemälde, 18. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


458 »Ein Pirat, Samson und Skelette«,
Teil 458 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.10.2018


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Sonntag, 3. Januar 2016

311 »Das Ghetto«


Foto 1
Teil 311 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

  
Foto 2
»Rapa Nui«, die Osterinsel, erscheint heute jedem Besucher als ein Idyll, fern der Hektik des nervenauftreibenden Alltags unserer »Zivilisation«. Nirgendwo auf der Welt habe ich mich so wohl gefühlt wie auf Isla la Pascua. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der nächtliche Sternenhimmel so klar wie über dem kleinen Vulkaninselchen Rapa Nui. Nirgendwo sonst ist die Stille so greifbar wie im Reich der Riesenstatuen. Und wie an so vielen Orten unserer Welt spürt man nicht das Leid, das den Menschen zugefügt wurde. Man erahnt nicht die schmerzhaften Qualen, die hier viel zu lange erduldet wurden.

Was ich aber lange verdrängt habe: Eine Chronik der neueren Geschichte der Osterinsel ist von Gewalt geprägt. Die Brutalität ging nie von den sogenannten »Wilden«, sondern stets von der sogenannten »zivilisierten Welt« aus. Immer wieder erweisen sich Europäer und Amerikaner als die wahren Barbaren.

Foto 3: Tyrann Dutroux-Bornier
1868. Jean Baptiste Dutroux-Bornier (1), französischer Ex-Artillerie-Offizier, in Peru zum Tode verurteilt, »kauft« nach und nach den Ureinwohnern ihre Landrechte ab. 1869 heiratet Dutroux-Bornier (1834-1876) Koreto, eine Rapa-Nui-Frau, und ernennt sich selbst zum König der Osterinsel. Zunächst hat er durchaus Sympathien in der Bevölkerung, vor allem weil er verspricht, dass auf der Osterinsel wieder der alte „Rapa Nui«-Glaube ausgeübt werden darf. Dutroux-Bornier herrscht brutal als Despot. 

247 »Rapa Nui« werden mit Gewalt nach Tahiti »umgesiedelt«, wo sie auf Plantagen schuften müssen. Immer wieder fliehen Osterinsulaner von ihrer Heimatinsel: aus Angst vor dem Terror der Sklavenjäger.

Die beiden Missionare Theodore Escolan und Hippolyte Roussel stellen sich auf die Seite der Einheimischen. Das Leid der Menschen wächst. Schließlich beschließen die beiden Missionare, die Osterinsel per Schiff zu verlassen. Ziel: die Gambier-Islands. Dutroux-Bornier verhindert, den Exodus. Er bedrängt den Kapitän, 175 der Flüchtlinge wieder zurück auf die Insel zu schicken.

Dutroux-Bornier macht die kleine Stadt Hanga Roa zum Ghetto. Auf engstem Raum leben die Osterinsulaner hinter Stacheldrahtzaun. Sie dürfen das Ghetto nicht verlassen. Zuwiderhandelnde werden auf brutalste Weise bestraft. Unklar ist, wie viele Menschen ermordet werden. Eingesperrt im Ghetto, abgeschnitten von ihren Feldern, fristen die Menschen ein erbärmliches Dasein. Die Osterinsel ist zu einer riesigen Schaffarm geworden, die Einheimischen hausen im Ghetto.

Foto 4
Dutroux-Borniers Macht basiert auf Gewehren, einer Kanone und einer brutalen Bande von Handlangern, die ohne mit der Wimper zu zucken zuschlagen. Sie brennen die armseligen Hütten von aufbegehrenden Insulanern nieder. 1876 endet die Gewaltherrschaft des Jean Baptiste Dutroux-Bornier. Der Diktator kommt ums Leben. Ob er von einigen Einheimischen nach einem Streit erschlagen wurde, oder ob er einen Unfall mit tödlichem Ausgang hatte, ist nicht geklärt. (2)

Mit dem Tod des verhassten Tyrannen endet freilich nicht das Leid der Osterinsulaner. Das Ghetto wird fortgeführt…

Am 2. Januar 1888 erwirbt die chilenische Regierung die Schaffarm von einem Nachfolger des unseligen Dutroux-Bornier.  Am 9. September 1888 nimmt Policarpo Toro (1851-1921) die Osterinsel für Chile in Besitz. Der »feierliche Akt«  ist das Resultat von zähen Verhandlungen. Recht »überzeugend« war allerdings, was Policarpo Toro – chilenischer Marineoffizier –  in der Hinterhand hatte: das Kriegsschiff Angamos. Bis heute ist dieser Vertrag bei den Osterinsulanern sehr umstritten. Viele Osterinsulaner, wie Vertragsunterzeichner Häuptling Atamu Teneka, hofften damals, dass Chile sie nun vor Angriffen schützen würde.

Chile allerdings hatte nur strategische Interessen an dem einsamen Eiland. Die Insel soll ein weit vorgelagerter Außenposten Chiles in den Weiten des Pazifiks sein. Die dort lebenden Menschen interessieren niemanden. Der Versuch, Isla la Pascua zu kolonisieren, scheitert. 1895 schließlich verpachtet Chile die Osterinsel an Enrique Merlet… zur Nutzung als Schafsfarm. Enrique Merlet duldet keinen Widerspruch. Ariki Riroroko, der letzte König der Osterinsel, wird auf Befehl des brutalen Farmers ermordet. Langsam, sehr langsam, formiert sich im Untergrund Widerstand. 1914 schließlich leitet die »Priesterin« Maria Angata Pakomio einen Aufstand gegen die Schaffarmer.

Foto 5
Meine Gesprächspartnerin, die mich um Anonymität gebeten hat, bewundert die mutige Frau, die letztlich keine Chancen hatte. In mehreren Gesprächen mit Einheimischen konnte ich feststellen, dass die »Priesterin« heute wieder zusehends an Popularität gewinnt. »Sie war eine warmherzige Königin!«, meinen die einen. »Sie hatte es faustdick hinter den Ohren!« die anderen. 

Unklar bleibt, ob sich Maria Angata Pakomio wirklich als »Prophetin« sah. Oder kreierte sie so etwas wie einen religiösen Kult, um ihrem Volk einen Aufstand als sehr aussichtsreich erscheinen zu lassen?

Auch im Jahre 1914 war die Osterinsel kein selbständiges Land, sondern nur ein Fleck im schier endlosen Meer. Und dieses Fleckchen gehörte Chile. Chile wiederum hatte das Land verpachtet. Herrscher war Gouverneur und Verwalter Henry Parcival Edmonds.

Am 30. Juni, der Termin wurde mir in verschiedenen Gesprächen genannt, erscheint Maria Angata Pakomio, begleitet von zwei Männern, bei der »Inselobrigkeit« (3).  Sie erklärt, dass von nun an Enrique Merlet nichts mehr auf dem Eiland zu vermelden habe.

Die selbsternannte Prophetin erklärt in einfachen Worten die Osterinsel wieder zum Besitz der Osterinsulaner. Auch die Schafe und Rinder seien nicht mehr Besitz der weißen Fremden, sondern der »Kanaken«, wie damals mehr oder minder alle Südseebewohner von den zivilisierten Europäern genannt wurden. Gott selbst habe ihr diese neue Wahrheit kundgetan. Im Traum habe ihr Gott enthüllt: »Mr. Merlet ist nicht mehr! Die Insel gehört den Kanaken. Wir werden uns morgen Vieh holen und ein großes Fest feiern!« (4)

Foto 6: Die »Prophetin«

Die Prophezeiungen der Maria Angata Pakomio muten fantastisch an. Ob sie alle richtig überliefert wurden. Angeblich glaubten die Anhänger der »Prophetin«, die Apokalypse sei über die gesamte Welt hereingebrochen. Die Welt sei untergegangen, überdauert habe das Ende nur Rapa Nui. Nun könnten die Rapa Nui ohne Angst ihre Heimat wieder in Besitz nehmen. Gewiss, da gab es noch bewaffnete Fremde. Aber die Kugeln ihrer Gewehre seien wirkungslos. Sie würden die „Rapa Nui« nicht verletzen, geschweige denn töten.

Die Welt aber war nicht untergegangen. Und die Waffen der weißen Unterdrücker waren nach wie vor sehr wirkungsvoll. Sie töten nach wie vor. So werden die Anführer des Aufstands in Ketten gelegt. Die »Prophetin« Maria Angata Pakomio allerdings bleibt unangetastet. Man hat wohl Angst vor ihrer Autorität. In Chile befürchtet man wohl einen blutigen Aufstand, sollte man die Seherin festnehmen. Sie stirbt ein halbes Jahr nach der Rebellion der Osterinsulaner. Die Welt steht 1914 tatsächlich am Abgrund einer Apokalypse. Ein Weltkrieg tobt, wie es nie zuvor einen gegeben hat.

Foto 7

Die Welt endete nicht, anno 1914. Es wurde aber, symbolisch ausgedrückt, die letzte Tür zu einem der großen Geheimnisse der Osterinsel zugeschlagen. In jenem denkwürdigen Jahr begegnete die englische Forscherin Katherine Routledge nicht nur der Prophetin Maria Angata Pakomio, sondern auch dem letzten Eingeweihten der Osterinsel, der die Botschaft der »sprechenden Hölzer« vernahm.

Tomenika war der letzte Mensch, der die rätselhaften Schriftzeichen der alten Osterinselkultur zu lesen verstand. Der Greis vegetierte in einer Heilanstalt für Leprakranke dahin. Er weigerte sich aber standhaft, sein geheimes Wissen preiszugeben. Katherine Routledge notierte in ihrem Tagebuch (5): 

»Ich machte noch einen erfolglosen Versuch, verabschiedete mich und ging. Ein ungewöhnlich stiller Tag neigte sich dem Ende zu, alles an diesem abgeschiedenen Ort war vollkommen ruhig. Vorn erstreckte sich wie Glas das Meer und die Sonne neigte sich wie ein Feuerball dem Horizont zu. In der Nähe jedoch lag der langsam sterbende Greis, dessen müdes Hirn die letzten Reste einstmals hochgeschätzten Wissens bewahrte. Zwei Wochen später war er gestorben.«

Foto 8: Alfred Métraux
Erst 1964 gibt es wieder einen Versuch einer Revolution. Alfonso Rapu wird von den Rapa Nui zum Bürgermeister gewählt. Und endlich – nach Jahrzehnten – zeigen die immer wieder vorgebrachten Proteste gegen die menschenunwürdige Behandlung der Osterinsulaner Wirkung! Schon 1935 hat der große Osterinselexperte, der Belgier Alfred Métraux (1902-1963), die Weltöffentlichkeit auf den Skandal Osterinsel aufmerksam gemacht, freilich ohne erkennbaren Erfolg. 1963 erhebt Francis Mazière seine Stimme gegen das Elend der Menschen von Rapa Nui:

»Es herrscht auf der Insel ein derartiges Elend, dass man vom Übergangsstadium in unsere Zivilisation nicht sprechen kann. Die von den Chilenen vernachlässigte oder von den dorthin geschickten Elementen verhängnisvoll beeinflusste Insel ist nicht einfach dem Niedergang preisgegeben, sie ist schlechthin inmitten eines ausweglosen Elends verrottet.«

1966 wird – nach rund einem Jahrhundert – das unsägliche Ghetto der Osterinsel aufgelöst. Die Rapa Nui dürfen sich wieder frei auf der eigenen Insel bewegen. Und heute? Heute ist das »Paradies Osterinsel« vollkommen abhängig von Chile. Eine Selbständigkeit scheint sich nicht mehr verwirklichen zu lassen.

Foto 9


Fußnoten
1) Die Schreibweise des Namens Dutroux-Bornier variiert, gebräuchlich ist auch Dutrou-Bornier
2) Siehe… Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919 erschienen, Nachdruck Kempton, Illinois, USA, 1998, S. 208
3) Gemeint ist der »Manager« der Schafsfarm, wobei die »Schafsfarm« fast identisch ist mit der Insel
4)Siehe hierzu… Routledge, Katherine: »The Mystery of Easter Island«, 1919 erschienen, Nachdruck Kempton, Illinois, USA, 1998, S. 142
5) ebenda, S. 253


Zu den Fotos

Foto 1: privat/ Archiv Langbein 
Foto 2: Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Tyrann Dutroux-Bornier, etwa 1876 wikimedia commons public domain
Fotos 4 und 5: Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die »Prophetin« Maria Angata Pakomio, wiki commons/ unbekannter Fotograf, 1914 
(Identität der hockenden Person nicht  absolut gesichert! Vermutlich: Maria Angata Pakomio)
Foto 7: Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Alfred Metraux, 1932, wikimedia commons/ Charles Mallison
Foto 9: Walter-Jörg Langbein

312 »Woher, wohin?«
Teil 312 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 10.01.2016
 

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Sonntag, 13. Dezember 2015

308 »Das Grauen der Osterinsel«

Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Aufmarsch einiger Riesen

Als Schüler schrieb ich an die deutsche Botschaft in Santiago de Chile und bat um Unterlagen in Sachen Osterinsel. Monate später besuchte mich ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft im Elternhaus. Er war auf Urlaub im Frankenland. Der freundliche Herr hatte einen Projektor dabei und führte meinen erstaunten Eltern einen Film über die Kolosse der Osterinsel vor. Das war 1968. Ich war damals 14 und hätte nie zu hoffen gewagt, jemals selbst »Isla la Pascua« besuchen zu können. In den vergangenen 25 Jahren war ich wiederholt auf dem geheimnisvollen Eiland.

Ich muss zugeben, dass ich mich sehr lange nur für die berühmten Steinkolosse interessiert habe. Wie wurden sie aus dem Stein gemeißelt? Wie wurden sie transportiert? Wie wurden sie aufgestellt? Ich muss zugeben, dass mich die jüngere Vergangenheit der Osterinsel nie wirklich interessiert hat. Ich muss zugeben, dass ich nur das Idyll der Osterinsel zur Kenntnis nehmen und genießen wollte. Kein anderes Fleckchen unseres Planeten kam mir so paradiesisch still vor. Auf der Osterinsel fühlte ich mich immer wie fern unserer lauten und hektischen Welt. Es kam mir immer so vor, als sei »Isla la Pascua« gar nicht wirklich von unserer Welt, als sei sie eine wunderschöne Oase in der Zeit.

Angeblich soll es an Orten, wo Menschen schlimmes Leid ertragen mussten, spuken. Angeblich sollen dort, wo Menschen ermordet wurden, Geister ihr Unwesen treiben. Wenn dem so wäre, dann müsste die Osterinsel ein Ort des Grauens sein, wie es nur der Großmeister des Horrors, Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) plastisch beschreiben kann (1). Das Grauen in Lovecrafts wird förmlich spürbar dank der Erzählkunst dieses großartigen Schriftstellers, war und ist aber fiktiv. Das Grauen auf der Osterinsel aber, es war – leider – real und wird bis heute gern verschwiegen und verdrängt.

Ich muss zugeben, dass mich die wohlklingenden Namen von Höhlen aus alten Zeiten sehr viel mehr interessierten als die jüngere Historie des Eilandes.  Ich besuchte den Steinbruch, also den Geburtsort der Riesenstatuen, liegende und aufgerichtete Steinkolosse und ich kroch in Höhlen. Ihre Namen ließ ich mir auf der Zunge zergehen, zum Beispiel »Ana Kai Tangata«.  »Ana« bedeutet Höhle, »Kai« zählen und »Tangata« bedeutet »Leute« (»Höhle - zählen - Leute«).

In der Ana Kai Tangata  Höhle. Foto Jürgen Huthmann

In »Ana Kai Tangata« wurden die mutigen Männer gezählt, die den »Vogelmann-Kult« zelebrierten. Sie musste eine steile Klippe zum Meer hinab klettern, durch haireiches Gewässer zu einer winzigen Insel schwimmen. Es galt, das erste Ei einer Rußseeschwalbe heil zur Osterinsel zu bringen. Nicht wirklich klar ist bis heute, was das für den Sieger bedeutete. Wurde er zum »Osterinselpapst«? Möglich. Oder traten die sportlichen Schwimmer für ihre Stammeshäuptlinge an?

Ich muss zugeben, ich liebte die Gesänge der Osterinsulaner in ihrer vokalreichen, so sanft klingenden Sprache. Aber wollte ich wirklich alles hören und verstehen, was sie uns mitteilen? Begierig notierte ich Überlieferungen von Make Make dem großen, fliegenden Gott der Osterinsel. Ich ließ mir immer wieder erklären, wie Make Make Menschen schuf, wie er ihm treu ergebene Menschen belohnte und wie er ungehorsame Menschen bestrafte. Da war die Rede davon, dass Make Make böse Menschen durch die Lüfte trug und auf einem winzigen Eiland aus nacktem Fels aussetzte. Da wurde berichtet, wie die Menschen aus dem Reich des »Atlantis der Südsee« erfuhren: durch einen Priester, den Make Make entführte und nach einer Himmelsreise auf der Osterinsel absetzte.

Ich interessierte – ich muss es zugeben – die fantastisch anmutende Zeit vor der Entdeckung der Osterinsel durch ach so zivilisierte Europäer. Das Grauen der Osterinsel unter »christlicher Herrschaft« verdrängte ich. Mag sein, dass es in der mythischen Zeit der Osterinsel Menschenfresserei gab. Die wirkliche Zeit des Grauens setzte aber erst ein, als sich Vertreter der »zivilisierten Welt« die Osterinsel aneigneten und die Geschicke der Menschen bestimmten.
Die reale Geschichte der Osterinsulaner ist nach dem Auftauchen von Vertretern der »zivilisierten Welt« von Grausamkeit und Brutalität geprägt.

1805. Der Schoner Nancy ankert vor der Osterinsel in der »Cooksbay«. Die Besatzung geht an Land, fällt über die ahnungslosen Osterinsulaner her. Wie viele Einheimische brutal niedergemetzelt werden, wir wissen es nicht. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt eine »blutige Schlacht«. Die Insulaner haben keine Chance, die Amerikaner sind ihnen dank ihrer Schusswaffen überlegen.

Männer und Frauen werden an Bord der Nancy, Heimathafen New-London, USA, gezerrt und gefesselt. Sie sollen als Sklaven auf der Insel »Más Afuera« (heute Alejandro Selkirk Insel, Juan-Fernández-Archipel) angesiedelt werden. Dort sollen sie für ihre »Besitzer« Seehunde jagen. Drei Tage lang hält man die Osterinsulaner in Fesseln. Als man schließlich den Männern die Eisen löste, stürzten sie sich in die Fluten.

Ein Boot wird zu Wasser gelassen, soll die Flüchtigen wieder einfangen. Das gelingt nicht. Die Männer tauchen, ertrinken lieben als dass sie in die Sklaverei gehen.

1811. »Pindos«, ein amerikanischer Walfänger, ankert vor der Osterinsel. Männer gehen an Land, fassen Frischwasser. Als die Wasservorräte ausreichen, fallen die Matrosen über die Einwohner der Osterinsel her. Sie haben es auf Frauen abgesehen, die sie brutal vergewaltigen und an Bord der »Pindos« verschleppen.

Dort »tobte sich die Besatzung in aller Scheußlichkeit aus«, wie ein zeitgenössischer Bericht vermeldet (2). Die schwer misshandelten,  übel zugerichteten Frauen werden schließlich über Bord geworfen. Und dienen als lebende Zielscheiben für »Schießübungen«.

»Offensichtlich hatten deine Vorfahren keinerlei Rechte im 19. Jahrhundert…«, sagte ich aufrichtig bedauernd zu der bildschönen Osterinsulanerin, die mich mehrere Tage lang kreuz und quer auf der Insel herumfuhr und mir auch Höhlen zeigte, die für »Schnell-Schnell-Touristen« zu weit abseits von den Kurztouren liegen. Traurig sah mich die Schöne an. »Meine Vorfahren hatten im 19. Jahrhundert keine Rechte. Daran hat sich im 20. Jahrhundert nichts geändert!«


Riesen aus Stein in Reih' und Glied....


Die Menschen lebten in Angst auf »Isla la Pascua«. Nahte ein Schiff, versteckten sie sich in den zahlreichen Höhlen, um nicht als Sklaven verschleppt oder »nur« vergewaltigt zu werden. Im Herbst 1862 schaffte Peru die Sklaverei ab, offiziell und aus »humanitären Gründen«. An den realen Verhältnissen änderte sich aber nichts. Die Menschenhändler wollen auf ihre immensen Profite nicht verzichten. Sie treiben ihr »Handwerk« weiter, verschleppen weiter Menschen aus dem polynesischen Raum. Weiter werden Menschen auf der Osterinsel gefangen. Weiter werden die Menschen nach Peru geschafft, wo sie unter unsäglichen Bedingungen schuften müssen.

Da der Sklavenhandel aber inzwischen verboten ist, dürfen die Sklaven nicht mehr als Sklaven bezeichnet und auch nicht mehr verkauft werden. Also bekommen die Sklaven »Arbeitsverträge« und »dürfen« in Südamerika »einwandern«. Als Sklavenhandel noch offiziell erlaubt war, wurden die Sklaven auf Märkten feil geboten und wie Ware hin und her geschoben. Das ist nun nicht mehr statthaft. Stattdessen werden jetzt die Arbeitsverträge verkauft und gekauft. Wer einen »Arbeitsvertrag« erwirbt, der kauft de facto den dazugehörigen Sklaven mit, auch wenn der Sklave jetzt nicht mehr Sklave genannt wird.

Weihnachten 1862 liegen acht Schiffe vor der Osterinsel. Fast 100 Mann gehen an Land, locken die Insulaner an den Strand. Netze werden über die Menschen geworfen, sie werden gefesselt und von den Sklavenhändlern an Bord ihrer Schiffe gezerrt. Da noch Platz für weitere Sklaven ist, wird regelrecht Menschenjagd betrieben. Wer sich widersetzt, wird kaltblütig ermordet. Ein gewisser de Aguirre, Kapitän des spanischen Schiffs »Cora« tötet Osterinsulaner mit gezielten Schüssen. Auch der Koordinator der scheußlichen, verbrecherischen Aktion, ein gewisser Juan Maristany, erschießt eigenhändig Gefangene, weil sie sich seiner Meinung nach nicht schnell genug auf die Schiffe verladen lassen.

Einigen Flüchtenden gelingt es, sich in einer großen Zuckerrohranpflanzung zu verstecken. Zunächst schießen die Sklavenjäger ziellos, doch die Menschen zeigen sich nicht. Also wird die Plantage angezündet. Es kommt zu einem blutigen Gemetzel. Die Einheimischen bewerfen ihre Peiniger mit Steinen, die Vertreter der »Zivilisation« setzen bedenkenlos ihre Schusswaffen ein. Fünf der verbrecherischen Sklavenjäger kommen ums Leben, die Zahl der ermordeten Insulaner ist nicht bekannt.

Wir können das Grauen, das Vertreter der »zivilisierten Welt« –  auch – auf der Osterinsel inszenierten nicht mehr vollständigen in seiner abartigen Abscheulichkeit erfassen. Zu spärlich sind die überlieferten Dokumente. Nackte Zahlen lassen Schlimmstes über die Umstände, unter denen die Sklaven schuften mussten, erahnen. Die menschenunwürdigen Zustände auf den Guanofeldern der Chincha-Inseln führten dazu, dass die meisten der Sklaven nicht lange überlebten. Größer waren die Überlebenschancen der Sklaven auf den Haciendas allerdings nicht. Im Chillón-Tal zum Beispiel starben 64 von 100 Sklaven, die aber nicht mehr als Sklaven bezeichnet werden durften. Sklaverei war ja schließlich verboten.

Das Grauen auf der Osterinsel – verantwortlich: »zivilisierte« Sklavenjäger – fand auf dem Festland Südamerikas seine Fortsetzung… verantwortlich: »zivilisierte« Haciendabesitzer.  So unsäglich waren die Verbrechen, dass schließlich Vertreter der katholischen Kirche protestierten und eine Rückkehr der überlebenden Sklaven in die Heimat forderten.

Fußnoten

1) Obwohl H.P. Lovecraft schon im Alter von 47 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches Werk der einzigartigen Horrorliteratur. Eine kleine Auswahl…. Lovecraft, H.P.: »Chronik des Cthulhu-Mythos I«, »Chronik des Cthulhu-Mythos II«, »Die lauernde Furcht – 24 Horrorgeschichten«, »Gesammelte Werke Band 1: Der kosmische Schrecken« und »Gesammelte Werke Band 1: Der kosmische Schrecken«, »Gesammelte Werke Band 2: Namenlose Kulte«.

2) Mazière, Francis: »Insel des Schweigens«, Berlin 1967

Zu den Fotos...

»In der Ana Kai Tangata  Höhle.« Foto Jürgen Huthmann
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein


 309 »Der Genozid«,
Teil 308 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 20.12.2015


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Sonntag, 18. Dezember 2011

100 »Wir sind eine Insel!«

Teil 100 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Niemand ist eine Insel«, so hieß eine Erzählung von Johannes Mario Simmel, die 1948 erschien. »Niemand ist eine Insel« war auch der Titel eines Simmel-Romans (1975), der 2011 verfilmt wurde ... Widerspruch, Herr Simmel. Wir alle sind eine Insel, so wie das mysteriöseste Eiland unseres Planeten ... »Rapa Nui«, alias »Isla la Pascua«, alias Osterinsel. Und so wie die Kultur der Osterinsel unterging ... so kann auch die unsere in einer selbstverschuldeten Apokalypse enden ...

Ein gefallener Riese - Foto W-J.Langbein
Er hatte dem Meer seinen Rücken zugewandt. Hochnässig-arrogant, wie es typisch für seine Art ist, hatte er ins Landesinnere geblickt. Er ignorierte die Gefahr, die vom Meer ausging. Er ignorierte die Gefahr, die tief im Inneren der Erde brodelte. In Sichtweiter erhob sich ein kleiner, sanft ansteigender Hügel ... friedlich, von grünem Gras überzogen. Kaum war noch zu erkennen, dass hier einst ein Vulkan brodelte. Keiner schien zu wissen, dass die gesamte Insel ihre Existenz gewaltigen Vulkanausbrüchen zu verdanken hatte. Wo einst nichts war als das unendliche Meer, da erstarrte Lava ... ausgespien aus dem Inneren der Erde.

Er hatte dem Meer seinen Rücken zugewandt, stolz und scheinbar unbesiegbar. Und dann kam es zu einem Erdbeben, das ihn von seinem Sockel stieß. Rücklings stürzte er, fiel wie in Zeitlupe und schlug krachend auf ... zum Meer hin. Sein Hals brach, sein mächtiger Schädel wurde vom Rumpf getrennt. Da lag er nun. Aus leeren Augenhöhlen starrte er in den Himmel, nur wenige Meter vom ewigen Rauschen der Brandung entfernt. Seine Augenhöhlen waren leer. Wer hat ihm die Kalksteinaugen gestohlen?
Mehrere steinerne Riesen liegen so ... von Naturgewalten hingestreckt ... nebeneinander, mit den Häuptern zum tosenden Meer. Wer hat sie aus dem Vulkangestein gemeißelt, wer hat sie errichtet? Sollten sie Denkmäler sein für die vermeintliche Macht der Menschen?

Riesenkopf am Strand
Foto: W-J.Langbein
Stolze Denkmäler für die Größe des Menschen ... zu Hunderten fielen sie innerhalb von Sekunden, schlugen auf, zerbrachen. Typisch für die menschliche Arroganz ist die Behauptung, die Kolosse seien von Menschen gestürzt worden. Als ob nur der Mensch die Riesen aus Stein hätte zu Fall bringen können! Nachdem ich mehrfach die Osterinsel besucht und insgesamt einige Wochen das Eiland erkundet habe, kann ich nicht mehr an diese Behauptung glauben. So wie die unzähligen Kolosse überall auf der Insel liegen, spricht alles für ein Erdbeben, das die monströsen Gestalten zu Fall brachte. Wie von einer Riesenfaust wurde das kleine Eiland in den unendlichen Weiten des Pazifik getroffen ... Hunderte von Kolossen fielen in die gleiche Richtung. Sie kippten von ihren steinernen Podesten, fielen, schlugen auf und ihr gewaltiges Eigengewicht ließ sie zerbrechen ...

Stolze Denkmäler ... für die Arroganz des Menschen ... ein Erdbeben warf sie um, zu Hunderten zerbrachen sie und blieben liegen. Jahrhunderte lang waren die Trümmer den Naturgewalten ausgeliefert. Der poröse Vulkanstein sog sich voll Wasser, bei oft rapide fallenden nächtlichen Temperaturen wurden Steinschichten förmlich abgesprengt, sodass so mancher Osterinselkoloss in Trümmern kaum noch als steinerner Kadaver zu erkennen ist.

Wieder aufgerichtete Riesen
Foto W-J.Langbein
In der Nähe des kleinen Hafens hat man versucht, fünf Osterinselstatuen wieder in altem Glanz auferstehen zu lassen. Besonders mitleiderrgenend ist eine eher sehr kleine Figur, die fast ihren ganzen Kopf verloren hat. Er ist verschwunden. Nur noch ein Stück des Kinns zu erahnen. Der größten fehlt der halbe Kopf, vom Gesicht ist nichts mehr zu erkennen. Bei der dritten Figur fehlt ein Drittel des Kopfes. Und der war offenbar durch den Sturz ganz abgebrochen und wurde – deutlich zu erkennen – von modernen Restauratoren wieder auf den Rumpf geklebt. Der vierten Figur wurde der ebenfalls beim Sturz abgebrochene Kopf wieder mit einer Art Zement aufgesetzt.

Es sind nur die kleineren Figuren, die restauriert und wieder aufgerichtet werden konnten. Zum Einsatz kam ein imposanter japanischer Kran, der mittelgroßen oder gar großen Steinriesen nicht mehr »auf die Beine« helfen konnte. Noch heute staune ich ob der Tatsache, dass man vor vielen Jahrhunderte – ohne Kran – wahre Statuenmonster auf Podeste stellen und ihnen außerdem noch riesige, tonnenschwere Hüte auf die Köpfe setzen konnte.

Auf dem Papier lassen sich schöne Theorien entwickeln ... von Rampen aus Steinen ... von Konstruktionen aus Holz. Seit Jahrzehnten heißt es immer wieder, man wissen nun, wie die Statuen transportiert, aufgerichtet und mit Hüten versehen wurden. Angeblich war dies relativ einfach und mit simplen Methoden zu bewerkstelligen. Wenn das vor Jahrhunderten so ein Kinderspiel war, wieso richtet man die unzähligen Kolosse heute nicht wieder auf? Wieso setzt man dann in der Regel selbst kleinen Statuen nicht mehr ihre Hüte aufs Haupt?

Kleiner Großer ohne Hut
Foto: Französische Touristin
Einst hielten die stolzen Insulaner ihre Heimat für den Nabel der Welt. Über diese Vorstellung können wir nur überlegen lächeln. Hochnäsig wie die Kolosse der Osterinsel blicken wir auf unsere Vorfahren zurück. Wir bilden uns ein, die Krone der Schöpfung zu sein. Wir sprühen vor Selbstbewusstsein. Wir haben die höchste Stufe der Entwicklung erreicht ... auf unserer Insel Erde im unendlichen »Meer« des Kosmos. Verächtlich blicken wir auf unsere »primitiven« Vorfahren zurück.
Im Steinbruch am Rande des »Rano Raraku«-Vulkans meißelten einst Arbeiterheere zum Teil gewaltige Kolosse aus dem Fels, transportierten sie über weite Strecken, richteten sie auf und plazierten tonnenschwere »Hüte« auf ihren Köpfen. Aus schneeweißem Kalk schnitzen sie Augen und setzen sie den Riesen in gemeißelte Augenhöhlen. War das ein magischer Akt, der den Kolossen so etwas wie Seele verleihen sollte? Waren unzählige Arbeitskräfte mit primitiven Mitteln am Werk? Oder waren es verhältnismäßig wenige Spezialisten, die über vergessene Techniken verfügten? Wir glauben lieber an Heere von Arbeitern, die mit simpelsten Mitteln meißelten, transportierten und aufstellten. Eine fortgeschrittene technische Kultur vor Jahrtausenden ... uns womöglich überlegen ... darf es nicht gegeben haben. Wir wollen doch die Größten sein!

Die Osterinsel ist heute ... ein Denkmal des Verfalls. Hunderte Statuen liegen zerborsten. Sie zerfallen, ja vergammeln zusehends. Podeste, auf denen einst stolze Statuen standen, bieten heute ein Bild des Jammers. Sie erinnern an längst vergangene Größe ... Einst trugen mächtige Plattformen kollossale Statuen, die aus kalkweißen Augen ins Landesinnere starrten. Von diesen mächtigen Podesten sind nur noch jämmerliche Überreste erhalten.

Einst trug die Osterinsel eine erstaunliche Kultur. Die uralte Osterinsel-Kultur wurde zerstört, ausgelöscht ... ist verschwunden. Können wir trotzdem etwas von der Osterinselkultur lernen? Wir wissen, dass die Osterinselkultur zerfallen und verschwunden ist. Wir sollten erkennen, dass unsere Kultur auch zerfallen und verschwinden kann. Manchmal scheint es mir, als wollten wir genau das erreichen! Die Osterinsulaner rodeten einst ihr Eiland kahl. Sie fällten nach und nach jede Palme. Und das, obwohl sie ihre kleine Heimat leicht ganz überblicken konnten.

Wir sind eine Insel
Foto: korneloni / pixelio.de
Die Osterinsulaner sahen, wie sie nach und nach ihre Insel abholzten, wie aus einem grünen Paradies eine kahle Einöde wurde. Sie müssen doch erkannt haben, dass sie ihre eigene Lebensgrundlage mutwillig zerstörten. Ohne Holz konnten sie keine Schiffe bauen. Ohne Schiffe konnten sie keine Fischerei betreiben. Ohne Schiffe konnten sie nicht mehr von ihrer sterbenden Insel fliehen. Und doch zerstörten die Osterinsulaner ihre Lebensgrundlage.

Auch wir sind eine Insel. Wir sind alle eine Insel. Unsere Insel heißt ... Planet Erde. Und auch wir holzen tagtäglich unsere Wälder ab, zerstören die Lungen unserer Welt ... und das, obwohl wir heute unseren gesamten Planeten überschauen können, so wie einst die Osterinsulaner ihre kleine Heimat im Pazifik. Wenn wir das Verhalten der Osterinsulaner »primitiv« nennen ... sind wir dann nicht noch primitiver?

Das aufrüttelnde Buch von Walter-Jörg Langbein: »2012 - Endzeit und Neuanfang«

Anlässlich der 100. Folge: Das große Interview mit Walter-Jörg Langbein

»Lelu und die Ruinen der Zyklopenbauten«
Teil 101 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.12.2011

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