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Sonntag, 21. Oktober 2018

457 »›Geisterstädte‹ auf der Osterinsel?«

Teil 457 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1-3: Geheimnisvolle Osterinsel ...

Die 16 verschwundenen Moai von Ahurikiriki standen oder lagen noch im 19. Jahrhundert irgendwo in einer Steilwand an der Südwestküste der Osterinsel auf einer Plattform. Ein Erdbeben mag sie zu Fall gebracht haben. Wie dem auch sei: Warum auch immer, die Kolosse stürzten in die Tiefe, schlugen in der Gischt ein und zerbrachen wohl in mehrere Teile. Seit Jahrzehnten sucht man die Brocken, offiziell hat man sie bis heute nicht gefunden. Allerdings sieht man von der Steilklippe aus da und dort im brodelnden Wasser Felsklumpen liegen, bei denen es sich um die zertrümmerten Kolosse von Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«, handeln könnte. Bislang hat sich freilich niemand an die mögliche Fundstelle herangewagt. Es besteht wegen der extremen Brandung und massiver Strömungen Lebensgefahr. Und wer weiß, vielleicht gibt es dann doch nur formlose Brocken und nicht Trümmer einst stolzer Statuen zu entdecken. Zu finden gibt es auf der Osterinsel noch sehr viel. Vieles aber wird wahrscheinlich für immer rätselhaft und unverstanden bleiben.

Als das Geheimnis der Osterinsel schlechthin gelten die riesigen Steinkolosse, die zum Teil fast zehn Meter hoch in den Himmel ragten. Bislang konnten lediglich kleinere bis mittelgroße Exemplare mit Kranen wieder aufgerichtet werden. Wer wie der Autor die Osterinsel besucht hat, wer schon zu Füßen der stoisch ins Nichts blickenden Kolosse stand, der kann sich über manchen »Wissenschaftler« nur wundern.

Foto 4: Nach wie vor rätselhaft ...
Je intensiver man sich in die wissenschaftliche Literatur über die Osterinsel vergräbt, desto mehr erfährt man über das geheimnisvolle Eiland. Je aufmerksamer man liest, desto klarer werden Widersprüche erkennbar zwischen Aussagen verschiedener Wissenschaftler.

Mit dieser Thematik beschäftigte ich mich bereits 1977. Damals erschien mein Artikel »The Easter Island Controversy« in »Ancient Skies« (1). Ein anschauliches Beispiel: Wilhelm Ziehr beispielsweise wundert sich darüber, wie man sich über die Osterinselriesen wundern kann. Trocken stellt er fest (2):

»Die Existenz monumentaler Steinplastiken auf der Osterinsel ist keineswegs so rätselhaft, wie oft behauptet wurde. Da Holz auf der Insel außerordentlich knapp war, bot sich das hingegen reichlich vorhandene Tuffgestein an.« Mit anderen Worten: Die Osterinsulaner verspürten einen sehr starken künstlerischen Drang. Sie griffen zum Stein, weil Holz extrem selten war.

Foto 5: ... die Kolosse der Osterinsel. Rechts im Bild: Ingeborg Diekmann

Wie aber war es möglich, die Steinkolosse zu transportieren? Da sieht Thor Heyerdahl wiederum keinerlei Problem (3). Seinen Untersuchungen zufolge gab es einst auf der Osterinsel Holz in unvorstellbaren Mengen. Das ganze Eiland war von einem Urwald überzogen. Dieses Holz wurde dann, so Heyerdahl, etwa in Form von Rollen zum Transport der Kolosse benutzt. Der Widerspruch ist eklatant.

Wurden die Riesenfiguren nun gebaut weil den Künstlern kein Holz zur Verfügung stand? Oder konnten die Riesenplastiken so leicht transportiert werden, weil Holz in Hülle und Fülle zur Verfügung stand? Der Widerspruch lässt sich nur mit unsinnigen Annahmen aus der Welt schaffen. Etwa so: Erst war die Insel kahl und leer, Holz gab es kaum. Deshalb griffen die Künstler in ihrem Drang, sich gestalterisch zu verwirklichen, zum Stein. Wie sie die Kolosse befördern würden, darüber machten sich die weltfremden Künstler keine Gedanken. Kaum waren die Kunstwerke aber fertig, wurde das Eiland aus unerfindlichen Gründen von einem wahren Urwald überzogen. Jetzt wussten die Steinmetze plötzlich, wie ihre Werke transportiert werden konnten: mit Hilfe von Holzrollen zum Beispiel. Warum schufen sie dann nicht in großem Umfang Kunstwerke aus Holz als es angeblich Holz im Überfluss gab?

Foto 6: Reste eines der massiven Podeste

Mit einer Fläche von 162,5 km² ist die Osterinsel sehr klein. Lebten einst sehr viele Menschen auf dem winzigen Eiland? Arnold Roggeveen, der das merkwürdige Eiland am Ostermontag den 6. April 1722 »entdeckte«, fühlte sich einmal von »mehreren Tausend« Einheimischen umzingelt und bedroht. Er ließ auf die friedlichen Osterinsulaner schießen. James Cook (*1728; †1779) besuchte die Osterinsel im Rahmen seiner zweiten Südseereise (1772 bis 1775) in der Zeit vom 11. bis zum 17. März 1774. Vergeblich hatte er nach dem legendären »Terra australis« gesucht, von der Osterinsel war er enttäuscht. Am Freitag, den 11. März 1774, notierte Cook in seinem Logbuch: »Leichte Brise und freundliches Wetter. Hatten noch um Mitternacht Tageslicht, nahmen sodann Fahrt auf und sichteten wenig später Land im Westen aus dem Mastkorb.« Dass es sich um die Osterinsel handelte, wurde Cook am Sonntag, den 13. März klar: »Bei der Annäherung an das Land entdeckten wir Leute und eben dieselben Monumente und Idole, welche von den Autoren von Roggeveens Reise erwähnt wurden, welcher Umstand uns keinen Raum für Zweifel daran ließ, dass es sich um die Osterinsel handele.«

James Cook, der die Osterinsel selbst wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht betrat, schätzte die Zahl der Einwohner auf sechs- bis siebenhundert. George Foster, der im Auftrag Cooks an Land ging, ging von neunhundert Osterinsulanern aus. Alexander Ariipaea Salmon lebte viele Jahre auf der Osterinsel. Zwischen 1850 und 1860 gab es seinen Angaben zufolge fast 20.000 Menschen auf dem Eiland.

Foto 7: Auf Podesten standen einst steinerne Kolosse

Im Jahre 1886 suchte die Besatzung des US-Schiffs »Mohican« die Osterinsel heim, richtete zum Teil erhebliche Schäden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Sicher gelangten kostbare Kunstschätze auch in Privatsammlungen. Sie sind somit für die für die Forschung verloren. Anno 1886 lebten insgesamt nur 155 Menschen auf der Osterinsel. Nach einer Liste aus jener Zeit waren das 68 Männer, 43 Frauen, 17 Knaben und 27 Mädchen unter 15.



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Lebten nun viele Menschen auf der Osterinsel, als die Statuen entstanden? Gab es viele Steinmetze, die die Statuen aus dem Vulkangestein schlugen? Waren viele Menschen erforderlich, um die zum Teil kolossalen Statuen zu transportieren und aufzustellen? Bemerkenswert sind die zahlreichen Spuren auf einstige Siedlungen, die auf eine einstmals dichte Besiedelung schließen lassen könnten. So gab es wohl einst auf dem »Kotatake«-Berg eine Siedlung. Am Fuß des Kotatake Bergs bis zur Küste im Westen erstreckte sich eine Siedlung, immerhin über eine Länge von fast zwei Kilometern! Es könnten hier einst die ältesten Behausungen gestanden haben. Der Grundriss der Häuser war elliptisch, vielleicht in Anlehnung an Boote. Weitere Siedlungen gab es zum Beispiel im Bereich der Küste bei »Rana-Hana-Kana« und an der Küste der »La Pérouse«- Bucht.

Foto 8: Einige der Podeste trotzten dem Zahn der Zeit.

Es gibt also eigentlich zu viele Ruinenreste auf der Osterinsel. Wären sie alle bewohnt gewesen, dann hätten die Menschen nicht ausreichend ernährt werden können. Eine mögliche Erklärung: Es gab eine ganze Reihe von Siedlungen, die aber nicht immer bewohnt waren. Die Insulaner zogen von Siedlung zu Siedlung und wieder zurück. So wurden, und das ist Fakt, die Häuser von Orongo nur während der Feierlichkeiten des »Vogelmann-Kults« bewohnt. Sie standen also den Großteil des Jahres leer. Das mag auch für andere Siedlungen auf der Osterinsel gegolten haben. Es gab also wohl kleine »Geisterstädte« auf der Osterinsel, die einstens aber nicht verfielen, sondern periodisch bewohnt wurden.

Die Osterinsel ist wirklich sehr klein, das schließt eine dichte Besiedlung aus. Je dichter das Eiland besiedelt war, desto mehr Menschen konnten auf der Osterinsel leben, aber desto größer wurden die Ernährungsprobleme. Es müssen auch große Anteile des Eilands nur landwirtschaftlich genutzt worden sein. Es konnte nur eine überschaubare Zahl von Menschen auf »Isla la Pascua« leben und ausreichend ernährt werden.

Foto 9: Steinmetzkunst von Perfektionisten!

Die Menschen mussten nicht nur für Ernährung sorgen. Es mussten auch die Steinkolosse aus dem Vulkan geschlagen, kreuz und quer über das gesamte Eiland transportiert und aufgestellt werden. Was oft unterschätzt wird: Einst standen die Kolosse auf massiven Plattformen, von denen die meisten verfallen oder verschwunden sind. Schon die Mauern dieser Plattformen sind Beweise für die erstaunliche Kunstfertigkeit der Osterinsulaner.

Fußnoten
(1) Langbein, Walter-Jörg: »The Easter Island Controversy«, »Ancient Skies«, Ausgabe November/ Dezember 1977, Chicago 1977
Der Vollständigkeit halber: Mein erster Artikel (»Researcher interviews Prof. Dr. Hermann Oberth«) erschien in der März/April-Ausgabe 1976 von »Ancient Skies«, Chicago.
(2) Ziehr, Wilhelm: »Zauber vergangener Reiche«, Stuttgart 1975
(3) Heyerdahl, Thor: »Die großen Steine der Osterinsel« in
»Versunkene Kulturen«, Zürich 1963

 
Foto 10: Podest mit Statuen. Historisches Gemälde, 18. Jahrhundert.


Zu den Fotos:
Fotos 1-3: Geheimnisvolle Osterinsel ... Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Nach wie vor rätselhaft ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: ... die Kolosse der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Reste eines der massiven Podeste. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Auf Pdesten standen einst steinerne Kolosse. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Einige der Podeste trotzten dem Zahn der Zeit. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Steinmetzkunst von Perfektionisten! Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Ahu mit Statuen. Historisches Gemälde, 18. Jahrhundert. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein


458 »Ein Pirat, Samson und Skelette«,
Teil 458 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 28.10.2018


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Sonntag, 7. Oktober 2018

455 »Ahurikiriki und das Geheimnis der verschwundenen Statuen«

Teil 455 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörgangbein

Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki.

Die Kolossalstatuen der Osterinsel haben das einsame Eiland in den Weiten des Pazifiks weltberühmt gemacht. Die größte steinerne Plattform, Tongariki, befindet sich am östlichen Ende der Südküste der Osterinsel. Fünfzehn Statuen stehen heute wieder auf dem altehrwürdigen »ahu«, den Blick ins Innere des Eilands gerichtet. Eine größere Ansammlung von steinernen Riesen auf einer Plattform findet sich nirgendwo auf dem Eiland. Es soll aber einst eine noch größere Plattform mit sechzehn Statuen gegeben haben.

William  J. Thomson,  Zahlmeister auf dem Schiff »USS Mohican«, publizierte (1) eine recht lange, penibel genau geführte Liste von Monumenten, so wie er sie in der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember 1886 inspiziert und vermessen hat. Das wohl bemerkenswerteste Denkmal, das er beschreibt, konnte er allerdings nur aus der Distanz beschreiben. Dieses Monument ist irgendwann spurlos verschwunden und gibt bis heute Rätsel auf. Immer wieder wurde nach »Plattform Nr. 112« gesucht. Bis heute vergeblich.

Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki.

Thomson schreibt (2): »Plattform No. 112. – Genannt Ahurikiriki. Gelegen am äußersten südwestlichen Ende der Insel, und außergewöhnlich wegen ihrer Position an einer lotrecht abfallendend Klippe (Höhe fast 1.000 Fuß) und mittig zwischen Meer und oberem Rand.«

Diese Beschreibung weist sehr deutlich auf die in der Tat fast 1.000 Fuß hohe  Felswand an der Südwestspitze der Osterinsel hin. Vom Zeremonial-Zentrum der Osterinsel kletterten mutige Männer 300 Meter in die Tiefe, um zur »Vogelinsel« zu schwimmen (»Vogelmann-Kult«). Und an dieser Felswand sollen einst, so Thomson, wohl auf einem kleinen Felsvorsprung sechzehn kleine Statuen gestanden haben. Als Thomson sie 1886 zu Gesicht bekam, standen sie aber schon nicht mehr. Sollte Thomsons Schilderung den Tatsachen entsprechen, dann hätten auf dem Felsvorsprung in der Steilklippe mehr Statuen gestanden als auf jeder anderen Plattform.

Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann

Thomson (3): »Sechzehn kleine Götzenbilder liegen auf dieser Plattform und viele davon scheinen sich in einem ausgezeichneten Zustand zu befinden. Wir konnten keine Möglichkeit ausfindig machen, wie wir diesen kleinen Vorsprung hätten erreichen können, auf welchem diese Plattform steht. Kein Weg führt vom  oberen Rand der Klippe hinab, es gibt auch keinen Zugang von rechts oder links, und von unten geht es lotrecht nach oben.«

Thomson weist auf die Brecher des Meeres, die gegen den Fuß der Klippe schlagen und stellt Überlegungen an, wie wohl die sechzehn kleinen »Götzenbilder« an Ort und Stelle gebracht werden konnten. Er hält es für »kaum wahrscheinlich«, dass die Figuren einst von oben an Seilen hinab gelassen wurden. Seine Schlussfolgerung: Es müsse einmal einen »Zugang« (4) gegeben haben, der von den tosenden Wellen abgetragen wurde. Ganz ähnlich sieht es im »Dorf der Toten« aus: Unklar ist, wie die »Sarkophage« von Karajia an ihren Bestimmungsort gelangten.  Sie stehen auf einem kleinen Felsvorsprung an  einer senkrechten Felswand, etwa auf halber Höhe, etwa dreihundert Meter unterhalb des Dorfes Karajia. Die mysteriösen »Sarkophage« von Karajia befinden sich allerdings noch heute an Ort und Stelle.

Zurück zur verschwundenen Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki«. Leider sind Thomsons Reisenotizen, die eventuell zusätzliche Informationen zu »Ahurikiriki« enthalten haben mögen, unauffindbar. Sie sollen sich bis 1904 im Besitz des »Smithsonian Institution«, Washington D.C., befunden haben, wurden aber offenbar an Thomson zurück geschickt. Vergeblich hat man die in der »Smithsonian Institution« aufbewahrten Thomson-Fotos durchforstet. Es fand sich keine einzige Aufnahme der mysteriösen Plattform. Wie dem auch sei: 1886 will Thomson die 16 Götzenbilder in der Felswand gesehen haben. Oder hat der gute Thomson einfach nur fantasiert? 

Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen.

Offenbar nicht! Denn Katherine Routledge bestätigt Thomson (5). Demnach konnte Thomson anno 1886 eine »Reihe von Götzenbildern (6) sehen, aber nicht erreichen. Als Katherine Routledge 1913/1914 vor Ort war, waren die Figuren allerdings abgestürzt und lagen »1.000 Fuß tiefer« am Meeresufer. Katherine Routledge scheint einen zweiten Band zum Thema Osterinsel geplant zu haben. Offenbar wollte sie auch näher auf die Plattform Nr. 112, genannt »Ahurikiriki« eingehen, Das legen ihre handschriftlichen Notizen nahe, die erhalten geblieben sind. Zu einem zweiten Buch aber kam es leider nicht.

Eine Lehrerin, die in einer der Schulen von Hanga Roa unterrichtete, erklärte mir: »Ahurikiriki hat zweifelsohne existiert! Es gibt einige Lieder, die diese Statuen am Abgrund besingen!« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, begann sie sogleich, mir eines der Lieder vorzusingen, in der so vokalreichen, wohlklingenden Sprache der Osterinsel. Immer wieder tauchte »I Ahu Rikiriki«. Die Lehrerin übersetzte mir einige Passagen: »Ich bin bei der Plattform (ahu) von Rikiriki und sie bringen die moai zu Fall.«

Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein.

Voller Begeisterung erzählte mir die Lehrerin vom alten Urglauben der Osterinsel, verschwieg aber mehr als sie zu enthüllen bereit war. So erfuhr ich von »religiösen Praktiken«, die zum »Iviatua«-Kult gehörten. Im Zentrum der Religion stand der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Die Seelen der Dahingeschiedenen konnten noch zwei Jahre nach dem physischen Tod der Menschen auftauchen und den Nachkömmlingen der Toten helfen, so die in Not geraten sollten.  Zwei Jahre nach dem Tod machten sich die Seelen auf die Reise in ein sagenumwobenes Totenreich irgendwo im Westen.

Die Totenbräuche der Osterinsulaner muten makaber an. Man wartete offenbar bis alles Fleisch eines Toten verwest war. Dann trennte man den Schädel vom übrigen Skelett und setzte ihn bei. Die Knochen wurden gesäubert und kamen in eine »Steinkammer«. Dort begegneten die Geister der kürzlich Verstorbenen den Seelen der Vorfahren, die offenbar aus dem Totenreich angereist kamen.

Als Gottheit wurde Make Make verehrt, als allmächtiger Schöpfergott angebetet. Stammesfürsten verfügten über eine geheimnisvolle »Kraft« oder »Energie«, »Mana« genannt. Mit dieser Kraft konnten Feinde bekämpft, konnte der Wohlstand der Stammesmitglieder gesteigert werden. Mit dieser »übernatürlichen Kraft« konnten Eingeweihte die moai genannten Steinriesen veranlassen, vom Steinbruch aus an ihre Bestimmungsorte zu gehen oder zu fliegen.

Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu.

Die Osterinsulaner glaubten offenbar an zwei Reiche: an ein Reich des Lichts und an ein Reich der Finsternis. Ein örtlicher Geistlicher brachte im Gespräch seine »erheblichen Zweifel« zum Ausdruck. Was die Osterinsulaner einst wirklich glaubten, was wirklich echter Osterinselglaube sei, das könne man leider nicht mehr mit Sicherheit sagen. Und in der Tat: Die Bevölkerung der Osterinsel wurde ja fast völlig ausgelöscht. Starb mit den Menschen der wahre Osterinselglaube? Wurden religiöse Bilder und Überzeugungen aus Polynesien geholt? Nach polynesischer Theologie wurden menschliche Verstorbene zu niederen Göttern, weil sie magische Kräfte von höherrangigen Göttern erhielten. Eingeweiht in die geheimen Glaubenswelten waren hochrangige Priester, »ivi atua« genannt. Diese mächtigen Geistlichen hausten angeblich in kleinen Häusern unter gewaltigen Steinbrocken im Inneren des »Rano Kau«-Vulkans. Dort soll es ein zweites heiliges Zeremonial-Zentrum gegeben haben, das bis heute weitestgehend unerforscht blieb.


Oder die Priester arbeiteten in steinernen Türmen, von denen es auf der Osterinsel eine ganze Reihe gegeben haben soll. Kein einziges dieser Gebäude blieb bis in unsere Tage erhalten. Sie leben aber in Erzählungen aus den »alten Zeiten« fort. Wie sie ausgesehen haben? Das wissen auch die letzten echten Nachkommen der Ureinwohner nicht.

Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki.
Was die Priester in diesen Steintürmen genau getrieben haben? Das soll schon immer nur wenigen Eingeweihten bekannt gewesen sein. Angeblich studierten sie Zeichen aus der »natürlichen Welt«, um prophezeien zu können: über das Wetter, den Fischfang und die anstehende Ernte. Betrieben diese Priester Hokuspokus? Oder studierten sie den Ablauf der Jahreszeiten, stets auf der Suche nach Regelmäßigkeiten im Ablauf der Dinge, um Aussagen über die Zukunft treffen zu können? Von Priestern bemannte Türme könnten sehr wohl auf astronomische Studien hinweisen, die von der Bevölkerung als magische Rituale verstanden wurden. Es mag auch sein, dass die Priesterschaft bewusst den Eindruck zu erwecken suchte, dass sie magische Zauberkräfte besaßen.

Es waren auserwählte Priester, die die Schrift der Osterinsel beherrschten. Sie gravierten ihre Geheimnisse in Holztäfelchen, die bis heute nicht übersetzt werden konnten. Genauer gesagt: Es gibt verschiedene Versuche, einige der Texte zu übersetzen. Die Ergebnisse dieser Bemühungen werden aber nicht von »der« Osterinselforschung anerkannt.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William  J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891.
(2) Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 113, Pos. 1405 (Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein)
(3) ebenda
(4) »And the natural conclusion is, that a roadway once existed, which has been undermined by the waves and has fallen into the sea.«
(5) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck
Kempton 1998, S. 174, ab Zeile 8 von unten
(6) Im englischen Original: »images«.

Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann


Zu den Fotos
Foto 1: Die 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein 
Torsten Nierenberg hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Foto 
Nr.1 spiegelverkehrt wiedergegeben wurde. Ich habe das korrigiert 
und bedanke mich sehr herzlich bei Torsten für den hilfreichen Hinweis!
Foto 2: Einige der 15 Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: 15 Statuen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Eine beeindruckende Kolonne von Riesen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Tongariki soll einst ein religiöses Zentrum gewesen sein. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Sie wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Einer der Kolosse von Tongariki. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die Riesen von Tongariki... steinerne Hüter alten Wissens. Foto Ingeborg Diekmann

456 »Rätselhafte Kolosse und geheimnisvolle Kammern«,
Teil 456 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 14.10.2018


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Sonntag, 9. September 2018

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«


Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«

Kapitänleutnant Wilhelm Geiseler von der »Hyäne« verbrachte anno 1882 im Auftrag der »Kaiserlichen Admiralität« mehrere Tage auf der Osterinsel. Die »Ethnologische Abteilung der königlich preußischen Museen in Berlin« hatte den Marinemann beauftragt, »wissenschaftliche Untersuchungen« der unterschiedlichsten Arten durchzuführen. So sollte er möglichst profunde Erkenntnisse über »Sitten und Gebräuche« der Osterinsulaner sammeln, Zeichnungen der »Kultobjekte«, der Steinriesen und von Kunstwerken jeder Art anfertigen lassen.

Wie viele Stunden oder gar Tage wohl für die Erkundung des »Kultdorfes Orongo« aufgebracht wurden? Erhebliche Schäden wurden angerichtet. Leider trifft die Bezeichnung »Plünderung« oftmals viel eher zu als »archäologische Ausgrabungen«. Gerade auf der Osterinsel wüteten vermeintlich archäologisch Interessierte schlimmer als anderenorts Grabräuber.

Anno 1882 waren noch vor Ort noch wahre Schätze vorhanden: bemalte Steinplatten, die das Innere der Häuschen zierten. Einige dieser Bildwerke scheinen relativ jung zu sein, zeigen sie doch offensichtlich europäische Schiffe. Andere waren sehr viel älter. Lange Zeit scheint Tradition gelebt worden zu sein. Ein Motiv tauchte immer wieder auf: der mysteriöse Gott »Make Make«. Sein verwittertes maskenhaftes Gesicht findet auch heute noch, wer sorgsam uralte gravierte Steine untersucht.

Foto 2: »USS Mohican«

Vier Jahre später, also 1886, erschien das US-Schiff »Mohican« vor der Küste der Osterinsel. Die Besatzung kam an Land und richtete zum Teil erheblichen Schaden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Und sicher auch irgendwo in Privatsammlungen, die für die Forschung verloren sind.

William Thomson, Zahlmeister der »USS Mohican«, fotografierte als erster auf dem mysteriösen Eiland. Auf einem Foto sieht man ein gewaltsam aufgebrochenes Haus im Orongo-Zentrum und zwei große flache Steinplatten, die man ins Freie gezerrt hat. Auf den Steinplatten haben unbekannte Künstler typische »Vogel-Mann«-Motive aufgemalt, ganz ähnlich jenen die als Petroglyphen verewigt wurden. Was geschah mit den bemalten Steinen, die mit brachialer Gewalt aus den Wänden gerissen wurden, wobei die Häuschen zum Teil erheblich beschädigt wurden?

Schlimmer noch: Anno 1891 erschien in Washington, herausgegeben vom »Government Printing Office«, William Thomsons Bericht »Te Pito Te Henua, Or Easter Island«. Thomson (1): »Häuser 1, 5 und 6 wurden mit großer Anstrengung abgerissen und die mit Fresken versehenen Steinplatten wurden beschafft Grabungen unter den Türpfosten und unter den Fußböden förderten nichts zutage, abgesehen von einigen wenigen steinernen Utensilien.« Die glatten Steinplatten, so stellt Thomson fest, wiesen sehr wenig Eingeritztes auf. Die glatten Platten, die an Wänden und Decken angebracht waren, waren mit mythologischen Figuren und primitiven Bildnissen in Weiß, Rot und Schwarz geschmückt.

Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«

Ansonsten, so stellt Thomson bedauernd fest, waren die Räume komplett leer. Er unterstellt, dass Einheimische die Häuschen geplündert und an die Besatzungen von Schiffen verkauft haben. Ausländische Besucher hätten wachsendes Interesse an derlei Objekten gezeigt. So sei Nachfrage entstanden, die von den Osterinsulanern befriedigt wurde. Thomson (2): »Was auch immer an Schätzen sie (die Häuschen) in früheren Jahren beinhaltet haben mögen, wir fanden sie leer vor und unsere Suche brachte nichts von Wichtigkeit zutage.«

Der Archäologe Edwin Ferdon (* 1913;†2002) entdeckte bei Ausgrabungen im »Zeremonialdorf« von Orongo seltsam geformte, bearbeitete Steine mit Bohrlöchern. Er kam zum Schluss, dass es sich bei den Steinsetzungen um ein »Observatorium« gehandelt habe. Warum gibt es die Ortsangabe »Ko Te Papa Ui Hetu’u« auf der Osterinsel, zu Deutsch »Der Stein, von aus man die Sterne sehen kann«?

Deutet der Name auf ein Observatorium hin? Vergeblich suchte ich bei meinen Besuchen vor Ort nach Spuren dieser Observatorien. Ich habe leider nichts gefunden. Observatorien auf »Isla la Pascua«? »Mein« Guide wunderte sich über mein Staunen. Aber natürlich hätten seine Vorfahren Observatorien gebaut und benutzt. Dabei sei es weniger um die Beobachtung von Sonne und Mond gegangen. »Für die Landwirtschaft ist es nicht sehr hilfreich, an welchem Tag eine neue Jahreszeit beginnt. Gesät und geerntet wird nicht, wenn es der Kalender fordert. Die Saat wird ausgebracht, wenn das Wetter das zulässt. Und geerntet wird nicht, weil das im Kalender steht, sondern wenn die Früchte reif sind. Das kann je nach Wetter früher oder später sein.«

Der »Gürtel des Orion« und die Plejaden waren für die frühen Astronomen der Osterinsel von großem Interesse. Warum? Niemand scheint das heute mehr zu wissen. »Sie nannten die drei Sterne, die den Gürtel des Orion bilden, ›Tautori‹, ›Die Drei Schönen‹. Die Plejaden hießen bei ihnen ›Matariki‹, ›Kleine Augen‹.«, informierte mich mein »Guide«. Und nicht ohne Stolz frage er mich: »Wieso nannten sie wohl eine bestimmte Höhle ›Ana Ui Hetu’u‹, »Höhle, um aus ich heraus die Sterne zu beobachten‹?« So manche Höhle sei von Astronomen benutzt worden, um aus dem Dunkel heraus den Himmel zu beobachten.

Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen.

Anno 1886 fristeten 155 Osterinsulaner ein ärmliches Dasein auf dem Eiland. Sie wurden bestenfalls geduldet, galten als potentielle Viehdiebe. Vorrang vor den Menschen hatten 600 Rinder und 18.000 nummerierte Schafe. Es sollten weitere Schafe aus Australien eingeführt werden. Am 9. September 1888 annektierte Chile die Osterinsel. Seither gehört die Osterinsel zu Chile. Der Umgang mit den Nachfahren der Statuenbauer kann Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur als menschenverachtend bezeichnet werden. So darf es nicht verwundern, dass die Osterinsulaner anno 1915 einen Aufstand wagten, der freilich blutig niedergeschlagen wurde.

Solche Aufstände gab es bis ins 21. Jahrhundert hinein. Sie wurden von Chile mit brachialer Gewalt niedergeknüppelt. Eine kleine Gruppe möchte, dass die Osterinsel unabhängig von Chile wird. Die Mehrheit der Menschen von »Rapa Nui« freilich sieht die Lage realistischer. Auch wenn niemand die chilenische Obrigkeit liebt, so glauben die meisten Insulaner, dass eine unabhängige, eigenständige Osterinsel nicht überlebensfähig ist.

Die Petroglyphen sind vom »Zahn der Zeit« bedroht. Das betrifft auch die Statuen. So manche Statue ist heute kaum noch als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk zu erkennen. Der zerstörerische Erosionsprozess wird durch Salzpartikel in der Meeresluft, subtropischer Regen und die Austrocknung des Steins beschleunigt. Man müsste Statuen wie Petroglyphen irgendwie konservieren, schonend abdichten, ohne den Stein zu beschädigen. Der Verfall würde gestoppt, könnte man Steine und Statuen abdichten, so dass kein Wasser mehr eindringen kann. Der Berliner Restaurator Stefan Maar, jubelte die Presse 2003, habe mit seinem Unternehmen eine entsprechende Methode entwickelt. Es würde Neubildung von Algen und neuerliches Eindringen von salzhaltigem Wasser in den Stein verhindert. Die Statuen wären vor weiterem Verfall gerettet. Der Plan ist alles andere als neu.

Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue.

»Die Riesen werden gerettet«, vermeldete das »Hamburger Abendblatt« am 3. Dezember 2003 (3). Und weiter war da als Zwischenüberschrift zu lesen: »Osterinsel: Die steinernen Monumente bröckeln. Ein Berliner restauriert sie im Auftrag der Unesco.« Bereits 2005 sollte mit der Konservierung der Statuen begonnen werden. Dazu ist es offenbar nicht gekommen. War das Verfahren doch nicht so wirkungsvoll wie erhofft und dazu vielleicht auch noch viel zu teuer? So verrotten Statuen und Reliefs weiter. »Die Statuen sterben!«, hörte ich manchen Osterinsulaner sagen. Resignierend!

Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin.

Observatorien, beobachtete Sterne in den Tiefen des Weltalls, Erinnerungen an einen Kult um »Make Make«, den fliegenden Gott und Mischwesen aus Mensch und Tier, zum Teil gigantische Statuen – das sind Mosaiksteine vom faszinierenden Bild »Fantastische Vergangenheit der Osterinsel«, von denen leider viel zu viele verloren gegangen sind. Ob wir jemals erkennen können werden, wie dieses fantastische Bild in seiner Gesamtheit ausgesehen hat? Welche Rolle spielen die »Astronautengötter« in diesem Bild?

Mir scheint, die frühen Osterinsulaner wussten mehr als man ihnen auch heute noch nach wie vor zutraut. Und wir wissen über die Kultur der Osterinsel sehr viel weniger als uns gern eingeredet wird, als wir uns gern einbilden. Ich bin skeptisch, befürchte, dass wir die wahren und ältesten Geheimnisse der Osterinsel niemals verstehen werden. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man sie gar nicht wirklich kenn. Und das liegt daran, dass – wie Robert M. Schoch schreibt (4) »ein Großteil der einheimischen Kultur der Osterinsel durch die europäischen Kontakte ausgerottet und danach hauptsächlich durch importierte polynesische Vorstellungen wieder rekonstruiert worden war«.

Mir scheint, dass die wahre Geschichte der Osterinsel bis heute nicht erzählt worden ist, weil nach wie vor bestritten wird, dass sie womöglich viele Jahrtausende früher ihren Anfang nahm als wir glauben.

Robert M. Schoch schreibt (5): »Meine Arbeit an der Neudatierung der berühmten Sphinx von Ägypten zeigt, dass Zivilisation und fortschrittliche Kultur sich auf Tausende von Jahren früher datieren lassen, als die konventionellen Archäologen gemeinhin akzeptiert hatten. Dieselbe Geschichte scheint auf die ältesten Moai der Osterinsel zuzutreffen, die möglicherweise Tausende von Jahren älter sind, als allgemein geglaubt wird.« Buchautor und Journalist Frank Joseph fest, dass diese Annahme völlig falsch ist. De facto wurde die Arbeit an den Kolossen, so Frank Joseph, vor mindestens zweitausend Jahren beendet! Diese Erkenntnis, von Frank Joseph im seriösen Fachblatt »Ancient American – Archaeology of the Americas before Columbus« (6) publik gemacht, hätte einschlagen müssen wie eine Bombe. Sie wird aber bis heute weitestgehend ignoriert. Verdeutlichte Frank Joseph, dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den Lehrbüchern steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.
     

Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann.

Vor über einhundert Jahren, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (*1851;†1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor. Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten. Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein!

Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (7), vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren (8) »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Seit Jahren besinnt man sich auf der Osterinsel wieder der eigenen Wurzeln. Die alten Bräuche werden wieder belebt und praktiziert. Rapanui, die alte Sprache der Insel, kommt wieder zu Ehren und wird wieder an der Schule unterrichtet. Auch die uralten Tänze werden wieder einstudiert und praktiziert. Und heutige Künstler stellen wieder die ältesten Motive in ihren Werken dar, Make Make und Vogelmänner oder Vogelmenschen.


Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf.

Was lange Zeit gering geschätzt wurde, wird wieder geachtet. Offenbar hat man den hohen Wert der eigenen Wurzeln wieder erkannt. Die alten Traditionen sind für die Menschen von »Rapa Nui« so etwas wie ein Koordinatensystem, das ihnen Orientierung bietet. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was viele Osterinsulaner heute schmerzlicher denn je vermissen, das ist Vergangenheit, die ihnen geraubt wurde.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891. Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 69, Pos. 951
(2) ebenda, Seite 69, Pos. 957
(3) https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article106814960/Die-Riesen-werden-gerettet.html (Stand 03.06.2018)
(4) Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook, »Ancient Mail Verlag Werner Betz, Groß Gerau, 1. Auflage Juli 2014, Pos. 205
(5) Ebenda, Pos. 254
(6) »Ancient American before Columbus«, Colfax, Wisconsin, USA,
Vol. 2#12, Seite 9: »Editorial: Vindication at Easter Island«
(7) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, ohne Jahresangabe
(8) Ebenda, S. 473 u. 474

Zu den Fotos
Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«. (Foto gemeinfrei)
Foto 2: »USS Mohican«. (gemeinfrei)
Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«. (gemeinfrei).
Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf. Archiv Langbein
Foto 9: Staunend steht er vor dem Haupt eines Riesen.







452 »Die Osterinsel, Ausgeburt der Hölle«,
Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.09.2018


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