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Sonntag, 9. September 2018

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«


Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«

Kapitänleutnant Wilhelm Geiseler von der »Hyäne« verbrachte anno 1882 im Auftrag der »Kaiserlichen Admiralität« mehrere Tage auf der Osterinsel. Die »Ethnologische Abteilung der königlich preußischen Museen in Berlin« hatte den Marinemann beauftragt, »wissenschaftliche Untersuchungen« der unterschiedlichsten Arten durchzuführen. So sollte er möglichst profunde Erkenntnisse über »Sitten und Gebräuche« der Osterinsulaner sammeln, Zeichnungen der »Kultobjekte«, der Steinriesen und von Kunstwerken jeder Art anfertigen lassen.

Wie viele Stunden oder gar Tage wohl für die Erkundung des »Kultdorfes Orongo« aufgebracht wurden? Erhebliche Schäden wurden angerichtet. Leider trifft die Bezeichnung »Plünderung« oftmals viel eher zu als »archäologische Ausgrabungen«. Gerade auf der Osterinsel wüteten vermeintlich archäologisch Interessierte schlimmer als anderenorts Grabräuber.

Anno 1882 waren noch vor Ort noch wahre Schätze vorhanden: bemalte Steinplatten, die das Innere der Häuschen zierten. Einige dieser Bildwerke scheinen relativ jung zu sein, zeigen sie doch offensichtlich europäische Schiffe. Andere waren sehr viel älter. Lange Zeit scheint Tradition gelebt worden zu sein. Ein Motiv tauchte immer wieder auf: der mysteriöse Gott »Make Make«. Sein verwittertes maskenhaftes Gesicht findet auch heute noch, wer sorgsam uralte gravierte Steine untersucht.

Foto 2: »USS Mohican«

Vier Jahre später, also 1886, erschien das US-Schiff »Mohican« vor der Küste der Osterinsel. Die Besatzung kam an Land und richtete zum Teil erheblichen Schaden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Und sicher auch irgendwo in Privatsammlungen, die für die Forschung verloren sind.

William Thomson, Zahlmeister der »USS Mohican«, fotografierte als erster auf dem mysteriösen Eiland. Auf einem Foto sieht man ein gewaltsam aufgebrochenes Haus im Orongo-Zentrum und zwei große flache Steinplatten, die man ins Freie gezerrt hat. Auf den Steinplatten haben unbekannte Künstler typische »Vogel-Mann«-Motive aufgemalt, ganz ähnlich jenen die als Petroglyphen verewigt wurden. Was geschah mit den bemalten Steinen, die mit brachialer Gewalt aus den Wänden gerissen wurden, wobei die Häuschen zum Teil erheblich beschädigt wurden?

Schlimmer noch: Anno 1891 erschien in Washington, herausgegeben vom »Government Printing Office«, William Thomsons Bericht »Te Pito Te Henua, Or Easter Island«. Thomson (1): »Häuser 1, 5 und 6 wurden mit großer Anstrengung abgerissen und die mit Fresken versehenen Steinplatten wurden beschafft Grabungen unter den Türpfosten und unter den Fußböden förderten nichts zutage, abgesehen von einigen wenigen steinernen Utensilien.« Die glatten Steinplatten, so stellt Thomson fest, wiesen sehr wenig Eingeritztes auf. Die glatten Platten, die an Wänden und Decken angebracht waren, waren mit mythologischen Figuren und primitiven Bildnissen in Weiß, Rot und Schwarz geschmückt.

Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«

Ansonsten, so stellt Thomson bedauernd fest, waren die Räume komplett leer. Er unterstellt, dass Einheimische die Häuschen geplündert und an die Besatzungen von Schiffen verkauft haben. Ausländische Besucher hätten wachsendes Interesse an derlei Objekten gezeigt. So sei Nachfrage entstanden, die von den Osterinsulanern befriedigt wurde. Thomson (2): »Was auch immer an Schätzen sie (die Häuschen) in früheren Jahren beinhaltet haben mögen, wir fanden sie leer vor und unsere Suche brachte nichts von Wichtigkeit zutage.«

Der Archäologe Edwin Ferdon (* 1913;†2002) entdeckte bei Ausgrabungen im »Zeremonialdorf« von Orongo seltsam geformte, bearbeitete Steine mit Bohrlöchern. Er kam zum Schluss, dass es sich bei den Steinsetzungen um ein »Observatorium« gehandelt habe. Warum gibt es die Ortsangabe »Ko Te Papa Ui Hetu’u« auf der Osterinsel, zu Deutsch »Der Stein, von aus man die Sterne sehen kann«?

Deutet der Name auf ein Observatorium hin? Vergeblich suchte ich bei meinen Besuchen vor Ort nach Spuren dieser Observatorien. Ich habe leider nichts gefunden. Observatorien auf »Isla la Pascua«? »Mein« Guide wunderte sich über mein Staunen. Aber natürlich hätten seine Vorfahren Observatorien gebaut und benutzt. Dabei sei es weniger um die Beobachtung von Sonne und Mond gegangen. »Für die Landwirtschaft ist es nicht sehr hilfreich, an welchem Tag eine neue Jahreszeit beginnt. Gesät und geerntet wird nicht, wenn es der Kalender fordert. Die Saat wird ausgebracht, wenn das Wetter das zulässt. Und geerntet wird nicht, weil das im Kalender steht, sondern wenn die Früchte reif sind. Das kann je nach Wetter früher oder später sein.«

Der »Gürtel des Orion« und die Plejaden waren für die frühen Astronomen der Osterinsel von großem Interesse. Warum? Niemand scheint das heute mehr zu wissen. »Sie nannten die drei Sterne, die den Gürtel des Orion bilden, ›Tautori‹, ›Die Drei Schönen‹. Die Plejaden hießen bei ihnen ›Matariki‹, ›Kleine Augen‹.«, informierte mich mein »Guide«. Und nicht ohne Stolz frage er mich: »Wieso nannten sie wohl eine bestimmte Höhle ›Ana Ui Hetu’u‹, »Höhle, um aus ich heraus die Sterne zu beobachten‹?« So manche Höhle sei von Astronomen benutzt worden, um aus dem Dunkel heraus den Himmel zu beobachten.

Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen.

Anno 1886 fristeten 155 Osterinsulaner ein ärmliches Dasein auf dem Eiland. Sie wurden bestenfalls geduldet, galten als potentielle Viehdiebe. Vorrang vor den Menschen hatten 600 Rinder und 18.000 nummerierte Schafe. Es sollten weitere Schafe aus Australien eingeführt werden. Am 9. September 1888 annektierte Chile die Osterinsel. Seither gehört die Osterinsel zu Chile. Der Umgang mit den Nachfahren der Statuenbauer kann Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur als menschenverachtend bezeichnet werden. So darf es nicht verwundern, dass die Osterinsulaner anno 1915 einen Aufstand wagten, der freilich blutig niedergeschlagen wurde.

Solche Aufstände gab es bis ins 21. Jahrhundert hinein. Sie wurden von Chile mit brachialer Gewalt niedergeknüppelt. Eine kleine Gruppe möchte, dass die Osterinsel unabhängig von Chile wird. Die Mehrheit der Menschen von »Rapa Nui« freilich sieht die Lage realistischer. Auch wenn niemand die chilenische Obrigkeit liebt, so glauben die meisten Insulaner, dass eine unabhängige, eigenständige Osterinsel nicht überlebensfähig ist.

Die Petroglyphen sind vom »Zahn der Zeit« bedroht. Das betrifft auch die Statuen. So manche Statue ist heute kaum noch als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk zu erkennen. Der zerstörerische Erosionsprozess wird durch Salzpartikel in der Meeresluft, subtropischer Regen und die Austrocknung des Steins beschleunigt. Man müsste Statuen wie Petroglyphen irgendwie konservieren, schonend abdichten, ohne den Stein zu beschädigen. Der Verfall würde gestoppt, könnte man Steine und Statuen abdichten, so dass kein Wasser mehr eindringen kann. Der Berliner Restaurator Stefan Maar, jubelte die Presse 2003, habe mit seinem Unternehmen eine entsprechende Methode entwickelt. Es würde Neubildung von Algen und neuerliches Eindringen von salzhaltigem Wasser in den Stein verhindert. Die Statuen wären vor weiterem Verfall gerettet. Der Plan ist alles andere als neu.

Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue.

»Die Riesen werden gerettet«, vermeldete das »Hamburger Abendblatt« am 3. Dezember 2003 (3). Und weiter war da als Zwischenüberschrift zu lesen: »Osterinsel: Die steinernen Monumente bröckeln. Ein Berliner restauriert sie im Auftrag der Unesco.« Bereits 2005 sollte mit der Konservierung der Statuen begonnen werden. Dazu ist es offenbar nicht gekommen. War das Verfahren doch nicht so wirkungsvoll wie erhofft und dazu vielleicht auch noch viel zu teuer? So verrotten Statuen und Reliefs weiter. »Die Statuen sterben!«, hörte ich manchen Osterinsulaner sagen. Resignierend!

Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin.

Observatorien, beobachtete Sterne in den Tiefen des Weltalls, Erinnerungen an einen Kult um »Make Make«, den fliegenden Gott und Mischwesen aus Mensch und Tier, zum Teil gigantische Statuen – das sind Mosaiksteine vom faszinierenden Bild »Fantastische Vergangenheit der Osterinsel«, von denen leider viel zu viele verloren gegangen sind. Ob wir jemals erkennen können werden, wie dieses fantastische Bild in seiner Gesamtheit ausgesehen hat? Welche Rolle spielen die »Astronautengötter« in diesem Bild?

Mir scheint, die frühen Osterinsulaner wussten mehr als man ihnen auch heute noch nach wie vor zutraut. Und wir wissen über die Kultur der Osterinsel sehr viel weniger als uns gern eingeredet wird, als wir uns gern einbilden. Ich bin skeptisch, befürchte, dass wir die wahren und ältesten Geheimnisse der Osterinsel niemals verstehen werden. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man sie gar nicht wirklich kenn. Und das liegt daran, dass – wie Robert M. Schoch schreibt (4) »ein Großteil der einheimischen Kultur der Osterinsel durch die europäischen Kontakte ausgerottet und danach hauptsächlich durch importierte polynesische Vorstellungen wieder rekonstruiert worden war«.

Mir scheint, dass die wahre Geschichte der Osterinsel bis heute nicht erzählt worden ist, weil nach wie vor bestritten wird, dass sie womöglich viele Jahrtausende früher ihren Anfang nahm als wir glauben.

Robert M. Schoch schreibt (5): »Meine Arbeit an der Neudatierung der berühmten Sphinx von Ägypten zeigt, dass Zivilisation und fortschrittliche Kultur sich auf Tausende von Jahren früher datieren lassen, als die konventionellen Archäologen gemeinhin akzeptiert hatten. Dieselbe Geschichte scheint auf die ältesten Moai der Osterinsel zuzutreffen, die möglicherweise Tausende von Jahren älter sind, als allgemein geglaubt wird.« Buchautor und Journalist Frank Joseph fest, dass diese Annahme völlig falsch ist. De facto wurde die Arbeit an den Kolossen, so Frank Joseph, vor mindestens zweitausend Jahren beendet! Diese Erkenntnis, von Frank Joseph im seriösen Fachblatt »Ancient American – Archaeology of the Americas before Columbus« (6) publik gemacht, hätte einschlagen müssen wie eine Bombe. Sie wird aber bis heute weitestgehend ignoriert. Verdeutlichte Frank Joseph, dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den Lehrbüchern steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.
     

Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann.

Vor über einhundert Jahren, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (*1851;†1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor. Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten. Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein!

Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (7), vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren (8) »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Seit Jahren besinnt man sich auf der Osterinsel wieder der eigenen Wurzeln. Die alten Bräuche werden wieder belebt und praktiziert. Rapanui, die alte Sprache der Insel, kommt wieder zu Ehren und wird wieder an der Schule unterrichtet. Auch die uralten Tänze werden wieder einstudiert und praktiziert. Und heutige Künstler stellen wieder die ältesten Motive in ihren Werken dar, Make Make und Vogelmänner oder Vogelmenschen.


Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf.

Was lange Zeit gering geschätzt wurde, wird wieder geachtet. Offenbar hat man den hohen Wert der eigenen Wurzeln wieder erkannt. Die alten Traditionen sind für die Menschen von »Rapa Nui« so etwas wie ein Koordinatensystem, das ihnen Orientierung bietet. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was viele Osterinsulaner heute schmerzlicher denn je vermissen, das ist Vergangenheit, die ihnen geraubt wurde.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891. Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 69, Pos. 951
(2) ebenda, Seite 69, Pos. 957
(3) https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article106814960/Die-Riesen-werden-gerettet.html (Stand 03.06.2018)
(4) Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook, »Ancient Mail Verlag Werner Betz, Groß Gerau, 1. Auflage Juli 2014, Pos. 205
(5) Ebenda, Pos. 254
(6) »Ancient American before Columbus«, Colfax, Wisconsin, USA,
Vol. 2#12, Seite 9: »Editorial: Vindication at Easter Island«
(7) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, ohne Jahresangabe
(8) Ebenda, S. 473 u. 474

Zu den Fotos
Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«. (Foto gemeinfrei)
Foto 2: »USS Mohican«. (gemeinfrei)
Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«. (gemeinfrei).
Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf. Archiv Langbein
Foto 9: Staunend steht er vor dem Haupt eines Riesen.







452 »Die Osterinsel, Ausgeburt der Hölle«,
Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.09.2018


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Sonntag, 14. August 2016

343 »Tempel auf dem Meeresgrund«

Teil 343 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Fotos 1 und 2: Der Küstentempel bei Tag und bei Nacht

Meinen ersten Besuch stattete ich Mahabalipuram bei Nacht ab. Es war nach einem glühend heißen Tag immer noch schwül warm. Doch eine sanfte nach Tang und Fisch riechende Briese machte die Temperatur erträglich. Das Meeresrauschen, die spritzende Gischt, die Sterne am pechschwarzen Himmel und der gespenstisch wirkende, mit Scheinwerfern angestrahlte Tempel direkt am Meer, all das ergab eine surreal wirkende Atmosphäre. Ich fühlte mich wie auf einen fernen, fremden Planeten versetzt, als staunender Erdenwicht, der nicht begreifen konnte, in was für eine Welt er geraten war.

Kleine Tempel – so es denn Tempel waren – aus Stein wuchsen aus dem gewachsenen Fels der Erde. Da und dort waren vage Pilger zu erkennen. Einige trugen Fackeln, andere Taschenlampen und wieder andere waren mit Öllampen ausgestattet. Manche trugen Blumen bei sich, die sie im Tempel an der Küste ablegten. Wieder andere blieben scheu vor dem Eingang stehen, blickten ins Innere des »Gotteshauses«, murmelten etwas leise vor sich hin. Beteten sie? Baten sie um Beistand einer Göttin? Bedankten sie sich bei einem Gott? Weit über 100.000.000 Göttinnen und Götter sind den Hindus Indiens bekannt.

Foto 3: Kleine Tempel wachsen aus dem Stein

Mein zweiter Besuch fand bei Tageslicht statt. Ich meinte erkennen zu können, dass der Küstentempel quasi auf einer steinernen »Landzunge« stand. Der Eindruck täuscht. Der Küstentempel war weit mehr als ein Jahrtausend den Gewalten des Meeres direkt ausgesetzt und drohte beschädigt, ja zerstört zu werden. Vermutlich hätte das sakrale Bauwerk dem Tsunami vom 26. Dezember 2004 nicht standhalten können, wenn nicht im Auftrag von Indira Gandhi rechtzeitig Schutzmaßnahmen ergriffen werden wären. Mit erheblichem technischen Aufwand wurde dem uralten Bauwerk zum Meer hin ein massiver Schutz verabreicht : Vor allem massive Wellenbrecher aus teils gewaltigen Felsbrocken und eine zusätzliche Mauer.

Foto 4: Das gigantische Steinrelief

Ich marschierte den Weg vom gigantischen Steinrelief mit der vom Himmel kommenden Göttin, vorbei an den fünf steinernen Rathas bis hin zum Küstentempel. Die Landschaft war bizarr. Aus dem staubigen Boden wölbten sich Steinstrukturen, kleine und große. Am ehesten erinnerten sie mich an die Buckel von Walen. Die Rücken der Meeressäuger freilich waren aus Stein. Aus Granit, wie man mir vor Ort versicherte.

Foto 5: Blick aufs Meer
Vom Inneren des Tempels aus blickt man auf das tosende, peitschende Meer. Da draußen, so hieß es bei meinem Besuch, ruhen sechs weitere Tempel auf dem Meeresgrund. Derlei lebende Legenden wurden gern als märchenhafte Erfindungen fantasiebegabter Menschen belächelt und abgetan. Immerhin  erhielt die Hafenstadt Mahabalipuram den Beinamen »Sieben Pagoden«, weil es sechs weitere Tempel wie den Küstentempel gegeben haben soll. Unklar ist, seit wann man von den sechs Tempeln auf dem Meeresgrund spricht. D.R. Fyson, ein Engländer, lebte lange Jahre in Madras, verfasste ein sachkundiges, fundiertes Werk über Mahabalipuram. Er schreibt (1):

»Die Überlieferung versichert, dass der Küstentempel als einzige von sieben Pagoden übrig geblieben ist, die einst eine schöne Stadt (Mahabalipuram) zierten. Es heißt, dass die Kronen der anderen Pagoden gelegentlich unter den Wellen glänzen. Nach der Legende konnte der König dank der Hilfe einer Nymphe den Hof von Indra im Himmel besuchen. Nach seiner Rückkehr (zur Erde) gelobte er, seine Stadt (Mahabalipuram) genauso prachtvoll zu gestalten. Das erweckte Indras Eifersucht und Indra stieg in einem großen Sturm herab und ließ den Ozean ansteigen und die Stadt überfluten.«

Vorsichtig formulieren Dr. Robert M. Schoch und Robert Aquinas McNally (2): »Die Stätte besteht aus großen überfluteten Strukturen, in denen manche Betrachter das Werk menschlicher Hände zu erkennen meinen. Mahabalipuram mag eine verlorene Stadt der Pyramidenbauer gewesen sein, vielleicht aber auch eine nicht richtig erkannte geologische Formation.« Dr. Schoch und McNally fordern eine gründliche wissenschaftliche Untersuchung.

Foto 6: Zentrum des Riesenreliefs

Vor (vielen?) Jahrtausenden sollen – auch in Mahabalipuram –  erste »primitive« Tempel aus Holz entstanden sein. Es mögen einfache Holzhütten gewesen sein, in denen Begräbniszeremonien abgehalten wurden. Man wechselte – wann auch immer – zum Granit als Material und legte »Höhlentempel« an.  Die Bearbeitung des harten Gesteins setzt fortgeschrittene Steinmetzkunst und entsprechende Werkzeuge voraus. Ursprünglich mögen von der Natur geschaffene Höhlen als sakrale Orte für religiöse Zeremonien genutzt worden sein. Wo es aber keine natürlichen Höhlen gab, wurden welche künstlich geschaffen. Das geschah auch in Mahabalipuram. Diese »Höhlen« waren anfangs freilich allenfalls kleine Kammern, die man in Granitbrocke hinein meißelte.

Im fünften, sechsten und siebten Jahrhundert begnügte man sich nicht mehr mit derlei Kammern. Aus Granitfelsen modellierte man kleine Tempel, die man Rathas nannte. Andere Bezeichnungen: Vimanas, Karren oder Tempelwagen. Fünf solche Rathas sind neben dem riesigen Steinrelief Hauptanziehungspunkte für einheimische Pilger wie für Touristen aus aller Welt.

Was mir schnell auffiel: Sowohl das riesige Steinrelief als auch die Rathas wurden nicht vollendet. Irgendwann müssen die Steinmetze von heute auf morgen ihr unvollendetes Werk seinem Schicksal überlassen haben. Warum?

Das Steinrelief zeigt in der Mitte, in einem von der Natur geschaffenen Felsspalt, den vom Himmel zur Erde herabströmenden Fluss. Rechts davon fallen vor allem zwei riesige Elefanten auf, die – wie auch die kleinen Elefanten darunter – sehr realistisch und naturgetreu verewigt wurden. Links vom Himmelsfluss wurde nur ein Teil der steinernen Fläche bearbeitet. Man erkennt klar, dass Vorbereitungen für das Einmeißeln weiterer Figuren getroffen wurden. Dazu kam es aber nicht. Die Arbeiten wurden – warum auch immer – abgebrochen.

Foto 7: Das Riesenrelief blieb unvollendet

Löst man den Blick von den Darstellungen von Tänzern, Zwergen, Elefanten, die zu Hunderten im Relief verewigt wurden, fällt eine fast kahle Stelle größeren Ausmaßes links vom Himmelsfluss auf. Unten, direkt links neben dem Fluss, erkennen wir die Darstellung eines Tempelchens. Davon links wurden einige wenige Tiere, wiederum sehr naturalistisch, in den Stein gemeißelt. Sie wurden allerdings zum Teil offenbar nicht vollendet. Es sieht so aus, als hätten die Künstler unvermittelt Hammer und Meißel zur Seite gelegt, um nie mehr ihr Werk fortzuführen. Und weiter links kann man erste rudimentäre Anfänge neuer Reliefbilder erkennen (Foto 8).

Foto 8: Rudimentäre Anfänge von neuen Reliefbildern

Warum wurden diverse Steinmetzarbeiten in Mahabalipuram nicht beendet? Starb der Auftraggeber? Wurde er abgesetzt? Oder ereignete sich eine Naturkatastrophe, die so gravieren war, dass alle Arbeiten an Pagoden, Tempeln und Reliefs abrupt abgebrochen wurden? Gab es dank eines gravierenden Klimawandels einen erheblichen Anstieg des Meeresspiegels, so dass sechs der sieben Pagoden von Mahabalipuram in den Fluten versanken?

Zu diesem spannenden Thema schreiben John und Mary Gribbin (3): »Die eiszeitlichen Menschen waren aber auch Küstenbewohner, die mit Sicherheit an den Rändern von Mittelmeer und Nordsee, aber auch entlang der Großen Australischen Buch und anderen Meeresufern lebten. Manche Forscher vermuten, dass die Hauptzentren dieser frühmenschlichen Besiedlungen in Gebieten lagen, die heute vollständig vom Meer überschwemmt sind. Vermutlich war der primäre Effekt von Klimawechseln und Überschwemmungen im Küstenbereich, dass die damalige Bevölkerungszahl drastisch reduziert wurde. Die katastrophalen Begleiterscheinungen dieser Geschehnisse bilden daher den Ursprung jener Legenden von der großen Flut (Sintflut), die seit Urzeiten überliefert werden. Zwischen 15.000 und 10.000 v.Chr. stieg der Meeresspiegel weltweit um mindestens 50 Meter und bis 5.000 v.Chr. hatte er weitere 40 Meter zugenommen.«

Foto 9: Waren die Inseln immer Inseln?
Das Phänomen von Bauten auf dem Meeresgrund ist bis heute viel zu wenig erforscht. Mir scheint, man hat lange Zeit so gut wie gar nicht nach versunkenen Bauwerken gesucht, weil man entsprechende Überlieferungen gern als frei erfundene Phantastereien abtat. Neuerdings aber scheint sich das Blatt zu wenden.

Ich erinnere mich sehr gern an meine Reisen nach Nan Madol, Pohnpei, Archipel der Karolinen, Föderierte Staaten von Mikronesien. Nan Madol wird als das »Venedig der Südsee« bezeichnet. Die Bezeichnung passt, heute zumindest. Da gibt es Miniinseln mit steinernen Bauten oder zumindest Ruinen, dazwischen oft schmale Wasserwege. Rund 90 künstlich geschaffene kleine Inseln trugen einst alle massive Steinbauten aus Basaltsäulen. Doch waren die Inseln immer schon Inseln?

Mein Eindruck: Der Komplex von Nan Madol bestand einst aus einem zusammenhängenden, geschlossenen Areal von mindestens 80 Hektar Größe.  Auf alle Fälle wurde der recht große Komplex wie auf dem Reißbrett geplant und gebaut. Von Anfang an wurde alles im Ganzen geplant. Zum Meer hin wurde eine massive Mauer, ebenfalls aus Basaltsäulen aufgetürmt. Offensichtlich war man sich der Gefahr bewusst. Viel geholfen hat der Schutzwall nicht. Nan Madol wurde überflutet.

Foto 10: Unterwegs auf einem der »Kanäle«

Als der Meeresspiegel stieg, wurden die Straßen zwischen den »Tempeln« zu Kanälen, die steinernen Bauten auf ihren massiven Fundamenten zu Inseln. Bei einigen der »Kanäle« konnte ich feststellen, dass sie – heute unter Wasser – gepflastert sind. Taucher beteuern: Es gibt ähnliche Bauten aus Basaltsäulen vor Nan Madol, auf dem Meeresgrund.


Foto 11: Autor Langbein unterwegs zu den Ruinen
Fußnoten

(1) Fyson, D.R.: »Mahabalipuram or Seven Pagodas«, Madras 1949, Seite 28,
Übersetzung aus dem Englischen durch Walter-Jörg Langbein
(2) Schoch, Dr. Robert M. und McNally, Robert Aquinas: »Voyages of the Pyramid Builders«, eBook-Version, Pos. 844 und Pos 845
(3) Gribbin, John und Mary: »Kinder der Eiszeit – Beeinflußt das Klima die Evolution der Menschen?«, Frankfurt am Main 1994, S. 162

Zu den Fotos

Fotos 1 und 2: Der Küstentempel bei Tag und bei Nacht. Fotos W-J.Langbein
Foto 3: Kleine Tempel wachsen aus dem Stein. Foto um 1910 entstanden. Archiv W-J.Langbein
Foto 4: Das gigantische Steinrelief. Foto wikimedia commons/  Bernard Gagnon
Foto 5: Blick aufs Meer. Foto um 1910 entstanden. Archiv W-J.Langbein
Foto 6: Zentrum des Riesenreliefs. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Das Riesenrelief blieb unvollendet. Foto wikimedia commons/  Bernard Gagnon
Foto 8: Rudimentären Anfänge von neuen Reliefbildern. Foto wikimedia commons/  Bernard Gagnon 
Foto 9: Waren die Inseln immer Inseln? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Unterwegs auf einem der »Kanäle«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11:  Autor Langbein unterwegs zu den Ruinen. Foto Marianne Schartner


344 »Legende aus Stein«,
Teil 344 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 21.08.2016


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