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Sonntag, 31. März 2019

480 »Nabel des Lichts«

Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute.

Nach 120 Tagen auf See erreichten die Flüchtlinge die Osterinsel, während ihre alte Heimat in den Fluten des Pazifiks versank. In der Anakena-Bucht gingen sie, müde, erschöpft und erleichtert, an Land. Neben der aus 67 Schrifttafeln bestehenden Bibliothek hatten sie etwas noch Wertvolleres gerettet. Sie nannten dieses geheimnisvolle Etwas in ihrer melodischen Rapa-Nui-Sprache »Te-pito-te-Kura«. Dieses mysteriöse Etwas sei ihr wertvollster Besitz gewesen, den sie mit in die »Neue Heimat«, die Osterinsel brachten (1).

Die Anakena-Bucht bietet einen schmalen Streifen Sandstrand. An den Rändern tummeln sich oft Scharen von Seeigeln. Der Badende, der sich näheren Kontakt mit den Stacheltieren ersparen möchte, hält sich am besten in der Mitte. Einen Katzensprung von der Anakena-Bucht  entfernt ragte einst auf seiner soliden Plattform der steinerne Riese Namens »Paro« in den Himmel. Er liegt heute in Trümmern auf der Nase und bietet einen traurigen Anblick.

»Geboren« wurde »Paro« im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater. Von dort bis zu Paros bemitleidenswerten Resten sind es »nur« knapp sechs Kilometer. Diese sechs Kilometer kommen einem wie eine strapaziöse Langstreckentour vor, wenn man sie bei strahlendem Sonnenschein zu Fuß zurücklegt. Eine kleine Weltreise muss diese kurze Strecke für jene gewesen sein, die den Koloss vom Steinbruch an die Küste schafften.

Foto 2: Steiniger »Strand«

Sechs Kilometer weit wurde der steinerne Riese »Paro« – wie auch immer – transportiert. Man bedenke: Er maß einst fast zehn Meter, bevor er umgestürzt wurde und in mehrere Teile zerbrach. Eine Meisterleistung! Man schätzt sein Gewicht auf 82 Tonnen! Auf seinem Haupt thronte einst ein steinerner »Hut«. Der tonnenförmige rötliche Stein ist zwei Meter hoch und wiegt allein fast zwölf Tonnen.  Er stammt von einem anderen »Steinbruch«, von »Puna Pau« und musste fast 18 Kilometer querfeldein befördert werden. Mit »Hut« wiegt der Koloss also fast 94 Tonnen.

In der Theorie funktionierte alles ganz einfach: Man brachte den Koloss in die Senkrechte, schob ihn auf sein Podest, baute eine Rampe, die bis zum Kopf des Riesen reichte. Über diese Rampe rollte man den Hut (12 Tonnen!)  nach oben und platzierte ihn in luftiger Höhe auf den Kopf des Giganten. Wer nicht an Klaustrophobie leidet und auch sonst kein ängstlicher Mensch ist, der kann unter den Unterleib des steinernen Kolosses krabbeln und wird eine interessante Ritzzeichnung entdecken: von einem Segelschiff mit zwei Masten. Ich vermute, dass der Koloss schon alt war, als Osterinselkünstler das Abbild eines Segelschiffs in seinen Leib ritzten. Die Gravur offensichtlich erst nach Ankunft der Europäer im 18. Jahrhundert angebracht.

Foto 3: Piropiro und 2 Besucher
Übrigens: Noch größer als der heute zerbrochene  Riese »Paro« ist der Moai »Piropiro«. 11 Meter misst er vom Nabel bis zum Scheitel. Allerdings ließ man den Giganten unweit des Steinbruchs am »Rano Raraku«-Krater einfach stehen. Fünf Meter sank er in den Boden. Halb steckt er im Boden, halb ragt er aus dem Erdreich.  Oder wurde er, um ihm sicheren Halt zu bieten, halb eingegraben?

Der frühe Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg (*1851; †1918), 1888 bis 1918 Konsul von Venezuela für die Schweiz,  war von den großen Kulturen unseres Globus fasziniert. Die Monumente, die unsere Vorfahren weltweit bereits vor Jahrtausenden errichteten, verblüfften den Weltenbummler immer wieder. Nichts aber faszinierte ihn so wie die Kolosse auf der Osterinsel. Von Hesse-Wartegg schrieb kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (2), dass die schweigenden Riesen von »unbekannten Schöpfern« gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssten. 

Von Hangaroa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, kann man den Strand der Anakena-Bucht per PKW, Motorrad, Fahrrad oder Pferd auf inzwischen recht ordentlichen Straßen erreichen. Eine recht ordentliche Straße führt von Hangaroa aus Richtung Norden, Richtung Anakena-Bucht. Kurz bevor man die Küste erreicht kommt man an eine Kreuzung und biegt nach rechts ab. Nach zwei Kilometern erreicht man einen kleinen Parkplatz und ist am Ziel.

Es ist ohne Zweifel nicht ohne Reiz auf dem Rücken eines Pferdes die Osterinsel zu erkunden. Allerdings stellt sich dann immer wieder die Frage, was man mit dem braven Pferd macht, wenn man – zum Beispiel – den »Nabel der Welt« näher in Augenschein nehmen möchte. Anders als im »Wilden Westen« gibt es keine Parkplätze für Reitpferde. Nirgendwo sind Halterungen zum Anbinden des treuen Rosses angebracht.

Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht

Man kann auch mit dem Auto bis zur Anakena-Bucht fahren, unter Palmen parken und den Rest zu Fuß gehen. Vom Sandstrand der Anakena-Bucht zum »Nabel der Welt« ist es nicht weit, der Weg an der steinigen Küste entlang bringt den Wanderer der echten Osterinsel-Atmosphäre näher.

Was mich schon lange beschäftigt: Wissen wir, was »Te-pito-te-Kura« war? Und ist diese Kostbarkeit heute noch vorhanden? » Te-pito-te-Kura« heißt zu Deutsch heißt der klangvolle Name: »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts«. Was dürfen wir uns unter einem »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts« (3) vorstellen? Die »offizielle« Erklärung: Der mysteriöse »Nabel« sei nichts anderes als ein Spheroid (4) aus dichtem, kristallinem Vulkangestein von schwarz-grauer Färbung.

Foto 5: »Nabel der Welt«?
Der seltsame Stein ist nicht als Skulptur komplett neu geschaffen worden. Es handelt sich also nicht um so etwas wie eine Skulptur. Er scheint aber von kundiger Hand etwas »geformt« und »glattpoliert« worden zu sein. In welchem Umfang der »Nabel« bearbeitet wurde, das lässt sich nicht mehr genau feststellen. Offenbar ist er eisenhaltig, deshalb lässt er jeden Kompass verrücktspielen. Fakt ist: Der Stein – Umfang 2,53 Meter – stammt eindeutig von der Osterinsel, das ist erwiesen.  Der mysteriöse »Licht-Nabel« soll aber vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel geschafft worden sein. Irgendwie wurde irgendwann aus dem »Lichtnabel« der »Nabel der Welt«, »Te-pito-te-henua«. Genauer gesagt: Er bildet das Zentrum eines eigenartigen Ensembles: um den großen zentralen Stein angeordnet sind vier wesentlich kleinere Steine. Das Ganze wiederum wird von einem niedrigen Steinmäuerchen umschlossen.

Je gründlicher ich mich mit der seltsamen Anordnung beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass man recht wenig weiß. Einen Besuch ist die geheimnisvolle Anlage allemal wert. Allerdings muss ich zugeben: Meine Recherchen zerstörten so manche meiner Illusionen. Offensichtlich ist der Komplex, bestehend aus Mäuerchen, einem größeren zentralen und vier kleineren Steinen, kein uraltes Heiligtum der Osterinsel. Im kleinen Museum der Osterinsel zeigte man mir einige vergilbte Fotos, die ältesten stammten aus den 1970er Jahren. In einer Aufnahme, angeblich Mitte der 1970er Jahre entstanden, sieht man nur den großen, eiförmigen Stein am steinigen Strand liegen. Weder die um den Stein platzierten vier kleineren Steine, noch das Mäuerchen sind da zu sehen. Das heute Touristen gezeigte Gesamtensemble ist offensichtlich erst nach 1970/ 1975 entstanden.

Unklar ist, wer das Mäuerchen erbaut hat und warum. Waren es Osterinsulaner? Waren es die Mitglieder einer Reisegruppe von Esoterikern? Wer gruppierte wann die vier kleineren »Steineier« um den steinernen »Nabel der Welt«. Waren es die Esoteriker, die sich auf die vier relativ unbequemen Steine setzten, um mit den Händen die Kräfte des zentralen Steins zu erspüren? Waren es Osterinsulaner, die esoterisch angehauchten Besuchern etwas bieten wollten? Oder waren es Einheimische mit Humor, die sich darüber amüsierten, was man den leichtgläubigen Touristen alles erzählen konnte.

Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«?

Bei meinem ersten Besuch vor Ort anno 1982 erklärte mir mein »Pensionswirt«, dass das »Mäuerchen« immer wieder verändert wird. Mal ist es kniehoch, mal hüfthoch, mal ist es breiter als hoch, mal höher als breit, mal hat es einen »Eingang« und mal nicht, mal weist der Eingang Richtung Meer, mal in die entgegengesetzte Richtung. Auch scheint sich die Form des Mäuerchens zu verändern, mal ist es runder, mal ovaler. Diese Veränderungen lassen darauf schließen, dass das Ganze für die Osterinsulaner keine religiöse Bedeutung hat.

Unbestreitbar ist: Eine alte Sage berichtet von »Te-pito-te-Kura«, vom »Nabel des Lichts«, der vom Atlantis der Südsee mit auf die Osterinsel gebracht wurde. Der »Nabel-der-Welt-Stein« stammt aber definitiv von der Osterinsel selbst. Deshalb ist es vollkommen ausgeschlossen, dass der zentrale schwarzbraune Stein im Mäuerchen dieser »Nabel des Lichts« ist.

Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«

Heute gehört ein Besuch beim »Nabel der Welt« zum Pflichtprogramm für Osterinselbesucher. Dessen ungeachtet: Die Attraktion ist keine 50 Jahre alt. Es ist gut möglich, dass das leicht erreichbare Ensemble in Anlehnung an die alte Sage geschaffen wurde, vielleicht von esoterischen Touristen, vielleicht von Osterinsulanern.

Wo aber befindet sich dann der wirkliche »Nabel des Lichts«? Wartet das mysteriöse Objekt irgendwo in einer unterirdischen Kammer darauf, wieder entdeckt zu werden? Die Bezeichnung »Nabel des Lichts« lässt viel Raum auch für kühne Gedankenspiele und Spekulationen.

Fußnoten
(1) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82, Seite 61, letzter Absatz unten
(2) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, o.J., S. 473 u. 474
(3) Im Englischen: »navel of light«.
(4) Spheroid: Keine Kugel, sondern ellipsenartig im Querschnitt

Zu den Fotos
Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute. Foto vor 100 Jahren Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto heute: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Steiniger »Strand«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piropiro und 2 Besucher, links Elfriede Wellbrock, der Herr mit ausgestrecktem Arm ist Walter-Jörg Langbein. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: »Nabel der Welt«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Kuriose Osterinselfigur - verfremdet, bnasierend auf einer Zeichnung 
von Grecte C. Söcker. Verfremdung und Collage: Walter-Jörg Langbein 
(links!)



481 »Eine Osterinselstatue auf der Insel der Meuterer?«,
Teil 481 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 7. April 2019




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Sonntag, 9. September 2018

451 »Die drei Schönen, kleine Augen und sterbende Statuen«


Teil 451 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«

Kapitänleutnant Wilhelm Geiseler von der »Hyäne« verbrachte anno 1882 im Auftrag der »Kaiserlichen Admiralität« mehrere Tage auf der Osterinsel. Die »Ethnologische Abteilung der königlich preußischen Museen in Berlin« hatte den Marinemann beauftragt, »wissenschaftliche Untersuchungen« der unterschiedlichsten Arten durchzuführen. So sollte er möglichst profunde Erkenntnisse über »Sitten und Gebräuche« der Osterinsulaner sammeln, Zeichnungen der »Kultobjekte«, der Steinriesen und von Kunstwerken jeder Art anfertigen lassen.

Wie viele Stunden oder gar Tage wohl für die Erkundung des »Kultdorfes Orongo« aufgebracht wurden? Erhebliche Schäden wurden angerichtet. Leider trifft die Bezeichnung »Plünderung« oftmals viel eher zu als »archäologische Ausgrabungen«. Gerade auf der Osterinsel wüteten vermeintlich archäologisch Interessierte schlimmer als anderenorts Grabräuber.

Anno 1882 waren noch vor Ort noch wahre Schätze vorhanden: bemalte Steinplatten, die das Innere der Häuschen zierten. Einige dieser Bildwerke scheinen relativ jung zu sein, zeigen sie doch offensichtlich europäische Schiffe. Andere waren sehr viel älter. Lange Zeit scheint Tradition gelebt worden zu sein. Ein Motiv tauchte immer wieder auf: der mysteriöse Gott »Make Make«. Sein verwittertes maskenhaftes Gesicht findet auch heute noch, wer sorgsam uralte gravierte Steine untersucht.

Foto 2: »USS Mohican«

Vier Jahre später, also 1886, erschien das US-Schiff »Mohican« vor der Küste der Osterinsel. Die Besatzung kam an Land und richtete zum Teil erheblichen Schaden an. In der kurzen Zeit vom 18. bis 31. Dezember wurden gut erhaltene Petroglyphen abgeschlagen und an Bord geschleppt. Die Kunstwerke befinden sich heute im »Smithsonian Institution«, Washington. Und sicher auch irgendwo in Privatsammlungen, die für die Forschung verloren sind.

William Thomson, Zahlmeister der »USS Mohican«, fotografierte als erster auf dem mysteriösen Eiland. Auf einem Foto sieht man ein gewaltsam aufgebrochenes Haus im Orongo-Zentrum und zwei große flache Steinplatten, die man ins Freie gezerrt hat. Auf den Steinplatten haben unbekannte Künstler typische »Vogel-Mann«-Motive aufgemalt, ganz ähnlich jenen die als Petroglyphen verewigt wurden. Was geschah mit den bemalten Steinen, die mit brachialer Gewalt aus den Wänden gerissen wurden, wobei die Häuschen zum Teil erheblich beschädigt wurden?

Schlimmer noch: Anno 1891 erschien in Washington, herausgegeben vom »Government Printing Office«, William Thomsons Bericht »Te Pito Te Henua, Or Easter Island«. Thomson (1): »Häuser 1, 5 und 6 wurden mit großer Anstrengung abgerissen und die mit Fresken versehenen Steinplatten wurden beschafft Grabungen unter den Türpfosten und unter den Fußböden förderten nichts zutage, abgesehen von einigen wenigen steinernen Utensilien.« Die glatten Steinplatten, so stellt Thomson fest, wiesen sehr wenig Eingeritztes auf. Die glatten Platten, die an Wänden und Decken angebracht waren, waren mit mythologischen Figuren und primitiven Bildnissen in Weiß, Rot und Schwarz geschmückt.

Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«

Ansonsten, so stellt Thomson bedauernd fest, waren die Räume komplett leer. Er unterstellt, dass Einheimische die Häuschen geplündert und an die Besatzungen von Schiffen verkauft haben. Ausländische Besucher hätten wachsendes Interesse an derlei Objekten gezeigt. So sei Nachfrage entstanden, die von den Osterinsulanern befriedigt wurde. Thomson (2): »Was auch immer an Schätzen sie (die Häuschen) in früheren Jahren beinhaltet haben mögen, wir fanden sie leer vor und unsere Suche brachte nichts von Wichtigkeit zutage.«

Der Archäologe Edwin Ferdon (* 1913;†2002) entdeckte bei Ausgrabungen im »Zeremonialdorf« von Orongo seltsam geformte, bearbeitete Steine mit Bohrlöchern. Er kam zum Schluss, dass es sich bei den Steinsetzungen um ein »Observatorium« gehandelt habe. Warum gibt es die Ortsangabe »Ko Te Papa Ui Hetu’u« auf der Osterinsel, zu Deutsch »Der Stein, von aus man die Sterne sehen kann«?

Deutet der Name auf ein Observatorium hin? Vergeblich suchte ich bei meinen Besuchen vor Ort nach Spuren dieser Observatorien. Ich habe leider nichts gefunden. Observatorien auf »Isla la Pascua«? »Mein« Guide wunderte sich über mein Staunen. Aber natürlich hätten seine Vorfahren Observatorien gebaut und benutzt. Dabei sei es weniger um die Beobachtung von Sonne und Mond gegangen. »Für die Landwirtschaft ist es nicht sehr hilfreich, an welchem Tag eine neue Jahreszeit beginnt. Gesät und geerntet wird nicht, wenn es der Kalender fordert. Die Saat wird ausgebracht, wenn das Wetter das zulässt. Und geerntet wird nicht, weil das im Kalender steht, sondern wenn die Früchte reif sind. Das kann je nach Wetter früher oder später sein.«

Der »Gürtel des Orion« und die Plejaden waren für die frühen Astronomen der Osterinsel von großem Interesse. Warum? Niemand scheint das heute mehr zu wissen. »Sie nannten die drei Sterne, die den Gürtel des Orion bilden, ›Tautori‹, ›Die Drei Schönen‹. Die Plejaden hießen bei ihnen ›Matariki‹, ›Kleine Augen‹.«, informierte mich mein »Guide«. Und nicht ohne Stolz frage er mich: »Wieso nannten sie wohl eine bestimmte Höhle ›Ana Ui Hetu’u‹, »Höhle, um aus ich heraus die Sterne zu beobachten‹?« So manche Höhle sei von Astronomen benutzt worden, um aus dem Dunkel heraus den Himmel zu beobachten.

Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen.

Anno 1886 fristeten 155 Osterinsulaner ein ärmliches Dasein auf dem Eiland. Sie wurden bestenfalls geduldet, galten als potentielle Viehdiebe. Vorrang vor den Menschen hatten 600 Rinder und 18.000 nummerierte Schafe. Es sollten weitere Schafe aus Australien eingeführt werden. Am 9. September 1888 annektierte Chile die Osterinsel. Seither gehört die Osterinsel zu Chile. Der Umgang mit den Nachfahren der Statuenbauer kann Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur als menschenverachtend bezeichnet werden. So darf es nicht verwundern, dass die Osterinsulaner anno 1915 einen Aufstand wagten, der freilich blutig niedergeschlagen wurde.

Solche Aufstände gab es bis ins 21. Jahrhundert hinein. Sie wurden von Chile mit brachialer Gewalt niedergeknüppelt. Eine kleine Gruppe möchte, dass die Osterinsel unabhängig von Chile wird. Die Mehrheit der Menschen von »Rapa Nui« freilich sieht die Lage realistischer. Auch wenn niemand die chilenische Obrigkeit liebt, so glauben die meisten Insulaner, dass eine unabhängige, eigenständige Osterinsel nicht überlebensfähig ist.

Die Petroglyphen sind vom »Zahn der Zeit« bedroht. Das betrifft auch die Statuen. So manche Statue ist heute kaum noch als von Menschenhand geschaffenes Kunstwerk zu erkennen. Der zerstörerische Erosionsprozess wird durch Salzpartikel in der Meeresluft, subtropischer Regen und die Austrocknung des Steins beschleunigt. Man müsste Statuen wie Petroglyphen irgendwie konservieren, schonend abdichten, ohne den Stein zu beschädigen. Der Verfall würde gestoppt, könnte man Steine und Statuen abdichten, so dass kein Wasser mehr eindringen kann. Der Berliner Restaurator Stefan Maar, jubelte die Presse 2003, habe mit seinem Unternehmen eine entsprechende Methode entwickelt. Es würde Neubildung von Algen und neuerliches Eindringen von salzhaltigem Wasser in den Stein verhindert. Die Statuen wären vor weiterem Verfall gerettet. Der Plan ist alles andere als neu.

Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue.

»Die Riesen werden gerettet«, vermeldete das »Hamburger Abendblatt« am 3. Dezember 2003 (3). Und weiter war da als Zwischenüberschrift zu lesen: »Osterinsel: Die steinernen Monumente bröckeln. Ein Berliner restauriert sie im Auftrag der Unesco.« Bereits 2005 sollte mit der Konservierung der Statuen begonnen werden. Dazu ist es offenbar nicht gekommen. War das Verfahren doch nicht so wirkungsvoll wie erhofft und dazu vielleicht auch noch viel zu teuer? So verrotten Statuen und Reliefs weiter. »Die Statuen sterben!«, hörte ich manchen Osterinsulaner sagen. Resignierend!

Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin.

Observatorien, beobachtete Sterne in den Tiefen des Weltalls, Erinnerungen an einen Kult um »Make Make«, den fliegenden Gott und Mischwesen aus Mensch und Tier, zum Teil gigantische Statuen – das sind Mosaiksteine vom faszinierenden Bild »Fantastische Vergangenheit der Osterinsel«, von denen leider viel zu viele verloren gegangen sind. Ob wir jemals erkennen können werden, wie dieses fantastische Bild in seiner Gesamtheit ausgesehen hat? Welche Rolle spielen die »Astronautengötter« in diesem Bild?

Mir scheint, die frühen Osterinsulaner wussten mehr als man ihnen auch heute noch nach wie vor zutraut. Und wir wissen über die Kultur der Osterinsel sehr viel weniger als uns gern eingeredet wird, als wir uns gern einbilden. Ich bin skeptisch, befürchte, dass wir die wahren und ältesten Geheimnisse der Osterinsel niemals verstehen werden. Wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass man sie gar nicht wirklich kenn. Und das liegt daran, dass – wie Robert M. Schoch schreibt (4) »ein Großteil der einheimischen Kultur der Osterinsel durch die europäischen Kontakte ausgerottet und danach hauptsächlich durch importierte polynesische Vorstellungen wieder rekonstruiert worden war«.

Mir scheint, dass die wahre Geschichte der Osterinsel bis heute nicht erzählt worden ist, weil nach wie vor bestritten wird, dass sie womöglich viele Jahrtausende früher ihren Anfang nahm als wir glauben.

Robert M. Schoch schreibt (5): »Meine Arbeit an der Neudatierung der berühmten Sphinx von Ägypten zeigt, dass Zivilisation und fortschrittliche Kultur sich auf Tausende von Jahren früher datieren lassen, als die konventionellen Archäologen gemeinhin akzeptiert hatten. Dieselbe Geschichte scheint auf die ältesten Moai der Osterinsel zuzutreffen, die möglicherweise Tausende von Jahren älter sind, als allgemein geglaubt wird.« Buchautor und Journalist Frank Joseph fest, dass diese Annahme völlig falsch ist. De facto wurde die Arbeit an den Kolossen, so Frank Joseph, vor mindestens zweitausend Jahren beendet! Diese Erkenntnis, von Frank Joseph im seriösen Fachblatt »Ancient American – Archaeology of the Americas before Columbus« (6) publik gemacht, hätte einschlagen müssen wie eine Bombe. Sie wird aber bis heute weitestgehend ignoriert. Verdeutlichte Frank Joseph, dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den Lehrbüchern steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.
     

Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann.

Vor über einhundert Jahren, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (*1851;†1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor. Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten. Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein!

Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (7), vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren (8) »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Seit Jahren besinnt man sich auf der Osterinsel wieder der eigenen Wurzeln. Die alten Bräuche werden wieder belebt und praktiziert. Rapanui, die alte Sprache der Insel, kommt wieder zu Ehren und wird wieder an der Schule unterrichtet. Auch die uralten Tänze werden wieder einstudiert und praktiziert. Und heutige Künstler stellen wieder die ältesten Motive in ihren Werken dar, Make Make und Vogelmänner oder Vogelmenschen.


Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf.

Was lange Zeit gering geschätzt wurde, wird wieder geachtet. Offenbar hat man den hohen Wert der eigenen Wurzeln wieder erkannt. Die alten Traditionen sind für die Menschen von »Rapa Nui« so etwas wie ein Koordinatensystem, das ihnen Orientierung bietet. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was viele Osterinsulaner heute schmerzlicher denn je vermissen, das ist Vergangenheit, die ihnen geraubt wurde.

Fußnoten
(1) »Te Pito Te Henua, Or Easter Island by William J. Thomson/ Paymaster, U.S. Navy. From the report of the National Museum, 1888-89, Pages 447-552«. Washington: Government Printing Office 1891. Global Grey 2014, eBook-Ausgabe, Seite 69, Pos. 951
(2) ebenda, Seite 69, Pos. 957
(3) https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/article106814960/Die-Riesen-werden-gerettet.html (Stand 03.06.2018)
(4) Schoch, Robert M.: »Die vergessene Zivilisation/ Die Bedeutung der Sonneneruptionen in Vergangenheit und Zukunft«, eBook, »Ancient Mail Verlag Werner Betz, Groß Gerau, 1. Auflage Juli 2014, Pos. 205
(5) Ebenda, Pos. 254
(6) »Ancient American before Columbus«, Colfax, Wisconsin, USA,
Vol. 2#12, Seite 9: »Editorial: Vindication at Easter Island«
(7) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, ohne Jahresangabe
(8) Ebenda, S. 473 u. 474

Zu den Fotos
Foto 1: Kanonenboot »Hyäne«. (Foto gemeinfrei)
Foto 2: »USS Mohican«. (gemeinfrei)
Foto 3: William Thomson dokumentiert anno 1886 brachiales Vorgehen der »Forscher«. (gemeinfrei).
Foto 4:  Aus Höhlen heraus... Blick zu den Sternen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: Kaum zu glauben das war einmal der Kopf einer Statue. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Zerbrochene Statuen rotten vor sich hin. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Moderne Osterinselkunst - ein Vogelmann. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die alten Künste leben wieder auf. Archiv Langbein
Foto 9: Staunend steht er vor dem Haupt eines Riesen.







452 »Die Osterinsel, Ausgeburt der Hölle«,
Teil 452 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16.09.2018


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Sonntag, 1. Februar 2015

263 »Phallus, Gott und Kirche…«

Teil 263 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1
Vor mehr als einem Jahrhundert bereiste Ernst von Hesse-Wartegg (1854-1918) die Erde und berichtete über »Die Wunder der Welt« (1). Er hatte die amerikanische Staatsbürgerschaft und war Konsul für Venezuela in der Schweiz. Seine abenteuerlichen Reisen führten den echten Weltenbummler auch nach Ägypten und Amerika, nach Zentralamerika und Asien. Mark Twain und Karl May nutzen seine Reiseberichte als Quellen.

Ernst von Hesse-Wartegg schreibt (2): »Der berühmteste Tempel der Hinduwelt indessen ist jener des fünfköpfigen Lingams von Paschpattinath, ein Labyrinth von Tempelhallen, Türmen, Pagoden und Kolonaden, alles von Gold und Silber strotzend. Viele  Tausende von büßenden Brahmanen unternehmen von Tibet her wie von der Südspitze von Indien die beschwerliche Reise nach Nepal, um aus der Hand des Radschguru, das heißt des brahmanischen Oberpriesters, heiliges Lingamwasser zu trinken.«

Foto 2
Ernst von Hesse-Wartegg berichtet (3) über die ganz besondere »Attraktion« von Paschpattinath (heute  gebräuchliche Schreibweise: Pashupatinath): »Die Lingamsäule steht in einer hohen Pagode mit doppeltem Dach, wie sie in Japan gebräuchlich sind. Diese Säule ist das einzig bekannte Idol der Hindureligion, in das an er Spitze fünf Gesichter Gottes eingemeißelt sind, nach den vier Weltgegenden sowie nach dem Himmel gerichtet, um so seine Allgegenwart zu versinnbildlichen.«

Mit dieser Erklärung konnte sich ein Theologieprofessor aus Erlangen ganz und gar nicht anfreunden. In einer teils heftigen Diskussion warf er mir wütend an den Kopf: »Sie wollen Christ sein? Dann distanzieren Sie sich von diesen sündhaften Kulten der Schamlosigkeit und des Verderbens! Es sind steinerne Versuchungen für den wankelmütigen Menschen. Entscheiden Sie sich zwischen Sittsamkeit und Zuchtlosigkeit!

Aber sind die steinernen Phalli wirklich Obszönitäten, wie der gelehrte Theologe evangelisch-lutherischen Glaubens meinte? Fakt ist: Die uralten »Phalli« gehörten im »Alten Indien« zu den heiligsten Symbolen. Sie gehören in den großen Komplex »Gott Shiva«. Shivas Symbol ist der Lingam, eine ganz besondere Säule! Eine uralte Überlieferung erklärt ihre wahre Bedeutung!

Im »Alten Indien« stritten sich einst die Götter, wer von ihnen denn der Höchste sei. Sie konnten sich nicht einigen. Da tauchte gerade noch rechtzeitig am Himmel eine riesige Feuersäule auf. Die war so riesig, dass selbst Gott Brahma nicht an ihr oberes Ende fliegen konnte. Und Gott Vishnu gelang es nicht,  bis zum unteren Ende vorzudringen. Das obere Ende ragte weit in den Himmel, das untere Ende weit in die unergründlichen Tiefen des Meeres. Das Lingam ist also die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Meer und All.

Bei unserer Reise zu zahlreichen Tempeln Indiens begegneten uns immer wieder Lingam-Säulen. Der Ursprung des als heilig angesehenen Lingams ist unklar. Ursprünglich mag er ein »heiliger Stein« gewesen sein, der an Orten aufgestellt wurde, die für den Glauben besonders wichtig waren. Auf der Osterinsel zeigte mir ein Einheimischer in der Familienhöhle seiner Ahnen einen aus dem Vulkangestein heraus gemeißelten »Stab Gottes«. Angeblich sollte er in der nur Familienmitgliedern zugänglichen Höhle an die Allgegenwart des großen Gottes Make Make erinnern, der bei Tag und Nacht weiß, was seine Menschenkinder treiben.

Foto 3

Von der Osterinsel nach Südamerika… Chucuito, am Titicacasee gelegen, hat eine glanzvolle  und geheimnisvolle Vergangenheit. Es war einst eine Metropole der Inka und der Lupaca.  Auch die plündernden und mordenden Spanier wussten um die Bedeutung des uralten Ortes.

Auch unter spanischem Regiment änderte sich nichts,  Chucuito blieb die Hauptstadt der Region. Die katholischen Spanier brandschatzen und folterten, sie bauten aber auch imposante Kirchen im kleinen Fischerdorf Chucuito, zum Beispiel »Iglesia de Nuestra Senora de la Asuncion« und »Iglesia Santo Domingo«.

Im »Taypikala Hotel Lago« hielt mir abends an der kleinen Bar ein »Missionar« (so stellte er sich vor) nach einigen Gläsern »Johnny Walker Black Label« eine »Privatpredigt« über den Sündenpfuhl, das »Sodom und Gomorrha« von Chucuito. Gemeint ist damit der eher unscheinbar wirkende Tempel »Inka Uyu«. Das steinerne Geviert hat – ich habe selbst nachgemessen – eine Länge von zwanzig und eine Breite von zehn Metern. Selbst die Spanier wagten es nicht, die Anlage, die man leicht übersehen kann, abzureißen. Vermutlich sah ihnen die Kultstätte viel zu ärmlich aus, so dass sich eine Plünderung nicht zu lohnen schien. 

Foto 4

War die Anlage immer wieder umstritten, so wurde doch die Echtheit wissenschaftlich bewiesen. Marion und Harry Tschopik waren in den 1940er Jahren vor Ort, haben Ausgrabungen vorgenommen und vor allem auch die schützende Steinmauer untersucht. Sie kamen zum Ergebnis, dass es sich um eine »authentische alte Anlage« handelt. Allerdings ist sie einzigartig in ganz Südamerika, es gibt nichts Vergleichbares. Eine Spekulation sei mir erlaubt: Kamen die Erbauer von auswärts, vielleicht gar aus Indien?

Vor Ort habe ich immer wieder gehört, die mysteriöse Mauer um das »Lingam-Feld« sei von den Aymara errichtet worden. Die Herkunft des Aymara-Volks ist umstritten. Sie könnten Nachkommen der Hochkultur von Tiahuanaco sein, aber auch aus dem nördlichen Peru eingewandert sein. In der Sprache der Aymara, die auch heute noch von den meisten Menschen von Chucuito gebraucht wird, bedeutet »uyu/ uyo« Feld, in der Inka-Sprache Quechua hingegen Penis.

Foto 5

Unklar ist auch, ob die Lingams, die heute im Gemäuer wie Pilze aus dem Boden zu sprießen scheinen, wirklich alle von den Erbauern der Mauer so platziert wurden. Oder wurden einige bei Feld- und Straßenarbeiten gefunden und erst in neuerer Zeit ins Gemäuer gebracht? Wie dem auch sei: Rätselhaft ist die Vielzahl steinerner Lingams, einzigartig in ganz Südamerika! Und: Experten vor Ort haben die Lingams untersucht. Sie sind zweifelsohne sehr alt und wurden aus Material fabriziert, das aus nahe gelegenen Steinbrüchen stammt.

Foto 6

Direkt an der Mauer um den Lingam-Bezirk von Chucuito entdeckte ich seltsam Bauteile aus Stein, die – so eruierte ich vor Ort – bei Ausgrabungen im Tempelareal gefunden wurden. Die Steinteile sehen aus, als seien sie vor Ewigkeiten gegossen worden, als haben Wind und Wetter die einst scharfen Kanten gebrochen. Ob sie einst Teile des Tempels waren? Wenn ja, welche Funktion hatten sie? Eines erinnert an ein Tor, eines an einen Vogel.

Foto 7

Archäologie-Professor Edmundo de la Vega, »Universidad Nacional del Altiplano«, Puno: »Im Moment hat niemand eine Antwort, es gibt nur Spekulation!«

Was mir sofort aufgefallen ist: »Inka Uyu« könnte genauso ein von Hindus errichteter Tempel sein, finden sich doch im Gemäuer eingeschlossen eine Vielzahl von Lingams, die genauso gut in einer Pagode irgendwo in Indien stehen könnten. Im Tempelchen von Chucuito würde sich ein frommer Hindu ebenso in Gottesnähe fühlen wie ein Inka irgendwo in Indien.

Foto 8
 Und wenn wir unvoreingenommen sind, dann ähneln sich der biblische Gott und Shiva sehr. Beide erschienen in einer Feuersäule, beide gelten als allgegenwärtig, allwissend und als Höchster der Hohen! Und der biblische Gott ist wie Shiva Teil einer Götter-Triade. Im Christentum sind es Gottvater, Sohn und Heiliger Geist, im Hinduismus Brahma, Vishnu und Shiva.

Literatur
(1) Hesse-Wartegg, Ernst von: Die Wunder der Welt«, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1912/1913
(2) ebenda, Band I, S. 282
(3) ebenda




Foto 9

 Anmerkungen zu den Fotos

Foto 1: Buchrücken von »Die Wunder der Welt«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Anlage von Pashupatinath. Foto wiki commons Leon Petrosyan
Foto 3: Autor Walter-Jörg Langbein im Tempelgemäuer von Chucuito.
Foto Ingeborg Diekmann.
Foto 4: Phalli wie Pilze, Chucuito. Foto wiki commons Leon Petrosyan
Foto 5: Lingam von Parasurameswar. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Bauteil an der Tempelwand von Chucuito. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Bauteil an der Tempelwand von Chucuito. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Gott Shiva von Halebid. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Cover von »Die Wunder der Welt« von Ernst von Hesse-Wartegg


264 »Begegnung im Urwald«,
Teil 264 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 8.2.2015


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Sonntag, 6. Oktober 2013

194 »Abschied von Rapa Nui«

Teil 194 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von

Walter-Jörg Langbein

Bananenstauden wachsen aus
der Unterwelt.
Foto: Jürgen Huthmann
Kräftige Bananenstauden tragen üppige Büschel ... köstliche Früchte, nicht zu vergleichen mit den in der EU exakt reglementierten Sorten. Bald kann man die Bananen ernten ... Seltsam ... die Stauden scheinen mitten zwischen Steinbrocken zu wachsen. Ich trete näher. Die Stauden, so erkenne ich erst jetzt, wurzeln ein gutes Stück unter der Erdoberfläche, in einem Loch im steinigen Boden. Sie ragen aus dem Eingang zu einer der zahllosen Höhlen auf Rapa Nui in die Südseesonne. Sie wurzeln in der »Unterwelt« ...

So manche Woche habe ich auf der Osterinsel verbracht. Ich habe manchen Abend im Steinbruch an den sanften Hängen des »Rano Raraku«-Vulkans gesessen und das mysteriöse Eiland auf mich einwirken lassen. Ich habe die Verlorenheit des winzigen Eilands im unendlichen Pazifik nachts am Strand von Anakena gespürt, das ewige Rauschen der Wellen gehört ... das Rauschen des Windes in den Palmen. Und ich habe den klaren Sternenhimmel der Südsee genossen. Die große Welt der kleinen Osterinsel ist ein einziges Mysterium. Man muss es vor Ort erlebt haben, das »Geheimnis Osterinsel« lässt sich nicht in Worte fassen, nicht in stillen oder bewegten Bildern einfassen und schon gar nicht wissenschaftlich erklären. Immer wieder hat es mich in eine der Höhlen gezogen ...

Wer heute auch nur andeutungsweise von möglichen Kataklysmen spricht, wird rasch als »Untergangsprophet« verlacht.

Hämisch wird auf den 21. Dezember 2012 verwiesen, dem von den Mayas angeblich prophezeiten Termin für den Weltuntergang. Jener ominöse Termin verstrich, wir erinnern uns, ohne dass das Ende der Welt hätte beklagt werden müssen. Allerdings gab es auch keine Maya-Prophezeiung, die für den 21.12.2012 ein Desaster globalen Ausmaßes verkündet hätte.

Die Diskussionen um den 21.12.2012 sind vom Tisch ... Leider! Denn der 21.12. verstrich ohne Weltuntergang, doch die Apokalypse droht wirklich! Es kann nämlich nicht bestritten werden, dass es bereits gigantische Katastrophen auf unserem Planeten gab, die fast alles Leben auf Terra ausgelöscht hätten. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu einem realen Weltuntergangsszenario kommen wird. Die Frage ist nicht ob, sondern wann alles Leben auf unserem Heimatplaneten ausgelöscht werden wird!

Eine Höhle wird erkundet.
Foto: Jürgen Huthmann
Was viele nicht wissen wollen: Der Ausbruch eines Supervulkans hätte beinahe unsere Erde in ein Totenhaus verwandelt.  Ein Supervulkan riss vor etwa 75.000 Jahren bei seinem explosiven Ausbruch auf der nördlichen Insel Sumatra im indischen Ozean eine gewaltige Wunde in Mutter Erde. Der Krater dürfte rund 5.000 Quadratkilometer groß gewesen sein. An seiner tiefsten Stelle entstand der Tobasee. Er ist immerhin über 1.100 Quadratkilometer groß. 2.300 Kubikkilometer Material wurden damals aus dem Höllenschlund der Erde mit unvorstellbarer Kraft in den Himmel geschleudert. Das war fast genau so viel wie so manches Mal beim Ausbruch des Vulkans im »Yellowstone Nationalpark«. Asche und riesige Gasmengen wurden auf die gesamte Erdoberfläche verteilt. Die Durchschnittstemperatur sank weltweit um 15 Grad.
    
Die Auswirkungen auf die gesamte Menschheit waren katastrophal: Fast wäre die Gattung Mensch ausgelöscht worden. Wie viele Menschen überlebten wohl damals? Wir wissen es nicht genau! Die Zahl bewegt sich damals aber eher im Tausender- als im Zehntausender-Bereich. Auch wenn wir es uns heute kaum vorstellen wollen ... Es gab fast so etwas wie einen Neuanfang der Menschheit. In der Bibel wird Ähnliches beschrieben: Gott ließ einen Großteil der Menschen bei einer gewaltigen Flut umkommen, nur wenige wurden gerettet.

Und im 1. Buch Mose (Kapitel 19) wird die Zerstörung von Sodom und Gomorrha beschrieben. Über diese neuerliche todbringende Aktion Gottes heißt es in den Versen 24 und 25: »Da ließ der Herr (Jahwe = Gott) Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.«

Es wurde viel darüber diskutiert, ob der zitierte Text auf einer realen Begebenheit basiert. Das ist möglich. Der unvorstellbare Ausbruch eines Supervulkans könnte als Vorlage für den mythisch-märchenhaft anmutenden Bibeltext gedient haben.

Koloss in Abendstimmung - Foto: W-J. Langbein


Eine ganze Reihe von Supervulkanen ist bekannt. Wir wissen, dass sie seit Ewigkeiten immer wieder ausgebrochen sind und so manches Mal eine wahre Hölle über die Erde kommen ließen. Auch in der Südsee gab es gewaltige Kataklysmen. Die Osterinsel selbst verdankt ihre Existenz gleich drei Vulkanen, die auf dem Grund des Pazifiks ausbrachen und gewaltige Magma-Mengen mit unvorstellbarer Gewalt aus der Erde ins Meer schießen ließen. Drei gewaltige Katastrophen schufen die Osterinsel. Drei Vulkanberge – Rano Kao, Poike und Maunga Terevaka –   entstanden, zufällig in unmittelbarer Nähe ... und formten den Grundstück für die Insel, die bei den Eingeborenen »Te Pito O Te Henua«, »Nabel der Welt« hieß.

Vulkanismus ließ Hunderte von Höhlen im Leib der Osterinsel entstehen. Aus Vulkangestein  wurden die Riesenstatuen der Osterinsel gemeißelt. Schon der  Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg war von den großen Kulturen unseres Globus mehr als fasziniert. Die uralten Monumente verschlugen dem Weltenbummler den Atem.

Nichts aber verblüffte ihn so wie die  Osterinsel, wo die Kolosse stoisch jeder Erklärung trotzen. Von Hesse-Wartegg verfasste kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs sein reich bebildertes, großformatiges, zweibändiges Werk, betitelt »Die Wunder der Welt«. Natürlich geht er auch auf die monumentalen Steinskulpturen ein. Wir lesen (1) dass die schweigenden Riesen  seiner Meinung nach von »unbekannten Schöpfern« aus dem Vulkangestein gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssten. Frank Joseph kommt in seinem Editorial zur Fachzeitschrift »Ancient American« zu einem ähnlichen Ergebnis.

Er kam nach sorgsamen Untersuchungen zum Ergebnis: Die Statuen sind Jahrtausende, nicht nur Jahrhunderte alt.

So manches Mal habe ich zu Füßen einer der wieder aufgerichteten Kolosse auf der Osterinsel gesessen. Wenn wir nur wie ein Buch lesen könnten, was die steinernen Monumentalfiguren erlebt haben! Schon manches Mal bin ich in eine der Höhlen gekrochen und habe die mysteriöse Atmosphäre auf mich wirken lassen. Manchmal kam es mir vor, als sei ich wie Aladin in die Höhle der vierzig Räuber eingedrungen. Wände und Decken schillerten in bunten Farben. Da und dort blitzte es auf, als ob Edelsteine und Diamanten die Wände zieren würden. Auch kam es mir manchmal so vor, als würden Goldnuggets im Stein darauf warten, nur »gepflückt« zu werden. Tatsächlich gibt es Goldeinschlüsse.

Gold im Höhlengestein
Foto: Jürgen Huthmann
Und manchmal stößt man als Besucher in dieser fremden unterirdischen Welt auf seltsame Malereien, die vor Jahrhunderten geschaffen wurden. Besonders beliebt war wohl  das Motiv des geheimnisvollen Vogelmenschen! Immer wieder stand ich ratlos vor Felsgravuren. Der poröse Untergrund ließ keine scharf umrissenen Ritzzeichnungen zu. So wirken die Felsgravuren oft verwaschen und undeutlich. Es soll aber einst Eingeweihte gegeben haben, die sie wie ein Buch lesen konnten.

»Du fliegst morgen am Vormittag zurück nach Santiago de Chile?«, fragte mich der Besitzer meiner Pension. Als ich nickte, murmelte er etwas von »moderner Technik«, behauptete dann aber, seine Vorfahren hätten bereits vor »vielen, vielen Jahrhunderten« den Pazifik befahren und fremde Inseln besucht. »Sie brachten heilige Steinmesser in entfernteste Ecken des Pazifik ... zu Inseln, die einst durch eine große Landbrücke mit Rapa Nui verbunden waren!« Gab es einst Handelsbeziehungen zwischen den verschiedenen Inseln im Pazifik? Oder wurden die Eiland von primitiven Kannibalen bewohnt, die keine Seefahrt betreiben konnten?

Wie weit seine Vorfahren denn gekommen seien, wollte ich wissen. »Bis nach Französisch Polynesien!«, lautete die Antwort. Was ich in Gedanken lächelnd als übertriebenen Patriotismus eines stolzen Osterinsulaners abtat, sollte sich als wahr herausstellen. So haben zwei Wissenschaftler konkrete Beweise für die rege, ja unglaubliche Reisetätigkeit der alten Polynesier entdeckt. Geht man doch davon aus, dass die Osterinsulaner vor einigen Jahrhunderten mit ihren primitiven Kähnen oder Flößen die unmittelbare Umgebung ihrer Heimatinsel erreichen konnten. Und jetzt soll es einen Transport von Steinwerkzeugen über Tausende von Kilometern gegeben haben?

Die beiden australischen Experten von der »University of Queensland« veröffentlichten im renommierten Wissenschaftsmagazin »Science« (3) Erstaunliches. Geochemiker Kenneth Collerson und Archäologe Marshall Weisler analysierten neunzehn antike Steinmesser, die auf verschiedenen Atollen von Französisch Polynesien zusammengetragen worden waren. Ergebnis von Massenspektrometrie und Isotopenanalyse: das Material von Steinäxten und Steinklingen stammte nicht von einer nahegelegenen Insel wie Tahiti, sondern von »Isla la Pascua«, von der Osterinsel. 4.000 Kilometer weit war es einst transportiert worden.

Abschied von der Osterinsel - Foto: W-J. Langbein


Abschied von der Osterinsel ... nahm ich schon so manches Mal. Und fast bei jedem Besuch gab es für mich ein unerwartetes »Abschiedsgeschenk« zum Schluss. Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt auf jenem kleinen Eiland am Ende der Welt. Die Nachkommen der Statuenbauer haben sich immer gefreut, wenn sie spürten, dass ich mich wirklich für sie und ihre Heimat in der Südsee interessiere. So mancher Insulaner verriet mir, dass er Verachtung empfindet ... für jene Schnell-schnell-Touristen, die letztlich uninteressiert die Insel der Riesenstatuen als eine von vielen Attraktionen einer Reise durch den Pazifik so schnell wie möglich abhaken.

Und so wurde mir manches Kleinod gezeigt, das Schnell-Schnell-Touristen nie zu Gesicht bekommen. So führte man mich an gravierte Steine, die schon seit Jahrhunderten der Witterung schutzlos ausgesetzt sind. Was war da zu sehen? Ich legte mich flach auf den Bauch, tastete die kaum zu spürenden, geschweige denn zu sehenden Linien ab.

Waren das Tiere oder Fabelwesen? Waren das urzeitliche Monster oder Märchenfiguren? Ich meinte so etwas wie einen saurierartigen Fisch erkennen zu können (links im Bild) ... und so etwas wie ein reptilienhaftes Wesen, das soeben in einer Höhle verschwand. »In unserer Vergangenheit gab es Rätselhaftes ... sehr seltsame, Furcht einflößende Tiere.

Die Erzählungen, in denen sie einst beschrieben wurden ... sie sind vergessen. Die in den Stein gravierten Abbildungen dieser Wesen sind schon fast verschwunden und werden bald nicht mehr zu sehen sein! Die Insel, wie sie einst war, verabschiedet sich. Wir verabschieden uns von unserer Vergangenheit, auch wenn wir noch so sehr bemüht sind, die Erinnerungen zu wahren!«

Fabeltiere oder Monsterwesen? Fotos: Archiv W-J. Langbein


Fotos
Die Darstellungen der beiden Monsterwesen basiert auf eigener Untersuchung der Steingravur, auf eigenen vor Ort angefertigten Zeichnungen und Zeichnungen, die mir vor Ort ausgehändigt wurden.
Ich danke den zahlreichen Informanten auf der Osterinsel, die mir die interessanteste Insel der Welt nahegebracht haben!

Dank
Mein Dank geht an meinen wackeren Reisegefährten Jürgen Huthmann: für die Fotos, die ich in der vorliegenden Folge meiner Blogserie verwenden durfte! Das Copyright der Fotos liegt natürlich bei Jürgen Huthmann!

Fußnoten
1 Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, o.J., S. 473 u. 474
2 Joseph, Frank: »Editorial: Vindication at Easter Island«,
     »Ancient American«, Nr. 12/ February February/ March 1996, Colfax,
     Wisconsin, USA
3 Bd. 317, 2007, zitiert nach Kurt de Swaaf, »Der Standard«,  28. September 2007

»Der Hebel Gottes«,
Teil 195 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 13.10.2013



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Sonntag, 18. August 2013

187 »Angst«

Teil 187 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein Eingang in die »Unterwelt«
Foto: W-J.Langbein
Angst beschlich mich, ich gebe es zu, als ich meinem Guide bei Nacht in den engen Schacht zu seiner Familienhöhle folgte. In einer Tiefe von etwa zweieinhalb bis drei Metern befand sich ein Loch. Es war noch knapper bemessen als der Eingang des Schachts. Nach dem Abstieg in die Dunkelheit, wobei ich mich an den vorstehenden Felsbrocken festklammerte, kroch ich auf allen Vieren durch das Loch in die Höhle. Ich kam mir vor wie ein Schäferhund, der sich durch den winzigen Eingang der Hundehütte für einen Zwergpudel zwängt.

Wenn mir mein Guide – vielleicht gar im Rahmen einer Opferung für seine Götter – das Lebenslicht ausblasen würde ... Einen kräftiger Hieb mit einem Stein auf meinen Kopf in der totalen Finsternis der Höhle konnte ich kaum abwehren.

Angst spürte ich schon, als ich bei vollständiger Dunkelheit den senkrechten Schacht hinab kletterte. Es gab keine Leiter oder Stufen, nur die unregelmäßig vorstehenden Natursteine der Wände. Meine Angst steigerte sich zu einer ausgewachsenen Klaustrophobie, als ich kriechend durch das »Hundeloch« in die mysteriöse Höhle vordrang.

»Angst haben auch junge Menschen von Rapa Nui vor diesen Höhlen ... vor den Totengeistern, die in ihnen ein Leben in ewiger Finsternis verbringen!«, erfahre ich. Und deshalb befinden sich in den meisten Familienhöhlen steinerne Wächter. »Und die sollen verhindern, dass böse Geister entkommen und den Menschen schaden?«, frage ich. Mein Guide wiegelt ab. »Es gibt auch böse Geister in manchen Höhlen. In einigen spuken die Geister von Menschen, die ermordet und aufgegessen wurden. Sie könnten sich rächen wollen ... Wächter sollen verhindern, dass die geplagten Wesen in die Welt der Lebenden vordringen!«

Skelettöser Geist und
steinerner Riese
Fotos: Archiv Langbein
und Foto Langbein
Die Wächter mussten aber auch verhindern, dass unerwünschte Eindringlinge die sakrale Stätte entweihten. »Jeder Mensch verfügt über einen Aku Aku. Wenn er stirbt, verwest sein Leib, der Aku Aku aber bleibt erhalten. Manche Magier können ihren Aku Aku wie einen körperlosen Boten aussenden, zum Beispiel in eine Höhle. Das Einsteigen eines Aku Aku muss verhindert werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um den Aku Aku eines Lebenden oder eines Toten handelt!«

Unerwünscht seien aber natürlich auch Eindringlinge aus Fleisch und Blut, die die alten Statuen stehlen und an reiche Amerikaner und Japaner verkaufen wollen! Solche Diebe müssen mit härtester Bestrafung rechnen. Schon mancher starb schon beim Betreten einer Familienhöhle!« Als Familienoberhaupt dürfe er aber Besucher mitbringen ... in die Unterwelt.

»Welche Aufgaben haben Aku Akus?«, fragte ich, während ich das kleine Heer von steinernen und hölzernen Figuren und Figürchen betrachtete, in dessen Mitte ich ungemütlich auf hartem Steinboden saß. »Wenn ein Mensch stirbt, dann passt sein Aku Aku darauf auf, dass seine letzten Wünsche auch wirklich befolgt werden.« Besonders oft, so erfuhr ich, würden Erbschaftsangelegenheiten durch Aku Akus wieder in Ordnung gebracht.

»Einst starb ein armer Mann. Er hatte drei Söhne und eine Tochter. Sein bescheidener Besitz sollte unter allen vier Kindern gleichmäßig verteilt werden. Die Söhne versprachen dem sterbenden Vater, genau nach seinem Wunsch zu verfahren. Als der alte Mann aber gestorben war, schlugen die drei Söhne ihre Schwester und sperrten sie in eine Höhle. ›Vielleicht findet sich ja jemand, der sie heiraten möchte ...‹ meinten sie. ›Wir lassen sie erst wieder aus dem Gefängnis, wenn sie auf ihren Teil des Erbes verzichtet!‹ In der dritten Nacht erschien der Aku Aku des Toten in der Höhle. Er tröstete seine Tochter und befreite sie. Seine drei Söhne ließ er krank werden. Die Männer erkannten schließlich ihr Unrecht und ließen ihrer Schwester ihr Erbteil zu kommen ... und mehr. Sofort waren sie wieder gesund.«

Make-Make-Maske in Holz
Foto: W-J.Langbein
Aku Akus können aber auch belohnen, erzählte mir mein Guide: »Es herrschte Krieg zwischen zwei Stämmen. Der eine Stamm hatte eine junge Frau aus dem anderen Stamm gefangen genommen. Sie sollte erschlagen, im Erdofen gebacken und verzehrt werden. Der Sohn eines Fischers aber hatte Mitleid mit der Gefangenen und ließ sie nachts entkommen. Er hoffte auf überirdischen Beistand. Würde ihm Make Make helfen?«

Während mein Guide erzählte, ließ er den Kegel seiner Taschenlampe über die Höhlenwände schleichen. Immer wieder tauchte das Gesicht Make Makes auf: in die steinernen Höhlenwände geritzt, in steinerne Idole geritzt, in hölzerne Figürchen geschnitzt ... die gleiche Fratze, die auch in der Kirche der Osterinsel zu finden ist.

Mein Guide erzählte weiter: »Darüber waren die Männer seines Stammes empört. Sie beratschlagten, wie der Fischer für sein Verhalten bestraft werden könne. Einige wollten ihn erschlagen und anstelle der Entflohenen verspeisen. Andere wollten ihn in einer Höhle verhungern lassen. Schließlich schickte man ihn mit einem morschen Boot hinaus aufs Meer. Nur wenn er mit reicher Beute zurückkehren würde, sollte er begnadigt werden.

Man rechnete wohl damit, dass sein Boot untergehen und der Fischer von Haien gefressen werden würde. Doch nach kurzer Zeit kam er wieder zurück. In seinem Boot lagen mehr Fische, als selbst der Tüchtigste in einem ganzen Jahr fangen würde. Die Erklärung: Der Aku Aku des verstorbenen Großvaters des geretteten Mädchens war erschienen und hatte dem Fischer geholfen.«

Angst war offenbar ein häufiger Gast auf der Osterinsel. Angst und Schrecken verbreiteten Vertreter der »zivilisierten Welt«, die immer wieder das Eiland in den Weiten des Pazifiks überfielen, um Menschen für ihre Sklavenmärkte zu fangen.

Angst herrschte, wenn sich verschiedene Stämme der Osterinsel bekriegten. »Dabei ging es immer vorwiegend um Macht und um Einfluss. Wer darf auf besonders fruchtbaren Arealen der Insel Ackerbau betreiben? Wer muss sich mit kargem Land begnügen, wo der Wind jede Krume ins Meer fegt?«

Eine umgestoßene Statue
Foto: W-J.Langbein
Anlässe zum Krieg gab es immer wieder. Hunger ließ immer wieder Gewalt ausbrechen. Die Nahrungsmittel auf der Osterinsel waren schon immer begrenzt. Süßwasser war häufig nur knapp bemessen. Da bekämpften sich die einzelnen Gruppen auf dem Eiland immer wieder. »Die Sieger stürzten die Statuen der Besiegten um und demonstrierten so ihre Macht. Sie zeigten, dass sie auch vor den Geistern der Feinde keine Angst hatten. Und immer wieder kam es zu Kannibalismus, schlachteten und aßen die Sieger die Besiegten! Mancher verzweifelte! Warum hilft uns Make Make nicht! Warum steht uns der Vogelmann nicht bei?«

Ob es verlässliche Aufzeichnungen über die Geschichte des Eilands gebe, wollte ich wissen. Mein Guide lachte nur. »Sie müssen bedenken, dass die Geschichte von Rapa Nui sehr weit zurückreicht ...« Ich nickte bestätigend: »Ja, viele Jahrhunderte!« Mein Guide lachte wieder. »Jahrhunderte? Jahrtausende!« rief er stolz aus. Seine laute Stimme erzeugte ein unheimliches Echo in der Höhle. »Aber die Wissenschaft streitet ab, dass die Kultur der Osterinsel schon so alt ist!« Mein Guide winkte ab. »Die meisten Wissenschaftler haben doch keine Ahnung!«

Zur Ehrenrettung der Wissenschaft muss ich sagen, dass es Experten gibt, die nicht von einer jungen Osterinselkultur ausgehen. Einer der »Außenseiter« ist Frank Joseph. Im Frühjahr 1996 publizierte der Archäologieexperte Frank Joseph einen Fachartikel, der eigentlich in der Welt der Experten wie eine Bombe hätte einschlagen müssen. Verdeutlichte er doch in dem seriösen Magazin »Ancient American« (Ausgabe 12/ S. 9), dass die geheimnisvolle Kultur der Osterinsel nicht nur wenige Jahrhunderte alt ist, wie das noch heute in den gängigen Publikationen steht, sondern bereits vor Jahrtausenden bestand. So neu ist die von Frank Joseph anno 1996 publik gemachte Erkenntnis keineswegs.

Schon vor rund einem Jahrhundert, als Weltreisen noch richtige Abenteuer waren, stand der Österreicher Ernst von Hesse-Wartegg (1851-1913) staunend vor den gewaltigen Kolossen der Osterinsel. Wer mochte wohl einst diese Riesen geschaffen haben? Und wann? Von Hesse-Wartegg kam sich neben den Kolossalstatuen geradezu winzig klein vor.

Der Autor neben einem
Osterinselkoloss
Foto: Archiv Langbein
Demütig blickte er in ihre Gesichter. Wenn sie nur reden, ihre Geschichte erzählen könnten ... Was bildete sich der Mensch am Wendepunkt vom 19. zum 20. Jahrhundert auf seine technischen Errungenschaften alles ein! Dabei musste es doch schon in grauer Vorzeit in der Südsee eine geheimnisvolle Kultur gegeben haben, die in mancher Hinsicht der unseren ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. In seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt«, vermutlich kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden, hielt der Forschungsreisende fest, dass die Osterinselfiguren »wohl zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gehören.

Gehört der Vogelmann zu den ältesten mythologischen Gestalten der Osterinsel? Das ist umstritten. Festzustehen scheint: Als die Stammeshäuptlinge ihre Macht verloren, gerieten alte Kulte in Vergessenheit. Der Vogelmannkult verschwand.


Literatur

Métraux, Alfred: Ethnology of Easter Island, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: Mysteries of Easterisland, London 1995
Petersen, Richard: The Lost Cities of Cibola, Phoenix 1985
(Island of Mystery, chapter 10, pages 219 fff.)
Richter-Ushanas, Egbert: Die Schrifttafeln der Osterinsel in der Lesung
Metoros und Ure Vaeikos, Bremen 2000
Rosasco, Jose Luis und Lira, Juan Pablo: Easter Island The Endless Enigma,
Santiago 1991
Routledge, Katherine: The Mystery of Easter Island, 1919, Nachdruck
Kempton 1998
TerraX, Lippert, Helga: TerraX / Vom Geheimbund der
Assassinnen zum Brennpunkt Qumran, München 2003
(Odyssee zur Osterinsel/ Die Floßfahrt der Inka-Fürsten, S. 212 ff)
Krendeljow/ Kondratow: Die Geheimnisse der Osterinsel, 2. Auflage, Moskau
und Leipzig 1990
Winkel, Karl zum: Köpfe, Schlangen, Pyramiden in Lateinamerika/ Alte
Kulturen von Mexiko bis zur Osterinsel, Heidelberg 2001

Der Vogelmensch, in das Holz
einer Heiligenfigur geschnitzt - Foto: W-J.Langbein

»Massenmord auf der Osterinsel«,
Teil 188 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 25.08.2013

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