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Sonntag, 31. März 2019

480 »Nabel des Lichts«

Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute.

Nach 120 Tagen auf See erreichten die Flüchtlinge die Osterinsel, während ihre alte Heimat in den Fluten des Pazifiks versank. In der Anakena-Bucht gingen sie, müde, erschöpft und erleichtert, an Land. Neben der aus 67 Schrifttafeln bestehenden Bibliothek hatten sie etwas noch Wertvolleres gerettet. Sie nannten dieses geheimnisvolle Etwas in ihrer melodischen Rapa-Nui-Sprache »Te-pito-te-Kura«. Dieses mysteriöse Etwas sei ihr wertvollster Besitz gewesen, den sie mit in die »Neue Heimat«, die Osterinsel brachten (1).

Die Anakena-Bucht bietet einen schmalen Streifen Sandstrand. An den Rändern tummeln sich oft Scharen von Seeigeln. Der Badende, der sich näheren Kontakt mit den Stacheltieren ersparen möchte, hält sich am besten in der Mitte. Einen Katzensprung von der Anakena-Bucht  entfernt ragte einst auf seiner soliden Plattform der steinerne Riese Namens »Paro« in den Himmel. Er liegt heute in Trümmern auf der Nase und bietet einen traurigen Anblick.

»Geboren« wurde »Paro« im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater. Von dort bis zu Paros bemitleidenswerten Resten sind es »nur« knapp sechs Kilometer. Diese sechs Kilometer kommen einem wie eine strapaziöse Langstreckentour vor, wenn man sie bei strahlendem Sonnenschein zu Fuß zurücklegt. Eine kleine Weltreise muss diese kurze Strecke für jene gewesen sein, die den Koloss vom Steinbruch an die Küste schafften.

Foto 2: Steiniger »Strand«

Sechs Kilometer weit wurde der steinerne Riese »Paro« – wie auch immer – transportiert. Man bedenke: Er maß einst fast zehn Meter, bevor er umgestürzt wurde und in mehrere Teile zerbrach. Eine Meisterleistung! Man schätzt sein Gewicht auf 82 Tonnen! Auf seinem Haupt thronte einst ein steinerner »Hut«. Der tonnenförmige rötliche Stein ist zwei Meter hoch und wiegt allein fast zwölf Tonnen.  Er stammt von einem anderen »Steinbruch«, von »Puna Pau« und musste fast 18 Kilometer querfeldein befördert werden. Mit »Hut« wiegt der Koloss also fast 94 Tonnen.

In der Theorie funktionierte alles ganz einfach: Man brachte den Koloss in die Senkrechte, schob ihn auf sein Podest, baute eine Rampe, die bis zum Kopf des Riesen reichte. Über diese Rampe rollte man den Hut (12 Tonnen!)  nach oben und platzierte ihn in luftiger Höhe auf den Kopf des Giganten. Wer nicht an Klaustrophobie leidet und auch sonst kein ängstlicher Mensch ist, der kann unter den Unterleib des steinernen Kolosses krabbeln und wird eine interessante Ritzzeichnung entdecken: von einem Segelschiff mit zwei Masten. Ich vermute, dass der Koloss schon alt war, als Osterinselkünstler das Abbild eines Segelschiffs in seinen Leib ritzten. Die Gravur offensichtlich erst nach Ankunft der Europäer im 18. Jahrhundert angebracht.

Foto 3: Piropiro und 2 Besucher
Übrigens: Noch größer als der heute zerbrochene  Riese »Paro« ist der Moai »Piropiro«. 11 Meter misst er vom Nabel bis zum Scheitel. Allerdings ließ man den Giganten unweit des Steinbruchs am »Rano Raraku«-Krater einfach stehen. Fünf Meter sank er in den Boden. Halb steckt er im Boden, halb ragt er aus dem Erdreich.  Oder wurde er, um ihm sicheren Halt zu bieten, halb eingegraben?

Der frühe Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg (*1851; †1918), 1888 bis 1918 Konsul von Venezuela für die Schweiz,  war von den großen Kulturen unseres Globus fasziniert. Die Monumente, die unsere Vorfahren weltweit bereits vor Jahrtausenden errichteten, verblüfften den Weltenbummler immer wieder. Nichts aber faszinierte ihn so wie die Kolosse auf der Osterinsel. Von Hesse-Wartegg schrieb kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (2), dass die schweigenden Riesen von »unbekannten Schöpfern« gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssten. 

Von Hangaroa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, kann man den Strand der Anakena-Bucht per PKW, Motorrad, Fahrrad oder Pferd auf inzwischen recht ordentlichen Straßen erreichen. Eine recht ordentliche Straße führt von Hangaroa aus Richtung Norden, Richtung Anakena-Bucht. Kurz bevor man die Küste erreicht kommt man an eine Kreuzung und biegt nach rechts ab. Nach zwei Kilometern erreicht man einen kleinen Parkplatz und ist am Ziel.

Es ist ohne Zweifel nicht ohne Reiz auf dem Rücken eines Pferdes die Osterinsel zu erkunden. Allerdings stellt sich dann immer wieder die Frage, was man mit dem braven Pferd macht, wenn man – zum Beispiel – den »Nabel der Welt« näher in Augenschein nehmen möchte. Anders als im »Wilden Westen« gibt es keine Parkplätze für Reitpferde. Nirgendwo sind Halterungen zum Anbinden des treuen Rosses angebracht.

Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht

Man kann auch mit dem Auto bis zur Anakena-Bucht fahren, unter Palmen parken und den Rest zu Fuß gehen. Vom Sandstrand der Anakena-Bucht zum »Nabel der Welt« ist es nicht weit, der Weg an der steinigen Küste entlang bringt den Wanderer der echten Osterinsel-Atmosphäre näher.

Was mich schon lange beschäftigt: Wissen wir, was »Te-pito-te-Kura« war? Und ist diese Kostbarkeit heute noch vorhanden? » Te-pito-te-Kura« heißt zu Deutsch heißt der klangvolle Name: »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts«. Was dürfen wir uns unter einem »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts« (3) vorstellen? Die »offizielle« Erklärung: Der mysteriöse »Nabel« sei nichts anderes als ein Spheroid (4) aus dichtem, kristallinem Vulkangestein von schwarz-grauer Färbung.

Foto 5: »Nabel der Welt«?
Der seltsame Stein ist nicht als Skulptur komplett neu geschaffen worden. Es handelt sich also nicht um so etwas wie eine Skulptur. Er scheint aber von kundiger Hand etwas »geformt« und »glattpoliert« worden zu sein. In welchem Umfang der »Nabel« bearbeitet wurde, das lässt sich nicht mehr genau feststellen. Offenbar ist er eisenhaltig, deshalb lässt er jeden Kompass verrücktspielen. Fakt ist: Der Stein – Umfang 2,53 Meter – stammt eindeutig von der Osterinsel, das ist erwiesen.  Der mysteriöse »Licht-Nabel« soll aber vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel geschafft worden sein. Irgendwie wurde irgendwann aus dem »Lichtnabel« der »Nabel der Welt«, »Te-pito-te-henua«. Genauer gesagt: Er bildet das Zentrum eines eigenartigen Ensembles: um den großen zentralen Stein angeordnet sind vier wesentlich kleinere Steine. Das Ganze wiederum wird von einem niedrigen Steinmäuerchen umschlossen.

Je gründlicher ich mich mit der seltsamen Anordnung beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass man recht wenig weiß. Einen Besuch ist die geheimnisvolle Anlage allemal wert. Allerdings muss ich zugeben: Meine Recherchen zerstörten so manche meiner Illusionen. Offensichtlich ist der Komplex, bestehend aus Mäuerchen, einem größeren zentralen und vier kleineren Steinen, kein uraltes Heiligtum der Osterinsel. Im kleinen Museum der Osterinsel zeigte man mir einige vergilbte Fotos, die ältesten stammten aus den 1970er Jahren. In einer Aufnahme, angeblich Mitte der 1970er Jahre entstanden, sieht man nur den großen, eiförmigen Stein am steinigen Strand liegen. Weder die um den Stein platzierten vier kleineren Steine, noch das Mäuerchen sind da zu sehen. Das heute Touristen gezeigte Gesamtensemble ist offensichtlich erst nach 1970/ 1975 entstanden.

Unklar ist, wer das Mäuerchen erbaut hat und warum. Waren es Osterinsulaner? Waren es die Mitglieder einer Reisegruppe von Esoterikern? Wer gruppierte wann die vier kleineren »Steineier« um den steinernen »Nabel der Welt«. Waren es die Esoteriker, die sich auf die vier relativ unbequemen Steine setzten, um mit den Händen die Kräfte des zentralen Steins zu erspüren? Waren es Osterinsulaner, die esoterisch angehauchten Besuchern etwas bieten wollten? Oder waren es Einheimische mit Humor, die sich darüber amüsierten, was man den leichtgläubigen Touristen alles erzählen konnte.

Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«?

Bei meinem ersten Besuch vor Ort anno 1982 erklärte mir mein »Pensionswirt«, dass das »Mäuerchen« immer wieder verändert wird. Mal ist es kniehoch, mal hüfthoch, mal ist es breiter als hoch, mal höher als breit, mal hat es einen »Eingang« und mal nicht, mal weist der Eingang Richtung Meer, mal in die entgegengesetzte Richtung. Auch scheint sich die Form des Mäuerchens zu verändern, mal ist es runder, mal ovaler. Diese Veränderungen lassen darauf schließen, dass das Ganze für die Osterinsulaner keine religiöse Bedeutung hat.

Unbestreitbar ist: Eine alte Sage berichtet von »Te-pito-te-Kura«, vom »Nabel des Lichts«, der vom Atlantis der Südsee mit auf die Osterinsel gebracht wurde. Der »Nabel-der-Welt-Stein« stammt aber definitiv von der Osterinsel selbst. Deshalb ist es vollkommen ausgeschlossen, dass der zentrale schwarzbraune Stein im Mäuerchen dieser »Nabel des Lichts« ist.

Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«

Heute gehört ein Besuch beim »Nabel der Welt« zum Pflichtprogramm für Osterinselbesucher. Dessen ungeachtet: Die Attraktion ist keine 50 Jahre alt. Es ist gut möglich, dass das leicht erreichbare Ensemble in Anlehnung an die alte Sage geschaffen wurde, vielleicht von esoterischen Touristen, vielleicht von Osterinsulanern.

Wo aber befindet sich dann der wirkliche »Nabel des Lichts«? Wartet das mysteriöse Objekt irgendwo in einer unterirdischen Kammer darauf, wieder entdeckt zu werden? Die Bezeichnung »Nabel des Lichts« lässt viel Raum auch für kühne Gedankenspiele und Spekulationen.

Fußnoten
(1) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82, Seite 61, letzter Absatz unten
(2) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, o.J., S. 473 u. 474
(3) Im Englischen: »navel of light«.
(4) Spheroid: Keine Kugel, sondern ellipsenartig im Querschnitt

Zu den Fotos
Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute. Foto vor 100 Jahren Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto heute: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Steiniger »Strand«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piropiro und 2 Besucher, links Elfriede Wellbrock, der Herr mit ausgestrecktem Arm ist Walter-Jörg Langbein. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: »Nabel der Welt«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Kuriose Osterinselfigur - verfremdet, bnasierend auf einer Zeichnung 
von Grecte C. Söcker. Verfremdung und Collage: Walter-Jörg Langbein 
(links!)



481 »Eine Osterinselstatue auf der Insel der Meuterer?«,
Teil 481 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 7. April 2019




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Sonntag, 17. Februar 2019

474 »Heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen«

Neuerscheinung 2019: > Monstermauern, Mumien und Mysterien – Band III


Teil 474 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Foto 1: Sie wirken snobistisch - und schweigen.

Weltberühmt sind die teils kolossalen Statuen der Osterinsel. 2007 bis 2018 wurde bei archäologischen Ausgrabungen ein einstiges Heiligtum freigelegt, dessen monumentale Terrassen staunen lassen. Eine bisher unbekannte Seite im Buch der mysteriösen Osterinsel wurde aufgeschlagen.

Wenn Fremde die Osterinsel heimsuchten, dann brachten die vermeintlich »Zivilisierten« Tod und Verderben.  Karl May schrieb (1): »Wißt Ihr nun, was wir Europäer unter ›zivilisieren‹ verstehen? Es kann mir nicht beikommen, ein einzelnes Land, eine einzelne Nation anzuklagen. Aber ich klage die ganze sich ›zivilisiert‹ nennende Menschheit an, daß sie trotz aller Religionen und trotz einer achttausendjährigen Weltgeschichte noch heutigen Tages nicht wissen will, daß dieses ›Zivilisieren‹ nichts anderes als ein ›Terrorisieren‹ ist!«

In konkreten Zahlen: 1862 lebten von einstmals 40.000 Menschen nur noch 3.000 auf der Osterinsel. Peruanische Sklavenjäger entführten 1.500 Männer und Frauen, die in den Guano-Minen Perus unter katastrophalen Bedingungen schuften mussten. Die Meisten dieser Geknechteten starben elendiglich. Internationale Proteste führten dazu, dass zwölf von 1.500 Osterinsulanern in ihre Heimat zurückkehren durften. Sie brachten die Pocken auf das einsamste Eiland der Welt. Eine Pockenepidemie brach aus, der fast die gesamte Bevölkerung zum Opfer fiel. 1872 lebten nur noch 111 Menschen auf der Osterinsel.

Foto 2: Gespiegelt...
Mit dem Verlöschen eines Großteils der Bevölkerung verschwand auch das Wissen der Eingeweihten. So ist das von den Osterinsulanern heute wieder verstärkt gepflegte Brauchtum nicht unbedingt »echt osterinsulanisch«, sondern wurde aus dem polynesischen Raum importiert. Das ist auch legitim. Offenbar gab es polynesische »Auswanderer«, die via Osterinsel nach Südamerika gelangten. So wurden »die ältesten polynesischen Genspuren Südamerikas mitten im brasilianischen Urwald« (2) gefunden. Deshalb darf man annehmen, dass die Mythologie der Osterinsulaner zumindest in Teilen aus Polynesien stammt. So gelangte wohl auch die Vorstellung von »Tabus« von Polynesien auf die Osterinsel. So ist der Terminus »Tabu« ursprünglich polynesisch. Auf der Osterinsel galten vor Jahrhunderten gewisse Gebiete als »tabu«. »Tabu« waren auch die Plattformen, auf denen die berühmten steinernen Kolosse der Osterinsel standen.

Dieses »Tabu« wurde, wie ich selbst bei meinen ersten Besuchen der Osterinsel wiederholt erlebte, häufig von Touristen missachtet. Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte man sich völlig frei auf dem einsamen Eiland bewegen. Nach und nach wurden aber immer mehr Wächter eingesetzt, die darauf achten sollten, dass die alten »Tabus« auch von Touristen geachtet wurden. Heute geht es, und das ist gut so, sehr viel strenger zu. So muss ein gewisser Abstand zu den Statuen gehalten werden. Leider kam es noch vor wenigen Jahrzehnten immer wieder vor, dass Statuen von Souvenirjägern beschädigt wurden.

Unbestreitbar ist die Rückbesinnung der heutigen Osterinsulaner auf die eigenen Wurzeln, die offenbar lange vernachlässigt wurden. Es ist zu hoffen, dass die alte Sprache der Osterinsulaner, »Rapanui« oder »Pascuense«, nicht nur nicht in Vergessenheit gerät, sondern als Teil uralten Erbes wieder stärker gepflegt wird. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass sich nach und nach die Jugend auf der Osterinsel verstärkt für die eigenen Wurzeln interessiert, wieder die alte Sprache lernt und auch die Gesänge der Vorfahren pflegt. Übrigens: Die »Rapanui«-Sprache ist ein polynesischer Dialekt. Auch Sagen und Mythen der Osterinsel werden wieder, so scheint es mir, mehr geschätzt.

Foto 3: Er schweigt...
Für den Osterinselexperten Dr. Fritz Felbermayer (*2.2.1907; †9.4.1979) gab es keinen Zweifel: Die Osterinselmythen sind ebenso wahr wie Homers Hinweise auf Troja. Dr. Felbermayer, gebürtiger Österreicher, der sein Leben der Erforschung der Osterinselmythologie verschrieben hatte, war fasziniert von den ältesten Überlieferungen. Da ist von einem riesigen Königreich im Westen der Osterinsel die Rede, das in den Fluten versank. Da hören wir von einem König namens Hotu Matua, der verzweifelt nach einer neuen Heimat für sein Volk suchte. Erst Gott Make Make brachte die Rettung.

Gott Make Make, so wird überliefert, stieg vom Himmel herab, ergriff den Priester Hau Maka und transportierte ihn wie den biblischen Hesekiel durch die Lüfte. Auf einem fernen, unbewohnten Eiland setzte er ihn wieder ab. Make Make erklärte dem Priester, wie man von seiner alten Heimat zur neuen Insel gelangen konnte. Er warnte vor gefährlichen Felsenriffen und wies auf Vulkane hin. Er zeigte ihm eine Kuriosität: »weiches Gestein«. Nach der Überlieferung betrat der Geistliche neugierig eben dieses »weiche Gestein«. Seine Füße hinterließen Spuren darin. Vermutlich handelte es sich um noch nicht ganz erstarrte Lava.

Foto 4: Steinerner Wächter mit Hut

Make Make, der fliegende Gott, unterrichtete den Priester noch im Gebrauch von Schilfrohr, etwa für den Hausbau, zeigte ihm eine Bucht, die als natürlicher Hafen geradezu ideal war, und flog ihn wieder durch die Lüfte in seine alte Heimat zurück. Hau Maka verstand nicht, was ihm widerfahren war. Konnte es denn etwas anderes als ein Traum gewesen sein? Wohl kaum! Fliegende Götter, die Menschen durch die Lüfte transportieren durfte es damals wohl ebenso wenig geben wie in unseren Tagen UFOs. Weil schon immer nicht sein konnte, was nicht sein durfte, musste der Gottesmann also geträumt haben.

Aufgeregt berichtete der Gottesmann seinem König. Der Regent griff nach dem sprichwörtlichen Strohhalm. Er wählte sofort die sieben besten Kundschafter aus. Sie wurden genau instruiert, wo nach dem Traum die fremde Insel zu finden war. Und just dort entdeckten die sieben wackeren Seemänner tatsächlich eine menschenleere Insel. Sie war die perfekte neue Heimat. Kaum war dem König die frohe Botschaft übermittelt worden, befahl der den Massenexodus seines gesamten Volkes. Die gesamte Bevölkerung von Maori Nui Nui zog um und erreichte problemlos ein relativ kleines Eiland, ihre neue Heimat - die Osterinsel. König Hotu Matua sandte Kundschafter aus, die erst einmal die Insel in Augenschein nehmen sollten. Dabei stießen die Männer immer wieder auf Spuren, die der Priester bei seinem »Traumbesuch« hinterlassen hatte. Ganz offensichtlich war der Mann wirklich, sprich körperlich und nicht nur im Geiste, vom fliegenden Gott Make Make befördert worden. Offensichtlich hatte er das exotische Inselchen wirklich betreten.

Foto 5: Wenn er nur reden könnte... Oder hören wir nur nicht zu?

 Dr. Fritz Felbermayer über die Glaubwürdigkeit alter Osterinselsagen: »König  Hotu Matua ist bestimmt keine ›Sagengestalt‹, sondern ein Mann, der wirklich gelebt hat und sein Volk auf die Osterinsel brachte. Reale Historie ist auch die Geschichte von Make Make, von den sieben Seefahrern, vom Exodus von ›Maori Nui Nui‹ auf die Osterinsel.« Dr. Felbermayer weiter: »Ich halte diese Überlieferung für wahr! Wir können sicher sein, dass die Fahrt stattfand!«Vergeblich versuchten christliche Missionare, den »heidnischen Glauben« auszulöschen. Vieles geriet in Vergessenheit, vieles bleib erhalten, so auch so manche Überlieferung über Tabus.

Wenn ein Toter auf einem »ahu«, einer der Plattformen, aufgebahrt wurde, dann wurde diese Stätte zu einem besonders heiligen Ort. Ein »Tabu« schützte dann den Ort. Die steinernen Plattformen galten als Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. Ähnlich sah es im Heiligen Land der Bibel aus. Der Berg Sinai symbolisierte die Verbindung zwischen Himmel/ Gott und Erde. Auch hier gab es ein Tabu, das gewöhnliche Volk musste ferngehalten werden, wenn Gott auf den Berg herniederkam. Tabu soll auch das Areal des Steinbruchs am Rano Raraku-Vulkankegel gewesen sein.


Und ein Tabu lag einst über einem geheimnisvollen Ort im Zentrum der Osterinsel, an dem von 2008 bis 2018 ein Team der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« umfangreiche Ausgrabungen durchgeführte. Noch sind viele Fragen unbeantwortet. Noch wird mehr spekuliert als bewusst. Fest steht: Eine bislang unbekannte Seite der geheimnisvollen Osterinselkultur wurde entdeckt.

Foto 6: Spiegelungen und Farbspiele ...

In »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« gab es einst ein Wasserheiligtum, bestehend aus künstlichen Kanälen, Wasserbecken und einer Feuerstelle. »Archäologie online« schreibt am 23.11.2018 (3): »Zunächst ebenfalls überraschend sind die gewaltigen Mengen von Stein- und Schottermaterial, die die ehemaligen Osterinsel-Bewohner bewegt haben, um ältere Anlagen wie Wasserbecken und Kanäle mit monumentalen Terrassen zu überbauen. Die Terrassen scheinen die früheren Installationen förmlich zu versiegeln und von einer weiteren Nutzung auszuschließen. Zusammen mit den anderen Befunden liegt die Vermutung nahe, dass damit der Zugang zum Wasser des Baches gesellschaftlich und religiös sanktioniert und durch Tabus reglementiert wurde. Gestützt wird die These durch mehrere Gruben, in denen man rotes Pigment herstellte. Rot gilt in Polynesien als heilig und repräsentiert spirituelle Kraft, physische Stärke und Fruchtbarkeit. Auch Seen, Brunnen, Becken und Quellen – wie etwa der Wasserfall von Ava Ranga Uka a Toroke Hau – sind im polynesischen Kulturkreis heilige Orte, an denen Götter und Geister wohnen.«

Erstaunlich ist, wie viele Details »Archäologie online« zu enthüllen vermag: »Die in Ava Ranga Uka a Toroke Hau freigelegten Anlagen waren folglich Teil eines Wasser- und Fruchtbarkeitsheiligtum. Hier fanden rituelle Handlungen statt, die einerseits einen Regenzauber bewirken, andererseits aber auch menschliche Fruchtbarkeit steigern sollten. Die weiteren Forschungen sollen neue Erkenntnisse zur Gestaltung des Fundplatzes durch monumentale Terrassen, aber auch Einblicke in die frühe Nutzung des Heiligtums liefern.«

Zu den Fotos 
»Tabu« lässt sich nicht im Bild festhalten. Zur Illustration habe ich einige Fotos (Nr.1, Nr, 2, Nr.6 und Nr. 7), die ich selbst vor Ort aufgenommen habe, bearbeitet. Alle Fotos (Nr.1-Nr.7): Walter-Jörg Langbein

Fußnoten
(1) May, Karl: »Und Friede auf Erden!«, Freiburg 1904,
Band 30 der im Karl-May-Verlag Bamberg erschienen Ausgabe,
267. Tausend, S. 252, Zeilen 9-16 von oben. Rechtschreibung wurde unverändert übernommen
(2) https://www.spektrum.de/news/fruehe-seefahrt-bewohner-der-osterinsel-segelten-nach-suedamerika-und-zurueck/1314552 (Stand 9.1.2019)
(3) https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/tabus-als-teil-fruehen-wassermanagements-in-polynesien-4139/ (Stand 9.1.2019)

Foto 7: ... Gespiegelt und farblich bearbeitet


475 »Vom Wasserheiligtum zur Mordhöhle«,
Teil 475 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 24. Februar 2019




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