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Sonntag, 28. April 2019

484 »Unendlicher Raum und große Stille«

Teil 484 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Sie hatten einst alle Augen...

Es war kurz nach Mitternacht. Ich ging auf einem »Sträßchen« entlang der felsigen, zum Teil schroff abfallenden Küste der Osterinsel in nördliche Richtung. Schließlich erreichte ich eine flache Stelle. Die Brandung zog sich zurück, das Meer schien zu schweigen. Ich setzte mich auf einen flachen Stein und schaute aufs Meer hinaus. Da bewegte sich etwas. Es ging durch seichtes Wasser. Es war ein Pferd.

Foto 2: Cooks »Bark Endeavour«

Der englische Seefahrer James Cook (*1728; †1779) erforschte und kartographierte den Pazifik gründlicher als alle seine Vorgänger. Das wertvollste Gut, das Cook auf seinen Schiffen wie etwa der »Bark Endeavour« oder der »Bark Resolution« (1), vorrätig hielt, war Trinkwasser. Cook ließ, als er die Südsee systematisch befuhr, auf jeder Insel Frischwasser an Bord nehmen. Maßlos enttäuscht war James Cook von der Osterinsel. Er erreichte das Eiland am 11. März 1773. Cook hielt in seinen Aufzeichnungen fest, dass das Trinkwasser auf der Osterinsel von miserabler Qualität sei. Es war seiner Meinung »schlecht, kaum wert, an Bord gebracht zu werden«. Am 17, März 1773 hielt Cook fest: »Keine Nation wird je für die Ehre kämpfen, die Osterinsel erforscht zu haben, sintemalen es kaum ein anderes Eiland in jenem Meer gibt, welches weniger Erfrischungen bietet und Annehmlichkeiten für die Schifffahrt, wie dieses.«

Es war kurz nach Mitternacht. »Mein Pferd« stapfte plantschend durch seichtes Wasser, hob immer wieder den Kopf und beäugte mich – so kam es mir vor – argwöhnisch. Und immer wieder senkte es den Kopf und trank. Salzwasser? Ob ich mich da nicht vielleicht doch täuschte? Vorsichtig näherte ich mich am Ufer dem ängstlichen Tier. Es stand in seichtem Wasser und schien tatsächlich Salzwasser zu trinken.

Osterinsel.de, die wahrscheinlich seriöseste Informationsquelle in Sachen Osterinsel fasst zusammen (2): »Außer Süßwasserseen in den Kratern des Rano Kau, Rano Raraku und Rano Aroi gibt es keine Gewässer auf der Insel. Die Osterinsel ist eine Vulkan-Insel mit porösem Tuffgestein. Das Regenwasser versickert schnell in den Boden, sammelt sich auf härtere Schichten und fließt unterirdisch zur Küste. Gerade an der Südküste sind in der Nähe der Ahu-Anlagen künstlich angelegte Tiefbrunnen zu finden, aus denen Süßwasser geschöpft wurde. Die ersten europäischen Entdecker waren deshalb auch der Meinung, die Rapa Nui würden Salzwasser trinken.«

Foto 3: Cooks »Bark Resolution«
Als das Pferd vor mir zurückwich, entfernte ich mich langsam auf dem Sträßchen weiter in Richtung Norden. Drei oder vier Pferde kamen mir entgegen, machten einen weiten Bogen um mich und gesellten sich dem trinkenden Artgenossen zu. Es gab keinen Zweifel. Die Pferde tranken, aber kein Salzwasser, sondern Brackwasser, eine Mischung aus Salzwasser und aus dem Boden quellenden Regenwasser.

Am 11. Oktober 2018 berichtete wissenschaft.de (4) über »Osterinsel: Erstaunliche Trinkwasserquelle«. Ich darf zitieren: »Wie die Forscher um Carl Lipo von der Binghamton-Universität erklären, bekommt die Insel nur vergleichsweise wenig Regen ab und dieser versickert sehr schnell in dem porösen Boden. Es gibt auf der Insel deshalb keine Fließgewässer und nur zwei sehr schwer zugängliche Kraterseen. Es wurden zwar Spuren kleiner Regenwasserspeicher der Rapanui gefunden. Sie konnten aber wohl kaum die Bevölkerung in trockenen Zeiten versorgen, erklären die Forscher. Ihnen zufolge müssen sich die Erbauer der Moai noch auf andere Weise mit Trinkwasser versorgt haben. Grundlage ihrer Studie bildete eine mysteriöse Bemerkung in den Aufzeichnungen der europäischen Entdecker: Angeblich tranken die Ureinwohner Meerwasser. Das ist natürlich eigentlich nicht möglich: Der hohe Salzgehalt macht es nicht nur zu einem abstoßenden, sondern auch lebensgefährlichen Getränk.«

Carl Lopos Team machte eine Entdeckung, so berichtet wissenschaft.de weiter: »Es gibt demnach Bereiche an der Küste, an denen man Brackwasser abschöpfen kann, dass den Analysen des Salzgehalts zufolge trinkbar ist. ›Die porösen vulkanischen Böden absorbieren schnell Regen, weshalb es keine Fließgewässer gibt‹, sagt Lipo. ›Doch glücklicherweise fließt das Wasser im Untergrund und verlässt den Boden dann an Stellen, an denen poröses Gestein auf den Ozean trifft. Bei niedrigen Gezeiten führt dies dazu, dass das Süßwasser direkt ins Meer fließt und genutzt werden kann‹, resümiert der Wissenschaftler.«

Er und seine Kollegen sind sogar der Meinung, dass die ungewöhnliche Trinkwasserbeschaffung etwas mit den monumentalen Statuen zu tun haben könnte. Es gilt als unklar, warum sie nur an bestimmten Orten auf der Insel errichtet wurden – mit einer hohen Konzentration in der Nähe der Küsten. ›Jetzt, da wir wissen, wo das Trinkwasser herkam, zeichnet sich eine Erklärungsmöglichkeit für die Positionierung der Monumente ab: Sie wurden dort gebaut, wo das Süßwasser vorhanden war‹, sagt Lipo. Dieser Spur wollen die Forscher nun weiter nachgehen.«

Foro 4: 15 Kolosse wenden dem Meer den Rücken zu

Die Presse frohlockte. Eine weitere Nuss in Sachen Geheimnisse unseres Planeten war geknackt. Am 16.11.2019 jubelte die schweizerische Tageszeitung »Blick« (5): »Rätsel um die Osterinsel Statuen gelöst«. Vorsichtiger formulierte »Der Standard« am 12. Januar 2019 (6): »Archäologie/ Weiteres Mysterium um Statuen der Osterinsel womöglich gelöst«. »Vienna.at« ließ am 16. Januar 2019 keinerlei Zweifel mehr zu (7): »Rätsel um mysteriöse Steinstatuen auf der Osterinsel ist gelöst«. Weiter lesen wir  da: »Endlich weiß man, warum die bekannten Statuen aus Stein auf der Osterinsel stehen.« weather.com weiß, dass wir’s nun ganz genau wissen (8): »Uraltes Rätsel gelöst: Deswegen stehen die Statuen auf der Osterinsel. Die Steinstatuen auf der Osterinsel, auch Moai genannt, stellen Wissenschaftler schon lange vor Rätsel. Eine Studie deckt nun auf, was sich hinter den Standorten der Steinfiguren verbirgt.«

Was »deckt die Studie« wirklich auf? Zunächst weist die Studie darauf hin, dass bei Ebbe plötzlich »Quellen« zu erkennen sind, aus denen Regenwasser in den Pazifik fließt. Bei Flut sind diese »Quellen« nicht zu erkennen. Dann wird eine These aufgestellt, und die lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Statuen wurden um die Osterinsel herum aufgestellt, um zu markieren an welchen Stellen im Uferbereich trinkbares Wasser austritt. Bei Ebbe kann das Brackwasser abgeschöpft und als Trinkwasser genutzt werden.

Offen gesagt: Mir leuchtet diese Erklärung nicht wirklich ein. Es mag durchaus zutreffen, dass da und dort, wo Statuen im Uferbereich auf Plattformen stehen, tatsächlich auch solche »Quellen« austreten. Aber um zu markieren, wo diese für das Leben auf der Osterinsel unverzichtbaren Regenwasserquellen sprudeln, da mussten nicht bis zu zehn Meter hohe Steinkolosse quer über die Insel transportiert und auf mächtigen Plattformen aufgestellt werden. Auch wären dann keine tonnenschweren »Hüte«, die auf den Häuptern der Statuen platziert wurden, erforderlich gewesen. An der Bucht von Tongariki stehen dicht bei dicht gleich fünfzehn der weltberühmten Osterinselstatuen. Und diese Kolosse sollen auf eine Süßwasserquelle aufmerksam machen? Es hätten einfachere Hinweise voll und ganz genügt, etwa kleine Steinpyramiden.

Foto 5: Sie schauten ins Landesinnere
Was meiner Meinung nach gegen diese neue »Erklärung« spricht: Mit Ausnahme der sieben steinernen Kundschafter wenden alle an der Küste stehenden Statuen dem Meer den Rücken zu. Wenn sie aufzeigen sollten, wo Quellen sprudeln, würden man sie dann nicht mit dem Blick zur Quelle hin aufgebaut haben? Vor allem: Es gab Höhlen auf der Osterinsel. in denen trinkbares Wasser sprudelte. Meines Wissens gibt es in unmittelbarer Nähe dieser Höhlen keine Statuen. Im Landesinneren gab es auch Plattformen mit Statuen, in deren Nähe kein Wasser zutage trat.

Anfang der 1980er Jahre machte mich der Kulmbacher Rudolf Kutzer (9), von Beruf Architekt und Baustatiker, auf einen interessanten Gedanken aufmerksam. Der Dipl.-Ingenieur kam nach gründlichen Recherchen vor Ort zur Überzeugung, dass sich die Blicke aller rund um die Osterinsel aufgestellten Statuen an einem Punkt im Inneren des mysteriösen Eilands treffen. Zufall? (Ausgenommen sind natürlich die zahlreichen Statuen im Inneren des Eilands, etwa beim »Steinbruch« und jene Sieben, die die sieben Kundschafter repräsentieren! Um die geht es nicht.)

Rudolf Kutzer veröffentlichte im Sammelband »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-Astronautik« (10) ein Kapitel über die Osterinsel (11), betitelt »Feststellungen und Gedanken zur Osterinsel«. Da heißt es erklärend zu einer Zeichnung (12): »Die einzelnen ›Strahlen‹, die sich über dem Inselmittelpunkt treffen und vielleicht einen ›heiligen Ort‹ auf dem Boden anzeigen, werden durch die Blickrichtung der rings um die Insel aufgestellten Moais ›erzeugt‹.« Sollten also die Statuen rund um die Osterinsel dem Pazifik den Rücken zuwenden, um alle einen Punkt im Inneren des nach wie vor rätselhaften Eilands anzupeilen? In »Ava Ranga Uka a Toroke Hau« gab es einst ein Wasserheiligtum, bestehend aus künstlichen Kanälen, Wasserbecken und einer Feuerstelle. Sollen uns die Blicke der steinernen Riesen zu diesem Heiligtum im Inneren der Osterinsel locken?  Dort hat von 2008 bis 2018 ein Team der »Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts« umfangreiche Ausgrabungen durchgeführt. Treffen sich die Blicke der Osterinselriesen dort? Oder gibt es irgendwo in der »Unterwelt« ein Heiligtum, das bis heute nicht entdeckt wurde? Eine präzise Rekonstruktion des Schnittpunkts, wo sich alle Blicke der Riesenstatuen treffen, ist leider nicht mehr möglich: Wir wissen ja nicht, wie genau die einzelnen Statuen auf ihren Podesten standen, bevor sie gestürzt wurden. Niemand weiß, ob sie exakt so wieder aufgerichtet wurden, wie sie einst positioniert waren.

Foto 6: Ja wo schau(t)en sie denn hin, die Statuen?

Katherine Routledge versuchte vor über einem Jahrhundert dem Geheimnis der Osterinsel näher zu kommen. Das mysteriöse Eiland ähnele sehr den »Scilly Inseln«. Die kaum bekannte Inselgruppe liegt vor der Südwestspitze Englands bietet fast subtropisches Klima. Sie schrieb über die »Scilly Inseln«, Cornwall, was auch auf die Osterinsel zutrifft (13):

»Überall weht der Wind des Himmels. Um uns herum und über uns dehnen sich grenzenloses Meer und Himmel aus, unendlicher Raum und eine große Stille. Wer dort lebt, der lauscht ohne zu wissen wem oder was.  Und der spürt unbewusst, dass er sich in einem ›Vorzimmer‹ befindet, zu etwas noch viel Weiterem, das sich jenseits seines Wissens befindet.

Die Osterinsel wie die »Scilly Islands« liegen einsam, ja verloren auf unserem Planeten in den unendlichen Weiten des Universums. Und wir? Wir verbringen eine Winzigkeit von Zeit in der unendlichen Geschichte des Universums.

Auf einer Zugfahrt von Hannover nach Bremen zeigte mir ein freundlicher Mitreisender ein schmales Bändchen, mit Sprüchen von Ole Nydahl und anderen buddhistischen Lehrern. Von Lama Ole Nydahl stammt ein bemerkenswertes Zitat, das mir immer in den Sinn kommt, wenn ich über die Geheimnisse der Osterinsel nachdenke. Es lautet (14): »Die grundlegende Natur unseres Geistes ist grenzenlos und unzerstörbar wie der Raum. So wie wir mit dem Geist arbeiten und zu dieser Erkenntnis kommen, dann erkennen seine natürlichen Qualitäten deutlich und wir werden furchtlos und bekommen mehr Überschuss, um anderen zu helfen.«


Foto 7: Auch er schaut Richtung Inland
Fußnoten
(1) Die »Resolution« war ein Kohleschiff und hieß ursprünglich »Bark Marquis of Granby«. Sie wurde zunächst in »Drake«, dann (aus Rücksicht auf die Spanier) in »Resolution« umgetauft.
(2) http://www.osterinsel.de/08-moai-inland.htm (Stand 19.02.2019)
(3) https://www.blick.ch/life/wissen/naturwissenschaften/geheime-wasserquellen-entdeckt-raetsel-um-die-osterinsel-statuen-geloest-id15113236.html (Stand 19.02.2019)
(4) https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/osterinsel-erstaunliche-trinkwasserquelle/ (Stand 19.02.2019)
(5) https://www.blick.ch/life/wissen/naturwissenschaften/geheime-wasserquellen-entdeckt-raetsel-um-die-osterinsel-statuen-geloest-id15113236.html (Stand 19.02.2019)
(6) https://www.derstandard.de/story/2000095977353/weiteres-mysterium-um-statuen-der-osterinsel-womoeglich-geloest (Stand 19.02.2019)
(7) https://www.vienna.at/raetsel-um-mysterioese-steinstatuen-auf-osterinseln-ist-geloest/6063035 (Stand 19.02.2019)
(8) https://weather.com/de-DE/wissen/mensch/video/uraltes-ratsel-gelost-deswegen-stehen-die-statuen-auf-der-osterinsel (Stand 19.02.2019)
(9) Rudolf Kutzer wurde 1924 geboren.
(10) Fiebag, Peter und Johannes: »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-
     Astronautik«, Tübingen 1985
(11) ebenda, Seiten 221-241
Siehe auch https://www.fischinger-blog.de/2015/07/die-insel-die-zum-himmel-sieht-die-maoi-weisen-den-weg-eine-pyramide-ueber-der-osterinsel-und-eine-geheime-botschaft-im-inneren/ (Stand 19.2.2019)
(12) Fiebag, Peter und Johannes: »Aus den Tiefen des Alls, Handbuch zur Prä-
     Astronautik«, Tübingen 1985, Seite 239
(13) Routledge, Katherine: »The Mystery of  Easter Island«, 1919, Nachdruck Kempton 1998, Zitat Seite 133, Zeilen 12 bis 17 von unten. Übersetzung aus dem Englischen: Walter-Jörg Langbein.
(14) Ole Nydahl, auch als Lama Ole bekannt, wurde am 19. März 1941 nördlich von Kopenhagen geboren. Von 1960 bis 1969 studierte er Philosophie, Englisch und Deutsch in Kopenhagen und einige Semester auch in Tübingen und München. Das Philosophikum bestand er mit Bestnote. Bei dem Büchlein handelte es sich wahrscheinlich um einen Privatdruck. Weder Verlag noch Verlagsort oder Jahr des Erscheinens konnte ich entdecken.

Zu den Fotos
Foto 1: Sie hatten einst alle Augen... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Cooks »Bark Endeavour«. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 3: Cooks »Bark Resolution«. Wiki commons/ gemeinfrei
Foto 4: 15 Kolosse wenden dem Meer den Rücken zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sie schauten ins Landesinnere. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 : Ja wo schau(t)en sie denn hin, die Statuen? Archiv Langbein/ Kutzer 
Foto 7: Auch er schaut Richtung Inland. Foto Walter-Jörg Langbein
Im Schatten des Riesen: Ingeborg Dielmann (rechts) und Elfriede Wellbrock (rechts)

485 »Das Universum des Professors«,
Teil 485 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 5. Mai 2019



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Sonntag, 31. März 2019

480 »Nabel des Lichts«

Teil 480 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute.

Nach 120 Tagen auf See erreichten die Flüchtlinge die Osterinsel, während ihre alte Heimat in den Fluten des Pazifiks versank. In der Anakena-Bucht gingen sie, müde, erschöpft und erleichtert, an Land. Neben der aus 67 Schrifttafeln bestehenden Bibliothek hatten sie etwas noch Wertvolleres gerettet. Sie nannten dieses geheimnisvolle Etwas in ihrer melodischen Rapa-Nui-Sprache »Te-pito-te-Kura«. Dieses mysteriöse Etwas sei ihr wertvollster Besitz gewesen, den sie mit in die »Neue Heimat«, die Osterinsel brachten (1).

Die Anakena-Bucht bietet einen schmalen Streifen Sandstrand. An den Rändern tummeln sich oft Scharen von Seeigeln. Der Badende, der sich näheren Kontakt mit den Stacheltieren ersparen möchte, hält sich am besten in der Mitte. Einen Katzensprung von der Anakena-Bucht  entfernt ragte einst auf seiner soliden Plattform der steinerne Riese Namens »Paro« in den Himmel. Er liegt heute in Trümmern auf der Nase und bietet einen traurigen Anblick.

»Geboren« wurde »Paro« im Steinbruch am »Rano Raraku«-Krater. Von dort bis zu Paros bemitleidenswerten Resten sind es »nur« knapp sechs Kilometer. Diese sechs Kilometer kommen einem wie eine strapaziöse Langstreckentour vor, wenn man sie bei strahlendem Sonnenschein zu Fuß zurücklegt. Eine kleine Weltreise muss diese kurze Strecke für jene gewesen sein, die den Koloss vom Steinbruch an die Küste schafften.

Foto 2: Steiniger »Strand«

Sechs Kilometer weit wurde der steinerne Riese »Paro« – wie auch immer – transportiert. Man bedenke: Er maß einst fast zehn Meter, bevor er umgestürzt wurde und in mehrere Teile zerbrach. Eine Meisterleistung! Man schätzt sein Gewicht auf 82 Tonnen! Auf seinem Haupt thronte einst ein steinerner »Hut«. Der tonnenförmige rötliche Stein ist zwei Meter hoch und wiegt allein fast zwölf Tonnen.  Er stammt von einem anderen »Steinbruch«, von »Puna Pau« und musste fast 18 Kilometer querfeldein befördert werden. Mit »Hut« wiegt der Koloss also fast 94 Tonnen.

In der Theorie funktionierte alles ganz einfach: Man brachte den Koloss in die Senkrechte, schob ihn auf sein Podest, baute eine Rampe, die bis zum Kopf des Riesen reichte. Über diese Rampe rollte man den Hut (12 Tonnen!)  nach oben und platzierte ihn in luftiger Höhe auf den Kopf des Giganten. Wer nicht an Klaustrophobie leidet und auch sonst kein ängstlicher Mensch ist, der kann unter den Unterleib des steinernen Kolosses krabbeln und wird eine interessante Ritzzeichnung entdecken: von einem Segelschiff mit zwei Masten. Ich vermute, dass der Koloss schon alt war, als Osterinselkünstler das Abbild eines Segelschiffs in seinen Leib ritzten. Die Gravur offensichtlich erst nach Ankunft der Europäer im 18. Jahrhundert angebracht.

Foto 3: Piropiro und 2 Besucher
Übrigens: Noch größer als der heute zerbrochene  Riese »Paro« ist der Moai »Piropiro«. 11 Meter misst er vom Nabel bis zum Scheitel. Allerdings ließ man den Giganten unweit des Steinbruchs am »Rano Raraku«-Krater einfach stehen. Fünf Meter sank er in den Boden. Halb steckt er im Boden, halb ragt er aus dem Erdreich.  Oder wurde er, um ihm sicheren Halt zu bieten, halb eingegraben?

Der frühe Weltreisende und Forscherautor Ernst von Hesse-Wartegg (*1851; †1918), 1888 bis 1918 Konsul von Venezuela für die Schweiz,  war von den großen Kulturen unseres Globus fasziniert. Die Monumente, die unsere Vorfahren weltweit bereits vor Jahrtausenden errichteten, verblüfften den Weltenbummler immer wieder. Nichts aber faszinierte ihn so wie die Kolosse auf der Osterinsel. Von Hesse-Wartegg schrieb kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in seinem zweibändigen Werk »Die Wunder der Welt« (2), dass die schweigenden Riesen von »unbekannten Schöpfern« gemeißelt wurden und »wahrscheinlich zu den ältesten Skulpturen der Menschheit« gezählt werden müssten. 

Von Hangaroa, der einzigen Siedlung auf der Osterinsel, kann man den Strand der Anakena-Bucht per PKW, Motorrad, Fahrrad oder Pferd auf inzwischen recht ordentlichen Straßen erreichen. Eine recht ordentliche Straße führt von Hangaroa aus Richtung Norden, Richtung Anakena-Bucht. Kurz bevor man die Küste erreicht kommt man an eine Kreuzung und biegt nach rechts ab. Nach zwei Kilometern erreicht man einen kleinen Parkplatz und ist am Ziel.

Es ist ohne Zweifel nicht ohne Reiz auf dem Rücken eines Pferdes die Osterinsel zu erkunden. Allerdings stellt sich dann immer wieder die Frage, was man mit dem braven Pferd macht, wenn man – zum Beispiel – den »Nabel der Welt« näher in Augenschein nehmen möchte. Anders als im »Wilden Westen« gibt es keine Parkplätze für Reitpferde. Nirgendwo sind Halterungen zum Anbinden des treuen Rosses angebracht.

Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht

Man kann auch mit dem Auto bis zur Anakena-Bucht fahren, unter Palmen parken und den Rest zu Fuß gehen. Vom Sandstrand der Anakena-Bucht zum »Nabel der Welt« ist es nicht weit, der Weg an der steinigen Küste entlang bringt den Wanderer der echten Osterinsel-Atmosphäre näher.

Was mich schon lange beschäftigt: Wissen wir, was »Te-pito-te-Kura« war? Und ist diese Kostbarkeit heute noch vorhanden? » Te-pito-te-Kura« heißt zu Deutsch heißt der klangvolle Name: »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts«. Was dürfen wir uns unter einem »Nabel aus Licht« oder »Nabel des Lichts« (3) vorstellen? Die »offizielle« Erklärung: Der mysteriöse »Nabel« sei nichts anderes als ein Spheroid (4) aus dichtem, kristallinem Vulkangestein von schwarz-grauer Färbung.

Foto 5: »Nabel der Welt«?
Der seltsame Stein ist nicht als Skulptur komplett neu geschaffen worden. Es handelt sich also nicht um so etwas wie eine Skulptur. Er scheint aber von kundiger Hand etwas »geformt« und »glattpoliert« worden zu sein. In welchem Umfang der »Nabel« bearbeitet wurde, das lässt sich nicht mehr genau feststellen. Offenbar ist er eisenhaltig, deshalb lässt er jeden Kompass verrücktspielen. Fakt ist: Der Stein – Umfang 2,53 Meter – stammt eindeutig von der Osterinsel, das ist erwiesen.  Der mysteriöse »Licht-Nabel« soll aber vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel geschafft worden sein. Irgendwie wurde irgendwann aus dem »Lichtnabel« der »Nabel der Welt«, »Te-pito-te-henua«. Genauer gesagt: Er bildet das Zentrum eines eigenartigen Ensembles: um den großen zentralen Stein angeordnet sind vier wesentlich kleinere Steine. Das Ganze wiederum wird von einem niedrigen Steinmäuerchen umschlossen.

Je gründlicher ich mich mit der seltsamen Anordnung beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass man recht wenig weiß. Einen Besuch ist die geheimnisvolle Anlage allemal wert. Allerdings muss ich zugeben: Meine Recherchen zerstörten so manche meiner Illusionen. Offensichtlich ist der Komplex, bestehend aus Mäuerchen, einem größeren zentralen und vier kleineren Steinen, kein uraltes Heiligtum der Osterinsel. Im kleinen Museum der Osterinsel zeigte man mir einige vergilbte Fotos, die ältesten stammten aus den 1970er Jahren. In einer Aufnahme, angeblich Mitte der 1970er Jahre entstanden, sieht man nur den großen, eiförmigen Stein am steinigen Strand liegen. Weder die um den Stein platzierten vier kleineren Steine, noch das Mäuerchen sind da zu sehen. Das heute Touristen gezeigte Gesamtensemble ist offensichtlich erst nach 1970/ 1975 entstanden.

Unklar ist, wer das Mäuerchen erbaut hat und warum. Waren es Osterinsulaner? Waren es die Mitglieder einer Reisegruppe von Esoterikern? Wer gruppierte wann die vier kleineren »Steineier« um den steinernen »Nabel der Welt«. Waren es die Esoteriker, die sich auf die vier relativ unbequemen Steine setzten, um mit den Händen die Kräfte des zentralen Steins zu erspüren? Waren es Osterinsulaner, die esoterisch angehauchten Besuchern etwas bieten wollten? Oder waren es Einheimische mit Humor, die sich darüber amüsierten, was man den leichtgläubigen Touristen alles erzählen konnte.

Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«?

Bei meinem ersten Besuch vor Ort anno 1982 erklärte mir mein »Pensionswirt«, dass das »Mäuerchen« immer wieder verändert wird. Mal ist es kniehoch, mal hüfthoch, mal ist es breiter als hoch, mal höher als breit, mal hat es einen »Eingang« und mal nicht, mal weist der Eingang Richtung Meer, mal in die entgegengesetzte Richtung. Auch scheint sich die Form des Mäuerchens zu verändern, mal ist es runder, mal ovaler. Diese Veränderungen lassen darauf schließen, dass das Ganze für die Osterinsulaner keine religiöse Bedeutung hat.

Unbestreitbar ist: Eine alte Sage berichtet von »Te-pito-te-Kura«, vom »Nabel des Lichts«, der vom Atlantis der Südsee mit auf die Osterinsel gebracht wurde. Der »Nabel-der-Welt-Stein« stammt aber definitiv von der Osterinsel selbst. Deshalb ist es vollkommen ausgeschlossen, dass der zentrale schwarzbraune Stein im Mäuerchen dieser »Nabel des Lichts« ist.

Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«

Heute gehört ein Besuch beim »Nabel der Welt« zum Pflichtprogramm für Osterinselbesucher. Dessen ungeachtet: Die Attraktion ist keine 50 Jahre alt. Es ist gut möglich, dass das leicht erreichbare Ensemble in Anlehnung an die alte Sage geschaffen wurde, vielleicht von esoterischen Touristen, vielleicht von Osterinsulanern.

Wo aber befindet sich dann der wirkliche »Nabel des Lichts«? Wartet das mysteriöse Objekt irgendwo in einer unterirdischen Kammer darauf, wieder entdeckt zu werden? Die Bezeichnung »Nabel des Lichts« lässt viel Raum auch für kühne Gedankenspiele und Spekulationen.

Fußnoten
(1) Joseph, Frank: »Lost Civilization of Lemuria/ The Rise and Fall of the World’s Oldest Culture«, Rochester 2006, Kapitel »Navel of the World«, S. 54-S.82, Seite 61, letzter Absatz unten
(2) Hesse-Wartegg, Ernst von: »Die Wunder der Welt«, Band 1, Stuttgart, Berlin, Leipzig, o.J., S. 473 u. 474
(3) Im Englischen: »navel of light«.
(4) Spheroid: Keine Kugel, sondern ellipsenartig im Querschnitt

Zu den Fotos
Foto 1: Piropiro vor einem Jahrhundert und heute. Foto vor 100 Jahren Archiv Walter-Jörg Langbein. Foto heute: Ingeborg Diekmann
Foto 2: Steiniger »Strand«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piropiro und 2 Besucher, links Elfriede Wellbrock, der Herr mit ausgestrecktem Arm ist Walter-Jörg Langbein. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Palmenwäldchen mit Pferden unweit der Anakena-Bucht. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 5: »Nabel der Welt«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Nabel der Welt« oder »Nabel des Lichts«? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Hier liegt der mysteriöse »Nabel«. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 8: Kuriose Osterinselfigur - verfremdet, bnasierend auf einer Zeichnung 
von Grecte C. Söcker. Verfremdung und Collage: Walter-Jörg Langbein 
(links!)



481 »Eine Osterinselstatue auf der Insel der Meuterer?«,
Teil 481 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 7. April 2019




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Sonntag, 22. April 2018

431 „Die Kreatur, Eulenmann und Kartoffelkopf/ Abschied von der Osterinsel“

Teil  431 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein                       


Foto 1: Heyerdahls Experiment misslang

1955/56 scheiterte Thor Heyerdahl weitestgehend auf der Osterinsel. Es gelang ihm nicht, allen vollmundigen Ankündigungen zum Trotz, eine Statue mit Faustkeilen aus dem Vulkankegel am Rano Raraku heraus meißeln zu lassen. Seine tüchtigen Gehilfen mussten enttäuscht und mit wunden Händen aufgeben. Das Ergebnis des Heyerdahl-Experiments mutet kläglich an. Allenfalls die Umrisse, nur wenige Millimeter tief, konnten in das relativ weiche Vulkangestein „geritzt“ werden.

Gescheitert ist Thor Heyerdahl mit seinem Versuch, archäologische Nachweise für seine Theorie, die Osterinsulaner seien von Peru aus gekommen. Auch trotz zahlreicher Grabungen konnte nicht ein einziger Fund getätigt werden, der eine Verbindung Peru/ Südamerika mit der Osterinsel zumindest nahelegte.

Foto 2: Osterinselriesen als Briefmarkenmotiv

Ganz in der Nähe des Rano Raraku Vulkankegels, nur wenige Meter vom „Steinbruch“ entfernt, stießen Heyerdahls Gehilfen in einiger Tiefe auf eine kuriose steinerne Figur. Sie ist eine der kleineren Statuen, ihre Höhe misst nur 3,60 Meter. Und sie unterscheidet sich vollkommen vom Standardtypus der Osterinselriesen. „Tukuturi“ nannten die Einheimischen spontan die mysteriöse Figur, zu Deutsch „der Kniende“.

Die typische Osterinsel-Statue steht aufrecht. Die Arme liegen seitlich am Körper, die langen dünnen Finger deuten Richtung Nabel. Einen Unterleib haben die Riesen nicht, an der Gürtellinie ist Schluss. Die Köpfe der Kolosse wirken roboterhaft starr, aber auch blasiert und arrogant. In den Augenhöhlen lagen einst Augen aus Muschelkalk, auf den flachen Häuptern standen zylindrische Steine wie monströse Hüte.

Fotos 3-5: „Der Kniende“

„Tukuturi“, „der Kniende“, fällt vollkommen aus dem Rahmen. Die Figur ist komplett ausgearbeitet, von den Füßen bis zum rundlichen Kopf. Die Figur kniet, hockt auf Fersen und Unterschenkeln, die Hände ruhen auf den Oberschenkeln. Leicht angedeutete Brüste sehen manche als Hinweis auf das Geschlecht der seltsamen Statue. Nicht zu übersehen ist aber der Bart. Es dürfte sich also um einen Mann handeln, der da kauert. Nach weithin akzeptierter Lehrmeinung wurden die Osterinsel-Statuen immer größer, womöglich als Resultat eines Wettstreits zwischen verschiedenen Stämmen.

Foto 6: Mein Bungalow

Versuchte jeder Stamm seine Konkurrenten zu übertreffen und möglichst noch größere Figuren aus dem Vulkankrater zu hauen? Oder wollte man von Generation zu Generation die „Altvorderen“ mit immer größer werdenden Figuren übertrumpfen? Die größte bekannte Statue – Länge rund 20 Meter (von mir nachgemessen) – wurde nie vollendet. Sie wurde nicht komplett aus dem Vulkangestein gelöst. Niemand vermag zu sagen, warum die Arbeiten im Steinbruch offensichtlich abrupt beendet wurden.

Dann müsste „der Kniende“ mit ihrer geringen Höhe (ich habe 3,60 Meter gemessen) zu den ältesten Statuen gehören. Wieso hat man sie vergraben? Etwa weil es zu einem abrupten Stilwechsel kam, warum auch immer? Man muss sich natürlich fragen, ob „der Kniende“ die einzige Statue ihrer Art ist. Sie ist die einzige, die man bis heute gefunden, sprich ausgegraben hat. Ruhen noch weitere solche vollkommen aus dem Rahmen fallenden Figuren unter dem Erdboden der Osterinsel?

Davon sind viele Osterinsulaner überzeugt. Tatsächlich sieht man da und dort auf dem Eiland Gesichter der berühmten Steinkolosse aus dem Erdboden ragen. Wie viele ganz und gar vom Erdreich bedeckt sind und so von Witterungseinflüssen verschont bleiben? Niemand weiß das. Und Eingeweihte, die von Vätern und Großvätern in Geheimnisse der Osterinsel eingeweiht worden sind, schweigen.

Fotos 7 und 8: „Der Eulenmann" oder „Die Eule"

Ein Gesicht ragt ein Stück aus dem Erdreich. Im Hintergrund: Reste einer Plattform, auf der einst mehrere Statuen der bekannten, klassischen Art standen. Sie sind (wurden) gestürzt, liegen in Trümmern vor der verfallenden Plattform. Ganz aus dem Rahmen fällt das runde Gesicht. Es ist keines der fast normierten stoischen Gesichter der typischen Statuen. Leere Augenhöhlen starren den Besucher an. Einheimische nennen die Figur, von der nur wenig zu sehen ist, scherzhaft „Eulenmann“ oder „Eule“. Warum gräbt man die Figur nicht aus?

Ein Geistlicher erzählte mir vor Ort: Über Jahrzehnte hinweg seien die Statuen für viele Einheimische nichts Besonderes gewesen. Mehrfach sei er gefragt worden, ob es überall auf der Welt diese „Dinger“ gebe. Lange Zeit hatte kaum jemand Interesse, die Vergangenheit der Insel zu erforschen. Aber immer mehr, auch junge Inselbewohner, interessieren sich für die Geschichte der Insel mit den Riesenstatuen.

Foto 9: „Die Kreatur“
Die Osterinsel ist mit Lava-Schlacken übersät. Überall liegen kleine oder große unförmige, auch runde, Klumpen, die einst einer der Vulkane ausgespuckt hat. Sie schossen noch flüssig in die Höhe, schlugen verfestigt wie Bomben wieder auf. In der Regel haben sie eine raue Außenhülle mit Löchern unterschiedlicher Größe. Figuren aus Lava-Schlacke-Klumpen soll es „viele“ gegeben haben. Sie entsprachen ganz und gar nicht dem weltberühmten Typus des Osterinselriesen mit starren, fast roboterhaften Gesichtsauszügen.

Vergeblich suchte ich bei meinen Aufenthalten auf „meiner Lieblingsinsel“ nach einer „nur“ etwa 2,40 Meter kleinen Figur aus rötlich-brauner Vulkanschlacke. Ein vergilbtes Foto stand mir kurz zur Verfügung. Eine angeblich maßstabsgetreue Zeichnung (Foto 8) durfte ich ausgiebig in Augenschein nehmen, aber nicht publizieren. Grete C. Söcker fertigte für mich eine Zeichnung dieser Kreatur an. Auf einem formlosen „Oberkörper“ oder „Leib“ ohne erkennbare Gliedmaßen ruht ein wuchtiger Kopf mit dicker Knollennase und wulstigen Lippen. Gab es eine reale Vorlage für dieses in rötlich-brauner Schlacke verewigte Geschöpf? Es könnte sehr wohl findige Hollywoodgrößen zu einem menschenfressenden Monster inspirieren.

Fotos 10 und 11: „Der Krallenmann“

Das gilt auch für  eine weitere Statue, die auf den ersten Blick sehr dem „typischen“ Osterinselriesen ähnelt. Sie ist verglichen mit ihren steinernen „Kollegen“ ausgesprochen klein, sie misst nur etwa 1,70 Meter. Anstatt von Fingern hat dieser seltsame „Osterinselzwerg“ aus Basalt lange, unnatürlich abgewinkelte Krallen. Freunde von Horrorfilmen mögen an Freddy Krueger aus der langlebigen Reihe „Nightmare on Elmstreet“ erinnert werden. Massenmörder Freddy trägt an seiner rechten Hand einen Handschuh mit Klingen, scharf wie Skalpelle, am Ende der Finger. Sein Osterinsel-Pendant freilich hat an beiden Händen diese scharfen spitzen Krallen.


Foto 12: „Kartoffelkopf“
Die Osterinsel bietet noch viele Geheimnisse und Rätsel. Immer wieder werden Meldungen durch die Medien verbreitet, wonach nun endgültig geklärt sei, wie die Riesen vom Steinbruch an die Plätze ihrer Bestimmung transportiert werden. Tatsache ist: Keiner dieser Lösungsvorschläge ist mehr als reine Spekulation. Und keine dieser Spekulationen hält einer stichhaltigen Überprüfung stand. Daran ändert auch die immer wieder in die Welt posaunierte Meldung, nun sei Däniken endgültig widerlegt. „Widerlegt“ werden nämlich auch in Sachen Osterinseln angebliche Behauptungen Dänikens, die sich nirgendwo in seinen Büchern finden.

Ungelöst sind nach wie vor viele Geheimnisse der Osterinsel. Wo wurden Riesenstatuen und Statuetten vergraben und warum? Wen oder was sollen die stoisch dreinblickenden Statuen darstellen? Wie kamen sie zu Fall? Wer oder was hat sie gestürzt? Wen stellen fratzenartige Reliefs und gnomartige Skulpturen dar, die man selbst in dickleibigen Bildbänden über die Osterinsel nicht zu sehen bekommt? Warum hat der angeschlagene, wieder aufgerichtete Moai vom „Ahu Huri a Urenga“ (Größe: Fast 3,50 Meter) gleich vier Hände mit Krallenfingern wie Freddy Krueger aus der Horror-Film-Reihe „Nightmare on Elmstreet“?
Foto 13: „Puoko Tea Tea“

Wen oder was stellt – pardon – der „Kartoffelkopf“ (von mir so „getauft“) dar, der im „Orongo-Heiligtum“ verewigt wurde? Man möchte ihm nachts ebenso wenig begegnen wie seinem Kollegen „Puoko Tea Tea“, der vor Jahrhunderten als Miniatur aus Trachyt-Gestein geschaffen wurde.

Die Osterinsel ist und bleibt rätselhaft, ein winziges Fleckchen Erde, irgendwie verloren in Zeit und Raum…

Ich habe im Laufe der Jahre eine erfreuliche Entwicklung auf der Osterinsel feststellen dürfen. Junge Osterinsulanerinnen und Osterinsulaner interessieren sich wieder für ihre Heimat. Kinder lernen in der Schule wieder die langsam in Vergessenheit geratende Sprache des Eilands. Sie lassen sich von den Älteren und Alten die Tänze zeigen, die schon seit Urzeiten auf dem Eiland bekannt waren. Junge Künstler studieren wieder die seltsamen Steingravuren von Fabelwesen, Vogelmenschen, Obergott Make Make und fertigen neue Kunstwerke an, Halbreliefs und Statuetten. Und die alten Kunstwerke, die gigantischen Steinriesen, aber auch Halbreliefs und Ritzzeichnungen, werden, leider ist das erforderlich, bewacht. Es ist bedauerlicherweise immer wieder vorgekommen, dass uralte Überlieferungen in Stein beschädigt wurden.

Manche Menschen müssen sich anscheinend überall »verewigen«. Ein Tourist wurde erwischt, der einem der Osterinselkolosse die Nase abgeschlagen hatte. Er wollte sie als Souvenir mit nachhause mitnehmen. Dein anderer Tourist hatte es auf ein Ohr einer der Statuen abgesehen. Es gelang ihm, das imposante Ohr abzuschlagen, beim Aufprall auf dem Boden zerbrach es in mehrere Teile. Ein Stück wurde im Gepäck des Touristen gefunden. Der Bürgermeister der Inselgemeinde, Pedro Edmunds, ließ verlautbaren (1), der Finne sollte frei gelassen werden und müsse keine Haftstrafe antreten. Die Beschädigung der Statue, so der Bürgermeister, sei nur möglich gewesen, weil die chilenische Regierung zu wenig für den Schutz des Weltkulturerbes tue.

Übrigens: Bevor Erich von Däniken anno 1968 über die Osterinsel berichtete, interessierte sich niemand für das mysteriöse Eiland. Erich von Däniken war es, der mit »Erinnerungen an die Zukunft« weltweit die geheimnisvollen Statuen zum Diskussionsthema machte. Auch wenn alle Jahre wieder verkündet wird, dieses oder jenes Geheimnis der Osterinsel sei gelöst worden, so wurden bislang nur, zum Teil kuriose, Spekulationen vorgetragen. Auch in Sachen Osterinsel konnte Erich von Däniken bis heute nicht widerlegt werden.

Meine Trauminsel ist und bleibt die Osterinsel!. ¡'Iorana!

Fußnote
(1) Der Vorfall ereignete sich meiner Erinnerung nach im Jahr 2010.

Danksagung

Ein herzliches Dankeschön 
geht an Grete C. Soecker 
für die großartigen Zeichnungen, 
die sie für diesen Beitrag angefertigt hat. 
Ihre Illustrationen bereichern meinen Beitrag, 
veranschaulichen den Text, wo keine Fotos vorliegen. 
DANKE!

Fotos 14-16: Einige der rätselhaften Statuen der Osterinsel

Zu den Fotos:
Foto 1: Heyerdahls Experiment misslang. Foto/ Archiv W-J.Langbein
Foto 2: Osterinselriesen als Briefmarkenmotiv. Archiv W-J.Langbein
Foto 3: Der Kniende. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Der Kniende. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 5: Der Kniende. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Mein Bungalow. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 7 und 8: „Der Eulenmann“ oder „Die Eule“. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 9: „Die Kreatur“. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 10 und 11: Der „Krallenmann“. Zeichnungen Grete C. Söcker
Foto 12: „Kartoffelkopf“. Zeichnung Grete C. Söcker
Foto 13: „Puoko Tea Tea“. Zeichnung Grete C. Söcker
Fotos 14-16: Einige der rätselhaften Statuen der Osterinsel. Fotos Walter-Jörg Langbein

432 „Das Leuchten in der Gruft“,
Teil  432 der Serie
„Monstermauern, Mumien und Mysterien“                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.04.2018


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Sonntag, 5. Februar 2012

107 »Alten Rätseln auf der Spur«

Teil 107 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Make Make glotzt aus
dem gewachsenen Stein
Foto: W-J.Langbein
Die Osterinsel verdankt ihre Existenz gewaltigen Vulkanausbrüchen auf dem Meeresgrund. Gewaltige Lavamassen wurden aus dem Erdinneren empor gespien, formten den massiven Grundstock der Insel. Aus dem Lavagestein erkalteter Vulkane wurden die Kolosse und ihre gewaltigen Hüte gemeißelt. In Lavagestein ritzten Osterinsulaner schon vor Jahrhunderten religiös-mythologische Bilder ... an denen oftmals der Zahn der Zeit so intensiv genagt hat, dass sie kaum noch zu erkennen sind.

Wir begegnen Haien und Delphinen ... aber auch Göttern wie Make Make. Die altehrwürdigen Bildnisse scheinen, das ist mein Eindruck von mehreren Besuchen in der Südsee, immer schneller zu verwittern und ausgelöscht werden. Neben der Witterung tragen auch einheimische Führer dazu bei, die alten Kunstwerke zu beschädigen. Sie kratzen Moose weg, zeichnen mit Kreide nach. So verstärkt der Mensch Schäden, die Witterung findet noch mehr Angriffspunkte ... in den Stein geritzte Bildnisse verschwinden nach und nach ... von Gott Make Make, von Haien und Delfinen, Tintenfischen Wasserschildkröten.

Die Grenzen zwischen Realität und Fabelwelt verschwimmen in der Welt der Osterinsel. War Make Make ein reales, physisches Wesen? Wer oder was waren die geheimnisvollen Vogel-Menschen, Tier und Mensch zugleich? Auch ihre Bildnisse verwittern zusehends, werden bald nur noch in Form von Fotos oder Zeichnungen existieren.

Vogelmenschen
Foto: W-J.Langbein
Vor Ort zeigte man mir im Maßstab 1 zu 1 angefertigte zeichnerische Rekonstruktionen der alten Bilder ... Ein weiches, dünnes Spezialpapier wurde auf die Steingravur gelegt. Mit Spezialkreide wurde Zentimeter für Zentimeter jede Unebenheit auf das Papier übertragen. So wurde die Abbildung sehr viel klarer, deutlicher zu erkennen als das Original.

Wer waren diese Vogelmenschen? Sehr häufig scheinen sie vom Himmel herab auf die Erde zu springen. Oder sind es Taucher, die die Tiefe des Meeres erkunden? Wir kennen noch den Vogelkult. Von Orongo aus kann man die drei kleinen Inselchen sehen, die der Osterinsel vorgelagert sind. Von hier aus kletterten Anhänger des Vogel-Menschen-Kults die senkrecht abfallende Felswand in die Tiefe, schwammen aufs Meer hinaus zu den Inselchen. Es galt, das erste Ei einer dort brütenden Schwalbenart zu bergen ... Jeder Stamm ließ seine besten Sportler antreten. Unklar ist: Wurde der erfolgreiche Schwimmer, der mit einem Ei wieder die Steilwand emporgeklettert war, für ein Jahr zum religiösen Führer? Oder wurde diese Ehre dem Stammeshäuptling zuteil, dessen Athlet den gefährlichen Wettbewerb gewonnen hatte?

Umstritten ist, wann der mysteriöse Vogelmenschkult entstand. 800 n. Chr.? 1800 n. Chr.? Stand Gott Rongo im Zentrum, dessen heiliges Symbol der Regenbogen war? Ging es um kultisch-rituelle Zeremonien zur Erhaltung der Schöpfung? Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren. Wir können nur spekulativ versuchen, den Spuren alter Rätsel zu folgen.

Spuren von Mahiva
Foto: W-J.Langbein
Christlichen Missionaren war eine solche Spurensuche meist ein Gräuel. Voller Abscheu wandten sie sich ab, wenn die Einheimischen von übernatürlichen Wesen wie Geistern oder Göttern sprachen. Einst sollen solch mysteriöse Wesen Spuren hinterlassen haben, die heute weitestgehend verschwunden sind. So zog sich angeblich einst so etwas wie eine Schleifspur, stets dem Küstenverlauf folgend, um das gesamte Eiland. Dieser »Weg« wird der Gottheit Mahiva zugeschrieben. Mahiva, der Name wird gelegentlich als »Die Dunkelheit« übersetzt, soll auch für eine seltsame Spur im Stein verantwortlich sein.

Auf einer großen, ebenerdigen Steinfläche entdeckte ich bei ausgiebigen Wanderungen über die einsamste Insel der Welt unzählige nicht mehr zu erkennende Gravuren. Viele Meter zog sich über die plane Fläche ein Kuriosum: Es sieht aus, als wäre ein Vehikel mit Rädern über feuchten Zement gefahren ... und hat »Reifenspuren« hinterlassen. Natürlich handelt es sich bei der steinernen »Plattform« nicht um Beton. Die beiden parallel verlaufenden Spuren sind auch nur wenige Millimeter tief. Sie verlaufen quer über Risse im Stein. Nach dem sonntäglichen Gottesdienst hatte ich Gelegenheit mit dem Geistlichen zu sprechen. Der Gottesmann freute sich sehr über mein Interesse an der Osterinsel. Auf die mysteriöse Doppelspur angesprochen, reagierte er verärgert: »Das hat mit Mahiva und Aberglauben zu tun!« Abrupt brach er unser Gespräch ab.

»Reifenabdrücke« im Stein
Foto: Walter-Jörg Langbein
Verschwunden ist nicht nur »Ara Mahiva« (»Mahivas Straße«), die einst rund um die Insel führte. Verschwunden sind auch sorgsam gepflasterte Wege. Sie führten, das haben intensive Recherchen vor Ort bei mehreren Besuchen ergeben, nicht vom Steinbruch weg ... und auch nicht zu Plattformen mit Statuen.
Die Wege endeten sehr häufig ... bei aus Steinbrocken aufgetürmten Pyramiden. Im Museum erhielt ich die Erklärung, bei den Pyramiden habe es sich um einfache »Steinhaufen« gehandelt. Früher habe man die Lavaklumpen bei Aufräumungsarbeiten gesammelt und aufgetürmt. Sehr überzeugend ist diese Erklärung nicht. Es ist richtig: die Osterinsel ist von Millionen von kleinen bis großen Lava-Klumpen übersät. Selbst wenn man früher diese Brocken als störend empfunden und zusammengetragen haben sollte ... dann hätte man doch nicht die Wege zu den pyramidenförmigen Steinhaufen gepflastert.

Wahrscheinlicher ist, dass es sich um Mahnmale handelte – zu Ehren von in kriegerischen Auseinandersetzungen gefallenen Kämpfern. So soll es direkt bei den Pyramiden steinerne Podeste gegeben haben, auf denen die Toten aufgebahrt wurden, bevor sie in Ehren bestattet wurden ... etwa in oder unter den »Pyramiden«? Im Museum zeigte man mir einen stark ausgebleichten Druck, der angeblich nach einer »zeitgenössischen Darstellung gefertigt« wurde. Zu erkennen sind eine Pyramide, ein gepflasterter Weg und zwei runde Podeste, über die man eine Bahre mit einem Toten legte. Was ist aus den gepflasterten Wegen, was aus den Pyramiden geworden? Hat man sie als »Steinbrüche« missbraucht?

Gepflasterter Weg zu einer Pyramide an der Küste
Foto: Archiv W-J.Langbein
1957 machte Thor Heyerdahl bei Ausgrabungen unmittelbar am »Rano Raraku«-Steinbruch eine sensationelle Entdeckung: eine einzigartige Statue! Alle übrigen Statuen stehen und haben die Arme seitlich an den Körper angelegt. Die Hände sind seltsam abgewinkelt und deuten auf den Nabel hin. Beine haben die Statuen nicht. Sie enden an der Gürtellinie.

Heyerdahls Ausnahme-Statue aber ist komplett bis zu den Füßen. Und sie steht nicht, sondern sie sitzt. Kurioseste Bezeichnungen wurden erfunden. Manche sehen in der Ausnahmestatue einen »sitzenden Buddha«, andere eine »alte Frau«. Wen oder was die seltsame Figur darstellt ... noch heute haben manche Insulaner Angst vor dem steinernen Wesen. Ein böser Geist beseele die Kreatur.
Warum wurde nur eine einzige »Ganzkörperstatue« in sitzender Position angefertigt? Warum wurde dieses Unikat vollkommen vergraben? Sollte sie den Steinbruch bewachen?

Hockende Statue
Foto: W-J.Langbein
Seit mehr als drei Jahrzehnten bin ich alten Rätseln auf der Spur. Eines habe ich lernen müssen! Skepsis ist immer angebracht, wenn lautstark verkündet wird, dass wieder ein archäologisches Rätsel gelöst worden sei. Thor Heyerdahl zum Beispiel behauptete, alle Geheimnisse um die Osterinselriesen aufgeklärt zu haben. In seinem Weltbestseller »Aku Aku«, 1957 erstmals in Oslo erschienen, schildert er, wie angeblich mit primitiven Mitteln die Steinriesen mit einfachen Steinfäustlingen aus dem Vulkan gemeißelt worden seien. Anschließend habe man sie mit primitiven Seilen über Land gezerrt und mit Holzstangen, Seilen und untergeschobenen Steinen aufgerichtet.

Thor Heyerdahl erweckt in Wort und Bild den Eindruck, es sei ihm mit einigen Insulanern gelungen, experimentell diese seine Theorie zu beweisen. So heißt es zum Beispiel als Bildunterschrift zu einem Foto, auf dem wackere Insulaner mit Steinfäustlingen auf eine Steinwand einschlagen (1): »Eine Statue wird im Steinbruch des Vulkans ausgehauen – zum ersten Mal wieder seit Hunderten von Jahren. Im Vordergrund liegen die Steinbeile und die Flaschenkürbisse, die die gesamte Ausrüstung bei dieser Arbeit darstellten.«

Heyerdahls Experiment misslang
Foto: W-J.Langbein
Die Realität sieht ernüchternd aus: Heyerdahls Experiment misslang, auch wenn er in seinem Buch das Gegenteil suggeriert! Die emsigen Steinmetze mussten nach Tagen mit blutigen Händen aufgeben. Es gelang ihnen eben nicht (anders als von Heyerdahl suggeriert), eine Statue aus dem Steinbruch zu schlagen. Allenfalls die Konturen des Kopfes sind, wenige Zentimeter »tief« gelungen. In diesem Zustand wartet noch heute die von Heyerdahls willigen Gehilfen erst begonnene Statue seit mehr als einem halben Jahrhundert auf Vollendung. Ich habe erhebliche Zweifel, dass das Werk je fortgeführt werden wird.

Wer alten Rätseln auf der Spur die Welt bereist, wird immer wieder feststellen, dass sich so manches Geheimnis einer raschen Aufklärung widersetzt. Steine lassen sich meist nicht wie ein Buch lesen ... Das aber macht für mich den besonderen Reiz der alten Mysterien aus.

Ritzzeichnung eines
großen Fisches
Foto W-J.Langbein
Fußnote
1) Heyerdahl, Thor: »Aku Aku«, Berlin 1972, rechts von Seite 104, Foto unten
.
.
»Die Steine von Moorea«,
Teil 108 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.02.2012

Sonntag, 29. Januar 2012

106 »Von roten Hüten und runden Köpfen«

Teil 106 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein kompletter Riese
Foto: W-J.Langbein
Stolz steht der steinerne Riese auf seinem Podest. Er ist komplett. Während fast alle seiner Artgenossen leere Augenhöhlen aufweisen ... hat man ihm die kalkweißen Augen eingesetzt. Und auf seinem Haupt ruht tonnenschwer aus rotem Vulkangestein ein mächtiger Hut. Wenn es denn ein Hut ist. Auch heute noch ist diese Frage umstritten: Stellt der walzenförmige Klotz eine Frisur dar, einen Hut, oder eine Krone? Oder ist es gar ein Helm?

Meister der Steinmetzkunst waren am Werk, die die Kolosse aus dem Rano-Raraku-Vulkan meißelten. Meister der Speditionsbranche schafften die Riesen über viele Kilometer vom Steinbruch zum Bestimmungsort. Meister in der Wissenschaft der Statik richteten sie schließlich auf, bugsierten sie auf ihre Plattform und wuchteten die tonnenschweren roten »Hüte« auf ihre Häupter. Es ist wirklich bewundernswert, wie es ihnen gelang, die Kolosse stabil zum Stehen zu bringen und ihnen die steinernen »Tonnen« auf die Köpfe zu setzen, ohne dass der Riese fiel oder der »Hut« zu Boden stürzte.

Die Steinmetze schlugen in die Unterseite des »Huts« eine tiefe Kerbe. Sie wurde manchmal ins Zentrum gesetzt, manchmal mehr an den Rand. In diese Vertiefung (»Nut«) passte exakt eine Erhöhung oben am steinernen Kopf (»Feder«). So konnte der »Hut« fest auf dem Riesenhaupt verankert werden ... Die Nut-Kerbe hatte oft beachtliche Ausmaße. Sie war oft immerhin so groß, dass sich ein Mensch hineinsetzen kann!

Mann im Hut - Foto: W-J.Langbein
Rund 1 000 Osterinselkolosse sind bekannt, rund 100 tonnenförmige »Hüte« aus rotem Tuff-Gestein wurden bislang gefunden. Sollten also nur ganz bestimmte Riesen mit so einem »Hut« versehen werden? Bekannt ist der Steinbruch, aus dem diese massiven Schmuckaufsätze stammen. Es ist ein kleiner Nebenkrater des mächtigen Rano Kao, an der Südwestspitze des Eilands.

Am Steinbruch und in einiger Entfernung davon liegen noch heute einige der mysteriösen Kopfbedeckungen. Ich habe von allen Maß genommen und recht bemerkenswerte Ergebnisse notiert ... Die roten Zylinder haben einen Höhe von 121 cm bis 243 cm. Ihr Durchmesser beträgt zwischen 182 cm und 274 cm! Das sind schon ganz besondere Konfektionsgrößen ... Man lasse sich diese Maße auf der Zunge zergehen ... Ein Hutexemplar von beachtlicher Größe misst knapp über 2 Meter und 40 Zentimeter und hat einen Durchmesser von fast dreieinviertel Metern!

Das Hut-Material ist weicher als das, aus dem die Riesen gemeißelt wurden. Deshalb stellte man die Kolosse im Steinbruch fertig und transportierte sie dann als vollständig ausgearbeitete Figuren ... während die Hüte als rollenförmige Hüte von ihrem Steinbruch an den jeweiligen Bestimmungsort gerollt (?) wurden. Dort angekommen, wurden sie erst zurecht gemeißelt.

Hüte am Steinbruch
Foto: W-J.Langbein
Wie viele solcher Hüte wurden wohl hergestellt? Wir wissen es nicht. Viele stecken – auch unweit des Vulkans – tief im Erdreich. Von so mancher dieser Kopfbedeckungen für Riesen schaut nur noch ein kleines Stückchen aus dem Boden. Wurden die mächtigen Zylinder, warum auch immer, vergraben? Auch wenn es so aussehen mag ... glaube ich es nicht. Offensichtlich wurden die Arbeiten irgendwann einmal sozusagen über Nacht eingestellt. Halbfertige Statuen wurden nicht vollendet. Fertige, die schon ein Stück transportiert worden waren, ließ man einfach liegen. Hüte wurden zum Teil nur wenige Meter von ihrem Steinbruch aus liegengelassen ... oder viele Kilometer über die ganze Insel transportiert. Warum sollte man sich dann nach Abbruch der Arbeiten die Mühe gemacht haben, die monströsen Hüte zu vergraben?

Was beim genauen Betrachten mancher Hüte auffällt: Offensichtlich hat man in einige von ihnen Bilder hinein geritzt. Warum? Sie sind kaum zu erkennen. Was sie darstellen sollen, ist so gut wie nie zu erraten. Manche Ritz-Zeichnungen erinnern an Boote, andere an Fische.

»Houngan-Man«, mein Magier vor Ort, erklärte mir: »Die Ritz-Bilder hatten nicht dekorative, sondern magische Bedeutung. Sie sollten den Kolossen Kraft und Standfestigkeit verleihen. Und mächtige Statuen verliehen den Erbauern besondere Kräfte. Wer ein machtvolles Amt bekleiden wollte, konnte sich schützen. Je größer seine Statue war, desto besser konnte er sich gegen Neider und sonstige Feinde erwehren!«

Einsamer Hut am Strand
Foto: W-J.Langbein
Für so manchen Weltenbummler gehört die »Osterinsel« zum Programm. Oft wird das rätselhafte Eiland im Schnelldurchlauf absolviert. Wer vom Steinbruch hastig zu der einen oder der anderen stehenden Statue eilt... die am Vortag abgehakten Reiseziele schon vergessend... kann das Mysterium der Osterinsel nicht spüren. Man muss sich Zeit lassen, die Begegnungen mit den Kolossen auf sich wirken lassen. Der wirklich interessierte Besucher zollt den erstaunlichen Meisterleistungen der Osterinsulaner aufrichtigen Respekt und rennt nicht nach einigen geknipsten Fotos weiter.
»Die« Osterinselstatue gibt es übrigens nicht. Sicher: Die meisten scheinen einem vorgegebenen Muster zu folgen. Die langen Ohren verleihen den Gesichtern einen geradlinigen Rahmen. Die spitze »Himmelfahrtsnase« und die schmalen, oft geschürzten Lippen machen einen blasierten, ja arroganten Eindruck. Haben sie die schmal wirkenden Augen zusammen gekniffen?

Von magischer Bedeutung soll das Einsetzen der Kalk-Augen gewesen sein. Erst wenn so ein Koloss seine weißen Augen bekam... lebte er, konnte er sehen. Seltsam: Von vielen Hundert Augen, die es einmal gegeben haben muss, wurden nur einige wenige Bruchstücke gefunden. Warum? Was geschah mit den vielen Augen? Wurden sie zerstört? Wurden sie vergraben? Warum? Fürchtete man die Steinkolosse auch dann noch, wenn sie vom Podest gestürzt waren?

Eine
Riesenversammlung
Foto: W-J.Langbein
Und: Wie kamen die Kolosse zu Fall? Fakt ist: Keine einzige Statue überlebte stehend. Sie lagen alle am Boden oder steckten im Erdreich. Nur einige, relativ wenige hat man inzwischen wieder mit einem japanischen Kran aufgerichtet. Meine Meinung: Die Riesen fielen einer Naturkatastrophe – vermutlich einem Erdbeben – zum Opfer!

Ich wiederhole eine wichtige Frage: Stellen die steinernen Statuen blasierte Typen dar ... oder betont vornehme Vertreter eines hoch angesehenen Standes? Richtig ist: diese 08-15-Typen sind in der Überzahl. Es gibt aber auch ganz andere Figuren ... Wochenlang bereiste ich im Laufe einiger Südseereisen die Osterinsel ... und stieß dabei auf einige so ganz andere Figuren, auf Wesen mit runden Köpfen. Sollte es zwei verschiedene Menschentypen auf der Osterinsel gegeben haben, die ganz unterschiedliche Statuen schufen? Oder stellen die »Rundköpfe« göttliche Wesen wie den fliegenden Gott Make Make dar?

Die Statuen schweigen. Ach, wenn man in ihren Gesichtern nur wie in einem Buch lesen könnte! Übrigens: Rundköpfe wie Robotergesichter scheinen manchmal zum Leben zu erwachen. Wer das erleben möchte, muss ein gewisses Risiko eingehen ... und die Kolosse bei einem Gewitter aufsuchen. Durchnässt bis auf die Haut harrt man dann aus ... und wartet. Vom Himmel zuckende Blitze gaukeln einem dann vor, als würden die steinernen Gesichter zu Grimassen verzerrt ... hämisch über die Unwissenheit eines neugierigen Besuchers grinsen. Fotografieren lassen sich solche Eindrücke allerdings nicht!

Ein seltsamer Rundkopf
Foto:
 W-J.Langbein
Unzählige Kolosse stecken fast ganz im Boden. Von vielen ragt nur der Kopf heraus. Frei stehende oder zertrümmerte am Boden liegende Statuen sind relativ schnellen Zerfallsprozessen ausgesetzt. Wasser dringt in das poröse Material ein, äußere Schichten platzen ab. Es ist geradezu erschütternd, dass schon heute viele traurige Überbleibsel von einstigen Kolossen gar nicht mehr als solche zu erkennen sind. Bei näherem Betrachten vermag man manchmal da noch eine Augenhöhle und dort einen Nasenansatz zu erkennen.

Wird dieser Prozess noch aufzuhalten sein? Man experimentiert mit Chemie. So sollen Statuen ausgetrocknet und dann mit chemischen Tinkturen getränkt werden, die ein neuerliches Eindringen von Wasser verhindern sollen. Theoretisch gibt es Möglichkeiten, die uralten Kunstwerke des einsamsten Eilands der Welt zu erhalten. Aber: Das Verfahren ist sehr aufwändig, nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und ist teuer.

So gesehen ist es gut, dass viele Statuen weitestgehend im Boden stecken und vor Umwelteinflüssen geschützt sind. So gesehen ist es gut, dass so manche Staue im Erdreich vermutet wird, die auf Entdeckung wartet!

Rundkopf schaut aus der Erde
Foto W-J.Langbein
Je intensiver ich mich mit den Geheimnissen der Osterinsel beschäftigt habe ... desto rätselhafter erscheint sie mir! Ich bin inzwischen auch zur Überzeugung gekommen, dass es auch heute noch eingeweihte Wissende gibt. Die aber hüten die Geheimnisse der Osterinsel. Sie vertrauen sie keinem Besucher – ob Tourist oder Wissenschaftler – an.

Im Verlauf der Geschichte der Osterinsel brachten Besucher »zivilisierter« Länder selten Gutes! Die Bewohner der Insel wurden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein versklavt. Ein Großteil der Bevölkerung starb elendiglich an eingeschleppten Krankheiten. Und noch heute fühlen sich die stolzen Nachkommen der Statuen-Bauer alles andere als frei! Von der Weltöffentlichkeit unbeachtet versuchen sich immer wieder Bewohner der Osterinsel von der Vorherrschaft durch chilenische Behörden zu befreien! Es kam zu Protesten, Besetzung des Flughafens und Tumulten.

So forderten demonstrierende Ureinwohner Dezember 2010 die Rückgabe der Ländereien, die einst ihren Vorfahren gehörten. Nach dem Bericht eines Anwalts ging die chilenische Polizei mit Gewalt gegen die Einheimischen vor.

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»Alten Rätseln auf der Spur«
Teil 107 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05.02.2012


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