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Sonntag, 20. April 2014

222 »Die Götter der Steine«, Teil 3



Teil 222 der Serie (1)
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


»Wild zerklüftete Felsformationen«, konstatiert die Fachautorin Hadeswintha Schröer (2), »haben die Menschen schon immer angezogen und tief beeindruckt. An solchen Orten war (und ist) nicht nur die Natur in besonderem Maße zu sehen und zu spüren, sondern man vermutet dort auch eine Heimat der Götter oder von unbekannten Geist- und Naturwesen. So fanden an derlei Plätzen schon in frühester Vorzeit Kulte und Rituale statt, die den Menschen mit diesen herrschenden Mächten in Verbindung bringen und versöhnen konnten.« (Foto links: Zerklüftete Felsformation der Externsteine... Foto: Walter-Jörg Langbein.)

1992 erklärte mir »Houngan-Man« auf der Osterinsel ein uraltes Weltbild. Demnach sahen die Wissenden in den ältesten Kulturen im Stein die Götter der Vorzeit. Vulkane fördern Lava aus dem Erdinneren nach oben. Die Vulkankegel sind in diesem Bild Götterberge. Die Statuen der Osterinsel, aus Vulkangestein geschaffen, sind nach dieser Sichtweise nicht einfach nur steinerne Plastiken, sondern haben das Göttliche in sich… so der »Houngan-Man«.  (Foto rechts: Osterinselstatue. Foto Walter-Jörg Langbein.)

Für den Eingeweihten sind zerklüftete Felsformationen, so der »Houngan-Man, etwas Göttliches. »Er sieht die Steine wie Skulpturen der Götter. So wie wir ein Buch lesen, so studiert er in den Klüften von Steinen. Vielleicht arbeitet er auch natürliche Formationen nach, um die Bilder, die er zu erkennen vermeint, zu verstärken und zu verdeutlichen!«


Die Externsteine ...
Foto Walter-Jörg Langbein


Die Externsteine sind ein lohnendes Reiseziel. Sie liegen im Teutoburger Wald, im Kreis Lippe... umgeben von »einer parkartigen Anlage« (3). Es ist zu empfehlen, die beiden Felstürme zu erklimmen, die mit recht steilen Treppen versehen sind. Der Ausblick ist herrlich. Man fühlt sich in einen Märchenwald versetzt, aus dem mysteriöse Steinsäulen ragen. So führte »Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen« im Film auch zu den Externsteinen. Der deutsche Horrorfilm »Die Schlangengrube und das Pendel« entführt seine Zuschauer auch zu den Externsteinen. Im Film von Harald Reinl, nach Edgar Allan Poes »The Pit and the Pendulum« werden die »Externsteine« zu einer schaurigen Kulisse. Und wer – verbotener Weise – jenen mysteriösen Ort bei Nacht besucht, der spürt die mystisch-unheimliche Atmosphäre des uralten Kultorts!

Ideale Filmkulisse.. für Märchen wie für Horrorfilme.
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Gefilde um die Externsteine hießen bis ins 18. Jahrhundert »Asnighain«, zu Deutsch »Hain der Asen«, also »Hain der Götter«. Der Name »Externsteine« erlaubt vielfältige Interpretationen. Der heutige Terminus – eben »Externsteine« - wird gewöhnlich recht profan interpretiert. Da wird das mittelniederdeutsch bemüht: »Egge« bedeutet »lang gestreckter Hügelkamm«, die »Externsteine« werden dann zu »Steine am Hügelkamm«. Oder verweist der heute gebräuchliche Name auf »Elstern-Stein« oder »Elster-Felsen« hin? Tatsächlich lässt sich im 16. Jahrhundert die Bezeichnung »Rupes picarum« nachweisen.

Wir müssen nach älteren Quellen suchen… und werden fündig. Es liegt eine Kaufurkunde des Klosters Abdinghof vor. Da wird die Region der Externsteine »Ida-Feld« genannt. Das Idafeld aber verweist auf die »Bibel des Nordens«, auf die Edda.  Die Edda kennt das »Idafeld« als das mythologische Areal um den Sitz der Götter! Dann wären die Externsteine der Sitz der Götter… oder die »Steine der Götter«. Rudolf Steiner verstand die »Externsteine« auch so! Aus Sicht patriarchalischer Theologen ist eine weitere Erklärung des Namens geradezu verwerflich und ketzerisch: Die Ableitung von »Externsteine« von »Eccestan«, sprich »Mutterstein«! Schwingt da eine Erinnerung an die »Große Göttin« mit?

Blick durch das Rundfenster im Sacellum.
Foto Walter-Jörg Langbein
Die Etymologie ist aber nicht eindeutig! So gab es bei den Cheruskern – Siegrun Laurent weist darauf hin (4) – den Namen »Agistersetine« oder »Agistersteine«, zu Deutsch »Drachensteine«. Drachensteine? Lauern irgendwo in der Mythologie zu den »Externsteinen« Drachen?


Zu den Attraktionen der Externsteine, die unzählige Busse mit Touristen anlocken, gehört das Kreuzabnahmerelief der Externsteine. Im Zentrum sehen wir das Kreuz Jesu. Jesus, zum Entsetzen seiner getreuen Anhängerschaft von den Römern hingerichtet, wird vom Marterinstrument abgenommen. Nikodemus steht erhöht und reicht den Toten nach unten. Joseph von Arimathäa schultert den toten Jesus. Maria stützt das Haupt ihres Sohnes. Gottvater, links oben dargestellt, segnet das Geschehen. Auf seiner Schulter sitzt ein kleines Kind. Das Kind mag – und das ist Interpretationssache – die unschuldige Seele darstellen, die schon zum »himmlischen Vater« aufgestiegen ist. Rechts wird Jünger Johannes in Szene gesetzt. Sein in christlicher Kunst und Mythologie bekanntes Kennzeichen, das Buch, lässt uns den Jünger Johannes eindeutig erkennen!


Jünger Johannes
Foto Walter-Jörg Langbein

Die Gestalten des Reliefs sind stark beschädigt: Dem kleinen Kind auf Gottvaters Arm fehlt der Kopf, dem Nikodemus wurden ein Arm und die Beine abgeschlagen. Die treusorgende Mutter Jesu ist ebenfalls kopflos. Vollständig erhalten sind lediglich der Leichnam Jesu und Jünger Johannes. Ob Köpfe und Gliedmaßen bewusst abgeschlagen wurden? Oder hat da nur der Zahn der Zeit am Sandsteinrelief genagt?

Das eigentliche Kreuzabnahmeszenario ist freilich allen Beschädigungen zum Trotz nach wie vor gut zu erkennen. Das Kreuz selbst, Gottvater über dem Kreuz, Sonne und Mund, der tote Jesus, Maria, Nikodemus, Josef von Arimathäa und Johannes sind sauber aus dem Stein gemeißelt. Die Konturen sind exakt, präzise und scharf.

Man kann von drei Ebenen sprechen: Die höchste Ebene ist der »Himmel« mit Gottvater, Sonne und Mond. In der mittleren Ebene leben wir Menschen. Der tote Jesus wird vom Kreuz abgenommen, in der mittleren Ebene, während Jesu Seele schon im Himmel weilt. Die unterste Ebene ist besonders geheimnisvoll. Sie macht einen verwaschenen Eindruck, hat nicht die scharfen Konturen wie der Rest des Reliefs. Könnte es sein, dass ursprünglich das Relief ganz anders ausgehsehen hat? Würde es teilweise nachgearbeitet, um christlicher zu wirken?

Das Kreuzabnahmerelief
Foto Walter-Jörg Langbein

Die tiefste Ebene könnte Rest des ursprünglichen Reliefs gewesen sein, wirkt deutlich älter. Was erkennen wir? Da knien zwei Gestalten, blicken sich dabei an. Die rechte Gestalt hat offensichtlich einen wallenden Bart. Das Pendent könnte – man erahnt es – eine Frau mit einem Kleid oder Rock darstellen. Mann und Frau knien. Seit Jahrhunderten wird gerätselt, wer denn da unter der Kreuzabnahme zu sehen ist. Beide Gestalten blicken nach oben Mag sein, dass Mann und Frau je einen Arm empor strecken, hin zur Szene der Kreuzabnahme. Das ist aber nur eine fantasievolle Vermutung.

Zwei menschliche Gestalten und ein Monster ...
Foto Walter-Jörg Langbein

Je nach Sonnenstand und Lichteinfall erscheinen beide Gestalten wie verwandelt. Unzählige Male habe ich bei Besuchen der Externsteine zu ergründen versucht, was sich da in der Unterwelt abspielt. Bei näherem Betrachten fällt auf, dass da zwischen Mann und Frau ein weiteres Wesen abgebildet wurde. Dieses dritte Wesen wendet dem Betrachter den Rücken zu. Es ist ein Monster. Das Untier, so scheint es, ist ein Mischwesen aus Schlange und einem kräftigen Leib. Der Leib, so scheint es, steht auf zwei Beinen, die Schlange hat die beiden Menschen im Würgegriff ...

Gottvater mit dem kopflosen Kind.
Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Siehe hierzu auch Henze, Usch: »Osning –
Die Externsteine/ Das verschwiegene Heiligtum
Deutschlands und die verlorenen Wurzeln
europäischer Kultur«, Saarbrücken 2006
2) Hadeswintha Schröer: »Die Externsteine –
ein nordischer Kraftplatz«
3) Wikipediaartikel über die Externsteine
4) Laurent, Sigrun: »Externsteine – Eccestan
 – Mutterstein«

 »Das Monster und der Mann mit dem Schlüssel«,
Teil 223 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.04.2014


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Sonntag, 29. Januar 2012

106 »Von roten Hüten und runden Köpfen«

Teil 106 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein kompletter Riese
Foto: W-J.Langbein
Stolz steht der steinerne Riese auf seinem Podest. Er ist komplett. Während fast alle seiner Artgenossen leere Augenhöhlen aufweisen ... hat man ihm die kalkweißen Augen eingesetzt. Und auf seinem Haupt ruht tonnenschwer aus rotem Vulkangestein ein mächtiger Hut. Wenn es denn ein Hut ist. Auch heute noch ist diese Frage umstritten: Stellt der walzenförmige Klotz eine Frisur dar, einen Hut, oder eine Krone? Oder ist es gar ein Helm?

Meister der Steinmetzkunst waren am Werk, die die Kolosse aus dem Rano-Raraku-Vulkan meißelten. Meister der Speditionsbranche schafften die Riesen über viele Kilometer vom Steinbruch zum Bestimmungsort. Meister in der Wissenschaft der Statik richteten sie schließlich auf, bugsierten sie auf ihre Plattform und wuchteten die tonnenschweren roten »Hüte« auf ihre Häupter. Es ist wirklich bewundernswert, wie es ihnen gelang, die Kolosse stabil zum Stehen zu bringen und ihnen die steinernen »Tonnen« auf die Köpfe zu setzen, ohne dass der Riese fiel oder der »Hut« zu Boden stürzte.

Die Steinmetze schlugen in die Unterseite des »Huts« eine tiefe Kerbe. Sie wurde manchmal ins Zentrum gesetzt, manchmal mehr an den Rand. In diese Vertiefung (»Nut«) passte exakt eine Erhöhung oben am steinernen Kopf (»Feder«). So konnte der »Hut« fest auf dem Riesenhaupt verankert werden ... Die Nut-Kerbe hatte oft beachtliche Ausmaße. Sie war oft immerhin so groß, dass sich ein Mensch hineinsetzen kann!

Mann im Hut - Foto: W-J.Langbein
Rund 1 000 Osterinselkolosse sind bekannt, rund 100 tonnenförmige »Hüte« aus rotem Tuff-Gestein wurden bislang gefunden. Sollten also nur ganz bestimmte Riesen mit so einem »Hut« versehen werden? Bekannt ist der Steinbruch, aus dem diese massiven Schmuckaufsätze stammen. Es ist ein kleiner Nebenkrater des mächtigen Rano Kao, an der Südwestspitze des Eilands.

Am Steinbruch und in einiger Entfernung davon liegen noch heute einige der mysteriösen Kopfbedeckungen. Ich habe von allen Maß genommen und recht bemerkenswerte Ergebnisse notiert ... Die roten Zylinder haben einen Höhe von 121 cm bis 243 cm. Ihr Durchmesser beträgt zwischen 182 cm und 274 cm! Das sind schon ganz besondere Konfektionsgrößen ... Man lasse sich diese Maße auf der Zunge zergehen ... Ein Hutexemplar von beachtlicher Größe misst knapp über 2 Meter und 40 Zentimeter und hat einen Durchmesser von fast dreieinviertel Metern!

Das Hut-Material ist weicher als das, aus dem die Riesen gemeißelt wurden. Deshalb stellte man die Kolosse im Steinbruch fertig und transportierte sie dann als vollständig ausgearbeitete Figuren ... während die Hüte als rollenförmige Hüte von ihrem Steinbruch an den jeweiligen Bestimmungsort gerollt (?) wurden. Dort angekommen, wurden sie erst zurecht gemeißelt.

Hüte am Steinbruch
Foto: W-J.Langbein
Wie viele solcher Hüte wurden wohl hergestellt? Wir wissen es nicht. Viele stecken – auch unweit des Vulkans – tief im Erdreich. Von so mancher dieser Kopfbedeckungen für Riesen schaut nur noch ein kleines Stückchen aus dem Boden. Wurden die mächtigen Zylinder, warum auch immer, vergraben? Auch wenn es so aussehen mag ... glaube ich es nicht. Offensichtlich wurden die Arbeiten irgendwann einmal sozusagen über Nacht eingestellt. Halbfertige Statuen wurden nicht vollendet. Fertige, die schon ein Stück transportiert worden waren, ließ man einfach liegen. Hüte wurden zum Teil nur wenige Meter von ihrem Steinbruch aus liegengelassen ... oder viele Kilometer über die ganze Insel transportiert. Warum sollte man sich dann nach Abbruch der Arbeiten die Mühe gemacht haben, die monströsen Hüte zu vergraben?

Was beim genauen Betrachten mancher Hüte auffällt: Offensichtlich hat man in einige von ihnen Bilder hinein geritzt. Warum? Sie sind kaum zu erkennen. Was sie darstellen sollen, ist so gut wie nie zu erraten. Manche Ritz-Zeichnungen erinnern an Boote, andere an Fische.

»Houngan-Man«, mein Magier vor Ort, erklärte mir: »Die Ritz-Bilder hatten nicht dekorative, sondern magische Bedeutung. Sie sollten den Kolossen Kraft und Standfestigkeit verleihen. Und mächtige Statuen verliehen den Erbauern besondere Kräfte. Wer ein machtvolles Amt bekleiden wollte, konnte sich schützen. Je größer seine Statue war, desto besser konnte er sich gegen Neider und sonstige Feinde erwehren!«

Einsamer Hut am Strand
Foto: W-J.Langbein
Für so manchen Weltenbummler gehört die »Osterinsel« zum Programm. Oft wird das rätselhafte Eiland im Schnelldurchlauf absolviert. Wer vom Steinbruch hastig zu der einen oder der anderen stehenden Statue eilt... die am Vortag abgehakten Reiseziele schon vergessend... kann das Mysterium der Osterinsel nicht spüren. Man muss sich Zeit lassen, die Begegnungen mit den Kolossen auf sich wirken lassen. Der wirklich interessierte Besucher zollt den erstaunlichen Meisterleistungen der Osterinsulaner aufrichtigen Respekt und rennt nicht nach einigen geknipsten Fotos weiter.
»Die« Osterinselstatue gibt es übrigens nicht. Sicher: Die meisten scheinen einem vorgegebenen Muster zu folgen. Die langen Ohren verleihen den Gesichtern einen geradlinigen Rahmen. Die spitze »Himmelfahrtsnase« und die schmalen, oft geschürzten Lippen machen einen blasierten, ja arroganten Eindruck. Haben sie die schmal wirkenden Augen zusammen gekniffen?

Von magischer Bedeutung soll das Einsetzen der Kalk-Augen gewesen sein. Erst wenn so ein Koloss seine weißen Augen bekam... lebte er, konnte er sehen. Seltsam: Von vielen Hundert Augen, die es einmal gegeben haben muss, wurden nur einige wenige Bruchstücke gefunden. Warum? Was geschah mit den vielen Augen? Wurden sie zerstört? Wurden sie vergraben? Warum? Fürchtete man die Steinkolosse auch dann noch, wenn sie vom Podest gestürzt waren?

Eine
Riesenversammlung
Foto: W-J.Langbein
Und: Wie kamen die Kolosse zu Fall? Fakt ist: Keine einzige Statue überlebte stehend. Sie lagen alle am Boden oder steckten im Erdreich. Nur einige, relativ wenige hat man inzwischen wieder mit einem japanischen Kran aufgerichtet. Meine Meinung: Die Riesen fielen einer Naturkatastrophe – vermutlich einem Erdbeben – zum Opfer!

Ich wiederhole eine wichtige Frage: Stellen die steinernen Statuen blasierte Typen dar ... oder betont vornehme Vertreter eines hoch angesehenen Standes? Richtig ist: diese 08-15-Typen sind in der Überzahl. Es gibt aber auch ganz andere Figuren ... Wochenlang bereiste ich im Laufe einiger Südseereisen die Osterinsel ... und stieß dabei auf einige so ganz andere Figuren, auf Wesen mit runden Köpfen. Sollte es zwei verschiedene Menschentypen auf der Osterinsel gegeben haben, die ganz unterschiedliche Statuen schufen? Oder stellen die »Rundköpfe« göttliche Wesen wie den fliegenden Gott Make Make dar?

Die Statuen schweigen. Ach, wenn man in ihren Gesichtern nur wie in einem Buch lesen könnte! Übrigens: Rundköpfe wie Robotergesichter scheinen manchmal zum Leben zu erwachen. Wer das erleben möchte, muss ein gewisses Risiko eingehen ... und die Kolosse bei einem Gewitter aufsuchen. Durchnässt bis auf die Haut harrt man dann aus ... und wartet. Vom Himmel zuckende Blitze gaukeln einem dann vor, als würden die steinernen Gesichter zu Grimassen verzerrt ... hämisch über die Unwissenheit eines neugierigen Besuchers grinsen. Fotografieren lassen sich solche Eindrücke allerdings nicht!

Ein seltsamer Rundkopf
Foto:
 W-J.Langbein
Unzählige Kolosse stecken fast ganz im Boden. Von vielen ragt nur der Kopf heraus. Frei stehende oder zertrümmerte am Boden liegende Statuen sind relativ schnellen Zerfallsprozessen ausgesetzt. Wasser dringt in das poröse Material ein, äußere Schichten platzen ab. Es ist geradezu erschütternd, dass schon heute viele traurige Überbleibsel von einstigen Kolossen gar nicht mehr als solche zu erkennen sind. Bei näherem Betrachten vermag man manchmal da noch eine Augenhöhle und dort einen Nasenansatz zu erkennen.

Wird dieser Prozess noch aufzuhalten sein? Man experimentiert mit Chemie. So sollen Statuen ausgetrocknet und dann mit chemischen Tinkturen getränkt werden, die ein neuerliches Eindringen von Wasser verhindern sollen. Theoretisch gibt es Möglichkeiten, die uralten Kunstwerke des einsamsten Eilands der Welt zu erhalten. Aber: Das Verfahren ist sehr aufwändig, nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und ist teuer.

So gesehen ist es gut, dass viele Statuen weitestgehend im Boden stecken und vor Umwelteinflüssen geschützt sind. So gesehen ist es gut, dass so manche Staue im Erdreich vermutet wird, die auf Entdeckung wartet!

Rundkopf schaut aus der Erde
Foto W-J.Langbein
Je intensiver ich mich mit den Geheimnissen der Osterinsel beschäftigt habe ... desto rätselhafter erscheint sie mir! Ich bin inzwischen auch zur Überzeugung gekommen, dass es auch heute noch eingeweihte Wissende gibt. Die aber hüten die Geheimnisse der Osterinsel. Sie vertrauen sie keinem Besucher – ob Tourist oder Wissenschaftler – an.

Im Verlauf der Geschichte der Osterinsel brachten Besucher »zivilisierter« Länder selten Gutes! Die Bewohner der Insel wurden bis weit ins 19. Jahrhundert hinein versklavt. Ein Großteil der Bevölkerung starb elendiglich an eingeschleppten Krankheiten. Und noch heute fühlen sich die stolzen Nachkommen der Statuen-Bauer alles andere als frei! Von der Weltöffentlichkeit unbeachtet versuchen sich immer wieder Bewohner der Osterinsel von der Vorherrschaft durch chilenische Behörden zu befreien! Es kam zu Protesten, Besetzung des Flughafens und Tumulten.

So forderten demonstrierende Ureinwohner Dezember 2010 die Rückgabe der Ländereien, die einst ihren Vorfahren gehörten. Nach dem Bericht eines Anwalts ging die chilenische Polizei mit Gewalt gegen die Einheimischen vor.

Die Bücher von Walter-Jörg Langbein bestellen

»Alten Rätseln auf der Spur«
Teil 107 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 05.02.2012


Sonntag, 15. Januar 2012

104 »2012 und der Aufbruch ins All - Teil II«

Teil 104 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Abendfrieden auf der Osterinsel
Foto W-J.Langbein
Die sinkende Abendsonne taucht die Osterinsel in ein magisches Licht. Rotbraunes Lavagestein scheint von innen heraus zu leuchten. Eine kleine Herde von freilebenden Pferden trabt in der angenehmen Kühle. Sie genießen sichtlich die milderen Temperaturen ... nach der Gluthitze eines typischen Tages auf dem einsamsten Eiland der Welt.

Rot strahlt – so scheint es – Lavastein, über den die Pferde tänzelnd schreiten. Vor vielen Jahrhunderten haben Insulaner magische Zeichnungen hinein geritzt. »Houngan-Man« erklärt mir: »Die Osterinsel entstand in der dritten Weltperiode! Am Ende jener Epoche wurde das Leben auf der Erde fast vollständig ausgelöscht! Gigantische Supervulkane brachen damals aus, verwandelten unsere Erde in eine apokalyptische Hölle! Es regnete Tod vom Himmel. Wieder ging eine Weltära zu Ende, die nur sehr wenige überlebten ... die Adams und Evas der folgenden Zeit!«

Tatsächlich entstand die Osterinsel durch eine gewaltige Katastrophe: riesige Vulkane brachen auf dem Meeresgrund aus und schossen gewaltige Lavamengen aus der Höllenglut des Erdinneren. Riesige Lavamassen erstarrten ... und bildeten die Osterinsel. Noch heute erinnern drei erloschene Vulkane an den apokalyptischen Ursprung des Eilandes. Es sind die Spitzen von über dreitausend (!) Meter hohen Kegeln! Drei Vulkane sind noch auszumachen. Besonders imposant ist Rano Kau. 1600 Meter misst sein Durchmesser. Sein gewaltiges »Maul« ist etwa 300 Meter tief!

Vulkan Rano Kau - Foto W-J.Langbein
Die uralten Überlieferungen der Azteken nannten diese Ära »Regensonne«. Der »Houngan-Man« interpretierte mit einem Augenzwinkern: »Am Ende dieser Periode regnete es heiße Sonnentropfen. Die dritte Weltepoche ging in einer Apokalypse unter ...«

In Walter Krickebergs Standardwerk »Märchen der Azteken und Inkaperuaner« lesen wir (1): »In diesem Zeitalter geschah es, dass es Feuer regnete, so dass die Menschen dadurch verbrannten, und dass es Sand und Steine hagelte, wie man berichtet. Damals wurden die vulkanischen Aschen und Brocken ausgestreut, die blasige Lava schäumte auf, und die roten Felsen breiteten sich aus.«

Mit ernster Stimme mahnte »Houngan-Man« bei einem unserer Gespräche zu Füßen eines der Osterinselkolosse: »Vier Weltepochen endeten in Apokalypsen. Vier Mal ging die Erde unter. Vier Mal überstand das Leben die schlimmsten Katastrophen. Am Ende unserer Epoche wird es auf der Erde kein Überleben geben!«

Die Götter Tonatiuh (groß)
und Quetzalcoatl (klein)
Foto: Archiv W-J.Langbein
»Houngan-Man« weiter: »Wir leben in der vierten und letzten Ära. Am Ende unserer Ära werden wieder Naturgewalten toben ... und in einer letzten Weltenkatastrophe alles Leben auf der Erde auslöschen!« »Houngan-Man« schüttelte traurig den Kopf: »Götter wie Tonatiuh und Quetzalcoatl dominieren bei den Azteken die Welt. Man lächelt in der modernen, zivilisierten Welt gern über solche Vorstellungen. Das wird sich aber ändern, wenn die letzte Apokalypse über die Erde hereinbricht!«

Vier Weltepochen endeten nach uralten Maya-Überlieferungen bereits im tödlichen Chaos. Die Bewohner der ersten Welt – gewaltige Riesen – wurden von Jaguaren gefressen. Am Ende der zweiten Epoche kam ein fürchterlicher Sturmwind auf. Die meisten Menschen kamen um, einige wenige überlebten als Affen im Urwald. Gott Quetzalcoatl wurde vom Thron gestoßen.

Gott Tlaloc regierte die dritte Welt. »Nach Ablauf dieser Zeit ließ Quetzalcoatl Feuer vom Himmel regnen.« Tlalocs Frau Chalchiuhtlicue wurde zur Sonne (2). Auch die dritte Ära fand ein apokalyptisches Ende (3):

»Und als Chalchiuhtlicue das letzte Jahr Sonne war, regnete es Wasserfluten in solcher Menge, dass der Himmel einstürzte und die Gewässer alle Menschen, die damals auf Erden wandelten, mit sich forttrugen; aus ihnen entstanden alle Arten von Fischen, und auch der Himmel hörte auf zu bestehen, weil er auf der Erde lag.«

Unsere – die fünfte und letzte – Welt wird von Sonnengott Tonatiuh dominiert ... so lange, bis sie durch katastrophale Erdbeben zerstört wird. »Houngan-Man«: »Die Azteken waren davon überzeugt, in der fünften und letzten Ära zu leben. Die drohende Apokalypse konnte nicht verhindert, nur hinausgezögert werden ... durch Blutopfer!«

Götter und Göttinnen haben in unserer wissenschaftlich aufgeklärten Welt keinen Platz mehr. Wir wissen, wie es zum Beispiel zu einem Vulkanausbruch kommt. Uns ist der Kreislauf des Wassers vom Regen bekannt: von Bächen, Flüssen, Seen und Meeren ... zurück in himmlische Höhen ... und Wiederkehr als Regen. Göttinnen wie Chalchiuhtlicue werden nicht mehr als »Erklärung« bemüht.

Göttin Chalchiuhtlicue
Foto W-J.Langbein
In unser »modernes« Weltbild passt nicht die Vorstellung von mehreren Weltzeitaltern, an deren Ende fast alles Leben ausgelöscht wird ... um in der nächsten Epoche neu zu erblühen! Wir haben ein lineares, ein evolutionäres Weltbild: Primitivstes Leben entstand zufällig. Es entwickelte sich langsam immer weiter. Schließlich erreichte das Leben in Gestalt des Homo Sapiens Sapiens sein bislang höchstes Niveau ...

Wir Menschen sehen uns – stolz und eingebildet – als die Krone der Schöpfung. Dass es schon einmal ... ja schon öfter apokalyptische Katastrophen gab, die fast alles Leben vernichteten, will kaum jemand zur Kenntnis nehmen. Weil es unserem gängigen Bild von der Entstehung des Lebens widerspricht. Aber: Es gab immer wieder solche Katastrophen und Beinahe-Weltuntergänge.

Wir belächeln die Vorstellung der Azteken, dass in Teotihuacan, außerhalb von Mexico City, Welt- und Planetenschöpfungen stattgefunden haben sollen. Gern übersehen wir die fundamentale Kernaussage der Azteken-Philosophie von den fünf Weltzeitaltern ...

Die mysteriöse Sonnenpyramide
von Teotihuacan
Foto: W-J.Langbein
Fakt ist: Seit den Anfängen der Erdgeschichte gab es immer wieder gewaltige Naturkatastrophen, die immer wieder beinahe alles Leben auslöschten. Unzählige Beispiele könnte ich anführen, um die schier endlose Litanei der immer wiederkehrenden Apokalypse zu belegen ... Zwei Beispiele sollen genügen.

»Bild der Wissenschaft« vermeldete am 24.1.2011: »Was das Leben beinahe auslöschte«. Ich darf zitieren: »Kohlenasche scheint gewaltigste Katastrophe der Erdgeschichte mitverursacht zu haben. Brennende Kohlevorkommen und die dabei entstehenden riesigen Aschewolken waren vermutlich der Hauptgrund dafür, dass es vor etwa 250 Millionen Jahren zum größten Massensterben der Erdgeschichte kam. Dieses Fazit ziehen kanadische Forscher aus einer Studie, in der sie Gesteinsproben aus dem Erdzeitalter Perm unter dem Mikroskop untersuchten. Was sie dort entdeckten, waren kleinste Partikel Kohlenasche, die wahrscheinlich aus dem heutigen Sibirien stammen: Dort tobten zu dieser Zeit Vulkane und spuckten Milliarden Tonnen glühendes Gestein aus, wodurch sie wahrscheinliche die gigantischen Kohlevorkommen in der Umgebung entzündeten. Die Asche breite sich dann über die gesamte Erde aus und vergiftete nicht nur die Atmosphäre, sondern auch die Ozeane, vermuten die Geologen.«

Hier sollen Planetenwelten
erschaffen worden sein ...
Foto W-J. Langbein
Vor 75.000 Jahren explodierte auf Sumatra eine gewaltige Magmablase. Toba spie unvorstellbare Massen von Materie in hohe Regionen der Atmosphäre. Nacht setzte ein, Jahrzehnte gab es keinen Sonnenschein mehr. Ein extremer Temperatursturz ließ abrupt einen viele Jahre währenden vulkanischen Winter über den Planeten Erde hereinbrechen. Giftiger Schwefel regnete auf Land und Meer herab. Massensterben waren die Folge. Mensch und Tier wurden an den Rand des Aussterbens gebracht. Wie viele Menschen weltweit die höllische Apokalypse überstanden haben mögen? Darüber streiten sich die Experten. Zahlen zwischen 1.000 und 10.000 Menschen als Gesamtbevölkerung unseres Globus werden genannt! Eine dicke Ascheschicht im Grönlandeis lässt erahnen, wie schlimm die Katastrophe vor 75.000 Jahren gewesen sein muss!

Was sich im Verlauf der Erdgeschichte immer wieder wiederholte ... das wird auch in Zukunft immer wieder geschehen. Unzählige Supervulkane sind längst überfällig, zum Beispiel jener unter dem riesigen Areal des Yellowstone-Parks in den USA. Wird er schon bald die nächste Apokalypse bewirken? Hank Heasler, Park Geologe, lässt keine Zweifel aufkommen: »Die Frage ist nicht, ob er ausbrechen wird, sondern wann.« Vor 2,1 Millionen Jahren spie der Supervulkan – das ist die offizielle wissenschaftliche Bezeichnung für den Monstervulkan – 2450 Kubikkilometer Magma empor. Vor 1,3 Millionen Jahren waren es »nur« 280 Kubikkilometer. Vor 640.000 Jahren kam es zur bislang letzten gewaltigen Entladung: 1.000 Kubikkilometer. Zum Vergleich: Der gewaltigste Vulkanausbruch der jüngsten Vergangenheit war der von 1815 in Indonesien. Der »Tambora« schleuderte 50 Kubikkilometer glühende Magma in die Luft. Bei der Apokalypse im Gebiet des »Yellowstone Nationalparks« vor 2,1 Millionen Jahren war es fast 50 Mal so viel!

Nach dem Weltbild der Azteken leben wir im letzten der fünf Erdzeitalter. Am Ende wird alles Leben auf unserem Planeten ausgelöscht werden. Wiederholt hatte das Leben auf Planet Erde unglaubliches Glück. Wiederholt ereigneten sich globale Katastrophen, so wie sie in der Mythenwelt der Azteken beschrieben werden. Es ist nur eine Frage der Zeit: Irgendwann wird die Erde zur toten Kugel, die als Welt ohne Leben die Erde umkreist.

Zwei Möglichkeiten gibt es: Wir können fatalistisch das Ende alles Lebendigen akzeptieren. Oder wir können versuchen, Raumfahrt zu entwickeln ... und als Menschheit in die Tiefen des Alls auswandern! Das amerikanische Pentagon hat nun ein kühnes Projekt initiiert: Es soll mit der Entwicklung von Raumschiffen begonnen werden, die in einhundert Jahren bereit stehen werden ... um Planet Erde zu verlassen und zu fernen Sternen zu reisen.

Arche Noah
Gemälde von Edward Hicks
Um es biblisch auszudrücken: Noah hat rechtzeitig mit dem Bau der berühmten Arche begonnen. Als die Sintflut ausbrach, stand das Rettungsschiff zur Verfügung. Kosmische Rettungsschiffe für eine Evakuierung ins All können nicht erst gebaut werden, wenn eine finale kosmische Katastrophe ausbricht. Dann ist es zu spät. »Was das alles kostet ...« wenden Kritiker ein. Ich sehe kosmische Rettungsschiffe als die große Chance für die Menschheit an. Wir müssen uns alle – über jede religiöse, geographische oder nationale Grenze hinweg – zusammentun und als Menschheit am kühnsten Projekt der Geschichte des Planeten arbeiten: am Projekt »Aufbruch ins All«. Der ehemalige Astronaut und Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik an der TU München Ulrich Walter: »Wenn eines Tages ein Asteroid einzuschlagen droht, und die Menschheit ganz plötzlich eine Arche braucht, wird niemand mehr mit … ethischen Bedenken ankommen.«

Wir müssen lieber gestern als morgen mit der Entwicklung von kosmischen Archen beginnen ...

Buch von Walter-Jörg Langbein: 2012 - Endzeit und Neuanfang

Fußnoten
1 Krickeberg, Walter (Hrsg.): Märchen der Azteken und Inkaperuaner, Neuauflage, Düsseldorf 1972, Seite 10
2 ebenda, S. 11
3 ebenda, S. 11 und 12
Hinweis: In meinem Buch »2012« gehe ich sehr viel ausführlicher auf das Thema dieses Blogbeitrags ein. Themen »Beinahe-Apokalypsen« und »Aufbruch ins All« werden fundiert behandelt!

»Am Nabel der Welt«
Teil 105 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22.01.2012

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