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Sonntag, 9. Juni 2019

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«

Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


9. Juni 2019. Pfingstsonntag. Was für den Christen Weihnachten bedeutet, das ist auch heute noch im Zeitalter der »Schulstreiks« bekannt. Über Ostern hingegen wissen viele Zeitgenossen recht wenig. Da werden bemalte Eier und Hasen aus Schokolade verzehrt. Mit Jesu Auferstehung indes können immer weniger Zeitgenossen wirklich etwas anfangen. Und Pfingsten? Pfingsten bedeutet der »Fünfzigste«. »Pfingsten« (der »50.«) leitet sich vom griechischen Wort »pentekosté« ab. Über das mittelhochdeutsche »pfingesten« wurde aus dem griechischen Terminus die heutige Bezeichnung »Pfingsten«.

Pfingsten wird der 50. Tag der Osterzeit, 49 Tage nach der »Auferstehung«, gefeiert. Aber warum? Nach der »Apostelgeschichte« (Kapitel 2, Verse 1-41) versammelten sich Jesu Apostel in Jerusalem, um gemeinsam das jüdische Fest »Schawuot« zu feiern. »Schawuot« war ursprünglich wohl eine Art »Erntedankfest«. Aus dem jüdischen »Pessachfest«, das in Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zelebriert wurde, entwickelte sich das christliche »Ostern«. Und aus dem jüdischen »Schawuot« wurde das christliche »Pfingsten«.

Was aber geschah zu »Pfingsten«? Die Apostelgeschichte berichtet Wundersames! In einem »Brausen« kam, mitten in einem »Wind« eine Flut von Feuerflammen über die Apostel, die auf einmal in allen möglichen Sprachen ihren christlichen Glauben verkünden konnten. Rund 3.000 ließen sich, so die Apostelgeschichte, taufen. Zu Pfingsten soll der »Heilige Geist« über die Jünger gekommen sein. Zu Pfingsten soll mit der Taufe von 3.000 Menschen die Geschichte der christlichen Religion seinen Anfang genommen haben.

Im Zentrum der christlichen Lehre steht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dass es nach dem Ableben weitergeht, davon sind laut SPIEGEL (Nr. 17/ 20.4.2019) noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt. Das »Leben nach dem Tod« ist freilich keine christliche Erfindung. Folgen wir dieser Lehre durch Raum und Zeit. Mich fasziniert die Frage der Fragen wie Millionen von Menschen nicht erst seit meinen Studentenzeiten…


In der Stadt von Ur wuchs einst ein gewaltiger Turm in den Himmel, der als Vorbild für den biblischen »Wolkenkratzer« von Babel gedient haben könnte. Auf der Spitze der Zikkurat thronte ein Tempel, in welchem die »Heilige Hochzeit« zwischen einem »Gott« und einer »Königin« zelebriert wurde. Da sich kein leibhaftiger Gott vom Himmel herab bemühte, übernahm ein Mensch die Rolle. Vielleicht wurde auch ein Mensch zum Gott. Und eine Irdische vollzog mit ihm die »Heilige Hochzeit«. Noch älter soll die Version »Göttin – König« gewesen sein. Die Paarung hatte magische Bedeutung: Sie sollte das Weiterleben der Natur bewirken.

Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei

Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch die Maya-Pyramiden hatten hoch oben einen Tempel, so wie der Turm zu Babel, so wie die Zikkurats in Mesopotamien.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gruben Archäologen im Gebiet des heutigen Irak die uralten Gräber der Stadt Ur aus. Als sie die letzte Ruhestätte von Königin Shubad öffneten, entdeckten sie ein Massenopfer. Vor 4.500 Jahren war die Regentin von 68 Frauen ihres Hofstaats und zahlreichen Soldaten ihrer Leibwache in den Tod begleitet worden. Es fand sich keinerlei Spur von Gewalteinwirkung. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass die Menschen, deren Körper sorgsam in langen Reihen geordnet vorgefunden wurden, freiwillig in den Tod gegangen waren. Vermutlich hatten sie Narkotika oder ein tödliches Gift eingenommen. Die Toten sollten der Königin im Jenseits weiter dienen.

Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy: »Das Massenopfer ist ein Beleg dafür, dass die Menschen vor viereinhalb Jahrtausenden von einem Leben nach dem Tode überzeugt waren. Die Herrscherin musste im Jenseits von Soldaten bewacht, von treuen Dienern umsorgt werden. Ähnliche religiöse Überzeugungen prägten später auch das Leben der Inkas in Südamerika.« Bei den Inkas waren die Herrscher als Götter angesehen. Ihre sterblichen Hüllen wurden einbalsamiert und in rauschenden Festen verabschiedet. Dann, davon waren die Inkas überzeugt, würden die Edlen in eine andere Welt überwechseln. Dort sollten sie von ihren Lieblingsfrauen verwöhnt, von treuen Dienern umsorgt werden. Aus diesem Grunde wurden ihnen rituell getötete Menschen zur Begleitung mit in die Gräber gegeben.

Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide
Das irdische Leben der Azteken war von ganz ähnlichen Jenseitsvorstellungen geprägt. Genauso wirklich wie das irdische Leben stellte man sich die Existenz nach dem Tode vor. In das paradiesische »Reich der Sonne am Himmel« gelangen die im Kampf getöteten Krieger, die in heiligen Ritualen Geopferten und die im Kindbett ums Leben gekommenen Frauen. In einer anderen nachirdischen Welt wartet Gott Tlaloc. Wer auf Erden etwa ertrank, der durfte danach irgendwo auf fernen Bergen über den Wolken weiterleben. Höchst unerfreulich sah freilich die Zukunft für alle übrigen Menschen aus. Sie kamen in das Unterweltreich Mictlan. Die Vorstellung von verschiedenen Totenreichen war auch bei den Germanen weit verbreitet. Walhall etwa, die »Halle der Gefallenen« war den mutigen Kriegern vorbehalten. Dieser Aufenthaltsort, auch »Gladsheim« genannt, war zugleich auch Versammlungsort der Götter, die unter dem mächtigen Dach aus Speerschäften und Schilden ihre wertvollen Throne hatten.

Jahrtausende lang war das religiöse Leben bei den »Alten Ägyptern« vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode geprägt. Auf grausige Menschenopfer verzichtete man. Zu reichen Grabbeigaben gehörten naturgetreue, bemalte Figürchen. Sie sollten in der Welt des Jenseits den Herrschern und edlen Fürsten dienen. Das Jenseits der Ägypter war keine feingeistige Welt, sondern höchst handfest. Es galt als greifbarer Raum. Ganz oben im »Jenseits« hatte die Sonne ihren Sitz. Ganz unten hausten grässliche Krokodile und mörderische Nilpferde. Regiert wird die dunkle Seite der Jenseitswelt von Seth, dem Fürsten der Finsternis. Anno 1923 gingen Fotos um die Welt, die Howard Carter bei der Untersuchung der Mumie von Tutanchamun zeigten. Millionen interessierten sich für die Jenseitsvorstellungen der »Alten Ägypter«.

Bei den Menschen von Ur, aber auch bei den Inkas galt: Ein menschenwürdiges Leben im Jenseits dürfen nur die Vornehmsten der Vornehmen erwarten. Im Lauf der Geschichte Ägyptens vollzog sich ein Wandel. Schließlich wurde jedem Sterblichen eine ewige Seele zugebilligt, die nach dem Tod die letzte Reise vor den Thron von Osiris antreten musste. Dort warten zweiundvierzig Richter, die jede Seele aburteilen würden. Das Herz eines jeden Toten wird, daran glaubte man in Ägypten, auf die »Waage der Gerechtigkeit« gelegt. Dieses Bild vom Weiterleben der Seele findet sich auch in der persischen Religion des Zarathustra. Am vierten Tage nach dem Tode steht jeder Seele eine Bewährungsprobe bevor. Es gilt, eine Brücke in die andere Welt zu überschreiten. Rechtschaffene Menschen können sie problemlos überwinden. Ein liebreizendes junges Mädchen wartet auf der anderen Seite, als Personifizierung der guten Taten des Menschen in seinem zurückliegenden Erdendasein.

Foto 3: Auf einer mächtigen Pyramide ...

Menschen, die sich viel Böses zuschulden hatten kommen lassen, können in dieser Glaubenswelt die entscheidende Brücke nicht überqueren. Versuchen sie es trotzdem, so öffnet sie sich in der Mitte. Die böse Seele stürzt in einen Höllenschlund, ist für immer verloren. Ganz ähnlich lehrt der Koran, das heilige Buch des Islam. Wer hienieden auf Erden ein gottgefälliges Leben führt, der wird ein herrliches Paradies vorfinden, wenn er sein physisches Leben erst einmal beendet hat. Die Guten, von Allah Auserwählten, können ihre müden Glieder auf kostbaren Diwans ausruhen, sich an herrlichsten Speisen laben und werden von liebreizenden Jungfrauen, dunkeläugigen Houris, umsorgt. Vielleicht gelangten aber die »Jungfrauen« durch einen Übersetzungsfehler in den Koran. Es kann sein, dass sich der Verblichene mit Weintrauben begnügen muss. So mancher Gotteskrieger dürfte dann enttäuscht sein.  Und was wartet auf die »Bösen«? Auch die Sünder werden nach Überzeugung des Islam-Gläubigen nach dem Tode weiterleben. Aber wie! Sie sind sie dazu verdammt, in einer fürchterlichen Höllenwelt dahinzuvegetieren. Sie müssen kochendes Wasser trinken und ekelhafter Dreck dient ihnen als widerliche »Speise«.

Im Alten Griechenland gab es nicht die schlechthin gültige Doktrin vom Leben nach dem Tode. Weit verbreitet war der Glaube an eine Reise in die Unterwelt, in den Hades. Dort  vegetieren die Seelen der Verstorbenen eher schlecht als recht dahin. Dieses Reich des Gottes Hades darf aber nicht mit der jüdisch-christlichen Hölle gleichgesetzt werden. Nach der Glaubenswelt der Griechen gab es noch Tartaros, eine Hölle, und die elysischen Felder. Dort leben nur die besten, edelsten Menschen in ewig währendem Frühling. Die Anhänger der Orpheus-Sekte sahen das Jenseits als eine reale Welt an, in der die Toten leben. Ihrer Überzeugung nach bestand die theoretische Möglichkeit, aus jener jenseitigen Welt in irdische Gefilde zurückzukehren. Die christliche Vorstellung vom Leben nach dem Tode ist stark von altjüdischen Glaubenswelten bestimmt. Hölle und Paradies galten im Alten Israel keineswegs als symbolhafte Begriffe, sondern als höchst real existierende, geographische Orte auf unserer Erde.

Der Begriff der Hölle leitet sich von der biblischen »Gehenna« ab. Ursprünglich war das die Bezeichnung eines im Südwesten von Jerusalem gelegenen Tales .In jenem Ge-Henna-Tal, das ursprünglich Ge-Hinnom hieß, wurden vor Jahrtausenden Menschenopfer  dargebracht. Sie sollten den Gott Baal alias Moloch gewogen machen. Die bedauernswerten Geschöpfe wurden in speziell entwickelten Öfen bei lebendigem Leibe verbrannt. Wie viele Opfer auf diese schreckliche Weise dargebracht wurden, das kann heute nicht einmal mehr geschätzt werden. Bei Ausgrabungen im heutigen Tunis wurde ein Baal geweihter Kultplatz gefunden. 6.000 Urnen mit den verkohlten Überresten von Kindern wurden entdeckt.

Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes.

In die Hölle, Sheol genannt, kommen nach altjüdischer Überzeugung die Menschen, die kein gottgefälliges Leben geführt hatten. She’ol wurde als eine unterirdische Höhle angesehen, wo die »bösen Seelen« in vollkommener Dunkelheit ein jämmerliches Dasein fristen müssen. Die Welten des Diesseits und des Jenseits existieren in der altjüdischen Glaubenslehre, aus der sich das Christentum entwickelte, nebeneinander her. Es besteht die theoretische Möglichkeit, zwischen beiden Reichen zu reisen. Nach dem Buch Hiob verkehren Gott und Teufel fast kollegial miteinander. Schon im »Alten Griechenland« entstand, etwa von Pythagoras gelehrt, der Glaube von der Seelenwanderung. Nach dem physischen Tod löst sich die Seele vom Leib und ist gezwungen, in einem neuen Körper auf die Erde zurückzukehren. Im Hinduismus, etwa in Indien, gilt ebenfalls das Prinzip Wiedergeburt. Jede Seele durchläuft zahlreiche Wiederkehren auf Erden - mit dem Ziel freilich, dereinst mit dem Göttlichen eins zu werden. Aber auch der Hinduismus kennt so etwas wie Höllenwelten, eiskalte oder siedend heiße Gefilde, und himmlische Sphären der Glückseligkeit. Zwischen zwei Wiedergeburten diesen diese so ganz unterschiedlichen Welten den Seelen als Aufenthaltsorte.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« zeichnen folgendes Bild von der Welt nach dem Tode. Die Seelen der Verstorbenen gehen in ein Schattenreich ein, in die »Gefilde der Lethe«. So erfreulich ist der Aufenthalt in jener anderen Welt nicht, zumindest nicht aus der Sicht des Menschen unserer Tage. Jeder einzelne Mensch verliert im »Haus der Lethe« seine Individualität, so er nicht in die Geheimnisse des Jenseits eingeweiht ist. Nach seinem Tode findet sich der Verstorbene am Tor zur Anderswelt. Peinigender Durst quält ihn. Da ist es mehr als verlockend, aus der munter plätschernden Quelle der Lethe zu trinken. Die meisten tun dies gierig und verlieren jegliche Erinnerung. Ihr Gedächtnis wird ausgetilgt. Der Eingeweihte freilich verschmäht diesen Trunk. Er weiß, dass es eine zweite, allerdings versteckte und schwer zu findende Quelle gibt. Sie hat ihren Ursprung im Teich der Mnemosyne. Sie ist die Nebengöttin der »Großen Mutter«. Trinkt man von ihrem Wasser, so werden nur die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen ausgetilgt.

Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy

In jenes bessere Jenseits gelangt nicht jeder Verstorbene, sondern nur, wer sich dank eines Goldplättchens mit geheimen Inschriften als »Sohn der Erde und des Himmels, wie die Götter selbst« ausweisen kann. Glücklich ist, wer dieses Privileg genießt. Sterben bedeutet dann nicht Versinken im Vergessen und Eingehen in ein erinnerungsloses Nichts. Tod ist dann Erlösung von bedrückenden negativen Erfahrungen und der Übergang in ein neues Leben. Es ist sogar die Rückkehr auf die Erde, in die Welt der Lebenden, möglich. Dr. Friedrich W. Doucet (2) setzte sich intensiv mit den ältesten Jenseitsvorstellungen auseinander. Er entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Jenseitsmodellen des Pythagoras und der Alten Inder. Was vordergründig primitiv-naiv anmuten mag, wird als bildliche Umschreibung eines höchst modernen Verständnisses erkennbar. Dr. Friedrich W. Doucet: »Die Welt ist eine Einheit, eine Ganzheit des Lebens, die Kosmos, Mensch und Erde umfasst. Das Seelische ist eine Art Energiefeld, das alles durchdringt und belebt, die tote Materie ebenso wie Pflanze, Tier und Mensch. Demnach bilden auch Körper und Seele des Menschen als Organismus eine Einheit, die als Teil mit dem Ganzen verbunden ist - durch unsichtbare oder übersinnliche Kanäle. Gestaltet, geformt und gesteuert wird dieses Ganze, die Welt, von einer kosmischen Allbewusstheit, die alles verbindet und an der alles Anteil hat. Die materielle Welt in diesem Ganzen, dem Universum, ist nur eine sichtbare Erscheinung kosmisch gestalteter Form und formgestalteter Energie.«


Je komplexer die Glaubenswelt vom Jenseits in bildhaften Darstellungen gezeichnet wird, desto deutlicher wird die Vorstellung von der Wiedergeburt eingebaut: Alles Leben ist Energie. Jeder Mensch ist wie jede Pflanze und jedes Tier Teil dieser Energie. Stirbt ein Mensch, dann geht er im Idealfall wieder in diesen Ursprung zurück. Oder er muss erneut ins reale Leben der individuellen, physischen Art zurückkehren. Diese Erkenntnis soll auch dem Königssohn Siddharta, dem Gründer des Buddhismus, offenbart worden sein - in einem Traum. Das macht eine Aussage Siddhartas mehr als deutlich: »Ich sah, als ich eines Tages meditierend im Schatten eines Feigenbaumes saß mit himmlischer, klarer, übermenschlicher Einsicht, wie die lebenden Wesen vergehen und wieder entstehen. Ich wurde mir der Erlösung bewusst und erkannte, dass der Kreislauf der Geburten sich für mich erschöpft hatte. Das Ziel des heiligen Wandels, sprach ich zu mir, ist erreicht, getan ist, was zu tun war; nicht werde ich in neuer Geburt zu dieser Welt zurückkehren.« (3)

Foto 6: Signatur Prof. Bellamy

Atman ist nach der indischen Weltsicht die persönliche Seele eines jeden menschlichen  Wesen. Atman strebt zum Brahman, zur Weltseeele. Leben ist ein ständiger Kreislauf: Das Individuum stirbt, wird wiedergeboren. Die ewige Seele des Einzelnen bleibt am Leben, auch wenn der Mensch stirbt. Die Seele sucht sich dann einen neuen Körper, eine neue Reinkarnation. Das jüdisch-christlich-muslimische Denken der religiösen Art ist reichlich materialistisch. Das religiöse »Denken« des Islam ist reichlich sexistisch. Oder wie soll man die Erwartung des männlichen Moslem bezeichnen, nach dem Tode von Jungfrauen beglückt zu werden? Für den Inder ist Wiedergeburt in die reale irdische Welt Strafe und Chance. Sie ist Strafe, weil er für böses Tun im früheren Leben bezahlen, sprich leiden muss. Sie ist Chance, weil so alte Sünden abgearbeitet werden können und der Übergang ins göttliche Nichts möglich wird.

Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien: »Man muss also konstatieren, dass es in allen großen Religionen den festen Glauben an ein Leben nach dem Tode gibt. Die Vorstellungswelten alter Weltkulturen haben ein entscheidendes gemeinsames Merkmal. Die Toten leben in einer anderen Welt weiter. Sie haben letztlich stets die Möglichkeit, aus ihrer jenseitigen Welt in unsere diesseitige Welt vorzudringen. Diese Überzeugung reicht bis in unsere Tage hinein. Der Brauch, Gräber mit schweren Steinen abzudecken ist ein deutlicher Hinweis auf diese Überzeugung. Es sollte auf diese Weise verhindert werden, dass Jenseitige, im Jenseits lebende Tote in die Welt der Lebenden zurückkehren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Versuche unternommen, Kontakt mit diesen Jenseitigen aufzunehmen. Man hielt auch in Kreisen der Wissenschaft ein Wiederauftauchen von Totengeistern in unserer Welt des Diesseits für möglich.«

Fußnoten
1) Langbein, Walter-Jörg: »Persönliche Aufzeichnungen während des Studiums der evangelischen Theologie«, Erlangen, Sommersemester 1977
2) Doucet, Friedrich W.: »Forschungsprojekt Seele«, München 1971
3) Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979

Zu den Fotos
Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei
Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Hoch oben auf einer mächtigen Pyramide ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Signatur Prof. Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein

491 » Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«,
Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Juni 2019


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Sonntag, 6. August 2017

394 »Auf der Suche nach der ältesten Pyramide«

Teil  394 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan.

»Es ist sehr, sehr lange her. Es geschah in uralten Zeiten, die so lange her sind, dass man es gar nicht ausdrücken kann, wie lange das Geschehen zurückliegt in der ältesten Vergangenheit. Und da kam einer, ein Familienoberhaupt, ein großer, ein wahrer Held, ein Mann mit edelsten Eigenschaften. Er kam aus dem Norden. Er kam mit seinem Gefolge, mit wackeren Helden, mit seiner Frau Cheterni. Cheterni war seine Hauptfrau. Mit ihm kamen aber zahlreiche Konkubinen. Sie alle, sie folgten ihm, ihrem Oberanführer, ihrem Herrscher. Die tapfersten seiner Männer aber, sie waren seine Offiziere, vierzig an der Zahl.

Er aber, der sie alle anführte und dem sie alle folgten, sein Name war Ñaymlap. Ninagintue war sein Mundschenk.  Occhocalo war sein Koch. Fonda Sidges Amt bestand darin, die Wege, auf denen Naymlap zu wandeln gedachte, zu fegen. Ollopopoc bereitete Naymlap das Bad, Xam Muchec war für Farben, Salben und Öle verantwortlich, die für Ñaymlaps Antlitz bestimmt waren.

Mit einer Flotte von Balsaflößen kam er, Ñaymlap, herunter aus dem Norden und er landete in der Mündung des Flusses Fakislanka, von da aus gingen sie an Land und gingen ins Landesinnere und als sie eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt hatten, da bauten sie nach ihrer Art und Weise einen Palast und weitere Paläste. Und den Ort nannten sie Chot. Und in den Palästen, aber auch in allen Häusern, da beschworen sie ein Idol, dem sie ehrfürchtig huldigten.

Dieses Idol hatten sie auf ihrer Reise mit sich geführt und sie hatten es nach dem Bildnis Ñaymlaps gefertigt aus grünem Stein. Und dieses Idol nannten sie Yampallec, was so viel heißt wie ›Statue nach dem Bildnis des Ñaymlap‹.« (1)

Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher hat mir die Legende von Ñaymlap erzählt, die angeblich bereits im 16. Jahrhundert ein gewisser Miguel Cabello de Balboa aufgezeichnet haben soll. Der Gottesmann war mit mir im altersschwachen Taxi unterwegs, und zwar auf dem berühmten »Pan American Highway«, die auch die mysteriöse Ebene von Nazca durchquert. (Siehe Foto 2!)

Foto 2: Highway und Nazca
Von Chiclayo ging es weiter gen Norden. In Lambayeque verließen wir den Highway, fuhren nach Westen und erreichten schon bald Chotuna. »Wir hätten uns auch von Chiclayo aus nordwestlich halten können. Aber die dreizehn Kilometer auf schlechtesten Straßen sind wirklich nicht zu empfehlen. Und man gerät da leicht in die Fänge von den Männern vom Leuchtenden Pfad. Diese Terroristen nehmen gern auch in ›Friedenszeiten‹ ausländische Geiseln und lassen sie gegen Lösegeldzahlungen, oft erst nach Monaten oder einigen Jahren frei. Auf dem ›Pan American Highway‹ ist man sicherer.«

Auf der Fahrt erzählte mir der Gottesmann die Legende vom Heros Ñaymlap, ließ dazwischen aber immer wieder Warnungen vor dem »Leuchtenden Pfad« einfließen. Damals – Anfang der 1980er Jahre – war diese maoistische »Rebellengruppe« sehr aktiv in Peru. In den 1980ern und 1990ern töteten die Terroristen vermutlich Tausende. Stolz erklärte mir »mein« Priester: »Wir Geistlichen versuchen den Menschen christliche Werte zu vermitteln, durch Predigten, persönliche Gespräche, aber vor allem durch ein möglichst christliches Leben. Bischof Luis Armando Bambarén Gastelumendi steht auch auf der Todesliste der Mörder vom ›Leuchtenden Pfad‹, wie so viele von uns Geistlichen, die die Morde dieser Terroristen Morde nennen!«

Die Legende von Ñaymlap war meinem Geistlichen wohlvertraut. Auch viele der »Einheimischen« kennen sie noch, sehr zum Ärger der örtlichen Geistlichkeit. Seit Jahrhunderten, so erfuhr ich, versuchten die katholischen Priester Naymlap in Vergessenheit geraten zu lassen, aber vergeblich. Warum? Warum war Ñaymlap den christlichen Theologen so verhasst. Erstaunliches bekam ich zu hören. Einst gab es, so raunte mir der Priester mit Verschwörermiene zu, gab es einen Mann, der sich als Ñaymlap ausgab. Dieser Mensch aus Fleisch und Blut behauptete der göttliche Ñaymlap zu sein und wurde – vor Jahrhunderten – als Autorität anerkannt. Er kommandierte, die Menschen in den Gefilden von Lambayeque gehorchten. Wer wollte schon ungehorsam sein, wenn ein Gott etwas forderte?

Foto 3: Ñaymlap vor einer Pyramide

Als Ñaymlap schließlich starb, forderten seine Nachfolger weiter strikten Gehorsam von den Menschen. Ihre Autorität basierte auf der Göttlichkeit Ñaymlaps. Deshalb vertuschten sie den Tod des Herrschers und ließen seine Leiche verschwinden, hatte der doch behauptet, unsterblich zu sein. Nur wenn sie die Lüge von Ñaymlaps Unsterblichkeit aufrecht erhielten, wurde auch ihre Autorität weiter anerkannt.

»Wenn Ñaymlap ein normaler sterblicher Mensch war, dann muss doch die Kirche keine Angst vor ihm haben?«, so fragte ich provokant. Mein Gesprächspartner winkte ab. Der Geistliche wurde langsam ärgerlich. Als die Spanier nach Südamerika kamen, hielt der Herrscher der Azteken, Mocetzuma II., den Spanier Hernán Cortés für den wiederkehrenden Quetzalcoátl. Und der hatte doch bei seinem Abschied prophezeit, er werde zwar entschwinden, der einst aber wieder zurückkommen, und zwar aus dem Osten. Der Glaube an die Göttlichkeit des Hernán Cortés wurde rasch auf eine harte Probe gestellt, als der Spanier morden und plündern, foltern und rauben ließ. Seine geradezu krankhafte Gier nach Gold passte ganz und gar nicht zu einem überirdischen Gott, sondern nur zu einem verbrecherischen Menschen. Als die Azteken ihren Irrtum erkannten, war es zu spät.

Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein?
Auch wenn Peru offiziell »katholisch« ist, so erlebte ich immer wieder auf meinen Reisen, dass auch unter einer äußeren »christlichen« Übermalung alte vorchristliche Gottheiten weiter leben und auch in der Bevölkerung weiterhin verehrt werden. So dürfte der Ur-Ñaymlap ein »heidnischer« Gott gewesen sein, der auch heute noch in der Bevölkerung Verehrung genießt. Der Legende vom unsterblichen, sprich göttlichen Ñaymlap kann nur der Gar ausgemacht werden, wenn es gelingt, seine Gebeine ausfindig zu machen und öffentlich zu präsentieren. Nach den Aufzeichnungen von Cabello de Balboa aus dem Jahr 1586 haben die engsten Vertrauten des Ñaymlap seinen Leichnam in jenem »Palast« beigesetzt, der dem angeblich »Göttlichen« zu Lebzeiten als Palast und Regierungssitz gedient hatte.

Auf Geheiß Ñaymlaps wurde seinem Volk mitgeteilt: Der göttliche Herrscher hat uns verlassen, er ist davon geflogen. Als sein Nachfolger wurde Ñaymlaps Sohn Cium anerkannt. Als Sohn eines Gottes musste Cium ja auch göttlich sein. Auch Cium plante über seinen Tod hinaus. Auch seine Nachkommen sollten als Götter verehrt und als Herrscher anerkannt werden. Auch Cium wurde angeblich heimlich beigesetzt, angeblich in einer »unterirdischen Gruft«. Wie Ñaymlaps Grab wurde auch die letzte Ruhestätte Ciums bis heute nicht gefunden.

Wo soll sich der »Palast« von Ñaymlap ausgesehen haben? Wir wissen es nicht. Wo soll er sich befunden haben? Als »heißer Kandidat« gilt die große Pyramide von Chotuna. Einst gab es im Gebiet von Chotuna »Pyramiden«, »Paläste« und »Mauern«. Viel ist heute von der alten Pracht nicht mehr zu sehen. Die meisten, einst stolzen Bauten, wurden abgetragen. Auch die »Große Pyramide« von Chotuna ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Intensive Grabräuberei macht es unmöglich, das einst majestätische Denkmal zu rekonstruieren.

Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume

Vermutlich gab es oben auf der Pyramide einst eine Plattform und darauf Bauten. Stand dort auf der Pyramide einst der Palast des Ñaymlap? Nach Cabello de Balboa hieß der Palast-Komplex Ñaymlaps »Chot«. Sollte sich daraus der Name »Chotuna« entwickelt haben? Sollte Naymlap in der Großen Pyramide von Chotuna bestattet worden sein? Wissenschaftliche Ausgrabungen wurden durchgeführt, es wurden Reste von Keramiken gefunden, aber keine Gruft. Festzustehen scheint, dass an der kolossalen Pyramide mehrere Jahrhunderte gebaut wurde. Sie war wohl einst über dreißig Meter hoch.

Eine gewaltige Rampe führte einst bis nach oben. Interessant: Es wurden drei »unterirdische Korridore« entdeckt, zwei im Osten, eine im Süden der Pyramide. Wohin führten sie einst? Unter die Pyramide? Ins Innere der Pyramide? Nur: Es gab keine Spur – mehr? – von einer Grabkammer oder einem Erdgrab. So bleibt es spekulativ: Ist Chotuna der Ort, wo sich einst der Palast des Ñaymlap befand? Im Bereich des Spekulativen sind auch Überlegungen, wie der einstige göttliche Herrscher ausgesehen haben mag. Vereinzelte archäologische Fundstücke könnten den mächtigen Mann zeigen, oder auch nicht. Teppichmotive zeigen »fliegende Götter«. Von Ñaymlap wurde behauptet, er sei davon geflogen. Stellen also uralte Teppichmotive Ñaymlap dar?

An Mauerwerk im Túcume-Komplex (2) fanden sich erstaunlich gut erhaltene Reliefs. Was sie darstellen, auch darüber kann nur spekuliert werden. Stehen die mysteriösen Bildnisse im Zusammenhang mit Ñaymlap? Die an Comics erinnernden Darstellungen geben Rätsel auf. Sie stellen Fragen, die bis heute nicht beantwortet werden können.

Foto 8: Comics von Túcume

Bis zum heutigen Tag wird nach dem Grab des Ñaymlap gesucht. Bislang vergeblich! Viele grundlegende Fragen konnten bis heute nicht beantwortet werden.

Wann wurden die ersten Pyramiden in Peru gebaut? Auch wenn sie so aussehen, als seien sie so alt wie die Welt, so sind die Pyramiden von Túcume und Sipán verhältnismäßig jung. Die Pyramiden von Sipán mögen, vorsichtig datiert, 700 n.Chr., die von Túcume um 1000 mach Christus entstanden sein.

Im »Casma Tal«, fast direkt an der legendären Pan-American-Schnellstraße, beim Städtchen Casma gelegen, bahnt sich eine wissenschaftliche Sensation an. Da gab es ein riesiges, bebautes Areal von der Größe von 250 Fußballplätzen. Von den einstigen Prachtbauten von Sechín ist leider so gut wie nichts mehr erhalten geblieben. Archäologen stießen bei ihren mühseligen Grabungen auf das Fundament einer steinernen Pyramide. Ihr Alter wird auf 3200 v. Chr. geschätzt! So recht weiß man nicht, welchem Zweck die diversen Bauten dienten. Dann spricht man ja gern von »Kulten«, »Riten« und »Zeremonien«.

Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín.

Die Suche nach der ältesten Pyramide von Peru ist noch nicht beendet. Wir müssen uns auf Überraschungen, ja Sensationen gefasst machen. Freilich hat es sich gezeigt, dass besonders extreme Datierungen von uralten Bauten gern bei Seite geschoben werden, um das lieb gewordene Bild von der Vergangenheit Perus nicht zu erschüttern. Und doch gibt es immer wieder Funde, die dazu zwingen, das Alter der ersten Kultur von Peru immer früher anzusetzen. Und nicht nur das. Offensichtlich konnten und wussten die Menschen vor Jahrtausenden im Raum der Küste Perus mehr als wir ihnen zutrauen möchten!

Beispiel: Im Norden von Lambayeque, dem Land der fantastischen Riesenpyramiden, entdeckten Archäologen bei Licurnique einen gewaltigen Monolithen mit geheimnisvollen Zeichnungen und Symbolen. Sie entstanden 1500 v.Chr., wahrscheinlich sogar schon 2000 v.Chr., und stehen im Zusammenhang mit astronomischen Beobachtungen (3). Die »ersten Peruaner« beobachteten offensichtlich Sonne, Mond und Sterne. Rampen an ihren Pyramiden erinnern an die alten Observatorien in Indien, wo vor Jahrtausenden Sterne angepeilt wurden.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die älteste Pyramide Perus noch nicht gefunden wurde. In den Wüstenregionen an der Pazifik-Küste Perus dürfte noch so manche Überraschung auf die Archäologen warten! Ich bin davon überzeugt: Auch die älteste Pyramide der Welt wurde bislang noch nicht ausfindig gemacht. Und wer weiß: Vielleicht wurde die älteste Pyramide unseres Sonnensystems gar nicht auf Planet Erde gebaut!


Fußnoten
1) Aufgezeichnet von Walter-Jörg Langbein. Reisenotizen, Peru 1982
2) Silverman, Helaine und  Isbell, William: »Handbook of South American Archaeology«, Springer, 2008
3) Holloway, April: »Archaeologists find stone engraved with 3500-year-old astronomical symbols in Peru«, »Ancient Origins«, 27. Juli 2014


Zu den Fotos
Foto 1: Eine der Pyramiden von Sipan. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Moderne Schnellstraße durchschneidet die Ebene von Nasca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3:
Ñaymlap vor einer Pyramide/ Foto Walter-Jörg Langbein/ Collage Ursula Prem
Fotos 4 und 5: Soll das Ñaymlap sein? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: und Foto 7: Kuriose »Comics« von Túcume. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Comics von Túcume. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Reste einer uralten Kultur in Sechín. Foto wikimedia commons/ Sylvain2803


Walter-Jörg Langbein
395 »Fische im Berg und die Osterinsel-Connection«,
Teil  395 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 13.8.2017



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Sonntag, 9. Oktober 2016

351 »Apocalypse Wow«

Teil  351 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter
Zu den großen Filmklassikern überhaupt zählt ohne Zweifel »Apocalypse Now« von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1979. Der beeindruckende und bedrückende Antikriegsfilm spielt in Vietnam. In Anspielung auf Coppolas filmisches Meisterwerk mit Marlon Brando in der Hauptrolle titelte die »Süddeutsche Zeitung« im Frühjahr 2016 (1) mit einer sensationellen Meldung: »Apokalypse Wow«. Und neben dem beeindruckenden Foto einer rot glühenden Sonnen lesen wir: »Bilder aus der Zukunft: In sechs Milliarden Jahren wird die Sonne spektakulär sterben. Bis dahin muss die Menschheit eine neue Heimat finden. Aber wo?«

Auf meiner Reise durch Indien lernte ich die uralte Philosophie des Landes kennen. Ähnlich wie die Mayas gingen die »alten Inder« von einem zyklischen Weltbild aus, von einem steten Werden, Leben und Zerfall. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Ein Schriftkundiger erklärte mir am Tempel von Tanjore (2): »Die Geschichte der Menschheit verläuft auf unserem Heimatplaneten in Zyklen. Auf die Zerstörung folgen Wiederaufbau, Leben und Gedeihen und erneute Zerstörung.«

So ist  Göttin Kali (zu Deutsch etwa »Die Schwarze«) im Hinduismus einerseits die Gottheit des Todes und der Zerstörung, andererseits aber auch der Erneuerung. Ganz ähnlich dachten die Maya, die – wie die alten Inder – in Sachen Erde und Kosmos in Zyklen von bis zu Jahrmilliarden rechneten. Eine »Menschheit« blüht auf, gedeiht um in einer Apokalypse wieder unterzugehen, gefolgt vom Aufblühen einer neuen Menschheit. Die Kataklysmen der Maya werden in der Mythologie recht plastisch-drastisch geschildert. Eine Epoche endete in einem Feuer- und Asche-Regen. Eine Zeit der Finsternis folgte, und doch  hatten die himmlischen Götter schon den Keim neuen Lebens gesät.

Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore
Auch unsere Sonne sei, so erfuhr ich am Tempel von Tanjore, Zyklen unterworfen, sie pulsiere – und werde eines Tages explodieren, sich ausdehnen und dann wieder in sich zusammenbrechen.

Das von der »Süddeutschen Zeitung« prognostizierte Ende der Sonne und damit der Erde ist alles andere als unfundierte Horrorspekulation. So wird sich unsere »liebe Sonne« im Alter von etwa 11,7 bis 12,3 Milliarden Jahren so weit aufblähen, dass sie die Planeten Merkur und Venus verschlingt. Die Erde wird sich in eine wahre Höllenwelt verwandeln. Die Meere verdampfen, die heute noch feste Erdkruste wird zu einem einzigen zähflüssigen Lava-Brei werden. Da die Sonne bereits etwa 4,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat, wird sich das beschriebene Ende der Welt in etwa sieben Jahrmilliarden abspielen. Selbst die Jüngsten unter uns werden das wohl nicht erleben, ich mit meinen 62 Jahren schon gar nicht. Ob freilich die Menschheit wirklich ausreichend Zeit haben wird? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, sie wird längst ausgelöscht sein, wenn die Erde sterben wird. Sie wird sich wohl sehr viel früher selbst vernichtet haben!
Schon im nicht mehr ganz so zarten Alter von 5,5 Jahrmilliarden wird die Weiterentwicklung unseres Zentralgestirns dazu führen, dass die mittlere Temperatur auf der Erde 30 Grad Celsius überschreitet. Da wird es schon recht kritisch für »höhere Lebewesen«. Das wird also »schon« in einer Jahrmilliarde geschehen.

Foto3: Die Mayas glaubten....
In zwei Milliarden Jahren wird eine mittlere Temperatur auf Erden von 100 Grad erreicht werden. Mit anderen Worten: »Schon« in zwei Milliarden Jahren wird alles Leben auf der Erde verlöschen. Selbst jenen Krebsen, die heute ganz in der Nähe von Tiefseevulkanen leben, dürfte dann das letzte Stündlein geschlagen haben. Und die halten wahrhaft höllische Temperaturen aus!
Hermann Oberth (1894-1989)  im Gespräch zu mir (3): »Die Erde ist die Kinderkrippe der Menschheit. Kinder wachsen heran und verlassen irgendwann die Krippe und erkunden die Welt!« Ich fragte zurück: »Meinen Sie, dass wir Menschen einmal unsere Erde verlassen werden?«

Prof. Oberth bejahte. »Die Menschheit kann entweder irgendwann auf der Erde umkommen, oder sie versucht, ins Weltall vorzudringen und dort zu überleben. Ein Überleben auf der Erde für ewige Zeiten wird es nicht geben!«

Andrian Kreyer wiederholt in der »Süddeutschen Zeitung« (4) in der Rubrik »Wissen« zunächst die Schlagzeilen von Seite 1: »In sechs Milliarden Jahren wir die Sonne sterben, spätestens bis dann muss die Menschheit eine neue Heimat gefunden haben.« Dann folgt ein Hinweis auf so eine »Ersatzwelt«, die freilich alles andere als paradiesisch-verlockend anmutet: »Exoplanet HD 189733b etwa ist 63 Lichtjahre entfernt und blau wie die Erde. Das Problem: Die Tagestemperaturen dort liegen bei 900 Grad Celsius, die Windgeschwindigkeiten erreichen 9.000 Kilometer pro Stunde, und es regnet Glas.«

Foto 4: ... an Zeitzyklen.

»Werden wir Menschen ins All Reisen und fremde Planeten in fremden Sonnensystemen besiedeln?«,wollte ich von Prof. Oberth wissen. Der sympathische Gelehrte, den ich erstmals als Schüler im Alter von etwa zehn Jahren besuchte, lächelte milde: »Ganz so wie in Zukunftsromanen beschrieben wird das nicht ablaufen! Die Distanzen zu den Sternen sind riesig. Auf Science-Fiction geht auch Andrian Kreyer in seinem lesenswerten Artikel ein (5): »Der Mythos vom Auszug aus der Erde wird schon längst in Hollywood-Filmen wie ›Interstellar‹ und ›The Martina‹ gepflegt. Auch wenn erst das Kepler-Weltraumteleskop der NASA, das 2009 startete, die Suche so richtig voranbrachte.«

Foto 5: Autor Langbein  in Palenque
Wer hätte das gedacht: Vor einem halben Jahrhundert spekulierte man, wie viele Sterne – also fremde Sonnen – wohl von Planeten umkreist würden. Heute vermeldet der Astronom Jason Wright (6) »1642 bestätigte und 3786 unbestätigte Planeten«. Andrian Kreyer spricht von 5428 Hoffnungsmomenten, »dass das Leben da draußen ja irgendwie weitergehen könnte«. Nun ist aber Exoplanet HD 189733b etwa 63 Lichtjahre entfernt. Er eignet sich also nicht als neue »Wohnung« für die Menschheit, in die man einfach umziehen könnte. Ist damit Projekt »Erd-Exodus« schon gescheitert, bevor es überhaupt richtig angedacht werden konnte? Die Antwort findet sich beim »Vater der Weltraumfahrt«. Hermann Oberth schrieb bereits im Jahre 1954 in seinem Werk »Menschen im Weltraum« (7):

»Da Monde und Planeten relativ unwirtlich sind, liegt der Gedanke an künstliche Wohnstätten der Menschen im Weltraum nahe. … Nun geht es um die Ansiedlung von Menschen im Weltraum selbst.« Mit anderen Worten: Ein »Exodus ins All« ist natürlich auch dann möglich, wenn der nächste Planet nach heutigen Vorstellungen unerreichbar weit entfernt ist. Auch und gerade hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Wenn es das »Ziel« sein sollte, irgendwann in fernster Zukunft einen fernen fremden Planeten zu erreichen, dann ist schon die Reise dorthin die einzige Chance der Menschheit. Bevor Planet Erde zur tödlichen Falle wird, kann es nur eine Flucht ins All geben. Hermann Oberth: »Unsere Erde wird noch viele Jahrhunderte lang Raum genug für die Menschen haben. … Doch die Menschheit wird nicht auf diese Erde beschränkt bleiben.«

Als Raumfahrtexperte begnügte sich Prof. Hermann Oberth nicht mit vagen Spekulationen. Vielmehr legte er bereits 1954 präzise Projekte vor, betitelt »Siedlungen im Weltraum« (8). Nach Prof. Oberths konkreten Visionen werden riesige Wohnräder in die Tiefen des Alls vordringen. Diese Weltraumhabitate drehen sich um die eigene Achse, so dass ihre Bewohner nicht in der Schwerelosigkeit schweben, sondern gewohnte irdische Verhältnisse genießen können. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Prof. Oberths »Wohnwalzen«. Noch einmal Oberth (9): »Unter einer Wohnwalze hat man sich einen Zylinder von beliebiger Länge vorzustellen, der einen Durchmesser von acht Kilometern hat. Er kann zehn Kilometer lang sein, aber auch hundert oder tausend.« Heute noch utopisch anmutende, aber keineswegs unrealistische Konzepte sehen Weltraumstädte mit Millionen von Menschen vor (10):

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth

»Dr. Thomas Heppenheim, Luftfahrtingenieur am ›California Institute of Technology‹, schilderte das Leben in der Raumstation im November 1975 so: ›Das Leben in der geplanten Weltraumstadt wird nicht nur angenehmer sein als auf der Erde, sondern die Menschen werden dort alles haben, was für größtes Wachstum notwendig ist. Keine Ernte wird fehlschlagen. Die ersten 10.000 Menschen werden in Terrassenapartments mit modernstem Wohnkomfort leben. Von den Fenstern aus blicken sie auf gewölbte Erntefelder und überschauen grüne Parks. Das Leben wird angenehm und sonnig sein.‹

Die zweite Weltraumstadt könnte dann schon ganz andere Ausmaße haben. Prof. Gerard Kitchen O’Neill (1927-1992) lehrte an der ›Princeton University‹, publizierte seine fundierten Visionen in einem Buch ›Unsere Zukunft im Raum/  Energiegewinnung und Siedlung im Weltraum‹ (11).

Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen

Für den Physiker O’Neill, Inhaber wichtiger Patente, ist eine Besiedlung des Universums von der Erde aus keine unsinnige Science-Fiction-Illusion, sondern realistisch, finanzierbar und auch machbar. Der Wissenschaftler entwickelte mehrere Modelle von Weltraumstädten in Röhrenform. Die größeren (Länge etwa 30 km, Durchmesser 6 km) bieten 10.000.000 (zehn Millionen!) Menschen Lebensraum. Schon in absehbarer Zukunft könnte – so postulierte Prof. O’Neill – ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Weltraumstädten leben.«

Prof. Gerard Kitchen O’Neills erste Veröffentlichung erschien endlich September 1974 in »Physics Today«. Vier Jahre lang war der wissenschaftlich fundierte Aufsatz von Fachzeitschriften wie »Science« und »Scientific American« abgelehnt worden. Er hieß »The Colonization of Space« (zu Deutsch etwa »Die Kolonisation des Weltraums«). Genauso war es Prof. Hermann Oberth mit seiner ersten Arbeit zur Raumfahrt ein halbes Jahrhundert zuvor ergangen. Aber kühn erscheinende wissenschaftliche Projekte setzen sich letztlich immer durch, stets gegen den Widerstand der etablierten Schulwissenschaft.

Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860

Und so können wir Menschen von Planet Erde nachts sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel blicken. Die Milchstraße lockt uns heute, so wie einst Ozeane unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. Die Ozeane mögen einst als unüberwindbar angesehen worden sein. Sie wurden aber – vielleicht sehr viel früher als die Schulwissenschaft meint – überquert. Wenn wir Menschen uns nicht gegenseitig ausrotten, werden wir den Weg ins All antreten. Davon bin ich überzeugt!

Und was ich mich nicht erst seit meiner Indienreise frage? Kamen die Götter der alten Inder aus dem All, waren ihre Vimanas nichts anderes als Raumschiffe? In altindischer Dichtung wie dem Rig Veda wimmelt es nur so von Hinweisen auf eine phantastische Vergangenheit! Und die alten Tempel stellen Vimanas dar, die Flugvehikel der Götter aus dem All!

Fußnoten
1) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Titelseite, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
2) Nach meinen handschriftlichen Notizen formuliert.
3) Basierend auf meinen handschriftlichen Aufzeichnungen.
4) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Seite 38, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
5) ebenda
6) ebenda
7) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum«, Düsseldorf und Wien 1954, Seite 194
8) ebenda, Seite 187
9) ebenda, Seiten 194-199
10) Langbein, Walter-Jörg Vortragsmanuskript »Unsere Zukunft liegt im All«, »A.A.S. One Day Meeting«,  Magdeburg 24.10.2009
11) O'Neill, Gerard K.: »Unsere Zukunft im Raum«, Bern und Stuttgart 1978

Foto 9: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Stahlstich, etwa 1850

 Zu den Fotos

Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter. wiki commons gemeinfrei Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore. Foto Walter-Jörg Langbein Foto 3: Die Mayas glaubten.... Foto Walter-Jörg Langbein Foto 4: ... an Zeitzyklen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto5: Autor Langbein auf den Spuren der Mayas in Palenque.Foto Ingeborg Diekmann 
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth. Foto: privat 
Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen
Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860. Archiv
Walter-Jörg Langbein.


»352 Kröte, Löwe, Dämonen«,
Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.10.2016


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Sonntag, 24. Juli 2016

340 »Die Göttin und die Inka«

Teil 340 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Komplex Inga Pirca

Bei meinem ersten Besuch in Inga Pirca regnete es mehr als nur in Strömen. Es schüttete sintflutartig vom Himmel. Die mysteriöse Mauer der wohl schönsten archäologischen Stätte Ecuadors erschien in düster-geheimnisvollem Licht. Nur gaben meine beiden Kameras schon nach wenigen Sekunden ihren Geist – zum Glück nur vorübergehend – auf. Zwei Tage später waren sie wieder einsatzbereit. Fotos von Inga Pirca gelangen mir dann erst bei späteren Besuchen.

Inga Pirca wird – ich meine etwas schmeichelhaft-übertrieben – gelegentlich das »Machu Picchu« von Ecuador gegriffen. Erbaut wurde die Anlage von den Cañari, nicht von den Inka. Trotzdem heißt die mysteriöse guterhaltene »Ruinenstätte« bis heute »Inka-Mauer«, eben »Inga Pirca« (Kechuansprache). Die Inka »eroberten« Inga Pirca, erwiesen sich aber als sehr human. Und das, obwohl ihnen die Kultur der Besiegten äußerst fremd war.

Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen
Das Volk der Cañari verehrte den Mond. Es war matriarchalisch orientiert. Ganz anders die Inka. Sie verehrten die Sonne, typisch für das Patriarchat. Bei meinem ersten Besuch vor Ort erfuhr ich, dass man bei archäologischen Ausgrabungen die letzte Ruhestätte einer Königin der Cañari ausfindig gemacht habe. 

Die ohne Zweifel äußerst beliebte Regentin – oder war es nur eine Fürstin – war nicht ohne Begleitung vom Diesseits ins Jenseits gewandert. Ihr hatten sich zehn Frauen angeschlossen, die mit Gift Selbstmord begangen hatten. Das geschah vor etwa 1.200 Jahren.

Die Inka »eroberten« Inga Pirca nach Art der Österreicher, nach dem Motto »Du glückliches Österreich, heirate!« Allerdings wohl erst, als der erhoffte schnelle Sieg über das kleine Völkchen nicht auf Anhieb gelang. Die vornehmen und selbstbewussten Inka-Adeligen heirateten Cañari-Prinzessinnen und besiegelten damit eine ganz besondere Allianz. Die Cañari blieben autonom. Sie behielten ihren Glauben, setzten ihr religiöses Leben fort. Sie behielten ihren Glauben an die Mond-Göttin. Das Brauchtum blieb unbeanstandet von den Inka das alte. Allerdings nahmen die Cañari die Sprache der Inka an. Sprachlich orientierten sich die zahlenmäßig weit unterlegenen Cañari den Inka an. Die Inka konnten sich von nun an auf die Cañari als treue Verbündete verlassen. Sie hatten in Inga Pirca einen strategisch äußerst wichtigen Stützpunkt und die Cañari konnten sich auf den militärischen Schutz der Inka voll und ganz verlassen.

Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Wasser spielte eine immense Rolle im religiösen Leben der Cañari. Ich bewunderte einen kurios anmutenden Stein, der eine ganze Reihe von Löchern aufwies. Waren sie natürlichen Ursprungs? Keineswegs. Sie waren sorgsam – und wie man mir vor Ort versicherte – nach wissenschaftlichen Berechnungen gebohrt worden. Wann? Vor 1.200, vielleicht 1.500 Jahren? Bei dem seltsamen Löcherstein handelt es sich um einen Mondkalender der Cañari. Die Löcher wurden mit Wasser aufgefüllt, darin spiegelten sich Mond und Sterne. So wurden die für die Cañari wichtigen Daten des Mondjahrs bestimmt. So gab es ein wirklich tolerantes Miteinander zwischen den Inka und den Cañari. Die einen huldigten weiter dem Mond und der Mondgöttin, die anderen verehrten weiter die Sonne und Götter des Patriarchats. Beide hatten ihre eigenen Zeremonien und Feiertage – und es gab gemeinsame Festivitäten.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erschienen die Inka unter Führung von Túpac Yupanqui. Gemeinsam baute man an einem »Groß Inga Pirca«, hatte wohl einen geschlossenen Gesamtkomplex im Sinn. Dazu kam es aber nicht. Das geplante Zentrum wurde nicht fertig gestellt werden. Leider kamen schon im frühen 16. Jahrhundert die ersten Spanier nach Ecuador. Pizarro tauchte 1532 mit seiner blutdurstigen Bande auf.1534 erschien Pizarros Leutnant Sebastian de Benalcazar in Quito auf. 1535 dürften Inka wie Cañari von Inga Pirca abgeschlachtet worden sein: die vermeintlich »Wilden« von den »Zivilisierten«. Die herrliche, im Aufbau befindliche Metropole zweier friedlich miteinander lebenden Religionen wurde zerstört.

Foto 4: Inka oder Präinka?

Wie groß Inga Pirca bereits war, als es von den Spaniern zerstört wurde, wir wissen es bis heute nicht. Es müssten im Umfeld der Ruinen weitere, tiefere Grabungen vorgenommen werden. Wieder einmal fehlt das Geld. Sehr gut erhalten ist der Sonnentempel, den angeblich die Inka angelegt haben. Die imposante Mauer des oval angelegten Gebäudes sieht man von weitem. Und von nahem erkennt man die unglaubliche Präzision, mit der teils massive Steine zugeschnitten und mörtellos auf-, an- und ineinander gefügt wurden.

Vom Mondtempel der Cañari ist so gut wie nichts erhalten. Es wurden lediglich nur noch Grundmauern ausfindig gemacht, die man für Reste von Bauten der Mondanbeterinnen hält. Einen kreisrunden Mondtempel hat es auch gegeben. Aber ordnet man da wirklich alle Bauten, Ruinen und Fundamente richtig zu? Ich halte es für durchaus möglich, dass es schon vor den Cañari und natürlich somit vor den Inka ein noch älteres Heiligtum gab, geschaffen von unbekannten Steinmetzen und Meistern der Baukunst, und das zu einer sehr viel früheren Zeit. Wie dem auch sei: Die Spanier machten Inga Pirca zum Steinbruch. Sie benötigten sehr viel Baumaterial für die Errichtung ihrer monumentalen Kirchen. Es grenzt schon an ein Wunder, dass überhaupt etwas von Inga Pirca übrig geblieben ist. Ein betagter grauhaariger Priester, mit dem ich in Quito sprach, behauptete: 

Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten

»Es gelang einem Inka-Fürsten die Spanier davon zu überzeugen, dass ihr Tempel von Inga Pirca nicht mehr dem heidnischen Sonnengott, sondern inzwischen dem biblischen Gott geweiht sei.« Angeblich ließ man deshalb den ovalen Tempelbau stehen. Belegen lässt sich diese kühne These nicht. Fakt ist aber – was den wenigsten Bibellesern bekannt sein dürfte – dass das »Alte Testament« eine Vielzahl von Bibelversen enthält, in denen der Gott des »Alten Testaments« als Sonne gepriesen wird.

Ein biblisches Gebet, wir finden es in Psalm 84 (1), konnte jeder »heidnische« Inka sprechen, ohne auch nur einen Millimeter von seinem Glauben abzufallen. Er hätte wohl nur den Namen seines Sonnengottes »Tayta Inti« für »Jahwe« eingesetzt: »Gott, unser Schild, schaue doch; sieh doch an das Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in der Gottlosen Hütten. Denn Gott Jahwe ist Sonne und Schild; Jahwe gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Jahwe Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!«

Foto 6: Wasser war der Cañari heilig
Noch zu Zeiten des streng monotheistischen Jahwekults wurden im Heiligen Land auch andere Götter verehrt. Es gab mächtige Konkurrenz, zum Beispiel Baal. Prophet Elia kämpfte gegen den Baalskult. Baals-Tempel wurden immer wieder von Jahweanhängern zerstört, von Baal-Gläubigen neu errichtet, um von der Jahwe-Konkurrenz wieder zerstört zu werden. Schließlich absorbierte der Jahwekult Baal.  Ursprünglich war es Gott Baal, der »am Himmel daherfährt« oder der »auf den Wolken reitet«.

Der Himmels-Baal kann sehr wohl auf einen patriarchalischen Sonnengott zurückgehen, war vielleicht sogar selbst einer. Derlei Baals-Namen wurden im monotheistischen Judentum  einfach auf Jahwe übertragen. Bei Mose lesen wir (2): »Es ist kein Gott wie der Gott Jeschuruns (=Jahwe), der am Himmel daherfährt dir zur Hilfe und in seiner Hoheit auf den Wolken.«

Auch der Psalmist hat offensichtlich einen Sonnengott im Sinn, wenn er Jahwe wie folgt preist (3): »Lobe Jahwe, meine Seele! Jahwe, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast. Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich. Du baust deine Gemächer über den Wassern. Du fährst auf den Wolken wie auf einem Wagen und kommst daher auf den Fittichen des Windes, der du machst Winde zu deinen Boten und Feuerflammen zu deinen Dienern.«

Foto 7: Spiegel der Sterne

Religiöse Bilder ähneln sich, auch wenn das Fundamentalisten nicht wahrhaben wollen. Nach dem christlichen Glauben opfert sich der göttliche Jesus zum Wohle der Menschen und starb am Kreuz. Aztekengott »Nanauatzin«, zu Deutsch »Wolkenschlange« opferte sich ebenfalls, nur nicht am Kreuz, sondern im Feuer. Jesus stieg auf zum göttlichen Vater, der im »Alten Testament« gern mit der Sonne verglichen wird. Nanauatzin stieg empor und wurde selbst zum Sonnengott Tonatiuh, zu Deutsch »Sonne«. Als Sonnengott wurde er im tonnenschweren Kalenderstein der Azteken verewigt.

Wasser spielte eine zentrale Rolle in der Religion, in der Welt der Cañari. Es spiegelte die Sterne und ihren Lauf. Es spendete Leben, kam also von der Göttin. Es regnete vom Himmel und ließ Leben gedeihen. Es stieg wieder in den Himmel empor. Über den Göttinnen-Wasserkult der Cañari wissen wir leider kaum noch etwas. Wenn nur die Steine reden könnten, in die immer wieder komplexe Systeme von Wasserbecken geschlagen wurden. Wasserreservoirs waren das nicht, dazu fassen sie viel zu wenig Wasser.

Foto 8: Rituelles Sitzbad.
Einzelne aus dem Stein gemeißelte »Wannen« mögen als rituelle Sitzbäder gedient haben, vielleicht für die Priesterinnen zur Vorbereitung auf die heiligen Handlungen zu Ehren der Mondgöttin.

Mir scheint, dass es den Erbauern dieser Systeme in erster Linie darauf ankam, Spiegel aus Wasser zu schaffen – für die Sterne, für die Göttin. Das Wasser floss von »Becken« zu »Becken«. Man hat sich sehr große Mühe gegeben, bohrte zum Teil Röhren von »Becken« zu »Becken«, legte zum Teil offen liegende kleine Kanälchen an. Allein das schon erforderte erhebliche Fähigkeiten in Sachen Steinbearbeitung!

Uralt ist der philosophisch-religiöse Gedanke, dass sich Himmel und Erde entsprechen. 1908 wurde in Chicago das esoterische Werk »Kybalion« (4+5) veröffentlicht. Inhalt: Die »sieben hermetische Prinzipien«. Das »Prinzip der Analogie« besagt: »Wie oben, so unten; wie innen, so außen; wie der Geist, so der Körper.« Nach den hermetischen Prinzipien entsprechen die Verhältnisse im Makrokosmos des Universums dem Mikrokosmos des Individuums. Das Große spiegelt sich im Kleinen, das Kleine im Großen.

Foto 9: Der Aztekenkalender

Was mich auf vielen meiner Reisen mehr als verblüfft hat: Angeblich soll uraltes Wissen – so auch das der Cañari – allen mörderischen Maßnahmen zum Trotz – bis in unsere Tage überlebt haben. Das haben mir immer wieder christliche Priester auch in Ecuador mitgeteilt. So sollen die Cañari gewusst haben, was zum Beispiel erst im 20. Jahrhundert durch Bücher wie das »Kybalion« publik wurde. Gehört das Wissen um hermetische Gesetze dem wirklich wertvollen Weltkulturerbe an? Und sind uralte Bauwerke wie »Inga Pirca« steinernes Zeugnis des Urglaubens der ältesten Völker der Welt?


Foto 10: W-J.Langbein vor Ort
Fußnoten

1) Psalm 84, Verse 10-13
2) 5. Buch Mose Kapitel 33, Vers 26
3) Psalm 104, Verse 1-4
4) »Drei Eingeweihte«/ Atkinson, William Walker: » Kybalion - Die 7 hermetischen Gesetze: Das Original«, Hamburg 2011
5) Atkinson, William Walker: »Kybalion 2 – Die geheimen Kammern des Wissens«, Hamburg 2013

(Anmerkung: Zum Thema Kybalion gibt es umfangreiche Sekundärliteratur, auch online aus dem Internet zu beziehen. Dabei unterscheiden sich die Textquellen zum Teil erheblich. Ein fundiertes abschließendes Urteil abzugeben, das ist letztlich unmöglich.)

Zu den Fotos

Foto 1: Komplex Inga Pirca. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Begräbnisstätte der 11 Frauen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mondkalender der Cañari. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Inka oder Präinka? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Sonnentempel und Reste der Cañari -Bauten (Vordergrund)
Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Wasser war der Cañari heilig. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Spiegel der Sterne. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Rituelles Sitzbad. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Der Aztekenkalender mit dem Sonnengott im Zentrum. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Autor Walter-Jörg Langbein vor dem Sonnentempel der Inka. Foto Willi Dünnenberger

341 »Fünf Flugmaschinen in Stein und sechs verschollene Tempel«,
Teil 341 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.07.2016


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