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Sonntag, 2. August 2020

550. »Zweimal Himmel und retour«

Teil 550 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Henoch wurde nach dem »Alten Testament«, nach dem Koran und nach apokryphen Texten von Engeln in höchste himmlische Gefilde und wieder retour gebracht. »Sepher Raziel Ha Malach«, das vielleicht geheimnisvollste Buch der Weltgeschichte, wurde von Engel Raziel aus himmlischen Gefilden zur Erde getragen.

In den Details gab und gibt es da unterschiedliche Textvarianten. Niemand weiß, wie viele Versionen verlorengegangen sind. Nach einer Überlieferung aus der rabbinischen Welt wollten einige eifersüchtige Engel verhindern, dass Adam durch das mysteriöse Buch zu geheimstem Wissen kommen würde. Sie stahlen es und schleuderten es ins Meer. Engel Rehab musste auf Befehl Gottes in die Tiefen tauchen, das Buch im Saphierstein bergen und Adam zurückgeben.

Foto 1: Entweder bekam Adam
das »Raziel-Buch« schon
im Paradies ausgehändigt...
(Koberger Druck 1493).
Widersprüchlich sind die Angaben in den alten Legenden zur Frage, wann denn Adam in den Besitz des Buches gelangt sein soll. War dies schon zu Zeiten, als Adam noch mit Eva im Paradies leben durfte? Oder erhielt Adam das »Sepher Raziel Ha Malach« erst nach der Vertreibung aus dem Paradies? Mir leuchtet Variante 2 besser ein. Warum sollte Gott Adam verbieten, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, um ihm sozusagen gleichzeitig geheimstes Wissen in einem Wunderbuch anzuvertrauen?

Verschiedene Überlieferungen vermelden im Detail Widersprüchliches. War Adam nur 130 Jahre jung als ihm das in Saphir geschnitzte göttliche Wissen ausgehändigt wurde? Oder geschah dies erst ein halbes Jahrtausend später auf Adams flehentliches Jammern hin?

Das »Äthiopische Henochbuch« (1) dürfte spätestens in den letzten Jahrhunderten vor Christus entstanden sein. Ob es ein älteres »Urmanuskript« gegeben hat? Das mag sein, aber ein solches Manuskript wurde bis heute nicht gefunden. Vermutlich geht der umfangreiche Text auf mehrere Teilmanuskripte unterschiedlicher Verfasser zurück. Wir wissen nicht mit Sicherheit, in welcher Sprache die ältesten Texte einst verfasst wurden. War es hebräisch? War es aramäisch? Es geht um Engel, die Henoch zu Himmelsreisen einladen. Oder sollte man besser sagen, die ihn entführen? Wie oft war Henoch im Himmel? Es geht um astronomisches Wissen und um die »Weltgeschichte«. Gelegentlich mahnt Henoch, manchmal rügt er.

Das »Slavische Henochbuch« (2), gern als »2. Henoch« bezeichnet, gilt allgemein als etwas jünger. Meist wird eine nachchristliche Entstehungszeit angenommen. Auch vom »Slavischen Henochbuch« liegt nicht das Urmanuskript vor. Es wird viel spekuliert. Eine Fassung in kirchenslavischer Sprache liegt vor, bei der es sich – so wird vermutet – um eine Übersetzung aus dem Griechischen handeln könnte. Übereinstimmung herrscht freilich in dieser Frage keine. So hat man eine Rückübersetzung aus dem Slavischen ins Hebräische vorgenommen. Es kann sein, dass der Satzbau des »Slavischen Henochbuchs« ein Original in hebräischer Sprache nahelegt. Dann ist es womöglich zumindest in Teilen womöglich älter als gewöhnlich angenommen. Oder wurde der Text ursprünglich in griechischer Sprache verfasst? Hat der Schreiber nur hebräische »Hebraismen« eingebaut?

Wenn sich Theologen mit Henoch beschäftigen, dann verbannen sie seine Schilderungen von Himmelsreisen in den Bereich des Märchenhaften.

Foto 2: ... oder Adam erhielt
das mysteriöse Buch erst nach
der Vertreibung aus dem Paradies
(Koberger Druck 1493).
Das »Slavische Henochbuch« beginnt mit einer Entführung in den Himmel. Insgesamt absolvierte Henoch alias Idris aber zwei, vermutlich sogar mehrere Reisen von der Erde in den Himmel und wieder retour. Und Engel Raziel brachte »sein« Buch aus dem Himmel zur Erde. Über einzelne Begriffe in den rätselhaften Büchern wird diskutiert. Weisen sie auf einen Urtext in hebräischer Sprache hin? Oder legen sie die Vermutung nahe, dass der ursprüngliche Text in griechischer Sprache verfasst wurde. Theologisches Geplänkel gibt es viel, aber dass es womöglich reale Himmelsreisen gegeben haben könnte, das ist und bleibt für Theologen tabu.

»The Sword of Moses« ist ein weiterer apokrypher Text, der von hohen himmlischen Gefilden, von Engelwelten und geheimsten Wissen berichtet. Das Buch wird erstmals um das Jahr 1000 vom Leiter der jüdischen Akademien in Babylon, Haya Gaon, in einem Brief erwähnt. Moses Gaster (*1856; †1939), jüdischer Oberrabbiner und Gelehrter, beschäftigte sich intensiv mit dem Text und kam zur Schlussfolgerung, dass er womöglich schon vor zwei Jahrtausenden entstanden sein mag. Doch uraltes Wissen über den Kosmos passt nicht ins Weltbild von Theologen und Wissenschaftlern. Theologen wie Wissenschaftler vertreten in schöner Harmonie ein Bild von der Entwicklung des Menschen. Beide stellen den Menschen als Krone der Schöpfung oder Krone der Evolution dar. Sich besonders fortschrittlich wähnende Theologen wollen Evolution als einen von Gott ausgelösten Entwicklungsprozess verstanden wissen.

In beiden Weltbildern steht der heutige Mensch hoch oben und blickt auf seine Vorgänger herab. Eine zyklische Entwicklung (wie sie von Azteken und Mayas gesehen wurde) darf es nach beiden Weltanschauungen nicht geben. Mayas und Azteken kannten aufeinanderfolgende Zeitalter, nicht eine lineare Entwicklung von O bis jetzt. Ein Auf und Ab wird in unserer Kultur ausgeschlossen. Die Entwicklung ging langsam voran, vom Primitiven zum Aktuellen. Wir sind demnach allen Vorgängerkulturen haushoch überlegen. Ausgeschlossen wird, dass es schon in grauer Vorzeit Kulturen gegeben hat, die uns ebenbürtig oder gar überlegen waren.

Der Mensch steht zu Beginn des dritten Jahrtausends an der Schwelle zum Kosmos. Wird uns der Sprung ins All gelingen? Oder löschen wir uns vorher selbst aus? Ausgeschlossen wird, dass das womöglich schon vor Jahrtausenden so war, und das womöglich nicht nur einmal, sondern wiederholte Male.

Was erkennen wir? Was verstehen wir? Oder besser gefragt: Was können wir verstehen? Wir können nur »verstehen«, was man uns beigebracht hat. Wirklich verstehen aber heißt meiner Meinung nach, auch Neues, bislang Unbekanntes begreifen. Um das zu können, müssen wir stets dazu bereit sein, das Erlernte ständig zu hinterfragen und womöglich als falsch zu erkennen. Das wiederum ist die erste Voraussetzung für ein Vorankommen beim Begreifen der Wirklichkeit. Ich formuliere es etwas bescheidener: Wir werden nur den Versuch unternehmen können, etwas mehr von der Wirklichkeit zu erfassen, wenn wir dazu bereit sind, bislang als gesichert geltende »Erkenntnisse« rigoros über Bord zu werfen. Bisher standen alle vermeintlich wissenschaftlichen Doktrinen auf recht wackeligen Beinen.

Foto 3: Der »Azteken-Kalender«
dokumentiert den Glauben an eine zyklisch ablaufende Zeit.
Foto Ingeborg Diekmann

Lange Zeit habe ich gebraucht, bis mir klar wurde, dass ich in Schulen und an der Universität nicht gelernt habe, selbständig zu denken. Vielmehr wurde mir beigebracht, was als vernünftig und somit richtig zu gelten hatte und was nicht hinterfragt werden darf.

Voraussetzung für wirkliches Weiterkommen auf dem weiten, weiten Feld der Erkenntnis ist allerdings die Bereitschaft, alles, was bislang als vernünftig und richtig gegolten hat, zu hinterfragen. Es hat im Verlauf der Menschheitsgeschichte nur deshalb eine Weiterentwicklung gegeben, weil es immer wieder Pioniere gegeben hat, die das etablierte Denken abgelehnt und ganz neue Wege entdeckt haben. Sie haben in der Regel nur mit großer Anstrengung den engen Horizont ihrer Zeit überwunden und sind zu neuen Horizonten aufgebrochen.

Angeblich war es der weise Konfuzius (*551 v.Chr.; †479 v.Chr.), der folgenden Sinnspruch formuliert hat: »Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.« Eine alte Volksweisheit besagt, dass nur tote Fische mit dem Strom schwimmen. Aber es ist vollkommen gleichgültig, ob man mit oder gegen den Strom schwimmt, wenn es einem genügt, im Fluss zu bleiben. Wenn wir aber das weite, weite Feld der Erkenntnis zu beiden Uferseiten erkunden wollen, dann werden wir wohl oder übel aus dem Fluss klettern müssen. Dann, und nur dann können wir das weite, weite Land, das vor uns liegt, erkunden. Nur dann werden wir die Welt kennenlernen können!

Bequemer ist es allerdings, weiter zu schwimmen wie bisher und zu behaupten, außerhalb unseres Ambientes gebe es nichts. Dann können wir weiter glauben, dass die Welt am Ufer endet.

Es gibt eine weite, große Welt altehrwürdiger Überlieferungen. Eine Vielzahl »heiliger Texte« finden wir in dieser weiten, weiten Welt. Verstehen wir diese Texte, diese Überlieferungen? In der Regel verlassen wir uns auf »Experten«, die uns erklären, wie die alten Texte und Überlieferungen zu verstehen sind. Diese »Experten« freilich sind in der Regel im Studium nicht deshalb schnell vorangekommen, weil sie selbst gedacht oder gar altehrwürdige »Erkenntnisse« hinterfragt haben. Vielmehr haben sie brav übernommen, was ihnen vorgedacht wurde. Und ihnen folgen wiederum die mit Erfolg nach, die wiederum ihre »Erkenntnisse« hinnehmen und mit Eifer bestätigen. Nur die wenigsten »Experten« wagen es, den Strom zu verlassen und an Land zu gehen. Dort aber warten die wirklich neuen Erkenntnisse. Es kann sein, dass man dann nicht nur neues Wissen hinzugewinnt, sondern bislang als gesichert geltendes »Wissen« als falsch erkennen muss. Voraussetzung ist aber, um im Bild zu bleiben, dass man den Mut aufbringt, den bewährten Fluss zu verlassen.
Sind wir dazu bereit?

Foto 4: Bei den Mayasfolgte Epoche auf Epoche,
auf einen Untergang ein neuer Anfang.

Bei den Mayas (3) folgte Epoche auf Epoche, auf einen Untergang ein neuer Anfang. Die sich so zivilisiert wähnende Menschheit von heute scheint zielstrebig auf ein Ende hinzuarbeiten, auf das es einen Neuanfang ohne Menschheit geben wird. Es ist möglich, dass der Mensch eine Zukunft auf einer endlosen Reise ins All erleben wird. Es ist aber auch möglich, vielleicht sogar wahrscheinlicher, dass sich die Menschheit selbst auslöschen und in der Geschichte des Iniversums weniger als eine kleine Fußnote sein wird. Planet Erde kommt ganz ausgezeichnet ohne uns Menschen zurecht. 

Fußnoten
(1) »Henochbuch oder Erster Henoch« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 355-451
(2) »Henochbuch (slawisch) oder Zweiter Henoch/ Das Buch der Geheimnisse Gottes/ Die Offenbarungen Gottes« in Rießler, Paul: »Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel übersetzt und erläutert von Paul Rießler«, Augsburg 1928, Seiten 452-473
(3) Schele, Linda und Freidel, David: »Die Unbekannte Welt der Maya/ Das Geheimnis ihrer Kultur entschlüsselt«, Augsburg 1994, Übersetzung von »A Forest of Kings«
Westphal, Wilfried: »Die Maya – Volk im Schatten seiner Väter«, Bindlach 1991

Zu den Fotos
Foto 1: Entweder bekam Adam das »Raziel-Buch« schon im Paradies ausgehändigt... (Koberger Druck 1493).
Foto 2: ... oder Adam erhielt das mysteriöse Buch erst nach der Vertreibung aus dem Paradies (Koberger Druck 1493).
Foto 3: Der »Azteken-Kalender« dokumentiert den Glauben an eine zyklisch ablaufende Zeit. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 4: Bei den Mayas folgte Epoche auf Epoche, auf einen Untergang ein neuer Anfang. Foto Walter-Jörg Langbein

551. »Von der Pyramide in die Unterwelt«,
Teil 551 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 09. August 2020
 



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Sonntag, 9. Juni 2019

490 »Vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod«

Teil 490 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


9. Juni 2019. Pfingstsonntag. Was für den Christen Weihnachten bedeutet, das ist auch heute noch im Zeitalter der »Schulstreiks« bekannt. Über Ostern hingegen wissen viele Zeitgenossen recht wenig. Da werden bemalte Eier und Hasen aus Schokolade verzehrt. Mit Jesu Auferstehung indes können immer weniger Zeitgenossen wirklich etwas anfangen. Und Pfingsten? Pfingsten bedeutet der »Fünfzigste«. »Pfingsten« (der »50.«) leitet sich vom griechischen Wort »pentekosté« ab. Über das mittelhochdeutsche »pfingesten« wurde aus dem griechischen Terminus die heutige Bezeichnung »Pfingsten«.

Pfingsten wird der 50. Tag der Osterzeit, 49 Tage nach der »Auferstehung«, gefeiert. Aber warum? Nach der »Apostelgeschichte« (Kapitel 2, Verse 1-41) versammelten sich Jesu Apostel in Jerusalem, um gemeinsam das jüdische Fest »Schawuot« zu feiern. »Schawuot« war ursprünglich wohl eine Art »Erntedankfest«. Aus dem jüdischen »Pessachfest«, das in Erinnerung an den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft zelebriert wurde, entwickelte sich das christliche »Ostern«. Und aus dem jüdischen »Schawuot« wurde das christliche »Pfingsten«.

Was aber geschah zu »Pfingsten«? Die Apostelgeschichte berichtet Wundersames! In einem »Brausen« kam, mitten in einem »Wind« eine Flut von Feuerflammen über die Apostel, die auf einmal in allen möglichen Sprachen ihren christlichen Glauben verkünden konnten. Rund 3.000 ließen sich, so die Apostelgeschichte, taufen. Zu Pfingsten soll der »Heilige Geist« über die Jünger gekommen sein. Zu Pfingsten soll mit der Taufe von 3.000 Menschen die Geschichte der christlichen Religion seinen Anfang genommen haben.

Im Zentrum der christlichen Lehre steht der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Dass es nach dem Ableben weitergeht, davon sind laut SPIEGEL (Nr. 17/ 20.4.2019) noch 40 Prozent der Deutschen überzeugt. Das »Leben nach dem Tod« ist freilich keine christliche Erfindung. Folgen wir dieser Lehre durch Raum und Zeit. Mich fasziniert die Frage der Fragen wie Millionen von Menschen nicht erst seit meinen Studentenzeiten…


In der Stadt von Ur wuchs einst ein gewaltiger Turm in den Himmel, der als Vorbild für den biblischen »Wolkenkratzer« von Babel gedient haben könnte. Auf der Spitze der Zikkurat thronte ein Tempel, in welchem die »Heilige Hochzeit« zwischen einem »Gott« und einer »Königin« zelebriert wurde. Da sich kein leibhaftiger Gott vom Himmel herab bemühte, übernahm ein Mensch die Rolle. Vielleicht wurde auch ein Mensch zum Gott. Und eine Irdische vollzog mit ihm die »Heilige Hochzeit«. Noch älter soll die Version »Göttin – König« gewesen sein. Die Paarung hatte magische Bedeutung: Sie sollte das Weiterleben der Natur bewirken.

Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei

Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch die Maya-Pyramiden hatten hoch oben einen Tempel, so wie der Turm zu Babel, so wie die Zikkurats in Mesopotamien.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts gruben Archäologen im Gebiet des heutigen Irak die uralten Gräber der Stadt Ur aus. Als sie die letzte Ruhestätte von Königin Shubad öffneten, entdeckten sie ein Massenopfer. Vor 4.500 Jahren war die Regentin von 68 Frauen ihres Hofstaats und zahlreichen Soldaten ihrer Leibwache in den Tod begleitet worden. Es fand sich keinerlei Spur von Gewalteinwirkung. Daraus schlossen die Wissenschaftler, dass die Menschen, deren Körper sorgsam in langen Reihen geordnet vorgefunden wurden, freiwillig in den Tod gegangen waren. Vermutlich hatten sie Narkotika oder ein tödliches Gift eingenommen. Die Toten sollten der Königin im Jenseits weiter dienen.

Archäologieprofessor Hans Schindler Bellamy: »Das Massenopfer ist ein Beleg dafür, dass die Menschen vor viereinhalb Jahrtausenden von einem Leben nach dem Tode überzeugt waren. Die Herrscherin musste im Jenseits von Soldaten bewacht, von treuen Dienern umsorgt werden. Ähnliche religiöse Überzeugungen prägten später auch das Leben der Inkas in Südamerika.« Bei den Inkas waren die Herrscher als Götter angesehen. Ihre sterblichen Hüllen wurden einbalsamiert und in rauschenden Festen verabschiedet. Dann, davon waren die Inkas überzeugt, würden die Edlen in eine andere Welt überwechseln. Dort sollten sie von ihren Lieblingsfrauen verwöhnt, von treuen Dienern umsorgt werden. Aus diesem Grunde wurden ihnen rituell getötete Menschen zur Begleitung mit in die Gräber gegeben.

Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide
Das irdische Leben der Azteken war von ganz ähnlichen Jenseitsvorstellungen geprägt. Genauso wirklich wie das irdische Leben stellte man sich die Existenz nach dem Tode vor. In das paradiesische »Reich der Sonne am Himmel« gelangen die im Kampf getöteten Krieger, die in heiligen Ritualen Geopferten und die im Kindbett ums Leben gekommenen Frauen. In einer anderen nachirdischen Welt wartet Gott Tlaloc. Wer auf Erden etwa ertrank, der durfte danach irgendwo auf fernen Bergen über den Wolken weiterleben. Höchst unerfreulich sah freilich die Zukunft für alle übrigen Menschen aus. Sie kamen in das Unterweltreich Mictlan. Die Vorstellung von verschiedenen Totenreichen war auch bei den Germanen weit verbreitet. Walhall etwa, die »Halle der Gefallenen« war den mutigen Kriegern vorbehalten. Dieser Aufenthaltsort, auch »Gladsheim« genannt, war zugleich auch Versammlungsort der Götter, die unter dem mächtigen Dach aus Speerschäften und Schilden ihre wertvollen Throne hatten.

Jahrtausende lang war das religiöse Leben bei den »Alten Ägyptern« vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tode geprägt. Auf grausige Menschenopfer verzichtete man. Zu reichen Grabbeigaben gehörten naturgetreue, bemalte Figürchen. Sie sollten in der Welt des Jenseits den Herrschern und edlen Fürsten dienen. Das Jenseits der Ägypter war keine feingeistige Welt, sondern höchst handfest. Es galt als greifbarer Raum. Ganz oben im »Jenseits« hatte die Sonne ihren Sitz. Ganz unten hausten grässliche Krokodile und mörderische Nilpferde. Regiert wird die dunkle Seite der Jenseitswelt von Seth, dem Fürsten der Finsternis. Anno 1923 gingen Fotos um die Welt, die Howard Carter bei der Untersuchung der Mumie von Tutanchamun zeigten. Millionen interessierten sich für die Jenseitsvorstellungen der »Alten Ägypter«.

Bei den Menschen von Ur, aber auch bei den Inkas galt: Ein menschenwürdiges Leben im Jenseits dürfen nur die Vornehmsten der Vornehmen erwarten. Im Lauf der Geschichte Ägyptens vollzog sich ein Wandel. Schließlich wurde jedem Sterblichen eine ewige Seele zugebilligt, die nach dem Tod die letzte Reise vor den Thron von Osiris antreten musste. Dort warten zweiundvierzig Richter, die jede Seele aburteilen würden. Das Herz eines jeden Toten wird, daran glaubte man in Ägypten, auf die »Waage der Gerechtigkeit« gelegt. Dieses Bild vom Weiterleben der Seele findet sich auch in der persischen Religion des Zarathustra. Am vierten Tage nach dem Tode steht jeder Seele eine Bewährungsprobe bevor. Es gilt, eine Brücke in die andere Welt zu überschreiten. Rechtschaffene Menschen können sie problemlos überwinden. Ein liebreizendes junges Mädchen wartet auf der anderen Seite, als Personifizierung der guten Taten des Menschen in seinem zurückliegenden Erdendasein.

Foto 3: Auf einer mächtigen Pyramide ...

Menschen, die sich viel Böses zuschulden hatten kommen lassen, können in dieser Glaubenswelt die entscheidende Brücke nicht überqueren. Versuchen sie es trotzdem, so öffnet sie sich in der Mitte. Die böse Seele stürzt in einen Höllenschlund, ist für immer verloren. Ganz ähnlich lehrt der Koran, das heilige Buch des Islam. Wer hienieden auf Erden ein gottgefälliges Leben führt, der wird ein herrliches Paradies vorfinden, wenn er sein physisches Leben erst einmal beendet hat. Die Guten, von Allah Auserwählten, können ihre müden Glieder auf kostbaren Diwans ausruhen, sich an herrlichsten Speisen laben und werden von liebreizenden Jungfrauen, dunkeläugigen Houris, umsorgt. Vielleicht gelangten aber die »Jungfrauen« durch einen Übersetzungsfehler in den Koran. Es kann sein, dass sich der Verblichene mit Weintrauben begnügen muss. So mancher Gotteskrieger dürfte dann enttäuscht sein.  Und was wartet auf die »Bösen«? Auch die Sünder werden nach Überzeugung des Islam-Gläubigen nach dem Tode weiterleben. Aber wie! Sie sind sie dazu verdammt, in einer fürchterlichen Höllenwelt dahinzuvegetieren. Sie müssen kochendes Wasser trinken und ekelhafter Dreck dient ihnen als widerliche »Speise«.

Im Alten Griechenland gab es nicht die schlechthin gültige Doktrin vom Leben nach dem Tode. Weit verbreitet war der Glaube an eine Reise in die Unterwelt, in den Hades. Dort  vegetieren die Seelen der Verstorbenen eher schlecht als recht dahin. Dieses Reich des Gottes Hades darf aber nicht mit der jüdisch-christlichen Hölle gleichgesetzt werden. Nach der Glaubenswelt der Griechen gab es noch Tartaros, eine Hölle, und die elysischen Felder. Dort leben nur die besten, edelsten Menschen in ewig währendem Frühling. Die Anhänger der Orpheus-Sekte sahen das Jenseits als eine reale Welt an, in der die Toten leben. Ihrer Überzeugung nach bestand die theoretische Möglichkeit, aus jener jenseitigen Welt in irdische Gefilde zurückzukehren. Die christliche Vorstellung vom Leben nach dem Tode ist stark von altjüdischen Glaubenswelten bestimmt. Hölle und Paradies galten im Alten Israel keineswegs als symbolhafte Begriffe, sondern als höchst real existierende, geographische Orte auf unserer Erde.

Der Begriff der Hölle leitet sich von der biblischen »Gehenna« ab. Ursprünglich war das die Bezeichnung eines im Südwesten von Jerusalem gelegenen Tales .In jenem Ge-Henna-Tal, das ursprünglich Ge-Hinnom hieß, wurden vor Jahrtausenden Menschenopfer  dargebracht. Sie sollten den Gott Baal alias Moloch gewogen machen. Die bedauernswerten Geschöpfe wurden in speziell entwickelten Öfen bei lebendigem Leibe verbrannt. Wie viele Opfer auf diese schreckliche Weise dargebracht wurden, das kann heute nicht einmal mehr geschätzt werden. Bei Ausgrabungen im heutigen Tunis wurde ein Baal geweihter Kultplatz gefunden. 6.000 Urnen mit den verkohlten Überresten von Kindern wurden entdeckt.

Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes.

In die Hölle, Sheol genannt, kommen nach altjüdischer Überzeugung die Menschen, die kein gottgefälliges Leben geführt hatten. She’ol wurde als eine unterirdische Höhle angesehen, wo die »bösen Seelen« in vollkommener Dunkelheit ein jämmerliches Dasein fristen müssen. Die Welten des Diesseits und des Jenseits existieren in der altjüdischen Glaubenslehre, aus der sich das Christentum entwickelte, nebeneinander her. Es besteht die theoretische Möglichkeit, zwischen beiden Reichen zu reisen. Nach dem Buch Hiob verkehren Gott und Teufel fast kollegial miteinander. Schon im »Alten Griechenland« entstand, etwa von Pythagoras gelehrt, der Glaube von der Seelenwanderung. Nach dem physischen Tod löst sich die Seele vom Leib und ist gezwungen, in einem neuen Körper auf die Erde zurückzukehren. Im Hinduismus, etwa in Indien, gilt ebenfalls das Prinzip Wiedergeburt. Jede Seele durchläuft zahlreiche Wiederkehren auf Erden - mit dem Ziel freilich, dereinst mit dem Göttlichen eins zu werden. Aber auch der Hinduismus kennt so etwas wie Höllenwelten, eiskalte oder siedend heiße Gefilde, und himmlische Sphären der Glückseligkeit. Zwischen zwei Wiedergeburten diesen diese so ganz unterschiedlichen Welten den Seelen als Aufenthaltsorte.

Homers »Ilias« und die »Odyssee« zeichnen folgendes Bild von der Welt nach dem Tode. Die Seelen der Verstorbenen gehen in ein Schattenreich ein, in die »Gefilde der Lethe«. So erfreulich ist der Aufenthalt in jener anderen Welt nicht, zumindest nicht aus der Sicht des Menschen unserer Tage. Jeder einzelne Mensch verliert im »Haus der Lethe« seine Individualität, so er nicht in die Geheimnisse des Jenseits eingeweiht ist. Nach seinem Tode findet sich der Verstorbene am Tor zur Anderswelt. Peinigender Durst quält ihn. Da ist es mehr als verlockend, aus der munter plätschernden Quelle der Lethe zu trinken. Die meisten tun dies gierig und verlieren jegliche Erinnerung. Ihr Gedächtnis wird ausgetilgt. Der Eingeweihte freilich verschmäht diesen Trunk. Er weiß, dass es eine zweite, allerdings versteckte und schwer zu findende Quelle gibt. Sie hat ihren Ursprung im Teich der Mnemosyne. Sie ist die Nebengöttin der »Großen Mutter«. Trinkt man von ihrem Wasser, so werden nur die hässlichen, schmerzhaften Erinnerungen ausgetilgt.

Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy

In jenes bessere Jenseits gelangt nicht jeder Verstorbene, sondern nur, wer sich dank eines Goldplättchens mit geheimen Inschriften als »Sohn der Erde und des Himmels, wie die Götter selbst« ausweisen kann. Glücklich ist, wer dieses Privileg genießt. Sterben bedeutet dann nicht Versinken im Vergessen und Eingehen in ein erinnerungsloses Nichts. Tod ist dann Erlösung von bedrückenden negativen Erfahrungen und der Übergang in ein neues Leben. Es ist sogar die Rückkehr auf die Erde, in die Welt der Lebenden, möglich. Dr. Friedrich W. Doucet (2) setzte sich intensiv mit den ältesten Jenseitsvorstellungen auseinander. Er entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Jenseitsmodellen des Pythagoras und der Alten Inder. Was vordergründig primitiv-naiv anmuten mag, wird als bildliche Umschreibung eines höchst modernen Verständnisses erkennbar. Dr. Friedrich W. Doucet: »Die Welt ist eine Einheit, eine Ganzheit des Lebens, die Kosmos, Mensch und Erde umfasst. Das Seelische ist eine Art Energiefeld, das alles durchdringt und belebt, die tote Materie ebenso wie Pflanze, Tier und Mensch. Demnach bilden auch Körper und Seele des Menschen als Organismus eine Einheit, die als Teil mit dem Ganzen verbunden ist - durch unsichtbare oder übersinnliche Kanäle. Gestaltet, geformt und gesteuert wird dieses Ganze, die Welt, von einer kosmischen Allbewusstheit, die alles verbindet und an der alles Anteil hat. Die materielle Welt in diesem Ganzen, dem Universum, ist nur eine sichtbare Erscheinung kosmisch gestalteter Form und formgestalteter Energie.«


Je komplexer die Glaubenswelt vom Jenseits in bildhaften Darstellungen gezeichnet wird, desto deutlicher wird die Vorstellung von der Wiedergeburt eingebaut: Alles Leben ist Energie. Jeder Mensch ist wie jede Pflanze und jedes Tier Teil dieser Energie. Stirbt ein Mensch, dann geht er im Idealfall wieder in diesen Ursprung zurück. Oder er muss erneut ins reale Leben der individuellen, physischen Art zurückkehren. Diese Erkenntnis soll auch dem Königssohn Siddharta, dem Gründer des Buddhismus, offenbart worden sein - in einem Traum. Das macht eine Aussage Siddhartas mehr als deutlich: »Ich sah, als ich eines Tages meditierend im Schatten eines Feigenbaumes saß mit himmlischer, klarer, übermenschlicher Einsicht, wie die lebenden Wesen vergehen und wieder entstehen. Ich wurde mir der Erlösung bewusst und erkannte, dass der Kreislauf der Geburten sich für mich erschöpft hatte. Das Ziel des heiligen Wandels, sprach ich zu mir, ist erreicht, getan ist, was zu tun war; nicht werde ich in neuer Geburt zu dieser Welt zurückkehren.« (3)

Foto 6: Signatur Prof. Bellamy

Atman ist nach der indischen Weltsicht die persönliche Seele eines jeden menschlichen  Wesen. Atman strebt zum Brahman, zur Weltseeele. Leben ist ein ständiger Kreislauf: Das Individuum stirbt, wird wiedergeboren. Die ewige Seele des Einzelnen bleibt am Leben, auch wenn der Mensch stirbt. Die Seele sucht sich dann einen neuen Körper, eine neue Reinkarnation. Das jüdisch-christlich-muslimische Denken der religiösen Art ist reichlich materialistisch. Das religiöse »Denken« des Islam ist reichlich sexistisch. Oder wie soll man die Erwartung des männlichen Moslem bezeichnen, nach dem Tode von Jungfrauen beglückt zu werden? Für den Inder ist Wiedergeburt in die reale irdische Welt Strafe und Chance. Sie ist Strafe, weil er für böses Tun im früheren Leben bezahlen, sprich leiden muss. Sie ist Chance, weil so alte Sünden abgearbeitet werden können und der Übergang ins göttliche Nichts möglich wird.

Prof. Hans Schindler Bellamy (*1901; †1982), Wien: »Man muss also konstatieren, dass es in allen großen Religionen den festen Glauben an ein Leben nach dem Tode gibt. Die Vorstellungswelten alter Weltkulturen haben ein entscheidendes gemeinsames Merkmal. Die Toten leben in einer anderen Welt weiter. Sie haben letztlich stets die Möglichkeit, aus ihrer jenseitigen Welt in unsere diesseitige Welt vorzudringen. Diese Überzeugung reicht bis in unsere Tage hinein. Der Brauch, Gräber mit schweren Steinen abzudecken ist ein deutlicher Hinweis auf diese Überzeugung. Es sollte auf diese Weise verhindert werden, dass Jenseitige, im Jenseits lebende Tote in die Welt der Lebenden zurückkehren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden wissenschaftliche Versuche unternommen, Kontakt mit diesen Jenseitigen aufzunehmen. Man hielt auch in Kreisen der Wissenschaft ein Wiederauftauchen von Totengeistern in unserer Welt des Diesseits für möglich.«

Fußnoten
1) Langbein, Walter-Jörg: »Persönliche Aufzeichnungen während des Studiums der evangelischen Theologie«, Erlangen, Sommersemester 1977
2) Doucet, Friedrich W.: »Forschungsprojekt Seele«, München 1971
3) Doucet, Friedrich W.: »Die Toten leben unter uns«, Wien 1979

Zu den Fotos
Foto 1:  Pieter Bruegel d. Ältere: Der Turm zu Babel. Foto gemeinfrei
Foto 2: Palenque, Tempel auf Pyramide. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Hoch oben auf einer mächtigen Pyramide ... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: ... thront der Tempel des Laubenkreuzes. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Widmung Prof. Hans Schindler Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Signatur Prof. Bellamy. Foto Walter-Jörg Langbein

491 » Das Geheimnis der kopflosen Gestalten«,
Teil 491 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 16. Juni 2019


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Sonntag, 9. Oktober 2016

351 »Apocalypse Wow«

Teil  351 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter
Zu den großen Filmklassikern überhaupt zählt ohne Zweifel »Apocalypse Now« von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1979. Der beeindruckende und bedrückende Antikriegsfilm spielt in Vietnam. In Anspielung auf Coppolas filmisches Meisterwerk mit Marlon Brando in der Hauptrolle titelte die »Süddeutsche Zeitung« im Frühjahr 2016 (1) mit einer sensationellen Meldung: »Apokalypse Wow«. Und neben dem beeindruckenden Foto einer rot glühenden Sonnen lesen wir: »Bilder aus der Zukunft: In sechs Milliarden Jahren wird die Sonne spektakulär sterben. Bis dahin muss die Menschheit eine neue Heimat finden. Aber wo?«

Auf meiner Reise durch Indien lernte ich die uralte Philosophie des Landes kennen. Ähnlich wie die Mayas gingen die »alten Inder« von einem zyklischen Weltbild aus, von einem steten Werden, Leben und Zerfall. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Ein Schriftkundiger erklärte mir am Tempel von Tanjore (2): »Die Geschichte der Menschheit verläuft auf unserem Heimatplaneten in Zyklen. Auf die Zerstörung folgen Wiederaufbau, Leben und Gedeihen und erneute Zerstörung.«

So ist  Göttin Kali (zu Deutsch etwa »Die Schwarze«) im Hinduismus einerseits die Gottheit des Todes und der Zerstörung, andererseits aber auch der Erneuerung. Ganz ähnlich dachten die Maya, die – wie die alten Inder – in Sachen Erde und Kosmos in Zyklen von bis zu Jahrmilliarden rechneten. Eine »Menschheit« blüht auf, gedeiht um in einer Apokalypse wieder unterzugehen, gefolgt vom Aufblühen einer neuen Menschheit. Die Kataklysmen der Maya werden in der Mythologie recht plastisch-drastisch geschildert. Eine Epoche endete in einem Feuer- und Asche-Regen. Eine Zeit der Finsternis folgte, und doch  hatten die himmlischen Götter schon den Keim neuen Lebens gesät.

Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore
Auch unsere Sonne sei, so erfuhr ich am Tempel von Tanjore, Zyklen unterworfen, sie pulsiere – und werde eines Tages explodieren, sich ausdehnen und dann wieder in sich zusammenbrechen.

Das von der »Süddeutschen Zeitung« prognostizierte Ende der Sonne und damit der Erde ist alles andere als unfundierte Horrorspekulation. So wird sich unsere »liebe Sonne« im Alter von etwa 11,7 bis 12,3 Milliarden Jahren so weit aufblähen, dass sie die Planeten Merkur und Venus verschlingt. Die Erde wird sich in eine wahre Höllenwelt verwandeln. Die Meere verdampfen, die heute noch feste Erdkruste wird zu einem einzigen zähflüssigen Lava-Brei werden. Da die Sonne bereits etwa 4,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat, wird sich das beschriebene Ende der Welt in etwa sieben Jahrmilliarden abspielen. Selbst die Jüngsten unter uns werden das wohl nicht erleben, ich mit meinen 62 Jahren schon gar nicht. Ob freilich die Menschheit wirklich ausreichend Zeit haben wird? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, sie wird längst ausgelöscht sein, wenn die Erde sterben wird. Sie wird sich wohl sehr viel früher selbst vernichtet haben!
Schon im nicht mehr ganz so zarten Alter von 5,5 Jahrmilliarden wird die Weiterentwicklung unseres Zentralgestirns dazu führen, dass die mittlere Temperatur auf der Erde 30 Grad Celsius überschreitet. Da wird es schon recht kritisch für »höhere Lebewesen«. Das wird also »schon« in einer Jahrmilliarde geschehen.

Foto3: Die Mayas glaubten....
In zwei Milliarden Jahren wird eine mittlere Temperatur auf Erden von 100 Grad erreicht werden. Mit anderen Worten: »Schon« in zwei Milliarden Jahren wird alles Leben auf der Erde verlöschen. Selbst jenen Krebsen, die heute ganz in der Nähe von Tiefseevulkanen leben, dürfte dann das letzte Stündlein geschlagen haben. Und die halten wahrhaft höllische Temperaturen aus!
Hermann Oberth (1894-1989)  im Gespräch zu mir (3): »Die Erde ist die Kinderkrippe der Menschheit. Kinder wachsen heran und verlassen irgendwann die Krippe und erkunden die Welt!« Ich fragte zurück: »Meinen Sie, dass wir Menschen einmal unsere Erde verlassen werden?«

Prof. Oberth bejahte. »Die Menschheit kann entweder irgendwann auf der Erde umkommen, oder sie versucht, ins Weltall vorzudringen und dort zu überleben. Ein Überleben auf der Erde für ewige Zeiten wird es nicht geben!«

Andrian Kreyer wiederholt in der »Süddeutschen Zeitung« (4) in der Rubrik »Wissen« zunächst die Schlagzeilen von Seite 1: »In sechs Milliarden Jahren wir die Sonne sterben, spätestens bis dann muss die Menschheit eine neue Heimat gefunden haben.« Dann folgt ein Hinweis auf so eine »Ersatzwelt«, die freilich alles andere als paradiesisch-verlockend anmutet: »Exoplanet HD 189733b etwa ist 63 Lichtjahre entfernt und blau wie die Erde. Das Problem: Die Tagestemperaturen dort liegen bei 900 Grad Celsius, die Windgeschwindigkeiten erreichen 9.000 Kilometer pro Stunde, und es regnet Glas.«

Foto 4: ... an Zeitzyklen.

»Werden wir Menschen ins All Reisen und fremde Planeten in fremden Sonnensystemen besiedeln?«,wollte ich von Prof. Oberth wissen. Der sympathische Gelehrte, den ich erstmals als Schüler im Alter von etwa zehn Jahren besuchte, lächelte milde: »Ganz so wie in Zukunftsromanen beschrieben wird das nicht ablaufen! Die Distanzen zu den Sternen sind riesig. Auf Science-Fiction geht auch Andrian Kreyer in seinem lesenswerten Artikel ein (5): »Der Mythos vom Auszug aus der Erde wird schon längst in Hollywood-Filmen wie ›Interstellar‹ und ›The Martina‹ gepflegt. Auch wenn erst das Kepler-Weltraumteleskop der NASA, das 2009 startete, die Suche so richtig voranbrachte.«

Foto 5: Autor Langbein  in Palenque
Wer hätte das gedacht: Vor einem halben Jahrhundert spekulierte man, wie viele Sterne – also fremde Sonnen – wohl von Planeten umkreist würden. Heute vermeldet der Astronom Jason Wright (6) »1642 bestätigte und 3786 unbestätigte Planeten«. Andrian Kreyer spricht von 5428 Hoffnungsmomenten, »dass das Leben da draußen ja irgendwie weitergehen könnte«. Nun ist aber Exoplanet HD 189733b etwa 63 Lichtjahre entfernt. Er eignet sich also nicht als neue »Wohnung« für die Menschheit, in die man einfach umziehen könnte. Ist damit Projekt »Erd-Exodus« schon gescheitert, bevor es überhaupt richtig angedacht werden konnte? Die Antwort findet sich beim »Vater der Weltraumfahrt«. Hermann Oberth schrieb bereits im Jahre 1954 in seinem Werk »Menschen im Weltraum« (7):

»Da Monde und Planeten relativ unwirtlich sind, liegt der Gedanke an künstliche Wohnstätten der Menschen im Weltraum nahe. … Nun geht es um die Ansiedlung von Menschen im Weltraum selbst.« Mit anderen Worten: Ein »Exodus ins All« ist natürlich auch dann möglich, wenn der nächste Planet nach heutigen Vorstellungen unerreichbar weit entfernt ist. Auch und gerade hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Wenn es das »Ziel« sein sollte, irgendwann in fernster Zukunft einen fernen fremden Planeten zu erreichen, dann ist schon die Reise dorthin die einzige Chance der Menschheit. Bevor Planet Erde zur tödlichen Falle wird, kann es nur eine Flucht ins All geben. Hermann Oberth: »Unsere Erde wird noch viele Jahrhunderte lang Raum genug für die Menschen haben. … Doch die Menschheit wird nicht auf diese Erde beschränkt bleiben.«

Als Raumfahrtexperte begnügte sich Prof. Hermann Oberth nicht mit vagen Spekulationen. Vielmehr legte er bereits 1954 präzise Projekte vor, betitelt »Siedlungen im Weltraum« (8). Nach Prof. Oberths konkreten Visionen werden riesige Wohnräder in die Tiefen des Alls vordringen. Diese Weltraumhabitate drehen sich um die eigene Achse, so dass ihre Bewohner nicht in der Schwerelosigkeit schweben, sondern gewohnte irdische Verhältnisse genießen können. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Prof. Oberths »Wohnwalzen«. Noch einmal Oberth (9): »Unter einer Wohnwalze hat man sich einen Zylinder von beliebiger Länge vorzustellen, der einen Durchmesser von acht Kilometern hat. Er kann zehn Kilometer lang sein, aber auch hundert oder tausend.« Heute noch utopisch anmutende, aber keineswegs unrealistische Konzepte sehen Weltraumstädte mit Millionen von Menschen vor (10):

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth

»Dr. Thomas Heppenheim, Luftfahrtingenieur am ›California Institute of Technology‹, schilderte das Leben in der Raumstation im November 1975 so: ›Das Leben in der geplanten Weltraumstadt wird nicht nur angenehmer sein als auf der Erde, sondern die Menschen werden dort alles haben, was für größtes Wachstum notwendig ist. Keine Ernte wird fehlschlagen. Die ersten 10.000 Menschen werden in Terrassenapartments mit modernstem Wohnkomfort leben. Von den Fenstern aus blicken sie auf gewölbte Erntefelder und überschauen grüne Parks. Das Leben wird angenehm und sonnig sein.‹

Die zweite Weltraumstadt könnte dann schon ganz andere Ausmaße haben. Prof. Gerard Kitchen O’Neill (1927-1992) lehrte an der ›Princeton University‹, publizierte seine fundierten Visionen in einem Buch ›Unsere Zukunft im Raum/  Energiegewinnung und Siedlung im Weltraum‹ (11).

Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen

Für den Physiker O’Neill, Inhaber wichtiger Patente, ist eine Besiedlung des Universums von der Erde aus keine unsinnige Science-Fiction-Illusion, sondern realistisch, finanzierbar und auch machbar. Der Wissenschaftler entwickelte mehrere Modelle von Weltraumstädten in Röhrenform. Die größeren (Länge etwa 30 km, Durchmesser 6 km) bieten 10.000.000 (zehn Millionen!) Menschen Lebensraum. Schon in absehbarer Zukunft könnte – so postulierte Prof. O’Neill – ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Weltraumstädten leben.«

Prof. Gerard Kitchen O’Neills erste Veröffentlichung erschien endlich September 1974 in »Physics Today«. Vier Jahre lang war der wissenschaftlich fundierte Aufsatz von Fachzeitschriften wie »Science« und »Scientific American« abgelehnt worden. Er hieß »The Colonization of Space« (zu Deutsch etwa »Die Kolonisation des Weltraums«). Genauso war es Prof. Hermann Oberth mit seiner ersten Arbeit zur Raumfahrt ein halbes Jahrhundert zuvor ergangen. Aber kühn erscheinende wissenschaftliche Projekte setzen sich letztlich immer durch, stets gegen den Widerstand der etablierten Schulwissenschaft.

Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860

Und so können wir Menschen von Planet Erde nachts sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel blicken. Die Milchstraße lockt uns heute, so wie einst Ozeane unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. Die Ozeane mögen einst als unüberwindbar angesehen worden sein. Sie wurden aber – vielleicht sehr viel früher als die Schulwissenschaft meint – überquert. Wenn wir Menschen uns nicht gegenseitig ausrotten, werden wir den Weg ins All antreten. Davon bin ich überzeugt!

Und was ich mich nicht erst seit meiner Indienreise frage? Kamen die Götter der alten Inder aus dem All, waren ihre Vimanas nichts anderes als Raumschiffe? In altindischer Dichtung wie dem Rig Veda wimmelt es nur so von Hinweisen auf eine phantastische Vergangenheit! Und die alten Tempel stellen Vimanas dar, die Flugvehikel der Götter aus dem All!

Fußnoten
1) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Titelseite, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
2) Nach meinen handschriftlichen Notizen formuliert.
3) Basierend auf meinen handschriftlichen Aufzeichnungen.
4) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Seite 38, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
5) ebenda
6) ebenda
7) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum«, Düsseldorf und Wien 1954, Seite 194
8) ebenda, Seite 187
9) ebenda, Seiten 194-199
10) Langbein, Walter-Jörg Vortragsmanuskript »Unsere Zukunft liegt im All«, »A.A.S. One Day Meeting«,  Magdeburg 24.10.2009
11) O'Neill, Gerard K.: »Unsere Zukunft im Raum«, Bern und Stuttgart 1978

Foto 9: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Stahlstich, etwa 1850

 Zu den Fotos

Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter. wiki commons gemeinfrei Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore. Foto Walter-Jörg Langbein Foto 3: Die Mayas glaubten.... Foto Walter-Jörg Langbein Foto 4: ... an Zeitzyklen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto5: Autor Langbein auf den Spuren der Mayas in Palenque.Foto Ingeborg Diekmann 
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth. Foto: privat 
Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen
Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860. Archiv
Walter-Jörg Langbein.


»352 Kröte, Löwe, Dämonen«,
Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.10.2016


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Sonntag, 1. Mai 2016

328 »Vom Nabel der Welt ins All«

Teil 328 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Fotos 1 und 2: Weltenbaum der Maya

Zum ersten Mal begegnete ich dem mysteriösen Objekt im Jahr 1978. Ein Geistlicher zeigte mir einen kuriosen Gegenstand: Das Ding war etwa dreißig Zentimeter lang und aus sehr dunklem, offenbar sehr hartem Holz geschnitzt. Es war lang und schmal, lief nach unten spitz zu. An den drei abgeflachten Seiten der ›Spitze‹ waren geometrische Figuren zu erkennen, die mich an Schlangen erinnerten. Diese Spitze machte ungefähr eine Hälfte des Fundobjekts aus. Die obere Hälfte bestand aus dem sorgfältig geschnitzten Oberkörper eines menschlichen Wesens, offenbar eines Mannes. Wann genau es zu dem merkwürdigen Fund kam? Nach Angaben des Geistlichen machte er seine Entdeckung 1968.

Foto 3: Ein »Phurba«
Der Geistliche hatte das hölzerne Objekt bei nicht genehmigten Grabungen in seiner kleinen Kirche unter dem Mittelgang gefunden. Der Priester hat offenbar systematisch Steine aus dem Fußboden des Gotteshauses gelockert, entfernt und darunter gegraben. Hat er sich damals – also vor mehr als vierzig Jahren – »nur« der Sachbeschädigung schuldig gemacht? Oder lagen gar Akte der Kirchenschändung vor? Wichtig ist, dass der Pfarrer sachkundig alles wieder in Ordnung brachte, so dass keinerlei Spuren einer Beschädigung erkennbar waren. Ja zu Beschädigungen sei es gar nicht gekommen, weil nur Steine gelockert, gelöst, herausgenommen und später wieder eingesetzt worden seien. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen wurde der Fund nie gemeldet. 

Inzwischen ist der Geistliche verstorben. Was aus dem merkwürdigen »Ding« wurde? Ich weiß es nicht. Wie kam das eigenartige Gebilde unter den Fußboden des Gotteshauses? Es ähnelte auf das Verblüffendste einem »Phurba« aus Tibet! In meiner kleinen Sammlung sakraler Objekte befindet sich ein solcher »Phurba«, aus Holz geschnitzt. Das 23 Zentimeter lange und bis zu fünf Zentimeter breite kleine alte Kunstwerk wurde, wie man mir mitgeteilt hat, in Nepal gefertigt. Mit so einem Dolch hat alter Mythologie zufolge Gott Vajrakila (auch Vajrakumara genannt) Dämonen und Geister gebannt.

Ursprünglich war der »Phurba« wohl von profaner Natur und diente als Hering der Verankerung und Sicherung von Zelten. Im sakralen Bereich markierte man mit einer geweihten Phurba heilige Stätten, etwa Plätze für einen Tempel. Und schließlich gilt er auch als die  »Achse der Welt«.

Die Weltachse, im Latein des Christentums »axis mundi« genannt, ist fester Bestandteil des Menschheitserbes. Im Christentum sah man den Kreuzigungshügel von Golgatha bei Jerusalem als Mittelpunkt der Welt an. Auf diesem »Nabel der Welt« stand wie ein heidnischer »Weltenbaum« das Kreuz Christi. In der Tat gab es den »Nabel der Welt« schon Jahrtausende vor dem Christentum.

Foto 4: Wohin reiste der Mann von Palenque?

Im »Mithras-Kult« stand im »Nabel der Welt« eine hohe Leiter, die Terra mit den acht Himmeln verbunden hat. Auch die Maya wussten von einer solchen Verbindung zwischen Erde und Himmel. Die Weltachse – etwa von Palenque – führte in den Himmel. Was verstanden die Maya unter »Himmel«. Verstanden sie darunter ein jenseitiges Reich der Verstorbenen? Oder glaubten sie in weiter zurückliegenden Zeiten an Götter, die tatsächlich leibhaftig in den Himmel empor steigen konnten? Wohin reiste also der Mann von Palenque? Ins All? Ins Totenreich? In den Himmel?

In diesem Zusammenhang denken wir natürlich an die Grabplatte von Palenque unter dem Tempel der Inschriften, an die fantastische Darstellung, die 1968 das Cover von Erich von Dänikens »Erinnerungen an die Zukunft« zierte. Nach wie vor wird gestritten und diskutiert. Steigt da eine Seele empor in den Himmel? Oder fällt der Verblichene hinab ins Totenreich? Oder sehen wir – und diese Sichtweise drängt sich uns auf – einen Astronauten im Raumanzug?

Foto 5 : Ceiba-Baum, Tikal
Vergessen wir nicht die Hopi-Indianer. Auch sie verehrten die »Weltachse«. Sie führte aus eine unterirdischen Höhle empor in den Himmel. Die Katchinas pendelten zwischen Himmel und Erde . Ganz ähnlich, nur konkreter, war die Mythologie der Maya. Die Maya von Yucatán verstanden einen Ceibabaum (Kapokbaum) als Weltachse. Seine Wurzeln im Unterirdischen versinnbildlichten die Unterwelt, sein mächtiger Stamm die Welt der Lebenden und seine Krone den Himmel. Diese Interpretation, das will ich betonen, habe ich nirgendwo in der Literatur gefunden!

Ist es nicht sehr interessant, dass in manchen Überlieferungen der »Nabel der Welt«, also das »Zentrum der Welt« exakt dort festgemacht wird, wo die Verbindung zwischen Himmel und Erde besteht? Sollte auf diese Weise die immense Bedeutung der Orte hervorgehoben werden, wo die Himmlischen vom Himmel herab zur Erde kamen und wo sie wieder gen Himmel auffuhren?

Auch auf der Osterinsel gab es einen »Nabel der Welt«, der durch ein steinernes Ei gekennzeichnet wurde. Auch wenn es meines Wissens nach auf der Osterinsel keine Überlieferung von einer »Weltachse« gab, so waren den Osterinsulaner sehr wohl fliegende Götter bekannt. Deren prominentester Vertreter war der geradezu legendäre Make-Make, der ja den ersten Bewohner vom Atlantis der Südsee zur Osterinsel geflogen haben soll, als seine Heimat in den Fluten des Meeres versank. 

Foto 6 : Riese aus Stein
Die Vergangenheit der Osterinsel ist nebulös und mythenumrankt. Die neuere, jüngere Vergangenheit dieses herrlichen Eilands ist zwar weitestgehend bekannt, wird aber nach wie vor gern verdrängt. Ob das daran liegt, dass den Menschen von »Rapa Nui« bis weit ins 20. Jahrhundert hinein entsetzliches Leid zugefügt wurde? Wiederholt wurde das kleine Inselchen überfallen, wurden vor allem Männer in die Sklaverei verschleppt. In der Fremde kamen die meisten der Entführten ums Leben. Sie starben an Erschöpfung, fielen Krankheiten zum Opfer. Als schließlich die letzten Überlebenden in die Heimat zurückkehren durften, brachten sie Krankheiten mit, so dass fast die gesamte Bevölkerung dahingerafft wurde.

So ist es nur zu verständlich, dass die Einheimischen den Erforschern der alten Geschichte der Osterinsel mit Misstrauen begegneten. Von Fremden hatten die Vorfahren nie Gutes erfahren. Sollte man den Nachkommen der Peiniger von einst die geheimen Überlieferungen aus uralten Zeiten offenbaren? Die Entzifferung der Osterinselschrift wurde keinem der Fremden anvertraut. Und wie sieht es mit den heiligen Überlieferungen aus?

Bei meinem ersten Besuch auf der Osterinsel im Oktober 1992 erzählte mir weit nach Mitternacht der
Foto 7 : Make-Make, fliegender Gott der Osterinsel
»Chef« meiner kleinen Pension, dass die berühmten Osterinselkolosse auch so etwas wie »Weltachsen« seien und Unterwelt und Himmel miteinander verbänden. Die Unterwelt werde durch Kammern in den Sockeln dargestellt, auch durch Gräber. Was die meisten Besucher der Insel nicht wissen: Es gab einst eine Verbindung zwischen Bestattungen von Menschen und den Plattformen, die als Fundamente für die Statuen dienten. Mag sein, dass direkt unter diesen Plattformen einst besonders würdige Insulaner bestattet wurden. Fest steht, dass es in unmittelbarer Nähe der Plattformen Gräber gab.

Die hohe Statue stehe für die Welt der Lebenden, aber auch für die Verbindung zwischen Erde und Himmel. Und die roten Zylinder auf den Häuptern der Osterinselkolosse symbolisierten den Himmel. In der Literatur fand ich allerdings eine derartige Interpretation der Osterinselriesen nicht.

Fotos 8 und 9 : Zwei »Weltachsen«: Maibaum und auf der Grabplatte von Palenque

Auch in unseren Gefilden gibt es Brauchtum, das nach wie vor gepflegt wird. Es hat seinen Ursprung in der »heidnischen« Weltachse. Und die wird auch heute noch, besonders im ländlichen Bereich des Freistaats Bayern aufgerichtet. Man nennt sie im Volksmund – Maibaum. Über den Ursprung des Maibaums kann man nur spekulieren. Geht der Brauch auf germanische Baum-Rituale zurück? Ist der heutige Maibaum vage Erinnerung an die von den Germanen in Wäldern verehrten Götter? Oder liegt der Ursprung des christlichen Brauchs des Maibaum-Aufstellens sehr viel weiter zurück in der Vergangenheit? Hat man Stein durch Holz ersetzt? Richtet man heute Maibäume auf, so wie man vor Jahrtausenden mit sehr viel größerem Aufwand gewaltige Menhire in die Senkrechte brachte?

Vor Jahrtausenden wurden riesige Steinmonolithen bewegt, transportiert und mühsam platziert. Warum? Zu welchem Zweck?


Foto 10 : Die Katchinas pendelten zwischen Himmel und Erde

Literatur zum Thema Osterinsel


Heyerdahl, Thor: »Aku-Aku/ Das Geheimnis der Osterinsel«, Berlin 1972
Lee, Georgia: »The Rock Art of Easter Island/ Symbols of Power, Prayers to the Gods«, Los Angeles 1992
Foto 11: »Phurba«
Machowski, Jacek: »Insel der Geheimnisse/ Die Entdeckung und Erforschung der Osterinsel«, Leipzig 1968
Mann, Peggy: »Land of  Mysteries«, New York 1976
Mazière, Francis: »Insel des Schweigens/ Das Schicksal der Osterinsel«, Frankfurt 1966
Métraux, Alfred: »Ethnology of Easter Island«, Honolulu, Hawaii, 1971
Orliac, Catherine und Michel: »Mysteries of  Easterisland«, London 1995

Zu den Fotos:
Fotos 1 und 2: Weltenbaum der Maya. In Foto 2 (rechts) habe ich den Weltenbaum markiert. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Ein »Phurba«.  Foto 3 zeigt den gleichen »Phurba« wie Foto 11, aus anderer Blickrichtung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Wohin reiste der Mann von Palenque? Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5 : Ceiba-Baum, Tikal. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6 : Riese aus Stein. Im Bild: Statue, Hund, Autor Langbein. Foto privat
Foto 7: Make-Make, fliegender Gott der Osterinsel. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 8 und 9 : Zwei »Weltachsen«: Maibaum und auf der Grabplatte von Palenque. Foto 8: Heidi Stahl. Foto 9: Walter-Jörg Langbein
Foto 10 : Die Katchinas pendelten zwischen Himmel und Erde. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: »Phurba«. Foto 11 zeigt den gleichen »Phurba« wie Foto 3, aus anderer Blickrichtung. Foto Walter-Jörg Langbein

329 »Gesar, der Göttliche mit Menschenhaut«,
Teil 329 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 08.05.2016

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