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Sonntag, 9. Oktober 2016

351 »Apocalypse Wow«

Teil  351 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter
Zu den großen Filmklassikern überhaupt zählt ohne Zweifel »Apocalypse Now« von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1979. Der beeindruckende und bedrückende Antikriegsfilm spielt in Vietnam. In Anspielung auf Coppolas filmisches Meisterwerk mit Marlon Brando in der Hauptrolle titelte die »Süddeutsche Zeitung« im Frühjahr 2016 (1) mit einer sensationellen Meldung: »Apokalypse Wow«. Und neben dem beeindruckenden Foto einer rot glühenden Sonnen lesen wir: »Bilder aus der Zukunft: In sechs Milliarden Jahren wird die Sonne spektakulär sterben. Bis dahin muss die Menschheit eine neue Heimat finden. Aber wo?«

Auf meiner Reise durch Indien lernte ich die uralte Philosophie des Landes kennen. Ähnlich wie die Mayas gingen die »alten Inder« von einem zyklischen Weltbild aus, von einem steten Werden, Leben und Zerfall. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Ein Schriftkundiger erklärte mir am Tempel von Tanjore (2): »Die Geschichte der Menschheit verläuft auf unserem Heimatplaneten in Zyklen. Auf die Zerstörung folgen Wiederaufbau, Leben und Gedeihen und erneute Zerstörung.«

So ist  Göttin Kali (zu Deutsch etwa »Die Schwarze«) im Hinduismus einerseits die Gottheit des Todes und der Zerstörung, andererseits aber auch der Erneuerung. Ganz ähnlich dachten die Maya, die – wie die alten Inder – in Sachen Erde und Kosmos in Zyklen von bis zu Jahrmilliarden rechneten. Eine »Menschheit« blüht auf, gedeiht um in einer Apokalypse wieder unterzugehen, gefolgt vom Aufblühen einer neuen Menschheit. Die Kataklysmen der Maya werden in der Mythologie recht plastisch-drastisch geschildert. Eine Epoche endete in einem Feuer- und Asche-Regen. Eine Zeit der Finsternis folgte, und doch  hatten die himmlischen Götter schon den Keim neuen Lebens gesät.

Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore
Auch unsere Sonne sei, so erfuhr ich am Tempel von Tanjore, Zyklen unterworfen, sie pulsiere – und werde eines Tages explodieren, sich ausdehnen und dann wieder in sich zusammenbrechen.

Das von der »Süddeutschen Zeitung« prognostizierte Ende der Sonne und damit der Erde ist alles andere als unfundierte Horrorspekulation. So wird sich unsere »liebe Sonne« im Alter von etwa 11,7 bis 12,3 Milliarden Jahren so weit aufblähen, dass sie die Planeten Merkur und Venus verschlingt. Die Erde wird sich in eine wahre Höllenwelt verwandeln. Die Meere verdampfen, die heute noch feste Erdkruste wird zu einem einzigen zähflüssigen Lava-Brei werden. Da die Sonne bereits etwa 4,5 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat, wird sich das beschriebene Ende der Welt in etwa sieben Jahrmilliarden abspielen. Selbst die Jüngsten unter uns werden das wohl nicht erleben, ich mit meinen 62 Jahren schon gar nicht. Ob freilich die Menschheit wirklich ausreichend Zeit haben wird? Ich weiß es nicht. Ich fürchte, sie wird längst ausgelöscht sein, wenn die Erde sterben wird. Sie wird sich wohl sehr viel früher selbst vernichtet haben!
Schon im nicht mehr ganz so zarten Alter von 5,5 Jahrmilliarden wird die Weiterentwicklung unseres Zentralgestirns dazu führen, dass die mittlere Temperatur auf der Erde 30 Grad Celsius überschreitet. Da wird es schon recht kritisch für »höhere Lebewesen«. Das wird also »schon« in einer Jahrmilliarde geschehen.

Foto3: Die Mayas glaubten....
In zwei Milliarden Jahren wird eine mittlere Temperatur auf Erden von 100 Grad erreicht werden. Mit anderen Worten: »Schon« in zwei Milliarden Jahren wird alles Leben auf der Erde verlöschen. Selbst jenen Krebsen, die heute ganz in der Nähe von Tiefseevulkanen leben, dürfte dann das letzte Stündlein geschlagen haben. Und die halten wahrhaft höllische Temperaturen aus!
Hermann Oberth (1894-1989)  im Gespräch zu mir (3): »Die Erde ist die Kinderkrippe der Menschheit. Kinder wachsen heran und verlassen irgendwann die Krippe und erkunden die Welt!« Ich fragte zurück: »Meinen Sie, dass wir Menschen einmal unsere Erde verlassen werden?«

Prof. Oberth bejahte. »Die Menschheit kann entweder irgendwann auf der Erde umkommen, oder sie versucht, ins Weltall vorzudringen und dort zu überleben. Ein Überleben auf der Erde für ewige Zeiten wird es nicht geben!«

Andrian Kreyer wiederholt in der »Süddeutschen Zeitung« (4) in der Rubrik »Wissen« zunächst die Schlagzeilen von Seite 1: »In sechs Milliarden Jahren wir die Sonne sterben, spätestens bis dann muss die Menschheit eine neue Heimat gefunden haben.« Dann folgt ein Hinweis auf so eine »Ersatzwelt«, die freilich alles andere als paradiesisch-verlockend anmutet: »Exoplanet HD 189733b etwa ist 63 Lichtjahre entfernt und blau wie die Erde. Das Problem: Die Tagestemperaturen dort liegen bei 900 Grad Celsius, die Windgeschwindigkeiten erreichen 9.000 Kilometer pro Stunde, und es regnet Glas.«

Foto 4: ... an Zeitzyklen.

»Werden wir Menschen ins All Reisen und fremde Planeten in fremden Sonnensystemen besiedeln?«,wollte ich von Prof. Oberth wissen. Der sympathische Gelehrte, den ich erstmals als Schüler im Alter von etwa zehn Jahren besuchte, lächelte milde: »Ganz so wie in Zukunftsromanen beschrieben wird das nicht ablaufen! Die Distanzen zu den Sternen sind riesig. Auf Science-Fiction geht auch Andrian Kreyer in seinem lesenswerten Artikel ein (5): »Der Mythos vom Auszug aus der Erde wird schon längst in Hollywood-Filmen wie ›Interstellar‹ und ›The Martina‹ gepflegt. Auch wenn erst das Kepler-Weltraumteleskop der NASA, das 2009 startete, die Suche so richtig voranbrachte.«

Foto 5: Autor Langbein  in Palenque
Wer hätte das gedacht: Vor einem halben Jahrhundert spekulierte man, wie viele Sterne – also fremde Sonnen – wohl von Planeten umkreist würden. Heute vermeldet der Astronom Jason Wright (6) »1642 bestätigte und 3786 unbestätigte Planeten«. Andrian Kreyer spricht von 5428 Hoffnungsmomenten, »dass das Leben da draußen ja irgendwie weitergehen könnte«. Nun ist aber Exoplanet HD 189733b etwa 63 Lichtjahre entfernt. Er eignet sich also nicht als neue »Wohnung« für die Menschheit, in die man einfach umziehen könnte. Ist damit Projekt »Erd-Exodus« schon gescheitert, bevor es überhaupt richtig angedacht werden konnte? Die Antwort findet sich beim »Vater der Weltraumfahrt«. Hermann Oberth schrieb bereits im Jahre 1954 in seinem Werk »Menschen im Weltraum« (7):

»Da Monde und Planeten relativ unwirtlich sind, liegt der Gedanke an künstliche Wohnstätten der Menschen im Weltraum nahe. … Nun geht es um die Ansiedlung von Menschen im Weltraum selbst.« Mit anderen Worten: Ein »Exodus ins All« ist natürlich auch dann möglich, wenn der nächste Planet nach heutigen Vorstellungen unerreichbar weit entfernt ist. Auch und gerade hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Wenn es das »Ziel« sein sollte, irgendwann in fernster Zukunft einen fernen fremden Planeten zu erreichen, dann ist schon die Reise dorthin die einzige Chance der Menschheit. Bevor Planet Erde zur tödlichen Falle wird, kann es nur eine Flucht ins All geben. Hermann Oberth: »Unsere Erde wird noch viele Jahrhunderte lang Raum genug für die Menschen haben. … Doch die Menschheit wird nicht auf diese Erde beschränkt bleiben.«

Als Raumfahrtexperte begnügte sich Prof. Hermann Oberth nicht mit vagen Spekulationen. Vielmehr legte er bereits 1954 präzise Projekte vor, betitelt »Siedlungen im Weltraum« (8). Nach Prof. Oberths konkreten Visionen werden riesige Wohnräder in die Tiefen des Alls vordringen. Diese Weltraumhabitate drehen sich um die eigene Achse, so dass ihre Bewohner nicht in der Schwerelosigkeit schweben, sondern gewohnte irdische Verhältnisse genießen können. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Prof. Oberths »Wohnwalzen«. Noch einmal Oberth (9): »Unter einer Wohnwalze hat man sich einen Zylinder von beliebiger Länge vorzustellen, der einen Durchmesser von acht Kilometern hat. Er kann zehn Kilometer lang sein, aber auch hundert oder tausend.« Heute noch utopisch anmutende, aber keineswegs unrealistische Konzepte sehen Weltraumstädte mit Millionen von Menschen vor (10):

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth

»Dr. Thomas Heppenheim, Luftfahrtingenieur am ›California Institute of Technology‹, schilderte das Leben in der Raumstation im November 1975 so: ›Das Leben in der geplanten Weltraumstadt wird nicht nur angenehmer sein als auf der Erde, sondern die Menschen werden dort alles haben, was für größtes Wachstum notwendig ist. Keine Ernte wird fehlschlagen. Die ersten 10.000 Menschen werden in Terrassenapartments mit modernstem Wohnkomfort leben. Von den Fenstern aus blicken sie auf gewölbte Erntefelder und überschauen grüne Parks. Das Leben wird angenehm und sonnig sein.‹

Die zweite Weltraumstadt könnte dann schon ganz andere Ausmaße haben. Prof. Gerard Kitchen O’Neill (1927-1992) lehrte an der ›Princeton University‹, publizierte seine fundierten Visionen in einem Buch ›Unsere Zukunft im Raum/  Energiegewinnung und Siedlung im Weltraum‹ (11).

Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen

Für den Physiker O’Neill, Inhaber wichtiger Patente, ist eine Besiedlung des Universums von der Erde aus keine unsinnige Science-Fiction-Illusion, sondern realistisch, finanzierbar und auch machbar. Der Wissenschaftler entwickelte mehrere Modelle von Weltraumstädten in Röhrenform. Die größeren (Länge etwa 30 km, Durchmesser 6 km) bieten 10.000.000 (zehn Millionen!) Menschen Lebensraum. Schon in absehbarer Zukunft könnte – so postulierte Prof. O’Neill – ein erheblicher Teil der Weltbevölkerung in Weltraumstädten leben.«

Prof. Gerard Kitchen O’Neills erste Veröffentlichung erschien endlich September 1974 in »Physics Today«. Vier Jahre lang war der wissenschaftlich fundierte Aufsatz von Fachzeitschriften wie »Science« und »Scientific American« abgelehnt worden. Er hieß »The Colonization of Space« (zu Deutsch etwa »Die Kolonisation des Weltraums«). Genauso war es Prof. Hermann Oberth mit seiner ersten Arbeit zur Raumfahrt ein halbes Jahrhundert zuvor ergangen. Aber kühn erscheinende wissenschaftliche Projekte setzen sich letztlich immer durch, stets gegen den Widerstand der etablierten Schulwissenschaft.

Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860

Und so können wir Menschen von Planet Erde nachts sehnsuchtsvoll in den Sternenhimmel blicken. Die Milchstraße lockt uns heute, so wie einst Ozeane unsere Vorfahren vor Jahrtausenden. Die Ozeane mögen einst als unüberwindbar angesehen worden sein. Sie wurden aber – vielleicht sehr viel früher als die Schulwissenschaft meint – überquert. Wenn wir Menschen uns nicht gegenseitig ausrotten, werden wir den Weg ins All antreten. Davon bin ich überzeugt!

Und was ich mich nicht erst seit meiner Indienreise frage? Kamen die Götter der alten Inder aus dem All, waren ihre Vimanas nichts anderes als Raumschiffe? In altindischer Dichtung wie dem Rig Veda wimmelt es nur so von Hinweisen auf eine phantastische Vergangenheit! Und die alten Tempel stellen Vimanas dar, die Flugvehikel der Götter aus dem All!

Fußnoten
1) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Titelseite, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
2) Nach meinen handschriftlichen Notizen formuliert.
3) Basierend auf meinen handschriftlichen Aufzeichnungen.
4) »Süddeutsche Zeitung am Wochenende«, Seite 38, München, Samstag/ Sonntag, 23./ 24. April 2016
5) ebenda
6) ebenda
7) Oberth, Hermann: »Menschen im Weltraum«, Düsseldorf und Wien 1954, Seite 194
8) ebenda, Seite 187
9) ebenda, Seiten 194-199
10) Langbein, Walter-Jörg Vortragsmanuskript »Unsere Zukunft liegt im All«, »A.A.S. One Day Meeting«,  Magdeburg 24.10.2009
11) O'Neill, Gerard K.: »Unsere Zukunft im Raum«, Bern und Stuttgart 1978

Foto 9: Der Küstentempel von Mahabalipuram. Stahlstich, etwa 1850

 Zu den Fotos

Foto 1: Dürers Apokalyptische Reiter. wiki commons gemeinfrei Foto 2: Am Tempeltor von Tanjore. Foto Walter-Jörg Langbein Foto 3: Die Mayas glaubten.... Foto Walter-Jörg Langbein Foto 4: ... an Zeitzyklen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto5: Autor Langbein auf den Spuren der Mayas in Palenque.Foto Ingeborg Diekmann 
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein im Gespräch mit Prof. Oberth. Foto: privat 
Foto 7: Der Kalender der Azteken verlief in Zyklen
Foto 8: Der Küstentempel von Mahabalipuram, Stich 1860. Archiv
Walter-Jörg Langbein.


»352 Kröte, Löwe, Dämonen«,
Teil  352 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 16.10.2016


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Sonntag, 26. Mai 2013

175 »Der Tempelturm von Tanjore«

Teil 175 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Teil des Tanjore-Tempelkomplexes
Foto W-J.Langbein
»Du möchtest also ein Sthapati werden?« fragt mich der junge Inder vor dem Tempelturm von Tanjore. Mythen und Mauern haben es mir schon seit Jahrzehnten angetan. Und Tanjore, 320 Kilometer südlich von Madras, ist ein wirklich lohnendes Ziel für den Reisenden in Sachen »Rätsel der Menschheit«. Wir sind kurz ins Gespräch gekommen, der in der uralten Tradition verwurzelte Inder und ich, der neugierige Besucher. So hat der junge Mann in Jeans und rotem T-Shirt erfahren, dass ich Theologie studierte. »Sthapati?« frage ich verunsichert. Der junge Inder fährt fort, mit einem Reisigbesen den Tempelvorplatz zu fegen. Er deutet auf den Tempelturm von Tanjore.

»Stell' Dir vor, Du bist Priester in Deiner Religion. Ein gewaltiger Sturm bringt Dein Gotteshaus zum Einsturz ... Was unternimmst Du dann?« Ich reagiere verunsichert. Mein Gesprächspartner lacht. »Ich beauftrage ein Bauunternehmen...« Im »Alten Indien«, so erfahre ich, war der Sthapati nicht nur Priester. Als solcher musste er die heiligen Zeremonien zu Ehren der Götter abhalten. Er war Betreuer der Gläubigen, die in den Tempel kamen. Er erklärte ihnen die heiligen Überlieferungen aus uralten Zeiten. Er las ihnen aus den heiligen Texten vor, in denen von Göttern die Rede ist, die in den Lüften ebenso zuhause waren wie auf der Erde. Und er war Priester-Architekt. Er musste die heilige Geometrie anwenden, wenn ein Tempel gebaut oder renoviert wurde.

»Der Tempel war kein einfaches Gebäude, kein simpler Ort der Versammlung ... Er war heilig ... als plastisch-materielle Dimension des jeweiligen Gottes!« Traurig deutet der junge Inder auf einige Besucher aus der ach so »zivilisierten Welt«. Manche sehen so aus, als kämen sie eben vom Badestrand. »Leider werden Tempel oft nur noch als Touristenattraktionen gesehen ...« Und wirkliche Sthapati gebe es schon lange nicht mehr.

Ein erster Eingang
Foto: W-J.Langbein
Wer sich für militärische Wehranlagen interessiert, die vor vielen Jahrhunderten errichtet wurden ... sollte unbedingt nach Indien reisen. Massive Forts beeindrucken allein schon durch die gigantischen Massen verbauten Steins. Sakrale Tempelanlagen haben mich – mit einer kleinen Reisegesellschaft – nach Indien gelockt. Offenbar gab es einst massive Baukomplexe, Burgen mit Monstermauern, die den Göttinnen und Göttern vorbehalten waren ... und natürlich dem »Bodenpersonal« der Himmlischen. Offenbar sind viele der einst so massiven Monstermauern im Lauf der Geschichte abgetragen worden. Auch von den einst so stolzen Tempeln hat nur ein Teil überlebt.

Wann die theologischen Architekten die ersten Tempel auf dem Reißbrett entworfen haben mögen? In den ältesten Überlieferungen, etwa dem Rig Veda, wird bereits von den sakralen Bauten berichtet. Und diese Texte entstanden vor 3.500, vielleicht sogar schon vor 4.000 Jahren ... oder noch sehr viel früher! Noch älter mögen die Höhlenheiligtümer sein, in denen schon die Götter des »Alten Indien« verehrt und angebetet wurden. Im Jahr 2004 wurde die Küste von Tamilnadu von einem Tsunami heimgesucht. Bei Mahabalipuram wurden von den Naturgewalten Sandmassen weggespült ... und altes Mauerwerk freigelegt.
Dr. Satchidanandamurti untersuchte die steinernen Strukturen. Zwei Tempel, so ließ er verlauten, waren so entdeckt worden. Einer von ihnen war »mindestens 800 Jahre alt« ... stand aber auf einem sehr viel älteren Bauwerk. Und das wurde auf die Zeit um Christi Geburt datiert.

Bei meinen Recherchen vor Ort stieß ich auf eine Fülle von Daten. Demnach gehen die ältesten Tempel auf die Zeit zwischen 200 vor und 500 nach Christus zurück. Die jüngsten – von Neubauten aus unseren Tagen abgesehen – stammen aus dem 17. Jahrhundert. In Madurai (Bundesstaat Tamil Nadu) leben heute über eine Million Menschen. Im dritten Jahrhundert v. Chr. dürfte Madurai bereits Hauptstadt des Pandyareiches gewesen sein. Man kann davon ausgehen, dass es schon damals Tempel gab!

Tempel wurden nicht an beliebigen Orten errichtet. Sie kennzeichneten vielmehr heilige Stätten aus uralten Zeiten, die von den Anhängern »neuerer« Religionen übernommen wurden. Madurai jedenfalls hat eine Geschichte, die deutlich in vorchristlichen Zeiten ihren Anfang genommen hat. Sie wird bereits im Sanskrit-Text »Arthashastra« des Kautilya (um drittes/ viertes Jahrhundert v. Chr.?) erwähnt. Angeblich gab es hier so etwas wie eine vorgeschichtliche Universität, in der die heiligen Texte studiert wurden.

Ein zweiter Eingang
Foto: W-J.Langbein
Tempelkomplexe waren sehr personalintensiv: Vom Architekten, der stets darauf achten musste, dass uralte Baupläne strikt eingehalten wurden ... zum Hilfsarbeiter, der die wertvollen Werkzeuge der Steinmetzen pflegen musste. Unzählige Priester und ihre Helfer gestalteten das religiöse Leben. Sie achteten auf die Einhaltung der unzähligen Vorschriften, die das Leben der Bewohner sakraler Welten regelten. Auch mussten die heiligen Gesänge zu Ehren der Götter vorgetragen werden. Dann waren da schon vor vielen Jahrhunderten Pilger, die die Tempel aus uralten Zeiten aufsuchen wollten. Größere Tempelkomplexe sollen mehrere Hundert Tänzerinnen benötigt haben, die auf ihre Weise Göttinnen und Göttern huldigten.

»Wenn Du ein Sthapati werden willst, so kennst Du gewiss die heiligen Texte Deines Glaubens!« fragt mich der kundige Inder mit dem Besen. »Im ersten Teil Deiner Bibel ist von einer Feuersäule die Rede ...« Ich freue mich, zu Füßen des majestätischen Tempelturms zu Tanjore das »Alte Testament« zitieren zu können (1): »Und Jahwe zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.«

Die »Feuersäule«, so erfahre ich, ist keineswegs ein rein biblisches Phänomen. Einst, so ist überliefert, kam es zu einem heftigen Streit zwischen den großen Göttern des »Alten Indien«. Da erschien eine Feuersäule am Himmel, deren Ausmaße nicht zu ergründen waren. Gott Brahma versuchte, die Spitze des Himmelsphänomens zu erreichen ... vergeblich. Vishnu scheiterte ebenfalls. Er wollte den tiefsten Punkt der Säule ausfindig machen. Als die Götter vor der unglaublichen Größe der Feuersäule vor Ehrfurcht erstarrten, tat sie sich auf und Shiva erschien.
Stolz erklärt mir mein Gesprächspartner: »Dieser Komplex hier ... war eine heilige Festung, in der Shiva verehrt und angebetet wurde. 400 Tempeltänzerinnen gingen ihrer Arbeit nach. 600 Handwerker waren ständig damit beschäftigt; sie renovierten, erneuerten...« Die alten Götterkulte scheinen floriert zu haben. Tausende und Abertausende fanden Arbeit.

Und noch ein Eingang
Foto: W-J.Langbein
In glühender Hitze versuchte ich den Brhadisvara-Komplex von Tanjore zu erfassen. Was in der Literatur gelegentlich als »Tempel« verniedlicht wird, Das zentrale Gebäude steht auf einem 240 Meter langen und 120 Meter breiten, von massiver Mauer umgebenen Areal. Herrscher Rajaraja I. soll 1003 den Baubeginn angeordnet haben. Sieben Jahre später hatte ein Arbeiterheer den Auftrag bereits erledigt.

Unvorstellbare Massen von Stein mussten fast fünfzig Kilometer vom Steinbruch zur Tempelanlage geschafft werden. Ausgerichtet ist die sakrale Miniaturstadt von Südosten nach Nordwesten. Betritt man den Komplex im Südosten, so durchschreitet man eine Säulenhalle, besucht vielleicht einen Versammlungssaal und erkennt einen imposanten »Vorraum«. Im Zentrum befindet sich das Allerheiligste, das Sanktuarium ... und darüber erhebt sich stolz – bis zu einer Gesamthöhe von 74 Metern (2) – die steile Tempelpyramide, ein Bauwerk von beeindruckender Schönheit!

58 Meter hoch, so lese ich vor Ort auf einer kleinen Tafel, ist der Tempelturm. Es war vor fast genau einem Jahrtausend eine Meisterleistung der Statik, solch einen Koloss auf einen »heiligen Raum« zu setzen. Dreizehn »Stockwerke« umfasst die Pyramide, die mich in verblüffender Weise an ähnlich steile Maya-Türme erinnert. Die einzelnen Stufen des anmutig wirkenden Turms sind aber fast überhaupt nicht zu erkennen. Mit künstlerischer Präzision sind unzählige Verzierungen angebracht, die den Eindruck einer glatten, gleichmäßig spitz zulaufenden Oberfläche vermitteln.

Golden leuchten heilige
Kultanlagen im Sonnenschein.
Foto: W-J.Langbein
»Wenn Du ein Sthapati werden willst, solltest Du wissen, dass der Tempelturm den ›heiligen Berg‹ darstellt ... die Kugel hoch oben an der Spitze ist ein Vimana ... und der ›heilige Raum‹ unter dem Turm die heilige Höhle, den Mutterschoß!« Ich wende ein: »Manche verstehen ja auch den gesamten Turm mit steinerner Kugel an der Spitze als Vimana, als Vehikel der Götter!« Wie sich doch die Bilder gleichen! Im 2. Buch Mose (3) wird beschrieben, wie die Israeliten auf der legendären Flucht aus Ägypten am Berg Sinai ankommt.
Der Gott der Bibel verbietet dem Volk, den Berg Sinai zu besteigen. Ein Zaun muss errichtet werden, um die Menschen daran zu hindern, auf die Spitze des Berges zu steigen. Es droht nämlich Gefahr: Der biblische Gott wird vom Himmel hoch auf den Gipfel des Berges herabsteigen. So geschieht es dann auch (4):

»Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Gott auf den Berg herniederfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der Berg bebte sehr.«


Fußnoten
1: 2.Buch Mose, Kapitel 13, Vers 21
2: Die Höhenangaben variieren in den verschiedenen Quellen geringfügig.
3: 2.Buch Mose Kapitel 19, Verse 1-25
4: 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18

»Das Geheimnis der steinernen Kugel«,
Teil 176 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 02.06.2013


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