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Sonntag, 8. Dezember 2019

516. »Aquila und die Söhne der Götter«

Teil 516 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Historische Aufnahme der Großen Pyramide, um 1910.

Tief unter uns sehen wir, grau in grau, die scheinbar unendliche Wüste. Die sich weithin erstreckende Leere wirkt trist und deprimierend. Plötzlich taucht weit unter uns ein monumentales Bauwerk auf. Aus der Höhe wirkt es klein, in der Realität aber ist es riesig. Wir erkennen es: Es ist die nach Pharao Cheops benannte »Große Pyramide«, wie das Weltwunder im englischsprachigen Raum genannt wird. Wir fliegen staunend über dem jahrtausendealten Denkmal genialer Baukunst. Wir machen die stoisch der Zeit trotzende Sphinx-Statue aus.

Aber schon entschwinden Pyramide und Sphinx aus unserem Blickfeld. Allein schon diese höchst beeindruckenden Bilder machen den Film »Charlie Chan in Egypt« (»Charlie Chan in Ägypten«) aus dem Jahr 1935 sehenswert. Warner Oland (*1879; †1938) fliegt als Detektiv Charlie Chan in einer offenen Propellermaschine über Pyramide und Sphinx. Für einen kurzen Moment kommt es dem fantasievollen Zuschauer so vor, als sei man weit zurück in die Vergangenheit gereist. Die Zeit scheint spurlos an der »Großen Pyramide« vorübergegangen zu sein.

Seit 1935 fliegt Charlie Chan im Film immer wieder über die »Große Pyramide«, unterwegs zur Lösung eines kniffeligen Geheimnisses. Er wird wieder Morde aufklären, keine Frage. Überlassen wir Charlie Chan seiner detektivischen Mission. Er benötigt nicht unsere Hilfe.

Wenden wir uns dem Geheimnis der Göttersöhne zu, die doch so gar nicht in die Bibel zu passen scheinen. Im heiligen Buch des monotheistischen Judentums wie der Christenheit haben Göttersöhne doch wohl nichts zu suchen. Oder doch? Die Göttersöhne sind keine »Erfindung« der Autoren des »Alten Testaments«. Das ist in der Theologie durchaus bekannt. Es gibt in wissenschaftlichen Publikationen aus dem Fachbereich »Altes Testament« Fachaufsätze, die sich mit den Göttersöhnen beschäftigen. Die werden allerdings im Studium der evangelischen Theologie nicht wahrgenommen. Und in der Welt der populärwissenschaftlichen Theologie kommen sie schon gar nicht vor.

Foto 2: Die »Arche Noah«
und die tierischen Passagiere
als Markenblock (Liberia 2014).
Die altehrwürdige »Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft«, gilt in Theologenkreisen weltweit als eines der führenden Organe schlechthin. Die »Z.A.W.«, 1881 von Bernhard Stade gegründet, konzentriert sich auf  theologische, sprachliche und historische Probleme des »Alten Testaments der Bibel.

Anno 1964 wurde ein umfangreicher Artikel über die Göttersöhne veröffentlicht (1). Cooke kommt zum Ergebnis dass die Göttersöhne bereits vor Jahrtausenden in den Hochkulturen von Ägypten bis Mesopotamien aktiv waren.

Jacob Johannes Theodoor Doedens verfasste eine spannende Dissertation zum Thema (2) »Die Söhne Gottes in Genesis 6,1-4«, die 2013 in Ungarn veröffentlicht wurde. Mich verwundert es nicht, dass in Textfragmenten von Qumran von einer »Ratsversammlung der reinen Göttlichen Wesen« zu lesen ist (3).

In der Doktorarbeit von Doedens lese ich auch, dass die »Söhne Gottes« in »Söhne des Himmels«, »die Heiligen«, »Engel« oder »Wächter« umbenannt wurden (4). Warum das geschehen ist lässt sich nur vermuten. Naheliegend ist die Vermutung, dass »Söhne Gottes« oder gar »Söhne er Götter« als mit einem streng monotheistischen Gott nicht vereinbar angesehen wurden. Vor allem sah man in der Welt des strengen Monotheismus den alleinigen Gott als Allmächtigen und Allwissenden an, dem menschlich-irdische Gelüste nach weiblichen Wesen vollkommen fremd zu sein hatten. Ausdrücklich weist Doedens aber darauf hin, dass in anderen Textfragmenten von Qumran immer noch »Söhne der Götter« oder »Söhne Gottes« auftauchen.

William F. Albright (*1891; †1971) hat bereits in seinem fundamentalen Werk über die Entwicklung religiöser Vorstellungen von der Steinzeit bis zum Christentum in überzeugender Weise nachgewiesen, dass die Göttersöhne des »Alten Testaments« auf uralte Mythen zurückgehen, die sehr viel älter als das »Alte Testament« sind.

Foto 3: Die »Arche Noah« als Markenblock (Liberia 2014).

Albrights Magnum Opus »From the Stone Age to Christianity« kann als das Lebenswerk des großen theologischen Wissenschaftlers angesehen werden. Albright, von 1929 bis 1959 Professor für semitische Sprachen an der an der »Johns Hopkins University«, war davon überzeugt, dass was von der »modernen« Theologie gern als märchenhaft und fiktiv angesehen wird, durchaus einen realen historischen Hintergrund haben kann. Er neigt dazu, die Historizität vieler Bibeltexte als erwiesen anzusehen.

Ich habe während meines Studiums der evangelischen Theologie einiges von Albright gelesen. Mir imponierte seine wissenschaftliche Neugier. Allzu oft versuchen Theologen nur, vorgefasste theologische Lehrmeinungen zu bestätigen. Ich will nicht von betrügerischen Absichten reden. Wer absolut von der nicht anzweifelbaren Wirklichkeit der eigenen religiösen Ansichten überzeugt ist, der findet alles nur bestätigt und nimmt Widersprüche gar nicht wahr.

Albright, der auch viele Jahre Direktor der »American School of Oriental Research in Jerusalem« war, leistete als echter Pionier der biblischen Archäologie wichtige Arbeit bei seinen Expeditionen zu wichtigen biblischen Stätten in Südarabien und Altsyrien. Er führte selbst Ausgrabungen durch. Mit bewundernswerter Akribie datierte er biblische Stätten mit Hilfe von Keramikfunden.

Für Albright gab es keinen Zweifel: Die Verfasser des »Alten Testaments« schöpften aus einem uralten, reichhaltigen Fundus. Sie übernahmen die Götter (Elohim) und Gottes- und Göttersöhne aus mythologischen Quellen. Der Ethnologe Konrad Th. Preuss konstatierte anno 1933: »In Mythos und Kult werden die Erlebnisse der Urzeit Machvollzogen!« Und Georges Dumezil zollte 1859 der Quelle aus fernster Vergangenheit seinen Respekt: »Die Mythen sind Alleinbesitz der Urzeiten gewesen und spiegeln den Zustand und die Ereignisse der damaligen Gesellschaft wider.«

Leider ist Dan Browns Romanheld Professor Robert Langdon nur ein fiktiver Professor an der »Harvard University«. In der Romanwelt der Weltbestseller Dan Browns und in den Verfilmungen nach Browns Romanen unterrichtet Langdon angeblich » religiöse Ikonologie und Symbologie«. Dieses Forschungsgebiet gibt es in der realen akademischen Welt der Wissenschaften leider nicht. Es sollte aber geschaffen werden, damit wir die weltweit entdeckten uralten Symbole aus geheimnisvollen Zeiten verstehen können.

Foto 4: Nur wenige Tiere werden gerettet
(Liberia 2014).
Ein »Professor Langdon«, der firm ist auf dem Gebiet der Mythen im »Alten Testament«, müsste sich endlich einmal intensiv in die ältesten Mythen von Ägypten über Mesopotamien bis Ugarit einarbeiten. Und ein solcher Gelehrter müsste ohne Rücksicht auf die eigene wissenschaftliche Karriere und die Einwände der werten Kollegen die wirklichen Quellen biblischer Mythologie erforschen. So ein »Professor Langdon« ist aber leider in der Realität nicht in Sicht. So sind wir auf eigene Recherche, auf eigene Interpretationen und Schlussfolgerungen angewiesen.

Unbestreitbar ist, dass schon in den Schrifttafeln von Ugarit Götterversammlungen beschrieben werden In Ugarit gab es die »Söhne Els«, so wie offenbar auch der biblische Gott seine »Söhne« um sich scharte. Die Söhne des biblischen Gottes (oder der biblischen Götter) rebellieren, steigen vom Himmel hinab auf die Erde und paaren sich mit den schönen Töchtern der Menschen.

Seltsam: Die Göttersöhne (7) finden Gefallen an den Töchtern der Menschen. Das missfällt dem biblischen Gott sehr. Er beschließt zu strafen: allerdings nicht die eigentlich Schuldigen. Unbehelligt bleiben die Göttersöhne, bestraft werden die Menschen. Ihre Lebenszeit wird auf 120 Jahre begrenzt. Und dann lässt Gott gar die Sintflut über die Erde hereinbrechen. Alles Leben soll erst einmal ausgetilgt werden. Mit Hilfe von Noahs Arche soll ein Neustart auf Planet Erde gewagt werden.  

Der biblische Gott handelt nach heutigem Verständnis höchst ungerecht, indem er die Falschen und dann ganz pauschal alle Menschen bestraft. Und warum sollen auch die Tiere fast vollkommen ausgerottet werden? Ein Paar von jeder Art darf überleben. Die Tiere haben ja nun wirklich keine Schuld auf sich geladen.

Die Göttersöhne wiederum benehmen sich recht ungöttlich, wenn sie beim Anblick schöner Menschentochter offenbar die Kontrolle verlieren. Dieses »ungöttliche Verhalten« moniert auch Hermann Gunkel (*1862; †1832), der erst spät, nämlich 1907, zum ordentlichen Professor im Fachbereich »Altes Testament« nach Gießen berufen wurde, in der renommierten Lexikonreihe »Religion in Geschichte und Gegenwart« (8).

Foto 5: Arche Noah und Tiere, auf Briefmarken
(St. Vincent, Karibik).

Bereits von 250 v.Chr. bis 100 n.Chr. entstand die »Septuaginta«, die älteste vollständige Übersetzung des »Alten Testaments«. Freilich sah sich Aquila genötigt, eine neue Übersetzung der Schriften des »Alte Testaments« ins Griechische vorzunehmen, da die Septuaginta zu fehlerhaft war. Er machte sich mit geradezu pedantischem Eifer ans Werk und schloss seine sehr wortgetreue Übersetzung um 125 n.Chr. ab.

Aquila (9), Schüler des legendären Rabbi Akiva, ist für seine in der Regel sehr wortgetreue Übersetzung des »Alten Testaments« aus dem Hebräischen ins Griechische bekannt. Und bei ihm lesen wir, dass »die Söhne der Götter« Wohlgefallen an den schönen Töchtern der Menschen fanden. 

Wenn bei Aquila von »Söhnen der Götter« die Rede ist, dann darf man davon ausgehen, dass man vor zwei Jahrtausenden an die »Söhne der Götter« glaubte. Bleibt nur die Frage, die auch heute noch nicht wirklich beantwortet werden kann: Wer oder was waren die »Göttersöhne«?

Foto 6:  Noah und seine Frau
vor der rettenden Arche (Liberia 2014).
Fußnoten
(1) Cooke, Gerald: »The Sons of (the) God(s)«, »Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft«, Nr. 76, 1964, Seiten 22-47
(2) Doedens, Jacob Johannes Theodoor: »The Sons of God in Genesis 6,1-4«,
Kapitális Printing House, Debrecen, Ungarn 2013
(3) Ebenda, Seite 315, 2. Zeile von oben
(4) Ebenda, Seite 315 unten und Seite 316 oben
(5) Ebenda, Seite 316, 3.+4. Zeile von oben
Im Original: » In the following fragments the expression ›sons of the gods‹ or ›sons of God‹ occurs.«
(6) Albright, William F.: »From the Stone Age to Christianity/ Monotheism and the Historical Process «, New York 1957, Seiten 295-298
(7) 1. Buch Mose, Kapitel 6, Verse 1-4
(8) Gunkel, Hermann: »Mythen und Mythologie, II, Israel« in »Religion in Geschichte und Gegenwart«, 1. Auflage 1913, IV, Spalten 620-632.
(9) Das Internet-Lexikon »wikipedia« schreibt übe Aquila von Sinope (Stand 13.12.2019): »Über Person und Leben Aquilas ist wenig bekannt. Unsicherer Überlieferung nach stammt er aus Sinope (heute Türkei); ebenfalls unsicher ist die oft angenommene Schülerschaft bei dem berühmten jüdischen Lehrer Akiba (50/55–135 n. Chr.). Die Lebensdaten Aquilas lassen sich nur anhand seiner Übersetzungen schätzen, die er um 125 n. Chr. fertigstellte. Die Übersetzung Aquilas ist heute hauptsächlich als christliche Schriftüberlieferung in griechischer Sprache erhalten, woher er auch seine Bedeutung für die alttestamentliche Wissenschaft erbt.«

Zu den Fotos
Foto 1: Historische Aufnahme der Großen Pyramide, um 1910. Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 2: Die »Arche Noah« und die tierischen Passagiere als Markenblock (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 3: Die »Arche Noah« als Markenblock (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 4: Nur wenige Tiere werden gerettet (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 5: Arche Noah und Tiere, auf Briefmarken (St. Vincent, Karibik). Archiv Walter-Jörg Langbein.
Foto 6:  Noah und seine Frau vor der rettenden Arche (Liberia 2014). Archiv Walter-Jörg Langbein.


517. »Von einer Wüstenstadt zu fremden ›Erden‹«,
Teil 517 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 15. Dezember 2019



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Sonntag, 20. Oktober 2019

509. »Vom ›Menschwesen‹ und seiner Frau«

Teil 509 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Prophet Jeremia
(Altar der Marktkirche Hannover). 
Für den gläubigen Christen galt viele Jahrhunderte lang: Die Bibel ist Gottes Wort. Für ihn sprach Gott aus der Bibel. Und so befiel ihn geradezu ängstliche Scheu, wenn er im Buch der Bücher bei Jeremia las (1): »Das Wort Gottes geschah zu mir..« Ist die Bibel das Wort Gottes? Ist Gott der »Autor« der Bibel? Angesichts zahlreichen offensichtlicher Fehler, die in den Schriften des »Alten Testaments« wie des »Neuen Testaments« zu finden sind, fällt es schwer, das zu glauben (2). Denn müsste nicht das Wort Gottes makellos und fehlerfrei sein?

 Wo in heutigen Übersetzungen von »Wort Gottes« steht, findet sich im Hebräischen DABAR (דָּבָר(, was so viel heißt wie »Sache Gottes«, »Anliegen Gottes«, »Angelegenheit Gottes«. Daraus wurde in der griechischen Übersetzung »LOGOS«, »Rede«, »Aussage« etwa. Und »logos« wurde in der lateinischen Übersetzung mit »verbum dei« festgemacht...mit dem »Wort Gottes«. So wurde also aus dem recht allgemeinen »Angelegenheit/ Sache Gottes« das »Wort Gottes«.

Wenn also die ursprünglichen Texte des Alten Testaments gar nicht behaupten, das Wort Gottes, von Gott sozusagen diktiert, zu sein, sind Widersprüche möglich. Die Bibel ist nicht die Rede Gottes an uns Menschen, sie ist menschliches Reden, auch über Gott. Und Menschen machen nun einmal Fehler. Fehler haben sich in den Text der Bibel eingeschlichen.

Ein Studium der Originaltexte ergibt: Zahlreiche Fehler der Bibel basieren auf eindeutigen Übersetzungsfehlern (3). Dann gibt es noch Unstimmigkeiten innerhalb der Texte. Offensichtlich wurden verschiedene Textpassagen verschiedener Autoren zusammengefügt, die voneinander abweichen. Wieso wird im 3. Buch Mose so getan, als habe Gott Adam und Eva verboten (4), »von den Früchten des Baumes mitten im Garten« zu essen? Wieso wird so getan, als habe Gott dem Adam und der Eva befohlen (5) »Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!«?

Foto 2: Adam, Eva und die Schlange als
Briefmarkenmotiv (Vereinigte Arabische Emirate)

Fakt ist: Das berühmte göttliche Verbot bekam nur Adam zu hören, Eva hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existiert. So kann Gott nur gegenüber Adam das bekannteste Verbot des »Alten Testaments« verhängen! Und nur für Adam wird die angedrohte Strafe, falls er das göttliche Verbot nicht befolgt, fällig. Wieso wird dann auch Eva bestraft?

Adam isst von der verbotenen Frucht. Aber er wird nicht, wie angedroht, vom Tod dahingerafft! Dabei hatte doch Gott ausdrücklich angekündigt, Adam würde an dem Tag, an dem er von den verbotenen Früchten isst, sterben (6):

Foto 3: Erschaffung Evas
aus dem »Menschwesen«.
Schedelsche Weltchronik 1493
»Aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.« Listenreiche Fundamentalisten haben eine »Erklärung« parat: Im Paradies waren Adam und Eva unsterblich. Erst nach dem Verzehr der verbotenen Frucht wurden sie sterblich. Gott habe nicht den sofortigen Tod, sondern das Ende der Unsterblichkeit für den Fall, dass sein Gebot nicht befolgt wird, angedroht.

Listenreich löst auch die umstrittene »Bibel in gerechter Sprache« (7) das offenkundige Problem. Adam soll jetzt plötzlich nicht gleich am Tag der Sünde sterben, er verliert nur seine Unsterblichkeit (8): »An dem Tag, an dem du von ihm isst, bist du zum Tode verurteilt.« Die »Hinrichtung« wird verschoben. Die Bestrafung wird erst später, wann auch immer, erfolgen. Oder anders ausgedrückt: Von nun an hängt der Tod wie ein Damoklesschwert über Adam. Über Adam? Nicht in der »Bibel in gerechter Sprache«! In dieser dem Genderwahn anheimgefallenen »Übersetzung« verschwindet Adam plötzlich aus dem Text und wird durch das geschlechtsneutrale »Menschenwesen« ersetzt! Der hebräische Text lässt keinen Zweifel aufkommen: Gott setzte den Mann Adam in den Garten Eden. In der »Bibel in gerechter Sprache« heißt es plötzlich (9): »Adonaj, also Gott, nahm das Menschenwesen und brachte es in den Garten Eden.«

Foto 4: Adam und Eva nach Lucas Cranach.
Briefmarke der Vereinigten Arabischen Emirate.
Das aber steht nicht im biblischen Text. Es ist eben nicht von einem geschlechtsneutralen »Menschenwesen« die Rede, sondern vom Mann Adam, und der ist eindeutig männlich. Adam wird nicht nur die Todesstrafe angedroht. Da heißt es ausdrücklich (10):

»An dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.« Der »Sündenfall« würde dem Übertreter des göttlichen Gebots am Tag der Übertretung den Tod bescheren. Dieses Schicksal blieb aber Adam und Eva erspart!

Aus dem »Menschenwesen« wird in der »Bibel in gerechter Sprache« wenige Verse später dann doch der offensichtlich männliche »Mensch«. Gott fabriziert die Tiere des Feldes aus Ackererde und brachte sie zum Menschen. Schließlich wird das »Menschenwesen« narkotisiert, eine Rippe wird ihm entnommen und daraus fertigt Gott die Eva. Wie »Bibel in gerechter Sprache« diesen Sachverhalt schildert, das ist schon mehr als nur skurril (11):

»Dann formte Adonaj, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, zu einer Frau, und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens.«

Auch den Autorinnen der »Bibel in gerechter Sprache« ist offensichtlich bekannt, dass nur ein Mann mit einer Frau Kinder zeugen kann. Deshalb genehmigen sie notgedrungen dem geschlechtsneutralen »Menschenwesen« auch eine männliche Seite (12): »Da sagte der Mensch als Mann…« Innerhalb weniger Verse wird aus dem »Menschenwesen« der Mann. Die Schlange verleitet Eva zum Biss in die verbotene Frucht und Eva bringt den Mann und nicht das »Menschenwesen« Adam dazu, ebenfalls gegen das göttliche Verbot zu verstoßen.

Foto 5: Adam, Eva und der Engel
mit dem Flammenschwert.
Schedelsche Weltchronik 1493
Adam und Eva werden aus dem Paradies geworfen. Der Engel mit dem Flammenschwert wird als Wachposten aufgestellt. Er soll verhindern, dass Adam und Eva ins Paradies zurückkehren. Adam musste, als er noch allein war und im Paradies leben durfte, als Gärtner arbeiten. Ein Schlaraffenland für Faulpelze war das Paradies also offenbar nicht (13): » Und er, Jahwe, Elohim, nahm den Adam und er setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und bewache.« Außerhalb des Paradieses muss Adam wieder arbeiten, jetzt aber als Bauer (14): »Und er schickte ihn weg, Jahwe, weg aus dem Garten Eden zu bearbeiten den Acker, von welchem er genommen war.« Welche Arbeit wohl schwerer war, die als Gärtner im Paradies oder die als Bauer außerhalb des Paradieses?

Was mich schon immer gewundert hat: Gott versetzte Adam in eine Art Narkose, entfernte eine Rippe aus seinem Leib und machte daraus Eva, Adams Frau. Als Adam aus der »Narkose« erwacht, hat er plötzlich Eva als Gefährtin. Adam wundert sich offenbar überhaupt nicht, woher diese Frau gekommen ist. Eva ist plötzlich da und Adam scheint im Paradies nichts mit ihr anfangen zu können. Ja er bemerkt nicht einmal, dass sie, wie er selbst, nackt ist. Von Intimitäten zwischen Adam und Eva im Paradies weiß jedenfalls das »Alte Testament« nichts. Erst nachdem beide das Paradies verlassen haben, kommt es zu jenen Intimitäten, die in unseren Übersetzungen schamhaft umschrieben werden. Da zeugt Adam mit Eva keinen Nachwuchs, er »erkennt« seine Frau. Zunächst meine wörtliche Übersetzung (15):

»Und er, Adam, erkannte Chawa (Eva), seine Frau und sie empfing und sie gebar den Kajin und sie sprach: ich habe hervorgebracht einen Mann mit (Hilfe) Jahwe(s). Und sie fuhr fort zu gebären: seinen Bruder, den Habäl (Abel) und der Habäl, er war ein Hirte von Kleinvieh und Kajin, er war bearbeitend den Acker.«

Foto 6: »Menschwesen« Adam
bestellt das Feld,
Eva gibt einem ihrer Kinder die Brust.
In der Luther-Bibel von 2017 lesen wir die beiden Verse in folgender Übersetzung: »Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.«

Noch einmal sei »Bibel in gerechter Sprache« zitiert, die den ersten Vers von Kapitel 4 des Ersten Buches Mose so übersetzt (16): »Dann erkannte der Mensch als Mann die Eva, seine Frau; sie wurde schwanger, gebar den Kain und sprach: ›Ich hab’s gekonnt, einen Mann erworben – mit Adonaj.‹«

In keiner Übersetzung wird näher erläutert, in welcher Form Gott, der Herr, bei Zeugung und Geburt der beiden Kinder Kain und Abel geholfen hat. Und was meinte Eva, als sie erklärte, sie habe mit Sohn Kain »einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN«?

Die »Bibel in gerechter Sprache« verwirrt mehr als dass sie aufklärt, wenn sie Eva so »zitiert«: »Ich hab’s gekonnt, einen Mann erworben – mit Adonaj.« Welche Rolle spielte Gott dabei? Man könnte die »Bibel in gerechter Sprache« so missverstehen, als sei Adonaj (Gott) zumindest der Vater von Kain.

Es klingt bei Luther seltsam, wenn Eva erklärt, sie habe mit Gottes Hilfe »einen Mann gewonnen«? Ob einer der unbekannten Genesis-Autoren auf diese Weise sehr diskret auf eine inzestuöse Verbindung hinweisen wollte? Irgendwoher müssen doch die Frauen gekommen sein, die von den Söhnen Adam und Evas »erkannt« wurden!


Foto 7:  Adam, Eva und die Schlange
nach Maderuelo. Briefmarke,
Vereinigte Arabische Emirate 1971
Fußnoten
(1) Jeremia, Kapitel 1, Vers 4 in der Bibelausgabe »Luther 2017«
(2) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer – Von A wie Auferstehung Christi bis Z wie Zeugen Jehovas«,  Hardcover, Langen Müller, München 2003
Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments – Von A wie Apokalypse bis Z wie Zölibat«, Hardcover, Langen Müller, München  August 2004
(3) Die beiden Lexika sind leider vergriffen, aber noch antiquarisch erhältlich. Für das Auffinden von antiquarischen Büchern ist eine Metasuchmaschine sehr hilfreich: https://buchhai.de/
(4) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 3
(5) Ebenda
(6) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 17
(7) »Bibel in gerechter Sprache«, Gütersloh, 2. Auflage 2006
(8) Ebenda, Seite 33, 10.+11. Zeile von unten
(9) Ebenda, 14.+15. Zeile von unten (1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 15)
(10) 1. Mose, Kapitel 2, Vers 18 (»Luther-Bibel« 2017)
(11) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 22 in der Übersetzung der »Bibel in gerechter Sprache«, Gütersloh, 2. Auflage 2006, Seite 34, 2.-4. Zeile von oben
(12) Ebenda, 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 23
(13) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 15
(14) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 23
(15) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Verse 1 und Vers 2
(16) »Bibel in gerechter Sprache«, Gütersloh, 2. Auflage 2006, Seite 35, 5.-7. Zeile von unten

Zu den Fotos
Foto 8: Adam, Eva und die Schlange
nach Hugo van der Goes.
Briefmarke, Vereinigte Arabische
Emirate 1971
Foto 1: Prophet Jeremia (Altar der Marktkirche Hannover). Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Adam, Eva und die Schlange als Briefmarkenmotiv (Vereinigte Arabische Emirate).  
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein (Gemälde: Michelangelo)
Foto 3: Erschaffung Evas aus dem »Menschwesen«. Schedelsche Weltchronik 1493. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Adam und Eva nach Lucas Cranach. Briefmarke der Vereinigten Arabischen Emirate.  
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Adam, Eva und der Engel mit dem Flammenschwert. Schedelsche Weltchronik 1493. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Menschwesen« Adam bestellt das Feld, Eva gibt einem ihrer Kinder die Brust. Schedelsche Weltchronik 1493. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 7:  Adam, Eva, Schlange nach Maderuelo. Briefmarke, Vereinigte Arabische Emirate 1971. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Adam, Eva, Schlange nach Hugo van der Goes. Briefmarke, Vereinigte Arabische Emirate 1971. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein  

510. »Als Eva noch eine Göttin war«,
Teil 510 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. Oktober 2019



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Sonntag, 22. Juni 2014

231 »Bibel, Götter, Monsterwesen«

Teil 231 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Mysteriöse Monsterwesen
nach einem theologischen Traktat.
Foto Archiv W-J.Langbein
 
Bevor Make-Make sein erstes Menschenpaar kreiert, erschafft er ein Mischwesen: Nach seinem Spiegelbild schuf er es und verabreichte ihm noch die Attribute eines Vogels, Schnabel, Flügel, Federn. Wer glaubt, dass Adam und Eva die ersten von Gott fabrizierten Lebewesen waren, irrt. Vor den Tieren und vor den Menschen rief Gott den mysteriösen »Behemoth«. Im kleinen Bibelbuch Hiob (1) lesen wir: »Sieh‘ doch den Behemoth, den ich gemacht habe wie dich: Gras frisst er wie der Ochse. … Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« In manchen Bibelausgaben wird per Fußnote erklärt, bei dem Behemoth habe es sich um einen grasfressenden Landsaurier gehandelt.


Mischwesen von Make-Make geschaffen.
Foto W-J.Langbein

Hiob beschreibt den Behemoth als unglaublich stark (2): »Sieh‘ doch, welche Kraft in seinen Lenden liegt und welche Stärke in seinen Bauchmuskeln! Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder, die Sehnen seiner Schenkel sind fest verflochten. Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie Eisenstangen.«

Das klingt nach einem monströsen Tier. Aber was für ein Tier sollte gemeint sein? Ein Nilpferd vielleicht, oder ein Saurier? Wie ist der folgende Satz (3) gemeint? »Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« Ein Blick in den hebräischen Text verschafft vielleicht Klarheit. Die wortgetreue Übersetzung lautet: »Er/Es war der Erstling der Wege von El (Gott), der machende war ihn/es, dass er/es herbeibringe sein Schwert.« El schuf also Behemoth, damit der ihm sein Schwert bringen würde? Wieso sollte Behemoth dem mächtigen Gott sein Schwert apportieren? Oder gab umgekehrt Gott dem Behemoth sein Schwert? Das vermutet Martin Buber, dessen Bibelverdeutschung hohes Ansehen genießt. Buber interpretiert übersetzend (3): »Das ist der Erstling auf den Wegen des Gottesherrn, der es machte, reichte sein Schwertgebiß ihm.« Buber deutet also das »Schwert« als das besonders scharfe und gefährliche Gebiss des Monsters.

Kuriose Kreaturen auf assyrischem Relief.
Foto: Archiv W-J.Langbein

Völlig anders versteht Leopold Zunz den Vers. In seiner für jüdische Leser gedachten Übersetzung der Thora wird auch betont, dass Gott den Behemoth als Ersten schuf, aus dem Schwert aber wird ein Messer. Und das gehört weder Gott, noch dem Behemoth (4): »Er ist der Erstling des Werkes Gottes; wer ihn opfern will, mag sein Messer heranbringen.« Dazu wäre wohl ein besonders starker Gläubiger erforderlich gewesen, der das monströse Lebewesen hätte mit einem Messer töten können.

Wiederum eine andere Übersetzung bietet »The Interlinear Hebrew-English Old Testament« (5), die auf wortgetreue Wiedergabe Wert legt. Da heißt es dann, dass Gott, der den Behemoth schuf, dem Monster mit seinem Schwert entgegentreten kann. Mit anderen Worten: Die Kreatur war so stark und furchteinflößend, dass ihm nur Gott selbst mit dem Schwert in der Hand begegnen konnte. Unbewaffnet wäre das Risiko für Gott selbst zu groß gewesen.

Je mehr Übersetzungen ich konsultiere, desto mehr Varianten finde ich: Mal bringt das Monster Gott sein Schwert, mal überreicht umgekehrt Gott der Kreatur sein Schwert. Mal soll der, der das Monster opfern möchte, sein Messer mitbringen. Und mal muss sich Gott selbst mit seinem Schwert bewaffnen, wenn er dem Behemoth begegnen möchte. Mal wird der Terminus »Schwert« mit den Schneidezähnen des Behemoth gleichgesetzt. Nach Luthers Übersetzung von 1545 attackiert Gott den Behemoth (6): Gott, »der jn gemacht hat/ der greifft jn an mit seinem schwert«. In neueren Ausgaben des »Alten Testaments« nach Luther heißt es Gott (7), »der ihn gemacht hat, der gab ihm sein Schwert«.

Mischwesen auf dem legendären schwarzen Obelisk.
Foto: Archiv W-J.Langbein

In der Übersetzung des »Alten Testaments« ins Griechische, in der »Septuaginta« geht das Schwert vollkommen verloren (8): »Dies ist der Anfang der Schöpfung des Herrn, gemacht um von seinen Boten verspottet zu werden.« In einer Fußnote wird erklärt, dass es sich bei den »Boten« um »Engel« handele. Demnach wurde Behemoth geschaffen, damit die Engel über ihn lachen können. Völlig anders lautet eine Textvariante nach der »Elberfelder Bibel« (9): »Er ist gemacht zum Gewalthaber seiner Gefährten.« Das geschaffene Wesen wäre also so etwas wie ein »Leittier«.

Ich kann nur konstatieren: In Sachen Behemoth herrscht seit Jahrhunderten weitestgehend Ratlosigkeit bei den Übersetzern! Wer immer nur eine bestimmte Bibelübersetzung konsultiert, mag glauben, dass er damit die einzig wahre Übersetzung kennt. Fakt ist aber, dass unterschiedliche Bibelausgaben ganz unterschiedliche, voneinander stark abweichende Textversionen bieten. Nicht zuletzt dank des Internets kann heute auf unzählige Bibelvarianten zurückgegriffen werden, um mysteriöse Passagen in den unterschiedlichen Varianten miteinander zu vergleichen.

In den Chor der Interpreten mischt sich eine Stimme, die manchen Theologen schrill in den Ohren klingen mag. Vor nunmehr vierzig Jahren machte mich Theologieprofessor Maurer auf das Werk von Dr. J. Lanz-Liebenfels aufmerksam. Hinter einer Reihe von kirchengeschichtlichen Werken verstauben schmale Bändchen aus der Feder von Lanz-Liebenfels, stapelten sich Zeitschriften mit Artikeln über die Realität von Mischwesen. Lanz-Liebenfels, ein schon zu Lebzeiten umstrittener Theologe, schlug anno 1906 in seinem Werk »Theozoologie« (10) eine erstaunlich moderne Lösung für das Problem vor. Behemoth war seiner Überzeugung nach ein Tier-Mensch, also ein Mischwesen aus Mensch und Tier, so wie die namenlose Kreatur, die einst Gott Make-Make nach alter Mythologie auf der Osterinsel schuf. Und Lanz-Liebenfels zitiert den Talmud: »Gebenedeit sei der, der die Geschöpfe verändert.«

Tiermenschwesen auf dem schwarzen Obelisk.
Foto W-J.Langbein

Der Theologe konnte sich vor mehr als einem Jahrhundert nicht vorstellen, dass mit Hilfe der Gentechnik tatsächlich Geschöpfe tatsächlich »verändert« werden können. Gentechnik ist der Schlüssel zu einem realen Frankenstein-Labor, das schlimmste Horror-Kreaturen ins Leben rufen kann. Im Vergleich dazu mutet Dr. Frankensteins aus Leichenteilen zusammengesetztes Monster wie eine holde Lichtgestalt an.

Dr. Lanz-Liebenfels war vor mehr als einem Jahrhundert davon überzeugt, Abbildungen solcher Mischwesen gefunden zu haben (11): »Auf dem sogenannten schwarzen Obelisken des Assyrerkönigs Salamasar II. sind merkwürdige Darstellungen zweibeiniger menschenartiger Wesen zu sehen.«

Nun könnte man annehmen, dass da unbekannte Künstler vor rund drei Jahrtausenden irgendein Horrormärchen mit Fantasiegestalten illustriert haben. Dem ist aber nicht so. Die Gravuren gehören nicht zu einer Fantasy-Story, sondern – das wird im dazugehörigen Keilschrifttext genau aufgelistet – zu einem sachlichen Bericht (12): »Die Beischrift, eine nüchterne geschichtliche Tributliste, besagt, dass der König aus dem Lande Mursi (aramäische Landschaft) prati baziati und udumi als Tribut erhalten habe.«

Mischwesen an der Leine ...
schwarzer Obelisk gibt Rätsel auf.
Fotos Archiv W-J.Langbein

Da wurden also vor drei Jahrtausenden mysteriöse Mischwesen verewigt, in Wort und Bild, die es in der Natur nicht gegeben haben darf. Sind es »geänderte Geschöpfe«, so wie der Behemoth, den der biblische Gott als Erstes geschaffen hat, und zwar noch vor dem Menschen? Sind es gentechnisch fabrizierte Mischwesen aus Gottes Labor? Dr. Lanz-Liebenfels (13): »Werfen wir einen Blick auf die baziati. Die Wesen haben etwas affenartiges an sich, aber trotzdem dürfen sie nicht als Affe ohne weiteres angesprochen werden. Ihr Gesamttypus, - sackförmiger Leib, kurze Extremitäten - ist geradezu reptilienhaft.«

Dr. Lanz-Liebenfels ließ vor über hundert Jahren keinen Zweifel aufkommen (14): »… Ausgeschlossen ist es, dass die .. dargestellten Zoa (Lebewesen) aus Mangel an künstlerischer Technik unverlässlich seien. Die abgebildeten Tier- und Menschengestalten sind von überraschender Naturwahrheit. Übrigens zeigen die Assyrer um diese Zeit in der Plastik eine Realistik der Tierdarstellungen, die selbst heute noch ihresgleichen sucht. Bekanntlich nannte man die Assyrer in neuester Zeit scherzweise die ›Holländer‹ des Altertums. Die Wesen haben wirklich ausgesehen, wie sie dargestellt sind.«

Mischwesen auf altem Mosaik. Foto Walter-Jörg Langbein

Nicht anders urteilt Erich von Däniken, der die mysteriösen Mischwesen erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellte (15): »Auch die kleinwüchsigen Menschentiere auf dem assyrischen Obelisken werden von Wärtern an der kurzen Leine gehalten. Es sind Tiere mit menschlichen Köpfen; eines der Mischwesen steckt den Daumen in den Mund – die Monstren lebten!«

Weltweit wimmelt es von Legenden, Mythen und heiligen Überlieferungen, in denen Götter agieren. Weltweit gibt es Texte über Götter, die Lebewesen erschaffen. Waren es Götter, die weltweit mit genetchnischen Mitteln abstruseste Lebensformen erzeugt haben? Darstellungen dieser Kreaturen gibt es weltweit. Eine kleine Auswahl gefällig? Assurbanipals Soldaten erbeuteten einige dieser merkwürdigen Wesen. Künstler hielten fest, wie die Geschöpfe abtransportiert werden. Deutlich zu erkennen: Sie waren Tier-Mensch-Mischungen. Mischwesen wurden als Grabkunst vor 5 000 Jahren im Reiche Ur verewigt, darunter eine »Kombination« aus Mensch und Skorpion. Seltsam! Solche Skorpionwesen meißelten unbekannte Künstler auch vor nicht ganz 1 000 Jahren in den Fries am »Paradiestor« (Dom zu Paderborn).

Skorpionmensch links: Foto Archiv Langbein/
Mischwesen rechts, Paderborn, Foto W-J.Langbein

Tier-Mensch- oder Tier-Tier-Mischwesen begegneten mir auf meinen Reisen weltweit: auf der Osterinsel ebenso wie in einem Felsentempel in Mahabalipuram, Indien. Und immer schufen die Künstler, die die Mischwesen dargestellt haben, zusätzliche Bildnisse von Mensch und Tier in geradezu fotorealistischer Manier. Sie konnten also die Realität sehr naturgetreu abbilden, die Darstellungen der Mischwesen sind kein Resultat mangelhafter Fähigkeiten der Künstler. Mischwesen aber können nicht von der Natur hervorgebracht worden sein…. Wurden sie von »göttlichen« Gentechnikern entwickelt? Heutige Gentechniker können schon die monströsesten Mischwesen ins Leben rufen. Ich bin davon überzeugt, dass in geheimen Labors schon längst solche Mischwesen produziert werden, wie vor Jahrtausenden. Warum? Weil Experimente schon um ihrer selbst willen ausgeführt werden, oder einfach nur um auszutesten, was möglich ist!

Es ist nur eine Frage der Zeit, dass Tier-Mensch-Mischwesen realisiert werden. Kreaturen, wie sie im Film »Splice - Das Genexperiment« realisiert werden, verstoßen gegen jede menschliche Ethik. Ethische Bedenken werden aber schon immer vernachlässigt, wenn es um Profit ging. Mir schaudert, wenn ich an die Gentechnik von morgen und übermorgen denke.

Was unsere Vergangenheit angeht: Werden wir je die Sprache der alten sakralen Kunstwerke verstehen? Werden wir je ihre Symbolik begreifen? Werden wir je die uralten steinernen Zeugnisse wie ein Buch lesen können? Sind wir in der Lage, uralte Symbolik zu entschlüsseln? Wir müssen es immer wieder versuchen. Nur dann werden wir das Wissen aus uralten Zeiten verstehen!

Mischwesen von Mahablipuram.
Foto W-J.Langbein

Anmerkung:

Zitate aus älteren Quellen wurden möglichst buchstabengetreu übernommen. Die Schreibweise wurde nicht den heute gültigen Regeln der Rechtschreibreform angepasst.

Literaturempfehlung:

Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx«, München 1989

Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom/ Die Rückkehr der Astronautengötter«, München 1995

Mischwesen der unheimlichen Art ...
Grabanlagen von Ur. Fotos Archiv W-J.Langbein


Fußnoten

1) Hiob, Kapitel 40, Verse 15 und 19
2) ebenda, Verse 16-18
3) »Die Schrift/ Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, Band 4, Heidelberg, 4. Verbesserte Auflage der neubearbeiteten Ausgabe von 1962, S. 336
4) »Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift/ Übersetzt von Leopold Zunz«, Basel 1980, S. 616
5) »The Interlinear Hebrew-English Old Testament«, Grand Rapids, USA, 1987, S. 344
6) »Die gantze Heilige Schrifft Deudsch«, Wittenberg 1545, zitiert in der Schreibweise Luthers
7) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers«, Stuttgart 1915
8) »Septuaginta Deutsch/ Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung«, Stuttgart, 2. Verbesserte Auflage 2010
9) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Heilige Schrift/ Aus dem Grundtext übersetzt/ Elberfelder Bibel revidierte Fassung«, Wuppertal und Zürich, 4. Sonderausgabe 1995
10) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente Band II: Theozoologie«, Wien, Leipzig, Budapest 1906, Seite 5 und 9
11) ebenda, S. 26
12) ebenda
13) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 12
14) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 2
15) Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx«, München 1989. S. 81


232»Von Luxor zur Osterinsel«,
Teil 232 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.06.2014



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Sonntag, 26. Mai 2013

175 »Der Tempelturm von Tanjore«

Teil 175 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Teil des Tanjore-Tempelkomplexes
Foto W-J.Langbein
»Du möchtest also ein Sthapati werden?« fragt mich der junge Inder vor dem Tempelturm von Tanjore. Mythen und Mauern haben es mir schon seit Jahrzehnten angetan. Und Tanjore, 320 Kilometer südlich von Madras, ist ein wirklich lohnendes Ziel für den Reisenden in Sachen »Rätsel der Menschheit«. Wir sind kurz ins Gespräch gekommen, der in der uralten Tradition verwurzelte Inder und ich, der neugierige Besucher. So hat der junge Mann in Jeans und rotem T-Shirt erfahren, dass ich Theologie studierte. »Sthapati?« frage ich verunsichert. Der junge Inder fährt fort, mit einem Reisigbesen den Tempelvorplatz zu fegen. Er deutet auf den Tempelturm von Tanjore.

»Stell' Dir vor, Du bist Priester in Deiner Religion. Ein gewaltiger Sturm bringt Dein Gotteshaus zum Einsturz ... Was unternimmst Du dann?« Ich reagiere verunsichert. Mein Gesprächspartner lacht. »Ich beauftrage ein Bauunternehmen...« Im »Alten Indien«, so erfahre ich, war der Sthapati nicht nur Priester. Als solcher musste er die heiligen Zeremonien zu Ehren der Götter abhalten. Er war Betreuer der Gläubigen, die in den Tempel kamen. Er erklärte ihnen die heiligen Überlieferungen aus uralten Zeiten. Er las ihnen aus den heiligen Texten vor, in denen von Göttern die Rede ist, die in den Lüften ebenso zuhause waren wie auf der Erde. Und er war Priester-Architekt. Er musste die heilige Geometrie anwenden, wenn ein Tempel gebaut oder renoviert wurde.

»Der Tempel war kein einfaches Gebäude, kein simpler Ort der Versammlung ... Er war heilig ... als plastisch-materielle Dimension des jeweiligen Gottes!« Traurig deutet der junge Inder auf einige Besucher aus der ach so »zivilisierten Welt«. Manche sehen so aus, als kämen sie eben vom Badestrand. »Leider werden Tempel oft nur noch als Touristenattraktionen gesehen ...« Und wirkliche Sthapati gebe es schon lange nicht mehr.

Ein erster Eingang
Foto: W-J.Langbein
Wer sich für militärische Wehranlagen interessiert, die vor vielen Jahrhunderten errichtet wurden ... sollte unbedingt nach Indien reisen. Massive Forts beeindrucken allein schon durch die gigantischen Massen verbauten Steins. Sakrale Tempelanlagen haben mich – mit einer kleinen Reisegesellschaft – nach Indien gelockt. Offenbar gab es einst massive Baukomplexe, Burgen mit Monstermauern, die den Göttinnen und Göttern vorbehalten waren ... und natürlich dem »Bodenpersonal« der Himmlischen. Offenbar sind viele der einst so massiven Monstermauern im Lauf der Geschichte abgetragen worden. Auch von den einst so stolzen Tempeln hat nur ein Teil überlebt.

Wann die theologischen Architekten die ersten Tempel auf dem Reißbrett entworfen haben mögen? In den ältesten Überlieferungen, etwa dem Rig Veda, wird bereits von den sakralen Bauten berichtet. Und diese Texte entstanden vor 3.500, vielleicht sogar schon vor 4.000 Jahren ... oder noch sehr viel früher! Noch älter mögen die Höhlenheiligtümer sein, in denen schon die Götter des »Alten Indien« verehrt und angebetet wurden. Im Jahr 2004 wurde die Küste von Tamilnadu von einem Tsunami heimgesucht. Bei Mahabalipuram wurden von den Naturgewalten Sandmassen weggespült ... und altes Mauerwerk freigelegt.
Dr. Satchidanandamurti untersuchte die steinernen Strukturen. Zwei Tempel, so ließ er verlauten, waren so entdeckt worden. Einer von ihnen war »mindestens 800 Jahre alt« ... stand aber auf einem sehr viel älteren Bauwerk. Und das wurde auf die Zeit um Christi Geburt datiert.

Bei meinen Recherchen vor Ort stieß ich auf eine Fülle von Daten. Demnach gehen die ältesten Tempel auf die Zeit zwischen 200 vor und 500 nach Christus zurück. Die jüngsten – von Neubauten aus unseren Tagen abgesehen – stammen aus dem 17. Jahrhundert. In Madurai (Bundesstaat Tamil Nadu) leben heute über eine Million Menschen. Im dritten Jahrhundert v. Chr. dürfte Madurai bereits Hauptstadt des Pandyareiches gewesen sein. Man kann davon ausgehen, dass es schon damals Tempel gab!

Tempel wurden nicht an beliebigen Orten errichtet. Sie kennzeichneten vielmehr heilige Stätten aus uralten Zeiten, die von den Anhängern »neuerer« Religionen übernommen wurden. Madurai jedenfalls hat eine Geschichte, die deutlich in vorchristlichen Zeiten ihren Anfang genommen hat. Sie wird bereits im Sanskrit-Text »Arthashastra« des Kautilya (um drittes/ viertes Jahrhundert v. Chr.?) erwähnt. Angeblich gab es hier so etwas wie eine vorgeschichtliche Universität, in der die heiligen Texte studiert wurden.

Ein zweiter Eingang
Foto: W-J.Langbein
Tempelkomplexe waren sehr personalintensiv: Vom Architekten, der stets darauf achten musste, dass uralte Baupläne strikt eingehalten wurden ... zum Hilfsarbeiter, der die wertvollen Werkzeuge der Steinmetzen pflegen musste. Unzählige Priester und ihre Helfer gestalteten das religiöse Leben. Sie achteten auf die Einhaltung der unzähligen Vorschriften, die das Leben der Bewohner sakraler Welten regelten. Auch mussten die heiligen Gesänge zu Ehren der Götter vorgetragen werden. Dann waren da schon vor vielen Jahrhunderten Pilger, die die Tempel aus uralten Zeiten aufsuchen wollten. Größere Tempelkomplexe sollen mehrere Hundert Tänzerinnen benötigt haben, die auf ihre Weise Göttinnen und Göttern huldigten.

»Wenn Du ein Sthapati werden willst, so kennst Du gewiss die heiligen Texte Deines Glaubens!« fragt mich der kundige Inder mit dem Besen. »Im ersten Teil Deiner Bibel ist von einer Feuersäule die Rede ...« Ich freue mich, zu Füßen des majestätischen Tempelturms zu Tanjore das »Alte Testament« zitieren zu können (1): »Und Jahwe zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.«

Die »Feuersäule«, so erfahre ich, ist keineswegs ein rein biblisches Phänomen. Einst, so ist überliefert, kam es zu einem heftigen Streit zwischen den großen Göttern des »Alten Indien«. Da erschien eine Feuersäule am Himmel, deren Ausmaße nicht zu ergründen waren. Gott Brahma versuchte, die Spitze des Himmelsphänomens zu erreichen ... vergeblich. Vishnu scheiterte ebenfalls. Er wollte den tiefsten Punkt der Säule ausfindig machen. Als die Götter vor der unglaublichen Größe der Feuersäule vor Ehrfurcht erstarrten, tat sie sich auf und Shiva erschien.
Stolz erklärt mir mein Gesprächspartner: »Dieser Komplex hier ... war eine heilige Festung, in der Shiva verehrt und angebetet wurde. 400 Tempeltänzerinnen gingen ihrer Arbeit nach. 600 Handwerker waren ständig damit beschäftigt; sie renovierten, erneuerten...« Die alten Götterkulte scheinen floriert zu haben. Tausende und Abertausende fanden Arbeit.

Und noch ein Eingang
Foto: W-J.Langbein
In glühender Hitze versuchte ich den Brhadisvara-Komplex von Tanjore zu erfassen. Was in der Literatur gelegentlich als »Tempel« verniedlicht wird, Das zentrale Gebäude steht auf einem 240 Meter langen und 120 Meter breiten, von massiver Mauer umgebenen Areal. Herrscher Rajaraja I. soll 1003 den Baubeginn angeordnet haben. Sieben Jahre später hatte ein Arbeiterheer den Auftrag bereits erledigt.

Unvorstellbare Massen von Stein mussten fast fünfzig Kilometer vom Steinbruch zur Tempelanlage geschafft werden. Ausgerichtet ist die sakrale Miniaturstadt von Südosten nach Nordwesten. Betritt man den Komplex im Südosten, so durchschreitet man eine Säulenhalle, besucht vielleicht einen Versammlungssaal und erkennt einen imposanten »Vorraum«. Im Zentrum befindet sich das Allerheiligste, das Sanktuarium ... und darüber erhebt sich stolz – bis zu einer Gesamthöhe von 74 Metern (2) – die steile Tempelpyramide, ein Bauwerk von beeindruckender Schönheit!

58 Meter hoch, so lese ich vor Ort auf einer kleinen Tafel, ist der Tempelturm. Es war vor fast genau einem Jahrtausend eine Meisterleistung der Statik, solch einen Koloss auf einen »heiligen Raum« zu setzen. Dreizehn »Stockwerke« umfasst die Pyramide, die mich in verblüffender Weise an ähnlich steile Maya-Türme erinnert. Die einzelnen Stufen des anmutig wirkenden Turms sind aber fast überhaupt nicht zu erkennen. Mit künstlerischer Präzision sind unzählige Verzierungen angebracht, die den Eindruck einer glatten, gleichmäßig spitz zulaufenden Oberfläche vermitteln.

Golden leuchten heilige
Kultanlagen im Sonnenschein.
Foto: W-J.Langbein
»Wenn Du ein Sthapati werden willst, solltest Du wissen, dass der Tempelturm den ›heiligen Berg‹ darstellt ... die Kugel hoch oben an der Spitze ist ein Vimana ... und der ›heilige Raum‹ unter dem Turm die heilige Höhle, den Mutterschoß!« Ich wende ein: »Manche verstehen ja auch den gesamten Turm mit steinerner Kugel an der Spitze als Vimana, als Vehikel der Götter!« Wie sich doch die Bilder gleichen! Im 2. Buch Mose (3) wird beschrieben, wie die Israeliten auf der legendären Flucht aus Ägypten am Berg Sinai ankommt.
Der Gott der Bibel verbietet dem Volk, den Berg Sinai zu besteigen. Ein Zaun muss errichtet werden, um die Menschen daran zu hindern, auf die Spitze des Berges zu steigen. Es droht nämlich Gefahr: Der biblische Gott wird vom Himmel hoch auf den Gipfel des Berges herabsteigen. So geschieht es dann auch (4):

»Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Gott auf den Berg herniederfuhr im Feuer; und der Rauch stieg auf wie der Rauch von einem Schmelzofen und der Berg bebte sehr.«


Fußnoten
1: 2.Buch Mose, Kapitel 13, Vers 21
2: Die Höhenangaben variieren in den verschiedenen Quellen geringfügig.
3: 2.Buch Mose Kapitel 19, Verse 1-25
4: 2. Buch Mose Kapitel 19, Vers 18

»Das Geheimnis der steinernen Kugel«,
Teil 176 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 02.06.2013


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Sonntag, 10. März 2013

164 »Von einem Gott, der vom Himmel stieg«

Alle Straßen führen nach Cobá«, Teil III
Teil 164 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Tulum, Mayastädtchen am Meer
Foto: W-J. Langbein
Zu den schönsten Ruinenstätten der Mayas gehört die faszinierende Anlage von Tulum. Direkt am Karibikstrand gelegen, lockt Tulum Massentourismus an. Zu günstigsten Pauschalpreisen können Scharen nordamerikanischer Touristen, »ALL INCLUSIVE« sei Dank!, ihre puritanisch-frömmelnde Lebensweise vergessen und sich betrinken. Am kulturellen Erbe der Mayas haben diese Vertreter der »zivilisierten Welt« eher selten Interesse. Dabei bieten einige der im gleißenden Sonnenlicht förmlich strahlenden Tempel ein Geheimnis: In mehreren Varianten steigt da, im Stuck verewigt, ein Gott hernieder. Mit angezogenen Beinen stürzt er kopfüber aus dem Himmel zur Erde.

Eines der sakralen Bauten, ein kleiner, aber feiner Tempel, trägt die Bezeichnung »Templo de los Frescos« (der »Freskentempel«). Seine zentrale Lage in der Ruinenstadt lässt auf eine ganz besondere Bedeutung schließen. Über dem Eingang wurde das Relief des »herabstürzenden Gottes« angebracht. Einen fast identischen Schmuck gibt es am »Castillo«, einem weiteren Tempel. Auch hier findet sich ein Gegenstück zur biblischen Himmelfahrt. Der Maya-Gott strebt nicht dem Himmel entgegen wie weiland Jesus auf so manchem christlichen Gemälde. Er kommt vielmehr aus dem Himmel zur Erde.

Ein ganz ähnliches Motiv findet sich in Cobá. Wer allerdings im Sauseschritt durch die weitläufigen Tempelanlagen hastet, bekommt es nicht zu Gesicht ... Guides weisen in der Regel auch nicht darauf hin.

Im Standardwerk »Das Alte Mexiko« von Hanns J. Prem und Ursula Dyckerhoff lesen wir über die Pyramide »Nohoch Mul« (1): »Letztere mit intaktem Tempel und bemalter Skulptur des Herabstürzenden Gottes«. Mir scheint, die Experten haben nicht die steile Pyramide »Nohoch Mul« erklommen. Sonst wüssten sie, dass dort nicht eine Skulptur des ominösen vom Himmel stürzenden Gottes zu sehen ist ... sondern deren zwei. Und ursprünglich waren es wohl deren drei, also eine Maya-Trinität!

Maya-Treppe in den Himmel
Foto: W-J. Langbein
Man nähert sich der mit einer Höhe von 42 Metern den dichten Urwald überragenden Pyramide. Eine imposante Treppe von zwölf Metern Breite führt empor zum Tempel an der Spitze. Wer dort oben ankommen will, muss 120 steile Treppenstufen überwinden. Wer die »Himmelstreppe«, die teilweise erheblich beschädigt ist, genauer betrachtet, erkennt eine Besonderheit des Bauwerks: Es wurde terrassenförmig angelegt. Wer die Treppe erklimmt, sieht, dass zwölf Plattformen den massiven Leib des »großen künstlichen Hügels« bilden.

In gewisser Weise erinnert das Bauwerk dem ebenfalls steilen »Turm von Babel«, der auch ganz oben auf seiner höchsten Plattform einen Tempel trug ... so wie »Nohoch Mul«, so wie die typische zentralamerikanische Pyramide. Sie diente, anders als etwa die Cheopspyramide, als Sockel für den Tempel, der dem Himmel möglichst nahe sein sollte. Die Pyramide in Mexico – etwa der »Tempel der Inschriften« – ist von untergeordneter Bedeutung. Sie hat einen Tempel zu tragen ... und das möglichst hoch über der Erdoberfläche. Erinnern wir uns: Auch die »Kukulkan-Pyramide« von Chichen Itza hatte diese Funktion!

Im Reiseführer von Marianne Mehling stoßen wir auf den gleichen Fehler, der uns schon bei Prem und Dyckerhoff aufgefallen ist (2): »Dieses ... Heiligtum bewahrt in einer der drei rechteckigen Eingangsnischen die polychrome Skulptur des ›Herabstürzenden Gottes«, der in den archäologischen Stätten am Karibischen Meer häufig auftaucht.«

Tempel auf der Pyramidenspitze
Foto: Wolfgang Sauber,
Creative Commons
Diese Beschreibung ist etwas irreführend: Bei den »rechteckigen Eingangsnischen« handelt es sich vielmehr um Nischen im Dachfries. Zwei davon sind noch recht gut erhalten. Da man davon ausgehen kann, dass das Gebäude symmetrisch war, ist eine dritte Nische zu vermuten. Sie befand sich in jenem Teil des Frieses, das offenbar eingefallen ist und nicht rekonstruiert wurde. Die beiden anderen Nischen über dem schmalen Eingang in den Tempel und im rechten Teil des Frieses sind gut erhalten ... und in jeder von ihnen stürzt der aus Tulum bekannte Gott vom Himmel zur Erde.

Bis heute wurde der »große künstliche Hügel« nur äußerlich untersucht und auch nur zum Teil rekonstruiert.

Archäologen vermuten, dass auch (wie viele andere Maya-Bauten, etwa die »Pyramide des Zauberers«) »Nohoch Mul« in mehreren Etappen gebaut wurde. Vermutlich gab es ein sehr altes Ur-Gebäude, über das nach und nach mehrere Schichten gestülpt wurden. Aus bislang unerfindlichen Gründen scheinen die Mayas ihre religiösen Zentren in regelmäßigen Abständen urplötzlich verlassen zu haben, um auf Wanderschaft zu gehen und an anderer Stelle eine neue Siedlung anzulegen.

So befinden sich – davon kann man wohl ausgehen – im Inneren der Pyramide in ihrer heutigen Form ineinander verschachtelt weitere Pyramiden, vermutlich auch Tempel. Man müsste wie ein Bergmann Tunnel in den Leib der Pyramide treiben, um dort dann die älteren Tempel zu entdecken. Ob sich für diese verlockende Aufgabe finanzielle Mittel locker machen lassen? Ich habe da meine Zweifel. Positiv formuliert: Die Pyramiden im Inneren der Pyramide sind geschützt und weder der auch in Mexiko bedenklichen Umweltverschmutzung, noch den trampelnden Füßen der Touristen ausgesetzt! Auch schreitet die Technologie der praktischen Archäologie voran. Ich bin sicher: Eines Tages wird man Miniaturkameras durch Bohrlöcher in das Innere der Pyramide einführen.

Die beiden erhaltenen Götter
von Cobá
Fotos: Wolfgang Sauber,
Creative Commons
Erinnern wir uns: Der Gott des »Alten Testaments« stieg wütend vom Himmel hernieder, um den »Turm zu Babel« (mit einem Tempel auf der Spitze) zu inspizieren. In Tulum und Cobá sehen wir ebenfalls vom Himmel zur Erde herabsteigende Götter. In Cobá wie in Tulum kannte man sie ... die vom Himmel stürzenden Götter. Man verewigte sie in Skulpturen ...

Die Steinmetze von Cobá waren fleißig. Sie haben an so mancher Treppenstufe empor zum Tempel Symbole angebracht, die an Muscheln erinnern. Und sie haben über dreißig Kunstwerke geschaffen, Stelen aus Stein und steinerne Wandtafeln. Für die Ewigkeit waren diese Bildnisse nicht gedacht. Oder ahnten die Künstler zu Maya-Zeiten nicht, wie rasch der Zahn der Zeit den Platten aus Kalkstein zusetzen würde? Es wurden Maya-Glyphen (im Gegensatz: ägyptische Hieroglyphen) in äußerst porösen Kalkstein gemeißelt.

Sie sind heute so stark verwittert, dass kaum noch etwas von den alten Zeichen entziffert werden kann. »Ach, könnte man sie nur noch wie ein Buch lesen ...« klagte ein Archäologe vor Ort. »Dann wüssten wir mehr von Cobá!« Etwas besser zu erkennen sind die bildhaften Darstellungen auf den Stelen. Da steht ein »Würdenträger« (Herrscher? Fürst? Priester? Krieger?) aufrecht und stolz. Häufig sieht man zu Füßen des Stehenden, auch direkt darunter, einen Liegenden. Manchmal wird der Stehende von zwei demütig Hockenden getragen. Oder sollen nur die betenden Kleinen dargestellt werden, die sich vor dem Großen demütig erniedrigen?

Eine der Stelen
Foto: W-J.Langbein
Ich taste eine Stele ab ... In der Hand hält der Würdenträger einen Stab, der an ein Zepter erinnert. An beiden Enden befinden sich Masken oder Köpfe. Die Bedeutung des Stabs ist umstritten. Vor Ort gab man mir eine Erklärung, die mir einleuchtet... passt sie doch zu den vom Himmel stürzenden Göttern. Oder war nur ein Gott, der vom Himmel kam, der aber mehrfach in Stein gemeißelt wurde. Der untere Kopf steht für Erde/ Unterwelt, der obere bedeutet den Himmel. Der Stab symbolisiert die Verbindung zwischen Himmel und Erde... den Weg, den der herabstürzende Gott aus dem Himmel zur Erde gewählt hat!

Ist dies die Botschaft von Cobá? Erzählen uns Pyramiden und Stelen einen Mythos: Hier kamen göttliche Wesen vom Himmel zur Erde? War Cobá so etwas wie ein Heiligtum, weil sich in längst vergessenen Zeiten Menschen und Götter begegneten? War Cobá eine Begegnungsstätte von Menschen und Göttern, wie das indische Vijayanagara? Schade, dass wir die Glyphen von Cobá nicht mehr wie ein Buch lesen können!

»Das kann schon sein!« pflichtete mir ein Archäologe vor Ort im »Villas Arqueológicas« bei. „Wir wissen sehr viel weniger als wir vorgeben! Selbst wenn Darstellungen auf verwitterten Stelen beschrieben werden, kommt viel Fantasie ins Spiel." Fragen über Fragen ...«

Die ovale Pyramide von Cobá
Foto: W-J.Langbein
Warum wurde die mehrschichtige »Xai-be«-Pyramide als fast ovaler Bau angelegt? Wurde die kuriose Pyramide als Aussichtsplattform benutzt? Warum wurden die Straßen mit einer besonders hellen Schicht überzogen? Waren die Straßen nicht nur profane Verkehrswege, sondern Peillinien? Wiesen sie auf besonders heilige Orte hin?

»Schauen Sie sich vor Ort um!« ermutigte mich »mein« Archäologe. »Und misstrauen Sie den Beschreibungen in wissenschaftlichen Werken! Da werden vermeintliche ›Tatsachen‹ aufgetischt, die einfach nicht stimmen. Da werden Vermutungen als bewiesene Erkenntnisse ausgegeben!«

Ich berichtete dem Archäologen von meiner Begegnung mit dem dicken Uniformierten, der die große Pyramide von Cobá so flott erstieg und der so unrühmlich wieder nach unten kletterte. »Im Volksglauben leben uralte Überlieferungen weiter, die Sie in keinem Buch finden werden!« Ich fragte nach: »Auch von der Göttin?« Mein Gesprächspartner wurde sehr ernst: »Auch von der! Sie wurde schon lange vor der Zeit der Mayas angebetet! Und sie hat noch heute Anhänger, auch in mächtigen Kreisen von Politik und Militär! Die katholische Kirche weiß das. So lange jemand offiziell getaufter katholischer Christ ist ... ist alles in Ordnung! Der Versuch, den uralten Glauben in Vergessenheit geraten zu lassen, wurde längst aufgegeben ... nach Jahrhunderten des Kampfs gegen das "Heidentum", das älter als das der Mayas ist!«

Fußnoten
1: Prem, Hanns J. und Dyckerhoff, Ursula: »Das Alte Mexiko – Geschichte und Kultur der Völker Mesoamerikas««, München 1986, S. 402
2 Mehling, Marianne (Herausgeberin): »Mittelamerika – Die Welt der Maya«, Lizenzausgabe, Augsburg 1998, S. 100

»Nach Indien, der Götter wegen ...«
Teil 165 der Serie »Monstermauern, Mumien und Mysteien«
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 17.03.2013


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