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Sonntag, 26. Oktober 2014

249 »Vom biblischen Behemoth und anderen Monstern«



Teil 249 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Mein »Erstling« als Taschenbuch
Am 25. Oktober 2014 hielt ich auf dem »1-Day-Meeting« der A.A.S.-Gesellschaft (A.A.S. steht für Archäologie, Astronomie und Seti) einen Vortrag, betitelt »Pyramiden, Monster, Fabelwesen - von Cheops bis zum Dom zu Paderborn«. Im Rahmen meiner Serie im Blog von »Ein-Buch-lesen« erscheint eine erweiterte, ausführlichere Fassung meines Vortrags. Heute lesen Sie Teil 2.

Mein Vortrag stellt so etwas wie eine Reise durch mein schriftstellerisches Schaffen dar. Vor 35 Jahren - 1979 - erschien mein erstes Buch, »Astronautengötter«. Vor 35 Jahren hielt ich auf der Weltkonferenz der A.A.S. in München meinen Vortrag »Die Sachemit den Urtexten«.

Ich kann nur konstatieren: In Sachen Behemoth herrscht seit Jahrhunderten weitestgehend Ratlosigkeit bei den Übersetzern! Wer immer nur eine bestimmte Bibelübersetzung konsultiert, mag glauben, dass er damit die einzig wahre Übersetzung kennt. Fakt ist aber, dass unterschiedliche Bibelausgaben ganz unterschiedliche, voneinander stark abweichende Textversionen bieten. Nicht zuletzt dank des Internets kann heute auf unzählige Bibelvarianten zurückgegriffen werden, um mysteriöse Passagen in den unterschiedlichen Varianten miteinander zu vergleichen.

In den Chor der Interpreten mischt sich eine Stimme, die manchen Theologen schrill in den Ohren klingen mag. Vor nunmehr  vierzig Jahren machte mich Theologieprofessor Maurer auf das Werk von Dr. J. Lanz-Liebenfels aufmerksam. Hinter einer Reihe von kirchengeschichtlichen Werken verstauben schmale Bändchen aus der Feder von Lanz-Liebenfels, stapelten sich Zeitschriften mit Artikeln über die Realität von Mischwesen. Lanz-Liebenfels, ein schon zu Lebzeiten umstrittener Theologe mit obskuren, ja faschistischen Ansichten, schlug anno 1906 in seinem Werk »Theozoologie« (16) eine erstaunlich moderne Lösung für das Problem vor. Behemoth war seiner Überzeugung nach ein Tier-Mensch, also ein Mischwesen aus Mensch und Tier, so wie die namenlose Kreatur, die einst Gott Make-Make nach alter Mythologie auf der Osterinsel schuf. Und Lanz-Liebenfels zitiert den Talmud: »Gebenedeit sei der, der die Geschöpfe verändert.«

Der Theologe konnte sich vor mehr als einem Jahrhundert nicht vorstellen, dass mit Hilfe der Gentechnik tatsächlich Geschöpfe »verändert« werden können. Gentechnik ist der Schlüssel zu einem realen Frankenstein-Labor, das schlimmste Horror-Kreaturen ins Leben rufen kann. Im Vergleich dazu mutet Dr. Frankensteins aus Leichenteilen zusammengesetztes Monster wie eine holde Lichtgestalt an.

Mischwesen nach Lanz-Liebenfels (X)

Dr. Lanz-Liebenfels war vor mehr als einem Jahrhundert davon überzeugt, Abbildungen solcher Mischwesen gefunden zu haben (17): »Auf dem sogenannten schwarzen Obelisken des Assyrerkönigs Salamasar II. sind merkwürdige Darstellungen zweibeiniger menschenartiger Wesen zu sehen.«

Nun könnte man annehmen, dass da unbekannte Künstler vor rund drei Jahrtausenden irgendein Horrormärchen mit Fantasiegestalten illustriert haben. Dem ist aber nicht so. Die Gravuren gehören nicht zu einer Fantasy-Story, sondern – das wird im dazugehörigen Keilschrifttext genau aufgelistet – zu einem sachlichen Bericht (18):

Wer oder was wurde da an der Kette geführt? (X)

»Die Beischrift, eine nüchterne geschichtliche Tributliste, besagt, dass der König aus dem Lande Mursi (aramäische Landschaft) prati baziati und udumi als Tribut erhalten habe.«

Da wurden also vor drei Jahrtausenden mysteriöse Mischwesen verewigt, in Wort und Bild, die es in der Natur nicht gegeben haben darf. Sind es »geänderte Geschöpfe«, so wie der Behemoth, den der biblische Gott als Erstes geschaffen hat, und zwar noch vor dem Menschen? Sind es gentechnisch fabrizierte Mischwesen aus Gottes Labor? Dr. Lanz-Liebenfels (19): »Werfen wir einen Blick auf die baziati. Die Wesen haben etwas Affenartiges an sich, aber trotzdem dürfen sie nicht als Affe ohne weiteres angesprochen werden. Ihr Gesamttypus – sackförmiger Leib, kurze Extremitäten – ist geradezu reptilienhaft.«

Dr. Lanz-Liebenfels ließ vor über hundert Jahren keinen Zweifel aufkommen (20):

»… Ausgeschlossen ist es, dass die .. dargestellten Zoa (Lebewesen) aus Mangel an künstlerischer Technik unverlässlich seien. Die abgebildeten Tier- und Menschengestalten sind von überraschender Naturwahrheit. Übrigens zeigen die Assyrer um diese Zeit in der Plastik eine Realistik der Tierdarstellungen, die selbst heute noch Ihresgleichen sucht. Bekanntlich nannte man die Assyrer in neuester Zeit scherzweise die ›Holländer‹ des Altertums. Die Wesen haben wirklich ausgesehen, wie sie dargestellt sind.«

Naturgetreu dargestellte Wesen.
Menschen führen Monstermischwesen (X)

Nicht anders urteilt Erich von Däniken, der die mysteriösen Mischwesen erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellte (21): »Auch die kleinwüchsigen Menschentiere auf dem assyrischen Obelisken werden von Wärtern an der kurzen Leine gehalten. Es sind Tiere mit menschlichen Köpfen; eines der Mischwesen steckt den Daumen in den Mund – die Monstren lebten!«

Weltweit wimmelt es von Legenden, Mythen und heiligen Überlieferungen, in denen Götter agieren. Weltweit gibt es  Texte über Götter, die Lebewesen erschaffen. Waren es Götter, die weltweit mit gentechnischen Mitteln abstruseste Lebensformen erzeugt haben? Darstellungen dieser Kreaturen gibt es weltweit.  Eine kleine Auswahl gefällig? Assurbanipals Soldaten erbeuteten einige dieser merkwürdigen Wesen. Künstler hielten fest, wie die Geschöpfe abtransportiert werden. Deutlich zu erkennen: Sie waren Tier-Mensch-Mischungen. Mischwesen wurden als Grabkunst vor 5 000 Jahren im Reiche Ur verewigt, darunter eine »Kombination« aus Mensch und Skorpion. Seltsam! Solche Skorpionwesen meißelten unbekannte Künstler auch vor nicht ganz  1 000 Jahren in den Fries am »Paradiestor« (Dom zu Paderborn).

Ein »Skorpionwesen« von Paderborn. Foto W-J.Langbein

Wo einst Göttinnen verehrt wurden, ließ Karl der Große im achten Jahrhundert nach Christus Kirchen errichten. Mit brachialer militärischer Gewalt wurden zum Beispiel die Sachsen »bekehrt«. Anno 776 triumphierte Karl der Große in Paderborn.  Seine Truppen hatten die »heidnischen Sachsenstämme« gewaltsam unterworfen und zum Glauben der Nächstenliebe »bekehrt«. Wer sich nicht zwangsweise taufen ließ, musste mit dem Schlimmsten rechnen. So wurden in Verden an der Aller anno 782 auf Befehl Karls des Großen 4500 bekehrungsunwillige Sachsen abgeschlachtet.

Im siebten Jahrhundert ließen sich heidnische Sachsen an den Quellen der Pader nieder. Sie nannten ihre Siedlung »Padrabrunno«. 772 machte sich Karl der Große an die Eroberung des Sachsenreichs, verwüstete gezielt ihre Heiligtümer. So ließ er das Zentralheiligtum der Sachsen, die Irminsul, zerstören. »Padrabrunno« war dem Sachsenschlächter ein besonderer Dorn im Auge. Mit militärischer Gewalt »christianisierte« der Herrscher den heidnischen Ort und machte ihn zu einem christlichen Zentrum. Anno 799 wurde Papst Leo III. aus Rom vertrieben. Er flüchtete nach Paderborn, um Karl den Großen um Hilfe anzuflehen.

Archäologische Ausgrabungen belegen die Jahrtausende alte Geschichte von Paderborn, die weit in die Steinzeit reicht. Große Erdwerke deuten auf kultische Praktiken hin. In Verbindung mit auf engstem Raum sprudelnden Quellen ist ein matriarchalischer Quellgöttinnenkult wahrscheinlich. Der Dom zu Paderborn wurde just dort errichtet, wo ein erstes christliches Gotteshaus gebaut worden war: über einigen Quellen des Flusses Pader, der dem Ort den Namen gab. Die erste Kirche wurde wohl schon im achten Jahrhundert gebaut – im Quellgebiet der Pader. Die Weihe fand anno 777 statt.

Dieses Fundament  könnte auf Karl den Großen zurückgehen.
Foto W-J.Langbein


Dass Karl der Große so besonders fromm war, ist angesichts seiner grausamen Kriege gegen die Heiden zweifelhaft. Selbst unter seinen theologischen Beratern war seine »Schwertmission« umstritten. Der Herrscher war ein militärischer Stratege. Zur vollkommenen Unterwerfung der Sachsen gehörte es nicht nur, ihre militärische Macht zu brechen. Ihre religiösen Wurzeln sollten gekappt werden. Ein fremder Glaube wurde ihnen aufgezwungen. Es ist der blanke Hohn, dass die Heiden mit brutaler Gewalt zur Religion der Nächstenliebe bekehrt wurden. So leicht waren die Sachsen aber nicht zu besiegen. Immer wieder attackierten sie das »christianisierte« Paderborn, zerstörten das steinerne »Gotteshaus«. Immer wieder wurde es aufgebaut.

Das steinerne Portal des Paradiestores ist mit zahlreichen Plastiken und mysteriösem, gemeißelten Zierrat geschmückt. Vor Jahrhunderten wurde das alles von den Menschen, die Analphabeten waren, verstanden. Könnte man doch noch heute die steinernen Bildnisse wie ein Buch lesen! Leider geriet aber die Bedeutung manches Reliefs inzwischen in Vergessenheit.

Zwei hohe hölzerne Türen tragen je eine hölzerne Heiligenfigur. Links steht Kilian, rechts Liborius (mit Buch). Die Statuen der beiden Dompatrone wurden im zwölften Jahrhundert geschnitzt. Vor dem Mittelpfosten begrüßt Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm die Besucher des Doms als Himmelskönigin. Ein unbekannter Künstler hat die Figur vermutlich im frühen dreizehnten Jahrhundert erschaffen.

Auf den beiden Portalgewänden links und rechts vom Tor haben sich Apostel versammelt. Die steinernen Statuen sind immerhin fast zwei Meter groß. Von den drei Heiligen links können wir nur zwei identifizieren: Jakobus der Ältere (in der Mitte) hat die Jakobs-Muschel an der Brust. Neben ihm, zur Tür hin, steht mit auffällig gelocktem Haar Petrus. Auf der rechten Seite stehen (von links nach rechts): Paulus mit hoher Stirn, der Jüngling neben ihm soll wohl Jesu Lieblingsjünger darstellen. Den dritten Apostel (von links) kennen wir nicht.


Heilige Katharina.
Foto Langbein
Ganz rechts außen genießt die Heilige Katharina ihren Triumph. Sie steht stolz in die Ferne blickend auf dem zappelnden Kaiser Maxentius. Auf diese Weise soll Katharinas Überlegenheit deutlich zum Ausdruck gebracht werden. Die fromme Legende weiß zu berichten, dass sich Katharina im dritten oder vierten Jahrhundert dem Christentum verschrieb. Als Kaiser Maxentius (nach anderen Überlieferungen Kaiser Maximus, Vater von Maxentius) Christen zum Tod verurteilte, setzte sich Katharina furchtlos für ihre Glaubensgenossen ein. Anstatt von seinen Untertanen Opfer für Götzenbilder zu fordern, könne er doch selbst zum Christentum übertreten. Das scheint dem Kaiser – nach frommer Legende – imponiert zu haben. Er ließ die fünfzig klügsten Wissenschaftler gegen Katharina debattieren, sie zogen alle den Kürzeren und wurden ihrerseits zum Christentum bekehrt. Fasziniert machte der Herrscher Katharina einen verlockenden Vorschlag: Als seine Gattin würde sie zur mächtigsten Frau im Reich werden. Doch Katharina lehnte ab. Sie hätte ihren Glauben ablegen müssen. Das kam für sie nicht infrage. Der Kaiser war bitter enttäuscht. Hatte er doch gehofft, mit einer Christin an seiner Seite auch von widerspenstigen Christen anerkannt zu werden.

Nachdem Worte versagt hatten, wurde Katharina in einen finsteren Turm gesperrt und immer wieder gefoltert. Hunger und Schmerzen sollten sie mürbe machen. Sie blieb aber bei ihrem Glauben. Zwölf Tage und Nächte sollte Katharina, das haben ihre Peiniger beschlossen, ohne Nahrung ausharren. Eine weiße Taube sorgte aber für Speis‘, so dass Katharina bei Kräften blieb. Engel kamen immer wieder ins schreckliche Verließ und behandelten auf wundersame Weise die schlimmen Wunden der standhaften Christin. Christus selbst soll im Kerker erschienen sein, um Katharina auf den Märtyrertod vorzubereiten.

Katharina sollte schließlich gerädert werden. Bei dieser höchst qualvollen Todesart sollten ihr alle Knochen im Leib mit einem schweren Rad gebrochen und schließlich sollte sie zerteilt werden.  Zahlreiche Schaulustige trafen ein, um sich am blutigen Schauspiel zu ergötzen. Aus heiterem Himmel fuhr aber ein Blitz hernieder und rettete Katharina – vorerst. Nach einer anderen Überlieferung kam ein Engel vom Himmel und zerstörte das grausame Folterinstrument. Das tat er – so die fromme Sage – mit solcher Heftigkeit, dass gleich viertausend neugierige Gaffer, die Katharina sterben sehen wollten, selbst getötet wurden. Schließlich wurde Katharina geköpft. Aus der Wunde sprudelte kein Blut, sondern Milch. Ihr geschundener Leib, so heißt es weiter, sei ins Heilige Land geschafft worden, wo er erst 500 Jahre später wieder entdeckt wurde.

Katharina ist eine der beliebtesten Heiligen überhaupt. Und das, obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass sie wirklich gelebt hat. Für den heutigen Zeitgenossen, dem Leidenstheologie nicht einleuchtet, mutet die Märtyrerideologie des Christentums befremdlich an. Wieso müssen gerade die besonders Gläubigen grausamen Todes sterben? Warum wird – zum Beispiel – Katharina zunächst auf wundersame Weise geholfen? Warum bringt ihr eine mysteriöse Taube – der Heilige Geist? – Nahrung, wenn böse Menschen sie hungern lassen wollen? Warum lindern, ja heilen Engel ihre Wunden, wenn ihr doch wieder neue zugefügt werden sollen? Letztlich scheint ihr Schicksal von Anfang an besiegelt zu sein. Warum wird keine der Heiligen durch ein Mirakel das Leben gerettet?

Vom Markt aus betrachtet fällt ein Detail nicht auf, das umso mehr stört, je näher man sich dem Paradiesportal nähert. Dann erkennt man nämlich, dass alle Heiligenfiguren von einem dichten, eng anliegenden Netz bedeckt sind. Sollte es als Schutz gegen Tauben gedacht sein, damit sie sich nicht auf den altehrwürdigen Statuen niederlassen? Wirklich abhalten könnte das Netz Tauben allerdings nicht, sie könnten sich ohne Probleme auf das dicht anliegende Netz setzen. Wirksamer Schutz gegen menschlichen Vandalismus ist das Netz auch nicht. Ist es vielleicht als Teil einer Alarmanlage gedacht, die die kostbaren Statuen vor Entführung durch Diebe schützen soll?

Fotografiert man mit automatischer Schärfeneinstellung, so ist in der Regel das störende Netz stechend scharf abgelichtet, während die Heiligen leicht verschwommen aussehen. Besonders beim Fotografieren mit Blitzlicht ergibt das wenig erfreuliche Aufnahmen. Dann dominiert das Netz, verdrängt förmlich die Heiligen. Manuelle Schärfeneinstellung ist wegen der oft ungünstigen Lichtverhältnisse kaum möglich. Am besten sieht man die viele Jahrhunderte alten Kunstwerke mit dem Auge, ohne den Umweg Fotografie!

Ich blicke zum Paradiesportal. Margarete Niggemeyer fasst in ihrem Führer »Der Hohe Dom zu Paderborn« zusammen (22): »Ein im ersten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts entstandenes, gestuftes Säulenportal mit Figuren und reichem Bildprogramm führt in den Dom. So begrüßen seit dem Mittelalter die Patrone des Domes dessen Besucher: Vor dem Mittelpfosten steht Maria (als Himmelskönigin), die das Jesus-Kind auf dem Arm trägt und liebkost. Bei dieser frühgotischen Vollplastik aus Sandstein handelt es sich um eine der frühesten stehenden Madonnen in Deutschland.

An den Portaltüren stehen die spätromanischen Holzplastiken des Heiligen Kilian und des Heiligen Liborius. Das von zwei Engeln flankierte schlichte Holzkreuz symbolisiert Christus, den Heiland und Erlöser. Er ist das Ziel aller Pilgerschaft und Fundament der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen.«

Margarete Niggemeyer geht dann ausführlich auf die großen Apostelfiguren ein, um ihre Beschreibung des Paradiesportals wie folgt abzuschließen: »Unterhalb der Heiligen schmückt das Portal ein reicher Figurenfries; die beiden Türöffnungen umläuft ein Fries mit Greifen.«

Greife von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein

Greife wurden erstmals vermutlich in der persischen Mythologie beschrieben. In Ägypten tauchen sie Ende des vierten Jahrtausends vor Christus auf. Der Greif war nach altägyptischer Mythologie ein himmlisches Wesen. Die Greifen vom Paderborner Paradiestor marschieren auf der einen Seite gen Himmel, auf der anderen Seite kommen sie wieder zurück nach unten. Unzählige dieser Fabelwesen bilden scheinbar eine endlose Kette, jeder Greif, mit kräftigen Beinen ausgestattet, packt seinen vor ihm schreitenden Artgenossen mit mächtigem Schnabel am Vogel(?)schwanz.

Greifvögel treten in unzähligen Varianten, sprich Tiermischungen auf. Sehr häufig ist die Kombination Vogel-Löwe, zum Beispiel Löwenleib, Kopf eines Greifvogels mit Vogelflügeln. Was aber hat die bildliche Darstellung einer Vogelgreif-Prozession empor zum Himmel und wieder zurück am Paradiestor des Doms zu Paderborn zu suchen? Im Mittelalter galt der Greif als reales Wesen, nicht als Mythos oder Fantasieprodukt. In enzyklopädischen Sammelwerken hatte er einen festen Platz. Im Christentum wurde dem Greif positive Bedeutung zugemessen. Man sah im Greif die Summierung der herausragenden positiven Eigenschaften Jesu.

Mischwesen wie die Greife waren auch die Sphingen. In Ägypten kannte man vor allem die Kombination Löwenleib mit Menschenkopf. Es gab aber auch Sphingen, die an Greife erinnern, Mischungen aus Löwenleib und Greifvogelkopf. Margarete Niggemeyer verweist in ihrem Domführer, wie zitiert, kurz auf die Greife hin: » Die beiden Türöffnungen umläuft ein Fries mit Greifen.« Ansonsten aber spricht sie lediglich von einem reichen »Figurenfries«. Leider geht sie mit keinem Wort auf eine Vielzahl von Sphingen ein, die das Paradiesportal am Dom schmücken.


Fußnoten

16) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente Band II: Theozoologie«, Wien, Leipzig, Budapest 1906, Seite 5 und 9

17) ebenda, S. 26

18) ebenda

19) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 12

20) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 2

21) Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx«, München 1989. S. 81

22) Niggemeyer, Margarete: »Der hohe Dom zu Paderborn«, Paderborn, 3. Auflage 2012, S. 37
 
Anmerkung zu den Fotos

Alle mit X gekennzeichneten Fotos stammen aus dem Foto-Archiv des Verfassers. Alle übrigen Aufnahmen stammen vom Verfasser.


»Monsterwesen, ein Vögel und ein Hase«,
Teil 250 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 02.11.2014
 


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Sonntag, 5. Oktober 2014

246 »Maria und die Schlange« Teil 2

Teil 246 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Maria an der Portalstür. Foto Langbein
Das vielleicht rätselhafteste Kunstwerk im Dom zu Paderborn ist eine barocke Mariendarstellung, die von den meisten Besuchern des Gotteshauses kaum beachtet wird. Betritt man den Dom durch das Paradiesportal, wird man von den beiden Heiligen Kilian und Liborius begrüßt. Ihre spätromanischen Holzplastiken stehen an den mächtigen Portaltüren. Vor dem mittleren Pfosten steht stolz die Himmelskönigin Maria, das Jesuskind auf dem Arm tragend. Die frühgotische Sandsteinplastik dürfte zu den ältesten stehenden Marien in Deutschland gehören.

Immer wenn ich den Dom zu Paderborn besuche, mache ich Station zunächst in der Bartholomäus-Kapelle und genieße die rätselhafte Akustik in dem wohl ältesten sakralen Bauwerk in Paderborn. Dann gehe ich außen um den Dom herum zum Markt, bleibe vor dem Paradies-Portal stehen und studiere das verwirrende Vielfalt von steinernen Rätseln. Da blicken seltsame Wesen, die an Zentauren erinnern, in stoischer Gelassenheit auf uns Besucher herab. Da harren Heilige aus Stein, vor Tauben durch sorgsam gespannte Netze geschützt, seit Ewigkeiten aus, wie Pantomimen erstarrt zur Regungslosigkeit, als wollten sie der Zeit ein Schnippchen schlagen.

Die »Paradiesvorhallte« in ihrer ursprünglichen Form wurde wohl bereits im 12. Jahrhundert gebaut, so wie auch die Marienkapelle. Wann genau die Marienkapelle geschaffen wurde, wir wissen es nicht genau. Fest steht, dass sie bereits im Jahre 1215 bestand (1). Auf dem Weg zur Marienkapelle halte ich bei der Doppelmadonna inne, genauer gesagt unter ihr. Sie hängt unter dem Schlussstein des zweiten Langhausjoches hoch über den Besuchern des Gotteshauses. Wir erleben, wie die »Gottesmutter« von zwei fliegenden Engeln zur Himmelskönigin gemacht wird. Die himmlischen Boten mit formschönen Flügeln senken gerade die imposante, große und mächtige Krone auf das Haupt Mariens herab. Um 1480 entstand dieses sakrale Kunstwerk.

Die Doppelmaria. Foto Langbein
»Sie schwebt über unseren Häuptern…«, erklärte mir ein Mönch, der andächtig zur Königin des Himmels aufblickte. »So werden wir daran erinnert, dass sie – nach Jesus selbst – der erste und bislang letzte Mensch war, der leibhaftig gen Himmel fuhr, wo sie bei unserem Herrgott auf uns wartet!« Verschmitzt fügte der Kleriker hinzu: »Man darf es ja noch nicht laut aussprechen, aber Maria rückt langsam aber sicher in die Trinität auf!« Die Worte des Geistlichen verblüfften mich. Ich wandte ein: »Aber dann wird doch aus der Dreifaltigkeit eine Vierfaltigkeit?«

Der Mönch legte eine Hand auf meine Schulter. »Noch ist das reine ›Ketzerei‹ in den Augen der Amtskirche. Aber glauben Sie mir, die Himmelskönigin wird nach und nach, zunächst im Volksglauben, den ›Heiligen Geist‹ verdrängen und seine Stellung einnehmen. Vater, Sohn und Gottesmutter sind doch sehr viel begreifbarer als die Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wer kann sich denn wirklich etwas unter dem Heiligen Geist vorstellen? Niemand kann die Rolle des Heiligen Geists wirklich verständlich machen!«

Was den wenigsten Besuchern auffällt: mit einem Fuß steht die Madonna auf einer Mondsichel. Präziser: Beide Marien der Doppelmadonna stehen mit einem beschuhten Fuß auf der Mondsichel. Die Himmelskönigin, stehend auf der Mondsichel, macht Maria zur christlichen Version der Himmelsgöttin aus uralten Zeiten.

Im Kirchenführer »Der Hohe Dom zu Paderborn« lesen wir, dass Maria (2) »auf der Mondsichel und einer Schlange steht, deren Kopf sie als die ›neue Eva‹ zertritt.« Trotz intensivster Suche, trotz sorgsamsten Betrachtens der Doppelmadonna durch ein 400-Millimeter-Teleobjektiv, kann ich aber nur einen goldenen Schuh der »Mutter Gottes« ausmachen, nämlich jenen, der auf der Mondsichel ruht. Deutlich zu erkennen ist das teuflische, gehörnte Haupt der Schlange, deren größter Teil des Leibes  vom langen Rock Mariens verdeckt wird. Nur das Schwanzende kriecht unter dem bis zum Boden reichenden Rock hervor, nach oben hin ausgerichtet.

Mond und Schlange zu Füßen der Doppelmadonna.
Foto Langbein

»Die Madonna zertritt den Kopf der Teufelsschlange!«, wetterte »mein« Mönch. »Durch die Frau – Eva – kam die Sünde auf die Welt, in Gestalt der teuflischen Schlange! Maria zerstampft das Haupt dieser Schlange, so wie es schon im 1. Buch Mose geschrieben steht…« Ich wusste, auf welchen Vers sich der Geistliche bezog (3) und widersprach. »Von Maria ist da aber nicht die Rede…da heißt es doch: ›Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir (Schlange) und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.‹ Da wird doch ein Mann prophezeit, der der Schlange den Garaus machen wird, nicht von Maria!«

Der Geistliche wischte meinen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Lesen Sie gefälligst in der Offenbarung des Johannes nach (4): ›Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.‹« Wieder wagte ich Widerspruch: »Von einer Schlange, der der Kopf zertreten wird.. von wem auch immer… ist da aber nichts zu finden!« Wütend zischte mir der Geistliche entgegen, während er schon davon stapfte. »Lesen Sie weiter bei Johannes! Dann werden sie auf den Drachen stoßen, den die himmlische Frau, also Maria, besiegen wird…«

Tür zur Marienkapelle. Foto Langbein
Einige Schritte ging ich dem Mann Gottes nach. »Ist der Drache der Apokalypse die Schlange aus dem Paradies?«, wagte ich zu fragen. Mir kam es so vor, als habe der Mönch »Apage, Satanas!«, also »Weiche, Satan!«, geflüstert. Wen er damit wohl gemeint haben mag? Deutlich zu vernehmen waren dann seine abschließenden Worte: »Sündhafte, lasterhafte Weiber, Drachen, teuflische Schlangen… alles das gleiche Gewürm!«  Dann schloss sich knarzend die Tür zum Paradiesportal hinter ihm.

Von der »schwebenden« Doppelmadonna führt mich mein Weg stets zu einer weiteren Darstellung der »Mutter Gottes«, zur Marienkapelle an der Südseite des Doms. Die größte und älteste Kapelle im Dom (5) ist fast immer verschlossen. Die Tür, in der Regel im Dämmerlicht liegend, wurde erst 1657 von Anton Willemssens geschaffen. Sie wirkt auf den Betrachter wie eine überdimensionale Laubsägearbeit. Im Zentrum steht Maria. Sie trägt, liebevoll besorgt, das Jesuskund auf dem Arm. Rechts und links stehen zwei Engel mit Fackeln, die aber realiter kein Licht spenden. Gerade das Dämmerlich mag mit dazu beitragen, dass die Maria mit Kind erstaunlich plastisch wirkt, obwohl das Paar doch »nur« auf ein Eichenbrett aufgemalt wurde.

»Der Dom zu Paderborn« (6) weiß zu berichten: »Die Tür der Marienkapelle … ist aus Eichenbrettern angefertigt, die in zwei Schichten aufeinander geleimt sind. Die Außenseite ist mit einer reichen perspektivischen Architektur bemalt, in der die Madonna mit dem Kinde und fackeltragenden Putten stehen. Der Hintergrund ist schräg nach hinten laufend herausgeschnitten.«

Auch dem flüchtigen Betrachter fällt auf, dass sich da eine Schlange von beachtlicher Größe durch das Bild windet und schlängelt. Man denkt an eine kräftige Boa Constrictor, die Maria und Kind in höchste Gefahr bringt. Das Schwanzende des gefährlichen Reptils ragt neben Maria in die Höhe, knapp über ihre Hüfte. Wo aber ist der Kopf des Tieres? Mann erahnt ihn mehr als dass man ihn erkennt. Nur ein Fuß Mariens ist deutlich auszumachen. Aber wo ist der zweite? Beißt die Schlange mit weit aufgerissenem Maul Maria in den Fuß? Oder tritt Maria mit dem Fuß auf den Kopf der Schlange? Hat die Schlange einen Apfel im Maul? Tatsächlich erkennt man einen Apfel mit kleinen Zweigen und Blättern.

Fuß und Schlange... an der Tür zur Marienkapelle.
Foto Langbein

Wo beginnt, wo endet der zweite Fuß? Jeder sieht es anders. Manche meinen, die Zehen des zweiten Fuß Mariens deutlich ausmachen zu können. Andere wiederum sind ganz anderer Meinung und halten die vermeintlichen »Zehen« für Zähne der Schlange. 

Ulrike Hause, Magister Artium, wissenschaftliche Mitarbeiterin der »Fachstelle Kunst« vom Diozesenmuseum in Paderborn teilte mir freundlicher Weise die offizielle, wissenschaftliche Interpretation mit (7): 

Apfel im Maul? Foto Walter-Jörg Langbein

»Sehr geehrter Herr Langbein, Ihre Anfrage erreichte mich über unsere Pressestelle. Ich habe mich informiert und kann Ihnen zu der barocken Mariendarstellung an der Tür zur Marienkapelle Folgendes sagen: Maria tritt der Schlage auf den Kopf, die einen Apfel mit Blättern im Maul hält. Das versinnbildlicht den Sündenfall (Frucht vom Baum der Erkenntnis), den Maria als ›neue Eva‹ wieder gut macht. Dies in knappen Worten. Hoffentlich haben wir Ihre Frage damit beantwortet, mit freundlichen Grüßen aus Paderborn - Ulrike Hauser M.A.«

Je näher man sich dem Bildnis nähert, desto undeutlicher wird, was man sieht. Sehen wir, was wirklich gemalt wurde oder was wir sehen wollen? Der überzeugte Christ versteht Maria als die neue Eva. Die alte Eva, so glaubt er, hat die Sünde in die Welt gebracht. Maria, die neue, zweite Eva, macht den Sündenfall wieder ungeschehen. Freilich ist das Bild von Maria, dem Mond, der Schlange und dem Knaben sehr viel älter als das Christentum…. Bei Licht betrachtet entpuppt sich das in christlicher Ikonografie so gern benutzte Ensemble als Wiedergeburt heidnischer Symbole aus uralten Zeiten…

Wo beginnt der Schlangenkopf? Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Bauer, Heinz und Hohmann, Friedrich  Gerhard: »Der Dom zu Paderborn«, 4. Neubearbeitete Auflage, Paderborn 1987, S. 38 und 39
2) Niggemeyer, Margarete: »Der Hohe Dom zu Paderborn/ Ein Domführer«. 3. Auflage, Paderborn 2012, S. 23
3) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 15
4) gemeint ist Offenbarung des Johannes Kapitel 12, Vers 1
5) Dehio, Georg: »Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen II Westfalen«, Berlin und München 2011, S. 848.
6) Bauer, Heinz und Hohmann, Friedrich  Gerhard: »Der Dom zu Paderborn«, 4. Neubearbeitete Auflage, Paderborn 1987, S.69 links unten
7) Mail von Ulrike Hauser an Walter-Jörg Langbein vom 10.06.2014 

Blick in die Marienkapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Dank

Mein besonderer Dank gilt Frau MA Ulrike Hauser für ihre hilfreiche Auskunft!

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Sonntag, 22. Juni 2014

231 »Bibel, Götter, Monsterwesen«

Teil 231 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Mysteriöse Monsterwesen
nach einem theologischen Traktat.
Foto Archiv W-J.Langbein
 
Bevor Make-Make sein erstes Menschenpaar kreiert, erschafft er ein Mischwesen: Nach seinem Spiegelbild schuf er es und verabreichte ihm noch die Attribute eines Vogels, Schnabel, Flügel, Federn. Wer glaubt, dass Adam und Eva die ersten von Gott fabrizierten Lebewesen waren, irrt. Vor den Tieren und vor den Menschen rief Gott den mysteriösen »Behemoth«. Im kleinen Bibelbuch Hiob (1) lesen wir: »Sieh‘ doch den Behemoth, den ich gemacht habe wie dich: Gras frisst er wie der Ochse. … Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« In manchen Bibelausgaben wird per Fußnote erklärt, bei dem Behemoth habe es sich um einen grasfressenden Landsaurier gehandelt.


Mischwesen von Make-Make geschaffen.
Foto W-J.Langbein

Hiob beschreibt den Behemoth als unglaublich stark (2): »Sieh‘ doch, welche Kraft in seinen Lenden liegt und welche Stärke in seinen Bauchmuskeln! Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder, die Sehnen seiner Schenkel sind fest verflochten. Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie Eisenstangen.«

Das klingt nach einem monströsen Tier. Aber was für ein Tier sollte gemeint sein? Ein Nilpferd vielleicht, oder ein Saurier? Wie ist der folgende Satz (3) gemeint? »Er ist der Erstling der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, reichte ihm sein Schwert.« Ein Blick in den hebräischen Text verschafft vielleicht Klarheit. Die wortgetreue Übersetzung lautet: »Er/Es war der Erstling der Wege von El (Gott), der machende war ihn/es, dass er/es herbeibringe sein Schwert.« El schuf also Behemoth, damit der ihm sein Schwert bringen würde? Wieso sollte Behemoth dem mächtigen Gott sein Schwert apportieren? Oder gab umgekehrt Gott dem Behemoth sein Schwert? Das vermutet Martin Buber, dessen Bibelverdeutschung hohes Ansehen genießt. Buber interpretiert übersetzend (3): »Das ist der Erstling auf den Wegen des Gottesherrn, der es machte, reichte sein Schwertgebiß ihm.« Buber deutet also das »Schwert« als das besonders scharfe und gefährliche Gebiss des Monsters.

Kuriose Kreaturen auf assyrischem Relief.
Foto: Archiv W-J.Langbein

Völlig anders versteht Leopold Zunz den Vers. In seiner für jüdische Leser gedachten Übersetzung der Thora wird auch betont, dass Gott den Behemoth als Ersten schuf, aus dem Schwert aber wird ein Messer. Und das gehört weder Gott, noch dem Behemoth (4): »Er ist der Erstling des Werkes Gottes; wer ihn opfern will, mag sein Messer heranbringen.« Dazu wäre wohl ein besonders starker Gläubiger erforderlich gewesen, der das monströse Lebewesen hätte mit einem Messer töten können.

Wiederum eine andere Übersetzung bietet »The Interlinear Hebrew-English Old Testament« (5), die auf wortgetreue Wiedergabe Wert legt. Da heißt es dann, dass Gott, der den Behemoth schuf, dem Monster mit seinem Schwert entgegentreten kann. Mit anderen Worten: Die Kreatur war so stark und furchteinflößend, dass ihm nur Gott selbst mit dem Schwert in der Hand begegnen konnte. Unbewaffnet wäre das Risiko für Gott selbst zu groß gewesen.

Je mehr Übersetzungen ich konsultiere, desto mehr Varianten finde ich: Mal bringt das Monster Gott sein Schwert, mal überreicht umgekehrt Gott der Kreatur sein Schwert. Mal soll der, der das Monster opfern möchte, sein Messer mitbringen. Und mal muss sich Gott selbst mit seinem Schwert bewaffnen, wenn er dem Behemoth begegnen möchte. Mal wird der Terminus »Schwert« mit den Schneidezähnen des Behemoth gleichgesetzt. Nach Luthers Übersetzung von 1545 attackiert Gott den Behemoth (6): Gott, »der jn gemacht hat/ der greifft jn an mit seinem schwert«. In neueren Ausgaben des »Alten Testaments« nach Luther heißt es Gott (7), »der ihn gemacht hat, der gab ihm sein Schwert«.

Mischwesen auf dem legendären schwarzen Obelisk.
Foto: Archiv W-J.Langbein

In der Übersetzung des »Alten Testaments« ins Griechische, in der »Septuaginta« geht das Schwert vollkommen verloren (8): »Dies ist der Anfang der Schöpfung des Herrn, gemacht um von seinen Boten verspottet zu werden.« In einer Fußnote wird erklärt, dass es sich bei den »Boten« um »Engel« handele. Demnach wurde Behemoth geschaffen, damit die Engel über ihn lachen können. Völlig anders lautet eine Textvariante nach der »Elberfelder Bibel« (9): »Er ist gemacht zum Gewalthaber seiner Gefährten.« Das geschaffene Wesen wäre also so etwas wie ein »Leittier«.

Ich kann nur konstatieren: In Sachen Behemoth herrscht seit Jahrhunderten weitestgehend Ratlosigkeit bei den Übersetzern! Wer immer nur eine bestimmte Bibelübersetzung konsultiert, mag glauben, dass er damit die einzig wahre Übersetzung kennt. Fakt ist aber, dass unterschiedliche Bibelausgaben ganz unterschiedliche, voneinander stark abweichende Textversionen bieten. Nicht zuletzt dank des Internets kann heute auf unzählige Bibelvarianten zurückgegriffen werden, um mysteriöse Passagen in den unterschiedlichen Varianten miteinander zu vergleichen.

In den Chor der Interpreten mischt sich eine Stimme, die manchen Theologen schrill in den Ohren klingen mag. Vor nunmehr vierzig Jahren machte mich Theologieprofessor Maurer auf das Werk von Dr. J. Lanz-Liebenfels aufmerksam. Hinter einer Reihe von kirchengeschichtlichen Werken verstauben schmale Bändchen aus der Feder von Lanz-Liebenfels, stapelten sich Zeitschriften mit Artikeln über die Realität von Mischwesen. Lanz-Liebenfels, ein schon zu Lebzeiten umstrittener Theologe, schlug anno 1906 in seinem Werk »Theozoologie« (10) eine erstaunlich moderne Lösung für das Problem vor. Behemoth war seiner Überzeugung nach ein Tier-Mensch, also ein Mischwesen aus Mensch und Tier, so wie die namenlose Kreatur, die einst Gott Make-Make nach alter Mythologie auf der Osterinsel schuf. Und Lanz-Liebenfels zitiert den Talmud: »Gebenedeit sei der, der die Geschöpfe verändert.«

Tiermenschwesen auf dem schwarzen Obelisk.
Foto W-J.Langbein

Der Theologe konnte sich vor mehr als einem Jahrhundert nicht vorstellen, dass mit Hilfe der Gentechnik tatsächlich Geschöpfe tatsächlich »verändert« werden können. Gentechnik ist der Schlüssel zu einem realen Frankenstein-Labor, das schlimmste Horror-Kreaturen ins Leben rufen kann. Im Vergleich dazu mutet Dr. Frankensteins aus Leichenteilen zusammengesetztes Monster wie eine holde Lichtgestalt an.

Dr. Lanz-Liebenfels war vor mehr als einem Jahrhundert davon überzeugt, Abbildungen solcher Mischwesen gefunden zu haben (11): »Auf dem sogenannten schwarzen Obelisken des Assyrerkönigs Salamasar II. sind merkwürdige Darstellungen zweibeiniger menschenartiger Wesen zu sehen.«

Nun könnte man annehmen, dass da unbekannte Künstler vor rund drei Jahrtausenden irgendein Horrormärchen mit Fantasiegestalten illustriert haben. Dem ist aber nicht so. Die Gravuren gehören nicht zu einer Fantasy-Story, sondern – das wird im dazugehörigen Keilschrifttext genau aufgelistet – zu einem sachlichen Bericht (12): »Die Beischrift, eine nüchterne geschichtliche Tributliste, besagt, dass der König aus dem Lande Mursi (aramäische Landschaft) prati baziati und udumi als Tribut erhalten habe.«

Mischwesen an der Leine ...
schwarzer Obelisk gibt Rätsel auf.
Fotos Archiv W-J.Langbein

Da wurden also vor drei Jahrtausenden mysteriöse Mischwesen verewigt, in Wort und Bild, die es in der Natur nicht gegeben haben darf. Sind es »geänderte Geschöpfe«, so wie der Behemoth, den der biblische Gott als Erstes geschaffen hat, und zwar noch vor dem Menschen? Sind es gentechnisch fabrizierte Mischwesen aus Gottes Labor? Dr. Lanz-Liebenfels (13): »Werfen wir einen Blick auf die baziati. Die Wesen haben etwas affenartiges an sich, aber trotzdem dürfen sie nicht als Affe ohne weiteres angesprochen werden. Ihr Gesamttypus, - sackförmiger Leib, kurze Extremitäten - ist geradezu reptilienhaft.«

Dr. Lanz-Liebenfels ließ vor über hundert Jahren keinen Zweifel aufkommen (14): »… Ausgeschlossen ist es, dass die .. dargestellten Zoa (Lebewesen) aus Mangel an künstlerischer Technik unverlässlich seien. Die abgebildeten Tier- und Menschengestalten sind von überraschender Naturwahrheit. Übrigens zeigen die Assyrer um diese Zeit in der Plastik eine Realistik der Tierdarstellungen, die selbst heute noch ihresgleichen sucht. Bekanntlich nannte man die Assyrer in neuester Zeit scherzweise die ›Holländer‹ des Altertums. Die Wesen haben wirklich ausgesehen, wie sie dargestellt sind.«

Mischwesen auf altem Mosaik. Foto Walter-Jörg Langbein

Nicht anders urteilt Erich von Däniken, der die mysteriösen Mischwesen erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellte (15): »Auch die kleinwüchsigen Menschentiere auf dem assyrischen Obelisken werden von Wärtern an der kurzen Leine gehalten. Es sind Tiere mit menschlichen Köpfen; eines der Mischwesen steckt den Daumen in den Mund – die Monstren lebten!«

Weltweit wimmelt es von Legenden, Mythen und heiligen Überlieferungen, in denen Götter agieren. Weltweit gibt es Texte über Götter, die Lebewesen erschaffen. Waren es Götter, die weltweit mit genetchnischen Mitteln abstruseste Lebensformen erzeugt haben? Darstellungen dieser Kreaturen gibt es weltweit. Eine kleine Auswahl gefällig? Assurbanipals Soldaten erbeuteten einige dieser merkwürdigen Wesen. Künstler hielten fest, wie die Geschöpfe abtransportiert werden. Deutlich zu erkennen: Sie waren Tier-Mensch-Mischungen. Mischwesen wurden als Grabkunst vor 5 000 Jahren im Reiche Ur verewigt, darunter eine »Kombination« aus Mensch und Skorpion. Seltsam! Solche Skorpionwesen meißelten unbekannte Künstler auch vor nicht ganz 1 000 Jahren in den Fries am »Paradiestor« (Dom zu Paderborn).

Skorpionmensch links: Foto Archiv Langbein/
Mischwesen rechts, Paderborn, Foto W-J.Langbein

Tier-Mensch- oder Tier-Tier-Mischwesen begegneten mir auf meinen Reisen weltweit: auf der Osterinsel ebenso wie in einem Felsentempel in Mahabalipuram, Indien. Und immer schufen die Künstler, die die Mischwesen dargestellt haben, zusätzliche Bildnisse von Mensch und Tier in geradezu fotorealistischer Manier. Sie konnten also die Realität sehr naturgetreu abbilden, die Darstellungen der Mischwesen sind kein Resultat mangelhafter Fähigkeiten der Künstler. Mischwesen aber können nicht von der Natur hervorgebracht worden sein…. Wurden sie von »göttlichen« Gentechnikern entwickelt? Heutige Gentechniker können schon die monströsesten Mischwesen ins Leben rufen. Ich bin davon überzeugt, dass in geheimen Labors schon längst solche Mischwesen produziert werden, wie vor Jahrtausenden. Warum? Weil Experimente schon um ihrer selbst willen ausgeführt werden, oder einfach nur um auszutesten, was möglich ist!

Es ist nur eine Frage der Zeit, dass Tier-Mensch-Mischwesen realisiert werden. Kreaturen, wie sie im Film »Splice - Das Genexperiment« realisiert werden, verstoßen gegen jede menschliche Ethik. Ethische Bedenken werden aber schon immer vernachlässigt, wenn es um Profit ging. Mir schaudert, wenn ich an die Gentechnik von morgen und übermorgen denke.

Was unsere Vergangenheit angeht: Werden wir je die Sprache der alten sakralen Kunstwerke verstehen? Werden wir je ihre Symbolik begreifen? Werden wir je die uralten steinernen Zeugnisse wie ein Buch lesen können? Sind wir in der Lage, uralte Symbolik zu entschlüsseln? Wir müssen es immer wieder versuchen. Nur dann werden wir das Wissen aus uralten Zeiten verstehen!

Mischwesen von Mahablipuram.
Foto W-J.Langbein

Anmerkung:

Zitate aus älteren Quellen wurden möglichst buchstabengetreu übernommen. Die Schreibweise wurde nicht den heute gültigen Regeln der Rechtschreibreform angepasst.

Literaturempfehlung:

Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx«, München 1989

Langbein, Walter-Jörg: »Das Sphinx-Syndrom/ Die Rückkehr der Astronautengötter«, München 1995

Mischwesen der unheimlichen Art ...
Grabanlagen von Ur. Fotos Archiv W-J.Langbein


Fußnoten

1) Hiob, Kapitel 40, Verse 15 und 19
2) ebenda, Verse 16-18
3) »Die Schrift/ Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig«, Band 4, Heidelberg, 4. Verbesserte Auflage der neubearbeiteten Ausgabe von 1962, S. 336
4) »Die vierundzwanzig Bücher der Heiligen Schrift/ Übersetzt von Leopold Zunz«, Basel 1980, S. 616
5) »The Interlinear Hebrew-English Old Testament«, Grand Rapids, USA, 1987, S. 344
6) »Die gantze Heilige Schrifft Deudsch«, Wittenberg 1545, zitiert in der Schreibweise Luthers
7) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers«, Stuttgart 1915
8) »Septuaginta Deutsch/ Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung«, Stuttgart, 2. Verbesserte Auflage 2010
9) Hiob, Kapitel 40, Vers 19, zitiert aus: »Die Heilige Schrift/ Aus dem Grundtext übersetzt/ Elberfelder Bibel revidierte Fassung«, Wuppertal und Zürich, 4. Sonderausgabe 1995
10) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente Band II: Theozoologie«, Wien, Leipzig, Budapest 1906, Seite 5 und 9
11) ebenda, S. 26
12) ebenda
13) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 12
14) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 2
15) Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx«, München 1989. S. 81


232»Von Luxor zur Osterinsel«,
Teil 232 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29.06.2014



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