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Sonntag, 26. Oktober 2014

249 »Vom biblischen Behemoth und anderen Monstern«



Teil 249 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Mein »Erstling« als Taschenbuch
Am 25. Oktober 2014 hielt ich auf dem »1-Day-Meeting« der A.A.S.-Gesellschaft (A.A.S. steht für Archäologie, Astronomie und Seti) einen Vortrag, betitelt »Pyramiden, Monster, Fabelwesen - von Cheops bis zum Dom zu Paderborn«. Im Rahmen meiner Serie im Blog von »Ein-Buch-lesen« erscheint eine erweiterte, ausführlichere Fassung meines Vortrags. Heute lesen Sie Teil 2.

Mein Vortrag stellt so etwas wie eine Reise durch mein schriftstellerisches Schaffen dar. Vor 35 Jahren - 1979 - erschien mein erstes Buch, »Astronautengötter«. Vor 35 Jahren hielt ich auf der Weltkonferenz der A.A.S. in München meinen Vortrag »Die Sachemit den Urtexten«.

Ich kann nur konstatieren: In Sachen Behemoth herrscht seit Jahrhunderten weitestgehend Ratlosigkeit bei den Übersetzern! Wer immer nur eine bestimmte Bibelübersetzung konsultiert, mag glauben, dass er damit die einzig wahre Übersetzung kennt. Fakt ist aber, dass unterschiedliche Bibelausgaben ganz unterschiedliche, voneinander stark abweichende Textversionen bieten. Nicht zuletzt dank des Internets kann heute auf unzählige Bibelvarianten zurückgegriffen werden, um mysteriöse Passagen in den unterschiedlichen Varianten miteinander zu vergleichen.

In den Chor der Interpreten mischt sich eine Stimme, die manchen Theologen schrill in den Ohren klingen mag. Vor nunmehr  vierzig Jahren machte mich Theologieprofessor Maurer auf das Werk von Dr. J. Lanz-Liebenfels aufmerksam. Hinter einer Reihe von kirchengeschichtlichen Werken verstauben schmale Bändchen aus der Feder von Lanz-Liebenfels, stapelten sich Zeitschriften mit Artikeln über die Realität von Mischwesen. Lanz-Liebenfels, ein schon zu Lebzeiten umstrittener Theologe mit obskuren, ja faschistischen Ansichten, schlug anno 1906 in seinem Werk »Theozoologie« (16) eine erstaunlich moderne Lösung für das Problem vor. Behemoth war seiner Überzeugung nach ein Tier-Mensch, also ein Mischwesen aus Mensch und Tier, so wie die namenlose Kreatur, die einst Gott Make-Make nach alter Mythologie auf der Osterinsel schuf. Und Lanz-Liebenfels zitiert den Talmud: »Gebenedeit sei der, der die Geschöpfe verändert.«

Der Theologe konnte sich vor mehr als einem Jahrhundert nicht vorstellen, dass mit Hilfe der Gentechnik tatsächlich Geschöpfe »verändert« werden können. Gentechnik ist der Schlüssel zu einem realen Frankenstein-Labor, das schlimmste Horror-Kreaturen ins Leben rufen kann. Im Vergleich dazu mutet Dr. Frankensteins aus Leichenteilen zusammengesetztes Monster wie eine holde Lichtgestalt an.

Mischwesen nach Lanz-Liebenfels (X)

Dr. Lanz-Liebenfels war vor mehr als einem Jahrhundert davon überzeugt, Abbildungen solcher Mischwesen gefunden zu haben (17): »Auf dem sogenannten schwarzen Obelisken des Assyrerkönigs Salamasar II. sind merkwürdige Darstellungen zweibeiniger menschenartiger Wesen zu sehen.«

Nun könnte man annehmen, dass da unbekannte Künstler vor rund drei Jahrtausenden irgendein Horrormärchen mit Fantasiegestalten illustriert haben. Dem ist aber nicht so. Die Gravuren gehören nicht zu einer Fantasy-Story, sondern – das wird im dazugehörigen Keilschrifttext genau aufgelistet – zu einem sachlichen Bericht (18):

Wer oder was wurde da an der Kette geführt? (X)

»Die Beischrift, eine nüchterne geschichtliche Tributliste, besagt, dass der König aus dem Lande Mursi (aramäische Landschaft) prati baziati und udumi als Tribut erhalten habe.«

Da wurden also vor drei Jahrtausenden mysteriöse Mischwesen verewigt, in Wort und Bild, die es in der Natur nicht gegeben haben darf. Sind es »geänderte Geschöpfe«, so wie der Behemoth, den der biblische Gott als Erstes geschaffen hat, und zwar noch vor dem Menschen? Sind es gentechnisch fabrizierte Mischwesen aus Gottes Labor? Dr. Lanz-Liebenfels (19): »Werfen wir einen Blick auf die baziati. Die Wesen haben etwas Affenartiges an sich, aber trotzdem dürfen sie nicht als Affe ohne weiteres angesprochen werden. Ihr Gesamttypus – sackförmiger Leib, kurze Extremitäten – ist geradezu reptilienhaft.«

Dr. Lanz-Liebenfels ließ vor über hundert Jahren keinen Zweifel aufkommen (20):

»… Ausgeschlossen ist es, dass die .. dargestellten Zoa (Lebewesen) aus Mangel an künstlerischer Technik unverlässlich seien. Die abgebildeten Tier- und Menschengestalten sind von überraschender Naturwahrheit. Übrigens zeigen die Assyrer um diese Zeit in der Plastik eine Realistik der Tierdarstellungen, die selbst heute noch Ihresgleichen sucht. Bekanntlich nannte man die Assyrer in neuester Zeit scherzweise die ›Holländer‹ des Altertums. Die Wesen haben wirklich ausgesehen, wie sie dargestellt sind.«

Naturgetreu dargestellte Wesen.
Menschen führen Monstermischwesen (X)

Nicht anders urteilt Erich von Däniken, der die mysteriösen Mischwesen erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorstellte (21): »Auch die kleinwüchsigen Menschentiere auf dem assyrischen Obelisken werden von Wärtern an der kurzen Leine gehalten. Es sind Tiere mit menschlichen Köpfen; eines der Mischwesen steckt den Daumen in den Mund – die Monstren lebten!«

Weltweit wimmelt es von Legenden, Mythen und heiligen Überlieferungen, in denen Götter agieren. Weltweit gibt es  Texte über Götter, die Lebewesen erschaffen. Waren es Götter, die weltweit mit gentechnischen Mitteln abstruseste Lebensformen erzeugt haben? Darstellungen dieser Kreaturen gibt es weltweit.  Eine kleine Auswahl gefällig? Assurbanipals Soldaten erbeuteten einige dieser merkwürdigen Wesen. Künstler hielten fest, wie die Geschöpfe abtransportiert werden. Deutlich zu erkennen: Sie waren Tier-Mensch-Mischungen. Mischwesen wurden als Grabkunst vor 5 000 Jahren im Reiche Ur verewigt, darunter eine »Kombination« aus Mensch und Skorpion. Seltsam! Solche Skorpionwesen meißelten unbekannte Künstler auch vor nicht ganz  1 000 Jahren in den Fries am »Paradiestor« (Dom zu Paderborn).

Ein »Skorpionwesen« von Paderborn. Foto W-J.Langbein

Wo einst Göttinnen verehrt wurden, ließ Karl der Große im achten Jahrhundert nach Christus Kirchen errichten. Mit brachialer militärischer Gewalt wurden zum Beispiel die Sachsen »bekehrt«. Anno 776 triumphierte Karl der Große in Paderborn.  Seine Truppen hatten die »heidnischen Sachsenstämme« gewaltsam unterworfen und zum Glauben der Nächstenliebe »bekehrt«. Wer sich nicht zwangsweise taufen ließ, musste mit dem Schlimmsten rechnen. So wurden in Verden an der Aller anno 782 auf Befehl Karls des Großen 4500 bekehrungsunwillige Sachsen abgeschlachtet.

Im siebten Jahrhundert ließen sich heidnische Sachsen an den Quellen der Pader nieder. Sie nannten ihre Siedlung »Padrabrunno«. 772 machte sich Karl der Große an die Eroberung des Sachsenreichs, verwüstete gezielt ihre Heiligtümer. So ließ er das Zentralheiligtum der Sachsen, die Irminsul, zerstören. »Padrabrunno« war dem Sachsenschlächter ein besonderer Dorn im Auge. Mit militärischer Gewalt »christianisierte« der Herrscher den heidnischen Ort und machte ihn zu einem christlichen Zentrum. Anno 799 wurde Papst Leo III. aus Rom vertrieben. Er flüchtete nach Paderborn, um Karl den Großen um Hilfe anzuflehen.

Archäologische Ausgrabungen belegen die Jahrtausende alte Geschichte von Paderborn, die weit in die Steinzeit reicht. Große Erdwerke deuten auf kultische Praktiken hin. In Verbindung mit auf engstem Raum sprudelnden Quellen ist ein matriarchalischer Quellgöttinnenkult wahrscheinlich. Der Dom zu Paderborn wurde just dort errichtet, wo ein erstes christliches Gotteshaus gebaut worden war: über einigen Quellen des Flusses Pader, der dem Ort den Namen gab. Die erste Kirche wurde wohl schon im achten Jahrhundert gebaut – im Quellgebiet der Pader. Die Weihe fand anno 777 statt.

Dieses Fundament  könnte auf Karl den Großen zurückgehen.
Foto W-J.Langbein


Dass Karl der Große so besonders fromm war, ist angesichts seiner grausamen Kriege gegen die Heiden zweifelhaft. Selbst unter seinen theologischen Beratern war seine »Schwertmission« umstritten. Der Herrscher war ein militärischer Stratege. Zur vollkommenen Unterwerfung der Sachsen gehörte es nicht nur, ihre militärische Macht zu brechen. Ihre religiösen Wurzeln sollten gekappt werden. Ein fremder Glaube wurde ihnen aufgezwungen. Es ist der blanke Hohn, dass die Heiden mit brutaler Gewalt zur Religion der Nächstenliebe bekehrt wurden. So leicht waren die Sachsen aber nicht zu besiegen. Immer wieder attackierten sie das »christianisierte« Paderborn, zerstörten das steinerne »Gotteshaus«. Immer wieder wurde es aufgebaut.

Das steinerne Portal des Paradiestores ist mit zahlreichen Plastiken und mysteriösem, gemeißelten Zierrat geschmückt. Vor Jahrhunderten wurde das alles von den Menschen, die Analphabeten waren, verstanden. Könnte man doch noch heute die steinernen Bildnisse wie ein Buch lesen! Leider geriet aber die Bedeutung manches Reliefs inzwischen in Vergessenheit.

Zwei hohe hölzerne Türen tragen je eine hölzerne Heiligenfigur. Links steht Kilian, rechts Liborius (mit Buch). Die Statuen der beiden Dompatrone wurden im zwölften Jahrhundert geschnitzt. Vor dem Mittelpfosten begrüßt Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm die Besucher des Doms als Himmelskönigin. Ein unbekannter Künstler hat die Figur vermutlich im frühen dreizehnten Jahrhundert erschaffen.

Auf den beiden Portalgewänden links und rechts vom Tor haben sich Apostel versammelt. Die steinernen Statuen sind immerhin fast zwei Meter groß. Von den drei Heiligen links können wir nur zwei identifizieren: Jakobus der Ältere (in der Mitte) hat die Jakobs-Muschel an der Brust. Neben ihm, zur Tür hin, steht mit auffällig gelocktem Haar Petrus. Auf der rechten Seite stehen (von links nach rechts): Paulus mit hoher Stirn, der Jüngling neben ihm soll wohl Jesu Lieblingsjünger darstellen. Den dritten Apostel (von links) kennen wir nicht.


Heilige Katharina.
Foto Langbein
Ganz rechts außen genießt die Heilige Katharina ihren Triumph. Sie steht stolz in die Ferne blickend auf dem zappelnden Kaiser Maxentius. Auf diese Weise soll Katharinas Überlegenheit deutlich zum Ausdruck gebracht werden. Die fromme Legende weiß zu berichten, dass sich Katharina im dritten oder vierten Jahrhundert dem Christentum verschrieb. Als Kaiser Maxentius (nach anderen Überlieferungen Kaiser Maximus, Vater von Maxentius) Christen zum Tod verurteilte, setzte sich Katharina furchtlos für ihre Glaubensgenossen ein. Anstatt von seinen Untertanen Opfer für Götzenbilder zu fordern, könne er doch selbst zum Christentum übertreten. Das scheint dem Kaiser – nach frommer Legende – imponiert zu haben. Er ließ die fünfzig klügsten Wissenschaftler gegen Katharina debattieren, sie zogen alle den Kürzeren und wurden ihrerseits zum Christentum bekehrt. Fasziniert machte der Herrscher Katharina einen verlockenden Vorschlag: Als seine Gattin würde sie zur mächtigsten Frau im Reich werden. Doch Katharina lehnte ab. Sie hätte ihren Glauben ablegen müssen. Das kam für sie nicht infrage. Der Kaiser war bitter enttäuscht. Hatte er doch gehofft, mit einer Christin an seiner Seite auch von widerspenstigen Christen anerkannt zu werden.

Nachdem Worte versagt hatten, wurde Katharina in einen finsteren Turm gesperrt und immer wieder gefoltert. Hunger und Schmerzen sollten sie mürbe machen. Sie blieb aber bei ihrem Glauben. Zwölf Tage und Nächte sollte Katharina, das haben ihre Peiniger beschlossen, ohne Nahrung ausharren. Eine weiße Taube sorgte aber für Speis‘, so dass Katharina bei Kräften blieb. Engel kamen immer wieder ins schreckliche Verließ und behandelten auf wundersame Weise die schlimmen Wunden der standhaften Christin. Christus selbst soll im Kerker erschienen sein, um Katharina auf den Märtyrertod vorzubereiten.

Katharina sollte schließlich gerädert werden. Bei dieser höchst qualvollen Todesart sollten ihr alle Knochen im Leib mit einem schweren Rad gebrochen und schließlich sollte sie zerteilt werden.  Zahlreiche Schaulustige trafen ein, um sich am blutigen Schauspiel zu ergötzen. Aus heiterem Himmel fuhr aber ein Blitz hernieder und rettete Katharina – vorerst. Nach einer anderen Überlieferung kam ein Engel vom Himmel und zerstörte das grausame Folterinstrument. Das tat er – so die fromme Sage – mit solcher Heftigkeit, dass gleich viertausend neugierige Gaffer, die Katharina sterben sehen wollten, selbst getötet wurden. Schließlich wurde Katharina geköpft. Aus der Wunde sprudelte kein Blut, sondern Milch. Ihr geschundener Leib, so heißt es weiter, sei ins Heilige Land geschafft worden, wo er erst 500 Jahre später wieder entdeckt wurde.

Katharina ist eine der beliebtesten Heiligen überhaupt. Und das, obwohl es keinen Beweis dafür gibt, dass sie wirklich gelebt hat. Für den heutigen Zeitgenossen, dem Leidenstheologie nicht einleuchtet, mutet die Märtyrerideologie des Christentums befremdlich an. Wieso müssen gerade die besonders Gläubigen grausamen Todes sterben? Warum wird – zum Beispiel – Katharina zunächst auf wundersame Weise geholfen? Warum bringt ihr eine mysteriöse Taube – der Heilige Geist? – Nahrung, wenn böse Menschen sie hungern lassen wollen? Warum lindern, ja heilen Engel ihre Wunden, wenn ihr doch wieder neue zugefügt werden sollen? Letztlich scheint ihr Schicksal von Anfang an besiegelt zu sein. Warum wird keine der Heiligen durch ein Mirakel das Leben gerettet?

Vom Markt aus betrachtet fällt ein Detail nicht auf, das umso mehr stört, je näher man sich dem Paradiesportal nähert. Dann erkennt man nämlich, dass alle Heiligenfiguren von einem dichten, eng anliegenden Netz bedeckt sind. Sollte es als Schutz gegen Tauben gedacht sein, damit sie sich nicht auf den altehrwürdigen Statuen niederlassen? Wirklich abhalten könnte das Netz Tauben allerdings nicht, sie könnten sich ohne Probleme auf das dicht anliegende Netz setzen. Wirksamer Schutz gegen menschlichen Vandalismus ist das Netz auch nicht. Ist es vielleicht als Teil einer Alarmanlage gedacht, die die kostbaren Statuen vor Entführung durch Diebe schützen soll?

Fotografiert man mit automatischer Schärfeneinstellung, so ist in der Regel das störende Netz stechend scharf abgelichtet, während die Heiligen leicht verschwommen aussehen. Besonders beim Fotografieren mit Blitzlicht ergibt das wenig erfreuliche Aufnahmen. Dann dominiert das Netz, verdrängt förmlich die Heiligen. Manuelle Schärfeneinstellung ist wegen der oft ungünstigen Lichtverhältnisse kaum möglich. Am besten sieht man die viele Jahrhunderte alten Kunstwerke mit dem Auge, ohne den Umweg Fotografie!

Ich blicke zum Paradiesportal. Margarete Niggemeyer fasst in ihrem Führer »Der Hohe Dom zu Paderborn« zusammen (22): »Ein im ersten Drittel des dreizehnten Jahrhunderts entstandenes, gestuftes Säulenportal mit Figuren und reichem Bildprogramm führt in den Dom. So begrüßen seit dem Mittelalter die Patrone des Domes dessen Besucher: Vor dem Mittelpfosten steht Maria (als Himmelskönigin), die das Jesus-Kind auf dem Arm trägt und liebkost. Bei dieser frühgotischen Vollplastik aus Sandstein handelt es sich um eine der frühesten stehenden Madonnen in Deutschland.

An den Portaltüren stehen die spätromanischen Holzplastiken des Heiligen Kilian und des Heiligen Liborius. Das von zwei Engeln flankierte schlichte Holzkreuz symbolisiert Christus, den Heiland und Erlöser. Er ist das Ziel aller Pilgerschaft und Fundament der Kirche als Gemeinschaft der Heiligen.«

Margarete Niggemeyer geht dann ausführlich auf die großen Apostelfiguren ein, um ihre Beschreibung des Paradiesportals wie folgt abzuschließen: »Unterhalb der Heiligen schmückt das Portal ein reicher Figurenfries; die beiden Türöffnungen umläuft ein Fries mit Greifen.«

Greife von Paderborn. Foto Walter-Jörg Langbein

Greife wurden erstmals vermutlich in der persischen Mythologie beschrieben. In Ägypten tauchen sie Ende des vierten Jahrtausends vor Christus auf. Der Greif war nach altägyptischer Mythologie ein himmlisches Wesen. Die Greifen vom Paderborner Paradiestor marschieren auf der einen Seite gen Himmel, auf der anderen Seite kommen sie wieder zurück nach unten. Unzählige dieser Fabelwesen bilden scheinbar eine endlose Kette, jeder Greif, mit kräftigen Beinen ausgestattet, packt seinen vor ihm schreitenden Artgenossen mit mächtigem Schnabel am Vogel(?)schwanz.

Greifvögel treten in unzähligen Varianten, sprich Tiermischungen auf. Sehr häufig ist die Kombination Vogel-Löwe, zum Beispiel Löwenleib, Kopf eines Greifvogels mit Vogelflügeln. Was aber hat die bildliche Darstellung einer Vogelgreif-Prozession empor zum Himmel und wieder zurück am Paradiestor des Doms zu Paderborn zu suchen? Im Mittelalter galt der Greif als reales Wesen, nicht als Mythos oder Fantasieprodukt. In enzyklopädischen Sammelwerken hatte er einen festen Platz. Im Christentum wurde dem Greif positive Bedeutung zugemessen. Man sah im Greif die Summierung der herausragenden positiven Eigenschaften Jesu.

Mischwesen wie die Greife waren auch die Sphingen. In Ägypten kannte man vor allem die Kombination Löwenleib mit Menschenkopf. Es gab aber auch Sphingen, die an Greife erinnern, Mischungen aus Löwenleib und Greifvogelkopf. Margarete Niggemeyer verweist in ihrem Domführer, wie zitiert, kurz auf die Greife hin: » Die beiden Türöffnungen umläuft ein Fries mit Greifen.« Ansonsten aber spricht sie lediglich von einem reichen »Figurenfries«. Leider geht sie mit keinem Wort auf eine Vielzahl von Sphingen ein, die das Paradiesportal am Dom schmücken.


Fußnoten

16) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente Band II: Theozoologie«, Wien, Leipzig, Budapest 1906, Seite 5 und 9

17) ebenda, S. 26

18) ebenda

19) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 12

20) Lanz-Liebenfels, Dr. J.: »Bibeldokumente/ Band III/ Der Affenmensch der Bibel«, »Neue Metaphysische Rundschau«, Berlin 1907, Seite 2

21) Däniken, Erich von: »Die Augen der Sphinx«, München 1989. S. 81

22) Niggemeyer, Margarete: »Der hohe Dom zu Paderborn«, Paderborn, 3. Auflage 2012, S. 37
 
Anmerkung zu den Fotos

Alle mit X gekennzeichneten Fotos stammen aus dem Foto-Archiv des Verfassers. Alle übrigen Aufnahmen stammen vom Verfasser.


»Monsterwesen, ein Vögel und ein Hase«,
Teil 250 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                        
erscheint am 02.11.2014
 


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Sonntag, 16. März 2014

217 »Drei Heilige und ein Heidenstein«

Teil 217 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


St. Jakobus bei Nacht. Foto Walter-Jörg Langbein

Zu den mysteriösesten Kirchen Deutschlands zählt für mich St. Jakobus von Urschalling, am Chiemsee gelegen. Das kleine Gotteshaus birgt ein inzwischen recht bekanntes »ketzerisches« Geheimnis. Es ist eigentlich ein Sakrileg: Auf einem uralten sakralen Fresko wird der »Heilige Geist« dargestellt - ganz eindeutig als Frau! Es gibt im kleinen Kirchlein von Urschalling allerdings zwei weitere Rätsel…

Vollendet wurde das äußerlich unscheinbare Gotteshaus Ende des 12. Jahrhunderts, also vor weit mehr als acht Jahrhunderten. Der Turm dürfte sehr viel älter sein. Er stammt womöglich, zumindest in Teilen, aus der Römerzeit. Als die Römer längst abgezogen waren, blieb der Turm zurück. Er war als Zuflucht gedacht, im Falle von Überfällen durch Räuberbanden oder feindliche Truppen. Ob er je als »letzte Rettung« genutzt wurde, wir wissen es nicht. Später wurde das kleine Kirchenschiff an den Turm gesetzt und eine Verbindung geschaffen. St. Jakobus wurde von den Einheimischen als – wie St. Michael von Kirchbrak – als Wehrkirche angelegt.

Nicht ganz klar ist, wann genau die ersten frommen Fresken angebracht wurden. Die ältesten sind vielleicht schon acht Jahrhunderte alt. Um 1550 wurden sie jedenfalls alle überputzt und übertüncht. Sie gerieten in Vergessenheit.

Die »Trinität« von Urschalling.
Foto Walter-Jörg Langbein
Als man die schmalen Fenster des Gotteshauses erweiterte, wurden – unwissentlich – herrliche Fresken aus uralten Zeiten beschädigt. Wieder entdeckt wurden sie erst anno 1923. Ein älterer Einwohner von Urschalling erklärte mir bei meinem Besuch, seine Urgroßmutter habe bei einer langweiligen Predigt an der Wand gekratzt. Etwas sei abgefallen und ein Gesicht zum Vorschein gekommen. Ob die kleine Anekdote der Wahrheit entspricht?

Ursprünglich waren alle Wände und die Decke im schönen Gotteshaus mit unzähligen religiösen Bildnissen flächendeckend geschmückt. Erst 1941/42, 1966 bis 1968 und 1980 bis 1991 wurden mit großem Aufwand Restaurierungen vorgenommen. Es zeigte sich, dass doch einige erhebliche Lücken in der Freskenmalerei klaffen. Zum Glück haben die Restauratoren aus Respekt vor den Originalen Leerstellen nicht neu bemalt. So sind die religiösen Malereien lückenhaft geblieben, aber unverfälschte Originale.

Etliche Jahrhunderte jünger als die dezente Freskenmalerei sind drei gekrönte Heiligenfiguren. Sie entstanden erst im 16. Jahrhundert, die drei heiligen Frauen. In ihrer Mitte erkennen wir sofort die Gottesmutter Maria. Sie sitzt auf einem Thron und hat das kleine Jesuskind auf dem Arm. Zu ihrer Rechten steht, ebenfalls mit einer Krone auf dem Haupt, steht die Heilige Katharina. Zur Linken Mariens machen wir die Heilige Barbara aus.

Die Heilige Katharina wird als Märtyrerin verehrt, und das sowohl von den katholischen, als auch von der Orthodoxen Kirche. Sie soll zur Zeit der Regentschaft von Caesar Maximus Daia (305-313 n.Chr.) für ihren Glauben gestorben sein. Katharina, Tochter des heidnischen Königs Costus aus Zypern, wurde – so weiß es die Überlieferung – von einem frommen Eremiten zum Christentum bekehrt. Kaiser Maximus ließ seine besten Gelehrten und Philosophen gegen Katharina antreten. Katharina aber gab ihren Glauben nicht auf. Sie argumentierte so überzeugend, dass ihre fünfzig Widersacher geschlossen zum Christentum übertraten. Der wütende Kaiser ließ sie zur Strafe auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Nusplingen St. Peter und Paul, Enthauptung Katharina
von Alexandrien . Foto  LepoRello (Wikipedia)

Der Kaiser war von Katharinas Standhaftigkeit und Intelligenz zutiefst beeindruckt. Wiederholt bot er ihr an, neben ihm auf dem Thron zu sitzen und als Herrscherin zu regieren. Doch Katharina lehnte das Angebot immer wieder ab, auch dann noch, als sie fürchterlichen Qualen ausgesetzt wurde. So wurde Katharina zunächst grausam gefoltert, dann zwölf Tage blutend und ohne Nahrung in ein finsteres Verließ gesperrt. Engel standen ihr – nach uralter Überlieferung – bei, versorgten ihre Wunden. Sie bereiteten sie auf ihren Tod als Märtyrerin vor.

Auch als Katharina mit grausamen Folterinstrumenten zu Tode gequält werden sollte, erhielt sie zunächst göttlichen Beistand. Als sie mit fürchterlichen Rädern zerstückelt werden sollte, betete die fromme Frau verzweifelt.  Ein Engel stieg vom Himmel herab und zerstörte die mit Nägeln und Sägen bestückten Räder mit solcher Gewalt, dass 4 000 gaffende Zuschauer auf der Stelle getötet wurden.

Katharina wurde dann aber doch mit einem Schwert enthauptet. Wieder ereignete sich ein Wunder. Aus ihren Wunden quoll kein Blut, sondern Milch. Engel trugen ihren geschundenen Leib auf den Berg Sinai im Heiligen Land und bestatteten sie. Erst ein halbes Jahrtausend später wurden ihre sterblichen Überreste gefunden. Und genau dort wurde das »Katharinenkloster« errichtet. Aus ihren Knochen, so heißt es, fließe heilsames Öl.

Enthauptung Barbaras,
Barbara Altar von Jerg Ratgeb in der
Stadtkirche Schwaigern,
1510 Schmelzle (talk  contribs)
Auch Barbara von Nikomedien soll sich – so überliefert es der alte Volksglauben – geköpft… vom eigenen Vater. Gerade zu Zeiten blutiger Christenverfolgungen im dritten Jahrhundert soll sich Barbara dem neuen Glauben zugewendet haben. Barbara, von mächtigen Männern heiß begehrt, wurde in einen Turm eingesperrt, bekannte sich aber weiter zum Christentum. Die Ärmste wurde gefoltert, um sie vom Christentum wieder abzubringen… 

Vergeblich. Wie Katharina bekam auch die Heilige Barbara zunächst göttlichen Beistand. Wie so häufig sollte Barbara aber nicht wirklich geholfen, ihr qualvolles Leiden sollte nur verlängert werden. Als ihr Vater sie eigenhändig töten  wollte, tat sich ein Felsspalt auf. Barbara konnte sich zunächst verbergen. Ein böser heidnischer Hirte allerdings verriet das Versteck. Zur Strafe verwandelte Gott den Mann in einen Mistkäfer.

Barbara aber konnte ergriffen werden. Sie wurde misshandelt, bis ihr die Haut in Fetzen vom Leibe hing. Ihre Brüste wurden abgeschnitten, Barbara wurde mit brennenden Fackeln gemartert… Wieder gab es vorübergehend Linderung. Ein himmlischer Bote tauchte auf und umhüllte ihren geschundenen Leib mit einem weißen Gewand. Jesus, der Heiland der Christen, soll selbst erschienen sein und ihre Wunden geheilt haben. Der himmlische Beistand aber zögerte ihr Ende nur hinaus. Wie Katharina wurde auch sie nicht gerettet, sondern vom eigenen Vater enthauptet. Der unerbittliche Mörder aber – so weiß die fromme Legende – überlebte seine Tochter nicht lange. Er wurde kurz nach seiner Tat dahingerafft: Ein Blitz traf ihn und verbrannte den Christenhasser.


Die Heilige Katharina von Urschalling links im Bild.
Die Heilige Barbara rechts im Bild.
Foto: Walter-Jörg Langbein

Die Heilige Katharina wird häufig mit ihren Insignien Rad und Schwert dargestellt, weil sie mit dem Rad gepeinigt und mit dem Schwert enthauptet wurde. Die Heilige Barbara wird oft mit dem Turm verewigt, weil sie in einen Turm gesperrt wurde. Die Katharina von Urschalling hält stolz das tödliche Schwert in den Händen, die Heilige Barbara den Turm.

Die Heilige Margareta von Antiochien erlitt den Märtyrertod im Jahre 305 n.Chr. Sie soll von ihrer christlichen Amme erzogen und zum Christentum bekehrt worden sein. Ihr eigener Vater – so überliefert die fromme Legende – zeigte sie an und brachte sie vor Gericht. Der heidnische Richter begehrte die sehr attraktive junge Frau, wurde aber empört zurückgewiesen. So wurde sie einer Feuerfolter unterzogen und in siedendes Öl geworfen. Auf wundersame Weise überlebte sie diese mörderischen Torturen, was zu wahren Massentaufen führte. Doch auch Margareta musste schließlich sterben. Wie Katharina und Barbara wurde sie enthauptet.

Das weithin bekannte »Geheimnis« von Urschalling ist die »Dreifaltigkeit« mit einer »Heiligen Geistin« in der Mitte. Kaum beachtet ist ein zweites »Geheimnis«, eine rein weibliche Trinität. Barbara, Katharina und die Heilige Margareta von Antiochien bilden eine weibliche Trinität, eine weibliche Dreifaltigkeit innerhalb der berühmten »Vierzehn Nothelfer«. Eine weibliche Trinität formieren auch die drei »Heiligen« von Urschalling. Allerdings wurde Margareta durch Maria, die Gottesmutter, ersetzt.


Der »Heidenstein«, das
»dritte Geheimnis« von Urschalling.
Foto Dr. Wilfred Krause at de.wikipedia

Das dritte »Geheimnis« mutet sehr rätselhaft an. Im Mittelgang der St. Jakobus-Kirche steht so etwas wie ein steinerner Pilz. Der Fuß -  eine niedrige, moderne Säule. Sie könnte aus Beton sein.  Und darauf ruht ein uralter Stein - die Kappe des Pilzes. Die merkwürdige Säule mit dem Stein darauf wirken fast störend. Sie versperren teilweise den Weg zum Altar. Der runde Stein weist einen »Kreis« an der Oberseite auf, bestehend aus sechs sorgsam »gebohrten« Löchern, mit einer siebten Vertiefung in der Mitte.

Im Mittelgang der mysteriöse Stein.
Foto Dr. Wilfried Krause
at de.wikipedia

Was auch immer dieser runde Steinscheibe darstellen soll, christlich ist sie nicht. Wann entstand sie? Welchem Zweck diente sie? Im 19. Jahrhundert, so ergab mein Quellenstudium, hielt man sie für einen »keltischen Heidenstein«, was auch immer das bedeuten soll. Diese These ist heute mehr als umstritten. Der Stein, so erfuhr ich von einer außergewöhnlich gut informierten Expertin, stammt aus römischer Zeit. Vielleicht wurde er von römischen Soldaten als »Spielstein« verwendet.

Wie aber kam der »Heidenstein« in die christliche Kirche von Urschalling? Und warum? Jemand, vermutlich ein Pfarrer, ließ ihn – wahrscheinlich im 19. Jahrhundert –  hinter dem Altar einmauern. Warum? Warum wurde er nicht dort belassen? Warum wurde er aus der Mauer gerissen und dann an so zentraler Stelle im Mittelgang auf einem Säulenpodest angebracht, und zwar so, dass er nicht zu übersehen ist? Betritt man heute die Kirche und blickt Richtung Altar, dann sieht man zentral vor sich den »Heidenstein« und rechts vor sich die weibliche Trinität mit Maria, der Gottesmutter, im Mittelpunkt…..


»Drei Hasen«,
Teil 218 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,                         
von

Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 23.03.2014





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