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Sonntag, 15. Januar 2017

365 »Feuerberg und Heiliger Quell‘«

Teil  365 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der »Bullerborn« heute

Von der Stadt der einst heiligen Quellen Paderborn zum »Feuerberg« Bad Pyrmont: Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnte Mönch Heinrich von Herford in einer Handschrift eher beiläufig: »Im Herzogtum Westfalen in der Grafschaft Pyrmont bei opidu Lude (Stadt Lügde) in der Diözese Paderborn ist ein Ort des Überflusses mit einer Quelle, der Bullerborn genannt.« Besonders beeindruckt zeigt sich der Kirchenmann ob der Lebhaftigkeit der Quelle. Er schreibt dass sich Bullerborn ständig mit »heftigem Sprudeln und Aufbrausen« bemerkbar mache.

Anno 1597 erschien in Lemgo ein Werk von Johannes Feuerberg alias Johannes Pyrmontano über die »Heilige Quelle« von Bad Pyrmont, betitelt »Fons Sacra, Beschreibung des wunderbaren und Weltberühmten Heil-Brunnens / Gelegen in der Herrschaft Pyrmont«. Pyrmontano konstatiert, dass damals der Pyrmonter Brunnen schon mehr als 200 Jahre in »Beruff«, also in Verwendung, gewesen sei. Namentlich nennt er »Margaretha, Geborene zur Lippe«, Ehefrau von Graf Johann des Älteren zu Riedberg, die anno 1502 das Wasser aus der Heiligen Quelle ob seiner heilsamen Wirkung geschätzt und genutzt habe. Im 16. Jahrhundert galten die Quellen von Pyrmont schon lange nicht mehr nur als Geheimtipp. Aus ganz Europa kamen Zehntausende in der Hoffnung auf heilsame Wirkung des Quellwassers von Bad Pyrmont.

Foto 2: Einst hat man die Stimme des »Bullerborns« weit gehört

Eine ganz besonders wirksame Quelle soll einst im Raum Lügde/Bad Pyrmont aus schattigem Waldboden an die Oberfläche gekommen sein. Ein Mann, so wird in einer alten Sage berichtet, verirrte sich zu nächtlicher Stunde und fand zufällig (2) »auf einer Waldlichtung ein kleines Quellchen, das silbern im Mondschein glänzte«. Erschöpft, wohl auch verzweifelt, so heißt es weiter (3) »beugte er sich darüber und schlürfte das köstliche Wasser. Daraufhin durchzog ihn ein merkwürdiges Gefühl und eine seltsame Frische beschwingte sein Herz.«

Foto 3: Bad Pyrmont gegern Ende des 17. Jahrhunderts

Das »Quellchen« war, wie der Mann erstaunt feststellte, ein Jungbrunnen. Seine eigene Frau erschrak ob des nunmehr wieder jugendlichen Aussehens ihres Gatten und ließ sich genau berichten, was geschehen war. Bald darauf machte sie sich nach der Wegbeschreibung ihres Mannes auf den Weg, fand die Quelle und tat zu viel des Guten. Sie nahm zu viel von dem Wunderwasser zu sich und (4) »wurde wieder zu einem kleinen Mädchen«. Moral von der Geschicht‘: Trink zu viel vom Jungbrunnen nicht!

Foto 4: Die Bombergallee führt zum »Heiligen Quell'«

Die Vorstellung vom Jungbunnen ist uralt. In alter deutscher Sagenwelt gibt es die Vorstellung vom »Berg, auf dem der Himmelsvater seit Jahrtausenden thront«, aus dem ein Jungbrunnen sprudelt (5). Mit Angst vor dem Alter allein ist die Vorstellung vom Jungbrunnen meiner Meinung nach nicht zu erklären, auch nicht mit der Sehnsucht nach langer, womöglich ewiger Jugend. Nach der vielleicht ältesten Glaubensvorstellung überhaupt gibt es einen ewigen Kreislauf von Geburt, Leben und Tod. Auf den Tod folgt die Wiedergeburt und ein neuer Zyklus beginnt. Was stirbt, fährt in die Unterwelt hinab und kommt neugeboren wieder zurück. Das aus Mutter Erde sprudelnde Wasser ist somit ein Symbol für Wiedergeburt des Lebens überhaupt, nicht nur der Natur, die dank des Wasser im Frühjahr nach dem Winter zu neuem Leben erwacht. Weist die Sage vom Jungbrunnen im Raum Lügde/ Pyrmont auf einen matriarchalen Kult um eine heute vergessene Göttin hin? Gibt es auch in Bad Pyrmont christliche »Mythologie«, die auf heidnisches Brauchtum zurückzuführen ist?

Ein Tipp: Sie suchen die heidnischen Ursprünge christlicher Mythologie? Sie wollen herausfinden, wer und was sich hinter Heiligen verbirgt? Dann stellen Sie doch einmal fest, an welchen Tagen die Heiligen gefeiert werden. Sieben Heilquellen bietet Bad Pyrmont. Im Zentrum der Kurstadt befindet sich der Brunnenplatz mit dem »Hylligen Born«, dem »Brodelbrunnen« und dem »Augenbrunnen«.

Foto 5: Die Heilige Ottilie
Beginnen wir unseren kleinen Spaziergang beim »Augenbrunnen«. Auf einer Säule steht da ein Bildnis der Heiligen Odilie (Ottilie). Ottilie (Odilie), die Schutzheilige für das Augenlicht, hat ihren Gedenktag am 13. Dezember. Am 13. Dezember wird auch der Heiligen Lucia gedacht. Lucia bedeutet im Lateinischen die Leuchtende. Am 13. Dezember wird vor allem in Dänemark, Norwegen und in Finnland spezielles Brauchtum zelebriert.

Das Luciafest ist ein auf ein Heiligenfest zurückzuführender Brauch, der vor allem in Schweden sowie und dänischen Südschleswigern verbreitet ist. Das Fest fällt auf den 13. Dezember, den Gedenktag der heiligen Lucia. Warum? Bevor der Gregorianischen Kalenders in Schweden anno 1752 eingeführt wurde, war der 13. Dezember für ein Jahrhundert der kürzeste Tag des Jahres. 

Am 13. Dezember wurde also »Sonnwend‘« gefeiert. Die Wintersonnenwende – Alban Arthuan bei den Kelten – war ein wahrlich markanter Einschnitt im religiösen Leben. Auf den Tod der Natur im Winter folgte ihre Wiedergeburt zur Wintersonnenwende. In der Nacht der Wintersonnenwende bringt die Göttin im finst’ren Leib der Erde das Sonnenkind – wieder – zur Welt.

Das Leben wird neu geboren, die Dunkelheit wird gebannt. Dieses Wiederaufleben der Sonne und des Lichtes wurde schon im Heidentum zelebriert, zum Beispiel im Mithraskult. Es ist kein Zufall, dass wir zeitnah zur Wintersonnenwende (21.12.) am 24. 12. die Geburt des Jesuskinds feiern. Einen Vorläufer unseres christlichen Weihnachtsfestes gab es schon in Ägypten. Im 5. Jahrhundert schildert Herodot das »große Fest« eines mysteriösen Geheimkults um Isis und Osiris. Es geht um den Opfertod des Osiris (Foto 6, Mitte), der zunächst vehement betrauert wird. Dann aber, so viel ist bekannt, kam große Freude auf, weil der geopferte Gott wieder auferstehen würde. Es geht, so verrät der griechische Philosoph Plutarch (* um 45 in Chaironeia; † um 125), um das Weltall, das immer wieder und aufs Neue geboren wird, also um den ewigen Kreislauf des Lebens, im Kleinen wie im Großen. Isis ist in dieser Mythologie die Gebärmutter des Universums.

Foto 6: Horus, Osiris und Isis

Das Leben, diese Theorie vertrat der schwedische Physiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius (1859-1927) bereits vor mehr als 80 Jahren, sei »ewig«. Damit erübrige sich die Frage nach seinem Ursprung. Selbstverständlich, so der Wissenschaftler, (6)»habe auch eine Kreislinie irgendwo einen Anfang, doch sobald sie geschlossen sei, stelle sich die Frage nach ihrem Anfang nicht mehr. Sie ließe sich nicht mehr beantworten. Hinter den Anfang müsse man eine Art von ›Schöpfung‹ stellen oder das, was die Religionen als ›Gott‹ bezeichnen.« Nobelpreisträger Arrhenius war ein wirklich sehr vielseitiger Wissenschaftler, dessen Bandbreite staunen lässt. So setzte er sich forschend mit so unterschiedlichen Gebieten wie der physikalischer Chemie, der Geophysik, aber auch der Meteorologie, der Physiologie und der Kosmologie auseinander.

Foto 7: Blick in die Kuppel vom »Heiligen Quell'«, Bad Pyrmont

Das Bild vom Leben als ein Kreis ohne erkennbaren Anfang und somit auch ohne Ende erinnert mich an den wohl ältesten Glaubenssatz überhaupt, nämlich dass es einen ewigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt gibt. Seit Jahren bin ich damit beschäftigt, diese Weltsicht zu erforschen. Wenn ich hinter Heiligen unseres christlichen Kulturkreises Göttinnen und Götter aus sehr viel älteren Kulturkreisen vermute, so geschieht dies nicht aus Respektlosigkeit gegenüber dem christlichen Glauben. Ich suche vielmehr nach den tieferen Wurzeln unserer Glaubensbilder in grauer Vorzeit.


Foto 8: Der Hyllige Born (Heiliger Quell') Bad Pyrmonts

Lucia und Odilie werden beide am 13. Dezember gefeiert. Hinter dem vordergründig Christlichen verbirgt sich ein uralter Glaubenskult um Tod und Wiedergeburt des Lebens, um das neuerliche Erstarken der Sonne, die dem Leben wieder neue Kraft schenkt. Heide Göttner-Abendroth schreibt (7): »Diese matriarchalen Muster haben sich außerordentlich lang erhalten, so dass die Missionare sich gezwungen sahen, sie in direkter Umkehrung noch in die christliche Mythologie aufzunehmen.« Alte heidnische Feier-Termine wurden christlich besetzt. So wurde aus dem Tag der Wintersonnenwende der Gedenktag der Lucia, der »Leuchtenden«. Und um den alten Jubeltag noch mehr zu überdecken, ernannte man den 13.12. auch noch zum Tag der Odilie (Ottilie).

Foto 9: Die Heilige Ottilie vom Augenbrunnen

Fußnoten

1) »Lippische Landeszeitung«, Artikel vom 27.05.1971. Siehe auch Willeke, Manfred: »Lügde Sagen-Sammlung«, Lügde 1988, S. 110 und 11, »Der wunderbare Jungbrunnen«.
2) Willeke, Manfred: »Lügde Sagen-Sammlung«, Lügde 1988, S. 110 und 111, »Der wunderbare Jungbrunnen«, Zitat S. 110, Zeilen 3-5 von oben
3) ebenda, Zeilen 5-8 von oben
4) ebenda, Zeilen 5 und 4 von unten
5) Siehe hierzu Bächtold-Stäubli, Hanns: »Handwörterbuch des deutschen
     Aberglaubens«, Band 1, Neuauflage Berlin und New York 1987, S. 1054,
     rechte Spalte, Stichwort »Weltberg und Himmelsstütze«
6) Zitiert nach Däniken, Erich von: »Botschaften aus dem Jahr 2118/ Neue
     Erinnerungen an die Zukunft«, Rottenburg, Oktober 2016, Seite 97, Zeilen 6-
    11 von oben. eBookausgabe: Pos. 1093
7) Göttner-Abendroth, Heide: »Berggöttinnen der Alpen/ Matriarchale
     Landschaftsmythologie in vier Alpenländern«, Edition Raetia, 1 Auflage: 21.
     April 2016,eBook-Ausgabe, Pos. 2701

Foto 10: Moosbewachsen - das Haupt der Pyrmonter Ottilie

Zu den Fotos


Foto 11: Der Hyllige Born
Foto 1: Der »Bullerborn« heute. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Einst hat man die Stimme des »Bullerborns« weit gehört. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Bad Pyrmont gegern Ende des 17. Jahrhunderts. Archiv Langbein.
Foto 4: Die Bombergallee führt zum »Heiligen Quell'«. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Heilige Ottilie. Darstellung um 1500. Foto: wikimedia commons public domain
Foto 6: Horus, Osiris und Isis. Foto wikimedia commons/ Guillaume Blanchard
Foto 7: Blick in die Kuppel vom »Heiligen Quell'«, Bad Pyrmont. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Der Hyllige Born (Heiliger Quell') Bad Pyrmonts. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Die Heilige Otilie vom Augenbrunnen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Moosbewachsen - das Haupt der Pyrmonter Ottilie. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 11: Der Hyllige Born. Foto Walter-Jörg Langbein

366 »Ein Ganesha und die Herrin vom See«,
Teil  366 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein, 

erscheint am 22.01.2016

 

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Sonntag, 24. Mai 2015

279 »Die Marienwunder von Lügde«

Teil 279 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Die Marienkirche von Lügde.

Wie alle Jahre rollten auch am Ostersonntag 2015, am Abend des 5. April, sechs brennende »Osterräder« von einer Anhöhe ins Tal. Sie kamen gut voran, was nach altem Volksglauben auf reiche Ernte für die Landwirtschaft hinweist. Heimatforscher Manfred Willeke berichtet (1):


»Wie alt dieser Brauch ist, und woher er ursprünglich stammt, ist weithin unbekannt. Die alten Lügder berichten lediglich davon, daß zwei Jungen einmal einige ausgediente Wagenräder mit Stroh hätten laufen lassen, was den Leuten sehr gut gefallen hätte und schließlich zur Tradition geworden wäre.«

Ein brennendes Rad rollt ins Tal, Ostersonntag in Lügde

Mir erscheint diese Erklärung wenig plausibel zu sein. Ich halte es für nicht glaubwürdig, dass »zwei Jungen« aus einer spielerischen Laune heraus zentnerschwere Wagenräder auf einen Berg geschafft haben und ins Tal haben rollen lassen. Es ist alles andere als wahrscheinlich, dass sich aus einem kindlichen Spiel ein bis in unsere Tage zelebrierter Brauch entwickelt hat. Eine ebenfalls von Manfred Willeke publizierte Lügder Sage datiert den Ursprung der Feuerräder in vorchristliche Zeiten zurück (2):

»Vor vielen hundert Jahren wurden die Osterräder zu Lügde verboten, da sie der Kirche in dieser Zeit nicht mehr genehm waren und auch nicht in die Zeit gepasst hätten… Die Lügder aber hingen sehr an diesem Brauchtum und suchten den Kontakt zur Kirche. Nach langen zähen Verhandlungen einigte man sich schließlich darauf, die Räder weiterhin unter christlicher Vorstellung zu Ehren des auferstandenen Herrn Jesus Christus laufen zu lassen. Zu diesem Zweck wurden die Räder mit den vielen Speichen abgeschafft und nur noch zwei Speichen in die Räder gesetzt, welche wie ein Kreuz aussahen. So war die Kirche und auch das Volk zu seinem Recht gekommen und der Lauf der Osterräder gesichert.« Wurde also ein uralter heidnischer Brauch (»Feuerräder«) christianisiert (»Osterräder«), so dass die Kirche die Fortführung der österlichen Zeremonie dulden konnte?

Feuerräderlauf zu Lügde... Ostersonntag
Dass die »gute alte Zeit« so wirklich gut nicht immer war, beweist auch die Geschichte meiner neuen »Heimatstadt« Lügde (3). In den Jahren 1447, 1548 und 1797 kam es zu katastrophalen Stadtbränden, bei denen fast nur die Befestigungsanlagen und die Kilianskirche erhalten blieben. Große Überschwemmungen suchten Lügde 1539, 1775 und zuletzt 1946 heim. Zu Kriegsschäden kam es besonders im 17. Jahrhundert (4). 1632 standen die Schweden vor der Stadtmauer Lügdes. Die feindliche Übernahme stand unmittelbar bevor. Den Lügdern grauste es vor einem möglichen blutigen Ende. Hatten sie die »Magdeburger Hochzeit« vor Augen? 1631 war Magdeburg von 26.800 kaiserlichen Soldaten belagert wurden. Am 10. Mai 1631 wurde Magdeburg förmlich überrannt. Es kam zu Plünderungen, Morden und Vergewaltigungen. Kinder wie Greise, Frauen wie Männer, Zivilisten wie Soldaten wurden in einem fürchterlichen Gemetzel förmlich abgeschlachtet. Rund 20.000 Tote waren zu beklagen, ein Großteil der gesamten Bevölkerung. Überlebt haben reiche Magdeburger, die sich freikaufen konnten. Überlebt haben zweitausend, vielleicht sogar viertausend Menschen, die im Dom Zuflucht gesucht hatten. Sie wurden vom Heerführer Johann Graf von Tilly verschont. Würde den Lügdern wenige Monate nach dem grausamen Gemetzel von Magdeburg ein ähnlich schlimmes Schicksal widerfahren?

1632 drohte die Stadt Lügde von einem übermächtigen Truppenkontingent der Schweden eingenommen zu werden. In einer alten Lügder Sage wird das Marienwunder beschrieben (5):

Marienkirche zu Lügde
» Als im Jahre 1632 die Schweden die Stadt Lügde angriffen, geschah ein großes Wunder. Machtlos standen die Bewohner Lügdes der angreifenden Übermacht der Schweden gegenüber. Als sie keinen Ausweg mehr wußten, fingen sie in dieser allerhöchsten Not an zu beten und riefen die Hilfe der Stadtschutzpatronin, der Muttergottes, an.

Der Beschuß der Schweden wurde aber immer heftiger und schon flogen die ersten Kanonenkugeln über die Stadtmauer. Immer wilder tobte der Kampf um Lügde. Da erschien an der Stelle, wo heute die Muttergottes in den Stadtmauer steht, eine ›weiße Frau‹ auf der Mauer und blickte den Schweden mutig ins Auge. Sie verschwand trotz des starken Beschusses nicht von der Mauer und schaute furchtlos zu den Schweden. …

Da wichen die Schweden entsetzt zurück und ergriffen die Flucht vor dieser ›weißen Frau‹. Erleichtert sanken die Lügder auf die Knie und stimmten ein Loblied zu Ehren der Muttergottes an, die ihnen doch einen rettenden Engel geschickt – oder ihnen selbst geholfen hatte ????« (Ende des Zitats)

Reste der Stadtmauer von Lügde

Nach meinem intensiven Quellenstudium bin ich zur Überzeugung gelangt, dass bereits rund ein halbes Jahrtausend vor der Belagerung durch die Schweden eine Muttergottes-Figur in einer Nische der Stadtmauer von Lügde verehrt wurde. Nach der wundersamen Rettung durch die »Weiße Frau« nahm die Marienverehrung in Lügde noch zu. Mit großem Eifer dankte man Maria. Wie? Angeblich war es fromme Sitte, zu Ehren der »Heiligen Jungfrau« Kerzen anzuzünden. Die Lügder, als Lipper ansonsten nicht gerade für Verschwendungssucht bekannt, sollen allen Geiz vergessen und voller religiöser Inbrunst zahllose Kerzen in unmittelbarer Nähe der Statue abgebrannt haben. Über die Jahrhunderte sei die »Muttergottes« schwarz geworden. Kleine Kinder sollen sich gar vor der verehrten Statue gefürchtet haben. Also wurde beschlossen, die alte, schwarze Statuette gegen eine neue, ansehnlichere auszutauschen. Das soll Ende des 19. Oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschehen sein.

Die neue Statuette von Jesu Mutter sollte an die Stelle der alten treten. Die alte sollte verschwinden. Ausgediente Heiligenfiguren wurden auf besondere Weise »entsorgt«. So wurde die schwarze Madonna von Lügde einem »Heiligenfeuer« anvertraut….(7) »Doch die Muttergottes verbrannte nicht, sondern strahlte ein viel helleres Licht als das des Feuers aus. Da nahmen sie die Kinder wieder an sich und brachten sie zum Vater. Dieser war zornig und schimpfte die Kinder aus, daß sie das alte Ding nun doch wieder mitgebracht hätten. In seinem Zorn packte er sich die Figur und lief damit zur nahen ›Kleinen Emmer‹, in die er sie hineinwarf. Wenn er nun aber gedacht hatte die Lösung des Problems gefunden zu haben, so hatte er sich geirrt, denn die Muttergottes bewegte sich nicht von der Stelle, ja ging auch nicht unter. Da ergriff ihn ein Gefühl tiefer Ehrfurcht und er fischte die Muttergottesstatue wieder aus der ›Kleinen Emmer‹. Zuhause angekommen reinigte er sie gründlich und räumte ihr einen besonderen Ehrenplatz in der sogenannten Wohnstube ein. Nach vielen Jahren hörte Pfarrer Vogel (1922-40) davon und er bekam die Muttergottesstatue für die Kirche, wo sie noch heute steht.«

Wundersame Statue, Marienkirche, Lügde

Drei Marienwunder werden seit alten Zeiten in Lügde überliefert: Maria verteidigt die Stadt Lügde im Dreißigjährigen Krieg gegen eine überwältigende Überlegenheit der schwedischen Belagerer, die Lügder Muttergottesstatue übersteht auf wundersame Weise die Flammen eines Heiligenfeuers und auf nicht minder wundersame Weise versinkt sie nicht in den Fluten der »Kleinen Emmer«.

Wir finden die wundersame Statue der Muttergottes heute am rechten Pfeiler gegenüber der Kanzel in der Lügder Marienkirche. Es fällt auf, dass sie ein großes Zepter in der rechten Hand hält, von Aussehen und Größe mit dem von Karl dem Großen. Das »Jesuskind« scheint – bei genauerem Hinsehen – gar nicht von der Mutter gehalten zu werden. Es ist, als ob der Miniaturerwachsene mit ernster Miene vor der linken Seite seiner Mutter schwebt. Der Erwachsene in Kindergröße hat auch keine babytypische Haltung. Seine Beine sind angewinkelt, so als ob er auf einem Thron sitzt. In seiner Hand hält er die Weltkugel, als Zeichen dafür, dass Jesus Christus nach christlichem Glauben Herr der Welt ist. Seine rechte Hand ist zum Segensgruß erhoben.

Das »Jesuskind« von Lügde
Übrigens: So wie in Lügde sorgte im gleichen Jahre – anno 1632 – ein Marienbild in Mengen nach altem Volksglauben, dass schwedische Truppen trotz militärischer Überlegenheit auf den siegreichen Angriff verzichteten und abzogen. Derlei sagenhafte Überlieferungen sind, speziell bei älteren Menschen, auch heute noch fest im Volksglauben verankert. Ich sprach im Laufe der letzten fünfunddreißig Jahre wiederholt mit alten Einwohnern Lügdes, die fest an die Wunder »ihrer« Maria glauben. Für diese Katholiken ist der Glaube an Maria Gewissheit und gibt ihnen Sicherheit und. Sie fühlen sich beschützt, so wie wahrscheinlich schon vor Jahrzehntausenden Menschen, deren Muttergöttinen nur einen anderen Namen trugen. Maria, die Muttergottes, übernimmt mehr und mehr die Rolle der schon vor Jahrtausenden im Zentrum des Glaubens stehende Muttergöttin.

Der vermeintlich aufgeklärte Mensch mag zu Beginn des 21. Jahrhunderts altehrwürdige Überlieferungen wie jene von den Marienwundern von Lügde als »Aberglauben« belächeln und ablehnen. In einer aufgeklärten Zeit sollte aber in religiösen Fragen Toleranz herrschen. Jeder sollte den Glauben seines Nachbarn tolerieren und achten. Und niemand sollte versuchen, seinem Nachbarn den eigenen Glauben aufzudrängen, schon gar nicht mit Gewalt. Wer meint, mit Gewalt seinen Glauben durchsetzen oder auch nur »schützen« zu müssen, der beweist nicht die Richtigkeit seines Glaubens. Vielmehr verdeutlicht so ein Mensch nur, wie schwach in Wirklichkeit sein eigener Glaube ist.

Fußnoten

Blick in die Marienkirche
(1) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 103, Orthographie blieb unverändert
(2) ebenda, S. 102, das Zitat wurde wortwörtlich übernommen, blieb – Orthographie – unverändert!
(3) Geboren wurde ich 1954 im oberfränkischen Michelau. Anno 1979 zog es mich nach Lügde ins Exil, der Liebe wegen … zu meiner Frau!
(4) Und zwar in den Jahren 1621 folgende, 1632 folgende und 1638 folgende!
(5) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 26, Orthographie blieb unverändert
(6) Horstmann, Heinrich von: »Lügde, Stadt der Osterfeuerräder - Entstehung, Werden und Sein einer alten westfälischen Stadt«,  Bad Pyrmont 1970, S. 17 und 18
(7) Willeke, Manfred: »Lügder Sagen-Sammlung/ Sagen und sagenhafte Geschichten aus der Stadt Lügde«, Lügde 1988, S. 28, Orthographie blieb unverändert

Literaturempfehlungen

(8) Linsbauer, Helga Marie: »Marienlegenden/ Zeugnisse der Marienverehrung aus vielen Jahrhunderten«/ Titel innen: »Marienlegenden/ Erzählungen von den Wundertaten der Gottesmutter aus 13 Jahrhunderten«, Augsburg 1989


Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag von St. Marien
(9) Hierzenberger, Gottfried und Nedomansky, Otto: »Erscheinungen und
Botschaften der Gottesmutter Maria/ Vollständige Dokumentation durch zwei Jahrtausende«, Augsburg 1993

(10) Kurte, Andreas (Hrsg.): » St. Marien Lügde 1895 – 1995«, Lügde 1995

Zu den Fotos:

Jubiläumsschrift zum 100. Geburtstag von St. Marien (links): Archiv Walter-Jörg Langbein.

Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein



280 »Die Lichterscheinungen von Lügde und anderswo«
Teil 280 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 31.05.2015







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Sonntag, 17. Mai 2015

278 »Karl der Große, Feuerräder und Gebetsuhren«

Teil 278 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Karl der Große, Kilianskirche Lügde
Im achten Jahrhundert entschied sich das Schicksal Europas. Würde das Christentum vom Islam abgelöst werden? Weite Gebiete um das Mittelmeer waren damals Bestandteil eines wachsenden vom Islam bestimmten Imperiums. War das »Imperium Romanum« von christlichen Herrschern »übernommen« worden, so war jetzt die arabische Macht auf militärische Eroberung bedacht. Missionierung erfolgte weniger mit der Kraft des Wortes, sondern mit der Gewalt des Schwertes. Missionierung hatte auch weniger rein religiöse Intentionen, diente vielmehr knallharter Machtpolitik.

Der Islam breitete sich damals mit Vehemenz aus. Wir könnten, müssten heute in einem muslimisch dominierten Europa leben, mit der Scharia als Gerichtsinstanz, wenn die Geschichte damals zufällig (?) anders verlaufen wäre. Doch 732 unterlagen Araber und Mauren dem fränkisch-christlichen Heer Karl Martells. Unter Karl Martells Sohn »Pippin« wuchs wieder der Einfluss des Christentums. Karl der Große setzte – wie seine Gegner aus der islamischen Welt – auf‘s Militär… und das mit Erfolg. Gefahr drohte aus Sicht Karls des Großen auch von den »heidnischen« Wikingern. 800 fand die feierliche Krönung Karls des Großen durch Papst Leo III. zum »Kaiser des römischen Reiches« statt.

Karl der Große war nicht nur ein geschickter Krieger, er soll auch hochgebildet gewesen sein. Angeblich sprach er, der Analphabet, fließend Latein. Karl, der kaum seinen eigenen Namen kritzeln konnte, lud zahlreiche Gelehrte an seinen Hof. Seine Bibliothek wuchs, Karl der Große selbst ließ sich gern aus den Büchern seiner kostbaren Sammlung vorlesen. Großen Wert legte er auf Bildung, die nicht mehr nur einer kleinen Elite vor allem in Rom vermittelt wurde. Der Analphabet förderte die Wissenschaften für das eigene Volk im riesigen Reich der Franken. Mathematik und Astronomie wurden gefördert.

Karl der Große, Dom zu Bremen
Ob er wirklich ein überzeugter Christ war, ist zumindest fraglich. Als Machtmensch setzte der Regent auf das Christentum als die Staatsreligion. In seinem Imperium sollte es nur eine konkurrenzlose Religion geben. Konkurrenz – etwa das Heidentum – wurde bekämpft. Ein Volk mit einer Staatsreligion ließ sich leichter regieren als ein Reich mit konkurrierenden Glaubensrichtungen. 782, davon ging die Wissenschaft lange aus, ließ Karl der Große in Verden an der Aller das ominöse »Blutgericht« anrichten. 4500 Sachsen, die sich weigerten, zum Christentum überzutreten, sollen auf Befehl Karls enthauptet worden sein. Ihr Blut habe die Aller rot gefärbt. Allerdings ist schon seit Jahrzehnten umstritten, ob es die Massenhinrichtung überhaupt gegeben hat.

Karl Bauer, Theologe und Kirchenhistoriker, veröffentlichte schon 1937 in Münster »Die Quellen für das sogenannte Blutbad von Verden«. Nach Bauer wurden die 4500 Sachsen gar nicht enthauptet, sondern umgesiedelt. Ein Abschreibfehler habe aus den »delocati« (»umgesiedelt«) »decollati« (»enthauptet«) gemacht. Die meisten Historiker folgen heute Karl Bauer und sehen Karl den Großen rehabilitiert. Ernst Schubert hält an der alten Lesart fest. In seinem »Lexikon des Mittelalters« (1) beharrt er auf der Richtigkeit der Schreibweise und geht weiter vom blutigen Gemetzel in Verden an der Aller aus. Andere Historiker wiederum wollen die Zahl der Enthaupteten reduziert wissen. Da ist von »wenigen Dutzend« bis zu »vier- oder fünfhundert Opfern« die Rede.

Anno 784, so steht es in den »Fränkischen Reichsannalen«, zelebrierte Karl der Große hier das Weihnachtsfest in der »Villa Liuhidi« unweit der von Heiden gegründeten Wallanlage der Skidrioburg (heute: »Herlingsburg«). Weshalb Karl der Große gerade das unbedeutende Städtchen Lügde für die christliche Feier wählte? Sollte es damals schon einen heidnischen Feuerzauber in Lügde gegeben haben? Heute strömen Jahr für Jahr Zigtausende zur Osterzeit nach Lügde, um am Ostersonntag zu nächtlicher Stunde zu erleben, wie sechs mit Stroh ausgestopfte Eichenholzräder brennend ins Tal rollen.

Feuerräder rollen ins Tal... Ostersonntag in Lügde

Auf der Internetseite der »Stadt der Feuerräder« Lügde lesen wir: »Wie alt dieses Brauchtum ist, lässt sich nicht exakt feststellen. Möglicherweise hat der ›Osterräderlauf‹ seinen Ursprung im heidnisch-germanischen ›Sonnenkult‹. Vor rund 2000 Jahren fühlten sich unsere Vorfahren vom Feuer angezogen. Das Feuer war ihnen geheimnisvoll. Das Feuerrad, als Sinnbild der Sonnenscheibe, weckte Erwartungen auf den kommenden Frühling. Die brennenden Räder symbolisieren das Licht. Das Licht, das über die Dunkelheit des scheidenden Winters triumphiert.

Geschichtlich kann der Räderlauf auch dem sogenannten ›Feuerkult« zugeordnet werden. Bereits Historiker des Altertums berichten über Feuerbräuche. Die Zahl der Feuerrituale war riesig. Alle Feuerrituale aufzuzählen und einzuordnen ist fast unmöglich. Der Lügder Osterräderlauf lässt sich möglicherweise auf das Ritual des Feuerrades zurückführen.«

Hat Karl der Große (links in einer mittelalterlichen Darstellung) versucht, den uralten Brauch des »Feuerräderlaufs« zu verbieten? Unbestreitbar ist die Existenz eines heidnischen »Feuerräderlaufs« schon vor mehr als eineinhalb Jahrtausenden im Raum Agen, Frankreich, wo einst heidnische Gallier einen uralten Brauch zelebrierten. Aus einem hoch gelegenen Tempel, so ist es in einer Lebensbeschreibung des Heiligen Vincent von Agen (4. Jahrhundert) überliefert, soll bei der Zeremonie ein »Flammenrad« aufgetaucht sein, das gen Tal rollte. 

Jenes Rad soll dann auf magische Weise wieder in den Tempel zurückgekehrt und dann erneut brennend ins Tal gesaust sein. Es ist zu vermuten, dass dem staunenden Volk damals nicht ein, sondern mehrere Feuerräder geboten wurden. Gab es damals – oder schon früher – einen ähnlichen Brauch auch in Lügde? Musste Karl der Große erkennen, dass der alte Kult zu stark im Volksglauben verwurzelt war? Ließ sich die Feuerräderfeier nicht verbieten und überlebte sie bis heute in »christlicher« Form?

Wann der »heidnische Brauch« der Osterräder erstmals verboten wurde, lässt sich nicht nachweisen. Erhalten ist ein Verbot aus dem Jahr 1743. Das Dokument befindet sich heute im Archiv des Paderborner Generalvikariats (Band XIVa, Blatt 255).

Wo genau Karl der Große anno 784 Weihnachten feierte, wir wissen es nicht. Die Kilianskirche jedenfalls gab es damals noch nicht in ihrer heutigen Form, wahrscheinlich aber einen höchst bescheidenen »Vorgängerbau« aus Holz. Erst um 1100 gab es einen steinernen Bau, wahrscheinlich als erweiterte Version eines karolingischen Saals. Um 1100 wurde ein steinerner Kirchturm angefügt, der um 1200 aufgestockt wurde. Der Kirchturm überstand die Jahrhunderte bis heute.

Die Kilianskirche zu Lügde

Der massive Steinbau der Kilians-Kirche hatte einen großen Nachteil! Er stand zu weit entfernt vom Stadtzentrum. So konnte die altehrwürdige Kirche auch nicht von der mächtigen Stadtmauer geschützt werden. Die Gottesdienstbesucher fühlten sich in der Kilianskirche auch alles andere als sicher vor militärischen Truppen und anderen Räuberbanden. Es musste eine »richtige« Stadtkirche her, im Zentrum der Stadt! Bis ins 13. Jahrhundert hinein war die Kilianskirche die Stadtkirche. Im 14. Jahrhundert wurde die Marien- oder Stadtkirche gebaut. Eine in den Stein gemeißelte Inschrift an der rechten Seite des Turmeingangs lässt vermuten, dass sie anno 1353 »gefertigt« oder »bereitet« wurde.

Am 13. September 1797 wütete ein großer Stadtbrand in Lügde. Fast die gesamte Stadt wurde ein Opfer der Katastrophe, fast alle Gebäude wurden ein Raub der Flammen oder unbewohnbar. Die Marienkirche wurde stark beschädigt. Der Kirchturm brannte im oberen Teil vollständig ab. Durch die Höllenglut schmolzen die Glocken. 1798 wurde das Gotteshaus notdürftig repariert. 

Anno 1845 bat der Kirchenvorstand , die alte Stadtkirche weitestgehend abreißen und eine neue Stadtkirche errichten lassen zu dürfen. Die Stadt aber war nicht dazu bereit, die Kosten zu tragen. Erst anno 1894 wurde die Marienkirche abgebrochen, bis auf den Turm. 1895 wurde der »Neubau« eingeweiht. Einschließlich der Aufstockung des altehrwürdigen Turms entstanden Kosten in Höhe von 164 288 Reichsmark.

Obere Gebetsuhr am Turm
Ich muss gestehen, dass mich die Marienkirche zu Lügde lange Zeit überhaupt nicht interessiert hat. Bis ich den Hinweis erhielt, zwei alte Sonnenuhren seien am Gotteshaus zu finden. Begonnen hat meine Recherche mit dem Hinweis auf zwei Sonnenuhren an der Marienkirche, eine im Pfarrgarten und eine im Lügder Heimatmuseum. Eine Anfrage beim Pfarramt blieb ohne Ergebnis. Ein sonst kundiger Heimatforscher wusste überhaupt nichts von Sonnenuhren in Lügde. Ein langjähriger Ex-Mitarbeiter der Kirche erklärte mir: 

Untere Gebetsuhr am Turm
»An der Marienkirche gibt es keine Sonnenuhren. Es handelt sich um Gebetsuhren! Eine dritte Gebetsuhr wurde nach dem Abriss der alten Kirche in den Pfarrgarten geschafft. Dort geriet sie in Vergessenheit. Als man das Heimatmuseum einrichtete, erinnerte man sich an die dritte Uhr und holte sie aus dem Pfarrgarten, brachte sie ins Museum.«

Die Gebetsuhren am Kirchturm der Lügder Marienkirche gehören zum erhaltenen Teil des Gotteshauses von 1353. Einen noch älteren Vorgängerbau hat es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gegeben. Beide Gebetsuhren zeigten einst den Gläubigen an, wann es wieder Zeit zum Beten war. Heute sind sie auch in Lügde kaum noch bekannt und fristen ein eher  trauriges Dasein. Beiden fehlt die Polstange, die einst den Schatten auf das steinerne Zifferblatt warf.

Im Pfarrgarten soll sich tatsächlich eine echte Sonnenuhr befunden haben, die ebenfalls vom alten Kirchengebäude stammte. Ich besuchte sie im kleinen Heimatmuseum. Wenige Schritte davon entfernt hängt eine weitere Sonnenuhr, über deren Herkunft nichts bekannt ist. Vage ist eine Jahreszahl zu erkennen, eingeritzt in den Stein: 1690. (Siehe Foto, gelbes Oval!) Man meint auch römische Ziffern ausmachen zu können. (Siehe Foto, blaue Pfeile!) Klar zu erkennen ist, wo einst der Polstab befestigt war.

Es ist schade, dass die Lügder Gebetsuhren – immerhin 662 Jahre alt – selbst in Lügde so gut wie unbekannt sind. Ein Hinweistäfelchen sollten sie der Stadt schon wert sein… oder der Kirche.

Muttergottesbild von Lügde
Noch älter als die Gebetsuhren ist ein Muttergottesbild. Laut Prof. Alois Fuchs, Paderborn, entstand es im 13. Oder 14. Jahrhundert, ist also 700 bis 800 Jahre alt (2). 

Dargestellt ist die Mutter Gottes als Himmelskönigin. Sie trägt eine goldene Krone auf dem Haupt. Ein großes Zepter – in ihrer rechten Hand –  verdeutlicht ihre Autorität. Auf ihrer linken Seite thront das »Jesus-Kind« in rotem Gewand. Der kleine Jesus hat aber nicht das Aussehen eines Babys, sondern eines Erwachsenen. Jesus hat die rechte Hand segnend erhoben. Seine Mine wirkt alles andere als kindlich.

Dieses Muttergottes-Bild soll einst ein Wunder bewirkt haben... in einem blutigen Krieg.

Fußnoten

(1) Schubert, Ernst: »Lexikon des Mittelalters«,
Artikel »Verden, Blutbad v.«, Band 8, Sp. 1500
und folg., München 1997

(2) Kurte, Andreas (Hrsg.): » St. Marien Lügde
1895 – 1995«, Lügde 1995, S. 30

Fotos:

Karl der Große in mittelalterlicher Darstellung: Archiv Walter-Jörg Langbein.
Alle übrigen Fotos: Walter-Jörg Langbein.

279 »Die Marienwunder von Lügde«
Teil 279 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 24.05.2015

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Sonntag, 31. August 2014

241 »Nikolaus und eine geheimnisvolle Burg«

Teil 241 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Wer kennt diese geheimnisvolle Burg? Foto W-J.Langbein

Der »Heilige Nikolaus« verbreitete zu Beginn des vierten nachchristlichen Jahrhunderts das Christentum in Lykien (heute Türkei). Seine Erzfeindin, so wird überliefert, war die Göttin Diana. Allem missionarischen Eifer zum Trotz beteten die Menschen damals aber weiter zur Göttin. Besonders viele Gläubige pilgerten zum »Heiligen Baum« der Diana. Nikolaus ließ den Baum fällen und zerhacken, wahrscheinlich um zu beweisen, dass Diana keine Macht hatte. Das Fällen des heiligen Baums blieb folgenlos. Bischof Nikolaus bekam nicht den Zorn der Himmlischen zu spüren und starb irgendwann im vierten Jahrhundert.

Der Überlieferung nach sann damals Diana auf Rache. Sie entwickelte eine heimtückische Waffe, »griechisches Feuer«. Als »fromme Frau« verkleidet sprach Diana Pilger an, die sich auf der Reise nach Myrna zum Grab des Nikolaus befanden. Sie gab den Christen ein »heiliges Öl« mit und bat, die Pilger mögen doch damit die Wände der Kirche bestreichen. Was sie nicht wussten: Bei der vermeintlich frommen Gabe handelte es sich um griechisches Feuer. Die »Salbung« durch die Pilger hätte die Kirche in Flammen aufgehen lassen. So wäre das große christliche Heiligtum zerstört worden, wenn nicht – so überliefert es die heilige Legende weiter – Bischof Nikolaus posthum und als Geisterscheinung die Pilger auf See gewarnt hätte. Der Gottesmann klärte die Pilger auf, schüttete das vermeintlich heilige Öl ins Meer… Stichflammen loderten zum Himmel auf. In »Geheimnisvolles Worms« von Ulrike Schäfer lesen wir (1):

Teuflische Göttin. Foto: W-J.Langbein
                                               
»Wie schwer es der heilige Nikolaus hatte, sich gegen die alten Götter durchzusetzen, zeigt ein verblüffendes Relief, das sich außen über dem Portal der Nikolauskapelle befindet. Da werden Gläubige auf dem Weg zum Grab des Nikolaus in Bari von einer Dämonin angehalten, die angeblich ein Weihegeschenk mitgeben will. In Wirklichkeit ist es aber Teufelswerk, wie Nikolaus selbst seinen Verehrern kundtut. Die Göttin Diana oder Dana wollte sich nämlich rächen, weil der fromme Mann ihr Heiligtum zerstört hatte.«

An der Südseite des Doms findet sich über dem Portal zur Nikolauskapelle eben diese Szene. Diana wird schwebend in der Luft dargestellt, wenig göttlich, sondern als Teufelin mit Brüsten. Diana – ihr Kult war in vorchristlichen Zeiten weit verbreitet – wurde als »Himmelskönigin« angebetet. Ihr christliches Pendant ist heute Maria, Jesu Mutter, die »Himmelskönigin« des christlichen Katholizismus. Diana war eine dreifache Göttin, Mondjungfrau, Mutter allen Lebens und Zerstörerin.

Es mutet kurios an, dass Diana am Nikolausportal als hässliche Teufelin gezeigt wird, während in der Nikolauskapelle selbst bis auf den heutigen Tag die »drei Bethen« verehrt und angebetet werden. Die drei Bethen sind nichts anderes als die dreifache Göttin Diana in christlichem Gewand! Wahrscheinlich geht unser Wort »beten« auf die Verehrung der drei heiligen Bethen zurück. Als deren Kult nicht wirklich ausgelöscht werden konnte, wurden die heidnischen Göttinnen einfach in christliche Heilige verwandelt…

So wie Nikolaus das Heiligtum der Diana zerstörte, so verwüstete Karl der Große mit fanatischem Eifer heidnische Kultplätze. So soll er bei den Externsteinen einen vorchristlichen Kultplatz verwüstet und das zentrale Heiligtum – die Irmin-Säule – zerstört haben. Vergeblich versuchte der christliche Herrscher, den heidnischen Ritus des Feuerräderlaufs zu verbieten. Er wird heute noch zelebriert, gerät aber immer mehr zu einem touristischen Spektakel, umgeben von Feuerwerk, Jahrmarktsgeschrei und Budenzauber.

Brücke zum einstigen Heidenheiligtum.

Anno 784, so heißt es, feierte Karl der Große Weihnachten in »Villa Liuhidi«, nahe der Skidrioburg. »Villa Liuhidi« wird heute mit Lügde in Verbindung gebracht. Wo einst Karl der Große in einem kleinen Holzkirchlein gebetet haben soll, da steht heute die eindrucksvolle Kilianskirche. Die Skidrioburg wird heute mit der Herlingsburg identifiziert. Und die dürfte schon in vorchristlichen Zeiten entstanden sein. Die Herlingsburg (2) »ist auf einem freistehenden Bergplateau gelegen und zählt zu den ältesten Wallburgen in der Region. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten von den dort siedelnden Menschen als Fluchtburg und später in den Sachsenkriegen Karls des Großen als Wehranlage zur Kontrolle der Verkehrswege genutzt.«

Von meinem Heimatdorf am »Köterberg«, der einst wohl »Götterberg« hieß, ist es nicht weit an den (künstlich angelegten) Schieder-Stausee. Von Glashütte aus geht’s zu Fuß bergan. Noch im späten 19. Jahrhundert soll die Herlingsburg auf einem kahlen Berg gethront haben. Landwirtschaftlich – im Sinne von Feldanbau – konnte der Berg nicht genutzt werden, aber angeblich sollen Rinder durch emsiges Trampeln jeden Baumwuchs verhindert haben.

Berg der Herlingsburg im 19. Jahrhundert. Archiv Langbein

Heute ist der Berg der Herlingsburg dicht bewaldet... und steil wie eh‘ und je! Das macht sich bei mir schon nach einer halben Stunde deutlich bemerkbar. Um 8 Uhr morgens bin ich am 7. Juni 2014 in Glashütte aufgebrochen. Um 8 Uhr 30 scheint meine Kameratasche eine alchemistische Transformation durchgemacht zu haben. Dem gefühlten Gewicht nach zu urteilen hat sie sich in einen massiven Bleiklumpen verwandelt.

Nicht wirklich leichter fühlt sich der Anstieg, als die schmale geteerte Straße zum Waldweg wird. Zum Glück hat meine Frau ausreichend Wasser dabei. Ich lege immer wieder eine kleine Pause ein und trinke. Meine Frau eilt, flink wie eine Gämse, voraus und erkundet den weiteren Weg. Ich denke an angreifende Krieger, die sich vor Jahrtausenden die Anhöhe hinauf kämpfen mussten. Sie mussten jeden Moment damit rechnen, von oben angegriffen zu werden. Und ihre Ausrüstung war ganz gewiss sehr viel schwerer als meine. Ich konnte ja auf jegliche Form der Bewaffnung verzichten, musste auch weder Schild noch Schwert tragen. Und der Waldweg von heute war sicherlich – trotz der Steile – sehr viel besser begehbar als der Anstieg durchs Unterholz.

Hinweistafeln »Zur Herlingsburg« gibt es einige wenige. Ein paar mehr würden die Suche nach dem Ziel wesentlich erleichtern. Munter plaudert meine Frau. Sie erzählt mir von der Legende der zwei Brüder. Ich zitiere die Version von Hagemeier (3):

»Auf der Burg lebten einest zwei Brüder, die, ihren Göttern treu ergeben, tapfer gegen den christlichen Frankenkönig Karl kämpften. Im Kampf gegen die Eindringlinge waren sie zwar vereint, im Herzen jedoch trennte sie ein unritterlicher Hass gegeneinander. Der Grund für diese Rivalität war ein schönes Sachsenmädchen, das sie beide sehr lieb hatten und begehrten. Die Liebe zu dem Mädchen hatte sie zu Todfeinden gemacht. Während eines Heerzuges gegen die Sachsen belagerte Karl der Große nun die Skidrioburg und konnte sie lange nicht einnehmen, weil sie so fest gebaut und tapfer von Sachsen verteidigt wurde. Als nun das Weihnachtsfest nahte, ließ der König die beiden Brüder einladen, mit ihm gemeinsam Weihnachten zu feiern. Sie kamen der Einladung nach und hörten zum ersten Mal die frohe Botschaft von der Geburt des Heilands und von der Liebe Gottes. Dadurch wurde ihr Herz so ergriffen, dass sie sich versöhnten und auch den Kampf gegen Karl und den christlichen Glauben aufgaben.«

Unterwegs zur »Burg«. Foto W-J.Langbein

Die Bezeichnung »Herlingsburg« ist irreführend. Wer die 334 Meter zum Berggipfel erklommen hat, der kann enttäuscht werden. Von einer »Burg« ist dort oben nichts zu erkennen. Eine »Burg«, so wie wir sie uns vielleicht vorstellen, hat es dort oben nie gegeben. Folgerichtig finden sich auch keine Mauerreste, geschweige denn steinerne Tore oder Türme mit Zinnen. Einst gab es oben auf dem heute wegen der Bewaldung kaum zu erkennenden »kuppelförmigen Hochfläche« (4) eine Wallanlage. Angreifende Feinde mussten den Berg hinauf stürmen, wobei sie immer wieder Gräben und Erdwälle überwinden mussten. Die Verteidiger der »Burg« waren im Vorteil, konnten – zum Beispiel – vorbereitete Felsbrocken gegen die Angreifer anrollen lassen. Oder sie ließen einen Steinregen auf die Feinde niederprasseln.

Waren die Angreifer erst einmal oben angelangt, galt es wiederum einen Graben zu überwinden. Darauf folgte ein Erdwall, gekrönt von einer Palisade aus Baumstämmen. Vom Graben ist heute nichts mehr zu sehen, die Palisade aus Baumstämmen ist natürlich schon seit vielen Jahrhunderten verschwunden, und der einst beeindruckende Erdwall? Der unvorbereitete Wanderer übersieht ihn leicht. Wer ihn aber ersucht, erkennt ihn noch, auch wenn er zwischen Bäumen kaum auszumachen ist. Am und auf dem Wall stehen Bäume. Wanderer trifft man hier oben nicht sehr häufig an. Dabei lohnt es sich, nach den Überbleibseln der »Herlingsburg« zu suchen… in einem Waldgebiet, das manchmal märchenhaft, manchmal unheimlich düster, manchmal lichtdurchflutet unsere Fantasie anregt.

Reste eines Wallstücks. Foto Langbein

Einst gab es im Inneren der Wallanlage einen Brunnen. Leider wurde er schon vor vielen Jahrzehnten bei unsachgemäßen Ausgrabungen – so versicherte mir ein Heimatforscher vor Ort – zerstört. Wie lange die »Herlingsburg« als Zuflucht für die heimische Bevölkerung genutzt wurde? Wir wissen es nicht. Wann genau die Wallanlage erbaut wurde, auch das wissen wir nicht wirklich.

Im Inneren der Anlage wurden mehrere Grabanlagen entdeckt, unter einer Humusschicht. Tote wurden  in steinernen Särgen beigesetzt. Klaus Zetzsche weiß zu berichten (5): »Als nun eins (ein Grab) analysiert wurde, kam die bisher schönste, geöffnete Grabanlage von vier Meter Länge zutage. Sie enthielt eine sogenannte Steinkiste. Die Grababdeckplatte bestand aus einer acht Zentimeter dicken Sandsteinplatte, die von einer Sandsteinschicht unter dem Grabe herrührte und abgespalten war.«

Wie viele solche Steinsarggräber mag es einst gegeben haben? Wie viele möge noch unentdeckt unter dem Waldboden schlummern? Eine Hinweistafel zeigt, wie so eine Begräbnisstätte aufgebaut war, allerdings verborgen im Erdreich. Wie mag die Religion der Menschen damals ausgesehen haben? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten, wenn man sie nur möglichst sicher für die Ewigkeit verwahrte? Wurden besonders wichtige Tote möglichst dem Himmel nah beigesetzt? Glaubte man, sie würden wieder auferstehen, so wie die Natur immer wieder aus der Starre des Winters erwachte?

Der Berg der »Herlingsburg« hat schon vor Jahrtausenden Menschen angezogen. Berggipfel waren ja oft den Göttern vorbehalten. Auf Berggipfeln gab es Heiligtümer. Und auf Berggipfeln wurden Tote rituell beigesetzt, so auch im Inneren der »Herlingsburg«. Da wurden einst Totenrundhäuser über Grabstellen errichtet: Nach sorgsamen archäologischen Untersuchungen geschah dies etwa zwei Jahrtausende vor Christus. Jünger sind große Erdhügel. Scherbenfunde wiederum weisen auf 800 nach Christus hin. Man muss also davon ausgehen, dass der Berg der »Herlingsburg« vor mindestens vier Jahrtausenden als »heilig« angesehen wurde und Jahrtausende als »heiliger Berg« gegolten hat, von der Jungsteinzeit bis in die Zeit Karls des Großen.

Rekonstruktion eines Grabes auf einem Info-Schild.

Ich bin nach intensivem Studium der wissenschaftlichen Literatur zur »Herlingsburg« zur Überzeugung gekommen, dass es dort oben schon ein altes Heiligtum gegeben hat, bevor die Wallanlage gebaut wurde. Welche Riten vor Jahrtausenden abgehalten wurden? Wir wissen es nicht. Gab es Pilger, die vor Jahrtausenden Sonnwendfeiern zelebrierten? Begrüßte man den Frühling? Im Christentum wurden ja heidnische Frühlingsfeste – etwa auf dem Brocken – im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Einst trafen sich die Menschen auf Bergeshöhen, um zu feiern: Wenn die Sonne wieder stieg und wenn sich der Winter verabschiedete, die Natur aus der Starre der Kälte erwachte. Klaus Zetzsche (6): »So kam es beispielsweise, dass das große Frühlingsfest auf dem Brocken zu einem Meeting des Teufels und der Hexen abgestempelt wurde, die am ersten Mai dort zusammenkamen. Da aber das Volk weiterhin mit größter Zähigkeit an dem Fest der Lebensfreude festhielt, legte man die beiden großen Kirchenfeste, nämlich Ostern und Pfingsten, in seine Nähe und zog somit das alte Brauchtum einfach auseinander, so daß der ganze heidnische Charakter dadurch abgeschwächt wurde.«

Aber auch zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus lebt einstiges, einstmals heidnisches Brauchtum fort… zum Beispiel, wenn am Ostersonntag abends die Feuerräder von Lügde zu Tal rollen…

Osterräderlauf, uraltes heidnisches Brauchtum hat überlebt!

ALLE FOTOS: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten:

1) Schäfer, Ulrike: »Geheimnisvolles Worms«, Gudensberg-Gleichen, 2003, S. 8
2) Hagemeier, Hubertus: Sagenhaftes Lipperland/ Sagen und Legenden, Erfurt
     2012, S. 118
3) ebenda
4) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 123
5) ebenda, S. 132
6) ebenda, S. 137

»Ein totes Pferd und eine Göttin«
Teil 242 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.09.2014


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Sonntag, 4. Mai 2014

224 »Der Teufel, die Fratze und die Säule«

Teil 224 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Spiegelbild im See. Foto Walter-Jörg Langbein
Es sind insgesamt dreizehn mächtige, natürlich »gewachsene« Steinsäulen, die vor rund 70 Millionen Jahren durch unvorstellbare tektonische Kräfte aus der Horizontalen in die Senkrechte gepresst wurden. Die schon von Weitem zu erkennende spezielle Verwitterungsform ist für Granit typisch. Die Säulen der Externsteine aber sind aus Sandstein, was die Bearbeitung deutlich vereinfacht. Bis zu 50 Metern ragen die majestätischen Kolosse in den Himmel. Sie bilden so etwas wie eine Felsenburg oder Monstermauer mit Lücken.

Eine weitflächige Lichtung lädt zum Verweilen ein. Betrachtet man die Steine, so meint man da und dort Gesichter ausmachen zu können. Auf dem höchsten steinernen Riesenfinger scheint so etwas wie ein Haupt zu stehen. Mich erinnert das Gesicht an Elvis mit seiner berühmten Haartolle.

»Elvis« in Stein... Krieger oder Gott?
Foto Walter-Jörg Langbein
Daneben, auf dem nächsten Steinfinger, saß einst ein tonnenschwerer Monolith, »Wackelstein« genannt. Der Koloss drohte Jahrtausende in die Tiefe zu stürzen. Eindrucksvoll beschreibt Externsteine-Experte Walter Machalett (1): »Hoch auf der Spitze des Felsens 4, rund dreißig Meter über der Erde, liegt der Wackelstein. Es ist ein gewichtiger Felsblock, der besonders von der Brücke zur Gestirnbeobachtungskammer (Sacellum, der Verfasser) her einen nachhaltigen Eindruck auf den Besucher macht. Er liegt nämlich so sonderbar auf seiner Unterlage, daß er sie nur in zwei Punkten berührt. Kein Sturm, kein Orkan, keine Erderschütterung vermochten bisher, ihn zum Absturz zu bringen. So liegt er anscheinend seit urdenklichen Zeiten.«

Wurfgeschoss des Teufels... sagt die Sage.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Als Wackelsteine bezeichnet man gewaltige Steinkolosse, die exakt ausbalanciert auf einer oder zwei Steinspitzen ruhen, dass sie – trotz ihres gewaltigen Gewichts – mit geringer Kraftaufwendung zum »Wackeln« gebracht werden können. Der Wackelstein der Externsteine indes wurde vor einigen Jahrzehnten abgesichert. Mächtige Eisenklammern wurden angebracht, die sein Herabstürzen verhindern sollten.  Zusätzlich wurde zwischen Wackelstein und Unterlage Beton gegossen, so dass die Bezeichnung »Wackelstein« nicht mehr zutrifft.

Der Wackelstein ist aber für die Geschichte der Externsteine von besonderer Bedeutung. Im Volksmund wird überliefert, wie er an seine exponierte Stelle kam. Der Teufel höchstselbst soll ihn mit tückischer Absicht geschleudert haben. Die greise Großmutter eines Geistlichen diktierte mir vor Jahren die fromme Sage: »Lange Zeiten war der Eggesterenstein (einer der älteren Namen der Externsteine) ein Ort, wo zum Teufel gebetet wurde. Die Jünger des Teufels bestiegen eine der hohen Steine und versammelten sich in einer finsteren Kammer. In der Dunkelheit frönten sie ihren heidnischen Riten, die jedem Christenmenschen ein Gräuel sein mussten.  Nur durch ein rundes Loch kam spärliches Licht herein! Manchmal beschien es die in den Stein gehauene Fratze Satans. Ihn verehrten die Heiden, verachteten aber Gottvater, Sohn und Heiligen Geist!«

Fratze des Teufels?
Foto Walter-Jörg Langbein

Offensichtlich ist das einst geschlossene Sacellum gemeint. In diesem »kleinen Heiligtum« sollen einst Sonne, Mond und Planeten beobachtet worden sein, um einen präzisen Kalender zu erstellen. Das kleine, primitive »Observatorium« war ursprünglich ein geschlossener Raum, durch den so gut wie kein Licht fiel. Zu bestimmten Terminen –  Sommersonnenwende und Mitwintervollmond – sollen die Sonnenstrahlen durch das kleine Rundfensterchen gefallen sein und ein steinernes Gesicht aus der Dunkelheit gerissen haben. Bis heute ist ungeklärt, wer da im Stein verewigt wurde. Ein heidnischer Gott der Steine vielleicht? Wurde dieses mysteriöse Schauspiel von Gläubigen staunend beobachtet? Oder waren nur Priester zugelassen?

Lassen wir die alte Dame wieder zu Wort kommen: »Ein frommer Mönch hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dem Teufelsspuk ein Ende zu bereiten. So machte er sich eines Morgens auf, um im finsteren Teufelsloch Worte der Weihe zu sprechen und eine heilige Messe zu sprechen. So sollte die Macht Satans gebrochen werden. So sollte Satan aus unserer Mitte vertrieben werden. So sollte der Ort teuflischer Anbetung zu einem Ort frommer christlicher Andacht werden.


Als nun der fromme Mönch sich anschickte, die Stufen zum Raum der Finsternis zu ersteigen, da trat der Satan aus dem Gestrüpp. Er streckte seine glühende Zunge aus dem Maul. Seine spitzen Hörner schickten feurige Flammen aus. Der Mönch aber ließ sich nicht beirren. Das ergrimmte den Satan sehr. Er packte voller Wut einen riesigen Stein, und  warf ihn. Er wollte den frommen Einsiedler treffen, sein hinterhältiger Plan ging aber nicht auf. Der Stein stieg hoch, traf das gotteslästerliche Heiligtum Satans. Höher stieg der Stein empor, um wieder herabzustürzen. Er schlug auf einer der steinernen Säulen auf und blieb auf zwei Steinspitzen liegen. Weil nach wie vor teuflische Kraft in ihm steckt, blieb er dort bis auf den heutigen Tag liegen!«

Satan? Foto Walter-Jörg Langbein

Die Sage geht davon aus, dass die Externsteine ursprünglich ein heidnisches Heiligtum waren, bevor christliche Mönche einzogen. Vermutlich wurde im 14. Jahrhundert die erste Messe im Sacellum abgehalten. Nach der Reformation dürfte das Sacellum aber nicht mehr als Kapelle genutzt worden sein.

Die Sage erklärt zudem den Sachverhalt, dass das Sacellum weitestgehend zerstört wurde. Nach der frommen Überlieferung wollte Satan einen glaubensfesten Priester töten, er verwüstete aber sein eigenes »Heiligtum«. Die weitestgehende Zerstörung des einstigen »Sacellum«, dem kleinen Heiligtum mit dem kreisrunden Fensterchen ist Fakt. Vermutlich war es aber Karl der Große, der im späten 8. Jahrhundert nach Christus das heidnische Heiligtum der Externsteine zerstören ließ. Der Teufel wird wohl nicht Hand angelegt haben. Allerdings trat Karl der Große gerade im Kampf gegen »Heiden« mit blutiger Grausamkeit auf, die aus heutiger Sicht durchaus das Prädikat »teuflisch« verdient!

Inzwischen habe ich über viele Jahre hinweg recherchiert. Ich habe in historischen Quellen nach der Sage gesucht, die mir die alte Dame bei den Externsteinen erzählte. Und ich wurde fündig (2). Karl Theodor Menke. Da lesen wir, dass bis zum Einschreiten des mutigen Mönches »sein Wesen getrieben hatte«. Weiter: »Lang hatte Satanas die glühende Zunge ausgestreckt; aus den Augen schoß er kurze Blitze und auf den Spitzen seiner Hörner sprühte er Feuerflammen.« Auch bei Karl Theodor Menke findet sich der Wurf des gewaltigen Steins, der den frommen Gottesmann verfehlt und schließlich als »Wackelstein« endet.

Bei Menke wird in der alten Sage noch das Ende des Teufels von den Externsteinen vermeldet. Nachdem der christliche Mönch dem Unhold eine tüchtige Weihwasserdusche verabreicht hatte, taumelte der geschwächt zu einer hohlen Eiche. Mit letzter Kraft versteckte er sich im Baum. Der göttlichen Strafe aber konnte er nicht entgehen! Ein Blitz fuhr vom Himmel herab, traf die Eiche und vertilgte sie ganz und gar.

»Magie der Externsteine«...
Foto W-J.Langbein

Sollten die Externsteine also doch ursprünglich ein heidnischer Kultort gewesen sein, bevor die Mönche vom Kloster Corvey kamen? Sollte die heidnische »Verwendung« des Kultortes auch nach der Verwüstung durch Karl den Großen angehalten haben? Das »Kreuzabnahmerelief« enthält jedenfalls einen Hinweis, der meiner Überzeugung nach den Sieg des christlichen über den heidnischen Kult darstellen soll!

Im »Kreuzabnahmerelief« sehen wir Nikodemus. Er steht erhöht, sein Helm ist ihm in den Nacken gerutscht. Mit dem rechten Arm hält er sich  am Kreuz fest. Sein linker Arm ist abgebrochen. Vermutlich reicht er den Leichnam des toten Jesus nach unten. Joseph von Arimathäa, mit seltsam abgewinkeltem Oberkörper, nimmt den Toten entgegen und schultert ihn. Worauf aber steht Nikodemus? Was wie ein merkwürdiger Stuhl oder Sessel aussieht, ist in Wirklichkeit eine umgeknickte Irminsul-Säule! Die Irminsul-Säule war der Lebensbaum der »Heiden«. Und die Irmisul steht nicht stolz und aufrecht, sondern sie ist rechtwinklig abgeknickt und dient Nikodemus demütig als Schemel.

Einer der Externsteine
Foto: Walter-Jörg Langbein


 Klaus Zetzsche, langjähriger Erforscher der Externsteine, schreibt (3): »Das karolingische Apostelbild (Kreuzabnahmerelief, der Verfasser)  sollte gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass das siegreiche Christentum nun über das zerbrochene germanische Heidentum von jetzt an ohne Kommentar anzuerkennen sei! Denn das Symbol der Irminsul bedeutete in der Welt der Germanen immer ein aufrechtstehendes, signifikantes Kult- und Heilsemblem. Mit dieser ›geknickten Darstellung‹ sollte den Germanen immer die Überwindung ihrer höchsten Kultstätte (Externsteine) durch den neuen christlichen Glaubenssieg vor Augen gehalten werden.«

Man kann darüber streiten, ob es überhaupt »die« Germanen überhaupt als eine geschlossene Gemeinschaft gegeben hat. Womöglich gab es »die« Germanen als ein Volk gar nicht, sondern nur eine Vielzahl von Stämmen.

Fakt ist: Die Irminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, bevor sie von Karl dem Großen mit brachialer Gewalt und Gemetzel zum Christentum »bekehrt« wurden. (»Blutgericht von Verden an der Aller«. 782 ließ Karl der Große angeblich 4500 Sachsen ermorden, die sich nicht taufen lassen wollten!)

Fakt ist, dass Karl der Große anno 772 die Irminsul zerstören ließ. Unklar bleibt, wo sich diese Irminsul (zu Deutsch »Große Säule«) stand. Ein heißer Kandidat als Irminsul-Heiligtum sind die Externsteine.

Links im Bild: Die Irminsul.  wiki commons
Foto Marianne Klemment-Speckner
Rechts im Bild:
Die geknickte Irminsul im Relief der Externsteine.
Foto Walter-Jörg Langbein

Fakt ist: Das kleine Heiligtum mit dem runden Fenster wurde weitestgehend zerstört. Vermutlich gab Karl der Große den Auftrag. Ließ er ein altes heidnisches Relief umarbeiten? Wurde aus einer Darstellung der Verehrung der Irminsul die Kreuzabnahme Jesu? Wurde die Aussage des ursprünglichen Reliefs ins Gegenteil verkehrt, von der Verehrung der Irminsul zum Sieg des Christentums über die »Irminsul-Gläubigen«?

Übrigens: Der »Lebensbaum« Irminsul-Säule hat das Heidentum überlebt. Die christliche Kirche hat ihn in abgewandelter Form übernommen. So finden sich an der Decke der Kilianskirche zu Lügde, deren Ursprung auf Karl den Großen zurückgehen soll, Lebensbäume.

Lebensbäume an der Decke der
Kilianskirche. Foto W-J.Langbein
Fußnoten

1) Machalett, Walther: »Externsteine«, Maschen, 1970, S. 132

2) Menke, Karl Theodor: »Lage, Ursprung, Namen, Beschreibung, Alterthum, Mythus und Geschichte der Externsteine«, Münster 1824, Seiten 106-108

3) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 77

»Der Drachen und der Heilige«,
Teil 225 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.05.2014


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