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Sonntag, 4. Mai 2014

224 »Der Teufel, die Fratze und die Säule«

Teil 224 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Spiegelbild im See. Foto Walter-Jörg Langbein
Es sind insgesamt dreizehn mächtige, natürlich »gewachsene« Steinsäulen, die vor rund 70 Millionen Jahren durch unvorstellbare tektonische Kräfte aus der Horizontalen in die Senkrechte gepresst wurden. Die schon von Weitem zu erkennende spezielle Verwitterungsform ist für Granit typisch. Die Säulen der Externsteine aber sind aus Sandstein, was die Bearbeitung deutlich vereinfacht. Bis zu 50 Metern ragen die majestätischen Kolosse in den Himmel. Sie bilden so etwas wie eine Felsenburg oder Monstermauer mit Lücken.

Eine weitflächige Lichtung lädt zum Verweilen ein. Betrachtet man die Steine, so meint man da und dort Gesichter ausmachen zu können. Auf dem höchsten steinernen Riesenfinger scheint so etwas wie ein Haupt zu stehen. Mich erinnert das Gesicht an Elvis mit seiner berühmten Haartolle.

»Elvis« in Stein... Krieger oder Gott?
Foto Walter-Jörg Langbein
Daneben, auf dem nächsten Steinfinger, saß einst ein tonnenschwerer Monolith, »Wackelstein« genannt. Der Koloss drohte Jahrtausende in die Tiefe zu stürzen. Eindrucksvoll beschreibt Externsteine-Experte Walter Machalett (1): »Hoch auf der Spitze des Felsens 4, rund dreißig Meter über der Erde, liegt der Wackelstein. Es ist ein gewichtiger Felsblock, der besonders von der Brücke zur Gestirnbeobachtungskammer (Sacellum, der Verfasser) her einen nachhaltigen Eindruck auf den Besucher macht. Er liegt nämlich so sonderbar auf seiner Unterlage, daß er sie nur in zwei Punkten berührt. Kein Sturm, kein Orkan, keine Erderschütterung vermochten bisher, ihn zum Absturz zu bringen. So liegt er anscheinend seit urdenklichen Zeiten.«

Wurfgeschoss des Teufels... sagt die Sage.
Fotos Walter-Jörg Langbein
Als Wackelsteine bezeichnet man gewaltige Steinkolosse, die exakt ausbalanciert auf einer oder zwei Steinspitzen ruhen, dass sie – trotz ihres gewaltigen Gewichts – mit geringer Kraftaufwendung zum »Wackeln« gebracht werden können. Der Wackelstein der Externsteine indes wurde vor einigen Jahrzehnten abgesichert. Mächtige Eisenklammern wurden angebracht, die sein Herabstürzen verhindern sollten.  Zusätzlich wurde zwischen Wackelstein und Unterlage Beton gegossen, so dass die Bezeichnung »Wackelstein« nicht mehr zutrifft.

Der Wackelstein ist aber für die Geschichte der Externsteine von besonderer Bedeutung. Im Volksmund wird überliefert, wie er an seine exponierte Stelle kam. Der Teufel höchstselbst soll ihn mit tückischer Absicht geschleudert haben. Die greise Großmutter eines Geistlichen diktierte mir vor Jahren die fromme Sage: »Lange Zeiten war der Eggesterenstein (einer der älteren Namen der Externsteine) ein Ort, wo zum Teufel gebetet wurde. Die Jünger des Teufels bestiegen eine der hohen Steine und versammelten sich in einer finsteren Kammer. In der Dunkelheit frönten sie ihren heidnischen Riten, die jedem Christenmenschen ein Gräuel sein mussten.  Nur durch ein rundes Loch kam spärliches Licht herein! Manchmal beschien es die in den Stein gehauene Fratze Satans. Ihn verehrten die Heiden, verachteten aber Gottvater, Sohn und Heiligen Geist!«

Fratze des Teufels?
Foto Walter-Jörg Langbein

Offensichtlich ist das einst geschlossene Sacellum gemeint. In diesem »kleinen Heiligtum« sollen einst Sonne, Mond und Planeten beobachtet worden sein, um einen präzisen Kalender zu erstellen. Das kleine, primitive »Observatorium« war ursprünglich ein geschlossener Raum, durch den so gut wie kein Licht fiel. Zu bestimmten Terminen –  Sommersonnenwende und Mitwintervollmond – sollen die Sonnenstrahlen durch das kleine Rundfensterchen gefallen sein und ein steinernes Gesicht aus der Dunkelheit gerissen haben. Bis heute ist ungeklärt, wer da im Stein verewigt wurde. Ein heidnischer Gott der Steine vielleicht? Wurde dieses mysteriöse Schauspiel von Gläubigen staunend beobachtet? Oder waren nur Priester zugelassen?

Lassen wir die alte Dame wieder zu Wort kommen: »Ein frommer Mönch hatte es sich zur Aufgabe gemacht, dem Teufelsspuk ein Ende zu bereiten. So machte er sich eines Morgens auf, um im finsteren Teufelsloch Worte der Weihe zu sprechen und eine heilige Messe zu sprechen. So sollte die Macht Satans gebrochen werden. So sollte Satan aus unserer Mitte vertrieben werden. So sollte der Ort teuflischer Anbetung zu einem Ort frommer christlicher Andacht werden.


Als nun der fromme Mönch sich anschickte, die Stufen zum Raum der Finsternis zu ersteigen, da trat der Satan aus dem Gestrüpp. Er streckte seine glühende Zunge aus dem Maul. Seine spitzen Hörner schickten feurige Flammen aus. Der Mönch aber ließ sich nicht beirren. Das ergrimmte den Satan sehr. Er packte voller Wut einen riesigen Stein, und  warf ihn. Er wollte den frommen Einsiedler treffen, sein hinterhältiger Plan ging aber nicht auf. Der Stein stieg hoch, traf das gotteslästerliche Heiligtum Satans. Höher stieg der Stein empor, um wieder herabzustürzen. Er schlug auf einer der steinernen Säulen auf und blieb auf zwei Steinspitzen liegen. Weil nach wie vor teuflische Kraft in ihm steckt, blieb er dort bis auf den heutigen Tag liegen!«

Satan? Foto Walter-Jörg Langbein

Die Sage geht davon aus, dass die Externsteine ursprünglich ein heidnisches Heiligtum waren, bevor christliche Mönche einzogen. Vermutlich wurde im 14. Jahrhundert die erste Messe im Sacellum abgehalten. Nach der Reformation dürfte das Sacellum aber nicht mehr als Kapelle genutzt worden sein.

Die Sage erklärt zudem den Sachverhalt, dass das Sacellum weitestgehend zerstört wurde. Nach der frommen Überlieferung wollte Satan einen glaubensfesten Priester töten, er verwüstete aber sein eigenes »Heiligtum«. Die weitestgehende Zerstörung des einstigen »Sacellum«, dem kleinen Heiligtum mit dem kreisrunden Fensterchen ist Fakt. Vermutlich war es aber Karl der Große, der im späten 8. Jahrhundert nach Christus das heidnische Heiligtum der Externsteine zerstören ließ. Der Teufel wird wohl nicht Hand angelegt haben. Allerdings trat Karl der Große gerade im Kampf gegen »Heiden« mit blutiger Grausamkeit auf, die aus heutiger Sicht durchaus das Prädikat »teuflisch« verdient!

Inzwischen habe ich über viele Jahre hinweg recherchiert. Ich habe in historischen Quellen nach der Sage gesucht, die mir die alte Dame bei den Externsteinen erzählte. Und ich wurde fündig (2). Karl Theodor Menke. Da lesen wir, dass bis zum Einschreiten des mutigen Mönches »sein Wesen getrieben hatte«. Weiter: »Lang hatte Satanas die glühende Zunge ausgestreckt; aus den Augen schoß er kurze Blitze und auf den Spitzen seiner Hörner sprühte er Feuerflammen.« Auch bei Karl Theodor Menke findet sich der Wurf des gewaltigen Steins, der den frommen Gottesmann verfehlt und schließlich als »Wackelstein« endet.

Bei Menke wird in der alten Sage noch das Ende des Teufels von den Externsteinen vermeldet. Nachdem der christliche Mönch dem Unhold eine tüchtige Weihwasserdusche verabreicht hatte, taumelte der geschwächt zu einer hohlen Eiche. Mit letzter Kraft versteckte er sich im Baum. Der göttlichen Strafe aber konnte er nicht entgehen! Ein Blitz fuhr vom Himmel herab, traf die Eiche und vertilgte sie ganz und gar.

»Magie der Externsteine«...
Foto W-J.Langbein

Sollten die Externsteine also doch ursprünglich ein heidnischer Kultort gewesen sein, bevor die Mönche vom Kloster Corvey kamen? Sollte die heidnische »Verwendung« des Kultortes auch nach der Verwüstung durch Karl den Großen angehalten haben? Das »Kreuzabnahmerelief« enthält jedenfalls einen Hinweis, der meiner Überzeugung nach den Sieg des christlichen über den heidnischen Kult darstellen soll!

Im »Kreuzabnahmerelief« sehen wir Nikodemus. Er steht erhöht, sein Helm ist ihm in den Nacken gerutscht. Mit dem rechten Arm hält er sich  am Kreuz fest. Sein linker Arm ist abgebrochen. Vermutlich reicht er den Leichnam des toten Jesus nach unten. Joseph von Arimathäa, mit seltsam abgewinkeltem Oberkörper, nimmt den Toten entgegen und schultert ihn. Worauf aber steht Nikodemus? Was wie ein merkwürdiger Stuhl oder Sessel aussieht, ist in Wirklichkeit eine umgeknickte Irminsul-Säule! Die Irminsul-Säule war der Lebensbaum der »Heiden«. Und die Irmisul steht nicht stolz und aufrecht, sondern sie ist rechtwinklig abgeknickt und dient Nikodemus demütig als Schemel.

Einer der Externsteine
Foto: Walter-Jörg Langbein


 Klaus Zetzsche, langjähriger Erforscher der Externsteine, schreibt (3): »Das karolingische Apostelbild (Kreuzabnahmerelief, der Verfasser)  sollte gleichzeitig zum Ausdruck bringen, dass das siegreiche Christentum nun über das zerbrochene germanische Heidentum von jetzt an ohne Kommentar anzuerkennen sei! Denn das Symbol der Irminsul bedeutete in der Welt der Germanen immer ein aufrechtstehendes, signifikantes Kult- und Heilsemblem. Mit dieser ›geknickten Darstellung‹ sollte den Germanen immer die Überwindung ihrer höchsten Kultstätte (Externsteine) durch den neuen christlichen Glaubenssieg vor Augen gehalten werden.«

Man kann darüber streiten, ob es überhaupt »die« Germanen überhaupt als eine geschlossene Gemeinschaft gegeben hat. Womöglich gab es »die« Germanen als ein Volk gar nicht, sondern nur eine Vielzahl von Stämmen.

Fakt ist: Die Irminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, bevor sie von Karl dem Großen mit brachialer Gewalt und Gemetzel zum Christentum »bekehrt« wurden. (»Blutgericht von Verden an der Aller«. 782 ließ Karl der Große angeblich 4500 Sachsen ermorden, die sich nicht taufen lassen wollten!)

Fakt ist, dass Karl der Große anno 772 die Irminsul zerstören ließ. Unklar bleibt, wo sich diese Irminsul (zu Deutsch »Große Säule«) stand. Ein heißer Kandidat als Irminsul-Heiligtum sind die Externsteine.

Links im Bild: Die Irminsul.  wiki commons
Foto Marianne Klemment-Speckner
Rechts im Bild:
Die geknickte Irminsul im Relief der Externsteine.
Foto Walter-Jörg Langbein

Fakt ist: Das kleine Heiligtum mit dem runden Fenster wurde weitestgehend zerstört. Vermutlich gab Karl der Große den Auftrag. Ließ er ein altes heidnisches Relief umarbeiten? Wurde aus einer Darstellung der Verehrung der Irminsul die Kreuzabnahme Jesu? Wurde die Aussage des ursprünglichen Reliefs ins Gegenteil verkehrt, von der Verehrung der Irminsul zum Sieg des Christentums über die »Irminsul-Gläubigen«?

Übrigens: Der »Lebensbaum« Irminsul-Säule hat das Heidentum überlebt. Die christliche Kirche hat ihn in abgewandelter Form übernommen. So finden sich an der Decke der Kilianskirche zu Lügde, deren Ursprung auf Karl den Großen zurückgehen soll, Lebensbäume.

Lebensbäume an der Decke der
Kilianskirche. Foto W-J.Langbein
Fußnoten

1) Machalett, Walther: »Externsteine«, Maschen, 1970, S. 132

2) Menke, Karl Theodor: »Lage, Ursprung, Namen, Beschreibung, Alterthum, Mythus und Geschichte der Externsteine«, Münster 1824, Seiten 106-108

3) Zetzsche, Klaus: »Das sagen uns die Externsteine«, Köln-Seeberg 1983/84/85, S. 77

»Der Drachen und der Heilige«,
Teil 225 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 11.05.2014


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Sonntag, 13. April 2014

221 »Die Götter der Steine«, Teil 2

Teil 221 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein




Bethel war einst ein heiliger Ort in Israel. König Jerobeam I. ließ ein »goldenes Kalb« aufstellen – in Bethel, dem »Haus Gottes«. Die »heilige Kuh« weist aber wie das »heilige Kalb« auf uralte kultische Verehrung der Göttin hin. Wie mag man sich vor Jahrtausenden ein »Bethel«, also ein »Haus Gottes« vorgestellt haben? Im Griechischen wurden heilige Kultsteine als »baitylia« bezeichnet. Diese Bezeichnung leitet sich vom biblischen »Bet-El« oder Beth-El ab. Das deutet darauf hin, dass man einst heilige Steine als göttliche Wohnung betrachtet hat. Ist die Vermutung abwegig, dass die natürlichen Steinsäulen der Externsteine in grauer Vorzeit göttliche Verehrung genossen?

 Megalithsteine von Avebury.
wiki commons.
Foto Norbert Radtke 2003

Wie heilig einst Steine in Europa waren, belegt, mit welcher Vehemenz die katholische Kirche gegen Steinkulte ankämpfte. So sah sich das Konzil von Nantes gegen Ende des 9. Jahrhunderts genötigt zu formulieren: »Steine, welche... an waldigen Stellen infolge durch teuflische Vorspiegelung verehrt werden, wo man ihnen Gaben gelobt und darbringt, sind ganz auszugraben und in eine tiefe Grube zu werfen, wo sie von ihren Anbetern nicht mehr gefunden werden können.«

Mit welch rabiaten Methoden gegen heilige Steine vorgegangen wird, zeigt das Beispiel »Steinkreis Avebury« in der Grafschaft Wiltshire, östlich von Bath gelegen. Die Steinkreisanlage, etwa 2600 bis 2500 v. Chr. errichtet, hatte einst riesige Ausmaße. So hatte der äußere Steinkreis einen Umfang von 1200 Metern und einen Durchmesser von 427 Metern! Auf Befehl der Geistlichkeit wurde die vermeintlich teuflische Kultanlage gezielt zerstört. Heilige Steine wurden zertrümmert und begraben. Wo man mit Hammer und Meißel allein nicht weiter kam, setzte man auf Feuer und Wasser. Steinkolosse wurden mit Feuer erhitzt, um sie dann mit kaltem Wasser zu übergießen. Es bildeten sich Risse, in die Keile getrieben wurden, um die Steine zu zerschlagen.

Noch im 18. Jahrhundert rückte man den Resten des Monuments mit brachialer Gewalt auf den steinernen Leib,  jetzt aber nicht mehr aus religiösen Gründen, sondern um Ackerland zu gewinnen. Von ursprünglich 154 Megalithen der Steinkreise sind heute nur noch 36 erhalten.
 
In den 1920-er Jahren begann man mit systematischen Ausgrabungen. Beerdigte Steine wurden wieder aufgestellt. Wo nach wissenschaftlicher Erkenntnis einst Steine standen, wurden Betonpfeiler gesetzt. So konnte das einstige Heiligtum aller Zerstörungswut zum Trotz wieder rekonstruiert werden.

Marsch auf die Externsteine. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Heiligtum der Externsteine wurde in einem Ausmaß verwüstet, dass an eine Rekonstruktion nicht mehr zu denken ist. Schon zu Zeiten der Römer soll es – vor zwei Jahrtausenden – zu gezielten Zerstörungen gekommen sein (1). Effektiver im negativen Sinn waren die Methoden christlicher Fanatiker (2): »Hier wurden … massive Zerstörungen sichtbar ... hauptsächlich im 8. Jahrhundert durch Karl den Großen.«

Nähert man sich den Externsteinen, so fällt eine Felssäule mit abgeflachter Kuppe auf. Man kann sie über in den Fels geschlagene Treppenstufen erreichen. Der Aufstieg ist steil und beschwerlich. Oben angekommen, gelangt man über eine kleine Brücke auf den nächsten Felsenturm, Felsen 2 genannt, wo einst in etwa vierzig Metern Höhe - das sogenannte Sacellum (3) aus dem massiven Fels geschlagen wurde. Der einst geschlossene, Raum wurde weitestgehend zerstört. Die noch erhaltenen Mauerreste lassen nur erahnen, wie der mysteriöse Raum einst ausgesehen haben mag.

Die kleine Brücke zum Sacellum. Foto Walter-Jörg Langbein

Über einem »Altar« befand sich ein Rundfenster. Es diente, so heißt es, einst astronomischen Beobachtungen. An ganz bestimmten Tagen – Sommersonnenwende und Mittwintervollmond – sollen eindringende Sonnenstrahlen eine steinerne Fratze hell erleuchtet haben.

Leicht wird die mysteriöse Maske übersehen ...
Fotos Walter-Jörg Langbein

War dies als Schauspiel für auserwählte Gläubige gedacht? Viele Menschen fanden ja keinen Platz im Sacellum. Oder war es Priesterastronomen, die allein Zugang hatten? Wir wissen es nicht. Leider sind keinerlei Hinweise erhalten geblieben. Kein einziger Text schildert, was einst geschah ...

Das Rundfenster über dem Altar. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Sacellum ist heute noch zu erahnen, allen Verwüstungen zum Trotz. Das geheimnisvolle steinerne Gesicht ist weitestgehend noch erhalten, steinerne »Säulen« erinnern an Tempelbauten ferner Zeiten. Wiederholt habe ich die Externsteine besucht, wiederholt bin ich ins einstige Heiligtum emporgestiegen. Kaum einem Besucher fällt das steinerne Gesicht auf. Die verbliebenen Wände werden gern für Schmierereien benutzt… Diese Missachtung einer alten Kultstätte ist mehr als beschämend für heutige Besucher! Es steht zu befürchten, dass das Besteigen der steinernen Säulen verboten werden wird!

Wer durfte einst diesen mysteriösen Raum betreten, in dem Dunkelheit herrschte. Und warum gab es neben dem Eingang und zweikreisrunden Öffnungen keine Fenster? Da keinerlei schriftliche Zeugnisse vorliegen, können wir nur spekulieren. Das »Geheimnis Externsteine« ist mysteriöser als offiziellen Beschreibungen für Touristen zu entnehmen ist!

Reste des Sacellums. Foto Walter-Jörg Langbein

»Die Felsenkammer war völlig dunkel bis auf das Licht, das durch die genannten Öffnungen zeitweise einfiel.«, schreibt Externsteine-Experte Walter Machalett (4). »Die Dunkelheit war Voraussetzung für die Beobachtung der durchlaufenden Sonnen- und wahrscheinlich auch Mond-Lichtscheiben.«

Warum hat man mit brachialer Gewalt den einst mühsam aus dem gewachsenen Fels geschlagenen Raum aufgerissen, so dass er heute kaum noch zu erkennen ist? Kleine Teile von zwei Seitenwänden sind erhalten. War Hass gegen eine alte Religion das Motiv der Zerstörungswut? Hatte man Angst vor alten Kulten, vor dem Unbekannten? Glaubte man an Teufelswerk, weil der Sinn der alten Anlagen – sakrale Astronomie – nicht mehr verstanden wurde? Wurde einst wirklich nur Astronomie betrieben? Oder gehörte die Beobachtung des Himmels zu vergessenen Zeremonien?

Ein Heimatforscher, der anonym bleiben möchte, versicherte mir, dass mindestens ein weiterer Kultraum der Externsteine bislang nicht wieder zugänglich ist. Gemeint ist damit nicht die »Grotte« im Felsen 1. Die weitläufige »Höhle« besteht aus drei ineinander übergehenden Kammern. Einst sollen hier – kurzfristig – Strafgefangene untergebracht worden sein. Es hausten zeitweise Einsiedler und zeitweise Mönche in den Räumlichkeiten in Felsen 1. In einem kleineren Teilraum mit Deckenkuppel sollen Tote verbrannt worden sein ...

Autor Langbein beim Vermessen der »Grotte«.
Foto Ingeborg Diekmann

Bei meinem ersten Besuch vor Ort war die »Grotte« für Besucher noch frei zugänglich. Bei meinen folgenden Besuchen war die Grotte immer häufiger verschlossen. Und seit einigen Jahren benötigt man eine Sondergenehmigung, um in das Innere von Felsen 1 zu gelangen. Warum? Vandalismus durch Besucher …

Das sogenannte »Jagdschloss« an den Externsteinen.

Anno 1611 kam es zu einem Besitzerwechsel: die Externsteine wurden vom Kloster Aldinghof in Paderborn dem westfälischen Herrscherhaus »Zur Lippe« übertragen. Es folgten Jahrzehnte, in denen um die Eigentumsrechte an  den Externsteinen gestritten wurde.
 
Anno 1654 wollte der Großherzog Ferdinand II. die Kultanlage erwerben, bot eine erkleckliche Summe. Warum? Warum war der italienische Großherzog von Florenz an den Externsteinen interessiert… im ärmlichen »Lipperland«?

Anno 1659 setzten seltsame Baumaßnahmen ein. Graf Hermann Adolf zu Lippe wolle ein »Jagdschloss« errichten. Es entstand aber so etwas wie eine wehrhafte Burganlage, in die die Externsteine integriert wurden. Ein Stich aus dem 17. Jahrhundert dokumentiert, dass das »Jagdschloss« den Zugang zu den Externsteinen vollkommen versperrte. Warum? Welchem Zweck der aufwändig angelegte Bau wirklich diente, konnte nie geklärt werden. Fakt ist, dass das »Jagdschloss« bald schon leer stand und von Fürstin Pauline um 1810 wieder abgerissen wurde. War Graf Hermann Adolf zu Lippe an verborgenen Geheimnissen interessiert, die er mit niemandem teilen wollte. Wurde er fündig? Nichts spricht dafür. Oder: Nichts wurde bekannt.

Im Inneren der Externsteine. Der Gang führt in die Kuppelkammer.
Foto Walter-Jörg Langbein

Unter den Externsteinen soll sich angeblich eine weitere Kammer befinden, die einst als Zeremonialraum diente. Der Zugang zu diesem unterirdischen Raum stehe, so ein Heimatforscher im Gespräch, unter Wasser. Ob es diesen Raum unter den Externsteinen tatsächlich gibt? Möglich ist es. Es könnte sich um eine natürliche Höhle handeln. Höhlen dienten unseren Vorfahren schon seit Jahrtausenden als Zuflucht- und Kultstätte. Die Riten uralter matriarchalischer Religionen wurden im »Leib« von »Mutter Erde« zelebriert – in Höhlen. Höhlen sind ideal geeignet, um den Kreislauf des Lebens darzustellen: Hinabstieg in die Höhle stellt den Tod dar, Rückkehr ans Tageslicht bedeutet die Wiedergeburt des Lebens. Das ist eine Spekulation zur Bedeutung der Externsteine als Heiligtum.

Reste des Sacellums.
Dieses Teilstück blieb verschont.
Foto: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten
1) Henze, Usch: »Osning – Die Externsteine/
Das verschwiegene Heiligtum Deutschlands
 und die verlorenen Wurzeln europäischer
Kultur«, Saarbrücken 2006, S. 16
2) ebenda
3) Sacellum: lateinische Verkleinerungsform
von »Sacrum«. Sacrum bedeutet so viel wie
Heiligtum, heiliger Ort. Sacellum lässt sich
mit »kleines Heiligtum«, »kleiner heiliger Ort«
übersetzen.
4) Machalett, Walther: Externsteine, Maschen, 1970, S.128

 »Die Götter der Steine«, Teil 3
Teil 222 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 20.04.2014


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