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Sonntag, 31. Dezember 2017

415 »Wie schaurig ist dieses Stätte!«

Teil  415 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

    
Foto 1: Nach wie vor rätselhaft.... die Riesen der Osterinsel!

Man kann zu großen Geheimnissen unseres Planeten reisen und ferne Länder aufsuchen. Man kann dann staunend vor den Osterinselriesen stehen oder im Flugzeug über dem riesigen Bilderbuch der Wüste von Nazca kreisen. Man kann aber auch zuhause bleiben und intensives Quellenstudium betreiben, zum Beispiel in Sachen »Jakobs Himmelsleiter«. Vorrang hat da zunächst der biblische Text, den es freilich in unterschiedlichen Übersetzungen gibt. Und die stimmen keineswegs immer überein, es gibt immer wieder Abweichungen und unbeantwortete Fragen.

Gern konsultiere ich bei kniffeligen Bibeltexten auch »Die Heilige Schrift ins Deutsche übertragen« von Naftali Herz Tur-Sinau, die in verschiedenen Auflagen vorliegt. Das wichtige Werk wurde 2013 vom SCM-Verlag in Witten herausgegeben. Eine aktuellere Ausgabe stammt aus dem Jahr 2017 (1). Was diese Ausgabe der Bibel so wertvoll macht: Der Übersetzer ist ein Kenner des Talmud und er folgt dem traditionellen jüdischen Denken. Kurz, seine Übersetzung ist näher am Original als so manche christliche. Im Anhang der Printausgabe werden abweichende Übersetzungen präzise begründet.

Fotos 2 und 3: Bibelillustration, Stich, Ende 17. Jahrhundert

Und da lesen wir: »Und er erschauerte und sprach: Wie schaurig ist dieses Stätte! – Nein, das ist ein Haus Gottes, und dies ist die Pforte des Himmels.« Auch hier wird die Stätte der Himmelsleiter als »schaurig« bezeichnet, wie in der »Vulgata«, wo der Ausdruck »terribilis« verwendet wird, so wie ja auch Piscator »schrecklich« übersetzt.

Emil Friedrich Kautzsch (*1841, †1910), war als Theologe und Kenner der hebräischen Sprache hoch angesehen. 1898 erschienen von Professor Kautzsch das Standardwerk »Die Apokryphen des Alten Testaments (2)“, gefolgt von »Die Pseudepigraphen des Alten Testaments (3)« im Jahr 1900. 1900 kamen »Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments« in einem Band heraus . Weniger bekannt ist, dass Emil Friedrich Kautzsch auch eine Übersetzung des Alten Testaments in zwei Bänden publizierte (4). Die Erstauflage wurde vom angesehenem »Verlag von Mohr« anno 1898 und 1900 veröffentlicht, 1909 und 1910 (5) gab es bereits eine »dritte völlig neugearbeitete, mit Einleitungen zu den einzelnen Büchern versehene Auflage«.

Kautzsch übersetzt Genesis 28, Vers 17 so: »Da fürchtete er sich und sprach: Wie schauerlich ist diese Stätte! Ja, das ist der Wohnsitz Gottes und die Pforte des Himmels.«

Fotos 4 und 5: Jakobs Himmelsleiter, Kupferstich von Martin Tyroff

Während meines Studiums der evangelischen Theologie übersetzte ich zahlreiche Texte der hebräischen Originaltexte ins Deutsche. Ich war dabei stets bestrebt, dem Original so weit wie möglich zu entsprechen. Meine Absicht war es, einen Eindruck zu vermitteln, wie der Text – etwa nach dem Satzbau – im hebräischen Original geschrieben wurde. Ähnlich wie der geniale Piscator, mit dem ich mich natürlich ansonsten nicht vergleichen darf und will, sollte mein deutscher Text so nah wie möglich am hebräischen Original bleiben.

Besonders gern habe ich die Geschichte von Jakobs Traumvision von der Himmelsleiter übersetzt (6):

Foto 6
»12) Und da träumte ihm und siehe! Da war eine Leiter aufgerichtet auf der Erde und die Spitze, sie ging bis an den Himmel und siehe, da waren Boten Gottes, steigend hinauf und steigend herab auf ihr.
13) Und Jahwe stand über ihm und er sprach: Ich bin der Alles-Überdauernde, der Gott Abrahams, deines Vaters, der Gott Jizchaks. Das Land,  auf welchem du ruhst, ich werde es dir geben und deiner Nachkommenschaft.
14) Deine Nachkommenschaft, sie wird sein wie der Staub der Erde! Und du wirst dich ausbreiten gen Westen, Osten, Norden und Süden. Und mit dir werden sich segnen alle Geschlechter des Erdkreises und mit deiner Nachkommenschaft!
15) Und siehe: Ich bin mit dir! Ich werde dich behüten, wo immer du auch hingehst, und ich werde dich zurückkehren lassen in dein Land. Ich werde dich nicht verlassen bevor ich getan haben werde, was ich zu dir gesprochen habe!
16)  Und Jakob erwachte aus seinem Schlaf und er sprach wie folgt: Wahrhaftig, Jahwe weilt an dieser Stätte. Und ich, ich wusste es nicht!
17) Und ihm wurde Angst und er sprach wie folgt: Wie schrecklich ist diese Stätte. Sie ist nichts anderes  als ein Haus Gottes und dies hier ist der Eingang zum Himmel.
18) Und Jakob erhob sich beim Morgengrauen und er nahm den Stein, auf dem sein Kopf geruht hatte, und er  stellte ihn auf als  Erinnerungsstein und er schüttete Öl auf seine Spitze.
19) Und er nannte den Namen eben dieses Ortes Beth-El (Beth = Haus, El = Gott). Und diese Stätte war vordem Lus.«

Ich wiederhole meine wortgetreue Übersetzung von Vers 17: »Und ihm wurde Angst und er sprach wie folgt: Wie schrecklich ist diese Stätte. Sie ist nichts anderes  als ein Haus Gottes und dies hier ist der Eingang zum Himmel.«

Emil Kautzsch übersetzt Genesis 28, Vers 17 so: »Da fürchtete er sich und sprach: Wie schauerlich ist diese Stätte! Ja, das ist der Wohnsitz Gottes und die Pforte des Himmels.«

Fotos 7 und 8
Nach meiner Übersetzung war der Ort, wo die »Engel« zwischen Himmel und Erde pendelten eine »schreckliche Stätte“, Kautzsch nennt sie »schauerlich«, die »Vulgata« benutzt den Terminus »terribilis« (schrecklich, furchtbar). Zur Kontrolle konsultiere ich Eduard Königs »Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament« in der dritten Auflage, Leipzig 1922. Das Nachschlagewerk gibt als Übersetzung an »furchtbar«.

Was beschreibt Genesis Kapitel 28, Vers 17? Jakob bekam Angst. Warum? Er befindet sich an einem Ort, der »Haus Gottes« genannt wird. Wichtig: Just in diesem Vers ist nicht von einem Haus Jahwes die Rede, sondern von einem Haus von Elohim. Und dieses Elohim-Haus ist der »Eingang«, ja das »Tor« zum Himmel, wortwörtlich eigentlich der Himmel.

Was aber haben wir uns unter einem »Tor«, unter einem »Eingang« zu den Himmeln zu verstehen? Jakob schildert, wie »Boten Gottes« von der Erde in das »Haus Gottes« gelangen oder von dort zur Erde herab steigen. Was geschieht da? Vielleicht kommt Piscator in seiner Bibelübersetzung der Realität am nächsten, wenn er schreibt: »schrecklich) Nemlich von wegen der herrlichen majestaet Gottes, welche den menschen wegen ihrer bloedigkeit erschroecklich ist.«  Die Herrlichkeit Gottes erscheint den Menschen als schrecklich… »wegen ihrer Bloedigkeit«? Geschah damals etwas, was Jakob nicht begreifen konnte und was selbst heutige Theologen nicht verstehen wollen? Steckt etwas ganz anderes hinter der Vorstellung einer »Leiter« zwischen Himmel und Erde?

Die Vorstellung vom »Tor zum Himmel« gibt Anlass zu heute noch kühnen Gedanken. Geht es um einen Energie, die zwischen unserer Realität und einer anderen fließt? Machte dieser Energiefluss für Jakob den Ort seiner »Vision« zu einem schrecklichen? Oder sollte es gar wirklich ein Tor in den Himmel gegeben haben?


Foto 9: »Kautzsch-Bibel«, Band 1
Wie dem auch sei: Die »Biblia Hebraica« spricht von »furchtbar«, was nicht so recht zu einem gütigen Gott passt. Um das Bild vom »lieben Gott« aufrecht erhalten zu können, wird in Übersetzungen aus dem »furchtbar« eine Stätte der Ehrfurcht. Warum aber wird der Ort der Begegnung als »schrecklich« bezeichnet?

Erlebte Jakob etwas, was für ihn einfach nur grauenhaft war? Was verstehen wir unter »Haus Gottes«, was unter »Pforte des Himmels«?

Fußnoten
1) Naftali Herz Tur-Sinau: »Die Heilige Schrift«,Verlag SCM R. Brockhaus, Witten,  3. Auflage19. April 2017 (ISBN-10: 341725180X , ISBN-13: 978-3417251807). Im gleichen Verlag ist erschienen »Das jüdische Neue Testament« von David D. Stern, 2. Auflage 3. April 2017 (ISBN-10: 3417254124,ISBN-13: 978-3417254129) David H. Stern hat auch einen Kommentar zum jüdischen Neuen Testament verfasst. David H. Stern: »Kommentar zum Jüdischen Neuen Testament«, SCM R. Brockhaus, Witten, 2. Auflage, Witten, 7. September 2017 (ISBN-10: 3417254116 13: 978-3417254112). Diese Werke sind alle sehr empfehlenswert!

2) Kautsch, Emil: »Die Apokryphen des Alten Testaments«, Tübingen 1898
3) Kautsch, Emil: »Die Pseudepigraphen des Alten Testaments«, Tübingen 1900
4) Kautzsch, E(mil): »Die Heilige Schrift des Alten Testaments«, Band 1, »Von Mose bis Ezechiel«, Tübingen 1909
5) Kautzsch, E(mil): »Die Heilige Schrift des Alten Testaments«, Band 2, »Hosea bis Chronik«, Tübingen 1910
6) 1. Buch Mose Kapitel 28, Verse 12-19


Foto 10: Plakat Seminar 2018
Zu den Fotos
Foto 1: Nach wie vor rätselhaft.... die Riesen der Osterinsel! 
Fotos 2 und 3: Bibelillustration, Stich, Ende 17. Jahrhundert.
Fotos 4 und 5: Jakobs Himmelsleiter, Kupferstich von Martin Tyroff. 
Foto 6: Jakobsleiter an der Westfront der Abtei von Bath, England, wiki commons Haukurth.
Fotos 7 und 8: Die »Kautzsch-Bibel« in 2 Bänden 
Foto 9: Die »Kautzsch-Bibel«, Band 1.
Foto 10: Plakat »Phantastische Phänomene« 2018

416 »Mit dem ›Fahrstuhl‹ oder durchs ›Sternentor‹ ins All?«
Teil  416 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 07.01.2018


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Sonntag, 13. April 2014

221 »Die Götter der Steine«, Teil 2

Teil 221 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein




Bethel war einst ein heiliger Ort in Israel. König Jerobeam I. ließ ein »goldenes Kalb« aufstellen – in Bethel, dem »Haus Gottes«. Die »heilige Kuh« weist aber wie das »heilige Kalb« auf uralte kultische Verehrung der Göttin hin. Wie mag man sich vor Jahrtausenden ein »Bethel«, also ein »Haus Gottes« vorgestellt haben? Im Griechischen wurden heilige Kultsteine als »baitylia« bezeichnet. Diese Bezeichnung leitet sich vom biblischen »Bet-El« oder Beth-El ab. Das deutet darauf hin, dass man einst heilige Steine als göttliche Wohnung betrachtet hat. Ist die Vermutung abwegig, dass die natürlichen Steinsäulen der Externsteine in grauer Vorzeit göttliche Verehrung genossen?

 Megalithsteine von Avebury.
wiki commons.
Foto Norbert Radtke 2003

Wie heilig einst Steine in Europa waren, belegt, mit welcher Vehemenz die katholische Kirche gegen Steinkulte ankämpfte. So sah sich das Konzil von Nantes gegen Ende des 9. Jahrhunderts genötigt zu formulieren: »Steine, welche... an waldigen Stellen infolge durch teuflische Vorspiegelung verehrt werden, wo man ihnen Gaben gelobt und darbringt, sind ganz auszugraben und in eine tiefe Grube zu werfen, wo sie von ihren Anbetern nicht mehr gefunden werden können.«

Mit welch rabiaten Methoden gegen heilige Steine vorgegangen wird, zeigt das Beispiel »Steinkreis Avebury« in der Grafschaft Wiltshire, östlich von Bath gelegen. Die Steinkreisanlage, etwa 2600 bis 2500 v. Chr. errichtet, hatte einst riesige Ausmaße. So hatte der äußere Steinkreis einen Umfang von 1200 Metern und einen Durchmesser von 427 Metern! Auf Befehl der Geistlichkeit wurde die vermeintlich teuflische Kultanlage gezielt zerstört. Heilige Steine wurden zertrümmert und begraben. Wo man mit Hammer und Meißel allein nicht weiter kam, setzte man auf Feuer und Wasser. Steinkolosse wurden mit Feuer erhitzt, um sie dann mit kaltem Wasser zu übergießen. Es bildeten sich Risse, in die Keile getrieben wurden, um die Steine zu zerschlagen.

Noch im 18. Jahrhundert rückte man den Resten des Monuments mit brachialer Gewalt auf den steinernen Leib,  jetzt aber nicht mehr aus religiösen Gründen, sondern um Ackerland zu gewinnen. Von ursprünglich 154 Megalithen der Steinkreise sind heute nur noch 36 erhalten.
 
In den 1920-er Jahren begann man mit systematischen Ausgrabungen. Beerdigte Steine wurden wieder aufgestellt. Wo nach wissenschaftlicher Erkenntnis einst Steine standen, wurden Betonpfeiler gesetzt. So konnte das einstige Heiligtum aller Zerstörungswut zum Trotz wieder rekonstruiert werden.

Marsch auf die Externsteine. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Heiligtum der Externsteine wurde in einem Ausmaß verwüstet, dass an eine Rekonstruktion nicht mehr zu denken ist. Schon zu Zeiten der Römer soll es – vor zwei Jahrtausenden – zu gezielten Zerstörungen gekommen sein (1). Effektiver im negativen Sinn waren die Methoden christlicher Fanatiker (2): »Hier wurden … massive Zerstörungen sichtbar ... hauptsächlich im 8. Jahrhundert durch Karl den Großen.«

Nähert man sich den Externsteinen, so fällt eine Felssäule mit abgeflachter Kuppe auf. Man kann sie über in den Fels geschlagene Treppenstufen erreichen. Der Aufstieg ist steil und beschwerlich. Oben angekommen, gelangt man über eine kleine Brücke auf den nächsten Felsenturm, Felsen 2 genannt, wo einst in etwa vierzig Metern Höhe - das sogenannte Sacellum (3) aus dem massiven Fels geschlagen wurde. Der einst geschlossene, Raum wurde weitestgehend zerstört. Die noch erhaltenen Mauerreste lassen nur erahnen, wie der mysteriöse Raum einst ausgesehen haben mag.

Die kleine Brücke zum Sacellum. Foto Walter-Jörg Langbein

Über einem »Altar« befand sich ein Rundfenster. Es diente, so heißt es, einst astronomischen Beobachtungen. An ganz bestimmten Tagen – Sommersonnenwende und Mittwintervollmond – sollen eindringende Sonnenstrahlen eine steinerne Fratze hell erleuchtet haben.

Leicht wird die mysteriöse Maske übersehen ...
Fotos Walter-Jörg Langbein

War dies als Schauspiel für auserwählte Gläubige gedacht? Viele Menschen fanden ja keinen Platz im Sacellum. Oder war es Priesterastronomen, die allein Zugang hatten? Wir wissen es nicht. Leider sind keinerlei Hinweise erhalten geblieben. Kein einziger Text schildert, was einst geschah ...

Das Rundfenster über dem Altar. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Sacellum ist heute noch zu erahnen, allen Verwüstungen zum Trotz. Das geheimnisvolle steinerne Gesicht ist weitestgehend noch erhalten, steinerne »Säulen« erinnern an Tempelbauten ferner Zeiten. Wiederholt habe ich die Externsteine besucht, wiederholt bin ich ins einstige Heiligtum emporgestiegen. Kaum einem Besucher fällt das steinerne Gesicht auf. Die verbliebenen Wände werden gern für Schmierereien benutzt… Diese Missachtung einer alten Kultstätte ist mehr als beschämend für heutige Besucher! Es steht zu befürchten, dass das Besteigen der steinernen Säulen verboten werden wird!

Wer durfte einst diesen mysteriösen Raum betreten, in dem Dunkelheit herrschte. Und warum gab es neben dem Eingang und zweikreisrunden Öffnungen keine Fenster? Da keinerlei schriftliche Zeugnisse vorliegen, können wir nur spekulieren. Das »Geheimnis Externsteine« ist mysteriöser als offiziellen Beschreibungen für Touristen zu entnehmen ist!

Reste des Sacellums. Foto Walter-Jörg Langbein

»Die Felsenkammer war völlig dunkel bis auf das Licht, das durch die genannten Öffnungen zeitweise einfiel.«, schreibt Externsteine-Experte Walter Machalett (4). »Die Dunkelheit war Voraussetzung für die Beobachtung der durchlaufenden Sonnen- und wahrscheinlich auch Mond-Lichtscheiben.«

Warum hat man mit brachialer Gewalt den einst mühsam aus dem gewachsenen Fels geschlagenen Raum aufgerissen, so dass er heute kaum noch zu erkennen ist? Kleine Teile von zwei Seitenwänden sind erhalten. War Hass gegen eine alte Religion das Motiv der Zerstörungswut? Hatte man Angst vor alten Kulten, vor dem Unbekannten? Glaubte man an Teufelswerk, weil der Sinn der alten Anlagen – sakrale Astronomie – nicht mehr verstanden wurde? Wurde einst wirklich nur Astronomie betrieben? Oder gehörte die Beobachtung des Himmels zu vergessenen Zeremonien?

Ein Heimatforscher, der anonym bleiben möchte, versicherte mir, dass mindestens ein weiterer Kultraum der Externsteine bislang nicht wieder zugänglich ist. Gemeint ist damit nicht die »Grotte« im Felsen 1. Die weitläufige »Höhle« besteht aus drei ineinander übergehenden Kammern. Einst sollen hier – kurzfristig – Strafgefangene untergebracht worden sein. Es hausten zeitweise Einsiedler und zeitweise Mönche in den Räumlichkeiten in Felsen 1. In einem kleineren Teilraum mit Deckenkuppel sollen Tote verbrannt worden sein ...

Autor Langbein beim Vermessen der »Grotte«.
Foto Ingeborg Diekmann

Bei meinem ersten Besuch vor Ort war die »Grotte« für Besucher noch frei zugänglich. Bei meinen folgenden Besuchen war die Grotte immer häufiger verschlossen. Und seit einigen Jahren benötigt man eine Sondergenehmigung, um in das Innere von Felsen 1 zu gelangen. Warum? Vandalismus durch Besucher …

Das sogenannte »Jagdschloss« an den Externsteinen.

Anno 1611 kam es zu einem Besitzerwechsel: die Externsteine wurden vom Kloster Aldinghof in Paderborn dem westfälischen Herrscherhaus »Zur Lippe« übertragen. Es folgten Jahrzehnte, in denen um die Eigentumsrechte an  den Externsteinen gestritten wurde.
 
Anno 1654 wollte der Großherzog Ferdinand II. die Kultanlage erwerben, bot eine erkleckliche Summe. Warum? Warum war der italienische Großherzog von Florenz an den Externsteinen interessiert… im ärmlichen »Lipperland«?

Anno 1659 setzten seltsame Baumaßnahmen ein. Graf Hermann Adolf zu Lippe wolle ein »Jagdschloss« errichten. Es entstand aber so etwas wie eine wehrhafte Burganlage, in die die Externsteine integriert wurden. Ein Stich aus dem 17. Jahrhundert dokumentiert, dass das »Jagdschloss« den Zugang zu den Externsteinen vollkommen versperrte. Warum? Welchem Zweck der aufwändig angelegte Bau wirklich diente, konnte nie geklärt werden. Fakt ist, dass das »Jagdschloss« bald schon leer stand und von Fürstin Pauline um 1810 wieder abgerissen wurde. War Graf Hermann Adolf zu Lippe an verborgenen Geheimnissen interessiert, die er mit niemandem teilen wollte. Wurde er fündig? Nichts spricht dafür. Oder: Nichts wurde bekannt.

Im Inneren der Externsteine. Der Gang führt in die Kuppelkammer.
Foto Walter-Jörg Langbein

Unter den Externsteinen soll sich angeblich eine weitere Kammer befinden, die einst als Zeremonialraum diente. Der Zugang zu diesem unterirdischen Raum stehe, so ein Heimatforscher im Gespräch, unter Wasser. Ob es diesen Raum unter den Externsteinen tatsächlich gibt? Möglich ist es. Es könnte sich um eine natürliche Höhle handeln. Höhlen dienten unseren Vorfahren schon seit Jahrtausenden als Zuflucht- und Kultstätte. Die Riten uralter matriarchalischer Religionen wurden im »Leib« von »Mutter Erde« zelebriert – in Höhlen. Höhlen sind ideal geeignet, um den Kreislauf des Lebens darzustellen: Hinabstieg in die Höhle stellt den Tod dar, Rückkehr ans Tageslicht bedeutet die Wiedergeburt des Lebens. Das ist eine Spekulation zur Bedeutung der Externsteine als Heiligtum.

Reste des Sacellums.
Dieses Teilstück blieb verschont.
Foto: Walter-Jörg Langbein


Fußnoten
1) Henze, Usch: »Osning – Die Externsteine/
Das verschwiegene Heiligtum Deutschlands
 und die verlorenen Wurzeln europäischer
Kultur«, Saarbrücken 2006, S. 16
2) ebenda
3) Sacellum: lateinische Verkleinerungsform
von »Sacrum«. Sacrum bedeutet so viel wie
Heiligtum, heiliger Ort. Sacellum lässt sich
mit »kleines Heiligtum«, »kleiner heiliger Ort«
übersetzen.
4) Machalett, Walther: Externsteine, Maschen, 1970, S.128

 »Die Götter der Steine«, Teil 3
Teil 222 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 20.04.2014


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