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Sonntag, 22. Dezember 2019

518. »Reise ins Vorgestern«

Teil 518 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der »Erste Brief des Johannes«
entsteht.

Martin Luthers Bibelübersetzung als Gesamtausgabe erschien 1534, Piscators Bibelübersetzung folgte Jahrzehnte später, anno 1604. Die alten Bibelübersetzungen zu lesen, das ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Die alten Bibelübersetzungen können uns in Zeiten führen, zu denen ein ganz anderes Deutsch als heute gesprochen wurde. Schon sehr viel früher als das christliche Europa verfügte das syrische Christentum bereits über eine Bibelübersetzung, die »Peschitta« (englische Schreibweise: »Peshitta«). Die »Peschitta« –  in einer aramäischen Sprache verfasst –  war in Syrien weit verbreitet. (Was gern vergessen wird: Jesus sprach einen aramäischen Dialekt und nicht Griechisch oder gar Lateinisch.)

Sprachwissenschaftler haben die alte Form des Syrischen der »Peschitta« als einen »östlichen Zweig des Aramäischen« erkannt. Als Ort der Entstehung steht einwandfrei der syrische Raum fest. Umstritten freilich ist, wann die »Peschitta« zum ersten Mal als greifbarer Text vorlag. Bücher in unserem Sinne gab es damals noch nicht, vermutlich kursierten einzelne biblische Bücher aus der Bibel bevor die »Peschitta« komplett vorlag. Die Anfänge ihrer Entstehung reichen, darin scheinen sich die meisten Experten einig zu sein, bis ins erste nachchristliche Jahrhundert zurück.

Aber wann wurden die Texte schriftlich fixiert? Die Peschitta-Texte des »Neuen Testaments« sollen schon Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus entstanden sein, wie manche Experten meinen.  Oder sind sie jünger? Wurden sie erst Mitte des vierten nachchristlichen Jahrhunderts niedergeschrieben (1)?

Wir müssen bedenken, dass Jesus selbst und seine Jünger davon ausgingen, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstand. Jesus würde, das glaubten die ersten Christen, noch zu Lebzeiten zumindest einiger der Jünger wieder erscheinen und als Messias die Menschen richten. Warum sollte man da noch dicke Bücher über Jesus und sein Wirken schreiben? Jesus würde doch schon bald wieder vom Himmel zur Erde hinab steigen! Am ehesten hat man wohl wichtige Worte Jesu schriftlich festgehalten, und zwar vermutlich in der Sprache Jesu. Das war Aramäisch. Vermutlich waren das Sammlungen von Zitaten, aber keine Biographien.

Für Christen der »Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien« und der »Assyrischen Kirche des Ostens« ist die »Peschitta« die Standardversion der »Heiligen Schrift« schlechthin. George Mamishisho Lamsa (*1892; †1975) hat die »Peschitta« ins Englische übertragen. Der führende Experte auf dem Gebiet dieser viel zu wenig beachteten Übersetzung erklärt uns (2): »Der Ausdruck Peshitta bedeutet klar, einfach, aufrichtig und wahr, das heißt, das Original«. Eine andere Übersetzung des Terminus »Peschitta« lautet: »einfach zu verstehen«.

Foto 2: Ein Peschitta-Text (Ausschnitt).

 Mit anderen Worten: Die »Peschitta« soll die ursprünglichste Bibelübersetzung sein, verfasst in klarer, nicht verschnörkelter Sprache. Das soll sie von diversen anderen syrischen Übersetzungen unterscheiden, die in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Geburt entstanden. Die »Peschitta« will nicht umschreiben, sondern den Text in seiner Schlichtheit ohne Verfälschungen vermitteln. Bietet sie wirkliche Authentizität?

In der Theologie gibt es, vorsichtig formuliert, eine starke Tendenz: Die vier nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes benannten Evangelien haben als authentischer als andere zu gelten. Deshalb werden die vier Evangelien, die ins »Neue Testament« aufgenommen wurden, gern älter, die »Peschitta« und die »verbotenen« Evangelien der Gnosis gern jünger gemacht. Je fundamentalistischer ein Theologe denkt, desto stärker ist seine Abneigung gegen Texte außerhalb der Bibel. Dabei zeigt es sich immer wieder, dass die »Peschitta« manchmal sehr viel genauer und unverfälschter ist als modernere Übersetzungen. Beispiel: die Sache mit der »Heiligen Dreifaltigkeit«. Für christliche Theologen ist die Lehre von der »Heiligen Dreifaltigkeit« fester Bestandteil des christlichen Glaubens. Der »Katechismus der katholischen Kirche« (3) bezeichnet die »Trinitätslehre« als (4) »zentrales Mysterium des Glaubens« und führt aus (5): »Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der ›Hierarchie der Glaubenswahrheiten‹ die grundlegendste und wesentlichste.«

Nicht wirklich erhellend geht es weiter: »›Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre einzige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint‹.«

Foto 3: Erster Brief des Johannes
in einer Vulgata-Handschrift
aus dem 13. Jahrhundert.


Auf dem 2. Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 n.Chr. (unter dem Vorsitz von Eutychius, Patriarch von Konstantinopel) wurde verlautbart, dass sich ein einziger Gott in drei Personen zu erkennen gebe. Auf der 11. Synode von Toledo anno 675 wurde erklärt: »Der Vater  ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist, nämlich von Natur ein Gott.« Dann vergingen wieder Jahrhunderte, bis anno 1215 auf dem »4. Konzil im Lateran« definiert wurde: »Jede der drei Personen ist jene Wirklichkeit, das heißt göttliche Substanz, Wesenheit und Natur.«

In der sakralen Kunst gibt es zahlreiche Darstellungen der »Heiligen Dreifaltigkeit«.  Freilich stiften Gemälde wie das von Guiard des Moulins (*1251; †1322) eher für Verwirrung, werden da doch Gottvater, Sohn und Heiliger Geist als drei separate Wesen dargestellt. Selten sind Darstellungen der Trinität wie jene im idyllischen Urschalling (Prien) am Chiemsee. Das wirklich bemerkenswerte Fresko, wichtiger Teil einer figurenreichen Wand- und Deckenbemalung aus dem 14. Jahrhundert, wurde in der unteren Spitze eines Gewölbezwickels angebracht. Der unbekannte Künstler hat versucht, die Lehre von der Dreifaltigkeit darzustellen: Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist als ein Wesen. In Urschalling entstand so ein seltsam anmutendes Wesen mit einem Unterleib, aus dem drei Oberkörper wachsen, umhüllt von einem Mantel. Kurios: der Heilige Geist von Urschalling ist ohne Zweifel eine Frau (6).

Problematisch ist, dass es weder im »Alten Testament«, noch im »Neuen Testament« einen Hinweis auf die Dreifaltigkeit zu geben scheint. Steht also nichts in der Bibel über die Trinität? Oder doch? Noch im 19. Jahrhundert gab es in fast allen Bibelübersetzungen ein klares Bekenntnis zur »Trinität«. Im »Ersten Brief von Johannes« (7) scheint ein wenig versteckt die »Dreifaltigkeit« aufzutauchen. Selbst in der sonst von mir sehr geschätzten, da präzisen »Piscator Bibel« von 1684 wird fabuliert: »Denn drey sind, die da zeugen im himmel, der Vatter, das Wort, und der Heilige Geist; und diese dry sind eins.«

Mit dem »Wort« soll Jesus gemeint sein, das ergibt dann die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist… »und diese drey sind eins.« Ein Blick in die »Peschitta« bringt Klarheit! Da fehlt, wie im griechischen »Neuen Testament« der Vers über die »drei, die eins sind«. Mit anderen Worten: Es handelt sich bei dem Vers, der die Dreifaltigkeit beweisen soll, um einen späteren Einschub, um eine Verfälschung des Originals.  Offensichtlich sahen sich Vertreter der Trinität genötigt, diesen »Beweis« zu fabrizieren, um einen biblischen Beleg für die Dreifaltigkeitslehre zu schaffen.

 Foto 4: Darstellung der Dreifaltigkeit von Guiard
des Moulins
(15. Jahrhundert).


In heutigen Bibelübersetzungen wird man den fiktiven »Beweis« vergeblich suchen. Er wurde längst wieder gelöscht. Und – diese Feststellung ist sehr wichtig – in der »Peschitta« hat es diese Verfälschung nie gegeben. Der britische Physiker und Kosmologe Professor John Barrow (*1952) erklärte in einem Interview mit dem »ORF« (Österreich), seiner Meinung nach seien Zeitreisen »physikalisch prinzipiell möglich«. Der theoretische Physiker von der »University of Cambridge« John David Barrow verfasste zahlreiche Fachbücher wie (8) »Theorien für alles«, » Die Entdeckung des Unmöglichen« und »Das Buch der Universen«. Ob es freilich in der Praxis je zu Zeitreisen kommen wird, weiß auch der Wissenschaftler John David Barrow nicht.

In Gedanken sind Zeitreisen allerdings schon jetzt machbar. Die nötigen »Hilfsmittel« stehen uns schon seit geraumer Zeit zur Verfügung: Es sind Schriften wie das »Alte Testament« in diversen Übersetzungen, die »Peschitta« und die »Legenden der Juden«, die Louis Ginzberg (*1873; †1953) als sein unglaubliches Lebenswerk (9) zusammengetragen hat. Doch Vorsicht ist geboten! Je nachdem, welches Instrument man benutzt,  kann man bei jeder Reise zu ganz unterschiedlichen Bildern von der gleichen Zeitepoche kommen. Ein und dasselbe Ereignis kann immer wieder ganz anders beschrieben worden sein.

Mich persönlich hat in den vergangenen vierzig Jahren keine Reise so fasziniert wie die in die Welten von Mythen aus uralten Zeiten: in die Ära von Adam und Eva und darüber hinaus in weite, weite Gefilde der Vergangenheit. Und je länger ich über die Geheimnisse der Vergangenheit geschrieben habe, desto mehr überlasse ich es den Leserinnen und Lesern, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Anders als Theologen wähne ich mich nicht im Besitz der Wahrheit. Und schon gar nicht versuche ich, meinen Leserinnen und Lesern eine bestimmte Doktrin aufzunötigen. Sich selbst auf die Suche machen, das bringt uns alle weiter!

In den vergangenen vierzig Jahren habe ich dutzende Bücher geschrieben und veröffentlicht. Meine aktuellen Recherchen sind für mich die spannendsten überhaupt. Machen wir uns gemeinsam auf ins Gestern! Beginnen wir unsere Reise ins Vorgestern! 

Foto 5: Die Dreifaltigkeit
von Urschalling.
Fußnoten
(1) Aland, Kurt und andere (Herausgeber): »Novum Testamentum Graece«, 26. Auflage, Deutsche Bibelstiftung Stuttgart, 1981, S. 17
(2) »The Holy Bible from Ancient Eastern Manuscripts containing the Old and New Testaments translated from the Peshitta, the Authorized Bible of the Church of the East by George M. Lamsa«, Seite VII, A. J. Holman Company, Philadelphia, USA, 9. Auflage 1957
(3) »Katechismus der katholischen Kirche«, Taschenbuchausgabe, Wien 1993
(4) Ebenda, »Thematisches Register«, Seite 775, linke Spalte unten, Stichwort »Dreifaltigkeit«
(5) Ebenda, S. 93, Absatz 2 »Der Vater«, Nr. 234
(6) Wodtke-Werner. Verena: »Der Heilige Geist als weibliche Gestalt im christlichen Altertum und Mittelalter. Eine Untersuchung von Texten und Bildern«, Pfaffenweiler 1994
Siehe hierzu auch
Langbein, Walter: »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen«, Berlin November 2004 und
Langbein, Walter-Jörg: »Als Eva noch eine Göttin war: Die Wiederentdeckung des Weiblichen in der Bibel – Verborgenes Wissen in biblischen Schriften, verbotenen Büchern und sakralen Kunstwerken«, Groß-Geruau 2015
(7) 1. Johannes Kapitel 5, Vers 7
(8) Barrow, John David: »Theorien für alles : die Suche nach der Weltformel«, 1994
Barrow, John David: »Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens«, Heidelberg 1999
Barrow, John David: »Das Buch der Universen«, Frankfurt am Main 2011
(9) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews« 6 Text-Bände und der Index-Band, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Philadelphia 1909–1938.

Foto 6: Piscator-Bibel
von 1684 (Frontispiz).
Zu den Fotos
Foto 1: Der »Erste Brief des Johannes« entsteht. Miniatur  in einer Vulgata-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein Peschitta-Text (Ausschnitt). Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Erster Brief des Johannes in einer Vulgata-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung der Dreifaltigkeit von Guiard des Moulins (15. Jahrhundert).
Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Dreifaltigkeit von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Piscator-Bibel von 1684 (Frontispiz). Foto Walter-Jörg Langbein

519. »Sieben Erden«,
Teil 519 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. Dezember 2019



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Sonntag, 13. Oktober 2019

508. »Die Sache mit der Erbsünde«

Teil 508 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Die »Erbsünde« ist mit mosaischem
Gesetz unvereinbar!

Die »Evangelische Johanneskirche« im oberfränkischen Michelau war bis auf den letzten Platz besetzt. Dekan Mädel unterzog uns Konfirmanden einer Prüfung. Wir sollten beweisen, dass wir im Konfirmandenunterricht aufgepasst und Texte aus dem Gesangbuch und aus Luthers »Kleinem Katechismus« aus dem Gedächtnis ohne Zögern aufsagen konnten. Erst nach bestandener Prüfung vor versammelter Gemeinde waren wir zur Konfirmation zugelassen. Durchgefallen ist bei dieser Prüfung allerdings nie jemand.

Als ich an der Reihe war, da fragte mich der einem Propheten aus dem Alten Testament gleichende Dekan nach der Bedeutung der »Erbsünde« und der Taufe. »Die Taufe dient dazu, dass unsere Sünden weggespült werden!«, wiederholte ich die Worte, die uns der Dekan im Konfirmandenunterricht als Merksatz diktiert hatte. Mit meiner Antwort war der Kirchenmann aber nicht wirklich zufrieden. Er hakte nach und führte mich aufs sprichwörtliche Glatteis: 

Foto 2: Von der Schlange
verleitet brachte Eva
Adam dazu, auch vom
verbotenen Baum
zu essen.

»Welche Sünden? Du wurdest als Baby getauft. Da hattest du doch noch gar nicht gesündigt! Welche Sünden sollten dann bei deiner Taufe weggespült werden?« Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich: »Die Erbsünde!« Der Dekan wurde zum »advocatus diaboli«: »Aber deine Eltern sind doch auch getauft, da wurde doch schon bei deinen Eltern die Erbsünde weggespült!« Fast schon verzweifelt antwortete ich: »Aber meine Eltern haben nach ihrer Taufe gesündigt! Diese Sünden sind als Erbsünde auf mich übergegangen. Sie wurden von mir als Baby weggespült!« Auf weitere Fragen an mich verzichtete Dekan Mädel und ging zum nächsten Prüfling über. Ich muss gestehen, dass ich heute, über ein halbes Jahrhundert nach der Konfirmandenprüfung den Begriff der Erbsünde immer noch nicht verstehe.

Nach dem »Katechismus der katholischen Kirche« hat es sich beim »Sündenfall im Paradies« um ein reales Geschehnis gehandelt (1) handelt: »Der Bericht vom Sündenfall verwendet eine bildhafte Sprache, beschreibt jedoch ein Urereignis, das zu Beginn der Geschichte des Menschen stattgefunden hat. Die Offenbarung gibt uns die Glaubensgewissheit, daß die ganze Menschheitsgeschichte durch die Ursünde gekennzeichnet ist, die unsere Stammeltern freiwillig begangen haben.«

Es hat demnach etwas wie eine »Ursünde« gegeben, die von Generation zu Generation weiter vererbt wird. Es muss dem Gerechtigkeitssinn jedes Menschen widerstreben, dass die Menschen bis ans Ende aller Zeiten unter der Schuld der ersten Menschen leiden sollen.  Allerdings steht diese Vorstellung von »Erbsünde« im krassen Gegensatz zu konkreten biblischen Geboten.

Das Weitervererben einer Schuld über Generationen hinweg wird im zweiten Buch Mose beschrieben (2): »Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen.«

Im Widerspruch  dazu wird, auch im mosaischen Pentateuch (Siehe Fotos 1+3!), gefordert (3): »Die Väter sollen nicht für die Kinder noch die Kinder für die Väter sterben, sondern ein jeder soll für seine Sünde sterben.«  (4): »Denn nur wer sündigt, der soll sterben. Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugutekommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen.«

Was gilt nun? Wird die »Ursünde« seit Adam und Eva bis ans Ende der Zeit weitervererbt? Oder mussten nur die ersten drei oder vier auf Adam und Eva folgenden Generationen für die (wie auch immer geartete) Verfehlung der ersten beiden Menschen büßen? Oder gilt, dass jeder Mensch nur für eigene Sünden büßen muss, nicht für die seiner Vorfahren? Der »Katechismus der Katholischen Kirche« räumt ein (5):

Foto 3: Nach Moses (Foto: Kloster Benedikbeuern)
wird keine Sünde von Adam und Eva bis ans
Ende der Zeit weiter vererbt

»Die Weitergabe der Erbsünde ist jedoch ein Geheimnis, das wir nicht völlig verstehen können.« Wie wahr! Und nicht nur das! Die Lehre von der »Erbsünde« widerspricht eindeutig klaren biblischen Geboten. Dennoch hält die katholische Kirche an der »Erbsünde« fest.

Wurde doch nach ihrer Glaubenslehre der Opfertod Jesu am Kreuz nötig. Die Erbsünde steht im Zentrum christlichen Glaubens. Nach christlicher Überzeugung erlöste uns Jesus durch seinen Opfertod am Kreuz von der Erbsünde. Wenn es keine Erbsünde gab, dann wird auch die Kreuzigung Jesu bedeutungslos. Gibt man die Erbsünde auf, verliert der christliche Glaube seine Grundlage: Wenn es keinen Sündenfall mit folgender Erbsünde gab, wird Jesu Kreuzestod sinnlos. Im »Katechismus der Katholischen Kirche« wird das so formuliert (6): »Die Kirche, die den Sinn Christi‹ hat, ist sich klar bewußt, daß man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten.«

Die katholische Kirche versucht nun einen gewagten theologischen Spagat. Auf der einen Seite büßt der Sünder nur für von ihm selbst begangene Sünden. Auf der anderen Seite erbt er aber die Ursünde von Adam und Eva, an der er nun wirklich nicht beteiligt war. Also wird die erste Sünde, begangen von den ersten Menschen, zu einer Art Erbkrankheit oder zu einem genetischen Defekt. Gewiss, Adam und Eva haben sich, von der bösen Schlange verleitet, dazu hinreißen lassen, gegen Gottes einziges Verbot zu verstoßen. Das war zunächst eine »persönliche Sünde«, erklärt uns der »Katechismus der Katholischen Kirche« (7).

Ich versuche der theologischen »Logik« zu folgen, was mir, offen gesagt, nicht leicht fällt. Hätten Adam und Eva nur eine gewöhnliche »persönliche Sünde« begangen, dann würden nur sie selbst und nicht ihre Nachkommen bestraft. Aber ihre Verfehlung, so der »Katechismus der Katholischen Kirche« (8), »trifft die Menschennatur, die sie in der Folge im gefallenen Zustand weitergeben. Sie ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben wird, nämlich durch die Weitergabe menschlichen Natur, die der ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit ermangelt. Deshalb ist die Erbsünde ›Sünde‹ in einem übertragenen Sinn: Sie ist eine Sünde, die man ›miterhalten‹, nicht aber begangen hat, ein Zustand, keine Tat.«

Foto 4:
Adam
Nach dem »Katechismus der Katholischen Kirche« wird die Erbsünde also »durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weitergegeben«. Für den protestantischen Theologen, begeisterten Astrologen und Mitstreiter Mitstreiter Luthers Philip Melanchton (*1497; †1560) war die Erbsünde eine »angeborene Seuche«, die wie eine Infektion von Generation zu Generation weitergereicht wird. Im Jahre 1530 überreichte Melanchton dem katholischen Kaiser Karl V. (*1500; †1558) in Augsburg das »Augsburger Bekenntnis«. In 28 Artikeln werden die Grundlagen des protestantischen Glaubens dargelegt. Gleich im 2. Artikel heißt es über die Erbsünde: »Weiter wird bei uns gelehrt, dass nach Adams Fall alle natürlich geborenen Menschen in Sünde empfangen und geboren werden, das heißt, dass sie alle von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben können, ferner, dass diese angeborene Seuche und Erbsünde wirklich Sünde ist und daher alle die unter den ewigen Gotteszorn verdammt, die nicht durch die Taufe und den Heiligen Geist wieder neu geboren werden.«

Foto 5: Der
angebissene
Apfel
Hat Melanchton in der Taufe eine Art heilsame Impfung gegen die »Erbkrankheit« Erbsünde gesehen? Erschreckend negativ ist Melanchtons Sicht des Menschen, der für ihn von Geburt an »voll böser Lust und Neigung« ist.

Die biblische Geschichte von der Erbsünde glaubt fast jeder zu kennen (8): Gott erschafft Adam und Eva. Er setzt sie ins Paradies. Von allen Früchten dürfen sie essen. Die Äpfel vom Baum der Erkenntnis aber sind Tabu. Der Teufel in Form einer Schlange verführt Eva. Die beißt in den Apfel (Foto 5). Schließlich verleitet sie auch noch Adam dazu, ebenfalls vom Apfel zu essen. Damit haben beide gegen Gottes Verbot verstoßen. Sie haben nach christlichem Verständnis gesündigt und werden aus dem Paradies geworfen. So ist die Erbsünde in die Welt gekommen und wird seither von Generation zu Generation weitergereicht.

Wer aber in der Bibel nachliest, wird feststellen: Nirgendwo ist da von einem Biss in einen Apfel die Rede, sondern nur von einer Frucht, die gegen Gottes Verbot gegessen wird. Wie kam dann der Apfel in die christliche Überlieferung? Durch einen Übersetzungsfehler! Die Schlange verspricht Eva für den Fall, dass sie von der verbotenen Frucht nascht (9): »Ihr werdet sein wie Gott, wissend das Gute und das Böse!« heißt es in meiner wortgetreuen Übersetzung. In der Luther-Bibel von 2017 lesen wir:

»Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.« Der hebräische Original dieses Verses wurde ins Lateinische übersetzt. Das Böse heißt im Lateinischen »malum«. Malum kann aber auch Apfel heißen. So wurde durch einen Übersetzungsfehler aus der Frucht, an der Adam und Eva knabberten, der Apfel.

Foto 6: Die Erbsünde nach Michelangelo (um 1510).

Ich kann die kirchliche Lehre von der Erbsünde nicht im Alten Testament entdecken. Sie kommt da nicht vor, genauso wie es den ominösen verbotenen Apfel im Paradies nicht gab. Theologen wie der Amerikaner Hal Lindsey versuchen den Begriff der Erbsünde plausibel zu machen (10): »Wären wir an Adams Stelle gewesen, dann wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, dass wir genauso gehandelt hätten wie er.  Gott mit seinem großen Vorauswissen (mit seiner Allwissenheit), konnte sehen, dass alle Menschen tatsächlich Adams Rebellion durch ihr eigenes Handeln gutheißen würden.« Ich finde, da wird Gott ein fragwürdiges Denken und Handeln unterstellt. Adam sündigte, weil er gegen Gottes Verbot verstieß. Er rebellierte gegen Gott. Alle künftigen Generationen sind nun genauso schuldig wie Adam. Warum? Weil sie, so sie an Adams Stelle gewesen wären, genauso gehandelt hätten wie der »erste Mensch«. Gott bestraft also alle Menschen dafür, dass sie, wären sie an seiner Stelle im Paradies gewesen, genauso gehandelt hätten?

Foto 7: Hesekiel
in der Piscator-Bibel von 1684.
Der Theologe und Evangelist Carl G. Johnson unterstellt Gott ein vergleichbares, gelinde gesagt skurriles Verständnis von Gerechtigkeit (11): »Gott hat Gesetze geschaffen, nach denen die Sünden der Eltern in physischer und geistiger Erkrankung der Nachkommenschaft resultieren. Wenn ein Mann ein Trinker ist, vererbt er seinen Kindern Armut, Schande, schlechte Gesundheit und oftmals das Verlangen nach starken Getränken.« Die Nachkommen, so schlussfolgert er, erben nicht die Sünde der Väter, für die die Väter selbst büßen müssen, sondern die Neigung zur Sündhaftigkeit. Johnson argumentiert so (12): »Es ist wahr, dass Gott nicht die Sünde und Schuld des Bösen den unschuldigen Kindern in Rechnung stellt. Der Sohn trägt nicht die Schuld des Vaters und der Vater nicht die Schuld des Sohnes. Jeder Mensch muss die Verantwortung für die eigenen Sünden vor Gott tragen. Doch die sündhafte Natur wird von den Söhnen auf die Kinder weitergegeben.« Die Neigung zur Sündhaftigkeit aber sollte selbst für den strengsten christlichen Fundamentalisten keine Sünde sein. Erst die begangene Sünde, nicht die Neigung zur Sünde, verstößt gegen frommes Gebot! Ein banaler Vergleich aus unserem Alltag: Wer betrunken autofährt, der macht sich strafbar, nicht der, der vielleicht betrunken autofahren würde, es aber dann lässt.


Fußnoten
(1) »Katechismus der Katholischen Kirche«, München 1993, S. 130, Abschnitt 390, 8.-12. Zeile von oben
Anmerkung: Die Zitate aus dem »Katechismus der Katholischen Kirche« wurden buchstabengetreu in unveränderter Rechtschreibung übernommen. Die Rechtschreibreform(en) wurden nicht berücksichtigt!)
(2) Das zweite Buch Mose Kapitel 20, Vers 5
(3) Das fünfte Buch Mose Kapitel 24, Vers 16
(4) Der Prophet Hesekiel Kapitel 18, Vers 20
(5) »Katechismus der Katholischen Kirche«, München 1993, S. 134, Absatz 404, 3.-5. Zeile von oben
Anmerkung: Die Zitate aus dem »Katechismus der Katholischen Kirche« wurden buchstabengetreu in unveränderter Rechtschreibung übernommen. Die Rechtschreibreform(en) wurden nicht berücksichtigt!
(6) Ebenda, S. 130, Abschnitt 389, 4.-6. Zeile von oben
(7) Ebenda, S. 134, Abschnitt 404, 8. Zeile von oben
(8) Das erste Buch Mose Kapitel 3
(9) Das erste Buch Mose Kapitel 3, Vers 5
(10) Lindsay, Hal: »The Late Great Planet Earth«, Zondervan Publishing House, 1981, S.52
(11) Johnson, Carl G.: »So the bible is full of contradictions?«, Grand Rapids, Michigan, S. 20
(12) Ebenda

Zu den Fotos
Foto 1: Foto 1: Die »Erbsünde« ist mit mosaischem Gesetz unvereinbar! Mosesfigur am Dom zu Bremen.
Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 2: Von der Schlange verleitet brachte Eva Adam dazu, auch vom verbotenen Baum zu essen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Nach Moses (Foto: Kloster Benedikbeuern) wird keine Sünde von Adam und Eva bis ans
Ende der Zeit weiter vererbt (Foto Walter-Jörg Langbein)

Foto 4: … Adam aß auch vom verbotenen Baum. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Auch der angebissene Apfel ist am »Adam und Eva Haus« zu sehen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Die Erbsünde nach Michelangelo (um 1510). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Hesekiel in der Piscator-Bibel von 1684. Foto Walter-Jörg Langbein

509. »Vom ›Menschwesen‹ und seiner Frau«,
Teil 509 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 20. Oktober 2019



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Sonntag, 15. September 2019

504. »Die Bibel - das Buch der Bücher?«

Teil 504 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein



Foto 1: Piscator-Bibel 1684

Manch christlicher Theologe missversteht gern den Namen der Bibel. Er spricht salbungsvoll von der Bibel als dem »Buch der Bücher«. Das interpretiert er im Sinne einer qualitativen Bewertung, etwa als »das beste/ wichtigste Buch aller Bücher«. Für solche Theologen ist »Buch der Bücher« ein Superlativ: Es gibt viele Bücher, aber nur das eine, einzige »Buch der Bücher«. Dabei ist der Sachverhalt ein einfacher. »Bibel« leitet sich vom altgriechischen βιβλία, von »biblia«, ab. »Biblia« bedeutet schlicht »Bücher« (Mehrzahl!). Damit soll verdeutlicht werden, dass die Bibel nicht ein Buch, sondern eine Sammlung (unabhängig voneinander entstandener) Bücher ist: vom »Ersten Buch Mose« des »Alten Testaments« bis hin zur »Apokalypse« (1), dem letzten Buch des »Neuen Testaments«.

Kein anderes Buch der Weltgeschichte ist so weit verbreitet wie die Bibel, das »Buch der Bücher«. Die Bibel liegt, ganz oder in Auszügen, in rund 2.000 Sprachen und Dialekten und mindestens drei Milliarden Exemplaren vor. Allein in Japan, dessen Bevölkerung nur zu einem Prozent christlichen Glaubens ist, wurden innerhalb weniger Jahre rund 150 Millionen Bibeln gedruckt. Die Bibel steht heute inzwischen  rund 98 Prozent der Erdbevölkerung zur Verfügung, vor wenigen Jahrhunderten noch durften selbst die meisten Christen das  »Buch der Bücher« nicht selbst lesen.

Foto 2: William Tyndale um 1536
Im 16. Jahrhundert gab es in England nur eine lateinische Übersetzung, die der Priesterschaft vorbehalten war. William Tyndale (*etwa 1494; †1536) wagte es, Teile des Alten Testaments und das gesamte Neue Testament ins Englische zu übersetzen. Damit verstieß er gegen das Gesetz. Der angesehene Gelehrte, er unterrichtete an der Universität von Cambridge, musste seine akademische Laufbahn aufgeben, war lange Jahre auf der Flucht. Schließlich wurde er verhaftet, der Ketzerei angeklagt, zum Tode verurteilt und erdrosselt. Sein Leichnam wurde öffentlich verbrannt.

Die erste deutschsprachige Bibel stammt, allen anders lautenden Gerüchten zum Trotz, nicht von Luther. Wer sie erstmals ins Deutsche übertrug, das ist nicht überliefert. Die vermutlich erste Bibel in deutscher Sprache erschien bereits anno 1466 in Straßburg. Unbekannt sind auch die Namen der Übersetzer von weiteren vierzehn deutschsprachigen Bibelausgaben, die allesamt vor Luther erstellt und gedruckt wurden.

Heute ist die Bibel allgemein zugänglich. Kein anderes Buch wird so viel gedruckt und doch nur so wenig gelesen. In wohl jedem europäischen Haushalt ist mindestens ein Exemplar der Bibel vorhanden. Darin gelesen wird höchst selten. Favorisiert wird das Neue Testament. Zur Weihnachtszeit füllen sich die ansonsten meist leeren Kirchenbänke, erinnern wir uns der Evangelien, blättern vielleicht in der »Weihnachtsgeschichte«. Ansonsten aber bleibt die Bibel meist unbeachtet. Von hundert Bibelbesitzern, so ergab unlängst eine Umfrage in Deutschland,  sind nur fünfzehn auch tatsächlich Bibelleser.

Foto 3: Piscator-Bibel 1684
Die Texte des Alten Testaments wurden in hebräischer und aramäischer Sprache, die des Neuen Testaments in griechischer Sprache verfasst. Sie entstanden in einem Zeitraum von rund eineinhalb Jahrtausenden. Die ältesten Texte entstanden etwa um das Jahr 1200 v. Chr. bis etwa 150 n. Chr. Eine »Urfassung« liegt nicht vor. Heute sind rund 1.700 hebräische Teilmanuskripte der Bibel bekannt. Sie werden als kostbare Schätze in den wissenschaftlichen Bibliotheken unseres Planeten gehütet.

Warum wollte der Klerus bis ins 16. Jahrhundert hinein verhindern, dass der »Mann von der Straße« sich selbst ein Bild von den biblischen Schriften machte? Bangte er um seine Machtposition? Sollte es ausschließlich den Priestern vorbehalten sein, den Menschen zu verkünden, was als »Wort Gottes« zu gelten hatte ?

Vor Jahrtausenden entstanden im »Heiligen Land« unzählige Schrifttexte, die im Verlauf eines langwierigen Prozesses von unzähligen Menschen zu immer größeren Texteinheiten zusammengefügt wurden. Wenn man nun vom »Originaltext« des Alten Testaments spricht, so ist dies in gewisser Hinsicht irreführend. Es gab unzählige einzelne Texte, aus denen der Kanon des Alten Testaments erstellt wurde. 1477 erschien ein Teil des Alten Testaments in hebräischer Sprache in Bologna. 1488 wurde in Soncino, in der Nähe von Mailand, eine erste komplette hebräische Ausgabe des Alten Testaments im Druck vorgelegt.

Foto 4: Piscator-Bibel 1684
1516 und 1517 lag es eine Reihe von »Rabbinerbibeln« vor. Sie enthielten den Text des Alten Testaments in Hebräisch. Dazu gab es sehr ausführliche theologische Kommentare. Diese »Rabbinerbibeln« lassen sich aber nicht  auf eine Urbibel zurückführen. Sie sind vielmehr von theologischen Herausgebern erarbeitete Sammlungen von verschiedenen Handschriften. Wir müssen uns also im Klaren sein: Wenn es je so etwas wie eine »Urbibel« gegeben hat, so kommen wir an den Text heute nicht mehr heran. Müssen wir also frustriert aufgeben, die wir doch eigentlich erfahren wollten, was »wirklich« in der Bibel steht? Sind wir auf deutsche Übersetzungen mit ihren Unzulänglichkeiten angewiesen?

Keineswegs. Wir können uns den wissenschaftlich anerkannten hebräischen Text des Alten Testaments vornehmen, so wie er an allen Universitäten gelesen und studiert wird. Es handelt sich dabei um die »Biblia Hebraica«, die ständig überarbeitet und redigiert wird. Beispielsweise werden Texte von Qum Ran berücksichtigt.

Foto 5: Johannes Piscator
Meine Lieblingsübersetzung der Bibel stammt von Johannes Piscator (*1546; † 1625). Piscator war ein elsässischer reformierter Theologe und Bibelübersetzer. Mit geradezu pedantischer Akribie übertrug er in den Jahren von 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit. Was seine Übersetzungen so wertvoll macht? Piscator hielt sich sehr viel strikter als Martin Luther an die Vorlagen.

Eine Neuauflage der »Piscator Bibel« zu einem erschwinglichen Preis ist überfällig. Für 2016 war eine eBook-Version der kompletten »Piscator Bibel« angekündigt. Im Mai 2019 war ist diese Version des wichtigen Werkes aber noch nicht erschienen. Der gespannte Bibelleser wurde vertröstet. Es hieß auf der Homepage des Sepher-Verlags, Herborn, sie werde »demnächst« erscheinen.

Leider wird das Projekt »Piscator-Bibel als eBook« so schnell nicht verwirklich werden. Auf der Homepage des Verlags ist nun zu lesen (2): »Weitere Projekte, wie eine ebook-Version oder ein Arbeitsheft sind angedacht.«

Wir kommen dem »Kern« der Bibel näher, wenn wir die »Biblia Hebraica« in biblischem Althebräisch lesen. Im Studium der evangelischen Theologie zu Erlangen habe ich vor vielen Jahren wichtige Passagen aus dieser längst ausgestorbenen Sprache übersetzt. Es freut mich, dass ich Ihnen, lieber Leserin und lieber Leser, daraus einige wichtige Texte vorlegen kann. Ich war beim Übersetzen stets darum bemüht, den Text so ins Deutsche zu übertragen, dass so viel vom Original wie nur möglich erhalten bleibt.

Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein
mit »Endter-Bibel« (1716).
Foto Barbara Kern
Fundamentalistische Theologen haben sehr konkrete Vorstellungen, wie der »wahre Glaube« aussieht. Deshalb sind davon überzeugt, genau zu wissen, was in »ihrem« Glaubensbuch stehen kann und muss und was nicht. Weil für sie ihr ganz konkreter Glaube der einzig mögliche ist, kann für sie im »Heiligen Buch« nichts stehen, was diesem Glauben widerspricht. Denn ihr »Heiliges Buch« ist göttliche Wahrheit pur. Wenn sie nun »ihr Heiliges Buch« in eine moderne Sprache übersetzen, dann hinterfragen sie ihre vorgefasste Meinung natürlich nicht. Das wäre Ketzerei. Sie sind davon überzeugt, die Glaubenswahrheit zu kennen, die darf man nicht hinterfragen. Wer wollte auch die Wahrheit, die allein den Segen bringt, anzweifeln? Fundamentalistische Übersetzer übertragen den altehrwürdigen Text ihres »Heiligen Buchs« unbewusst (?) immer so, dass ihre Glaubenslehren bestätigt werden. Ihre Übersetzung sehen sie dann als Beweis für die Richtigkeit ihres Glaubens an.

Mit meiner Übersetzung von Passagen des »Alten Testaments« verfolge ich keinerlei missionarische Absicht. Ich versuche auch nicht, von einem bestimmten Glauben, einer bestimmten Konfession, einer bestimmten Lehrmeinung oder Weltsicht zu überzeugen.

Ich möchte lediglich versuchen, Originaltexte in  möglichst wortwörtlicher Übersetzung näherzubringen und zum Nachdenken anzuregen.

Fußnoten
(1) »Apokalypse« lässt sich mit »Offenbarung« übersetzen. Jede »Offenbarung« ist eine »Apokalypse«. Eine »Apokalypse« ist also keineswegs grundsätzlich eine Weltuntergangskatastrophe, auch wenn der Begriff heute meist so missverstanden wird.
(2) https://sepher.de/ (Stand 4.9.2019)

Zu den Fotos
Fotos 1, 3 und 4: Piscator-Bibel (1684). Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: William Tyndale um 1536. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Johannes Piscator. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Autor Walter-Jörg Langbein mit »Endter-Bibel« (1716). Foto Barbara Kern

505. »Am Anfang«,
Teil 505 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 22. September 2019



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Sonntag, 25. August 2019

501. »Bücher voller Geheimnisse«


Teil 501 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Vieles auf Erden ist uns verborgen.
Als Ersatz dafür wurde uns 
ein geheimnisvolles,
heimliches Gefühl zuteil
von unserer pulsierenden Verbindung
mit einer anderen Welt,
einer erhabenen und höheren Welt,
und auch die Wurzeln unserer Gedanken
und Gefühle sind nicht hier,
sondern in anderen Welten.«
Fjodor Michailowitsch Dostojewski
(*11.11.1821, † 09.02.1881)



Die Bibel - Weil dies Buch voller Geheimnisse ist

Johannes Piscator (*1546, †1625), war in elsässischer Theologe. Von 1602 bis 1604 übersetzte er so genau wie möglich die Bibel. Mehr als Luther (*1459; †1530 ) war Johannes Piscator auf philologische Genauigkeit bedacht und weniger auf sprachliche Gefälligkeit. Seine möglichst wortgetreue Übersetzung fordert heutigen Leserinnen und Lesern einiges ab. In Piscators Deutsch verfasst ist sie für die heutige Leserschaft manchmal schwer verständlich. Von den Lutheranern verspottet konnte sich die »Piscator-Bibel« nicht durchsetzen. Sie war in Deutschland zeitweise sogar verboten. Heute ist sie selbst so manchem Theologen allenfalls dem Namen nach bekannt, lesen tut sie kaum noch jemand. Das liegt wohl auch daran, dass Luther dem Volk mehr aufs Maul schaute und eine gefälligere, eingängigere Übersetzung bot, die zudem im Lauf der Jahrhunderte immer wieder dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst wurde.

Anno 1684 erschien in Bern in offenbar hoher Auflage eine »Piscator-Bibel«, die viele erklärende Anmerkungen zu nicht so ganz klaren oder vordergründig unverständlichen Aussagen bietet. Auch Piscator selbst empfand die Bibel als für den Menschen zu geheimnisvoll, als dass er wirklich alles verstehen könnte. Deshalb sei es erforderlich, vor der Lektüre daran zu bedenken, dass man sich (1) »in ein heiliges Gespraech einlasset mit Gott«. Wer die Bibel liest, der tritt ein in einen Dialog mit Gott. Die Geheimnisse der Bibel, so Piscator weiter, werden unverständlich bleiben, es sei denn man bittet Gott vorher um die notwendige Erleuchtung. Bei Piscator liest sich das in heutigem Deutsch so:

Foto 1:  Einleitung zum Neuen Testament von Piscator, 1771



»Weil dieses Buch (die Bibel) voll großer Geheimnisse ist und der normale Mensch die Dinge, die von Gottes Geist sind, nicht verstehen kann, so lies niemals in diesem Buch, ohne zuvor Gott um die notwendige Erleuchtung gebeten zu haben.«

In Piscators Deutsch (2): »Weilen diß Buch voll hoher Geheimnussen ist, und der natuerliche Mensch nicht fassen kan die Dinge, die des Geistes Gottes sind, so liese niemals hierinn, du habest denn Gott mit Andacht angerufen um die nothwendige Erleuchtung.«

Piscator rät, zur Vorbereitung der Bibellektüre Vers 18 aus Psalm 119 zu sprechen: »Entdecke mir, o mein Gott!, meine Augen, auf daß ich die Wunder sehe in deinem Gesatz.« Man wird also angehalten zu beten, Gott möge einem die Augen öffnen, damit man das Wundersame sehe. Johannes Piscator schlägt ein Gebet vor, das man sprechen soll, damit Gott die Geheimnisse und das Wundersame der Bibel verständlich werden lässt Gleich zu Beginn soll man sich bei Gott bedanken, der in einem Licht wohnt und der »uns in der Finsternuss der Unwissenheit und Irrtum steckende Menschen durch die hell=leuchtende Strahlen« seines seligmachendes Wortes anleuchtet. Solches Licht fehlt heute an allen Ecken und Enden.

Die geheime Lehre

Ende der 1960er Jahre nutzte ich in den Schulferien einen Aufenthalt in London zum Besuch der »British Library«. Die geradezu legendäre »Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs« gilt als eine der bedeutendsten Forschungs- und Universalbibliotheken der Welt. Ehrfürchtig blätterte ich in Originalausgaben »Isis Unveiled« (1. Auflage 1877) und von »The Secret Doctrine« (1. Auflage 1888). Die Autorin Helena Petrovna Blavatsky (*1831; †1891) war ohne Zweifel eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Mich faszinierte »Cosmic Evolution«, enthalten in »Seven Stanzas translated  from  the Book of Dzyan«. Nach Helena Petrovna Blavatsky handelt es sich dabei um das »älteste Dokument der Welt«. Das bis heute umstrittene »Buch des Dzyan«, auch »Buch Dzyan« genannt, soll von Wissenden, den Eingeweihten einer »geheimen Bruderschaft« in Tibet aufbewahrt und erhalten werden.

Während Skeptiker das Werk »Dzyan« für reine Fiktion halten, sieht die »Theosophical Society« H. P. Blavatsky in wachsendem Maße von der Wissenschaft bestätigt (3): »Vertreter der Physik, Chemie, Biochemie und Biologie wagen es zunehmend, sich etablierten Lehrmeinungen entgegenzustellen und in ihren Forschungen auch philosophisch-geisteswissenschaftliche Aspekte zu berücksichtigen, wie sie in H. P. Blavatskys Werken angedeutet werden. So lehren sie u. a. den unwirklichen und täuschenden Charakter der Materie; die Tatsache, daß die physische Welt auf Energie beruht und von ›Leben‹ erfüllt ist, so daß es wahrhaft nichts Totes gibt; die innere Natur und Zusammensetzung des Atoms und aller Wesenheiten.«

Foto 2: Piscators Neues Testament von 1771

So beginnt Strophe I des Dzyan: »1. Die ewige Mutter, gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert. 2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer. 3. Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi, es zu erhalten.«

Die »ewige Mutter« war nach dem »Buch Dzyan« der Kosmos. Und der Kosmos schlummerte, weil (noch?) keine Ah-hi, keine »himmlischen Wesen«, (in ihm?) existierten. Sehr präzise formuliert Vers 5 von Strophe I: »Dunkelheit allein erfüllte das unendliche All.« Was hat die Aussage in Vers 8 von Strophe I zu bedeuten (5): » Und das Leben pulsierte unbewusst im Weltenraume.«? (Im englischen Original von Helena Petrovna Blavatsky: »… and life pulsated unconscious in universal space.«)

Ah-hi und Elohim

Und die Ah-hi, wer oder was waren die? Dr. Franz Hartmann (*1838; †1912) kann auch heute noch als führender deutscher Experte auf dem Gebiet der Schriften von Helena Petrovna Blavatsky gelten. Dr. Hartmann gründete im Jahre 1896 die »Deutsche Theosophische Gesellschaft«. Bereits zwei Jahre später, 1898, wurde er von Katherine Tingley,  der Nachfolgerin H. P. Blavatskys, als »Präsident« der Gesellschaft eingesetzt. Sein Werk  (6) »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky« wurde 2015 neu aufgelegt und ist auch als eBook erhältlich.

Foto 3: Piscators Neues Testament von 1771

 Dr. Franz Hartmann bezeichnet darin die Ah-hi als (7) »himmlische Wesen«, als »Inbegriff der geistigen Kräfte und Wesenheiten des Weltalls« und setzt sie mit den Elohim des Alten Testaments gleich, »deren Tätigkeit in der Natur das Rad der Evolution in Bewegung setzt und darin erhält. … Diese geistigen Kräfte oder Engel waren aber vor dem ›Anfange‹ nicht vorhanden.« Vielmehr wurden sie, so Dr. Hartmann, erst von Gott kreiert. Die Elohim der Bibel, so Dr. Hartmann (8), »sind die Erzeuger unserer Körper«. Im Schöpfungsbericht des Alten Testaments sind es bekanntlich die Elohim, zu Deutsch »Götter«.

Der wahrscheinlich bekannteste Satz der Bibel lautet: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« So beginnt das Alte Testament. Wenig später (9): »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen...« Uns? Warum spricht Gott in der Mehrzahl? Lesen wir den Schöpfungsbericht im Hebräischen, so stellen wir fest, dass dieses »uns« keineswegs der einzige Hinweis auf Götter in der Mehrzahlform ist. Der Gott, der im deutschen Text am Anfang Himmel und Erde schuf, verwandelt sich im Hebräischen zum Mehrzahlwort: Elohim. Das »Jerusalemer Bibellexikon« (10) versucht zu klären – und führt den Begriff der »majestätischen Mehrzahl Elohim« ein.

Ist damit das Problem »Gott oder Götter« gelöst? Spricht also Gott (Einzahl) »Lasset uns Menschen machen...«, weil er den Pluralis Majestatis anwendet? War die Mehrzahlform, die europäische Könige und Kaiser angewendet haben, um sich vom niederen Volk zu unterscheiden, bereits im Alten Israel bekannt? Eine wortwörtliche Übersetzung aus dem Hebräischen scheint diese Überlegung zu bestätigen: »Am Anfang schuf Elohim Himmel und Erde.«

Foto 4: Voll hoher Geheimnussen

Elohim heißt wörtlich »Götter«, also Mehrzahl. Buchstabengetreu übersetzt: »Am Anfang schuf Götter Himmel und Erde.« Das Subjekt steht in der Mehrzahl, das Verb aber in der Einzahl. Damit liegt aber kein klassischer Pluralis Majestatis vor, denn da stehen Subjekt und Verb beide im Plural. Wir erlassen ein Gesetz, spricht der König. Wir und erlassen sind beide im Plural.

Jüdischer und christlicher Glaube sind beide streng monotheistische Religionen. Doch während das Christentum (wie auch das heutige Judentum) nur an einen alleinigen Gott glaubt und die Existenz weiterer Götter verneint, war das im Judentum des Alten Testaments anders. Die religiösen Gebote verneinen keineswegs die Existenz anderer Götter. Wer an den neuen Gott Jahwe glaubt, darf allerdings keine weiteren Götter verehren (11): »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.«

Verboten ist auch die Herstellung von Bildnissen anderer Götter (12). Fremde Götter dürfen auch nicht angefleht werden (13): »Aber die Namen anderer Götter sollt ihr nicht anrufen, und aus euerem Munde sollen sie nicht gehört werden!« Fremde Götter dürfen nicht angebetet werden. Rabiater noch (14): »Du sollst ihre Steinmale umreißen und zerbrechen!«

Die Bibel bietet Geheimnisse. Das Buch Dzyan bietet viele Geheimnisse. Die Götter bieten viele Geheimnisse. Die Welt, unsere Welt, fasziniert mit Geheimnissen aus Worten und solchen aus Stein. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen wollen. Man muss nur den Mut aufbringen, auch das Geheimnisvolle zu sehen.

Wenn das Geheimnisvolle geleugnet wird, ist wissenschaftlicher Fortschritt unmöglich.

Fußnoten
(1) »Das Neue Testament Unsers Herrn und Heilands Jes Christi, Samt beygefuegten Summarien ueber ein jedes Capitel, Verteutscht durch Johann Piscator, BERN, in Hoch=Oberkeitl. Druckery, Anno 1771«, »Bericht an den Leser, wie man mit Nutz das Wort Gottes lesen soll«
(2) ebenda. Die vierseitige Einleitung weist keine Seitenzahlen auf.
(3) Siehe »Helena Petrowna Blavatsky – Eine Lebensskizze« http://www.geheimlehre.de/die_autorin.htm (Stand, Pfingstmontag, 10.6.2019)
(4) Blavatsky, Helena Petrowna: »Die Geheimlehre«, Bd. I-IV, Nachdruck, Denhaag o.J., Zitat aus Band I »Kosmogenesis/ Kosmische Evolution«, Seite 55
(5) ebenda, S. 56
(6) Hartmann, Dr. Franz: »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky«, München 2015
(7) Hartmann, Dr. Franz: »Kurzgefasster Grundriss der Geheimlehre von H.P. Blavatsky«, München 2015, eBook-Version, Positionen 79 und 83
(8) ebenda, Pos. 1033
(9) 1. Buch Mose Kapitel 1, Vers 26
(10) Hennig, Kurt (Herausgeber): »Jerusalemer Bibellexikon«, Neuhausen-Stuttgart 1990, S. 303
(11) 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 3
(12) 2. Buch Mose Kapitel 20, Vers 23
(13) 2. Buch Mose Kapitel 23, Vers 13
(14) 2. Buch Mose Kapitel 23, Vers 24

Zu den Fotos
Foto 1:  Einleitung zum Neuen Testament von Piscator, 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Piscators Neues Testament von 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Piscators Neues Testament von 1771. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Voll hoher Geheimnussen. Foto Walter-Jörg Langbein


502. »Die Kunst der Anamorphose und eine fantastische Realität«
Teil 502 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 1. September 2019


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Sonntag, 26. Mai 2019

488 »Das Licht der Erkenntnis / Computersimulation 3«

Teil 488 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Universum - eine Illusion?
»Am Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.«
(Evangelium nach Johannes,
Kapitel 1 Vers 1)


Was ist Religion? Viktor Cathrein (*1845; †1931), ein schweizerisch-deutscher Moral- und Rechtsphilosoph, Priester der Societas Jesu, formulierte folgende Definition von Religion (1): »Verehrung geistiger, außer und über der sichtbaren Welt stehender persönlicher Wesen, von denen man sich abhängig glaubt und die man irgendwie günstig zu stimmen sucht.«

Religion ist meiner Meinung nach ursprünglich immer der Versuch gewesen hinter der sichtbaren, der greifbaren Welt der Materie ein unsichtbares spirituelles Wesen zu suchen, das für die Realität verantwortlich gemacht werden kann. Der religiöse Mensch glaubt, dass es jenseits des Irdischen eine überirdische Realität gibt. Wir erleben in unseren Tagen eine erstaunliche Entwicklung. Prof. Niemz (* 1964 in Hofheim am Taunus) schrieb ein erstes Werk, an das sich offensichtlich kein großer Publikumsverlag heranwagte. So erschien »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits« (2) im Selbstverlag. Und schlug ein wie eine Bombe. 28.000 verkaufte Exemplare katapultierten das Werk auf die GONG-Bestsellerliste.

Jetzt zeigten große Publikumsverlage lebhaftes Interesse. Weitere Werke (3) folgten, in denen Prof. Markolf H. Niemz eine konkrete Beschreibung verborgener Wirklichkeit vorstellt, die fantastisch anmutet. Sie ist aber präzise durchdacht und scheint zu bestätigen, was schon vor Jahrtausenden in religiösen Bildern festgehalten wurde. Es stellt sich eine Frage: Können wir mit wissenschaftlichen Methoden überhaupt eine Wirklichkeit hinter der vordergründig sichtbaren und messbaren Realität erkennen? Konkreter: Nehmen wir an, wir sind eine Computersimulation einer künftigen Hochtechnologie-Menschheit, so wie der schwedische Philosoph Nick Bostrom (*1973) das für sogar wahrscheinlich hält. Nach Bostrom könnten die Wissenschaftler einer künftigen Zivilisation geradezu unendlich viele Simulationen von Menschheiten erschaffen, die alle die eigene Existenz für real halten. Nehmen wir einmal an, wir wären eine solche computergenerierte Illusion. Könnten wir das erkennen und beweisen? Wenn wir eine Illusion wären, nämlich als Teil einer Menschheit, die insgesamt auch nur ein computergeneriertes Trugbild wäre, gäbe es dann wissenschaftliche Möglichkeiten, mit deren Hilfe wir unsere vermeintlich reale Existenz als künstliche Illusion erkennen könnten?

Foto 2: Blick in die Piscator-Bibel von 1771

Prof. Niemz (4): »Religionen sind Wegweiser, die uns auf der Suche nach Wahrheit Orientierung geben können.« Und weiter (5): »Als Wegweiser zu Gott sind Religionen von sich aus nicht feindselig. Zur Konfrontationen kommt es aber oft dann, wenn sich ihre Wege kreuzen und es für die Gläubigen nicht offensichtlich ist, dass sie zum gleichen Ziel führen.« Vor allem will kein fundamentalistischer Vertreter einer der großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam zur Kenntnis nehmen, dass religiöse Bilder eine tiefere Wahrheit eventuell nur symbolisch beschreiben. Stattdessen werden Symbole von Fundamentalisten der drei großen Weltreligionen beharrlich als realistisches Abbild der Wirklichkeit missverstanden. So entstehen Bilder von Gott, der alles andere als göttlich ist und oft an einen unerträglichen Tyrannen erinnert, der willkürlich belohnt und bestraft und der knechtischen Gehorsam fordert und Unterwürfigkeit abverlangt.

Wer glaubt, dass wir Menschen von Gott erschaffen wurden, der kann doch nicht unterstellen, dass Gott Denkverbote ausspricht. Wer glaubt, dass Gott dem Menschen ein Gehirn gegeben hat, der wird keine Scheu haben und nachdenken. Denn wenn Gott nicht wollte, dass der Mensch denkt, warum hat er ihm dann ein Gehirn gegeben. Es ist also kein Sakrileg, wenn der Mensch sein Gehirn benutzt, auch dann nicht, wenn es um »Heilige Schriften« geht. Kein Gott, der seinem Geschöpf Mensch die Fähigkeit zu denken schenkt, wird erwarten, dass der Mensch alles kritiklos hinnimmt, was in einem »Heiligen Buch« steht, und das nur weil es in einem »Heiligen Buch« steht.

Foto 3: Evangelium nach Johannes, Kapitel 1, Vers 1 (Piscator 1771)

Es kann sich lohnen, die Aussagen von »Heiligen Büchern« zu hinterfragen. Nur so kann man verborgene Wahrheiten entdecken, die sonst verborgen blieben. Hinterfragen muss man auch Übersetzungen, besonders wenn es um Ausdrücke von zentraler Bedeutung geht. Eine der wichtigsten »Stellen« der Bibel findet sich im Neuen Testament: Evangelium nach Johannes, Kapitel 1, Vers 1. Johannes Piscator (* 27. März 1546 in Straßburg; † 26. Juli 1625 in Herborn), er übertrug 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit, übersetzte so: »Im anfang war das Wort, und das Wort war bey Gott, und das Wort war Gott.« Diese Übersetzung blieb unverändert, wir finden sie beispielsweise in der Piscator-Bibel von 1684 und in Piscators Ausgabe des Neuen Testaments von 1771. Eine Luther-Bibel von 1912 weicht erheblich vom Originaltext ab und interpretiert mehr als dass sie eine textnahe Übersetzung präsentiert (6): »Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unsern Augen, das wir beschaut haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens.«

Die Lutherbibel von 2017 kehrt zu Luthers Bibel-Ausgabe von 1545 (7) zurück: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Wir in deutschsprachigen Übersetzungen in der Regel das griechische Wort »logos« vermieden, in spanischen Bibeln – zum Beispiel in »La Biblia Textual (8)«  – belässt man es beim »logos«.

Foto 4: Das Universum... Materie oder Illusion?

Nur die »Zürcher Bibel« lässt erkennen, welche Klippe alle gängigen Übersetzer umschiffen. Da lesen wir: »Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.« In einer Fußnote erklärt die »Zürcher«: »Für die Wendung ›das Wort, der Logos‹ steht im griechischen Text nur der Begriff ›logos‹. Die Übersetzung gibt den griechischen Begriff doppelt wieder, um anzudeuten das dieser zwar ›Wort‹ heißen, aber auch eine umfassende, aber auch eine umfassende, bis ins Kosmologische reichende Bedeutung annehmen kann.«

Was aber bedeutet nun das Griechische »logos«? Was ist mit »kosmologischer Bedeutung« gemeint? Interessant ist, was »Das Neue Testament – Wiederlangungs-Übersetzung«, die kostenlos an Interessierte verteilt wird und nicht verkauft werden darf, in einer Fußnote erklärend anmerkt: »Das Wort ist nicht von Gott getrennt. Es ist nicht so, dass das Wort das Wort und Gott Gott wäre, und diese somit voneinander getrennt wären. Vielmehr sind die beiden eins, deshalb heißt es auch in der nächsten Wendung, dass das Wort Gott war.« Wie ist zu verstehen, dass »logos« Gott war? Denken wir an den Hinweis in der »Zürcher Bibel«, wonach »logos« eine » bis ins Kosmologische reichende Bedeutung annehmen kann.«

Foto 5: Das Universum... Materie oder Illusion?

Während meines Studiums der evangelischen Theologie beschäftigte ich mich relativ intensiv mit dem Begriff »logos«. »Logos« deckt ein wahrlich weites Spektrum von Bedeutungen ab: von »Wort« bis »Zitat einer Äußerung von Gott«, von »Vernunft« bis hin zu »Lehrsatz«. Ernst Bammel (*1923; †1996) hielt einen Vortrag über die Bedeutung von »logos« in der »Stoa«, eine bedeutsame griechische Philosophen-Schule. Prof. Bammel wurde anno 1953 Privatdozent an der Universität Erlangen und 1984 Professor an der Universität Münster (»Wissenschaft des Judentums und neutestamentliche Theologie«). Der stets bescheiden auftretende, sympathische Gelehrte war auch im europäischen Ausland tätig. In den 1960er und 1970er Jahren hat er mehrere Gastprofessuren in Cambridge wahrgenommen. Sehr gern denke ich an mehrere Seminare, die ich bei Professor Bammel besuchte. Wir übersetzten damals Texte der »Qumran-Bibliothek« aus dem Hebräischen ins Deutsche. In kleiner Runde erörterten wir interessante Themen.

»Logos« stand, so erfuhr ich damals, bei den griechischen Philosophen der Stoa für die von höchster Intelligenz geordnete Struktur des Kosmos. Offenbar sah man den Kosmos als beseelt an, von einem Weltgeist, aus dem alles kam. Über diesen »animus mundi« hat Marcus Tullius Cicero (*106 v.Chr.; †43 v. Chr.) ausführlich in seinem Werk über die Natur der Götter geschrieben.

Was ist Religion? Was weiß Religion, was weiß Philosophie über die wahre Natur der Wirklichkeit? Nach Prof. Markolf H. Niemz sind Raum und Zeit, vereinfacht ausgedrückt, eine Illusion, gewoben aus Licht, aus dem alles kommt und in das alles wieder zurückkehrt. Steht »logos« für etwas letztlich unfassbar Unbegreifliches, dem sich seit Jahrtausenden Religion und Philosophie anzunähern versuchen? Wird die Wissenschaft von morgen oder übermorgen die wahre Essenz des Seins begreifen?

Foto 6: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA

»Das Licht aber ist die Erkenntnis, durch sie reifen wir.«, so lesen wir im mysteriösen »Evangelium nach Philippus« (10). Nach  Prof. Markolf H. Niemz ist (11) »Licht … ein komplexer, das gesamte Universum durchdringender Speicher, in dem jedes Objekt unauslösliche Spuren hinterlässt.«

Wird uns Wissenschaft eines Tages verstehen lassen, was wissende Weise schon vor Jahrtausenden in bis heute verkannten Werken der Erkenntnis formulierten? Prof. Markolf H. Niemz (12): »Licht ist, wie schon erläutert, ein Speicher. Der Speicher ist so unermesslich, dass Religionen ihm die schillerndsten Namen gegeben haben: ›Paradies‹, ›Himmelreich‹, ›Reich Gottes‹, ›Jenseits‹ oder ›Nirwana‹, um nur einige zu nennen.« Ist dieses »Licht« so etwas wie eine unvorstellbare Kraft, die in der Illusion uns, Planet Erde, unser Sonnensystem, ja das Universum, entstehen und wieder verschwinden lässt?

Fußnoten
(1) Cathrein, Viktor: »Moralphilosophie. Eine wissenschaftliche Darlegung der sittlichen, einschließlich der rechtlichen Ordnung«, Erstauflage erschienen 1890, 2 Bände, 5., neu durchgearbeitete Auflage, Freiburg im Breisgau 1911, Zitat siehe Band 2, S. 4–7. Victor Cathrein publizierte zunächst, auch später noch bei brisanteren Themen unter dem Pseudonym N. (für Nikolaus) Siegfried.
(2) Niemz, Markolf H.: »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits«, Books on Demand, Norderstedt 2005
(3) Niemz, Markolf H.: »Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur«, München 2007, Seite 402, linke Spalte, Zeilen 7-13 von unten
Niemz, Markolf H.: »Lucys Vermächtnis: Der Schlüssel zur Ewigkeit«, München 2009
Niemz, Markolf H.: »Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit«, Freiburg 2011
Niemz, Markolf H.: »Sinn: Ein Physiker verknüpft Erkenntnis mit Liebe«, Freiburg 2013
Niemz, Markolf H.: »Sich selbst verlieren und alles gewinnen: Ein Physiker greift nach den Sternen«, Freiburg 2015
Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander, München 2017
(4) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander, München 2017, Seite 108, Zeilen 1 und 2 von oben
(5) ebenda, S. 109, Zeilen 14-17 von unten
(6) https://bibeltext.com/1_john/1-1.htm (Stand 9. Mai 2019)
(7) »Im Anfang war das Wort/ Vnd das Wort war bey Gott.«
(8) »En un principio era el Logos, y el Logos estaba ante Dios, y Dios era el Logos.«
(9) »Living Stream Ministry«: »Das Neue Testament – Wiederlangungs-Übersetzung«, Anaheim, Kaliforniern, erste Ausgabe 2010
(10) Spruch 115
(11) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander«, Ludwig-Verlag/ Random Hose, München 2017, Seite 86, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 87, Zeile 1 von oben
(12) ebenda, Seite 89, Zeilen 10 bis 13 von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Das Universum - eine Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA
Foto 2: Blick in die Piscator-Bibel von 1771. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Evangelium nach Johannes, Kapitel 1, Vers 1 (Piscator 1771). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA
Foto 5: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA
Foto 6: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA

489 »Wer ist der kosmische Puppenspieler?«,

Teil 489 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 2. Juni 2019



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