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Sonntag, 20. Oktober 2019

509. »Vom ›Menschwesen‹ und seiner Frau«

Teil 509 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Prophet Jeremia
(Altar der Marktkirche Hannover). 
Für den gläubigen Christen galt viele Jahrhunderte lang: Die Bibel ist Gottes Wort. Für ihn sprach Gott aus der Bibel. Und so befiel ihn geradezu ängstliche Scheu, wenn er im Buch der Bücher bei Jeremia las (1): »Das Wort Gottes geschah zu mir..« Ist die Bibel das Wort Gottes? Ist Gott der »Autor« der Bibel? Angesichts zahlreichen offensichtlicher Fehler, die in den Schriften des »Alten Testaments« wie des »Neuen Testaments« zu finden sind, fällt es schwer, das zu glauben (2). Denn müsste nicht das Wort Gottes makellos und fehlerfrei sein?

 Wo in heutigen Übersetzungen von »Wort Gottes« steht, findet sich im Hebräischen DABAR (דָּבָר(, was so viel heißt wie »Sache Gottes«, »Anliegen Gottes«, »Angelegenheit Gottes«. Daraus wurde in der griechischen Übersetzung »LOGOS«, »Rede«, »Aussage« etwa. Und »logos« wurde in der lateinischen Übersetzung mit »verbum dei« festgemacht...mit dem »Wort Gottes«. So wurde also aus dem recht allgemeinen »Angelegenheit/ Sache Gottes« das »Wort Gottes«.

Wenn also die ursprünglichen Texte des Alten Testaments gar nicht behaupten, das Wort Gottes, von Gott sozusagen diktiert, zu sein, sind Widersprüche möglich. Die Bibel ist nicht die Rede Gottes an uns Menschen, sie ist menschliches Reden, auch über Gott. Und Menschen machen nun einmal Fehler. Fehler haben sich in den Text der Bibel eingeschlichen.

Ein Studium der Originaltexte ergibt: Zahlreiche Fehler der Bibel basieren auf eindeutigen Übersetzungsfehlern (3). Dann gibt es noch Unstimmigkeiten innerhalb der Texte. Offensichtlich wurden verschiedene Textpassagen verschiedener Autoren zusammengefügt, die voneinander abweichen. Wieso wird im 3. Buch Mose so getan, als habe Gott Adam und Eva verboten (4), »von den Früchten des Baumes mitten im Garten« zu essen? Wieso wird so getan, als habe Gott dem Adam und der Eva befohlen (5) »Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!«?

Foto 2: Adam, Eva und die Schlange als
Briefmarkenmotiv (Vereinigte Arabische Emirate)

Fakt ist: Das berühmte göttliche Verbot bekam nur Adam zu hören, Eva hat zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existiert. So kann Gott nur gegenüber Adam das bekannteste Verbot des »Alten Testaments« verhängen! Und nur für Adam wird die angedrohte Strafe, falls er das göttliche Verbot nicht befolgt, fällig. Wieso wird dann auch Eva bestraft?

Adam isst von der verbotenen Frucht. Aber er wird nicht, wie angedroht, vom Tod dahingerafft! Dabei hatte doch Gott ausdrücklich angekündigt, Adam würde an dem Tag, an dem er von den verbotenen Früchten isst, sterben (6):

Foto 3: Erschaffung Evas
aus dem »Menschwesen«.
Schedelsche Weltchronik 1493
»Aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.« Listenreiche Fundamentalisten haben eine »Erklärung« parat: Im Paradies waren Adam und Eva unsterblich. Erst nach dem Verzehr der verbotenen Frucht wurden sie sterblich. Gott habe nicht den sofortigen Tod, sondern das Ende der Unsterblichkeit für den Fall, dass sein Gebot nicht befolgt wird, angedroht.

Listenreich löst auch die umstrittene »Bibel in gerechter Sprache« (7) das offenkundige Problem. Adam soll jetzt plötzlich nicht gleich am Tag der Sünde sterben, er verliert nur seine Unsterblichkeit (8): »An dem Tag, an dem du von ihm isst, bist du zum Tode verurteilt.« Die »Hinrichtung« wird verschoben. Die Bestrafung wird erst später, wann auch immer, erfolgen. Oder anders ausgedrückt: Von nun an hängt der Tod wie ein Damoklesschwert über Adam. Über Adam? Nicht in der »Bibel in gerechter Sprache«! In dieser dem Genderwahn anheimgefallenen »Übersetzung« verschwindet Adam plötzlich aus dem Text und wird durch das geschlechtsneutrale »Menschenwesen« ersetzt! Der hebräische Text lässt keinen Zweifel aufkommen: Gott setzte den Mann Adam in den Garten Eden. In der »Bibel in gerechter Sprache« heißt es plötzlich (9): »Adonaj, also Gott, nahm das Menschenwesen und brachte es in den Garten Eden.«

Foto 4: Adam und Eva nach Lucas Cranach.
Briefmarke der Vereinigten Arabischen Emirate.
Das aber steht nicht im biblischen Text. Es ist eben nicht von einem geschlechtsneutralen »Menschenwesen« die Rede, sondern vom Mann Adam, und der ist eindeutig männlich. Adam wird nicht nur die Todesstrafe angedroht. Da heißt es ausdrücklich (10):

»An dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.« Der »Sündenfall« würde dem Übertreter des göttlichen Gebots am Tag der Übertretung den Tod bescheren. Dieses Schicksal blieb aber Adam und Eva erspart!

Aus dem »Menschenwesen« wird in der »Bibel in gerechter Sprache« wenige Verse später dann doch der offensichtlich männliche »Mensch«. Gott fabriziert die Tiere des Feldes aus Ackererde und brachte sie zum Menschen. Schließlich wird das »Menschenwesen« narkotisiert, eine Rippe wird ihm entnommen und daraus fertigt Gott die Eva. Wie »Bibel in gerechter Sprache« diesen Sachverhalt schildert, das ist schon mehr als nur skurril (11):

»Dann formte Adonaj, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, zu einer Frau, und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens.«

Auch den Autorinnen der »Bibel in gerechter Sprache« ist offensichtlich bekannt, dass nur ein Mann mit einer Frau Kinder zeugen kann. Deshalb genehmigen sie notgedrungen dem geschlechtsneutralen »Menschenwesen« auch eine männliche Seite (12): »Da sagte der Mensch als Mann…« Innerhalb weniger Verse wird aus dem »Menschenwesen« der Mann. Die Schlange verleitet Eva zum Biss in die verbotene Frucht und Eva bringt den Mann und nicht das »Menschenwesen« Adam dazu, ebenfalls gegen das göttliche Verbot zu verstoßen.

Foto 5: Adam, Eva und der Engel
mit dem Flammenschwert.
Schedelsche Weltchronik 1493
Adam und Eva werden aus dem Paradies geworfen. Der Engel mit dem Flammenschwert wird als Wachposten aufgestellt. Er soll verhindern, dass Adam und Eva ins Paradies zurückkehren. Adam musste, als er noch allein war und im Paradies leben durfte, als Gärtner arbeiten. Ein Schlaraffenland für Faulpelze war das Paradies also offenbar nicht (13): » Und er, Jahwe, Elohim, nahm den Adam und er setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bearbeite und bewache.« Außerhalb des Paradieses muss Adam wieder arbeiten, jetzt aber als Bauer (14): »Und er schickte ihn weg, Jahwe, weg aus dem Garten Eden zu bearbeiten den Acker, von welchem er genommen war.« Welche Arbeit wohl schwerer war, die als Gärtner im Paradies oder die als Bauer außerhalb des Paradieses?

Was mich schon immer gewundert hat: Gott versetzte Adam in eine Art Narkose, entfernte eine Rippe aus seinem Leib und machte daraus Eva, Adams Frau. Als Adam aus der »Narkose« erwacht, hat er plötzlich Eva als Gefährtin. Adam wundert sich offenbar überhaupt nicht, woher diese Frau gekommen ist. Eva ist plötzlich da und Adam scheint im Paradies nichts mit ihr anfangen zu können. Ja er bemerkt nicht einmal, dass sie, wie er selbst, nackt ist. Von Intimitäten zwischen Adam und Eva im Paradies weiß jedenfalls das »Alte Testament« nichts. Erst nachdem beide das Paradies verlassen haben, kommt es zu jenen Intimitäten, die in unseren Übersetzungen schamhaft umschrieben werden. Da zeugt Adam mit Eva keinen Nachwuchs, er »erkennt« seine Frau. Zunächst meine wörtliche Übersetzung (15):

»Und er, Adam, erkannte Chawa (Eva), seine Frau und sie empfing und sie gebar den Kajin und sie sprach: ich habe hervorgebracht einen Mann mit (Hilfe) Jahwe(s). Und sie fuhr fort zu gebären: seinen Bruder, den Habäl (Abel) und der Habäl, er war ein Hirte von Kleinvieh und Kajin, er war bearbeitend den Acker.«

Foto 6: »Menschwesen« Adam
bestellt das Feld,
Eva gibt einem ihrer Kinder die Brust.
In der Luther-Bibel von 2017 lesen wir die beiden Verse in folgender Übersetzung: »Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann.«

Noch einmal sei »Bibel in gerechter Sprache« zitiert, die den ersten Vers von Kapitel 4 des Ersten Buches Mose so übersetzt (16): »Dann erkannte der Mensch als Mann die Eva, seine Frau; sie wurde schwanger, gebar den Kain und sprach: ›Ich hab’s gekonnt, einen Mann erworben – mit Adonaj.‹«

In keiner Übersetzung wird näher erläutert, in welcher Form Gott, der Herr, bei Zeugung und Geburt der beiden Kinder Kain und Abel geholfen hat. Und was meinte Eva, als sie erklärte, sie habe mit Sohn Kain »einen Mann gewonnen mithilfe des HERRN«?

Die »Bibel in gerechter Sprache« verwirrt mehr als dass sie aufklärt, wenn sie Eva so »zitiert«: »Ich hab’s gekonnt, einen Mann erworben – mit Adonaj.« Welche Rolle spielte Gott dabei? Man könnte die »Bibel in gerechter Sprache« so missverstehen, als sei Adonaj (Gott) zumindest der Vater von Kain.

Es klingt bei Luther seltsam, wenn Eva erklärt, sie habe mit Gottes Hilfe »einen Mann gewonnen«? Ob einer der unbekannten Genesis-Autoren auf diese Weise sehr diskret auf eine inzestuöse Verbindung hinweisen wollte? Irgendwoher müssen doch die Frauen gekommen sein, die von den Söhnen Adam und Evas »erkannt« wurden!


Foto 7:  Adam, Eva und die Schlange
nach Maderuelo. Briefmarke,
Vereinigte Arabische Emirate 1971
Fußnoten
(1) Jeremia, Kapitel 1, Vers 4 in der Bibelausgabe »Luther 2017«
(2) Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der biblischen Irrtümer – Von A wie Auferstehung Christi bis Z wie Zeugen Jehovas«,  Hardcover, Langen Müller, München 2003
Langbein, Walter-Jörg: »Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments – Von A wie Apokalypse bis Z wie Zölibat«, Hardcover, Langen Müller, München  August 2004
(3) Die beiden Lexika sind leider vergriffen, aber noch antiquarisch erhältlich. Für das Auffinden von antiquarischen Büchern ist eine Metasuchmaschine sehr hilfreich: https://buchhai.de/
(4) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 3
(5) Ebenda
(6) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 17
(7) »Bibel in gerechter Sprache«, Gütersloh, 2. Auflage 2006
(8) Ebenda, Seite 33, 10.+11. Zeile von unten
(9) Ebenda, 14.+15. Zeile von unten (1. Buch Mose Kapitel 2, Vers 15)
(10) 1. Mose, Kapitel 2, Vers 18 (»Luther-Bibel« 2017)
(11) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 22 in der Übersetzung der »Bibel in gerechter Sprache«, Gütersloh, 2. Auflage 2006, Seite 34, 2.-4. Zeile von oben
(12) Ebenda, 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 23
(13) 1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 15
(14) 1. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 23
(15) 1. Buch Mose, Kapitel 4, Verse 1 und Vers 2
(16) »Bibel in gerechter Sprache«, Gütersloh, 2. Auflage 2006, Seite 35, 5.-7. Zeile von unten

Zu den Fotos
Foto 8: Adam, Eva und die Schlange
nach Hugo van der Goes.
Briefmarke, Vereinigte Arabische
Emirate 1971
Foto 1: Prophet Jeremia (Altar der Marktkirche Hannover). Foto Walter-Jörg Langbein 
Foto 2: Adam, Eva und die Schlange als Briefmarkenmotiv (Vereinigte Arabische Emirate).  
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein (Gemälde: Michelangelo)
Foto 3: Erschaffung Evas aus dem »Menschwesen«. Schedelsche Weltchronik 1493. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Adam und Eva nach Lucas Cranach. Briefmarke der Vereinigten Arabischen Emirate.  
Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Adam, Eva und der Engel mit dem Flammenschwert. Schedelsche Weltchronik 1493. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Menschwesen« Adam bestellt das Feld, Eva gibt einem ihrer Kinder die Brust. Schedelsche Weltchronik 1493. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 7:  Adam, Eva, Schlange nach Maderuelo. Briefmarke, Vereinigte Arabische Emirate 1971. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein 
Foto 8: Adam, Eva, Schlange nach Hugo van der Goes. Briefmarke, Vereinigte Arabische Emirate 1971. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein  

510. »Als Eva noch eine Göttin war«,
Teil 510 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 27. Oktober 2019



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Sonntag, 26. Mai 2019

488 »Das Licht der Erkenntnis / Computersimulation 3«

Teil 488 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Das Universum - eine Illusion?
»Am Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.«
(Evangelium nach Johannes,
Kapitel 1 Vers 1)


Was ist Religion? Viktor Cathrein (*1845; †1931), ein schweizerisch-deutscher Moral- und Rechtsphilosoph, Priester der Societas Jesu, formulierte folgende Definition von Religion (1): »Verehrung geistiger, außer und über der sichtbaren Welt stehender persönlicher Wesen, von denen man sich abhängig glaubt und die man irgendwie günstig zu stimmen sucht.«

Religion ist meiner Meinung nach ursprünglich immer der Versuch gewesen hinter der sichtbaren, der greifbaren Welt der Materie ein unsichtbares spirituelles Wesen zu suchen, das für die Realität verantwortlich gemacht werden kann. Der religiöse Mensch glaubt, dass es jenseits des Irdischen eine überirdische Realität gibt. Wir erleben in unseren Tagen eine erstaunliche Entwicklung. Prof. Niemz (* 1964 in Hofheim am Taunus) schrieb ein erstes Werk, an das sich offensichtlich kein großer Publikumsverlag heranwagte. So erschien »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits« (2) im Selbstverlag. Und schlug ein wie eine Bombe. 28.000 verkaufte Exemplare katapultierten das Werk auf die GONG-Bestsellerliste.

Jetzt zeigten große Publikumsverlage lebhaftes Interesse. Weitere Werke (3) folgten, in denen Prof. Markolf H. Niemz eine konkrete Beschreibung verborgener Wirklichkeit vorstellt, die fantastisch anmutet. Sie ist aber präzise durchdacht und scheint zu bestätigen, was schon vor Jahrtausenden in religiösen Bildern festgehalten wurde. Es stellt sich eine Frage: Können wir mit wissenschaftlichen Methoden überhaupt eine Wirklichkeit hinter der vordergründig sichtbaren und messbaren Realität erkennen? Konkreter: Nehmen wir an, wir sind eine Computersimulation einer künftigen Hochtechnologie-Menschheit, so wie der schwedische Philosoph Nick Bostrom (*1973) das für sogar wahrscheinlich hält. Nach Bostrom könnten die Wissenschaftler einer künftigen Zivilisation geradezu unendlich viele Simulationen von Menschheiten erschaffen, die alle die eigene Existenz für real halten. Nehmen wir einmal an, wir wären eine solche computergenerierte Illusion. Könnten wir das erkennen und beweisen? Wenn wir eine Illusion wären, nämlich als Teil einer Menschheit, die insgesamt auch nur ein computergeneriertes Trugbild wäre, gäbe es dann wissenschaftliche Möglichkeiten, mit deren Hilfe wir unsere vermeintlich reale Existenz als künstliche Illusion erkennen könnten?

Foto 2: Blick in die Piscator-Bibel von 1771

Prof. Niemz (4): »Religionen sind Wegweiser, die uns auf der Suche nach Wahrheit Orientierung geben können.« Und weiter (5): »Als Wegweiser zu Gott sind Religionen von sich aus nicht feindselig. Zur Konfrontationen kommt es aber oft dann, wenn sich ihre Wege kreuzen und es für die Gläubigen nicht offensichtlich ist, dass sie zum gleichen Ziel führen.« Vor allem will kein fundamentalistischer Vertreter einer der großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam zur Kenntnis nehmen, dass religiöse Bilder eine tiefere Wahrheit eventuell nur symbolisch beschreiben. Stattdessen werden Symbole von Fundamentalisten der drei großen Weltreligionen beharrlich als realistisches Abbild der Wirklichkeit missverstanden. So entstehen Bilder von Gott, der alles andere als göttlich ist und oft an einen unerträglichen Tyrannen erinnert, der willkürlich belohnt und bestraft und der knechtischen Gehorsam fordert und Unterwürfigkeit abverlangt.

Wer glaubt, dass wir Menschen von Gott erschaffen wurden, der kann doch nicht unterstellen, dass Gott Denkverbote ausspricht. Wer glaubt, dass Gott dem Menschen ein Gehirn gegeben hat, der wird keine Scheu haben und nachdenken. Denn wenn Gott nicht wollte, dass der Mensch denkt, warum hat er ihm dann ein Gehirn gegeben. Es ist also kein Sakrileg, wenn der Mensch sein Gehirn benutzt, auch dann nicht, wenn es um »Heilige Schriften« geht. Kein Gott, der seinem Geschöpf Mensch die Fähigkeit zu denken schenkt, wird erwarten, dass der Mensch alles kritiklos hinnimmt, was in einem »Heiligen Buch« steht, und das nur weil es in einem »Heiligen Buch« steht.

Foto 3: Evangelium nach Johannes, Kapitel 1, Vers 1 (Piscator 1771)

Es kann sich lohnen, die Aussagen von »Heiligen Büchern« zu hinterfragen. Nur so kann man verborgene Wahrheiten entdecken, die sonst verborgen blieben. Hinterfragen muss man auch Übersetzungen, besonders wenn es um Ausdrücke von zentraler Bedeutung geht. Eine der wichtigsten »Stellen« der Bibel findet sich im Neuen Testament: Evangelium nach Johannes, Kapitel 1, Vers 1. Johannes Piscator (* 27. März 1546 in Straßburg; † 26. Juli 1625 in Herborn), er übertrug 1602 bis 1604 die Texte des Alten und des Neuen Testaments aus den Originalsprachen Hebräisch und Griechisch ins Deutsche seiner Zeit, übersetzte so: »Im anfang war das Wort, und das Wort war bey Gott, und das Wort war Gott.« Diese Übersetzung blieb unverändert, wir finden sie beispielsweise in der Piscator-Bibel von 1684 und in Piscators Ausgabe des Neuen Testaments von 1771. Eine Luther-Bibel von 1912 weicht erheblich vom Originaltext ab und interpretiert mehr als dass sie eine textnahe Übersetzung präsentiert (6): »Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unsern Augen, das wir beschaut haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens.«

Die Lutherbibel von 2017 kehrt zu Luthers Bibel-Ausgabe von 1545 (7) zurück: »Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.« Wir in deutschsprachigen Übersetzungen in der Regel das griechische Wort »logos« vermieden, in spanischen Bibeln – zum Beispiel in »La Biblia Textual (8)«  – belässt man es beim »logos«.

Foto 4: Das Universum... Materie oder Illusion?

Nur die »Zürcher Bibel« lässt erkennen, welche Klippe alle gängigen Übersetzer umschiffen. Da lesen wir: »Im Anfang war das Wort, der Logos, und der Logos war bei Gott, und von Gottes Wesen war der Logos.« In einer Fußnote erklärt die »Zürcher«: »Für die Wendung ›das Wort, der Logos‹ steht im griechischen Text nur der Begriff ›logos‹. Die Übersetzung gibt den griechischen Begriff doppelt wieder, um anzudeuten das dieser zwar ›Wort‹ heißen, aber auch eine umfassende, aber auch eine umfassende, bis ins Kosmologische reichende Bedeutung annehmen kann.«

Was aber bedeutet nun das Griechische »logos«? Was ist mit »kosmologischer Bedeutung« gemeint? Interessant ist, was »Das Neue Testament – Wiederlangungs-Übersetzung«, die kostenlos an Interessierte verteilt wird und nicht verkauft werden darf, in einer Fußnote erklärend anmerkt: »Das Wort ist nicht von Gott getrennt. Es ist nicht so, dass das Wort das Wort und Gott Gott wäre, und diese somit voneinander getrennt wären. Vielmehr sind die beiden eins, deshalb heißt es auch in der nächsten Wendung, dass das Wort Gott war.« Wie ist zu verstehen, dass »logos« Gott war? Denken wir an den Hinweis in der »Zürcher Bibel«, wonach »logos« eine » bis ins Kosmologische reichende Bedeutung annehmen kann.«

Foto 5: Das Universum... Materie oder Illusion?

Während meines Studiums der evangelischen Theologie beschäftigte ich mich relativ intensiv mit dem Begriff »logos«. »Logos« deckt ein wahrlich weites Spektrum von Bedeutungen ab: von »Wort« bis »Zitat einer Äußerung von Gott«, von »Vernunft« bis hin zu »Lehrsatz«. Ernst Bammel (*1923; †1996) hielt einen Vortrag über die Bedeutung von »logos« in der »Stoa«, eine bedeutsame griechische Philosophen-Schule. Prof. Bammel wurde anno 1953 Privatdozent an der Universität Erlangen und 1984 Professor an der Universität Münster (»Wissenschaft des Judentums und neutestamentliche Theologie«). Der stets bescheiden auftretende, sympathische Gelehrte war auch im europäischen Ausland tätig. In den 1960er und 1970er Jahren hat er mehrere Gastprofessuren in Cambridge wahrgenommen. Sehr gern denke ich an mehrere Seminare, die ich bei Professor Bammel besuchte. Wir übersetzten damals Texte der »Qumran-Bibliothek« aus dem Hebräischen ins Deutsche. In kleiner Runde erörterten wir interessante Themen.

»Logos« stand, so erfuhr ich damals, bei den griechischen Philosophen der Stoa für die von höchster Intelligenz geordnete Struktur des Kosmos. Offenbar sah man den Kosmos als beseelt an, von einem Weltgeist, aus dem alles kam. Über diesen »animus mundi« hat Marcus Tullius Cicero (*106 v.Chr.; †43 v. Chr.) ausführlich in seinem Werk über die Natur der Götter geschrieben.

Was ist Religion? Was weiß Religion, was weiß Philosophie über die wahre Natur der Wirklichkeit? Nach Prof. Markolf H. Niemz sind Raum und Zeit, vereinfacht ausgedrückt, eine Illusion, gewoben aus Licht, aus dem alles kommt und in das alles wieder zurückkehrt. Steht »logos« für etwas letztlich unfassbar Unbegreifliches, dem sich seit Jahrtausenden Religion und Philosophie anzunähern versuchen? Wird die Wissenschaft von morgen oder übermorgen die wahre Essenz des Seins begreifen?

Foto 6: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA

»Das Licht aber ist die Erkenntnis, durch sie reifen wir.«, so lesen wir im mysteriösen »Evangelium nach Philippus« (10). Nach  Prof. Markolf H. Niemz ist (11) »Licht … ein komplexer, das gesamte Universum durchdringender Speicher, in dem jedes Objekt unauslösliche Spuren hinterlässt.«

Wird uns Wissenschaft eines Tages verstehen lassen, was wissende Weise schon vor Jahrtausenden in bis heute verkannten Werken der Erkenntnis formulierten? Prof. Markolf H. Niemz (12): »Licht ist, wie schon erläutert, ein Speicher. Der Speicher ist so unermesslich, dass Religionen ihm die schillerndsten Namen gegeben haben: ›Paradies‹, ›Himmelreich‹, ›Reich Gottes‹, ›Jenseits‹ oder ›Nirwana‹, um nur einige zu nennen.« Ist dieses »Licht« so etwas wie eine unvorstellbare Kraft, die in der Illusion uns, Planet Erde, unser Sonnensystem, ja das Universum, entstehen und wieder verschwinden lässt?

Fußnoten
(1) Cathrein, Viktor: »Moralphilosophie. Eine wissenschaftliche Darlegung der sittlichen, einschließlich der rechtlichen Ordnung«, Erstauflage erschienen 1890, 2 Bände, 5., neu durchgearbeitete Auflage, Freiburg im Breisgau 1911, Zitat siehe Band 2, S. 4–7. Victor Cathrein publizierte zunächst, auch später noch bei brisanteren Themen unter dem Pseudonym N. (für Nikolaus) Siegfried.
(2) Niemz, Markolf H.: »Lucy mit c: Mit Lichtgeschwindigkeit ins Jenseits«, Books on Demand, Norderstedt 2005
(3) Niemz, Markolf H.: »Lucy im Licht: Dem Jenseits auf der Spur«, München 2007, Seite 402, linke Spalte, Zeilen 7-13 von unten
Niemz, Markolf H.: »Lucys Vermächtnis: Der Schlüssel zur Ewigkeit«, München 2009
Niemz, Markolf H.: »Bin ich, wenn ich nicht mehr bin? Ein Physiker entschlüsselt die Ewigkeit«, Freiburg 2011
Niemz, Markolf H.: »Sinn: Ein Physiker verknüpft Erkenntnis mit Liebe«, Freiburg 2013
Niemz, Markolf H.: »Sich selbst verlieren und alles gewinnen: Ein Physiker greift nach den Sternen«, Freiburg 2015
Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander, München 2017
(4) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander, München 2017, Seite 108, Zeilen 1 und 2 von oben
(5) ebenda, S. 109, Zeilen 14-17 von unten
(6) https://bibeltext.com/1_john/1-1.htm (Stand 9. Mai 2019)
(7) »Im Anfang war das Wort/ Vnd das Wort war bey Gott.«
(8) »En un principio era el Logos, y el Logos estaba ante Dios, y Dios era el Logos.«
(9) »Living Stream Ministry«: »Das Neue Testament – Wiederlangungs-Übersetzung«, Anaheim, Kaliforniern, erste Ausgabe 2010
(10) Spruch 115
(11) Niemz, Prof. Markolf H.: »Ichwahn: Ein Physiker erklärt, warum Abgrenzung gegen unsere Natur ist. Der Schlüssel für ein neues Miteinander«, Ludwig-Verlag/ Random Hose, München 2017, Seite 86, Zeilen 1 und 2 von unten und Seite 87, Zeile 1 von oben
(12) ebenda, Seite 89, Zeilen 10 bis 13 von unten

Zu den Fotos
Foto 1: Das Universum - eine Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA
Foto 2: Blick in die Piscator-Bibel von 1771. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Evangelium nach Johannes, Kapitel 1, Vers 1 (Piscator 1771). Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA
Foto 5: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA
Foto 6: Das Universum... Materie oder Illusion? Foto wikimedia commons/ gemeinfrei/ NASA

489 »Wer ist der kosmische Puppenspieler?«,

Teil 489 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 2. Juni 2019



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