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Sonntag, 22. Dezember 2019

518. »Reise ins Vorgestern«

Teil 518 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der »Erste Brief des Johannes«
entsteht.

Martin Luthers Bibelübersetzung als Gesamtausgabe erschien 1534, Piscators Bibelübersetzung folgte Jahrzehnte später, anno 1604. Die alten Bibelübersetzungen zu lesen, das ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Die alten Bibelübersetzungen können uns in Zeiten führen, zu denen ein ganz anderes Deutsch als heute gesprochen wurde. Schon sehr viel früher als das christliche Europa verfügte das syrische Christentum bereits über eine Bibelübersetzung, die »Peschitta« (englische Schreibweise: »Peshitta«). Die »Peschitta« –  in einer aramäischen Sprache verfasst –  war in Syrien weit verbreitet. (Was gern vergessen wird: Jesus sprach einen aramäischen Dialekt und nicht Griechisch oder gar Lateinisch.)

Sprachwissenschaftler haben die alte Form des Syrischen der »Peschitta« als einen »östlichen Zweig des Aramäischen« erkannt. Als Ort der Entstehung steht einwandfrei der syrische Raum fest. Umstritten freilich ist, wann die »Peschitta« zum ersten Mal als greifbarer Text vorlag. Bücher in unserem Sinne gab es damals noch nicht, vermutlich kursierten einzelne biblische Bücher aus der Bibel bevor die »Peschitta« komplett vorlag. Die Anfänge ihrer Entstehung reichen, darin scheinen sich die meisten Experten einig zu sein, bis ins erste nachchristliche Jahrhundert zurück.

Aber wann wurden die Texte schriftlich fixiert? Die Peschitta-Texte des »Neuen Testaments« sollen schon Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus entstanden sein, wie manche Experten meinen.  Oder sind sie jünger? Wurden sie erst Mitte des vierten nachchristlichen Jahrhunderts niedergeschrieben (1)?

Wir müssen bedenken, dass Jesus selbst und seine Jünger davon ausgingen, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorstand. Jesus würde, das glaubten die ersten Christen, noch zu Lebzeiten zumindest einiger der Jünger wieder erscheinen und als Messias die Menschen richten. Warum sollte man da noch dicke Bücher über Jesus und sein Wirken schreiben? Jesus würde doch schon bald wieder vom Himmel zur Erde hinab steigen! Am ehesten hat man wohl wichtige Worte Jesu schriftlich festgehalten, und zwar vermutlich in der Sprache Jesu. Das war Aramäisch. Vermutlich waren das Sammlungen von Zitaten, aber keine Biographien.

Für Christen der »Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien« und der »Assyrischen Kirche des Ostens« ist die »Peschitta« die Standardversion der »Heiligen Schrift« schlechthin. George Mamishisho Lamsa (*1892; †1975) hat die »Peschitta« ins Englische übertragen. Der führende Experte auf dem Gebiet dieser viel zu wenig beachteten Übersetzung erklärt uns (2): »Der Ausdruck Peshitta bedeutet klar, einfach, aufrichtig und wahr, das heißt, das Original«. Eine andere Übersetzung des Terminus »Peschitta« lautet: »einfach zu verstehen«.

Foto 2: Ein Peschitta-Text (Ausschnitt).

 Mit anderen Worten: Die »Peschitta« soll die ursprünglichste Bibelübersetzung sein, verfasst in klarer, nicht verschnörkelter Sprache. Das soll sie von diversen anderen syrischen Übersetzungen unterscheiden, die in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Geburt entstanden. Die »Peschitta« will nicht umschreiben, sondern den Text in seiner Schlichtheit ohne Verfälschungen vermitteln. Bietet sie wirkliche Authentizität?

In der Theologie gibt es, vorsichtig formuliert, eine starke Tendenz: Die vier nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes benannten Evangelien haben als authentischer als andere zu gelten. Deshalb werden die vier Evangelien, die ins »Neue Testament« aufgenommen wurden, gern älter, die »Peschitta« und die »verbotenen« Evangelien der Gnosis gern jünger gemacht. Je fundamentalistischer ein Theologe denkt, desto stärker ist seine Abneigung gegen Texte außerhalb der Bibel. Dabei zeigt es sich immer wieder, dass die »Peschitta« manchmal sehr viel genauer und unverfälschter ist als modernere Übersetzungen. Beispiel: die Sache mit der »Heiligen Dreifaltigkeit«. Für christliche Theologen ist die Lehre von der »Heiligen Dreifaltigkeit« fester Bestandteil des christlichen Glaubens. Der »Katechismus der katholischen Kirche« (3) bezeichnet die »Trinitätslehre« als (4) »zentrales Mysterium des Glaubens« und führt aus (5): »Das Mysterium der heiligsten Dreifaltigkeit ist das zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens und Lebens. Es ist das Mysterium des inneren Lebens Gottes, der Urgrund aller anderen Glaubensmysterien und das Licht, das diese erhellt. Es ist in der ›Hierarchie der Glaubenswahrheiten‹ die grundlegendste und wesentlichste.«

Nicht wirklich erhellend geht es weiter: »›Die ganze Heilsgeschichte ist nichts anderes als die Geschichte des Weges und der Mittel, durch die der wahre einzige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sich offenbart, sich mit den Menschen, die sich von der Sünde abwenden, versöhnt und sie mit sich vereint‹.«

Foto 3: Erster Brief des Johannes
in einer Vulgata-Handschrift
aus dem 13. Jahrhundert.


Auf dem 2. Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 n.Chr. (unter dem Vorsitz von Eutychius, Patriarch von Konstantinopel) wurde verlautbart, dass sich ein einziger Gott in drei Personen zu erkennen gebe. Auf der 11. Synode von Toledo anno 675 wurde erklärt: »Der Vater  ist dasselbe wie der Sohn, der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist, nämlich von Natur ein Gott.« Dann vergingen wieder Jahrhunderte, bis anno 1215 auf dem »4. Konzil im Lateran« definiert wurde: »Jede der drei Personen ist jene Wirklichkeit, das heißt göttliche Substanz, Wesenheit und Natur.«

In der sakralen Kunst gibt es zahlreiche Darstellungen der »Heiligen Dreifaltigkeit«.  Freilich stiften Gemälde wie das von Guiard des Moulins (*1251; †1322) eher für Verwirrung, werden da doch Gottvater, Sohn und Heiliger Geist als drei separate Wesen dargestellt. Selten sind Darstellungen der Trinität wie jene im idyllischen Urschalling (Prien) am Chiemsee. Das wirklich bemerkenswerte Fresko, wichtiger Teil einer figurenreichen Wand- und Deckenbemalung aus dem 14. Jahrhundert, wurde in der unteren Spitze eines Gewölbezwickels angebracht. Der unbekannte Künstler hat versucht, die Lehre von der Dreifaltigkeit darzustellen: Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist als ein Wesen. In Urschalling entstand so ein seltsam anmutendes Wesen mit einem Unterleib, aus dem drei Oberkörper wachsen, umhüllt von einem Mantel. Kurios: der Heilige Geist von Urschalling ist ohne Zweifel eine Frau (6).

Problematisch ist, dass es weder im »Alten Testament«, noch im »Neuen Testament« einen Hinweis auf die Dreifaltigkeit zu geben scheint. Steht also nichts in der Bibel über die Trinität? Oder doch? Noch im 19. Jahrhundert gab es in fast allen Bibelübersetzungen ein klares Bekenntnis zur »Trinität«. Im »Ersten Brief von Johannes« (7) scheint ein wenig versteckt die »Dreifaltigkeit« aufzutauchen. Selbst in der sonst von mir sehr geschätzten, da präzisen »Piscator Bibel« von 1684 wird fabuliert: »Denn drey sind, die da zeugen im himmel, der Vatter, das Wort, und der Heilige Geist; und diese dry sind eins.«

Mit dem »Wort« soll Jesus gemeint sein, das ergibt dann die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist… »und diese drey sind eins.« Ein Blick in die »Peschitta« bringt Klarheit! Da fehlt, wie im griechischen »Neuen Testament« der Vers über die »drei, die eins sind«. Mit anderen Worten: Es handelt sich bei dem Vers, der die Dreifaltigkeit beweisen soll, um einen späteren Einschub, um eine Verfälschung des Originals.  Offensichtlich sahen sich Vertreter der Trinität genötigt, diesen »Beweis« zu fabrizieren, um einen biblischen Beleg für die Dreifaltigkeitslehre zu schaffen.

 Foto 4: Darstellung der Dreifaltigkeit von Guiard
des Moulins
(15. Jahrhundert).


In heutigen Bibelübersetzungen wird man den fiktiven »Beweis« vergeblich suchen. Er wurde längst wieder gelöscht. Und – diese Feststellung ist sehr wichtig – in der »Peschitta« hat es diese Verfälschung nie gegeben. Der britische Physiker und Kosmologe Professor John Barrow (*1952) erklärte in einem Interview mit dem »ORF« (Österreich), seiner Meinung nach seien Zeitreisen »physikalisch prinzipiell möglich«. Der theoretische Physiker von der »University of Cambridge« John David Barrow verfasste zahlreiche Fachbücher wie (8) »Theorien für alles«, » Die Entdeckung des Unmöglichen« und »Das Buch der Universen«. Ob es freilich in der Praxis je zu Zeitreisen kommen wird, weiß auch der Wissenschaftler John David Barrow nicht.

In Gedanken sind Zeitreisen allerdings schon jetzt machbar. Die nötigen »Hilfsmittel« stehen uns schon seit geraumer Zeit zur Verfügung: Es sind Schriften wie das »Alte Testament« in diversen Übersetzungen, die »Peschitta« und die »Legenden der Juden«, die Louis Ginzberg (*1873; †1953) als sein unglaubliches Lebenswerk (9) zusammengetragen hat. Doch Vorsicht ist geboten! Je nachdem, welches Instrument man benutzt,  kann man bei jeder Reise zu ganz unterschiedlichen Bildern von der gleichen Zeitepoche kommen. Ein und dasselbe Ereignis kann immer wieder ganz anders beschrieben worden sein.

Mich persönlich hat in den vergangenen vierzig Jahren keine Reise so fasziniert wie die in die Welten von Mythen aus uralten Zeiten: in die Ära von Adam und Eva und darüber hinaus in weite, weite Gefilde der Vergangenheit. Und je länger ich über die Geheimnisse der Vergangenheit geschrieben habe, desto mehr überlasse ich es den Leserinnen und Lesern, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Anders als Theologen wähne ich mich nicht im Besitz der Wahrheit. Und schon gar nicht versuche ich, meinen Leserinnen und Lesern eine bestimmte Doktrin aufzunötigen. Sich selbst auf die Suche machen, das bringt uns alle weiter!

In den vergangenen vierzig Jahren habe ich dutzende Bücher geschrieben und veröffentlicht. Meine aktuellen Recherchen sind für mich die spannendsten überhaupt. Machen wir uns gemeinsam auf ins Gestern! Beginnen wir unsere Reise ins Vorgestern! 

Foto 5: Die Dreifaltigkeit
von Urschalling.
Fußnoten
(1) Aland, Kurt und andere (Herausgeber): »Novum Testamentum Graece«, 26. Auflage, Deutsche Bibelstiftung Stuttgart, 1981, S. 17
(2) »The Holy Bible from Ancient Eastern Manuscripts containing the Old and New Testaments translated from the Peshitta, the Authorized Bible of the Church of the East by George M. Lamsa«, Seite VII, A. J. Holman Company, Philadelphia, USA, 9. Auflage 1957
(3) »Katechismus der katholischen Kirche«, Taschenbuchausgabe, Wien 1993
(4) Ebenda, »Thematisches Register«, Seite 775, linke Spalte unten, Stichwort »Dreifaltigkeit«
(5) Ebenda, S. 93, Absatz 2 »Der Vater«, Nr. 234
(6) Wodtke-Werner. Verena: »Der Heilige Geist als weibliche Gestalt im christlichen Altertum und Mittelalter. Eine Untersuchung von Texten und Bildern«, Pfaffenweiler 1994
Siehe hierzu auch
Langbein, Walter: »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen«, Berlin November 2004 und
Langbein, Walter-Jörg: »Als Eva noch eine Göttin war: Die Wiederentdeckung des Weiblichen in der Bibel – Verborgenes Wissen in biblischen Schriften, verbotenen Büchern und sakralen Kunstwerken«, Groß-Geruau 2015
(7) 1. Johannes Kapitel 5, Vers 7
(8) Barrow, John David: »Theorien für alles : die Suche nach der Weltformel«, 1994
Barrow, John David: »Die Entdeckung des Unmöglichen. Forschung an den Grenzen des Wissens«, Heidelberg 1999
Barrow, John David: »Das Buch der Universen«, Frankfurt am Main 2011
(9) Ginzberg, Louis: »The Legends of the Jews« 6 Text-Bände und der Index-Band, veröffentlicht von der »Jewish Publication Society of America«, Philadelphia 1909–1938.

Foto 6: Piscator-Bibel
von 1684 (Frontispiz).
Zu den Fotos
Foto 1: Der »Erste Brief des Johannes« entsteht. Miniatur  in einer Vulgata-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein Peschitta-Text (Ausschnitt). Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Erster Brief des Johannes in einer Vulgata-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Darstellung der Dreifaltigkeit von Guiard des Moulins (15. Jahrhundert).
Foto gemeinfrei/ Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Die Dreifaltigkeit von Urschalling. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Piscator-Bibel von 1684 (Frontispiz). Foto Walter-Jörg Langbein

519. »Sieben Erden«,
Teil 519 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 29. Dezember 2019



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Sonntag, 12. Oktober 2014

247 »Maria, die Schlange und die Evangelisten«

Teil 247 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein

Zwei Jungfrauen mit ihren Schlangen.

Die riesige Schlange glotzte mich aus starren, bösen Augen an, sauste ruckartig auf mich zu, um sich dann wieder ebenso ruckartig zurückzuziehen. Dabei stieß sie furchteinflößende Zischlaute aus. Immer wieder griff das monströse Wesen an. Die spitze Zunge der Schlange berührte schmerzhaft meine Stirn. Gleichzeitig ertönte wie aus weiter Ferne ein dröhnendes Gelächter.

Die Schlange freilich war nicht wirklich besonders groß, aber das kam mir nur so vor. Ich war nämlich erst vier Jahre alt und saß mit meiner Mutter nur einige Meter vom berühmten Parthenon entfernt. Die Schlange war aus Holz. Ein dickleibiger, bärtiger Grieche, im Vergleich zu dem Hägar der Schreckliche ein schmales Bürschlein war, hielt das geschnitzte Reptil in einer Pranke und stieß es immer wieder in meine Richtung. Dazu ließ der Koloss sein dröhnendes Lachen erschallen. Zum Glück gelang es meinen Eltern, den aufdringlichen Händler zu vertreiben, der hölzerne Schlangen zum Kauf anbot.

Abgespielt hat sich die für mich fürchterliche Szene – ich war damals gerade vier Jahre alt – unweit des Parthenon. Der vielleicht berühmteste Tempel der Welt wurde einst der Göttin Pallas Athena Parthenos geweiht. Der Beiname der Göttin Parthenos lässt sich mit »die Jungfräuliche« übersetzen. Das wohl wichtigste Attribut der jungfräulichen Himmlischen war die Schlange. Aus der Feder des Pausanias stammt die Beschreibung einer Kolossalstatue der Athena. Zu ihren Füßen schlängelte sich eine nicht minder kolossale Schlange. Andere Darstellungen der Göttin zeigten sie mit einem Schild, auf den sie sich stützt… und an dem sich eine Schlange emporwindet.

Jungfrau und Himmelskönigin mit Attributen...

Uns muss Athena Parthenos vertraut erscheinen: eine Göttin, Jungfrau, in »Begleitung« einer Schlange. Uns kommt die jungfräuliche Himmelskönigin  und Gottesmutter Maria in den Sinn. »Wikipedia« vermeldet im Artikel zum Thema »Unbefleckte Empfängnis« über »Ikonographie und Darstellung (Marias) in der Kunst«: »Ihre Heiligenattribute sind: eine Schlange, die sie zertritt, das biblische Symbol für die Sünde, eine Weltkugel, wodurch Maria als Siegerin über die gesamte weltliche Sünde erscheint – die Schlange windet sich oftmals um die Weltkugel…«

Offensichtlich wurde aus der bescheidenen Mutter Jesu, über die wir im »Neuen Testament« so gut wie nichts erfahren, nach und nach eine Himmelskönigin, die mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Noch gilt sie nicht offiziell als Göttin, aber ihre Ehrenbezeichnung »Mutter Gottes« erinnert doch sehr an die mächtigen Mütter der Götter, die selbst Göttinnen waren… aus vorchristlichen Zeiten!

Apfel, Schlange und Mondsichel zu Füßen der christlichen Jungfrau.

Aus der jungfräulichen Göttin Athena wurde die jungfräuliche Maria. Beide hatten das Attribut der Schlange. Und da verwundert es nicht, dass der Parthenon-Tempel im sechsten Jahrhundert in eine christliche Kirche verwandelt wurde, die der jungfräulichen Maria geweiht war. Jungfrau Maria behielt das einst heidnische Attribut Schlange. Doch das einst höchst positive Sinnbild Schlange wurde im Christentum im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Aus dem einst im höchsten Maße positiven Symbol war das Negative schlechthin. Im vordynastischen Ägypten, zum Beispiel,  genoss die »Schlangenmutter« Wadjet  höchste Verehrung. Und Schlangengöttin Mehem lege sich des Nachts schützend um den Sonnengott Re, der dann unbesorgt schlafen konnte. Verdrängt wird von christlicher Seite heute gern, dass die Schlange zur Zeit der frühchristlichen Gnosis als kluge Überbringerin von Wissen verehrt wurde.

Die Gnostiker spielten gern mit Worten. Das führte allerdings oft zu einer völlig anderen Interpretation biblischer Texte. Gern erinnere ich mich an manches hochinteressante Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Ernst Bammel, bei dem ich während meines Studiums der evangelischen Theologie mehrere Seminare im Fachbereich Judaistik besuchte. So manches Mal unterhielten wir uns über den Schlangen-Mythos des »Alten Testaments«. Professor Dr. Dr. Bammel machte mich darauf aufmerksam, dass Schlange und Eva gleichgesetzt wurden. Der Name Eva wurde als »Mutter alles Lebenden« verstanden, »hawya« ist zugleich auch die »Schlange« und bedeutet als Tätigkeitswort »unterrichten«.  Kirchenlehrer Hippolyt von Rom (etwa 170 bis 235 n. Chr.) übersetzte die »Schlange« mit »das weise Wort Evas«.

Die Himmelskönigin und der Mond...

Im christlichen Glauben, dessen Vertreter in der frühen Geschichte des Christentums vehement Gnostiker als böse Ketzer verfolgten,  ist die Schlange der böse Teufel, der den Menschen um das ewige Leben im Paradies gebracht hat. Weil Eva auf die Schlange hörte, von den verbotenen Früchten aß und ihren Mann Adam zur gleichen Sünde verleitete, wurden Adam, Eva und die Schlange aus dem Paradies gejagt. Die paradiesischen Zustände waren damit Vergangenheit. Mit brutaler Engelsgewalt wurden die ersten Menschen daran gehindert, ins Paradies zurückzukehren. Adam musste von nun an im Schweiße seines Angesichts schuften, Eva unter Schmerzen gebären und die Schlange auf dem Bauch durch die Gegend kriechen.

Johannes oder Ninurta?

Im christlichen Glauben steht auch heute noch die Schlange für Sünde, Vertreibung aus dem Paradies und für Verlust des ewigen Lebens. Diese negative Bedeutung freilich ist sehr jung, gemessen an der Religionsgeschichte unserer Welt. Wenn wir die Mythen und Glaubenswelten seit Jahrtausenden untersuchen, begegnet uns immer wieder die Schlange, ganz im Gegensatz zur christlichen Theologie aber als das Symbol für das ewige Leben!

Die Schlange im Paradies verspricht (4) Erkenntnis und Erlösung durch Erkenntnis, so wie das auch die Gnostiker glaubten. Die Gnostiker, stärkste Konkurrenten des frühen Christentums, schwelgten in der Wiederbelebung uralter Glaubenslehren, in denen mächtige Muttergottheiten eine große Rolle spielten. Sie anerkannten nicht den alleinigen männlichen Gott. Zu einem Gott gehörte für sie stets eine Göttin. Einer recht informativen und erfreulich sachlichen Internetseite (5) entnehme ich prägnante Informationen über den Themenkomplex Gnostiker und Schlange: »Einige gnostische Sekten verehrten die Schlange. Sie betrachteten die Schlange nicht als Verführer, die Adam und Eva zu sündhaftem Verhalten verleitet hat. Vielmehr betrachteten sie die Schlange als einen Befreier, der Adam und Eva Erkenntnis gebracht hatte indem er sie überzeugte, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen und dadurch vollkommen Mensch zu werden.«

Marduk oder Lukas?

Von großer Wichtigkeit war für die Gnostiker Maria Magdalena. Anders als im Christentum, das die vermeintliche Prostituierte verleumdete, war unter den Gnostikern eine ganz andere Lehre weit verbreitet. Maria Magdalena verkündete die wirkliche Lehre Jesu. Nach Erscheinen meines Buches »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen« (6) nahmen gleich mehrere evangelische und katholische Geistliche Kontakt mit mir auf, die mir versicherten, dass sie in ihren Gottesdiensten die »amtlichen Glaubenslehren« verkündeten, obwohl sie selbst überzeugte Gnostiker seien. Eine noch recht junge evangelische Geistliche trug – so versicherte sie mir wiederholt –  stets ein Amulett am Hals, das statt den gekreuzigten Jesus die Schlange zeigte.

Die Geistliche vertraute mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, dass für sie das »wahre Christentum« die Verehrung der Göttin in Gestalt einer Schlange sei. Jahwe, der Gott des patriarchalischen Judentums, sei von der Göttin belehrt worden, habe ihre Botschaft aber verfälscht. Zu diesem Glauben könne sie sich aber nicht bekennen, müsse sie doch um ihre Entlassung aus kirchlichem Dienst fürchten. Man kann tatsächlich davon ausgehen, dass so eine Geistliche von der Kirche aus ihren Reihen verstoßen und selbst als Religionslehrerin kaum eine Anstellung finden würde.

Markus oder Nergal?

Ein katholischer Geistlicher hofft, so versicherte er mir, dass er die Rückkehr der Gnosis als »das eigentliche Christentum« noch erleben dürfe. »Der Amtskirche ist die Gnosis ein Dorn im Auge, weil sie eben nicht von oben herab für alle gültige Dogmen predigt, sondern auf die selbständige Erkenntnissuche des einzelnen Menschen setzt!« Der Geistliche zeigte mir Darstellungen von Göttinnen aus dem alten Babylon. So wurde die Göttin Astarte sehr häufig mit einer Mondsichel und einer Schlange dargestellt… so wie Maria, die Gottesmutter in zahllosen sakralen Kunstwerken vieler Jahrhunderte im Christentum katholischer Prägung!

Mindestens genauso häufig wie wir Maria, die Himmelskönigin im ihren uralten Attributen (Mondsichel oder Vollmond und Schlange) in unseren Kirchen begegnen, finden wir dort auch die Attribute der vier christlichen Evangelisten. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus dem »Alten Babylon« würde eine christliche Kirche besuchen. Dort entdeckt er die vier Evangelisten mit ihren Symbolen. Ohne zu zögern würde der Mensch aus Babylon Lukas als babylonischen Stadtgott Marduk,  Markus als Unterweltgott Nergal,  Johannes als Windgott Ninurta und Matthäus als Nabu, den Gott der Weisheit identifizieren.

Marduk und Lukas hatten beide das Symboltier Stier. Markus und Nergal wurden beide mit einem Löwen dargestellt. Johannes und Ninurta teilten sich den Adler als »Erkennungszeichen« und Matthäus und Nabu symbolisches Attribut war ein geflügelter Mensch oder Engel.

Matthäus oder Nabu?

Mit anderen Worten: Jahrtausende alte Symbole aus babylonischen Zeiten wurden vom Christentum übernommen, als Zeichen der Evangelisten. Die vier Evangelisten gelten als Träger des Christentums, die vier babylonischen Götter stützten die »vier Weltenden«.  Sollte auch uraltes gnostisches Wissen zu Beginn des 21. Jahrhunderts in unseren christlichen Gefilden im Verborgenen weiterleben? Ich bedauere es sehr, dass es in der »Wissenschaft« Theologie keine Erforschung von Entwicklung und Veränderung uralten Glaubens zum Christentum hin gibt. Nach wie vor, so scheint es mir, mag man nicht zugeben, dass uraltes »heidnisches« Glaubensgut im heutigen Christentum fortbesteht. Wirklich verblüfft hat mich, dass in Kreisen heutiger christlicher Geistlichkeit die offiziell nach wie vor als Ketzerei verdammte Gnosis immer noch Anhänger hat, in welchem Umfang auch immer. Offiziell wagt es kein Priester christlicher Prägung, sich zur Gnosis zu bekennen. Ob sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird? Ich glaube es nicht!

Zu den Fotos...

»Zwei Jungfrauen mit ihren Schlangen«: Links »Athena Parthenos« wikicommons Marsyas, rechts Maria mit Jesuskind an der Tür der Marien-Kapelle im Dom zu Paderborn, Foto Walter-Jörg Langbein 

»Jungfrau und Himmelskönigin mit Attributen...«: Maria aus der Stadtkirche von Lügde, Foto Walter-Jörg Langbein. Die Stadtkirche wird auch als Marienkirche bezeichnet.

»Apfel, Schlange und Mondsichel zu Füßen der christlichen Jungfrau.«: Maria aus der Stadtkirche von Lügde, Foto Walter-Jörg Langbein.

»Die Himmelskönigin und der Mond...«: Münsterkirche zu Hameln, Foto Walter-Jörg Langbein

»Johannes oder Ninurta?«, »Marduk oder Lukas?«, »Markus oder Nergal?« und »Matthäus oder Nabu?«: Münsterkirche Hameln, Fotos Walter-Jörg Langbein


Die Münsterkirche von Hameln. Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Siehe hierzu auch Gruben, Gottfried: »Die Tempel der Griechen«, München, 5. Auflage 2001, S. 171-190!
2) 1. Buch Mose Kapitel 3, Verse 1-24, »Sündenfall«
3) Siehe hierzu auch…
Baudry, Gérard-Henry: »Handbuch der frühchristlichen Ikonographie«, Freiburg
     2010
Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989
Biedermann, Hans: »Wellenkreise/ Mysterien umd Tod und Wiedergeburt in den
     Ritzbildern des Megalthikums«, Hallein 1977
Black, Jeremy und Green Anthony: »Gods, Demons and Symbols of Ancient
     Mesopotamia«, Austin 1992
4) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 4
5) http://www.eaec-de.org/Gnostizismus.html

»Was geschah vor der Schöpfung? Ein »Reisebericht«
Teil 248 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.10.2014

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