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Sonntag, 22. März 2015

270 »Von Mäusen, Schlangen und Drachen Teil 2«

Teil 270 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Vézelay.. Erschreckende Kirchenkunst...

Dr. Götz Ruempler weist in seinem wichtigen Werk auf Mäuse in einem der schönsten Gotteshäuser überhaupt hin. Sie befinden sich  in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine. Dr. Götz Ruempler schreibt (12): »An der Basis der linken Säule des Hauptportals der Kathedrale Sainte-Madeleine in Vézelay (Burgund) richten sich Mäuse genauso auf wie die Maus im Bremer Dom.«

Mein Vater Walter Langbein sen. Unterrichtete am »Meranier-Gymansium Lichtenfels« Englisch und Französisch. Er bereiste England, Frankreich und die USA, arbeitete auch in Frankreich und in den USA als Lehrer. Intensiv sind meine Erinnerungen an die Basilika von Vézelay. Der wuchtige Turm beeindruckte mich sehr. Ausführlich erklärte mir mein Vater  die kunstvollen Kapitelle, die alle in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sind.

Da gab es eine Mühle zu sehen, in die Moses Getreide schüttet. Ein Mann steht bereit und nimmt das Mehl an. Konnte das Volk vor rund 900 Jahren die Bilder wie ein Buch lesen und verstehen? Angeblich gab es einst eingravierte kurze Erklärungen zu den einzelnen Bildern, die allerdings irgendwann entfernt wurden.

An eine weitere Darstellung kann ich mich erinnern: Da liegt ein bärtiger Mensch auf einem Bett, offenbar auf seinem Totenlager. Auf seinem Leib steht ein furchteinflößendes Wesen mit weit aufgerissenem Maul. Es scheint zu schreien. Oder will es mit seinen mächtigen Zähnen zubeißen? Rechts daneben steht eine weitere Kreatur, die ebenfalls ein kräftiges Gebiss zur Schau stellt. Das linke Monster hat den Arm eines Menschen gepackt, mit beiden Händen zerrte es daran. Will die Kreatur den Menschen fressen? Das Monster rechts piesackt den Menschen mit einem Marterwerkzeug. Laut den Erklärungen eines befragten Priesters ist das Szenario wie folgt zu verstehen: Auf dem Bett liegt ein Toter. Seine Seele hat soeben seinen Leib verlassen und wird von zwei teuflischen Kreaturen in Empfang genommen. So wird der Tote für seine zu Lebzeiten begangenen Sünden bestraft.

Eva mit Schlange?

Mir hat sich besonders intensiv eine mysteriöse Abbildung auf einem der Kapitelle eingeprägt. Eine Gestalt meinte ich sofort erkennen zu können: Einer weibliche Person, offenbar nackt, wird von einer Schlange angegangen. Das Tier windet sich um die Beine der Frau, klettert empor. Das musste Eva sein. Wer aber war die zweite Person? Die Gestalt aus Stein, ebenso nackt, neigt sich nach hinten. Sie hat den Mund, auch die Augen, weit aufgerissen und stößt offenbar einen lauten Schrei aus. Mit beiden Händen umklammert die Gestalt den Griff eines Schwertes, den sie sich in den Leib rammt. Ein Priester erklärte, dargestellt sei nicht die Eva, sondern die personifizierte Wollust. Der nackte Mann mit dem Schwert versinnbildliche die Verzweiflung. Mir eingeprägt hat sich das schmerzverzerrte Gesicht der »Verzweiflung«.

Mann mit Schwert?

Wie viele Mausdarstellungen mag es in christlichen Kirchen geben, die bis heute nur einem kleinen, eingeweihten Kreis bekannt sind? Ob alle diese Mäuse die »christianisierte« Form jener Artgenossen sind, die in heidnischen Zeiten Göttern wie Cernunnos zugeordnet wurden? Für mich ist Cernunnos ein »alter Bekannter«. Zum ersten Mal sah ihn schon vor Jahrzehnten bei meinem ersten Besuch im norditalienischen Val Camonica. Dort wurde die Gottheit als riesenhafte Göttergestalt in den Stein geritzt. Daneben sehen wir ein kleines Menschlein mit erhobenen Händen. Ober zu Cernunnos betet? Der Gott selbst hat auch die Arme gen Himmel gereckt. Vielleicht begrüßen sich Mensch und Gott? Die vergleichsweise hünenhafte Gottheit trägt ein Geweih.  Deutlich auszumachen ist eine Schlange am Arm.

Kessel von Gundestrup

Auch auf dem berühmten keltischen Kessel von Gundestrup wurde Cernunnos mit Geweih und Schlange verewigt. Anno 1891 fand man das silberne Kultobjekt im Fuchsmoor bei Gundestrup im dänischen Himmerland. Datiert wird er auf das fünfte bis erste Jahrhundert vor Christi Geburt. Ich sprach mit einem Kurator des »Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen«. Nach Überzeugung des Wissenschaftlers wurde der Kessel vor gut zwei Jahrtausenden bewusst zerstört und zerteilt. Die Teilstücke wurden im Moor abgelegt. »Von wem?«, wollte ich wissen. Mein Gesprächspartner vom Museum meinte, mehrere Antworten seien denkbar. Er selbst favorisiere zwei Erklärungen, die sich seiner Meinung nach anböten.

Cernunnos von Gundestrup

These 1: Nachdem man sich vom »heidnischen« Glauben abgewandt hatte, sollte das alte Kultobjekt beseitigt werden. Aus Respekt vor dem einst sakralen Kessel zerlegte man ihn in seine Einzelteile – dreizehn Platten aus Silber – und bestattete sie im damals schon ausgetrockneten Moor.

These 2: Der Kultkessel sollte davor bewahrt werden, Feinden in die Hände zu fallen. Deshalb versuchte man ihn, in Sicherheit zu bringen, zu verstecken… und hat ihn zerlegt. Auf diese Weise verlor er – vorübergehend – seine magische Macht. Jederzeit konnte er wieder ausgegraben und zusammengesetzt werden.

Cernunnos im Val Camonica
 Die Steingravur von Cernunnos mit der Schlange im Val Camonica ist eindeutig keltisch beeinflusst, wenn nicht gar von Kelten selbst in den Stein gemeißelt worden. Auch Cernunnos vom legendären Kessel hält eine Schlange. Das mysteriöse  norditalienische Tal hat über einen Zeitraum von zehn Jahrtausenden immer wieder Menschen unterschiedlichster Kulturkreise angezogen, die dort siedelten und hunderttausende Kunstwerke schufen.

Auch das (bei Cernunnos göttliche) Attribut Schlange findet sich – wie zum Beispiel die Taube –  im christlichen Glauben wieder, allerdings als teuflisch-böses Tier. Aus der Taube der Göttin Venus und anderer weiblicher Gottheiten wurde die Heilige Geistin, die wiederum zum männlichen Heiligen Geist gewandelt wurde. Immer wieder zeigt es sich, dass positive göttliche Attribute im Christentum im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt wurden: aus der positiv besetzten Schlange wurde der Teufel, aus dem einst göttlichen Drachen wurde ein Monster.

Der kleine Drache von Urschalling
Wer kennt sie nicht, die Darstellungen vom Heiligen Drachentöter hoch zu Ross. Der Drache zu Urschalling am Chiemsee ist als Wandmalerei nur noch zum Teil erhalten. Man erkennt allerdings, dass das sterbende »Monster« im Vergleich zum Pferd des Heiligen Georg klein war.

In Marienmünster erfährt der Drache eine Verwandlung… zum Teufel in Menschengestalt, mit »Drachenflügeln« am Kopf. Vergessen wir nicht, dass in vorbiblischen Zeiten der Drache eine Urgöttin der Meere war, die hoch angesehen und angebetet wurde. In Marienmünster jedenfalls sollte auf möglichst anschauliche Weise verdeutlicht werden, was da nach christlicher Theologie geschah! Da kämpfte kein irdischer Heros gegen einen bemitleidenswerten Drachen in Dackelgröße, da waren himmlische Kräfte am Wirken... gegen den Teufel selbst.

Drachenteufel von Marienmünster

Dr. Ruempler weist auf eine ganz besonders interessante Kombination hin. Auf einer Miserikordie des Chorgestühls im Dom zu Köln entdeckte er Mysteriöses (13): Ein Drache mit weit ausgebreiteten Flügeln hält in seinen Klauen eine Maus. Miserikordien waren Gesäßstützen, auf die man sich zwar nicht wie auf einen Stuhl setzte, die aber doch beim langen Stehen während des Gottesdienstes die Beine entlasteten. Vorbehalten waren derlei Erleichterungen der Geistlichkeit oder hohen Würdenträgern. Auf der Unterseite dieser nach oben und unten klappbaren hölzernen Stützen waren oft Schnitzereien angebracht. Groteske Gestalten wurden da verewigt, auch plastische Darstellungen von Lastern, Sphingen und andere Fabelwesen. Im 14. Jahrhundert stellten Künstler in derlei Schnitzereien oft dar, was ansonsten in Gotteshäusern nicht offen gezeigt werden durfte. Auch wenn diese offenbar oft drastischen Abbildungen vom normalen Gottesdienstbesucher nicht gesehen werden konnten, wurden viele dieser interessanten Kunstwerke im Verlauf der Jahrhunderte aus den Gotteshäusern entfernt.

Eine ganz ähnliche Kreatur entdeckte Dr. Ruempler im oberen Kreuzgang der Marienburg bei Danzig. Auf einem Schlussstein sieht man ein ganz ähnliches Fabelwesen, wiederum mit einer Maus in den Klauen. Dr. Ruempler identifiziert es als Fledermaus. Es könnte aber ebenso ein Drache sein.

Dr. Ruempler bietet eine Erklärung an für die kombinierte Darstellung von Maus und Drache und von Maus und Fledermaus (14): »Fledermaus und Drache als Symbol für das Böse, für Hexen und Teufel werden durch ihre Darstellung unwirksam gemacht, gleichsam gebannt, und beide halten die Maus fest im Griff – die Maus als Sinnbild für Hexen. Auch der Nager wird dadurch kraftlos, hilflos. Gier wird also der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben! Das Böse hat – sinnbildlich – seine Macht verloren.«

Wir müssen uns fragen: Was ist der Ursprung von Symbolen wie Drache, Fledermaus und Maus? Sie wurden nicht von christlichen Theologen erfunden. Sie sind sehr viel älter als das Christentum, ja als das »Alte Testament«. Sie stammen – davon bin ich überzeugt – aus älteren Religionen. Aus den Göttinnen von einst wurden Drachen und Meeresungeheuer. In »christlichen« Symbolen leben sehr viel ältere Bilder weiter. Die Taube des »Heiligen Geists« war zum Beispiel ursprünglich die Taube der Göttin Venus und ihrer Kolleginnen!

Ein Riesensymbol von Nazca, Peru
Die alten Symbole sind Wegweiser auf einer Reise zu den Ursprüngen der Menschheit. Und das weltweit.. von Bremen bis Peru! »Alles fließt!«, soll Heraklit (etwa 520 v.Chr. bis 460 v.Chr.) verkündet haben. Fließend sind die Übergänge von Religion zu Religion, und das seit ungezählten Jahrtausenden. Nur wer stur auf eine ganz bestimmte Ausprägung einer Religion fixiert ist, kann zum gefährlichen Fanatiker werden. Wer aber die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten, wer die ältesten Quellen und Ursprünge sucht, der erkennt vielleicht den Weg des Friedens, fern von fundamentalistischen Doktrinen jeder Art.

Es ist an der Zeit, dass alle Darstellungen in christlichen Kirchen, die eventuell einen heidnischen Ursprung haben, gesucht, gesichtet und katalogisiert werden! Ich vermute, dass so manches Kleinod wie die Dom-Maus von Bremen versteckt angebracht wurde.

Mein Vorschlag: Liebe Leserinnen und Leser, besuchen Sie doch Ihre Kirche vor Ort und suchen Sie nach Schlangen-, Drachen- und Mausdarstellungen! Fragen Sie den örtlichen Geistlichen, den Küster und Führer. Oft wissen örtliche Heimatforscher mehr als die »offiziellen« Stellen und freuen sich über Interesse!

Sollten Sie fündig werden, würde ich mich über eine Benachrichtigung sehr freuen! Im Voraus vielen Dank!

Fußnoten

(12): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 48
(13): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 46 und 49
(14): Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010, S. 46 und 47


Literaturempfehlung

Ruempler, Götz: »Die Bremer Dom-Maus/ Geschichte, Geschichten und ›Mäuse-Latein‹«, Band 3 der Schriftenreihe der Stiftung Bremer Dom e.V., 2. durchgesehene Auflage, Bremen 2010

Rezension durch Walter-Jörg Langbein für amazon
(Fünf  Sterne)

Köstliche Kulturgeschichte … in Sachen Maus im Dom – und mehr!

Götz Ruempler, einer der besten Kenner des Doms zu Bremen, hat mit »Die Bremer Dom-Maus« ein zugleich köstliches wie informatives Büchlein geschrieben. Der Untertitel - »Geschichte, Geschichten und Mäuselatein‹« - verspricht nicht zu viel. Dr. Ruempler nimmt die »Maus im Bremer Dom« zum Anlass, um über eine Vielfalt von Themen zu informieren.

Einige Themenschwerpunkte des erstaunlich tiefschürfenden, durchgehend mit Fotos in Farbe illustrierten Opus seien genannt: »Die Maus in Naturkunde und Medizin bei Hildegard von Bingen«, »Die Maus in der Tierfabel« und »Die Bremer Dom-Maus – keine ›Schnurre‹, sondern ein Hexensymbol«.

Dr. Ruempler, Zoologe und Experte für mittelalterliche Tierdarstellungen, danke ich für wirkliches Lesevergnügen, für kurzweilige und stets fundierte Informationen! Lesen Sie, staunen Sie über die kleine »Bremer Dom-Maus« und ihre Artgenossen in zahlreichen anderen Kirchen! »Die Bremer Dom-Maus« ist für jeden Besucher des Doms zu Bremen ein Muss… und für jeden Zeitgenossen, der sich für »versteckte Geheimnisse« uralter sakraler Kultbauten interessiert.

Dr. Ruempler ist es glänzend gelungen zu beweisen, wie lesenswert, alles andere als langweilig, sondern unterhaltsam ein kulturhistorisches Werk sein kann!

Verfasser: Walter-Jörg Langbein


Fotos

Vézelay.. Erschreckende Kirchenkunst... wiki commons/ Vassil
Da gab es eine Mühle zu sehen... wiki commons/ Vassil
Eva mit Schlange? wiki commons/ Vassil
Mann mit Schwert? wiki commons/ Vassil
Kessel von Gundestrup: wiki commons/ Magnus Manske
Cernunnos von Gundestrup: wiki commons/ Magnus Manske
Cernunnos im Val Camonica: Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Der kleine Drache von Urschalling: Foto Walter-Jörg Langbein
Drachenteufel von Marienmünster: Foto Walter-Jörg Langbein
Ein Riesensymbol von Nazca/ Peru: Foto Walter-Jörg Langbein
Buchcover Ruempler: Verlag/ amazon

271 »Hexen und ein Steinerner Mann,«
Teil 271 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.03.2015


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Sonntag, 22. Februar 2015

266 »Tod und Leben«

Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom anno 1939
Es regnet in Strömen, die Straße glänzt. Eine elegant gekleidete Dame hastet über das Pflaster. Ihr Schirm, den sie aufgespannt hat, wehrt sich wacker gegen den offenbar starken Wind. Im Hintergrund sind man – recht klein – weitere Passanten, die dem Regen trotzen. Rechts vorn steht ein Mann, vielleicht ein Polizist. Er blickt zur Dame. Und links im Bild erkennt man das Portal des Doms zu Bremen.

Die Aufnahme entstand am 16. April 1939. Seit einigen Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht. Noch ist Frieden im »Deutschen Reich«. Japan führte allerdings schon seit Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Sowjetunion um den Grenzverlauf. In Asien sterben Soldaten der »Kaiserlich Japanischen Armee« und der »Nationalrevolutionären Armee der Republik China«. Wer den »Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg« ausgelöst hat, das ist bis heute umstritten.

Zurück zum Dom von Bremen. Bereits anno 1638 stürzte der Südturm ein. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem »Handbuch und Führer« (1) fest: »Wenige Jahrzehnte später wurde die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.«

Bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahre 1901 mussten astronomische 2 800 000 Mark fast ausschließlich von der Bremer Bürgerschaft aufgebracht werden. Um den Dom zu sichern, mussten intensive Stützungsarbeiten am Fundament vorgenommen werden. Dabei wurden die als »verschollen« geltenden Gebeine von Erzbischof Liemar (verstorben 1101 n.Chr.) wieder entdeckt.

Am 16. April 1939 entstand ein Foto in Bremen. Es zeigt zur Linken den Dom, bevor er Jahre später unmittelbar vor Kriegsende massiv von den Alliierten bombardiert und wieder beschädigt, ja teilweise zerstört wurde. (Foto 1) Man erahnt die Figuren von David, Moses, Petrus und Paulus mehr als dass man sie wirklich erkennt. Und zu ihren Füßen nimmt man die metallenen Fassadenfiguren wahr. Sie stammen aus der Zeit der massiven Renovierungs- und Neubaumaßnahmen am Dom, wurden also gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, und zwar vom Bildhauer Küsthardt (2).

Schlange beißt Adler. Detail. Foto W-J.Langbein

Im Verhältnis zum rund tausendjährigen Dom sind sie also recht jung. Der Künstler, von dem keinerlei erklärende Kommentare zu den mysteriösen Monster- oder Fabeltieren vorliegen, war offensichtlich ein Kenner uralter Mythologie.

So verwendete er Symbole wie die Schlange, die das Christentum von sehr viel älteren Kulturen übernommen hatte. Die Schlange vom Dom zu Bremen ist freilich mehr Drachenmonster als das uns vertraute Reptil. Das Bremer Exemplar hat sogar Zähne im Maul, um bei Angriffen richtig zubeißen zu können. Bildhauer Küsthardt setzte die Schlange als das Symbol für das Böse ein, während die Schlange im Vorderen Orient allgemein sehr angesehen war und als personifizierte Weisheit und Erleuchtung verehrt wurde.

Schlange mit Zähnen. Detail. Foto W-J.Langbein

Die biblische Schlange versprach Adam und Eva die Unsterblichkeit der Götter. In Indien ließ sich der Schlangenkönig Vasuki herab, als Quirl zu dienen, wenn der mythische Milchozean geschlagen werden musste, um den Unsterblichkeitstrank herzustellen. Der Wunsch, wie die Götter zu werden, wurde zum Verhängnis von Adam und Eva. Bestraft wurde die Schlange, weil sie Eva verführt hatte. Gott nahm dem Reptil die Beine. Eva musste von nun an unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts schuften. In der christlichen Plastik vor dem Dom zu Bremen kämpft der Adler (Symbol für das Christentum) gegen die böse Schlange (Symbol für das Böse). Noch aber ist der Kampf nicht entschieden. Das Reptil ist zwar nieder gerungen, greift aber noch an, verbeißt sich in der Pranke des Adlers.

Das Quirlen mit der Schlange Vasuki

Wenn Sie den Dom zu Bremen besichtigen, nehmen Sie sich Zeit für die von den meisten Besuchern kaum beachteten metallenen Fassadenfiguren, die ebenerdig auf Besucher warten. Ein sehr plastisch dargestellter Kampf ist besonders interessant und rätselhaft. Suchen Sie die mittlere Figur, es ist Karl der Große. Sie finden den Regenten mittig zwischen David und Moses zur linken Seite und Petrus und Paulus zur rechten Seite. Auch Karl der Große steht, so wie seine »Kollegen« rechts und links auf kurzen Sandsteinsäulen. Die Säule von Karl dem Großen steht auf einem Podest mit einem so gar nicht christlich wirkenden Kampfgetümmel. Da ist wieder der Löwe, mit mächtigem, imposantem Haupt. Der König der Tiere hat sich im Hals eines undefinierbaren Monsters verbissen, das einen Schrei ausstößt. Noch ist dieses Wesen mit schuppigem Leib – ein Drache mag es sein – nicht besiegt.

Kampf auf Leben und Tod. Foto W-J.Langbein

Am Boden aber liegt eine seltsame Kreatur mit säulenartigem, zerbrochenem Leib. Mit einer Pranke stützt sich der Löwe auf dem Hals des besiegten und zerstörten Dings auf. Das Haupt des unterlegenen Wesens ist menschlich, doch ist das Gesicht von Stahlen umgeben.

Tür zum Dom. Foto W-J.Langbein
Niemand schien sich für die Portalfiguren zu interessieren, an denen doch jeder Besucher des Doms vorbeigehen muss. Lange Zeit hatte ich vergeblich nach Literatur zu den geheimnisvollen Tierfiguren vor dem Dom gesucht. Ich habe mir Kirchenführer, Reiseführer, Abhandlungen über Kirchen und Dome besorgt. Niemand ging auf die doch recht großen Tierplastiken ein. Nach langem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Ich fand in einem Antiquariat »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, 1921 in Bremen erschienen. Ernst Erhardt, Dombaumeister in Bremen von 1897 bis 1901 hat es verfasst. Erhardt geht, wenn auch nur kurz, auf die Metallfiguren ein, auch auf die interessanteste Darstellung an der Domfront (4):

»Die Karl den Großen tragende Säule ruht auf einem den Drachen überwältigenden Löwen, am Boden liegt ein zertrümmertes Götzenbild. Diese Darstellung deutet auf die durch Karl begonnene und durchgeführte Niederwerfung und Bekehrung der heidnischen Sachsen hin.« Ernst Erhardt bezeichnet das zertrümmerte Ding wohl richtig als besiegten Götzen, verzichtet aber auf Vermutungen, um welchen »Götzen« es sich wohl handeln mag. Eine Vermutung liegt mehr als nur nahe. Auf einer verzierten Säule saß einst ein Haupt mit Strahlen. Es dürfte sich bei dem »Götzen« also doch wohl um eine Sonnengottheit handeln.

Sterbendes Monster im Griff des Löwen. Foto W-J.Langbein

Dr. Ingrid Weibezahn fragt (5): »Was hat es aber mit dem Kopf mit Strahlenkranz auf sich, der zu Füßen von Karl dem Großen niedergestreckt liegt, hinter sich ein Ungeheuer, das von einem Löwen an der Kehle gepackt wird? Schon oft wurden wir von Dombesuchern mit Fragen zu dieser Szene bestürmt und konnten bisher nie eine passende Antwort geben.« Sie schildert in ihrem Artikel »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst« schließlich, wie sie dank eines Zufalls und mit detektivischem Spürsinn den »Götzen« identifizieren konnte.

Kurz gefasst: Vielleicht diente dem Bildhauer Küsthardt ein Gemälde von Alfred Rethel als Vorlage, das Karl den Großen zeigt, der soeben die Irminsul gestürzt hat. Vielleicht nahm sich der Künstler auch  ein Fresko aus dem Aachener Rathaus zum Vorbild. Wie dem auch sei: Die Irminsul wird als Statue mit einer Säule als Leib und einem Haupt mit Sonnen-Strahlenkranz dargestellt. Sie ist beim Sturz zerbrochen. Das Haupt liegt vor dem Leib, auch einige der »Sonnenstrahlen« sind abgeplatzt.

Zerbrochenes Götzenbild. Foto W-J.Langbein

Alfred Rethel (1816-1859) erinnert Dr. Ingrid Weibezahn an (5) »eine Überlieferung, nach der Karl der Große im Jahr 772 unweit der Eresburg im Sauerland ein Baum(?)heiligtum der Sachsen zerstört haben soll. Hier war nun der lang gesuchte ikonographische Zusammenhang: Ein Löwe als Symbol für die Stärke Karls (oder des Christentums, was hier quasi gleichbedeutend ist) zerfleischt ein heidnisches Ungeheuer, das Götzenbild mit dem Strahlenkranz (ein Bildnis des Germanengottes Baldur??) liegt bereits zerbrochen davor.«


Der Hinweis auf Baldur ist nicht nur interessant, sondern brisant! Baldur, auch Balder genannt, war der Sohn eines Gottes. Der Vater opferte den Sohn. Der Sohn stieg hinab in den Leib der Mutter Hel, in die Unterwelt. Aus der Unterwelt würde der göttliche Sohn zur Götterdämmerung wieder empor auf die Erde steigen. So wie Balders göttlicher Vater Odin, so opferte der biblische Gott-Vater seinen Sohn Jesus. Und so wie Balder hinab ins Totenreich stieg, so fuhr auch Jesus hinab ins Reich der Toten, nur um wieder aufzuerstehen. (6)

Haupt des Sonnengötzen. Foto W-J.Langbein

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es so etwas wie einen Urglauben gibt, der in mehr oder minder variierenden Versionen zum Grundstock verschiedener Religionen wurde. Es gibt zweifelsohne den immer wieder auftauchenden »Messias«, den Retter. So wie die Natur in der Trocken oder Winterzeit scheinbar »stirbt«, so akzeptiert der »Messias« seine Opferrolle bereitwillig. So wie die Vegetation, und somit die Voraussetzung für jegliches Leben dahinschwindet, so kündigt sich auch der Opfertod des Messias an. Natürlich haben unsere Vorfahren den Zusammenhang zwischen Sonne und Leben in allen möglichen Formen erkannt. Natürlich haben sie den Sonnenzyklus verstanden, sie wussten von den Sommersonnenwenden. Am 21. Juni – zur Sommersonnenwende – steht die Sonne in ihrem Zenit, um dann tagtäglich an Kraft zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass Balder als Sonnengott am 21. Juni getötet wird. Zur Wintersonnenwende wächst die Kraft der Sonne wieder, die »Wiederauferstehung« des Lebens – beginnend mit der kleinsten Pflanze – kündigt sich an. So ist es auch kein Zufall, dass fast genau zur Wintersonnenwende die Geburt von Jesus zelebriert wird.

Goldener Glanz der Sonne... Foto Walter-Jörg Langbein

So gab es die Opferung des Messias parallel zum »Sterben« der Natur und die »Auferstehung« des Messias parallel zum Wiedererstehen der Natur. Nach magischem Denken muss der Messias getötet werden, damit er zu neuem Leben erwachen kann… und mit ihm die Natur. Die Opferung des Messias hat seine Auferstehung zur Folge. Die Natur kann – nach magischem Denken – nur zu neuem Leben erwachen, wenn der Messias getötet wird, um wieder aufzuerstehen. Jesu Opfertod, Jesu Abstieg in die Unterwelt und neuerliche Auferstehung sind die christliche Version uralter Kulte um Sonnenkulte. Nach wie vor feiert man im Christentum zyklisch und alle Jahre wieder Geburt Jesu, Leben und Sterben Jesu, Auferstehung Jesu… Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder, Jahr für Jahr, so wie die Natur auch Jahr für Jahr »geboren wird«, »lebt«, »stirbt«, um wieder aufzuerstehen. Allerdings hat man im Christentum die Beziehung zwischen Messias und Natur vergessen oder verdrängt. Es geht offiziell nur noch um Leben und Auferstehung des Menschen, was durch Opfertod und Rückkehr des Messias ins Reich der Lebenden erst möglich wird.


Dank

Dr. Götz Ruempler, wohl einer der besten Kenner des Doms von Bremen, war äußerst hilfreich. Er nannte wichtige Quellen und schickte mir Fotokopien wichtiger Artikel. Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Ruempler! Ich möchte aber betonen, dass meine Gedanken zum Dom nicht mit Dr. Ruempler abgesprochen worden sind.

Paulus am Dom. Foto W-J.Langbein
Zu den Fotos:

(1) Das Foto entstand am 16. April 1939. Fotograf: unbekannt. Auf der Rückseite ist handschriftlich das Datum der Aufnahme vermerkt sowie der Hinweis »Portal des Doms u. Börse in Bremen (regnerisch)«.
(2) Das Quirlen mit der Schlange Vasuki wiki commons/ gemeinfrei

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Das Copyright liegt wie immer bei Walter-Jörg Langbein!

Fußnoten

1) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
3) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 5
4) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 5
5) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
6) Siehe hierzu Waddell, Augustine: »Tibetian Buddhism«, New York 1972

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«
Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.03.2015



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Sonntag, 8. Februar 2015

264 »Begegnung im Urwald«

Teil 264 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der Tempel der Inschriften von Palenque.
Es regnete unaufhörlich, Myriaden und Abermyriaden von Regentropfen verwandelten den »Urwald« von Palenque in eine Fantasiewelt. Was eine ideale Kulisse für einen spannenden Mysterythriller hätte sein können, war aber Realität an jenem Novemberabend. Die Elektronik meiner beiden Kameras streikte. Beide Kameras ließen sich nicht auslösen, an manuelle oder gar automatische Scharfeinstellung war nicht zu denken. So machte ich mich auf, von meinem Hotelzimmer bis zur weltbekannten Pyramide benötigte ich, vorbei am örtlichen Museum, keine halbe Stunde. Ich bin versucht, die steile Treppe an der Vorderseite des Tempels der Inschriften empor zu klettern, trotz des deutlich angebrachten Verbotsschildes.

Ein Schrei irgendwo aus dem undefinierbaren grünen Dickicht lässt mich zusammenzucken. Für Augenblicke wird die kräftige Solostimme von einem kreischenden Chor begleitet. Angst und Wut, scheint mir, kommen zum Ausdruck. Dann verstummen sie wieder, die Brüllaffen von Palenque.

Foto 2: Blick aus dem Urwald...

Es ist kein Regen mehr, der vom Himmel kommt. Es kommt mir so vor, als würde sich die Luft langsam in Wasser verwandeln. So gehe ich einige Schritte weiter, weg vom Tempel der Inschriften. Nur wenige Minuten später. Ich stehe unter mächtigen Bäumen, wieder erheben Brüllaffen protestierend ihre Stimmen. Dazu gesellt sich ein sehr viel unangenehmeres Geräusch. Es ist ein leise auf- und abschwellendes Surren, geradezu grell und spitz. Moskitos suchen offenbar Blutspender. Noch höre ich sie nur, noch umschwirren sie mich nicht wie ihre Artgenossinnen in heimischen Gefilden. So mache ich mich auf den Rückweg, bleibe nur noch kurz vor dem Tempel der Inschriften stehen. Morgen werde ich frühmorgens wiederkommen. Ich weiß, dass man von der Rückseite des Tempels fast bis auf die oberste Plattform gelangen kann. Man muss gar nicht die breite Treppe auf der Vorderseite benutzen. Der Kalkstein der Stufen ist weich und unzählige Touristen haben bereits ihre Spuren hinterlassen.

Foto 3: Unmittelbar von Urwald umgeben...
Diese Treppe war wohl auch nicht für den heutigen Massenansturm gedacht. Vermutlich waren es vor Jahrhunderten nur wenige Auserwählte, die am Tempel emporsteigen durften. Waren Vertreter des »Hochadels«? Waren es Priester? Astronomen?

Die Maya waren geradezu besessen von Astronomie und Astrologie. Astrologen und Astronomen waren vor elf Jahrhunderten in Palenque zuhause. Sie dominierten das Zeremonialzentrum, das sie »Chan Kah« nannten, zu Deutsch »Schlangenort«.

Für die Lacandonen war Palenque der »Nabel der Welt«. Priester, Astronomen und Astrologen wagten den Blick in eine Normalsterblichen verborgene Welt, in der Göttinnen und Göttern lebten. Es heißt, dass die Wissenden noch vor elf Jahrhunderten nicht nur präzise Berechnungen über den Lauf von Planeten und Sternen anstellten. Sie sollen sich Pilze einverleibt haben, die Halluzinationen auslösten. So glaubten sie, heißt es, Wirklichkeiten wahrzunehmen, die ihnen sonst verborgen blieben.

Die Lacandonen – sie nannten sich »wahre, echte Menschen« – lebten bis ins 20. Jahrhundert nach uralten Traditionen. Sie huldigten, allen missionarischen Versuchen zum Trotz, den alten Göttinnen und Göttern ihrer Vorfahren. Zu Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends scheint es nur noch eine Frage von Jahren oder bestenfalls Jahrzehnten zu sein, bis die alte Kultur ausgestorben sein wird. Schuld daran sind die wenig segensreichen Kontakte mit unserer »zivilisierten Welt«. Heute gehen fast alle Kinder der letzten 700 (?) Lacandonen in staatliche Schulen, wo sie in spanischer Sprache unterrichtet werden. Ihnen wird die Historie der Sieger beigebracht, die eigene Kultur wird gering geschätzt. Als erstrebenswert gilt der Wohlstand der westlichen »Zivilisation«. In Aussicht steht ein Mehr an materiellem Lebensstandard und ein Weniger an wirklicher Kultur.

Foto 4
 Werden mit den Lacandonen, den letzten echten Maya-Nachkommen, die alten, überlieferten Geheimnisse vergessen sein, noch bevor sie gelöst werden konnten? Umstritten ist die Zahl der heute noch lebenden Lacandonen. Es wird gelegentlich behauptet, die kleine Gruppe würde wieder wachsen. Aber sind Lacandonen, die vom Tourismus leben, noch echte Lacandonen?

Nach offiziellen Angaben sprechen heute nur noch zwanzig Nachkommen der Lacandonen die Ursprache ihres Volkes. In Wirklichkeit dürften es aber deutlich mehr sein. Dessen ungeachtet ist unbestreitbar, dass die alte Kultur, die selbst die Gemetzel der mörderischen Spanier überdauerte, mittelfristig bis langfristig ausstirbt. Die Stammesmitglieder werden nicht mehr ermordet, sondern huldvoll in die »Zivilisation« aufgenommen, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. 1996 starb der geistige Führer der Nord-Lacandonen Chan K’in Viejo im Alter von 104 Jahren. Der altehrwürdige Lehrmeister hatte bis zu seinem Tod versucht, die Kultur seines Volkes am Leben zu halten.


Werden wir je erfahren, was die heilige Schlange der Mayas wirklich bedeutete? Gab und gibt es wissenschaftlich korrekte Erklärungen für die Bezeichnung »Schlangenort«? Die doppelköpfige Schlange hatte offenbar astronomische Bedeutung. Sonne, Mond und Planeten standen in – enger? – Beziehung zur mysteriösen Schlange. Jegliche positive Bewertung der Schlange war und ist seit Jahrhunderten christlichen Missionaren in Zentralamerika ein Gräuel! Die Schlange darf nicht positiv, sie muss negativ gesehen werden, hat sie doch Eva zur ersten Sünde im Paradies verleitet. Somit ist aus christlicher Sicht die Schlange für alles Elend verantwortlich. Ohne dieses angeblich teuflische Tier wären die ersten Menschen nicht aus dem Paradies vertrieben worden! Empört stellten frühe Missionare fest, dass die Maya Verstorbene als Sterne am Himmel sahen und dass sie Sterne wiederum als Schlangen deuteten (1).

Fotos 5a und 5b

Der Regen verstärkt sich rapide. Es schüttet förmlich vom Himmel, als ich zum Hotel zurückeile. Da stoße ich dabei mit einer jungen Einheimischen zusammen. Der sintflutartige Regen hatte die lange Zigarre in ihrem Mund gelöscht. Bekleidet war sie ein langes, weißes Gewand. Vor der Brust trug sie ein metallenes, silbern glänzendes »Amulett«.  Ich meine einen stilisierten Baum zu erkennen, an dem  sich eine Schlange empor windet. Ich weiß: Das gerade geschnittene weiße Kleid aus Leinen ist Relikt aus alter Lacandonen-Tradition. Tabak-Rauchen war kein Qualmen als Genuss, sondern wurde einst als heiliger Akt zelebriert. Das Amulett (?) der attraktiven Lacadonin (?) lässt eine alte Symbolik vermutet: Der stilisierte, hoch gewachsene Baum könnte Wacah Chan sein, der Lebensbaum der Mayas. Mayas, aber auch Azteken, Mixteken und Olmeken kannten ihn. Er reichte von der »Unterwelt« bis in den »Himmel«.

Foto 6: »Weltenbaum« auf sumerischem Siegel

In der Mythologie der Maya wird der Ceibabaum als Wacah Chan gesehen, als Weltenbaum, als Achse der Welt. Die Schlange am Wacah Chan als Amulett habe ich nirgendwo in der einschlägigen Literatur finden können. Ein katholischer Priester vor Ort interpretierte die kunstvolle Darstellung so: Die Schlange könnte für einen Verstorbenen (oder dessen Seele?) stehen, unterwegs von irdischen Gefilden in den Himmel, um dort zum Stern zu werden.

Foto 7
Der Mythos vom Weltenbaum schein so etwas wie ein kollektives Erbe der Menschheit zu sein, und das seit Jahrtausenden! Im heutigen Afghanistan huldigte man diesem Baum des Lebens bereits vor rund fünf Jahrtausenden. Im alten Mesopotamien, aber auch im Alten Indien erstreckte sich diese »Achse« von der Unterwelt bis in den Himmel der Göttinnen und Götter. In der heiligen Mythologie Babylons recht Baum Xixum seine Äste weit in den Himmel, während die starken Wurzeln fest in der Unterwelt verankert sind. Auch die nordische Mythologie kennt diesen »Baum« als Abbild des Kosmos, Yggdrasil genannt. Ich bin davon überzeugt, dass die Irminsul nichts anderes darstellt, als eben jene Verbindung zwischen Unterwelt und Himmel, zwischen Tod und Leben.

 Was mich mehr als nur verblüfft hat, das war eine erstaunliche Entdeckung: Es gibt eine heidnische Irminsul vor einem der schönsten Gotteshäuser Europas, vor dem altehrwürdigen Dom zu Bremen!

Literatur

Foto 8
(1) Siehe hierzu…. Thompson, John Eric Sidney: »Maya Hieroglyphic Writing/ An Introduction, 1960, University of Oklahoma Press, S. 85

Weiterführende Werke, auch zur Vertiefung:

(2) Stuart, David und George: »Palenque/ Eternal City of the Maya«, London 2008
(3) Gockel, Wolfgang: »Die Geschichte einer Maya-Dynastie/ Entzifferung
     klassischer Maya-Hieroglyphen am Beispiel der Inschriften von Palenque«,
     Mainz 1988
(4) Kearsley, Graeme R.: »Pacal’s Portal to Paradise at Palenque/ The Iconography
     of India at Palenque and Copan«, London 2002


Hotels in der Nähe der Ruinen von Palenque:

Piedra de Agua Palenque, El Colombre, Hotel Villas Kin Ha, Cabanas Kin Balam, Mayabell

Anmerkungen zu den Fotos

Foto 1: Der Tempel der Inschriften von Palenque. Foto Walter-Jörg Langbein
Fotos 2 und 3: Blick aus dem Urwald auf Ruinen von Palenque. Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Fantasievolle Darstellung von Ygdassil. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Fotos 5a und 5b: Die berühmte Grabplatte von Palenque. Wurde ein Bild der Weltenachse eingearbeitet? Fotos Walter-Jörg Langbein
Foto 6: »Weltenbaum« auf sumerischem Rollsiegel. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 7: »Weltenbaum« Irminsul an den Externsteinen, geknickt. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Die »Irminsul« vom Dom zu Bremen. Foto Walter-Jörg Langbein

265 »Von der Heiligen Taube zum Schlangenmonster«
Teil 265 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 15.02.2015


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Sonntag, 12. Oktober 2014

247 »Maria, die Schlange und die Evangelisten«

Teil 247 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein

Zwei Jungfrauen mit ihren Schlangen.

Die riesige Schlange glotzte mich aus starren, bösen Augen an, sauste ruckartig auf mich zu, um sich dann wieder ebenso ruckartig zurückzuziehen. Dabei stieß sie furchteinflößende Zischlaute aus. Immer wieder griff das monströse Wesen an. Die spitze Zunge der Schlange berührte schmerzhaft meine Stirn. Gleichzeitig ertönte wie aus weiter Ferne ein dröhnendes Gelächter.

Die Schlange freilich war nicht wirklich besonders groß, aber das kam mir nur so vor. Ich war nämlich erst vier Jahre alt und saß mit meiner Mutter nur einige Meter vom berühmten Parthenon entfernt. Die Schlange war aus Holz. Ein dickleibiger, bärtiger Grieche, im Vergleich zu dem Hägar der Schreckliche ein schmales Bürschlein war, hielt das geschnitzte Reptil in einer Pranke und stieß es immer wieder in meine Richtung. Dazu ließ der Koloss sein dröhnendes Lachen erschallen. Zum Glück gelang es meinen Eltern, den aufdringlichen Händler zu vertreiben, der hölzerne Schlangen zum Kauf anbot.

Abgespielt hat sich die für mich fürchterliche Szene – ich war damals gerade vier Jahre alt – unweit des Parthenon. Der vielleicht berühmteste Tempel der Welt wurde einst der Göttin Pallas Athena Parthenos geweiht. Der Beiname der Göttin Parthenos lässt sich mit »die Jungfräuliche« übersetzen. Das wohl wichtigste Attribut der jungfräulichen Himmlischen war die Schlange. Aus der Feder des Pausanias stammt die Beschreibung einer Kolossalstatue der Athena. Zu ihren Füßen schlängelte sich eine nicht minder kolossale Schlange. Andere Darstellungen der Göttin zeigten sie mit einem Schild, auf den sie sich stützt… und an dem sich eine Schlange emporwindet.

Jungfrau und Himmelskönigin mit Attributen...

Uns muss Athena Parthenos vertraut erscheinen: eine Göttin, Jungfrau, in »Begleitung« einer Schlange. Uns kommt die jungfräuliche Himmelskönigin  und Gottesmutter Maria in den Sinn. »Wikipedia« vermeldet im Artikel zum Thema »Unbefleckte Empfängnis« über »Ikonographie und Darstellung (Marias) in der Kunst«: »Ihre Heiligenattribute sind: eine Schlange, die sie zertritt, das biblische Symbol für die Sünde, eine Weltkugel, wodurch Maria als Siegerin über die gesamte weltliche Sünde erscheint – die Schlange windet sich oftmals um die Weltkugel…«

Offensichtlich wurde aus der bescheidenen Mutter Jesu, über die wir im »Neuen Testament« so gut wie nichts erfahren, nach und nach eine Himmelskönigin, die mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Noch gilt sie nicht offiziell als Göttin, aber ihre Ehrenbezeichnung »Mutter Gottes« erinnert doch sehr an die mächtigen Mütter der Götter, die selbst Göttinnen waren… aus vorchristlichen Zeiten!

Apfel, Schlange und Mondsichel zu Füßen der christlichen Jungfrau.

Aus der jungfräulichen Göttin Athena wurde die jungfräuliche Maria. Beide hatten das Attribut der Schlange. Und da verwundert es nicht, dass der Parthenon-Tempel im sechsten Jahrhundert in eine christliche Kirche verwandelt wurde, die der jungfräulichen Maria geweiht war. Jungfrau Maria behielt das einst heidnische Attribut Schlange. Doch das einst höchst positive Sinnbild Schlange wurde im Christentum im wahrsten Sinne des Wortes verteufelt. Aus dem einst im höchsten Maße positiven Symbol war das Negative schlechthin. Im vordynastischen Ägypten, zum Beispiel,  genoss die »Schlangenmutter« Wadjet  höchste Verehrung. Und Schlangengöttin Mehem lege sich des Nachts schützend um den Sonnengott Re, der dann unbesorgt schlafen konnte. Verdrängt wird von christlicher Seite heute gern, dass die Schlange zur Zeit der frühchristlichen Gnosis als kluge Überbringerin von Wissen verehrt wurde.

Die Gnostiker spielten gern mit Worten. Das führte allerdings oft zu einer völlig anderen Interpretation biblischer Texte. Gern erinnere ich mich an manches hochinteressante Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Ernst Bammel, bei dem ich während meines Studiums der evangelischen Theologie mehrere Seminare im Fachbereich Judaistik besuchte. So manches Mal unterhielten wir uns über den Schlangen-Mythos des »Alten Testaments«. Professor Dr. Dr. Bammel machte mich darauf aufmerksam, dass Schlange und Eva gleichgesetzt wurden. Der Name Eva wurde als »Mutter alles Lebenden« verstanden, »hawya« ist zugleich auch die »Schlange« und bedeutet als Tätigkeitswort »unterrichten«.  Kirchenlehrer Hippolyt von Rom (etwa 170 bis 235 n. Chr.) übersetzte die »Schlange« mit »das weise Wort Evas«.

Die Himmelskönigin und der Mond...

Im christlichen Glauben, dessen Vertreter in der frühen Geschichte des Christentums vehement Gnostiker als böse Ketzer verfolgten,  ist die Schlange der böse Teufel, der den Menschen um das ewige Leben im Paradies gebracht hat. Weil Eva auf die Schlange hörte, von den verbotenen Früchten aß und ihren Mann Adam zur gleichen Sünde verleitete, wurden Adam, Eva und die Schlange aus dem Paradies gejagt. Die paradiesischen Zustände waren damit Vergangenheit. Mit brutaler Engelsgewalt wurden die ersten Menschen daran gehindert, ins Paradies zurückzukehren. Adam musste von nun an im Schweiße seines Angesichts schuften, Eva unter Schmerzen gebären und die Schlange auf dem Bauch durch die Gegend kriechen.

Johannes oder Ninurta?

Im christlichen Glauben steht auch heute noch die Schlange für Sünde, Vertreibung aus dem Paradies und für Verlust des ewigen Lebens. Diese negative Bedeutung freilich ist sehr jung, gemessen an der Religionsgeschichte unserer Welt. Wenn wir die Mythen und Glaubenswelten seit Jahrtausenden untersuchen, begegnet uns immer wieder die Schlange, ganz im Gegensatz zur christlichen Theologie aber als das Symbol für das ewige Leben!

Die Schlange im Paradies verspricht (4) Erkenntnis und Erlösung durch Erkenntnis, so wie das auch die Gnostiker glaubten. Die Gnostiker, stärkste Konkurrenten des frühen Christentums, schwelgten in der Wiederbelebung uralter Glaubenslehren, in denen mächtige Muttergottheiten eine große Rolle spielten. Sie anerkannten nicht den alleinigen männlichen Gott. Zu einem Gott gehörte für sie stets eine Göttin. Einer recht informativen und erfreulich sachlichen Internetseite (5) entnehme ich prägnante Informationen über den Themenkomplex Gnostiker und Schlange: »Einige gnostische Sekten verehrten die Schlange. Sie betrachteten die Schlange nicht als Verführer, die Adam und Eva zu sündhaftem Verhalten verleitet hat. Vielmehr betrachteten sie die Schlange als einen Befreier, der Adam und Eva Erkenntnis gebracht hatte indem er sie überzeugte, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen und dadurch vollkommen Mensch zu werden.«

Marduk oder Lukas?

Von großer Wichtigkeit war für die Gnostiker Maria Magdalena. Anders als im Christentum, das die vermeintliche Prostituierte verleumdete, war unter den Gnostikern eine ganz andere Lehre weit verbreitet. Maria Magdalena verkündete die wirkliche Lehre Jesu. Nach Erscheinen meines Buches »Das Sakrileg und die Heiligen Frauen« (6) nahmen gleich mehrere evangelische und katholische Geistliche Kontakt mit mir auf, die mir versicherten, dass sie in ihren Gottesdiensten die »amtlichen Glaubenslehren« verkündeten, obwohl sie selbst überzeugte Gnostiker seien. Eine noch recht junge evangelische Geistliche trug – so versicherte sie mir wiederholt –  stets ein Amulett am Hals, das statt den gekreuzigten Jesus die Schlange zeigte.

Die Geistliche vertraute mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, dass für sie das »wahre Christentum« die Verehrung der Göttin in Gestalt einer Schlange sei. Jahwe, der Gott des patriarchalischen Judentums, sei von der Göttin belehrt worden, habe ihre Botschaft aber verfälscht. Zu diesem Glauben könne sie sich aber nicht bekennen, müsse sie doch um ihre Entlassung aus kirchlichem Dienst fürchten. Man kann tatsächlich davon ausgehen, dass so eine Geistliche von der Kirche aus ihren Reihen verstoßen und selbst als Religionslehrerin kaum eine Anstellung finden würde.

Markus oder Nergal?

Ein katholischer Geistlicher hofft, so versicherte er mir, dass er die Rückkehr der Gnosis als »das eigentliche Christentum« noch erleben dürfe. »Der Amtskirche ist die Gnosis ein Dorn im Auge, weil sie eben nicht von oben herab für alle gültige Dogmen predigt, sondern auf die selbständige Erkenntnissuche des einzelnen Menschen setzt!« Der Geistliche zeigte mir Darstellungen von Göttinnen aus dem alten Babylon. So wurde die Göttin Astarte sehr häufig mit einer Mondsichel und einer Schlange dargestellt… so wie Maria, die Gottesmutter in zahllosen sakralen Kunstwerken vieler Jahrhunderte im Christentum katholischer Prägung!

Mindestens genauso häufig wie wir Maria, die Himmelskönigin im ihren uralten Attributen (Mondsichel oder Vollmond und Schlange) in unseren Kirchen begegnen, finden wir dort auch die Attribute der vier christlichen Evangelisten. Stellen wir uns vor, ein Mensch aus dem »Alten Babylon« würde eine christliche Kirche besuchen. Dort entdeckt er die vier Evangelisten mit ihren Symbolen. Ohne zu zögern würde der Mensch aus Babylon Lukas als babylonischen Stadtgott Marduk,  Markus als Unterweltgott Nergal,  Johannes als Windgott Ninurta und Matthäus als Nabu, den Gott der Weisheit identifizieren.

Marduk und Lukas hatten beide das Symboltier Stier. Markus und Nergal wurden beide mit einem Löwen dargestellt. Johannes und Ninurta teilten sich den Adler als »Erkennungszeichen« und Matthäus und Nabu symbolisches Attribut war ein geflügelter Mensch oder Engel.

Matthäus oder Nabu?

Mit anderen Worten: Jahrtausende alte Symbole aus babylonischen Zeiten wurden vom Christentum übernommen, als Zeichen der Evangelisten. Die vier Evangelisten gelten als Träger des Christentums, die vier babylonischen Götter stützten die »vier Weltenden«.  Sollte auch uraltes gnostisches Wissen zu Beginn des 21. Jahrhunderts in unseren christlichen Gefilden im Verborgenen weiterleben? Ich bedauere es sehr, dass es in der »Wissenschaft« Theologie keine Erforschung von Entwicklung und Veränderung uralten Glaubens zum Christentum hin gibt. Nach wie vor, so scheint es mir, mag man nicht zugeben, dass uraltes »heidnisches« Glaubensgut im heutigen Christentum fortbesteht. Wirklich verblüfft hat mich, dass in Kreisen heutiger christlicher Geistlichkeit die offiziell nach wie vor als Ketzerei verdammte Gnosis immer noch Anhänger hat, in welchem Umfang auch immer. Offiziell wagt es kein Priester christlicher Prägung, sich zur Gnosis zu bekennen. Ob sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird? Ich glaube es nicht!

Zu den Fotos...

»Zwei Jungfrauen mit ihren Schlangen«: Links »Athena Parthenos« wikicommons Marsyas, rechts Maria mit Jesuskind an der Tür der Marien-Kapelle im Dom zu Paderborn, Foto Walter-Jörg Langbein 

»Jungfrau und Himmelskönigin mit Attributen...«: Maria aus der Stadtkirche von Lügde, Foto Walter-Jörg Langbein. Die Stadtkirche wird auch als Marienkirche bezeichnet.

»Apfel, Schlange und Mondsichel zu Füßen der christlichen Jungfrau.«: Maria aus der Stadtkirche von Lügde, Foto Walter-Jörg Langbein.

»Die Himmelskönigin und der Mond...«: Münsterkirche zu Hameln, Foto Walter-Jörg Langbein

»Johannes oder Ninurta?«, »Marduk oder Lukas?«, »Markus oder Nergal?« und »Matthäus oder Nabu?«: Münsterkirche Hameln, Fotos Walter-Jörg Langbein


Die Münsterkirche von Hameln. Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Siehe hierzu auch Gruben, Gottfried: »Die Tempel der Griechen«, München, 5. Auflage 2001, S. 171-190!
2) 1. Buch Mose Kapitel 3, Verse 1-24, »Sündenfall«
3) Siehe hierzu auch…
Baudry, Gérard-Henry: »Handbuch der frühchristlichen Ikonographie«, Freiburg
     2010
Biedermann, Hans: »Knaurs Lexikon der Symbole«, München 1989
Biedermann, Hans: »Wellenkreise/ Mysterien umd Tod und Wiedergeburt in den
     Ritzbildern des Megalthikums«, Hallein 1977
Black, Jeremy und Green Anthony: »Gods, Demons and Symbols of Ancient
     Mesopotamia«, Austin 1992
4) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 4
5) http://www.eaec-de.org/Gnostizismus.html

»Was geschah vor der Schöpfung? Ein »Reisebericht«
Teil 248 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                        
von Walter-Jörg Langbein,                      
erscheint am 19.10.2014

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Sonntag, 5. Oktober 2014

246 »Maria und die Schlange« Teil 2

Teil 246 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein

Maria an der Portalstür. Foto Langbein
Das vielleicht rätselhafteste Kunstwerk im Dom zu Paderborn ist eine barocke Mariendarstellung, die von den meisten Besuchern des Gotteshauses kaum beachtet wird. Betritt man den Dom durch das Paradiesportal, wird man von den beiden Heiligen Kilian und Liborius begrüßt. Ihre spätromanischen Holzplastiken stehen an den mächtigen Portaltüren. Vor dem mittleren Pfosten steht stolz die Himmelskönigin Maria, das Jesuskind auf dem Arm tragend. Die frühgotische Sandsteinplastik dürfte zu den ältesten stehenden Marien in Deutschland gehören.

Immer wenn ich den Dom zu Paderborn besuche, mache ich Station zunächst in der Bartholomäus-Kapelle und genieße die rätselhafte Akustik in dem wohl ältesten sakralen Bauwerk in Paderborn. Dann gehe ich außen um den Dom herum zum Markt, bleibe vor dem Paradies-Portal stehen und studiere das verwirrende Vielfalt von steinernen Rätseln. Da blicken seltsame Wesen, die an Zentauren erinnern, in stoischer Gelassenheit auf uns Besucher herab. Da harren Heilige aus Stein, vor Tauben durch sorgsam gespannte Netze geschützt, seit Ewigkeiten aus, wie Pantomimen erstarrt zur Regungslosigkeit, als wollten sie der Zeit ein Schnippchen schlagen.

Die »Paradiesvorhallte« in ihrer ursprünglichen Form wurde wohl bereits im 12. Jahrhundert gebaut, so wie auch die Marienkapelle. Wann genau die Marienkapelle geschaffen wurde, wir wissen es nicht genau. Fest steht, dass sie bereits im Jahre 1215 bestand (1). Auf dem Weg zur Marienkapelle halte ich bei der Doppelmadonna inne, genauer gesagt unter ihr. Sie hängt unter dem Schlussstein des zweiten Langhausjoches hoch über den Besuchern des Gotteshauses. Wir erleben, wie die »Gottesmutter« von zwei fliegenden Engeln zur Himmelskönigin gemacht wird. Die himmlischen Boten mit formschönen Flügeln senken gerade die imposante, große und mächtige Krone auf das Haupt Mariens herab. Um 1480 entstand dieses sakrale Kunstwerk.

Die Doppelmaria. Foto Langbein
»Sie schwebt über unseren Häuptern…«, erklärte mir ein Mönch, der andächtig zur Königin des Himmels aufblickte. »So werden wir daran erinnert, dass sie – nach Jesus selbst – der erste und bislang letzte Mensch war, der leibhaftig gen Himmel fuhr, wo sie bei unserem Herrgott auf uns wartet!« Verschmitzt fügte der Kleriker hinzu: »Man darf es ja noch nicht laut aussprechen, aber Maria rückt langsam aber sicher in die Trinität auf!« Die Worte des Geistlichen verblüfften mich. Ich wandte ein: »Aber dann wird doch aus der Dreifaltigkeit eine Vierfaltigkeit?«

Der Mönch legte eine Hand auf meine Schulter. »Noch ist das reine ›Ketzerei‹ in den Augen der Amtskirche. Aber glauben Sie mir, die Himmelskönigin wird nach und nach, zunächst im Volksglauben, den ›Heiligen Geist‹ verdrängen und seine Stellung einnehmen. Vater, Sohn und Gottesmutter sind doch sehr viel begreifbarer als die Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Wer kann sich denn wirklich etwas unter dem Heiligen Geist vorstellen? Niemand kann die Rolle des Heiligen Geists wirklich verständlich machen!«

Was den wenigsten Besuchern auffällt: mit einem Fuß steht die Madonna auf einer Mondsichel. Präziser: Beide Marien der Doppelmadonna stehen mit einem beschuhten Fuß auf der Mondsichel. Die Himmelskönigin, stehend auf der Mondsichel, macht Maria zur christlichen Version der Himmelsgöttin aus uralten Zeiten.

Im Kirchenführer »Der Hohe Dom zu Paderborn« lesen wir, dass Maria (2) »auf der Mondsichel und einer Schlange steht, deren Kopf sie als die ›neue Eva‹ zertritt.« Trotz intensivster Suche, trotz sorgsamsten Betrachtens der Doppelmadonna durch ein 400-Millimeter-Teleobjektiv, kann ich aber nur einen goldenen Schuh der »Mutter Gottes« ausmachen, nämlich jenen, der auf der Mondsichel ruht. Deutlich zu erkennen ist das teuflische, gehörnte Haupt der Schlange, deren größter Teil des Leibes  vom langen Rock Mariens verdeckt wird. Nur das Schwanzende kriecht unter dem bis zum Boden reichenden Rock hervor, nach oben hin ausgerichtet.

Mond und Schlange zu Füßen der Doppelmadonna.
Foto Langbein

»Die Madonna zertritt den Kopf der Teufelsschlange!«, wetterte »mein« Mönch. »Durch die Frau – Eva – kam die Sünde auf die Welt, in Gestalt der teuflischen Schlange! Maria zerstampft das Haupt dieser Schlange, so wie es schon im 1. Buch Mose geschrieben steht…« Ich wusste, auf welchen Vers sich der Geistliche bezog (3) und widersprach. »Von Maria ist da aber nicht die Rede…da heißt es doch: ›Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir (Schlange) und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.‹ Da wird doch ein Mann prophezeit, der der Schlange den Garaus machen wird, nicht von Maria!«

Der Geistliche wischte meinen Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Lesen Sie gefälligst in der Offenbarung des Johannes nach (4): ›Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.‹« Wieder wagte ich Widerspruch: »Von einer Schlange, der der Kopf zertreten wird.. von wem auch immer… ist da aber nichts zu finden!« Wütend zischte mir der Geistliche entgegen, während er schon davon stapfte. »Lesen Sie weiter bei Johannes! Dann werden sie auf den Drachen stoßen, den die himmlische Frau, also Maria, besiegen wird…«

Tür zur Marienkapelle. Foto Langbein
Einige Schritte ging ich dem Mann Gottes nach. »Ist der Drache der Apokalypse die Schlange aus dem Paradies?«, wagte ich zu fragen. Mir kam es so vor, als habe der Mönch »Apage, Satanas!«, also »Weiche, Satan!«, geflüstert. Wen er damit wohl gemeint haben mag? Deutlich zu vernehmen waren dann seine abschließenden Worte: »Sündhafte, lasterhafte Weiber, Drachen, teuflische Schlangen… alles das gleiche Gewürm!«  Dann schloss sich knarzend die Tür zum Paradiesportal hinter ihm.

Von der »schwebenden« Doppelmadonna führt mich mein Weg stets zu einer weiteren Darstellung der »Mutter Gottes«, zur Marienkapelle an der Südseite des Doms. Die größte und älteste Kapelle im Dom (5) ist fast immer verschlossen. Die Tür, in der Regel im Dämmerlicht liegend, wurde erst 1657 von Anton Willemssens geschaffen. Sie wirkt auf den Betrachter wie eine überdimensionale Laubsägearbeit. Im Zentrum steht Maria. Sie trägt, liebevoll besorgt, das Jesuskund auf dem Arm. Rechts und links stehen zwei Engel mit Fackeln, die aber realiter kein Licht spenden. Gerade das Dämmerlich mag mit dazu beitragen, dass die Maria mit Kind erstaunlich plastisch wirkt, obwohl das Paar doch »nur« auf ein Eichenbrett aufgemalt wurde.

»Der Dom zu Paderborn« (6) weiß zu berichten: »Die Tür der Marienkapelle … ist aus Eichenbrettern angefertigt, die in zwei Schichten aufeinander geleimt sind. Die Außenseite ist mit einer reichen perspektivischen Architektur bemalt, in der die Madonna mit dem Kinde und fackeltragenden Putten stehen. Der Hintergrund ist schräg nach hinten laufend herausgeschnitten.«

Auch dem flüchtigen Betrachter fällt auf, dass sich da eine Schlange von beachtlicher Größe durch das Bild windet und schlängelt. Man denkt an eine kräftige Boa Constrictor, die Maria und Kind in höchste Gefahr bringt. Das Schwanzende des gefährlichen Reptils ragt neben Maria in die Höhe, knapp über ihre Hüfte. Wo aber ist der Kopf des Tieres? Mann erahnt ihn mehr als dass man ihn erkennt. Nur ein Fuß Mariens ist deutlich auszumachen. Aber wo ist der zweite? Beißt die Schlange mit weit aufgerissenem Maul Maria in den Fuß? Oder tritt Maria mit dem Fuß auf den Kopf der Schlange? Hat die Schlange einen Apfel im Maul? Tatsächlich erkennt man einen Apfel mit kleinen Zweigen und Blättern.

Fuß und Schlange... an der Tür zur Marienkapelle.
Foto Langbein

Wo beginnt, wo endet der zweite Fuß? Jeder sieht es anders. Manche meinen, die Zehen des zweiten Fuß Mariens deutlich ausmachen zu können. Andere wiederum sind ganz anderer Meinung und halten die vermeintlichen »Zehen« für Zähne der Schlange. 

Ulrike Hause, Magister Artium, wissenschaftliche Mitarbeiterin der »Fachstelle Kunst« vom Diozesenmuseum in Paderborn teilte mir freundlicher Weise die offizielle, wissenschaftliche Interpretation mit (7): 

Apfel im Maul? Foto Walter-Jörg Langbein

»Sehr geehrter Herr Langbein, Ihre Anfrage erreichte mich über unsere Pressestelle. Ich habe mich informiert und kann Ihnen zu der barocken Mariendarstellung an der Tür zur Marienkapelle Folgendes sagen: Maria tritt der Schlage auf den Kopf, die einen Apfel mit Blättern im Maul hält. Das versinnbildlicht den Sündenfall (Frucht vom Baum der Erkenntnis), den Maria als ›neue Eva‹ wieder gut macht. Dies in knappen Worten. Hoffentlich haben wir Ihre Frage damit beantwortet, mit freundlichen Grüßen aus Paderborn - Ulrike Hauser M.A.«

Je näher man sich dem Bildnis nähert, desto undeutlicher wird, was man sieht. Sehen wir, was wirklich gemalt wurde oder was wir sehen wollen? Der überzeugte Christ versteht Maria als die neue Eva. Die alte Eva, so glaubt er, hat die Sünde in die Welt gebracht. Maria, die neue, zweite Eva, macht den Sündenfall wieder ungeschehen. Freilich ist das Bild von Maria, dem Mond, der Schlange und dem Knaben sehr viel älter als das Christentum…. Bei Licht betrachtet entpuppt sich das in christlicher Ikonografie so gern benutzte Ensemble als Wiedergeburt heidnischer Symbole aus uralten Zeiten…

Wo beginnt der Schlangenkopf? Foto Walter-Jörg Langbein

Fußnoten

1) Bauer, Heinz und Hohmann, Friedrich  Gerhard: »Der Dom zu Paderborn«, 4. Neubearbeitete Auflage, Paderborn 1987, S. 38 und 39
2) Niggemeyer, Margarete: »Der Hohe Dom zu Paderborn/ Ein Domführer«. 3. Auflage, Paderborn 2012, S. 23
3) 1. Buch Mose Kapitel 3, Vers 15
4) gemeint ist Offenbarung des Johannes Kapitel 12, Vers 1
5) Dehio, Georg: »Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Nordrhein-Westfalen II Westfalen«, Berlin und München 2011, S. 848.
6) Bauer, Heinz und Hohmann, Friedrich  Gerhard: »Der Dom zu Paderborn«, 4. Neubearbeitete Auflage, Paderborn 1987, S.69 links unten
7) Mail von Ulrike Hauser an Walter-Jörg Langbein vom 10.06.2014 

Blick in die Marienkapelle.
Foto Walter-Jörg Langbein

Dank

Mein besonderer Dank gilt Frau MA Ulrike Hauser für ihre hilfreiche Auskunft!

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