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Sonntag, 20. August 2017

396 »Heimat, deine Kelten!«

Teil  396 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Geoglyphen in der Atacamawüste
Zwei Monate habe ich mit Freunden Südamerika bereist. Von Quito aus hatten wir mysteriöse Stätten besucht: in Ecuador, Peru, Bolivien und Chile. Wir kletterten auf  Pyramiden aus Stein, auf Pyramiden aus Erde (»Mounds«), wir standen vor riesigen Scharrzeichnungen und Geoglyphen an Erdhängen, flogen im Kleinflugzeug über Riesenbilder in trostloser Wüste. Wir standen vor Steinkolossen, die vor Ewigkeiten mit unbekannten Werkzeugen millimetergenau bearbeitet worden waren. Wir krochen durch dichten Urwald, auf der Suche nach vergessenen Pyramiden, wir erstiegen den Kegel eines erloschenen Vulkans. Und schließlich machte ich einen Abstecher zur Osterinsel. Tagelang erkundete ich mit einem französischen Ehepaar das Eiland. Wir tasteten uns durch muffige Höhlen, klettern auf heute verbotenen Wegen zu im Erdreich versinkenden Steinkolossen und suchten nach verwaschenen Gravuren in formlosen Klumpen  vor Ewigkeiten erkalteter Lavamassen.

Nach zwei aufregenden Monaten in fernen Welten traten wir die Heimreise ein. Unser Gepäck war aufgegeben, die letzten Briefe und Karten waren verschickt. Geduldig warteten wir, bis wir aufgefordert wurden, »unser« Flugzeug zu betreten. Ich weiß nicht mehr, was für eine Maschine es war, die uns von Quito nach Amsterdam bringen sollte. Es war ein Flugzeug der KLM. Als ich von einer freundlichen Stewardess begrüßt wurde, fühlte ich mich – 9548 Kilometer von zuhause entfernt – daheim, in der Heimat.

Was ist das, Heimat? Als Kind sagte mir der Begriff nichts. Als Jugendlicher wollte ich so schnell wie möglich die Heimat verlassen und die Welt bereisen. Aber als ich schließlich in der fernen Fremde nach uralten Geheimnissen suchte, spürte ich die Sehnsucht nach der Heimat. Meine Heimat ist das Frankenland. Michelau in Oberfranken, da bin ich geboren. Das ist und bleibt meine Heimat, auch wenn ich schon seit Jahrzehnten im preußischen Exil lebe.

Foto 2: Staffelberg, historische Ansichtskarte

Befremdet stelle ich fest, dass der Begriff »Heimat« in zunehmendem Maße verpönt wird. Der Duden führt »verpönt« auf der »Liste der rechtschreiblich schwierigen Wörter«. »Heimat« gilt in zunehmendem Maße als bestenfalls reaktionär. Aber braucht nicht jeder Mensch »Heimat«? Es ist eine Art Schizophrenie, die zu bedauernd und zu bemitleiden, die in der Ferne die Heimat verlassen müssen, und sich gleichzeitig geradezu zu schämen, die eigene Heimat als Heimat zu bezeichnen.

Was wissen wir über unsere Heimat? Kennen wir ihre Geheimnisse, ihre Mysterien? An der Pazifikküste Perus erzählten mir eines Abends peruanische Freunde vom mysteriösen Riesenfisch im »La Raya«-Berg. Ich revanchierte mich mit der Sage vom Riesenfisch im Staffelberg. Und ich erzählte, wie ich in meiner Jugend gemeinsam mit meinem Vater (1) den Staffelberg erkundet habe. Wir suchten und fanden immer wieder Reste einer komplexen Wallanlage, die vor rund 2200 Jahren von den Kelten angelegt worden ist. Auf dem Hochplateau hatten die Kelten einst eine wehrhafte Festung angelegt.

Foto 3: Staffelberg, historische Ansichtskarte  von 1926

Heimatforscher Konrad Radunz über den Staffelberg (2): »Seine überragendste Bedeutung erhält der Berg aber wohl durch die Tatsache, daß er über Jahrtausende hinweg von Menschen besiedelt war und in verschiedenen Epochen der Vorzeit auch befestigt war.« Weiter schreibt Radunz (3): »Während der Besucher des Berges heute von seiner landschaftlichen Schönheit angezogen wird, war es früher das Sicherheitsbedürfnis des Menschen, das ihn vor Zeiten veranlasste, die Hochfläche des Berges aufzusuchen.«


Foto 4: Frater Heinrich vor Klause und Kapelle. Historische Ansichtskarte

Die ältesten Funde, die man auf dem Plateau des Staffelbergs machte, sind rund 12000 Jahre alt! Besiedelt wurde der Tafelberg in der Jungsteinzeit, also von etwa 5500 bis 3800 Jahren. Zu einer regelrechten Festung bauten die Kelten den Staffelberg aus. Wie imposant die Verteidigungsanlage um das Plateau einst war lassen die Spuren einer einst 4,50 dicken Mauer erahnen. Freilich gehen die Ursprünge dieses Befestigungssystems in weit ältere Zeiten zurück, nämlich (4) »bis in die ausgehende Steinzeit, ca. 1800 v.Chr.«

In den 1960er Jahren erkundete ich – mit meinem Vater Walter Langbein sen., aber auch allein – den Staffelberg. So manches Mal kletterte ich querfeldein bis zum Plateau empor und stieß immer wieder auf Spuren der alten Wälle. Freilich war der Staffelberg nicht nur, und das über einen Zeitraum von Jahrtausenden, von militärischer Bedeutung. Konrad Radunz weist auf »die religiöse Bedeutung des Staffelberges« hin (5):

»Während die ehemals überragende Bedeutung des Staffelbergs im Bereich der Besiedlung, Verteidigung und wahrscheinlich auch der Administration in vollkommene Vergessenheit geraten ist, lebt die religiöse Überlieferung im Volke unvermindert nach. Abgesehen von zahlreichen Sagen, die sich heute noch um den Berg ›ranken‹ und auf eine starke mythische Bedeutung der ehemaligen Siedlung schließen lassen, besitzt der Berg heute noch eine starke religiöse Ausstrahlungskraft.«

Foto 5: Adelgundiskappe und Klause. Historische Ansichtskarte

Heutige Besucher des Staffelbergs blicken vom Plateau hinab ins Maintal, das Viktor von Scheffel anno 1859 besungen hat: »Zum heil´gen Veit von Staffelstein komm` ich emporgestiegen und seh´ die Lande um den Main zu meinen Füßen liegen. Vom Bamberg bis zum Grabfeldgau umrahmen Berg und Hügel die breite, stromdurchglänzte Au – ich wollt´, mir wüchsen Flügel. Vallerie …« Die schlichte Kapelle findet kaum Beachtung, die einstige Klause lädt zu einem kleinen Imbiss und zu gutem fränkischen Bier ein.

Die »Adelgundiskapelle« freilich kann uns an vorchristliche, ja keltische Zeiten erinnern. Sigrid Radunz gibt in ihrer Broschüre »Der Staffelberg« eine interessante Legende wieder (6) : »Wie die Kapelle auf den Staffelberg kam«. Sie schreibt: »Man weiß nicht genau, wann die erste Kapelle auf dem Staffelberg errichtet wurde, doch man erzählt sich, daß die Stelle auf der dieses Gotteshaus heute steht, durch ein Wunder bestimmt wurde. Ursprünglich wollte man nämlich die Kirche auf dem Alten Staffelberg bauen. Jede Nacht aber trugen Engel die Bausteine und alles Material, das auf dem Bauplatz lag, auf den Staffelberg. Selbst als die Wände schon ein Stück emporgemauert waren, fand man am nächsten Tag dieses Mauerwerk auf dem Plateau des Staffelberges. Schließlich entschloß man sich, der Kapelle den Platz zu geben, den der Himmel für sie ausersehen hatte.« Die Frage, die sich uns stellt: Warum hatte »der Himmel« nachhaltiges Interesse daran, dass die Adelgundiskapelle just dort errichtet wurde, wo sie heute steht?

Foto 6: Blick auf den Staffelberg.
Ein Rabe, so heißt es in einer anderen Legende (7) griff beim Bau der Adelgundiskapelle ein: »Als besondere Schwierigkeit beim Bau der Kapelle erwies sich, daß man Baumaterialien wie Sand und Wasser erst vom Tal auf den Berg transportieren mußte. Da fiel einem Maurer auf, daß häufig ein Rabe zur Baustelle kam, der aus seinem Schnabel Sand rieseln ließ. Der neugierige Arbeiter folgte unbemerkt dem Vogel und beobachtete, daß dieser in das Querkelesloch flog. Als der Mann nachforschte, fand er am Boden der Höhle Dolomitensand.«

Einst wurde auf dem Staffelberg die Statue der »Heiligen Adelgundis« verehrt. Auf ihrem Haupt saß ein Rabe. Nach christlicher Interpretation stellte der Vogel freilich den Heiligen Geist dar, auch wenn er weniger einer Taube als einem Raben ähnelt. Ein Kelte freilich würde die Statue auf seine Weise interpretieren. Für ihn wäre die Heilige Adelgundis mit dem Vogel eine keltische Göttin, etwa Badb, Morrigan, Macha oder Nemain.

Der Name der Göttin Badb lässt sich mit »Kampfesmut« übersetzen, Adelgundis bedeutet »edle Kämpferin«. Sollte es sich also bei Adelgundis um die keltische Göttin Badb in christlichem Gewand handeln? Bleiben wir am Ball, besser gesagt an der Göttin. Die keltische Göttin Morrigan – Attribut Rabe – erscheint als weibliche Trinität, als Fruchtbarkeitsgöttin Anu, als Muttergöttin Badb und als Todesgöttin Macha, kurz als heidnische Dreifaltigkeit! In keltischen Gebieten des »Imperium Romanum« gab es den Typus der Muttergottheiten, Matronen genannt. Häufig traten die himmlischen Damen als Trinität auf (Foto 7, weiter unten!).

Die keltische Göttin Macha, Attribut Rabe, spielt eine wichtige Rolle in der Mythologie Irlands. Ihr Name geht auf die indogermanische Wurzel »magh« zurück, zu Deutsch »kämpfen«. Ist also Adelgundis, zu Deutsch »edle Kämpferin«, die christliche Version der keltischen Göttin Macha? Da verwundert es mich nicht, dass auch Nemain, Attribut, eine Göttin des Kampfes war! Ist es ein Zufall, dass der Adelgundis, der »edlen Kämpferin« ein rabenartiger Vogel beigestellt wird, so wie den keltischen Göttinnen Badb, Morrigan, Macha und Nemain?

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (8).

Der Rabe ist offensichtlich sehr wichtig in der keltischen Welt der Göttinnen und Götter (9): Der germanische Gott Odin (Wotan), Gott der Weisheit und der Schlachten, konnte sich gelegentlich in einen Raben verwandeln. Außerdem führte er immer »Munin« und »Kunin« mit sich, zwei Raben, die er jeden Tag ausschickte um zu erfahren, was in der Welt Wichtiges geschah. Odin war der höchste Gott der Germanen und deshalb waren ihnen die Raben heilig. Sie verehrten sie als Göttervögel.

Foto 7: Keltische Matronen-Göttinnen.

»Heimat, deine Kelten«… Besinnen wir uns unserer kulturellen Wurzeln. Was wissen wir über unsere Heimat? Erkunden wir unsere Heimat! Gibt es auch bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Spuren der Kelten? Gibt es auch bei Ihnen in Kapellen und Kirchen Hinweise auf »Heilige«, die als keltische Göttinnen in christlichem Gewand identifiziert werden können? Es lohnt sich zu recherchieren, zum Beispiel in altehrwürdigen Gotteshäusern, aber auch in Museen und Bibliotheken. Sagen aus alten Zeiten enthalten oft verschlüsselte Hinweise auf eine Vergangenheit, die vielleicht schon bald verdrängt und vergessen sein wird!

Fußnoten
1) Walter Langbein sen. (1924-2005)
2) Radunz, Konrad: »Der Staffelberg, eine antike Befestigung am Obermain«, »Heimatbeilage zum Amtlichen Schulanzeiger des Regierungsbezirks Oberfranken«, Bayreuth im Juli 1971, Nr. 36, Titelseite, Zeilen 11 – 13 von unten
3) ebenda, Seite 2, Zeilen 1-3 von unten und Seite 3, 3. Zeile von unten
4) ebenda, Zeile 10 von unten
5) ebenda, Seite 23, Zeilen 1-7 von unten
6) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg«, Lichtenfels 1983, Seite 19 unten und S. 20 oben
7) ebenda, S. 20: »Der hilfreiche Rabe«
8) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
9) »Planet Wissen«/ Harald Brenner, ARD, http://www.planet-wissen.de,  Stand 23.10.2014


Zu den Fotos
Foto 1: Geoglyphen in der Atacamawüste, Chile. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Staffelberg, historische Ansichtskarte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Staffelberg, historische Ansichtskarte  von 1926. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Frater Heinrich vor Klause und Kapelle. Historische Ansichtskarte, Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Adelgundiskappe und Klause. Historische Ansichtskarte , Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Keltische Matronen-Göttinnen. Foto wiki commons/ Mediatus


Walter-Jörg Langbein
397 »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  397 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.8.2017


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Sonntag, 11. Oktober 2015

299 »Peitschenmann, Gans und Monster«


299 »Peitschenmann, Gans und Monster«
Teil 299 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein



Das »Rote Pferd von Tysoe«. Rekonstruktion.

Monstermauern gibt es überall auf der Welt, in Ägypten, dem Land der Pyramiden, in Peru, dem Land der Inka und selbst auf der Osterinsel, dem Eiland mit den Riesenstatuen. Wir staunen über die Geheimnisse unseres Planeten. Wir kennen aber nur einen Bruchteil der Hinterlassenschaften unserer Vorfahren. Von den sieben Weltwundern ist nur eines erhalten geblieben, die Pyramiden auf dem Plateau von Gizeh. Alle anderen sind spurlos verschwunden.  Manches ruht im Verborgenen. So entdeckt man auch heute noch auf der Osterinsel Statuen, die auf dem Rücken liegend ganz von Erdreich bedeckt waren. Vereinzelt starrt dort ein steinernes Gesicht aus dem Boden gen Himmel.

Osterinselkoloss, im Boden »versinkend«

Wurden Osterinselkolosse liegend begraben? Oder hat sich die Natur die Steinmonumente im Verlauf der Jahrhunderte langsam wieder einverleibt? Wie viele solcher Riesenstatuen wohl noch entdeckt werden? Die verschütteten Statuen genießen ein Privileg! Während ihre sichtbaren Kollegen den zerstörerischen Elementen von Natur und Umwelt ausgesetzt sind, bleiben die unterirdischen Statuen besser erhalten. Sie sind vor negativen Einflüssen geschützt.

Bald wird er verschwunden sein...
Mysteriöser als Mauern aus tonnenschweren, millimetergenau bearbeiteten Steinkolossen sind für mich verborgene Mythen. Einige warten zum Beispiel in England unter der Erdoberfläche darauf, entdeckt und verstanden zu werden. Aber wird man sie je wie ein Buch lesen können? Ich habe meine Zweifel. Wir verstehen  religiöse Kunstwerke in christlichen Kirchen nur, weil wir die Geschichten, die sie uns erzählen wollen, bereits kennen.

Wären uns die Geschichten aus dem Neuen Testament unbekannt, dann würden wir religiöse Gemälde und Plastiken in Kirchen, Domen und Kathedralen nicht einordnen können.

Man muss davon ausgehen, dass es an Englands Küste, aber auch an Berghängen im Inland großformatige »Bilder« gegeben hat… von Riesen, von Tieren (wie Pferden) und von Monstern. Die meisten von diesen geheimnisvollen Kunstwerken sind womöglich schon vor Jahrhunderten wieder verschwunden.

Noch heute gibt es im ländlichen Bereich mündlich überlieferte Hinweise auf verschwundene Riesenpferde, die irgendwann nicht mehr gepflegt und rasch überdeckt und überwuchert wurden. Örtliche Priester wetterten gegen die Zeugnisse alter heidnischer Kulte, folgsame Kirchgänger schütteten zu, was als unchristliches Teufelswerk angesehen wurde. Vereinzelt versuchen Wissenschaftler, oft von den lieben Kollegen verspottet, die Bildnisse zumindest auf dem Papier zu rekonstruieren. Samuel Gerald Wildman zum Beispiel entwickelte eine originelle Methode nach den verschollenen Darstellungen zu suchen. Der begeisterte Heimatforscher war kein Archäologe, sondern Biologielehrer an einer »Grammar School« (Gymnasium).

Seine Methode: Es wurden einst Gräben in das Erdreich bis auf den darunter befindlichen Kalkboden gezogen, um so Bilder von Riesen und Fabelwesen zu schaffen. Viele dieser Gräben wurden zugeschüttet, um die Bilder zum Verschwinden zu bringen. Wenn nun auf derlei Areal Bäume gepflanzt wurden, dann gediehen die Bäume, die in den einstigen Gräben verwurzelt waren, besser. Samuel Gerald Wildman  machte sich nun an die Arbeit und vermaß dort, wo seiner Meinung nach Erdbilder schlummerten, die Bäume, hielt Dicke der Stämme und Höhe der Bäume fest. Das übertrug er auf eine Karte… und fand immer wieder rätselhafte Spuren.

Im Bezirk Tysoe, Warwickshire, England, soll es einst die Darstellung eines riesigen roten Pferdes gegeben haben. Nach lokalen Überlieferungen – und da wird seit Generationen einiges erzählt –  soll es sich am »Spring Hill« befunden haben. Trotz intensiver Sondierungen fand Samuel Gerald Wildman den gesuchten Vierbeiner leider nicht, wohl aber recht geheimnisvolle andere Darstellungen. Ein Reporter einer kleinen englischen Lokalzeitung zeigte mir Zeichnungen eines merkwürdigen Szenarios, von einer Gruppe von Wesen, die zu Spekulationen anregen. Ja wir müssen sogar mutmaßen, weil die einzelnen Elemente des mysteriösen Ensembles alles andere als eindeutig zu erkennen sind.

Der »Peitschenmann«

Da steht ein muskelbepackter Mensch mit besonders eindrucksvollen Oberarmen, offenbar eine lange Peitsche schwingend. Hände oder Füße kann ich keine erkennen. Das Bild erinnert an moderne Kunst… und soll doch Jahrtausende alt sein.

Gehören die anderen drei Wesen dazu, bilden die vier Wesen eine Einheit? Illustrieren sie vielleicht eine Sage, die einst vor Ort sehr bekannt war? Ein vogelartiges Tier (rechts neben dem Peitschenmann) beeindruckt mit punkartiger »Frisur«. Es scheint im Begriff zu sein, nach rechts wegzugehen, dreht den Kopf aber nach links in Richtung Wüterich mit Peitsche. Es blickt – eher interessiert oder neugierig als verängstigt – zum Muskelprotz.

Das »Reptil« (?)

Rechts vom Riesenvogel – er hat ähnliche Ausmaße wie der Peitschenmann – windet sich eine Art Reptil. Der Kopf des Tieres läuft spitz wie zu einem Schnabel zu, Vorderbeine sind angedeutet, Hinterbeine fehlen. Soll das eine Echse sein? Oder gar ein Drachen-Wesen aus der alten englischen Mythologie?

Unter den drei Kreaturen liegt etwas Massiges, ja Monsterhaftes. Es hat einen plumpen Leib, erinnert mich an eine Seekuh. So etwas wie Arme und Beine sind nicht zu erkennen, so etwas wie eine Flosse mag da Richtung »Kopf« angedeutet sein.  In seinen Dimensionen ist es fast genauso groß wie die drei anderen Wesen zusammen. Die »Flosse« muss aber nicht unbedingt zum Tier gehören. Sie ist nicht mit dem Leib des Tieres verbunden. Handelt es sich um eine Riesenschlange, die das verewigt wurde?

Das »Monster« (?)

Die vom Erdreich verschluckten »Riesenzeichnungen« wurden und werden nur von einigen wenigen Forschern gesucht, noch seltener von Archäologen als von Laien. Vereinzelt habe ich auf Reisen vor Ort Wissenschaftler kennengelernt, die sich privat und »off records« durchaus auch spekulativ geäußert haben. Nur offiziell wollten sie keine Stellungnahme abgeben.  So erklärte mir ein Gelehrter, bei dem »Peitschenschwinger« könne es sich um den Gott Tiwaz handeln. Tiwaz war ein Himmelsgott, dem der legendäre Fenris-Wolf eine Hand abgebissen hat. Der von allen anderen Göttern gefürchtete Fenris-Wolf bedrohte die Götterwelt. Er galt als faktisch unbesiegbar. Schließlich konnte er nur gefesselt werden, weil Gott Tiw alias Tiwaz alias Tyr eine List mutig in die Tat umsetzte. Es gelang ihm, das mythologische Untier abzulenken und in Sicherheit zu wiegen, indem er ihm seine rechte Hand ins Maul legte. Dazu war kein anderer Gott bereit. So konnte Fenris gebändigt und mit einem Zauberfaden fixiert werden… vorübergehend allerdings nur!

Am Ende aller Zeiten wird der große apokalyptische Weltenbrand das Schicksal der Götter besiegeln. Dann wird, so lautet der Mythos, Fenris freikommen und Gott Odin verschlingen. Zur Strafe aber wird ihn der Sohn Odins – Vidar –  erschlagen.

Runenzeichen »Tiwaz«
Aus dem »Tiwaz«-Tag wurde im Englischen »Tuesday«, Dienstag. Im ersten Jahrhundert nach Christus tauchen die Angeln in römischen Urkunden auf. Um das Jahr 600 sollen sie Teile Englands kolonisiert und besiedelt haben. Sie kommen als Schöpfer von Riesenbildern infrage. Die Datierung der mysteriösen Kunstwerke ist bestenfalls vage. Stammen sie aus vorchristlichen Zeiten? Wurden sie kurz nach der Zeitenwende geschaffen oder erst einige Jahrhunderte später?

Riesenpferde, die kalkhell gen Himmel strahlten, mögen Teile eines Fruchtbarkeitsritus gewesen sein. Die Götter hoch oben im Himmel sollten sie sehen. Vielleicht befürchtete man, nicht laut genug beten zu können, so dass die Götter nicht alles verstehen konnten, in fernen himmlischen Gefilden. Um die Distanz zu überbrücken, schickte man »optische« Gebete an mächtige Himmelsgötter. Die Himmlischen sollten üppige Ernten auf den Feldern und reichlich Nachwuchs bei Tier und Mensch gewähren.

Der Peitschenschwinger könnte also ein mächtiger Himmelsgott sein, der seine Vormachtstellung zum Ausdruck bringt. Das im Vordergrund liegende Tier könnte tot sein, dem Kadaver entsteigt der darüber stehende Vogel… die Seele des toten Tieres. Und die Seele untersteht dem kraftstrotzenden Himmelsgott. Oder es handelt sich bei dem  nicht identifizierbaren Tier um ein Opfer für den Gott Tiwaz, der die Seele entgegennimmt und beherrscht?  Das ist eine Möglichkeit der Interpretation. Eine andere: Neben dem Gott »Tiwaz«, dem Himmelsgott, steht die Gans als Repräsentantin für die Himmelsgöttin.

Unklar ist, welche Rolle das Tier rechts neben dem »Vogel« spielt. In den Zeichnungen, die ich einsehen konnte, erinnerte es an ein Reptil, an eine Schlange.

Feriswolf und Schlange von Bremen

In der Unterwelt unter dem Dom zu Bremen fotografierte ich einen Fenriswolf, der gegen eine Schlange kämpft. Sollte es sich bei der Darstellung am »Spring-Hill« um eine mythologische Schlange handeln? Vielleicht könnten wir etwas mehr verstehen, wenn das Ensemble vom »Spring-Hill« sorgsam ausgegraben würde. Dann wären vielleicht mehr Details der Darstellungen zu erkennen. Bis dahin müssen wir uns auf die zeichnerischen Rekonstruktionen von Samuel Gerald Wildman (1) verlassen.

Vergeblich habe ich nach Luftaufnahmen gesucht, die angeblich vor 50 Jahren vom »Spring-Hill« gemacht wurden. Angeblich sollen die Fotos im Archiv der »Birmingham Post« aufbewahrt worden sein, waren aber nicht auffindbar…Auf diesen Fotos, meinen Unterlagen nach im Dezember 1965 aufgenommen, soll der »Peitschenmann« klar zu erkennen sein. Der Koloss hat eine Höhe von über fünfzig Metern!

Literaturhinweis

1) Siehe auch…. Wildman, Samuel Gerald: The Black Horsemen and King Arthur, London 1971

Zu den Fotos

Das »Rote Pferd von Tysoe«. Rekonstruktion: Archiv Langbein. Zeichnung teilweise vom Verfasser rot eingefärbt.

Osterinselkoloss, im Boden »versinkend«: Foto Walter-Jörg Langbein
Bald wird er verschwunden sein...: Foto Walter-Jörg Langbein

Der »Peitschenmann«: Archiv Langbein
Das »Reptil« (?): Archiv Langbein
Das »Monster« (?) : Archiv Langbein

Runenzeichen »Tiwaz«: Archiv Walter-Jörg Langbein

Feriswolf und Schlange von Bremen: Foto Walter-Jörg Langbein

300 »Alles vorbei, tom Roden….«,
Teil 300 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 18.10.2015


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Sonntag, 22. Februar 2015

266 »Tod und Leben«

Teil 266 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Der Dom anno 1939
Es regnet in Strömen, die Straße glänzt. Eine elegant gekleidete Dame hastet über das Pflaster. Ihr Schirm, den sie aufgespannt hat, wehrt sich wacker gegen den offenbar starken Wind. Im Hintergrund sind man – recht klein – weitere Passanten, die dem Regen trotzen. Rechts vorn steht ein Mann, vielleicht ein Polizist. Er blickt zur Dame. Und links im Bild erkennt man das Portal des Doms zu Bremen.

Die Aufnahme entstand am 16. April 1939. Seit einigen Jahren sind die Nationalsozialisten an der Macht. Noch ist Frieden im »Deutschen Reich«. Japan führte allerdings schon seit Monaten einen erbitterten Krieg gegen die Sowjetunion um den Grenzverlauf. In Asien sterben Soldaten der »Kaiserlich Japanischen Armee« und der »Nationalrevolutionären Armee der Republik China«. Wer den »Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg« ausgelöst hat, das ist bis heute umstritten.

Zurück zum Dom von Bremen. Bereits anno 1638 stürzte der Südturm ein. Dombaumeister Ernst Erhardt stellt in seinem »Handbuch und Führer« (1) fest: »Wenige Jahrzehnte später wurde die Spitze des Südturms und ein Teil des Kirchendaches durch Brand zerstört. Seit jener Zeit war die ehemals stolze und stattliche Kathedrale der bremischen Erzbischöfe dem Verfall anheim gegeben, der immer weiter fortschritt und bis in die neuere Zeit dauerte.

Ein Teil der Westseite lag in Trümmern, große Flächen der ehemals fest gefügten Mauern hatte das Wetter arg zerfressen, die Portale waren zerstört, Bildwerke abgemeißelt. So bot im Westen die Kirche in ihrer Verstümmelung und Verwitterung einen unerfreulichen Anblick. Aber auch an den übrigen Seiten schritt der Verfall … fort. .. Im Inneren waren die Gewölbe durch das Ausweichen der Mauern sehr schadhaft geworden, und deckten mehrere Anstriche die alten Malereien. Die vielen Schäden, die das Gebäude in den letzten Jahrhunderten durch Feuer und Menschenhand erlitten hatte, wurden entweder gar nicht oder nur notdürftig beseitigt. Endlich, im Jahre 1888, begann eine großartige Wiederherstellung des Domes in all seinen Teilen.«

Bis zum Abschluss der Arbeiten im Jahre 1901 mussten astronomische 2 800 000 Mark fast ausschließlich von der Bremer Bürgerschaft aufgebracht werden. Um den Dom zu sichern, mussten intensive Stützungsarbeiten am Fundament vorgenommen werden. Dabei wurden die als »verschollen« geltenden Gebeine von Erzbischof Liemar (verstorben 1101 n.Chr.) wieder entdeckt.

Am 16. April 1939 entstand ein Foto in Bremen. Es zeigt zur Linken den Dom, bevor er Jahre später unmittelbar vor Kriegsende massiv von den Alliierten bombardiert und wieder beschädigt, ja teilweise zerstört wurde. (Foto 1) Man erahnt die Figuren von David, Moses, Petrus und Paulus mehr als dass man sie wirklich erkennt. Und zu ihren Füßen nimmt man die metallenen Fassadenfiguren wahr. Sie stammen aus der Zeit der massiven Renovierungs- und Neubaumaßnahmen am Dom, wurden also gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschaffen, und zwar vom Bildhauer Küsthardt (2).

Schlange beißt Adler. Detail. Foto W-J.Langbein

Im Verhältnis zum rund tausendjährigen Dom sind sie also recht jung. Der Künstler, von dem keinerlei erklärende Kommentare zu den mysteriösen Monster- oder Fabeltieren vorliegen, war offensichtlich ein Kenner uralter Mythologie.

So verwendete er Symbole wie die Schlange, die das Christentum von sehr viel älteren Kulturen übernommen hatte. Die Schlange vom Dom zu Bremen ist freilich mehr Drachenmonster als das uns vertraute Reptil. Das Bremer Exemplar hat sogar Zähne im Maul, um bei Angriffen richtig zubeißen zu können. Bildhauer Küsthardt setzte die Schlange als das Symbol für das Böse ein, während die Schlange im Vorderen Orient allgemein sehr angesehen war und als personifizierte Weisheit und Erleuchtung verehrt wurde.

Schlange mit Zähnen. Detail. Foto W-J.Langbein

Die biblische Schlange versprach Adam und Eva die Unsterblichkeit der Götter. In Indien ließ sich der Schlangenkönig Vasuki herab, als Quirl zu dienen, wenn der mythische Milchozean geschlagen werden musste, um den Unsterblichkeitstrank herzustellen. Der Wunsch, wie die Götter zu werden, wurde zum Verhängnis von Adam und Eva. Bestraft wurde die Schlange, weil sie Eva verführt hatte. Gott nahm dem Reptil die Beine. Eva musste von nun an unter Schmerzen gebären und Adam im Schweiße seines Angesichts schuften. In der christlichen Plastik vor dem Dom zu Bremen kämpft der Adler (Symbol für das Christentum) gegen die böse Schlange (Symbol für das Böse). Noch aber ist der Kampf nicht entschieden. Das Reptil ist zwar nieder gerungen, greift aber noch an, verbeißt sich in der Pranke des Adlers.

Das Quirlen mit der Schlange Vasuki

Wenn Sie den Dom zu Bremen besichtigen, nehmen Sie sich Zeit für die von den meisten Besuchern kaum beachteten metallenen Fassadenfiguren, die ebenerdig auf Besucher warten. Ein sehr plastisch dargestellter Kampf ist besonders interessant und rätselhaft. Suchen Sie die mittlere Figur, es ist Karl der Große. Sie finden den Regenten mittig zwischen David und Moses zur linken Seite und Petrus und Paulus zur rechten Seite. Auch Karl der Große steht, so wie seine »Kollegen« rechts und links auf kurzen Sandsteinsäulen. Die Säule von Karl dem Großen steht auf einem Podest mit einem so gar nicht christlich wirkenden Kampfgetümmel. Da ist wieder der Löwe, mit mächtigem, imposantem Haupt. Der König der Tiere hat sich im Hals eines undefinierbaren Monsters verbissen, das einen Schrei ausstößt. Noch ist dieses Wesen mit schuppigem Leib – ein Drache mag es sein – nicht besiegt.

Kampf auf Leben und Tod. Foto W-J.Langbein

Am Boden aber liegt eine seltsame Kreatur mit säulenartigem, zerbrochenem Leib. Mit einer Pranke stützt sich der Löwe auf dem Hals des besiegten und zerstörten Dings auf. Das Haupt des unterlegenen Wesens ist menschlich, doch ist das Gesicht von Stahlen umgeben.

Tür zum Dom. Foto W-J.Langbein
Niemand schien sich für die Portalfiguren zu interessieren, an denen doch jeder Besucher des Doms vorbeigehen muss. Lange Zeit hatte ich vergeblich nach Literatur zu den geheimnisvollen Tierfiguren vor dem Dom gesucht. Ich habe mir Kirchenführer, Reiseführer, Abhandlungen über Kirchen und Dome besorgt. Niemand ging auf die doch recht großen Tierplastiken ein. Nach langem Recherchieren wurde ich endlich fündig. Ich fand in einem Antiquariat »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, 1921 in Bremen erschienen. Ernst Erhardt, Dombaumeister in Bremen von 1897 bis 1901 hat es verfasst. Erhardt geht, wenn auch nur kurz, auf die Metallfiguren ein, auch auf die interessanteste Darstellung an der Domfront (4):

»Die Karl den Großen tragende Säule ruht auf einem den Drachen überwältigenden Löwen, am Boden liegt ein zertrümmertes Götzenbild. Diese Darstellung deutet auf die durch Karl begonnene und durchgeführte Niederwerfung und Bekehrung der heidnischen Sachsen hin.« Ernst Erhardt bezeichnet das zertrümmerte Ding wohl richtig als besiegten Götzen, verzichtet aber auf Vermutungen, um welchen »Götzen« es sich wohl handeln mag. Eine Vermutung liegt mehr als nur nahe. Auf einer verzierten Säule saß einst ein Haupt mit Strahlen. Es dürfte sich bei dem »Götzen« also doch wohl um eine Sonnengottheit handeln.

Sterbendes Monster im Griff des Löwen. Foto W-J.Langbein

Dr. Ingrid Weibezahn fragt (5): »Was hat es aber mit dem Kopf mit Strahlenkranz auf sich, der zu Füßen von Karl dem Großen niedergestreckt liegt, hinter sich ein Ungeheuer, das von einem Löwen an der Kehle gepackt wird? Schon oft wurden wir von Dombesuchern mit Fragen zu dieser Szene bestürmt und konnten bisher nie eine passende Antwort geben.« Sie schildert in ihrem Artikel »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst« schließlich, wie sie dank eines Zufalls und mit detektivischem Spürsinn den »Götzen« identifizieren konnte.

Kurz gefasst: Vielleicht diente dem Bildhauer Küsthardt ein Gemälde von Alfred Rethel als Vorlage, das Karl den Großen zeigt, der soeben die Irminsul gestürzt hat. Vielleicht nahm sich der Künstler auch  ein Fresko aus dem Aachener Rathaus zum Vorbild. Wie dem auch sei: Die Irminsul wird als Statue mit einer Säule als Leib und einem Haupt mit Sonnen-Strahlenkranz dargestellt. Sie ist beim Sturz zerbrochen. Das Haupt liegt vor dem Leib, auch einige der »Sonnenstrahlen« sind abgeplatzt.

Zerbrochenes Götzenbild. Foto W-J.Langbein

Alfred Rethel (1816-1859) erinnert Dr. Ingrid Weibezahn an (5) »eine Überlieferung, nach der Karl der Große im Jahr 772 unweit der Eresburg im Sauerland ein Baum(?)heiligtum der Sachsen zerstört haben soll. Hier war nun der lang gesuchte ikonographische Zusammenhang: Ein Löwe als Symbol für die Stärke Karls (oder des Christentums, was hier quasi gleichbedeutend ist) zerfleischt ein heidnisches Ungeheuer, das Götzenbild mit dem Strahlenkranz (ein Bildnis des Germanengottes Baldur??) liegt bereits zerbrochen davor.«


Der Hinweis auf Baldur ist nicht nur interessant, sondern brisant! Baldur, auch Balder genannt, war der Sohn eines Gottes. Der Vater opferte den Sohn. Der Sohn stieg hinab in den Leib der Mutter Hel, in die Unterwelt. Aus der Unterwelt würde der göttliche Sohn zur Götterdämmerung wieder empor auf die Erde steigen. So wie Balders göttlicher Vater Odin, so opferte der biblische Gott-Vater seinen Sohn Jesus. Und so wie Balder hinab ins Totenreich stieg, so fuhr auch Jesus hinab ins Reich der Toten, nur um wieder aufzuerstehen. (6)

Haupt des Sonnengötzen. Foto W-J.Langbein

Ich bin zur Überzeugung gelangt, dass es so etwas wie einen Urglauben gibt, der in mehr oder minder variierenden Versionen zum Grundstock verschiedener Religionen wurde. Es gibt zweifelsohne den immer wieder auftauchenden »Messias«, den Retter. So wie die Natur in der Trocken oder Winterzeit scheinbar »stirbt«, so akzeptiert der »Messias« seine Opferrolle bereitwillig. So wie die Vegetation, und somit die Voraussetzung für jegliches Leben dahinschwindet, so kündigt sich auch der Opfertod des Messias an. Natürlich haben unsere Vorfahren den Zusammenhang zwischen Sonne und Leben in allen möglichen Formen erkannt. Natürlich haben sie den Sonnenzyklus verstanden, sie wussten von den Sommersonnenwenden. Am 21. Juni – zur Sommersonnenwende – steht die Sonne in ihrem Zenit, um dann tagtäglich an Kraft zu verlieren. So ist es kein Zufall, dass Balder als Sonnengott am 21. Juni getötet wird. Zur Wintersonnenwende wächst die Kraft der Sonne wieder, die »Wiederauferstehung« des Lebens – beginnend mit der kleinsten Pflanze – kündigt sich an. So ist es auch kein Zufall, dass fast genau zur Wintersonnenwende die Geburt von Jesus zelebriert wird.

Goldener Glanz der Sonne... Foto Walter-Jörg Langbein

So gab es die Opferung des Messias parallel zum »Sterben« der Natur und die »Auferstehung« des Messias parallel zum Wiedererstehen der Natur. Nach magischem Denken muss der Messias getötet werden, damit er zu neuem Leben erwachen kann… und mit ihm die Natur. Die Opferung des Messias hat seine Auferstehung zur Folge. Die Natur kann – nach magischem Denken – nur zu neuem Leben erwachen, wenn der Messias getötet wird, um wieder aufzuerstehen. Jesu Opfertod, Jesu Abstieg in die Unterwelt und neuerliche Auferstehung sind die christliche Version uralter Kulte um Sonnenkulte. Nach wie vor feiert man im Christentum zyklisch und alle Jahre wieder Geburt Jesu, Leben und Sterben Jesu, Auferstehung Jesu… Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder, Jahr für Jahr, so wie die Natur auch Jahr für Jahr »geboren wird«, »lebt«, »stirbt«, um wieder aufzuerstehen. Allerdings hat man im Christentum die Beziehung zwischen Messias und Natur vergessen oder verdrängt. Es geht offiziell nur noch um Leben und Auferstehung des Menschen, was durch Opfertod und Rückkehr des Messias ins Reich der Lebenden erst möglich wird.


Dank

Dr. Götz Ruempler, wohl einer der besten Kenner des Doms von Bremen, war äußerst hilfreich. Er nannte wichtige Quellen und schickte mir Fotokopien wichtiger Artikel. Ein herzliches Dankeschön geht an Dr. Ruempler! Ich möchte aber betonen, dass meine Gedanken zum Dom nicht mit Dr. Ruempler abgesprochen worden sind.

Paulus am Dom. Foto W-J.Langbein
Zu den Fotos:

(1) Das Foto entstand am 16. April 1939. Fotograf: unbekannt. Auf der Rückseite ist handschriftlich das Datum der Aufnahme vermerkt sowie der Hinweis »Portal des Doms u. Börse in Bremen (regnerisch)«.
(2) Das Quirlen mit der Schlange Vasuki wiki commons/ gemeinfrei

Alle übrigen Fotos stammen vom Verfasser. Das Copyright liegt wie immer bei Walter-Jörg Langbein!

Fußnoten

1) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 4 (Die Schreibweise wurde nicht der heutigen angepasst, sondern belassen!)
2) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
3) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 5
4) Erhardt, E(rnst): »Der Dom in Bremen/ Handbuch und Führer«, Bremen 1921, Seite 5
5) Weibezahn, Dr. Ingrid: »Rätsel der Fassadenfiguren gelöst«, »Domnachrichten« Nr. 4/ 2001, S. 10 und 11
6) Siehe hierzu Waddell, Augustine: »Tibetian Buddhism«, New York 1972

267 »Mumien und eine geheimnisvolle Unterwelt«
Teil 267 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 01.03.2015



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