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Sonntag, 20. August 2017

396 »Heimat, deine Kelten!«

Teil  396 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Geoglyphen in der Atacamawüste
Zwei Monate habe ich mit Freunden Südamerika bereist. Von Quito aus hatten wir mysteriöse Stätten besucht: in Ecuador, Peru, Bolivien und Chile. Wir kletterten auf  Pyramiden aus Stein, auf Pyramiden aus Erde (»Mounds«), wir standen vor riesigen Scharrzeichnungen und Geoglyphen an Erdhängen, flogen im Kleinflugzeug über Riesenbilder in trostloser Wüste. Wir standen vor Steinkolossen, die vor Ewigkeiten mit unbekannten Werkzeugen millimetergenau bearbeitet worden waren. Wir krochen durch dichten Urwald, auf der Suche nach vergessenen Pyramiden, wir erstiegen den Kegel eines erloschenen Vulkans. Und schließlich machte ich einen Abstecher zur Osterinsel. Tagelang erkundete ich mit einem französischen Ehepaar das Eiland. Wir tasteten uns durch muffige Höhlen, klettern auf heute verbotenen Wegen zu im Erdreich versinkenden Steinkolossen und suchten nach verwaschenen Gravuren in formlosen Klumpen  vor Ewigkeiten erkalteter Lavamassen.

Nach zwei aufregenden Monaten in fernen Welten traten wir die Heimreise ein. Unser Gepäck war aufgegeben, die letzten Briefe und Karten waren verschickt. Geduldig warteten wir, bis wir aufgefordert wurden, »unser« Flugzeug zu betreten. Ich weiß nicht mehr, was für eine Maschine es war, die uns von Quito nach Amsterdam bringen sollte. Es war ein Flugzeug der KLM. Als ich von einer freundlichen Stewardess begrüßt wurde, fühlte ich mich – 9548 Kilometer von zuhause entfernt – daheim, in der Heimat.

Was ist das, Heimat? Als Kind sagte mir der Begriff nichts. Als Jugendlicher wollte ich so schnell wie möglich die Heimat verlassen und die Welt bereisen. Aber als ich schließlich in der fernen Fremde nach uralten Geheimnissen suchte, spürte ich die Sehnsucht nach der Heimat. Meine Heimat ist das Frankenland. Michelau in Oberfranken, da bin ich geboren. Das ist und bleibt meine Heimat, auch wenn ich schon seit Jahrzehnten im preußischen Exil lebe.

Foto 2: Staffelberg, historische Ansichtskarte

Befremdet stelle ich fest, dass der Begriff »Heimat« in zunehmendem Maße verpönt wird. Der Duden führt »verpönt« auf der »Liste der rechtschreiblich schwierigen Wörter«. »Heimat« gilt in zunehmendem Maße als bestenfalls reaktionär. Aber braucht nicht jeder Mensch »Heimat«? Es ist eine Art Schizophrenie, die zu bedauernd und zu bemitleiden, die in der Ferne die Heimat verlassen müssen, und sich gleichzeitig geradezu zu schämen, die eigene Heimat als Heimat zu bezeichnen.

Was wissen wir über unsere Heimat? Kennen wir ihre Geheimnisse, ihre Mysterien? An der Pazifikküste Perus erzählten mir eines Abends peruanische Freunde vom mysteriösen Riesenfisch im »La Raya«-Berg. Ich revanchierte mich mit der Sage vom Riesenfisch im Staffelberg. Und ich erzählte, wie ich in meiner Jugend gemeinsam mit meinem Vater (1) den Staffelberg erkundet habe. Wir suchten und fanden immer wieder Reste einer komplexen Wallanlage, die vor rund 2200 Jahren von den Kelten angelegt worden ist. Auf dem Hochplateau hatten die Kelten einst eine wehrhafte Festung angelegt.

Foto 3: Staffelberg, historische Ansichtskarte  von 1926

Heimatforscher Konrad Radunz über den Staffelberg (2): »Seine überragendste Bedeutung erhält der Berg aber wohl durch die Tatsache, daß er über Jahrtausende hinweg von Menschen besiedelt war und in verschiedenen Epochen der Vorzeit auch befestigt war.« Weiter schreibt Radunz (3): »Während der Besucher des Berges heute von seiner landschaftlichen Schönheit angezogen wird, war es früher das Sicherheitsbedürfnis des Menschen, das ihn vor Zeiten veranlasste, die Hochfläche des Berges aufzusuchen.«


Foto 4: Frater Heinrich vor Klause und Kapelle. Historische Ansichtskarte

Die ältesten Funde, die man auf dem Plateau des Staffelbergs machte, sind rund 12000 Jahre alt! Besiedelt wurde der Tafelberg in der Jungsteinzeit, also von etwa 5500 bis 3800 Jahren. Zu einer regelrechten Festung bauten die Kelten den Staffelberg aus. Wie imposant die Verteidigungsanlage um das Plateau einst war lassen die Spuren einer einst 4,50 dicken Mauer erahnen. Freilich gehen die Ursprünge dieses Befestigungssystems in weit ältere Zeiten zurück, nämlich (4) »bis in die ausgehende Steinzeit, ca. 1800 v.Chr.«

In den 1960er Jahren erkundete ich – mit meinem Vater Walter Langbein sen., aber auch allein – den Staffelberg. So manches Mal kletterte ich querfeldein bis zum Plateau empor und stieß immer wieder auf Spuren der alten Wälle. Freilich war der Staffelberg nicht nur, und das über einen Zeitraum von Jahrtausenden, von militärischer Bedeutung. Konrad Radunz weist auf »die religiöse Bedeutung des Staffelberges« hin (5):

»Während die ehemals überragende Bedeutung des Staffelbergs im Bereich der Besiedlung, Verteidigung und wahrscheinlich auch der Administration in vollkommene Vergessenheit geraten ist, lebt die religiöse Überlieferung im Volke unvermindert nach. Abgesehen von zahlreichen Sagen, die sich heute noch um den Berg ›ranken‹ und auf eine starke mythische Bedeutung der ehemaligen Siedlung schließen lassen, besitzt der Berg heute noch eine starke religiöse Ausstrahlungskraft.«

Foto 5: Adelgundiskappe und Klause. Historische Ansichtskarte

Heutige Besucher des Staffelbergs blicken vom Plateau hinab ins Maintal, das Viktor von Scheffel anno 1859 besungen hat: »Zum heil´gen Veit von Staffelstein komm` ich emporgestiegen und seh´ die Lande um den Main zu meinen Füßen liegen. Vom Bamberg bis zum Grabfeldgau umrahmen Berg und Hügel die breite, stromdurchglänzte Au – ich wollt´, mir wüchsen Flügel. Vallerie …« Die schlichte Kapelle findet kaum Beachtung, die einstige Klause lädt zu einem kleinen Imbiss und zu gutem fränkischen Bier ein.

Die »Adelgundiskapelle« freilich kann uns an vorchristliche, ja keltische Zeiten erinnern. Sigrid Radunz gibt in ihrer Broschüre »Der Staffelberg« eine interessante Legende wieder (6) : »Wie die Kapelle auf den Staffelberg kam«. Sie schreibt: »Man weiß nicht genau, wann die erste Kapelle auf dem Staffelberg errichtet wurde, doch man erzählt sich, daß die Stelle auf der dieses Gotteshaus heute steht, durch ein Wunder bestimmt wurde. Ursprünglich wollte man nämlich die Kirche auf dem Alten Staffelberg bauen. Jede Nacht aber trugen Engel die Bausteine und alles Material, das auf dem Bauplatz lag, auf den Staffelberg. Selbst als die Wände schon ein Stück emporgemauert waren, fand man am nächsten Tag dieses Mauerwerk auf dem Plateau des Staffelberges. Schließlich entschloß man sich, der Kapelle den Platz zu geben, den der Himmel für sie ausersehen hatte.« Die Frage, die sich uns stellt: Warum hatte »der Himmel« nachhaltiges Interesse daran, dass die Adelgundiskapelle just dort errichtet wurde, wo sie heute steht?

Foto 6: Blick auf den Staffelberg.
Ein Rabe, so heißt es in einer anderen Legende (7) griff beim Bau der Adelgundiskapelle ein: »Als besondere Schwierigkeit beim Bau der Kapelle erwies sich, daß man Baumaterialien wie Sand und Wasser erst vom Tal auf den Berg transportieren mußte. Da fiel einem Maurer auf, daß häufig ein Rabe zur Baustelle kam, der aus seinem Schnabel Sand rieseln ließ. Der neugierige Arbeiter folgte unbemerkt dem Vogel und beobachtete, daß dieser in das Querkelesloch flog. Als der Mann nachforschte, fand er am Boden der Höhle Dolomitensand.«

Einst wurde auf dem Staffelberg die Statue der »Heiligen Adelgundis« verehrt. Auf ihrem Haupt saß ein Rabe. Nach christlicher Interpretation stellte der Vogel freilich den Heiligen Geist dar, auch wenn er weniger einer Taube als einem Raben ähnelt. Ein Kelte freilich würde die Statue auf seine Weise interpretieren. Für ihn wäre die Heilige Adelgundis mit dem Vogel eine keltische Göttin, etwa Badb, Morrigan, Macha oder Nemain.

Der Name der Göttin Badb lässt sich mit »Kampfesmut« übersetzen, Adelgundis bedeutet »edle Kämpferin«. Sollte es sich also bei Adelgundis um die keltische Göttin Badb in christlichem Gewand handeln? Bleiben wir am Ball, besser gesagt an der Göttin. Die keltische Göttin Morrigan – Attribut Rabe – erscheint als weibliche Trinität, als Fruchtbarkeitsgöttin Anu, als Muttergöttin Badb und als Todesgöttin Macha, kurz als heidnische Dreifaltigkeit! In keltischen Gebieten des »Imperium Romanum« gab es den Typus der Muttergottheiten, Matronen genannt. Häufig traten die himmlischen Damen als Trinität auf (Foto 7, weiter unten!).

Die keltische Göttin Macha, Attribut Rabe, spielt eine wichtige Rolle in der Mythologie Irlands. Ihr Name geht auf die indogermanische Wurzel »magh« zurück, zu Deutsch »kämpfen«. Ist also Adelgundis, zu Deutsch »edle Kämpferin«, die christliche Version der keltischen Göttin Macha? Da verwundert es mich nicht, dass auch Nemain, Attribut, eine Göttin des Kampfes war! Ist es ein Zufall, dass der Adelgundis, der »edlen Kämpferin« ein rabenartiger Vogel beigestellt wird, so wie den keltischen Göttinnen Badb, Morrigan, Macha und Nemain?

»Das Namensfest der hl. Adelgundis liegt in verdächtiger Nähe zum 1. Februar, dem Geburtstag der heiligen Brigitte von Irland, die damit das keltische Fest Imbolc, den Frühlingsanfang, christianisierte. Interessanterweise befindet sich die heilige Brigida unter den 16 Nothelfern, die in der Kapelle mitverehrt werden.«, lesen wir bei Paul und Sylvia Botheroyd (8).

Der Rabe ist offensichtlich sehr wichtig in der keltischen Welt der Göttinnen und Götter (9): Der germanische Gott Odin (Wotan), Gott der Weisheit und der Schlachten, konnte sich gelegentlich in einen Raben verwandeln. Außerdem führte er immer »Munin« und »Kunin« mit sich, zwei Raben, die er jeden Tag ausschickte um zu erfahren, was in der Welt Wichtiges geschah. Odin war der höchste Gott der Germanen und deshalb waren ihnen die Raben heilig. Sie verehrten sie als Göttervögel.

Foto 7: Keltische Matronen-Göttinnen.

»Heimat, deine Kelten«… Besinnen wir uns unserer kulturellen Wurzeln. Was wissen wir über unsere Heimat? Erkunden wir unsere Heimat! Gibt es auch bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, Spuren der Kelten? Gibt es auch bei Ihnen in Kapellen und Kirchen Hinweise auf »Heilige«, die als keltische Göttinnen in christlichem Gewand identifiziert werden können? Es lohnt sich zu recherchieren, zum Beispiel in altehrwürdigen Gotteshäusern, aber auch in Museen und Bibliotheken. Sagen aus alten Zeiten enthalten oft verschlüsselte Hinweise auf eine Vergangenheit, die vielleicht schon bald verdrängt und vergessen sein wird!

Fußnoten
1) Walter Langbein sen. (1924-2005)
2) Radunz, Konrad: »Der Staffelberg, eine antike Befestigung am Obermain«, »Heimatbeilage zum Amtlichen Schulanzeiger des Regierungsbezirks Oberfranken«, Bayreuth im Juli 1971, Nr. 36, Titelseite, Zeilen 11 – 13 von unten
3) ebenda, Seite 2, Zeilen 1-3 von unten und Seite 3, 3. Zeile von unten
4) ebenda, Zeile 10 von unten
5) ebenda, Seite 23, Zeilen 1-7 von unten
6) Radunz, Sigrid: »Der Staffelberg«, Lichtenfels 1983, Seite 19 unten und S. 20 oben
7) ebenda, S. 20: »Der hilfreiche Rabe«
8) Botheroyd, Paul und Sylvia: »Deutschland/ Auf den Spuren der Kelten«, München 1989, Kapitel Staffelstein, S. 193-196, Zitat S. 194
9) »Planet Wissen«/ Harald Brenner, ARD, http://www.planet-wissen.de,  Stand 23.10.2014


Zu den Fotos
Foto 1: Geoglyphen in der Atacamawüste, Chile. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Staffelberg, historische Ansichtskarte. Foto Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Staffelberg, historische Ansichtskarte  von 1926. Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Frater Heinrich vor Klause und Kapelle. Historische Ansichtskarte, Archiv Walter-Jörg Langbein

Foto 5: Adelgundiskappe und Klause. Historische Ansichtskarte , Archiv Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Blick auf den Staffelberg. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7: Keltische Matronen-Göttinnen. Foto wiki commons/ Mediatus


Walter-Jörg Langbein
397 »Von einem, der auszog, um Pfarrer zu werden«,
Teil  397 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 27.8.2017


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Sonntag, 2. März 2014

215 »Jesus, Atahualpa und die Pyramiden von Cochasquí«

Jesus von Cochasqui.
Foto: Ingeborg Diekmann
Teil 215 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                    
von Walter-Jörg Langbein


Jesus ist von den Toten auferstanden. Er fährt auf zum Himmel. So ist es beim Evangelisten Markus zu lesen  (1). Nach einem der Petrusbriefe (2) ist Jesus der, »der in den Himmel gegangen ist, dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.« Ein unbekannter Künstler, vermutlich aus Quito, Ecuador, hat diese berühmte Szene in Stein verewigt. Man sieht Jesus gen Himmel schweben, zahlreiche Hände versuchen noch, nach ihm zu greifen.

In Cusco erklärte mir ein katholischer Geistlicher: »Vor rund 2000 Jahren hofften Jesu Anhänger, ihr Messias werde sie erlösen – von der Knechtschaft der Römer. Die Anhänger Atahualpas setzten ihre Hoffnungen in den letzten Herrscher der Inkas. Sie wurden aber enttäuscht. Atahualpa wurde – wie Jesus – hingerichtet. (3) Und das, obwohl die Inkas aus dem gesamten Reich gigantische Gold- und Silberschätze als »Lösegeld« herbeischafften. Herrlichste Kunstwerke aus Gold und Silber wurden tonnenweise zu Barren geschmolzen… etwa fünf Wochen lang! Man schätzt, dass rund 200 Tonnen Preziosen geraubt und vernichtet wurden. Aber die »zivilisierten« Spanier brachen ihr Versprechen, Atahualpa freizulassen. Sie befürchteten wohl mit Recht, der Inka-Herrscher Atahualpa könnte nach seiner Freilassung doch noch ein riesiges Heer aufstellen die entscheidende Schlacht gewinnen. Zahlenmäßig waren die Inka-Truppen den spanischen haushoch überlegen. Aus Sicht der Spanier war Inka-General Ruminahui.


Mauerreste eines angeblichen Palasts von Atahualpa.
Foto Walter-Jörg Langbein

Gold- und Silberschätze trafen auch nach der Ermordung Atahualpas aus allen Teilen des riesigen Reiches ein. Unzählige Karawanen mit unvorstellbaren Reichtümern schafften gewaltige Gold- und Silbermengen zu den spanischen Verbrechern. Noch so mancher Transport wurde in entlegenen Regionen des Inkareichs beladen und losgeschickt, als die Spanier ihren Gefangenen nach einem Scheinprozess längst ermordet hatten. So trafen weiter Teile des Lösegeldes ein, sollen aber noch rechtzeitig vor den Spaniern versteckt worden sein! Aber wo?

In den kilometerlangen unterirdischen Gängen von Cusco, zum Beispiel. Noch heute soll es ein gigantisches Netz von unterirdischen Tunneln geben: unter der alten Stadt Cusco ebenso wie im Umfeld der alten Metropole. Aus Zeiten der spanischen Eroberung sind Berichte überliefert. Demnach sollen einzelne Zeugen in der mysteriösen Unterwelt tatsächlich Gold- und Silberschätze aus Atahualpas Lösegeld gesehen haben.


Einige der Pyramiden von Cochasqui, Ecuador.
Foto Walter-Jörg Langbein

Es gab leider offenbar schon vor Jahrhunderten das Gerücht, die mysteriösen Pyramiden von Cochasquí in Ecuador würden in ihrem Inneren unvorstellbare Kostbarkeiten bergen. Cochasquí liegt rund 50 Kilometer nördlich von Quito, Ecuador, in der Pichincha-Provinz – in einer Höhe von 3100 Metern über dem Meeresspiegel.

Pyramide mit »Narbe«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Gerücht führte dazu, dass teilweise mit brachialer Gewalt Schatzsucher den Pyramiden von Cochasquí zu Leibe rückten. Fünfzehn Pyramiden-Stümpfe und etwa genau so viele Grabstätten sind von Archäologen katalogisiert worden. Wie mir ein katholischer Geistlicher schmunzelnd erzählte, suchen seit Jahrhunderten Archäologen und Grabräuber um die Wette. Gold und Silber wurden bislang so gut wie nicht gefunden. »Pyramide 9« machte auf mich einen besonders traurigen Eindruck. Es sieht so aus, als habe man ihr mit einem riesigen Messer eine klaffende Wunder zugefügt. Hier waren Grabräuber, keine Archäologen, am Werk. Zu ihrer großen Enttäuschung stießen sie aber nur auf massives Mauerwerk. Und das diente nicht als Schutz für Preziosen aus Inkazeiten, sondern als inneres »Skelett«, das dem künstlichen »Berg« Halt verleihen sollte.

Zu welchem Zweck wurden die Pyramiden von Cochasquí gebaut? Archäologie war oft  von Doktrinen bestimmt. So galten die Pyramiden Ägyptens als Grabanlagen, die von Mexiko als Plattformen für Tempel. Es zeigte sich allerdings, dass eine Stufenpyramide einen Tempel tragen und eine Gruft enthalten kann (bekanntes Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexiko).


 »Tempel der Inschriften«, Palenque, Foto W-J.Langbein
  



Die Pyramiden von Cochasquí erinnern am ehesten an die Bauten von Mexiko. Sie sind oben flach. Als Grabanlagen dienten sie offenbar nie. Runde Grabbauten gab es separat von den Pyramiden. Zum Teil führten eins recht lange Rampen nach oben auf die abgeplatteten Pyramiden. Die längste Rampe dürfte fast 300 Meter gemessen haben. Ein derart langer Weg auf eher niedrige Pyramiden macht keinen praktischen Sinn.

Mich erinnert diese Bauweise an Observatorien im Alten Indien. Dort beobachteten und studierten Priester-Astronomen die Planeten unseres Sonnensystems, aber auch ferne Sterne. Trotz der Verwüstung der Pyramiden von Cochasquí konnte inzwischen bewiesen werden, dass zumindest einige der mysteriösen Bauwerke ganz eindeutig astronomische Bedeutung hatten. Es wurden von den Pyramidenbauern astronomische Beobachtungen durchgeführt, laut Lehrmeinung auch um einen möglichst präzisen Kalender erstellen zu können. Die langen Rampen waren offenbar erforderlich, um unter einem bestimmten Winkel zu bestimmten Zeiten Planeten und Sterne anzupeilen.

Cochasquí muss ein ganz besonderer Ort gewesen sein. Wer heute zu Fuß das weiträumige Areal ergründet, erahnt, wie riesig es einst gewesen sein muss ... Und wie eindrucksvoll! Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.


Eine der gut erhaltenen Pyramiden von Cochasqui. 
Foto Walter-Jörg Langbein


Unzählige Pyramiden mit langen schmalen Rampen waren auf dem rund 100 Hektar großen Gebiet verteilt. Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.

Einigkeit herrscht weitestgehend: Einst widmeten sich die Wissenschaftler von Cochasqui der Astronomie. Von den Pyramidenplattformen starrten sie in den Himmel, peilten Gestirne und Planeten an. Wie? Sie müssen eigentlich schon über  Hilfsmittel zur Anpeilung von Planeten und Sternen gehabt haben, vielleicht gar Fernrohre! Unwillkürlich muss ich an die Steingravuren aus dem Museum von Prof. Dr. Javier Cabrera denken. Nach Prof. Dr. Cabrera stammen diese Darstellungen aus der Vorinkazeit. Offiziell gelten sie aber als Fälschungen.

»Sterngucker«, Sammlung Cabrera,
Foto Walter-Jörg Langbein

Aber wo lebten die Menschen von Cochasquí, die Gelehrten, die Geistlichen, die Arbeiter? Von ihren Quartieren wurde bislang keine Spur gefunden. Nach Carl Niemann, Dresden, gab es schon vor Jahrtausenden in Südamerika eine ausgesprochen hoch entwickelte Astronomie. Diese Gelehrten peilten nicht nur – zum Beispiel – die Plejaden an, sondern auch die dunklen Zonen unserer Milchstraße. Auch die ältesten Grundmauern von Cusco sind, so Carl Niemann, astronomisch ausgerichtet. Warum? Vermutlich spielten die Sterne eine bedeutende Rolle, bei den Inkas, aber auch schon bei deren Vorfahren.

Mysteriöser Pyramiden-Schacht (li),  
Massives Mauerwerk in einer der Pyramiden (re) 
Fotos: Ingeborg Diekmann



Aus Kostengründen wurde erst ein kleiner Teil der Pyramiden von Cochasquí wirklich archäologisch untersucht. Massives Mauerwerk wurde in einer der Pyramiden freigelegt. Ein massiver Schacht wurde gegraben ... von Grabräubern? Von Archäologen? Oder stammt er gar von den Erbauern der Pyramiden? Viele Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben ...

Auch in Ecuador habe ich vor Ort immer wieder festgestellt, dass alte Glaubensvorstellungen aus Zeiten lange vor der »Christianisierung« nur offiziell in Vergessenheit geraten sind. Tatsächlich  werden aber auch heute noch neben Jesus und seiner Mutter Maria, der Himmelskönigin, alte Gottheiten wie Pacha Mama und Pacha Papa verehrt und angebetet. Die Priester vor Ort haben es in der Regel längst aufgegeben, gegen vermeintlich »heidnisches« Brauchtum anzukämpfen. Sie dulden die Verehrung der alten Muttergöttin, solange die Anhänger auch getauft sind. Dann werden Kerzen für Maria und für Pacha Mama angezündet.

Jesus von Cochasqui.
Foto Ingeborg Diekmann
Mein Informant, ein katholischer Geistlicher: »Es wird wohl noch Jahrhunderte dauern, bis der alte Glauben vergessen sein wird, bis sich der Katholizismus wirklich durchsetzen wird. Ich freue mich schon, wenn heidnischen Kulten etwas versteckt und heimlich gefrönt, dem Katholizismus öffentlich gehuldigt wird. Mir ist klar, dass für die Menschen hier kein Widerspruch besteht zwischen alten und neuen Riten. Manchmal werde ich sogar zu heimlichen Kulthandlungen eingeladen. Das sehe ich als großen Vertrauensbeweis an!«

In Rom, so versicherte mir der Priester, interessiert das niemanden. Da zählt nur die Zahl in der Statistik. Man will möglichst viele Gläubige der eigenen Konfession vorweisen können, sprich Katholiken. Dass so mancher Nachkomme der Inkas kein echter Katholik ist, sondern auch noch an alte Göttinnen und Götter glaubt, erfährt dort niemand, zumindest nicht offiziell.




Die Wunde in der Pyramide ... 
Foto Walter-Jörg Langbein
 Fußnoten
1) Evangelium nach Markus Kapitel 19,
Vers 19
2) 1. Petrus Brief Kapitel 3, Vers 22
3) Siehe hierzu Prem, Hanns J.:
»Geschichte Altamerikas«, Oldenbourg
Wissenschaftsverlag 2007,
besonders Kapitel 8!







216. Maria-Mama, Pacha-Mama
Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 09.03.2014


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Sonntag, 16. Oktober 2011

91 »Galerie der Verdammten - Mysteriöse Funde im Museum«

Teil 91 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Das »Hilde und Eugen Weilbauer
Museum« - Foto: Reinhard Habeck
Das Wesen wirkt seltsam fremdartig und zugleich vertraut. Wie ein Engel aus christlicher Glaubenswelt hat es zwei Flügel weit ausgestreckt. Der »Kopfschmuck« aber scheint so gar nicht zu dem kleinen Tonfigürchen zu passen. Ich trete näher an die Vitrine. Es kommt mir so vor, als trüge die Kreatur einen undefinierbaren Aufsatz auf dem Kopf. Rechts und links vom Gesicht hängen zwei Zapfen weit herab, etwa bis zur »Gürtellinie«. Sie erinnern mich an Reißzähne eines Raubtiers. Entdeckt habe ich das kuriose archäologische Artefakt im »Museum Hilde und Eugen Weilbauer«, Quito.

Offenbar war die kleine Statuette beschädigt, als man sie bei Ausgrabungen fand. Ein Teil des rechten Flügelchens war abgebrochen und wurde von einem Restaurator ersetzt. »Winged figure« steht auf einem kleinen Täfelchen ... Und wie wird das archäologische Artefakt datiert? Die Experten des »Museums Hilde und Eugen Weilbauer«, Quito, gehen davon aus, dass die »Gestalt mit Flügeln« zwischen 500 v. Chr. Und 500 n. Chr. entstand. Sie stammt wohl aus der Region Manabi, von der Küste, nordwestlich von Quito.

Verfasser Langbein mit dem
Flügelwesen - Foto: Steffi Liersch
Offenbar gab es damals schon so etwas wie eine kunstgewerbliche Industrie, die so etwas wie »Massenproduktion« kannte. Man arbeitete rationell. Die Figürchen wurden in Formen gegossen ... und stellten, so heißt es in der archäologischen Literatur, gewöhnlich Krieger, Musiker, Jäger und Tänzer dar. Mit anderen Worten: Porträtiert wurden Zeitgenossen bei alltäglichen Arbeiten von damals, keine Fantasiewesen.
Die Vorderseiten dieser Miniaturkunstwerke wurden stets mit großer Liebe zum Detail gestaltet, die Rückseiten blieben weitestgehend unfertig. »Offenbar sollte man die kleinen Kunstwerke nur von vorne sehen. Sie wurden wohl bei Riten und Zeremonien verwendet.« Und sie wurden bis weit ins Landesinnere von Ecuador versandt ... vor rund zwei Jahrtausenden. Das erfuhr ich im Museum. Es muss am Meer Handelszentren gegeben haben, in denen getauscht wurde: feine Stoffe gegen kunstvolle Miniaturskulpturen zum Beispiel ... oder landwirtschaftliche Produkte des Ackerbaus gegen Kunsthandwerkliches.

Leider fehlt jede schriftliche Quelle aus uralten Zeiten, die uns bei der Interpretation der kleinen bewundernswerten Kunstwerke behilflich sein könnten. Solche Quellen gibt es aber nicht ... So sind wir auf Vermutungen und Spekulationen angewiesen!

Das Flügelwesen ...
Foto: W.-J.Langbein
Die »Gestalt mit Flügeln« zeigt offensichtlich keines der typischen Manabi-Motive. Auch im »Museum Hilde und Eugen Weilbauer« will man sich nicht so recht festlegen: »Vielleicht haben die Menschen Drogen konsumiert und glaubten dann, sie könnten fliegen ...« Dann stellt das kleine Wesen also einen Schamanen dar? Das könne durchaus sein, teilt man mir auf meine Nachfrage im Museum mit.

In der Provinz Manabi soll das Zentrum der Keramikkünstler gewesen sein, notiere ich im Museum nach den Informationen an diversen Vitrinen. In der »klassischen Jama-Coaque-Epoche«, etwa 500 vor bis 500 nach Christus, wurden besonders viele besonders schöne Miniaturkeramiken geschaffen. Große Sorgfalt wurde auf die Darstellung der Kleidung gelegt. Offenbar gab es unterschiedliche Stände in der Gesellschaft, von denen wir nicht viel wissen. Vermutlich waren bestimmte Stoffe bestimmten Ständen vorbehalten.

Eine beeindruckende Fülle von Figürchen füllt zahlreiche Vitrinen. Mich interessieren aber jene Artefakte, die es nicht wirklich eine Erklärung gibt. »Die Menschen lebten damals in einer Welt der Mythen. So glaubten sie, dass eine Riesen-Anakonda einst das Leben auf die Erde brachte ... « erklärte mir etwas ausweichend Dr. Patricio Moncayo Echeverría, heute Direktor des »Hilde und Eugen Weilbauer Museums« bei meinem Besuch am Vormittag des 26. August 1992.

Mythologisches
Fabelwesen
Foto: W-J.Langbein
In die Kategorie »Mythenwelt« gehören demnach auch Mensch-Tier- oder Tiermensch-Wesen ... wie jenes Fabelwesen, das ich in einer in eine Ecke verbannte Vitrine entdecke. Auch diese kleine Skulptur wird für mich aus der Vitrine geholt. Ich muss zugeben: Es war ein eigenartiges Gefühl, dieses etwa zwei Jahrtausende alte Artefakt in den Händen halten zu dürfen. Meiner Meinung nach war die Kreatur nicht – wie die anderen Skulpturen – aus Ton geschaffen, sondern aus ein leichten, porösen Stein geschnitzt.

Winzige Farbpartikelchen am und im porösen Stein könnten darauf hinweisen, dass die steinerne Kreatur - sie könnte einem Horrorstreifen à la »Alien« entsprungen sein - einst bunt bemalt war. Eine entsprechende Untersuchung wurde bislang nicht durchgeführt. Es fehlt auch heute noch ... das Geld. Oder will man gar nicht wirklich Genaueres über das »Monster« erfahren?

Ein Museumsmitarbeiter erklärt mir hinter vorgehaltener Hand: »Solche seltsamen Darstellungen gehören eigentlich nicht in einen öffentlichen Ausstellungsraum ... sondern ins Depot des Museums ... in den Keller!« »Warum?« will ich wissen. »Solche Sachen irritieren doch nur die Besucher eines Museums!«

Fabelwesen aus Stein
Foto: Archiv WJL
Bei solchen Äußerungen muss ich an den großen Archivar der verdammten Tatsachen, an Charles Hoy Fort (1874-1932) denken. Fort veröffentlichte 1919 sein erstes Buch, betitelt »Book of the damned« ... . Die deutsche Übersetzung ließ lange auf sich warten: »Das Buch der Verdammten« kam erst 1995 auf den Markt. Fort konnte dank einer Erbschaft zum Erforscher der verbotenen Fakten werden. Er interessierte sich brennend für die Welt der Wissenschaften ... allerdings nicht für die hinlänglich beantworteten Fragen und faktenreich belegten Theorien. Ihn faszinierten die Fakten, die seiner Überzeugung nach von der Wissenschaft »unter den Teppich gekehrt« wurden. Er fand spannend, was mit den herkömmlichen schulwissenschaftlichen Theorien nicht erklärbar war. Fort bezeichnete diese verhassten Fakten ... als »Verdammte«. Bis zu seinem Tode wühlte er sich wie ein Besessener durch ganze Bibliotheken und trug Zigtausende Fakten zusammen, die seiner Überzeugung nach das Dasein von Verdammten fristeten. Drei weitere Bücher Forts erschienen, die allesamt sehr zu empfehlen sind! (2a-c)

Fort leitete sein »Buch der Verdammten« so ein: »Eine Prozession der Verdammten. Mit den Verdammten meine ich die Ausgeschlossenen. Wir werden eine Prozession der Daten vorbeiziehen sehen, die von der Wissenschaft ausgeschlossen wurden. Bataillone der Verfluchten werden marschieren, angeführt von bleichen Daten, die ich exhumiert habe.«

In über drei Jahrzehnten meiner Reisen um die Welt erlebte ich immer wieder, dass es diese »Verdammten« tatsächlich gibt! Es gibt »Artefakte«, die ich ganz im Sinne von Fort als »verdammt« ansehe. Einige von ihnen schafften es in Museen, wie die Objekte im »Museum Hilde und Eugen Weilbauer«, andere warten in Kellern und Depots auf »Erlösung« ... und wieder andere werden gern schnell als »Fälschungen« deklariert und fristen in belächelten Privatsammlungen ein trauriges Dasein.

Fußnoten
1 Fort, Charles Hoy: »Das Buch der Verdammten«, Frankfurt am Main 1995
2a Fort, Charles: »New Lands«, New York 1923/ Übersetzung »Neuland«, Frankfurt am Main 1996
2b Fort, Charles: »Lo!«, New York 1931/ Übersetzung »Da!«, Frankfurt am Main 1997
2c Fort, Charles: »Wild Talents«, New York 1932/ Übersetzung »Wilde Talente«, Frankfurt am Main 1997 

»Astronauten, Taucher, Fabelwesen?«,
Teil 92 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 23.10.2011

Sonntag, 25. September 2011

88 »Auf der Suche nach verschollenen Pyramiden«

Teil 88 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die grüne Hölle vom
Sangay - Foto:
W-J.Langbein
Man stelle sich Hunderte von Pyramiden unterschiedlicher Größe vor. Aus der Luft betrachtet, ergeben sie riesige Bilder ... zum Beispiel von einem Giganten beim Sex mit einer Riesenkatze ... Man stelle sich vor, diese gewagten Darstellungen wurden vor Jahrtausenden im Urwald geschaffen ... Ist das der Stoff, aus dem Indiana-Jones-Filme gemacht werden? Die Bildnisse aus Pyramiden gibt es wirklich ... in Ecuador, unweit des Sangay-Vulkans ... mitten in dichtestem Urwaldgestrüpp.

Warum man nie etwas von diesem Geheimnis erfährt? Weil man eine strapaziöse Anreise auf sich nehmen muss, so man vor Ort recherchieren möchte ... Mit einigen Freunden machte ich mich vor Ort auf die Suche nach verschollenen Pyramiden ... und jegliche Abenteuerromatik verging recht schnell ...

Der »KLM-Cityhopper« startet pünktlich auf die Minute um 19.55 in Hannover. Das sonore Brummen der Propeller wirkt vertrauenerweckend. Die gelegentlichen »kleinen Turbulenzen« schütteln uns – Steffi, Torsten und mich – kräftig durch. Unser Anschlussflug gen Südamerika hat reichlich Verspätung. Erst um 3.40 morgens geht es weiter Richtung Südamerika. In Curaçao wird – warum auch immer – ein Zwischenstopp eingelegt. Schade, dass wir die Karibik-Insel nicht erkunden können ... denn schon geht es weiter nach Quito. 6.30 Uhr Ortszeit landen wir ... Freudig werden wir von Willi begrüßt.

Die Brücke über den
Rio Pastaza -  Foto: WJL
Von Quito sollte es eigentlich per Flugzeug weiter nach Macas gehen ... zu unserer Urwaldexpedition auf der Suche nach verschollenen Pyramiden. Wir sind zuversichtlich: Prof. M., Archäologe, stimmt uns optimistisch, weiß er doch ganz genau, wo die rätselhaften Pyramiden zu finden sind. Leider hat er aber eine Kleinigkeit vergessen. Er hat es versäumt, uns Plätze für den Flug zu reservieren. Es zeigt sich kurz vor dem geplanten Abflug, dass der Donnervogel vollkommen ausgebucht ist ... Der Terminplan für unsere Südamerikareise bietet keine freien Tage. Wir müssen Termine einhalten ... und den Bus nehmen. Die 245 Kilometer Luftlinie wären im Flugzeug ein Klacks gewesen ... im Bus ist die Nachtfahrt eine echte Tortur.

Es gibt nur einen Bus, der diese Strecke über marode »Landsträßchen« abklappert. Er hält an jeder »Milchkanne«. Ständig werden riesige Kisten und sperrige Bündel aufs Busdach gewuchtet oder wieder abgeladen. Mit vereinten Kräften stemmen drei Männer mit Schnüren zusammengebundene dicke Äste hoch zu Koffern und Zementsäcken. Ständig steigen neue Fahrgäste ein und andere wieder aus. Die Fahrt verläuft ohne nennenswerte Zwischenfälle. Die eine oder die andere Ziege bedarf einer gewissen Überredungskunst, steigt dann aber doch meckernd in unser Vehikel ein. Ich muss zugeben, die Luft ist nach einigen Stunden der Fahrt schon etwas stickig-muffig ... aber daran gewöhnen sich die Tiere rasch.

Nachtfahrt Quito Macas
Foto: Torsten Sasse
Mitten in der Nacht erreichen wir den »Rio Pastaza«. Alles steigt aus ... in pechschwarzer Nacht, mitten im Urwald. Mit unserem Bus können wir nicht weiter ... Kaum einer bleibt im Bus. Jeder sucht sich eine möglichst bequeme Sitzgelegenheit, einen alten Baumstumpf oder einen großen Stein. Langsam wird es Morgen. Emsig wird das Gepäck vom Busdach gewuchtet. Zu Fuß geht es über eine nicht wirklich vertrauenerweckende Brücke. Und auf der anderen Seite können wir dann fahrplanmäßig mit einem anderen Bus weiterfahren ... einige Stunden später.

Wir schleppen unser Gepäck über die Brücke ... unbeeindruckt von den wackeligen und manchmal verdächtig morschen Holzbrettern. Nur einige Stunden später klettern wir in den Anschlussbus. »Bald sind wir in Macas!« prophezeit der Professor wohlgelaunt. »Dann gibt es ein herzhaftes Frühstück. Ich kann den Kaffeeduft schon förmlich riechen ...« Ich will ein wenig schlafen, komme aber nicht dazu ... Einige Stunden später sitzen wir aber immer noch nicht beim so sehnlich herbei gewünschten Frühstück. Wieder legt der Bus eine außerplanmäßige »Pause« ein ... wieder hält uns eine Reifenpanne auf ... die dritte in kürzester Zeit.

Macas ... Endlich sind wir in Macas ... keine fünfzig Kilometer entfernt ragt der Vulkan Sangay in den Himmel, stolze 5230 Meter hoch ... ein Berg, der die Menschen schon vor Jahrtausenden immer wieder in Angst und Schrecken versetzte ... Ein Tor zur Hölle ... ein Weg zum Himmel. Der Sangay mag schon als göttlich verstanden worden sein, als in Europa »tumbe« Höhlenmenschen hausten.

Der Sangay-Vulkan
Foto: Albert Backer
»Sehr, sehr selten rumort er!« beruhigt uns Professor M. Zum letzten Mal brach der Sangay 1918 aus. Der mächtige Berg sei »halbschlafend« und daher »ungefährlich«, so konstatierten damals die Experten beruhigend. 1998 sahen sich die örtlichen Behörden allerdings dazu genötigt, den Sangay zum »aktiven« Feuerberg zu erklären. Es rumorte heftig in der vulkanischen Unterwelt. Am 5. Oktober kam es zu einer heißen Gaseruption. Ein australischer Bergsteiger und sein Guide aus Ecuador kamen ums Leben. Es rumorte im Vulkan. Rotglühende Lavaströme quollen aus dem Schlund. Wabernde Schwefelwolken versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Stand ein Ausbruch bevor? 20.000 Menschen wurden evakuiert, Straßen wurden gesperrt. Die befürchtete Katastrophe blieb aus ... bis heute. Sie ist längst überfällig ...

Die Menschen von Macas denken nicht gern über die Gefahr nach, in der sie schweben. Eine Evakuierung von Zigtausenden Bewohnern in womöglich kürzester Zeit ist nicht machbar. Die kleinen Sträßchen lassen das nicht zu. So leben die Menschen wie auf dem sprichwörtlichen Pulverfass ...

Eine schmale Straße als Fluchtweg - Foto W-J.Langbein

















»Im Urwald«,
Teil 89 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.10.2011


Sonntag, 1. Mai 2011

67 »Der Engel der Apokalypse und der Bienenkorb aus Stein«

Teil 67 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Engel der Apokalypse
(Foto Cayambe)
»Und wohin soll die nächste Reise gehen?« fragt mich der Zahnarzt und bohrt gnadenlos weiter. Meinem weit geöffneten Mund entwichen einige unartikulierte Laute. »Aha.. also nach Südamerika... und wohin genau?« Wieder versuche ich zu antworten, so gut das mit weit aufgerissenem Mund und einem surrenden Bohrer am schmerzenden Zahn möglich ist. »Ecuador.. Ecuador... Ja, da möchte ich auch gern mal hin... zum Beispiel nach Quito!« Ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber, dass der Zahnarzt genau versteht, was jeden anderen Menschen kaum noch an menschliche Sprache erinnert. Geduldig hört er meine Sprechversuche an, arbeitet konzentriert weiter, nickt und empfiehlt: »Dann müssen Sie aber unbedingt den Engel der Apokalypse besuchen!« Ich nicke. »Nicht mit dem Kopf wackeln, oder wollen Sie, dass ich in die Zunge bohre?« Ärgerlich schüttelt der Herr im weißen Kittel den Kopf und bohrt weiter. »Gleich haben wir's!«

Einige Wochen später stehe ich am Fuße des »Engels der Apokalypse«. Anibal Lopez aus Quito setzte ihn nach den präzisen Vorgaben von Augustín de la Herrán Motottas zusammen. 7000 vorgefertigte Aluminiumteile wuchsen so zu einer mysteriösen Statue zusammen. Das geflügelte Wesen, 45 Meter hoch, steht auf einem Globus, um den sich eine riesige Schlange windet. Ist es wirklich eine Schlange? Der Kopf erinnert mehr an ein monströses Fabelwesen als an die Schlange, die im Paradies Eva verführte.

Am 28. März 1976 weihte Pablo Munoz Vega, der 11. Erzbischof von Quito, das Denkmal. Für den frommen Kirchenmann war es die Maria von Quito. Hat er die mächtigen Flügel an den Schultern der stolzen Statue übersehen? Mir sind keine Mariendarstellungen mit Flügeln bekannt. Verschmitzt lächelnd erklärt mir ein Geistlicher vor Ort: »Wir nennen sie lieber Maria von Quito als unseren ›Engel der Apokalypse‹! Maria klingt nicht so furchteinflößend wie ›Engel des Weltuntergangs‹« Als Vorlage diente eine kleine Skulptur, die Bernardo de Legardo anno 1734 geschaffen hat: die »Jungfrau von Quito« heißt sie, ist auch unter dem Namen »die Tänzerin« bekannt.

Milde lächelnd blick die Statue auf blutgetränkten Boden. Anno 1822 fand hier die Schlacht von Pichincha statt. General Antonio José de Sucre besiegte die spanischen Truppen. Aufständische Rebellen beendeten damit endgültig die Vormacht der Spanier, die so viel Leid über Südamerika gebracht hatten.

Blick auf Moloch Quito (Foto W.-J. Langbein)
Ich stehe zu Füßen der Statue, auf einem Hügel am Rande Quitos. Die Erderhebung hat die Gestalt eines Brotleibes, deshalb heißt sie im Volksmund »El Panecillo«. »Hier oben stand einst ein Denkmal der Heiden. Sie beteten zu den Gestirnen und beobachten Sonne, Mond und Sterne.« Der Kultbau, der wohl schon vor den Zeiten der Inkas gebaut wurde, sei von den Spaniern zerstört worden. Zusammen mit dem Geistlichen gehe ich einige Schritte in Richtung einer kleinen steinernen Mauer. Zu unseren Füßen erstreckt sich Moloch Quito. Aus etwas mehr als 3000 Metern Höhe lässt sich die Hauptstadt Ecuadors überblicken. Sie liegt unter einer wabernden Glocke aus Abgasen aus Fabrikschornsteinen und von qualmenden Feuern in den Armenvierteln. Wie viele Menschen in der Stadt wohnen, die sich wie ein Krake ausbreitet, weiß niemand wirklich zu sagen. Amtliche Daten, von eifrigen Beamten ermittelt, sind wenig verlässlich. Denn ständig strömen aus der verarmten ländlichen Umgebung Arbeitsuchende in die Stadt. Sie bauen sich illegal Hütten. 1.500.000 Menschen soll Quito anno 2005 beherbergt haben. Heute mögen es 1.700.000 oder mehr sein.

Der mysteriöse »Bienenkorb« (Foto W.-J.Langbein)
Zu unseren Füßen mache ich ein seltsames »Gebäude« aus: eine steinerne Kuppel ohne Fenster. »Das ist der Bienenkorb von Quito...« erklärt mir der Geistliche fast etwas unwirsch. »Manche nennen das Ding auch ›la olla‹, Kochtopf...« Das kuriose Denkmal ist knapp über sechs Meter hoch, sein Durchmesser beträgt drei Meter. Die einzige Öffnung führt nach oben, zum Himmel. 45 cm misst das kreisrunde Loch. Gebaut wurde es aus exakt zugehauenen, feinporigen Andesit-Steinen. Das Material ist also vulkanischen Ursprungs.

Mit dem Priester umrunde ich auf gepflastertem Boden das mysteriöse Gebäude. Seine Basis liegt tiefer, ragt aus einem runden Schacht empor. »Kommt man heute noch hinein?« möchte ich wissen. Ich erfahre, dass das möglich ist. Man muss nur vom »steinernen Bienenkorb« bergab, Richtung Stadt klettern. Dann kommt man an einen Tunneleingang. Kriecht man in den steinernen Schlund, so gelangt man unterirdisch direkt in das Innere des Bienenkorbs hinein. Empfehlenswert ist ein solcher Versuch aber nicht.

Schon der Abstieg zum Tunneleingang ist nicht ungefährlich. Und im kurzen Tunnel selbst hausen angeblich Obdachlose, die neugierige Touristen in ihrem Unterschlupf nur ungern sehen. Überhaupt gilt der Region um den »Bienenkorb« als höchst gefährlich. Touristen wird dringend abgeraten, zu Fuß von der Stadt herauf zum Denkmal zu wandern. So warnt »Ecuador und Galápgos«, ein Reiseführer (1): »Da der Weg zum ›Freiheitsgipfel‹ nicht ungefährlich ist, sollte man ein Taxi nehmen. Vom Unabhängigkeitsplatz hinauf zum et eine Taxifahrt – die Wartezeit des Fahrers mit eingerechnet – 2 bis 3 US-Dollar!«

Verfasser Langbein vor dem  »Bienenkorb«
(Foto Willi Dünnenberger)
Welchem Zweck diente dieses runde »Auge«? Vielleicht war es ein Rauchabzug... Wenn im Inneren der steinernen Kuppel ein Feuer geschürt wurde, konnte der Qualm durch das kleine Loch in der kuppelförmigen Decke abziehen. Wenn der »Bienenkorb« so etwas wie eine Behausung war, wieso gab es dann keine Fenster? Und selbst wenn der Rauch durch die »Dachluke« entweichen konnte... dürfte der Qualm im Inneren einen längeren Aufenthalt höchst unangenehm gestaltet haben!

»Vielleicht war es ja auch so etwas wie ein Observatorium, zur Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen....« räumt der kundige Geistliche ein. »Vielleicht ist das steinerne Ding ja eine alte heidnische Kultstätte?« Meine Vermutung wird empört mit einer barschen Handbewegung beiseite gewischt. Tatsächlich gab es einst als einzigen Schmuck an der Außenseite die Darstellung einer »Sonnengottheit«. Auf einer »Sonnenscheibe« war so etwas wie ein menschliches Gesicht zu sehen. Hatte also doch ein uraltes sakrales Gebäude die Zerstörungswut der Spanier überlebt? Das ursprüngliche Bauwerk sei von den Spaniern abgerissen, später sei eine Kopie errichtet worden... mit der Gravur einer heidnischen Sonnengottheit! Seltsam... Wie auch immer: der Bienenkorb wurde gemauert, die Inkas aber setzten nie Mörtel ein. Diese Tatsache spricht gegen die Inka als Erbauer des mysteriösen Monumentes. Wer aber hat es dann errichtet?

Quito ist von einer Apokalypse
bedroht... (Foto W.-J.Langbein)
Seltsam: Die Schlange mit dem Monsterkopf zu Füßen des Engels der Apokalypse und die Sonnen-Gottheit am »Bienenkorb« von Quito muten so gar nicht christlich an! Ich fühle mich an uralte matriarchalische Religionen erinnert, in denen Schlangen, Drachen, Sonne und Mond eine besonders wichtige Rolle spielten!

Geologisch ist Quito für Wissenschaftler sehr interessant. Fast die gesamte Stadt liegt auf sandigem Boden, den der Vulkanismus hinterlassen hat. Erdbeben und Vulkanausbrüche tauchten die Stadt immer wieder in apokalyptische Szenarien. Alte Gebäude, so wissen Einheimische, wurden mindestens vier Mal bei Vulkaneruptionen zerstört und wieder errichtet. Vierzehn Vulkane um Quito wirken recht bedrohlich. Fast zehn Jahre ist es her, dass der im Osten gelegene Reventador ausbrach. 2002 brach in der Millionenmetropole Chaos aus. Vulkanasche schien alles beerdigen zu wollen. Die Behörden riefen den Notstand aus.

Noch schlummert der Reventador, der seit Jahrhunderten regelmäßig ausbricht. Auf Satellitenfotos erkennt man seinen Schlund, der wie ein düsteres Tor zur Hölle aussieht. Vierzehn Vulkane umgeben Quito. Die meisten Bewohner verdrängen es wohl. Aber es ist eine Tatsache, dass ein Inferno droht. Jederzeit kann es wieder ausbrechen. Es wird zu einer Apokalypse von Quito kommen. Die Frage ist nicht, ob das geschieht... sondern wann!

Das Leben pulsiert in Quito wie in so mancher Millionenmetropole Südamerikas. Nirgendwo sonst aber weisen so viele schneebedeckte Vulkane auf eine mögliche Apokalypse hin. Im Süden thront stolz der Cotopaxai (5897 m), im Osten ragt der Antizana (5758 m) in den Himmel, im Norden lockt der Cayambe (5790) todesmutige Bergsteiger und im Westen dominiert der Pichincha (4675 m) das Panorama. Quito wird von einem Ring riesiger Vulkane umzingelt, deren schneebedeckte Häupter gigantische Mengen rotglühender Lava ausspeien können.

Der geflügelte »Engel der Apokalypse« scheint beschwichtigend die rechte Hand zu heben. Zu seinen Füßen windet sich eine Schlange den Globus... so wie ganze Ketten noch aktiver Vulkane unseren Erdball umschlingen. Die Apokalypse ist vorprogrammiert: Supervulkane bedrohen die Existenz der Menschheit. Von ihren wahren Ausmaßen haben wir keine Ahnung. So zeigte es sich, dass der gigantische Lavasee unter dem riesigen Areal des Yellowstone Nationalparks in Nordamerika noch sehr viel größer ist als bislang schon befürchtet.

Fußnote:(1) Falkenberg, Wolfgang: »Ecuador und Galapagos«, 4. Auflage, Bielefeld 2000, S. 145

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»Das Kreuz des Henkers«,
Teil 68 der Serie
»Monstermauern, Mythen und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 08.05.2011
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