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Sonntag, 2. Oktober 2011

89 »Im Urwald«

Teil 89 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Pyramiden oder auch nicht ...
Foto: W-J.Langbein
In meinem kleinen Hotel in Macas, Ecuador, studiere ich die mitgebrachten Unterlagen. Fotokopien aus archäologischen Werken habe ich mitgebracht. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat man fast 200 Pyramiden gefunden ... vollkommen vom gefräßigen Urwald überwuchert. Den Einheimischen waren sie natürlich bekannt ... als erdige Hügel im Urwald.

Offenbar hat der gigantische Sangay-Vulkan schon vor Jahrtausenden die Menschen fasziniert ... und angelockt. Sie errichteten Kultbauten im Sichtweite des Monsterberges ... und das von etwa 5.000 vor Christus bis 2.000 vor Christus! Die Pyramiden sollen riesenhafte Bilder ergeben ... wenn man sie aus luftiger Höhe betrachtet. So soll zum Beispiel das Bild eines brüllenden Jaguars geschaffen worden sein. Wer aber sollte diese Bildnisse sehen? Wurden sie von emsigen Arbeitern immer wieder vom rasch alles überwuchernden Urwald befreit?

In der Regenzeit schwellen Flüsse zu reißenden Monstern an ... zu gefräßigen Schlangen, die Bäume wie Streichhölzer knicken. Sie mäandrieren im Verlauf von Jahrhunderten. Wie viele Erdpyramiden mögen so im Urwald von Sangay weggespült worden sein?

Gefräßiger Fluss
Foto: W-J.Langbein
Der Professor hat für uns einen Flug über den Urwald organisiert. Der Termin muss einige Male umgelegt werden ... dann endlich sind wir tatsächlich in der Luft. Wir starren in das unergründliche Grün ... und werden immer wieder auf »Pyramiden« hingewiesen. Aber sind es wirklich künstliche Strukturen, die sich da unter dem Urwalddickicht verbergen ... und wenn ja, wie alt sind sie?

Aus der Luft ist heute von diesen komplizierten Bildnissen nichts mehr zu erkennen. Vor rund vier Jahrtausenden endeten wohl die kräftezehrenden Erdarbeiten ... sagen Datierungen von Funden in den Erdpyramiden. Wann zum letzten Mal an den Mounds gearbeitet wurde ... wir wissen es nicht.

Eine erste Expedition im geländegängigen Taxi ist geplant, muss aber mangels Vehikel ausfallen. Professor M. erweist sich wieder einmal als Improvisationstalent. Wir brechen schließlich an Bord eines Viehtransporters auf ... auf der Ladefläche ... Bis »Los Tres Marias« reisen wir auf diese Weise, erleben Urlaub hautnah. Rund 200 Familien leben in dem Dörfchen »Die drei Marien«. Ob Maria Magdalena dazugehört?

Dann geht es zu Fuß weiter. Wir folgen dem Lauf eines kleinen Bächleins, waten im seichten Wasser ... Noch kommen wir gut, ja einfach voran. »Früher gab's hier Kannibalen ... « erläutert der Professor lachend. »Heute nicht mehr?« frage ich zurück. »Aber nein!« antwortet der Archäologe ernst. »Allenfalls ein paar Kopfjäger ... Sie verkaufen Schrumpfköpfe an Touristen...«

Wir verlassen den einfachen Weg und schlagen uns dann quer durch den Busch. Drei kräftige junge Burschen schlagen uns mit wuchtigen Machetenhieben den Weg frei. Nach kürzester Zeit ist – zumindest bei mir – jede Indiana-Jones-Romantik verflogen. Die Luftfeuchtigkeit ist extrem, die Anstrengung ist gewaltig. Die Kleidung klebt am Körper. Immer wieder stolpere ich, strauchele ich, falle. Köstliche kleine Bananen bieten einen willkommenen Imbiss.

Köstliche Erfrischung
zwischendurch
Foto: W-J. Langbein
Wir stärken uns ... und müssen weiter. Bald schon sehe ich keinen Sinn mehr in unserem Unterfangen ... Ich verfalle in Pessimismus. An eine sensationelle Entdeckung glaube ich ebenso wenig wie an die Kopfjäger ... Aber weiter geht es. Wir wollen ja nicht in die Nacht kommen! Meine Stimmung wird immer trüber. Der Professor indes ist begeistert. Er dirigiert uns, begeistert erzählend ... von Garces Porras, zum Beispiel. Der hat vor Jahrzehnten in dieser Hölle Ausgrabungen organisiert ... ausführlich über seine Entdeckungen berichtet (2). Die größte künstlich geschaffene Struktur soll 70 Meter lang, 20 Meter breit und sieben Meter hoch sein.

Gewaltige Erdbewegungen müssen vor vielen Jahrhunderten bewältigt worden sein. Da wurde eine Mammutleistung vollbracht. Es muss geplant und organisiert worden sein. Arbeiterheere müssen dirigiert und verpflegt worden sein. »Primitive Urwaldmenschen« waren das nicht! Mir fällt es schon schwer, meinen Rucksack zu bewältigen. Fotografieren wird zur Last. Immer seltener nehme ich die Kamera zur Hand. Was soll ich auch verewigen ... ich habe nur noch Grün in Grün vor Augen.

Überwucherte Pyramiden
Foto: WJL
Manche der Strukturen sind, so weiß ich aus der Literatur, rechteckig, manche rund, andere wiederum sind oval. Und diese Strukturen ergeben Bilder. Karl Dieter Gartelmann, der uns auf einer späteren Reise durch Ecuador begleitet, schreibt in seinem Werk »Digging up prehistory« über die Erdpyramiden (3): »Betrachtet man sie vom Boden aus, so geben ihre unterschiedliche Form und Größe sowie ihre anscheinend zufällige Verteilung keinen Hinweis auf eine geplante oder angeordnete Struktur. Erst wenn man sie aus der Luft sieht, wird klar, dass sie in der Gestalt eines riesigen Jaguars und eines menschenartigen Wesens mit anthropomorphen Zügen angeordnet wurden.«

Endlich sind wir »am Ziel« ... vor uns liegen die gesuchten Pyramiden. Das heißt: angeblich stecken sie unter dem dichten Urwald vor uns. Erkennen kann ich nur Grün in Grün ... keinen Hinweis auf künstliche Strukturen mache ich aus.

Pater Porras, der als erster Wissenschaftler vor Ort systematisch Ausgrabungen durchgeführt hat, kam zur Überzeugung, dass da vor Jahrtausenden so etwas wie ein Mythos dargestellt wurde. Porras vermutet so etwas wie ein Zeremonien-Zentrum in Form eines Jaguars und eines Mannes beim Sex. Die beiden so unterschiedlichen Partner sollen, nach dem Mythos ... meint Porras ... ein Fabelwesen gezeugt haben.

Mit jedem Schritt wächst meine Erschöpfung und schwindet mein Interesse an mysteriösen Orten. Nach qualvollen Stunden sind wir endlich am Ziel unserer »Expedition« angekommen ... Ich aber vermag nur eine dampfende Urwaldhölle zu erkennen ... Erschöpft suche ich mir einen Platz zum Niedersinken. Am liebsten möchte ich nicht mehr aufstehen. Dass ich mitten in einem Graben hocke, den Porras hier hat ausheben lassen, nötigt mir keinen Respekt mehr ab. Vor mir sind vage Erhebungen zu erkennen ... von sattem Grün überwuchert ... darunter verbergen sich, so wird uns versichert, Erdpyramiden ... von Porras erstmals untersucht. Ich aber ... bin einfach nur erschöpft.

»Wie geht es dir?« werde ich gefragt. Mürrisch-wütend blicke ich drein. »Wie soll's mir schon gehen ...« antworte ich unwirsch. »Es könnte viel schlimmer sein!« Dieser Hinweis soll mich wohl aufmuntern. »Schlimmer?« frage ich ungläubig zurück. »Ja! Es könnte regnen!« erfahre ich. Kaum sind diese Worte verhallt ... poltert es donnernd vom Himmel. Blitze zucken in der Ferne. Wolken brauen sich über uns zusammen ... und Augenblicke später prasselt ein sintflutartiger Regenguss auf uns nieder ...

Fußnoten
1 Wir waren zu fünft im Urwald... Steffi, Torsten, Willi, der Professor und ich
Mein besonderer Dank gilt meinem Freund Willi Dünnenberger, dessen Organisationstalent phänomenal ist. Willi ist ein großartiger Mensch. Wir kennen uns seit Jahrzehnten. Leider lebt Willi mit seiner wunderbaren Familie in Ecuador, wo er ein Reisebüro betreibt.
2 Porras, Garces: »Investigaciones arqueologicas de las faldas del Sangay«, Universidad Catolica, Quito, 1987
3 Gartelmann, Karl Dieter: »Digging up prehistory/ The Archaeology of Ecuador«, Quito 1986, S. 133

»Die Inkamauer«,
Teil 90 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 9.10.20111


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Sonntag, 25. September 2011

88 »Auf der Suche nach verschollenen Pyramiden«

Teil 88 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Die grüne Hölle vom
Sangay - Foto:
W-J.Langbein
Man stelle sich Hunderte von Pyramiden unterschiedlicher Größe vor. Aus der Luft betrachtet, ergeben sie riesige Bilder ... zum Beispiel von einem Giganten beim Sex mit einer Riesenkatze ... Man stelle sich vor, diese gewagten Darstellungen wurden vor Jahrtausenden im Urwald geschaffen ... Ist das der Stoff, aus dem Indiana-Jones-Filme gemacht werden? Die Bildnisse aus Pyramiden gibt es wirklich ... in Ecuador, unweit des Sangay-Vulkans ... mitten in dichtestem Urwaldgestrüpp.

Warum man nie etwas von diesem Geheimnis erfährt? Weil man eine strapaziöse Anreise auf sich nehmen muss, so man vor Ort recherchieren möchte ... Mit einigen Freunden machte ich mich vor Ort auf die Suche nach verschollenen Pyramiden ... und jegliche Abenteuerromatik verging recht schnell ...

Der »KLM-Cityhopper« startet pünktlich auf die Minute um 19.55 in Hannover. Das sonore Brummen der Propeller wirkt vertrauenerweckend. Die gelegentlichen »kleinen Turbulenzen« schütteln uns – Steffi, Torsten und mich – kräftig durch. Unser Anschlussflug gen Südamerika hat reichlich Verspätung. Erst um 3.40 morgens geht es weiter Richtung Südamerika. In Curaçao wird – warum auch immer – ein Zwischenstopp eingelegt. Schade, dass wir die Karibik-Insel nicht erkunden können ... denn schon geht es weiter nach Quito. 6.30 Uhr Ortszeit landen wir ... Freudig werden wir von Willi begrüßt.

Die Brücke über den
Rio Pastaza -  Foto: WJL
Von Quito sollte es eigentlich per Flugzeug weiter nach Macas gehen ... zu unserer Urwaldexpedition auf der Suche nach verschollenen Pyramiden. Wir sind zuversichtlich: Prof. M., Archäologe, stimmt uns optimistisch, weiß er doch ganz genau, wo die rätselhaften Pyramiden zu finden sind. Leider hat er aber eine Kleinigkeit vergessen. Er hat es versäumt, uns Plätze für den Flug zu reservieren. Es zeigt sich kurz vor dem geplanten Abflug, dass der Donnervogel vollkommen ausgebucht ist ... Der Terminplan für unsere Südamerikareise bietet keine freien Tage. Wir müssen Termine einhalten ... und den Bus nehmen. Die 245 Kilometer Luftlinie wären im Flugzeug ein Klacks gewesen ... im Bus ist die Nachtfahrt eine echte Tortur.

Es gibt nur einen Bus, der diese Strecke über marode »Landsträßchen« abklappert. Er hält an jeder »Milchkanne«. Ständig werden riesige Kisten und sperrige Bündel aufs Busdach gewuchtet oder wieder abgeladen. Mit vereinten Kräften stemmen drei Männer mit Schnüren zusammengebundene dicke Äste hoch zu Koffern und Zementsäcken. Ständig steigen neue Fahrgäste ein und andere wieder aus. Die Fahrt verläuft ohne nennenswerte Zwischenfälle. Die eine oder die andere Ziege bedarf einer gewissen Überredungskunst, steigt dann aber doch meckernd in unser Vehikel ein. Ich muss zugeben, die Luft ist nach einigen Stunden der Fahrt schon etwas stickig-muffig ... aber daran gewöhnen sich die Tiere rasch.

Nachtfahrt Quito Macas
Foto: Torsten Sasse
Mitten in der Nacht erreichen wir den »Rio Pastaza«. Alles steigt aus ... in pechschwarzer Nacht, mitten im Urwald. Mit unserem Bus können wir nicht weiter ... Kaum einer bleibt im Bus. Jeder sucht sich eine möglichst bequeme Sitzgelegenheit, einen alten Baumstumpf oder einen großen Stein. Langsam wird es Morgen. Emsig wird das Gepäck vom Busdach gewuchtet. Zu Fuß geht es über eine nicht wirklich vertrauenerweckende Brücke. Und auf der anderen Seite können wir dann fahrplanmäßig mit einem anderen Bus weiterfahren ... einige Stunden später.

Wir schleppen unser Gepäck über die Brücke ... unbeeindruckt von den wackeligen und manchmal verdächtig morschen Holzbrettern. Nur einige Stunden später klettern wir in den Anschlussbus. »Bald sind wir in Macas!« prophezeit der Professor wohlgelaunt. »Dann gibt es ein herzhaftes Frühstück. Ich kann den Kaffeeduft schon förmlich riechen ...« Ich will ein wenig schlafen, komme aber nicht dazu ... Einige Stunden später sitzen wir aber immer noch nicht beim so sehnlich herbei gewünschten Frühstück. Wieder legt der Bus eine außerplanmäßige »Pause« ein ... wieder hält uns eine Reifenpanne auf ... die dritte in kürzester Zeit.

Macas ... Endlich sind wir in Macas ... keine fünfzig Kilometer entfernt ragt der Vulkan Sangay in den Himmel, stolze 5230 Meter hoch ... ein Berg, der die Menschen schon vor Jahrtausenden immer wieder in Angst und Schrecken versetzte ... Ein Tor zur Hölle ... ein Weg zum Himmel. Der Sangay mag schon als göttlich verstanden worden sein, als in Europa »tumbe« Höhlenmenschen hausten.

Der Sangay-Vulkan
Foto: Albert Backer
»Sehr, sehr selten rumort er!« beruhigt uns Professor M. Zum letzten Mal brach der Sangay 1918 aus. Der mächtige Berg sei »halbschlafend« und daher »ungefährlich«, so konstatierten damals die Experten beruhigend. 1998 sahen sich die örtlichen Behörden allerdings dazu genötigt, den Sangay zum »aktiven« Feuerberg zu erklären. Es rumorte heftig in der vulkanischen Unterwelt. Am 5. Oktober kam es zu einer heißen Gaseruption. Ein australischer Bergsteiger und sein Guide aus Ecuador kamen ums Leben. Es rumorte im Vulkan. Rotglühende Lavaströme quollen aus dem Schlund. Wabernde Schwefelwolken versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Stand ein Ausbruch bevor? 20.000 Menschen wurden evakuiert, Straßen wurden gesperrt. Die befürchtete Katastrophe blieb aus ... bis heute. Sie ist längst überfällig ...

Die Menschen von Macas denken nicht gern über die Gefahr nach, in der sie schweben. Eine Evakuierung von Zigtausenden Bewohnern in womöglich kürzester Zeit ist nicht machbar. Die kleinen Sträßchen lassen das nicht zu. So leben die Menschen wie auf dem sprichwörtlichen Pulverfass ...

Eine schmale Straße als Fluchtweg - Foto W-J.Langbein

















»Im Urwald«,
Teil 89 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 02.10.2011


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