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Sonntag, 2. März 2014

215 »Jesus, Atahualpa und die Pyramiden von Cochasquí«

Jesus von Cochasqui.
Foto: Ingeborg Diekmann
Teil 215 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                    
von Walter-Jörg Langbein


Jesus ist von den Toten auferstanden. Er fährt auf zum Himmel. So ist es beim Evangelisten Markus zu lesen  (1). Nach einem der Petrusbriefe (2) ist Jesus der, »der in den Himmel gegangen ist, dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.« Ein unbekannter Künstler, vermutlich aus Quito, Ecuador, hat diese berühmte Szene in Stein verewigt. Man sieht Jesus gen Himmel schweben, zahlreiche Hände versuchen noch, nach ihm zu greifen.

In Cusco erklärte mir ein katholischer Geistlicher: »Vor rund 2000 Jahren hofften Jesu Anhänger, ihr Messias werde sie erlösen – von der Knechtschaft der Römer. Die Anhänger Atahualpas setzten ihre Hoffnungen in den letzten Herrscher der Inkas. Sie wurden aber enttäuscht. Atahualpa wurde – wie Jesus – hingerichtet. (3) Und das, obwohl die Inkas aus dem gesamten Reich gigantische Gold- und Silberschätze als »Lösegeld« herbeischafften. Herrlichste Kunstwerke aus Gold und Silber wurden tonnenweise zu Barren geschmolzen… etwa fünf Wochen lang! Man schätzt, dass rund 200 Tonnen Preziosen geraubt und vernichtet wurden. Aber die »zivilisierten« Spanier brachen ihr Versprechen, Atahualpa freizulassen. Sie befürchteten wohl mit Recht, der Inka-Herrscher Atahualpa könnte nach seiner Freilassung doch noch ein riesiges Heer aufstellen die entscheidende Schlacht gewinnen. Zahlenmäßig waren die Inka-Truppen den spanischen haushoch überlegen. Aus Sicht der Spanier war Inka-General Ruminahui.


Mauerreste eines angeblichen Palasts von Atahualpa.
Foto Walter-Jörg Langbein

Gold- und Silberschätze trafen auch nach der Ermordung Atahualpas aus allen Teilen des riesigen Reiches ein. Unzählige Karawanen mit unvorstellbaren Reichtümern schafften gewaltige Gold- und Silbermengen zu den spanischen Verbrechern. Noch so mancher Transport wurde in entlegenen Regionen des Inkareichs beladen und losgeschickt, als die Spanier ihren Gefangenen nach einem Scheinprozess längst ermordet hatten. So trafen weiter Teile des Lösegeldes ein, sollen aber noch rechtzeitig vor den Spaniern versteckt worden sein! Aber wo?

In den kilometerlangen unterirdischen Gängen von Cusco, zum Beispiel. Noch heute soll es ein gigantisches Netz von unterirdischen Tunneln geben: unter der alten Stadt Cusco ebenso wie im Umfeld der alten Metropole. Aus Zeiten der spanischen Eroberung sind Berichte überliefert. Demnach sollen einzelne Zeugen in der mysteriösen Unterwelt tatsächlich Gold- und Silberschätze aus Atahualpas Lösegeld gesehen haben.


Einige der Pyramiden von Cochasqui, Ecuador.
Foto Walter-Jörg Langbein

Es gab leider offenbar schon vor Jahrhunderten das Gerücht, die mysteriösen Pyramiden von Cochasquí in Ecuador würden in ihrem Inneren unvorstellbare Kostbarkeiten bergen. Cochasquí liegt rund 50 Kilometer nördlich von Quito, Ecuador, in der Pichincha-Provinz – in einer Höhe von 3100 Metern über dem Meeresspiegel.

Pyramide mit »Narbe«. Foto Walter-Jörg Langbein

Das Gerücht führte dazu, dass teilweise mit brachialer Gewalt Schatzsucher den Pyramiden von Cochasquí zu Leibe rückten. Fünfzehn Pyramiden-Stümpfe und etwa genau so viele Grabstätten sind von Archäologen katalogisiert worden. Wie mir ein katholischer Geistlicher schmunzelnd erzählte, suchen seit Jahrhunderten Archäologen und Grabräuber um die Wette. Gold und Silber wurden bislang so gut wie nicht gefunden. »Pyramide 9« machte auf mich einen besonders traurigen Eindruck. Es sieht so aus, als habe man ihr mit einem riesigen Messer eine klaffende Wunder zugefügt. Hier waren Grabräuber, keine Archäologen, am Werk. Zu ihrer großen Enttäuschung stießen sie aber nur auf massives Mauerwerk. Und das diente nicht als Schutz für Preziosen aus Inkazeiten, sondern als inneres »Skelett«, das dem künstlichen »Berg« Halt verleihen sollte.

Zu welchem Zweck wurden die Pyramiden von Cochasquí gebaut? Archäologie war oft  von Doktrinen bestimmt. So galten die Pyramiden Ägyptens als Grabanlagen, die von Mexiko als Plattformen für Tempel. Es zeigte sich allerdings, dass eine Stufenpyramide einen Tempel tragen und eine Gruft enthalten kann (bekanntes Beispiel: »Tempel der Inschriften«, Palenque, Mexiko).


 »Tempel der Inschriften«, Palenque, Foto W-J.Langbein
  



Die Pyramiden von Cochasquí erinnern am ehesten an die Bauten von Mexiko. Sie sind oben flach. Als Grabanlagen dienten sie offenbar nie. Runde Grabbauten gab es separat von den Pyramiden. Zum Teil führten eins recht lange Rampen nach oben auf die abgeplatteten Pyramiden. Die längste Rampe dürfte fast 300 Meter gemessen haben. Ein derart langer Weg auf eher niedrige Pyramiden macht keinen praktischen Sinn.

Mich erinnert diese Bauweise an Observatorien im Alten Indien. Dort beobachteten und studierten Priester-Astronomen die Planeten unseres Sonnensystems, aber auch ferne Sterne. Trotz der Verwüstung der Pyramiden von Cochasquí konnte inzwischen bewiesen werden, dass zumindest einige der mysteriösen Bauwerke ganz eindeutig astronomische Bedeutung hatten. Es wurden von den Pyramidenbauern astronomische Beobachtungen durchgeführt, laut Lehrmeinung auch um einen möglichst präzisen Kalender erstellen zu können. Die langen Rampen waren offenbar erforderlich, um unter einem bestimmten Winkel zu bestimmten Zeiten Planeten und Sterne anzupeilen.

Cochasquí muss ein ganz besonderer Ort gewesen sein. Wer heute zu Fuß das weiträumige Areal ergründet, erahnt, wie riesig es einst gewesen sein muss ... Und wie eindrucksvoll! Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.


Eine der gut erhaltenen Pyramiden von Cochasqui. 
Foto Walter-Jörg Langbein


Unzählige Pyramiden mit langen schmalen Rampen waren auf dem rund 100 Hektar großen Gebiet verteilt. Wie viele Pyramiden mögen im Verlauf der Jahrhunderte ganz abgetragen worden sein? Manche der noch erhaltenen Pyramiden sind nur mit einiger Mühe als künstliche Bauwerke zu erkennen.

Einigkeit herrscht weitestgehend: Einst widmeten sich die Wissenschaftler von Cochasqui der Astronomie. Von den Pyramidenplattformen starrten sie in den Himmel, peilten Gestirne und Planeten an. Wie? Sie müssen eigentlich schon über  Hilfsmittel zur Anpeilung von Planeten und Sternen gehabt haben, vielleicht gar Fernrohre! Unwillkürlich muss ich an die Steingravuren aus dem Museum von Prof. Dr. Javier Cabrera denken. Nach Prof. Dr. Cabrera stammen diese Darstellungen aus der Vorinkazeit. Offiziell gelten sie aber als Fälschungen.

»Sterngucker«, Sammlung Cabrera,
Foto Walter-Jörg Langbein

Aber wo lebten die Menschen von Cochasquí, die Gelehrten, die Geistlichen, die Arbeiter? Von ihren Quartieren wurde bislang keine Spur gefunden. Nach Carl Niemann, Dresden, gab es schon vor Jahrtausenden in Südamerika eine ausgesprochen hoch entwickelte Astronomie. Diese Gelehrten peilten nicht nur – zum Beispiel – die Plejaden an, sondern auch die dunklen Zonen unserer Milchstraße. Auch die ältesten Grundmauern von Cusco sind, so Carl Niemann, astronomisch ausgerichtet. Warum? Vermutlich spielten die Sterne eine bedeutende Rolle, bei den Inkas, aber auch schon bei deren Vorfahren.

Mysteriöser Pyramiden-Schacht (li),  
Massives Mauerwerk in einer der Pyramiden (re) 
Fotos: Ingeborg Diekmann



Aus Kostengründen wurde erst ein kleiner Teil der Pyramiden von Cochasquí wirklich archäologisch untersucht. Massives Mauerwerk wurde in einer der Pyramiden freigelegt. Ein massiver Schacht wurde gegraben ... von Grabräubern? Von Archäologen? Oder stammt er gar von den Erbauern der Pyramiden? Viele Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben ...

Auch in Ecuador habe ich vor Ort immer wieder festgestellt, dass alte Glaubensvorstellungen aus Zeiten lange vor der »Christianisierung« nur offiziell in Vergessenheit geraten sind. Tatsächlich  werden aber auch heute noch neben Jesus und seiner Mutter Maria, der Himmelskönigin, alte Gottheiten wie Pacha Mama und Pacha Papa verehrt und angebetet. Die Priester vor Ort haben es in der Regel längst aufgegeben, gegen vermeintlich »heidnisches« Brauchtum anzukämpfen. Sie dulden die Verehrung der alten Muttergöttin, solange die Anhänger auch getauft sind. Dann werden Kerzen für Maria und für Pacha Mama angezündet.

Jesus von Cochasqui.
Foto Ingeborg Diekmann
Mein Informant, ein katholischer Geistlicher: »Es wird wohl noch Jahrhunderte dauern, bis der alte Glauben vergessen sein wird, bis sich der Katholizismus wirklich durchsetzen wird. Ich freue mich schon, wenn heidnischen Kulten etwas versteckt und heimlich gefrönt, dem Katholizismus öffentlich gehuldigt wird. Mir ist klar, dass für die Menschen hier kein Widerspruch besteht zwischen alten und neuen Riten. Manchmal werde ich sogar zu heimlichen Kulthandlungen eingeladen. Das sehe ich als großen Vertrauensbeweis an!«

In Rom, so versicherte mir der Priester, interessiert das niemanden. Da zählt nur die Zahl in der Statistik. Man will möglichst viele Gläubige der eigenen Konfession vorweisen können, sprich Katholiken. Dass so mancher Nachkomme der Inkas kein echter Katholik ist, sondern auch noch an alte Göttinnen und Götter glaubt, erfährt dort niemand, zumindest nicht offiziell.




Die Wunde in der Pyramide ... 
Foto Walter-Jörg Langbein
 Fußnoten
1) Evangelium nach Markus Kapitel 19,
Vers 19
2) 1. Petrus Brief Kapitel 3, Vers 22
3) Siehe hierzu Prem, Hanns J.:
»Geschichte Altamerikas«, Oldenbourg
Wissenschaftsverlag 2007,
besonders Kapitel 8!







216. Maria-Mama, Pacha-Mama
Teil 216 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 09.03.2014


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Sonntag, 12. August 2012

134 »Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«

Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Rückseite von Santo Domingo
mit  Inkamauern
Foto: Håkan Svensson (Xauxa)
Mächtig und wehrhaft wirkt auch heute noch die steinerne Mauer an der Rückseite von Santo Domingo. Sie ist Teil des einstigen Heiligtums »Nr.1« der Inkas und hat schon im Verlauf vieler Jahrhunderte so manches Erdbeben überstanden.
An der Rückseite der Kirche entdeckte ich Hunderte von präzise bearbeiteten Steinen aus den Zeiten der Inkas, von fleißigen Archäologen in der Art einer steinernen »Prozession« aneinandergereiht. Sie stammen wohl vom Coricancha- Tempel. Der von den Spaniern verfälschte Name lautete in Quechua, der Inka-Sprache, »Qoricancha«, zu Deutsch »Goldener Hof«. Aber auch das war wohl nicht der Originalname ... der lautete wohl »Intikancha«, zu Deutsch »Sonnentempel« oder »Sonnenbezirk«.

Auf der Rückseite des stolzen Sakralbaus der katholischen Kirche lagen sie in Massen ... die steinernen Zeugnisse der Inka-Steinmetze. Wie in Tiahuanaco und Puma-Punku hatte ich den Eindruck, dass es so etwas wie genormte Steinformate gab. Und die wurden vor vielen Jahrhunderten wie am Fließband gefertigt, mit welchen Werkzeugen auch immer.

Massenprodukt Stein - Foto W-J.Langbein
Zwischen diesen uralten Bauelementen entdeckte ich zwei steinerne »Motore«... und einen weiteren, länglichen Stein. Genauer gesagt: Es handelt sich um ein Bruchstück eines größeren Steins. Die Bezeichnung »Stein« kommt mir irreführend vor. Auf mich macht das mysteriöse Objekt den Eindruck, als habe man ein technisches Werkstück kopiert, sprich in Stein nachmodelliert. Und von dem merkwürdigen, nachgebauten »Apparat« ist nur noch ein Teil erhalten.

Ich versuche objektiv zu beschreiben, ohne zu interpretieren ... Auf der Oberseite erkennt man präzise in den harten Stein gefräste Rillen, fünf an der Zahl. Am Ende jeder dieser Rillen findet sich ein säuberlich gebohrtes Loch. Die Bohrung führt durch den Stein, tritt an der Seite aus ... mündet wiederum in ein gebohrtes Loch. Darunter befindet sich – aus dem Stein gemeißelt – so etwas wie eine schmale »Leiste«. In diese Leiste wurden – unter den Löchern – wiederum Rillen eingefräs t... und die führen wiederum in sauber gebohrte Löcher, die im Stein verschwinden. Zu welchem Zweck wurden diese millimeterkleinen Löcher gebohrt? Darf man den Stein technisch interpretieren?

Der mysteriöse »Lochstein« (oben),
darunter einige der Bohrungen
Fotos: W-J.Langbein
Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lassen darf: Dieses Werkstück wäre ideal für Kabel, Stromleitungen etwa, geeignet ... nicht für Wasser. Die eingefrästen Rillen sind so schmal, dass sie nur winzigste Wassermengen im Tropfenbereich aufnehmen können. Auch die Bohrungen durch den Stein sind völlig ungeeignet, um eine Flüssigkeit zu befördern. Kleinste Schmutzpartikel würden rasch die Minikanälchen verstopfen.

Die Inkas kannten aber keinen elektrischen Strom. Kabel waren ihnen ebenso unbekannt wie elektronische Bauteile. Könnte es sein, dass Inkas – oder schon ihre Vorfahren – so etwas wie nicht verstandene Technologie sahen und kopierten?

Die Cargo-Kulte verschiedener Südseeinseln beweisen: Naturvölker verstanden vor Jahrzehnten überlegene Technologie nicht. Flugzeuge waren für die »Eingeborenen« rätselhafte Fabelwesen, die sie staunend beobachteten ... Später haben sie diese scheinbar überirdischen Wesen imitiert, nachgebaut ... mit primitiven Mitteln. (1) Wenn wir nicht wüssten, dass diesen künstlerisch ansprechenden Objekten reale Begegnungen mit Flugzeugen zugrunde liegen ... würden wir die aus einfachen Materialien nachgebauten Objekte auch heute noch für imaginäre Fabelwesen halten.

Für Südseeinsulaner war es eine Art Fabelwesen ...
Wir erkennen es als Flugzeug. Foto: W-J.Langbein
Sollten die Inkas ... oder deren Vorläufer ... mit Technologie in Berührung gekommen sein: mit Motoren zum Beispiel? Diese Motoren können dann aber kaum irdischen Ursprungs gewesen sein. Sollten die Inkas Kontakt mit Außerirdischen gehabt haben?
Zurück zu den kuriosen Steinen von Santo Domingo in Cuzco. Ein zweites Mal tauchte der schwäbelnde Geistliche im wehenden Talar auf. »Kennen Sie die Geschichte vom ›Goldenen Garten‹?« Natürlich hatte ich mich auf meine Reise nach Cuzco gut vorbereitet. So war mir der »Goldene Garten« ein Begriff. Ich fasste – mit etwas Stolz – mein Wissen in Sachen Inka-Gold zusammen.

Santo Domingo,
die Inkamauer von innen
Foto: Ingeborg Diekmann
Der legendäre Tupac Capak und seine Nachfolger erbeuteten auf ihren Feldzügen unermessliche Mengen Goldes – bei den Chimú, deren Kunstfertigkeit mehr als meisterhaft war. Und so vereinnahmte Tupac Capak nicht nur das kostbare Metall. Er verschleppte auch die besten Goldschmiede der Chimú, die von nun an für den Inka arbeiten mussten. Chimú-Goldschmiede waren es, die ein riesiges Standbild des Sonnengottes Inti kreierten. Sie fertigten auch – ebenso aus purem Gold – eine gewaltige Sonnenscheibe an: für die religiöse Metropole Cuzco. Vielleicht noch bedeutsamer war eine Statue von »Mama Ocllo«. »Mama Ocllo« war eine jener Urgöttinnen aus den Zeiten des Matriarchats, als Göttinnen die Schicksale der Menschen bestimmten.

»Wenn man nur diese Inka-Mauern wie ein Buch lesen könnte ... « murmelte ich vor mich hin und fotografierte weiter das Mauerwerk an der Rückseite von Santo Domingo. »Was wir dann erfahren könnten ...«

Der katholische Geistliche nickte zustimmend. »Mama Ocllo war so etwas wie eine Urgöttin ... eine Art göttliche Eva. Es gibt verschiedene Überlieferung über die Herkunft von Mama Ocllo. Sie sei die Tochter von Sonnengott Inti und Mama Qilla, heißt es. Nach einer anderen Überlieferung war sie eine Tochter von Viracocha und Mama Cocha.« Mama Qilla galt bei der Inkas als Mondgöttin ... Mama Cocha war die Göttin des Meeres.

Unvorstellbare Schätze fanden die
Spanier im Tempel der Inkas.
Fotos und Collage: W-J.Langbein
Der Geistliche fiel mir ins Wort: »Die Namen der Göttinnen sind nicht so wichtig. Von Bedeutung ist nur, dass in dieser religiösen Mythologie festgehalten wurde, dass es einst eine Herrschaft der Muttergöttin gab ... die die später mächtig werdenden männlichen Götter gebar. Die goldenen Statuen der Göttinnen befanden sich zuletzt in Räumen des Tempels, die noch zum Teil in und unter der Kirche Santo Domingo erhalten sind!«

Ob es denn wirklich diese Goldschätze gab, fragte ich ein wenig provokativ meinen Gesprächspartner. »Natürlich!« schnaubte er wütend. »So wie es auch den ›goldenen Garten‹ gab! Garcilasso de la Vega hat ihn ausführlich beschrieben!«

Auch der »goldene Garten« gehörte zum Superheiligtum Coricancha in Cuzco. Der »goldene Garten« war so etwas wie ein paradiesisches »Eden«. Von üppiger Pracht waren die schönsten Blumen und Pflanzen, die Bäume und Maisfelder mit prallen Kolben an jeder Maispflanze. Mit Sorgfalt ausgewählt waren die den Inkas wohlbekannten Heilpflanzen. An Büschen warteten reife Beeren darauf, geerntet zu werden. Käfer und Eidechsen krabbelten ... Lamas wurden von Hirten beaufsichtigt. Greise passten auf Enkelkinder auf. Bauern kümmerten sich um ihre Felder ... ein naturgetreues Szenario ... und alles aus purem Gold!

Santo Domingo bei Nacht.
Foto: Martin St-Amant
Der berühmte Archäologe und Inka-Kenner Prof. Dr. Miloslav Stingl kommentiert (2): »Dieses Wunder aller Wunder, das wohl auf der ganzen Welt nicht seinesgleichen hatte, ist wahrscheinlich das Werk der in Cuzco lebenden Chimú-Goldschmiede gewesen, die nach der Unterwerfung ihres Reiches in die Hauptstadt der Inka umgesiedelt worden waren. Die Spanier haben, gleich nach der Eroberung der Stadt, diese funkelnde Pracht feiner zisilierter Blumen und Ähren, diesen ganzen Goldenen Garten von Cuzco in ihrer Gier nach dem goldglänzenden Metall zerstört und ausgeraubt, so wie 60 Jahre vorher die Inka die Goldschätze Chan-Chans geplündert hatten.«

Der Hinweis auf die plündernden Inkas ist keine Entschuldigung für das brutale, räuberische Vorgehen der christlichen Spanier ... die auch heute noch – leider – in weiten Teilen Südamerikas als Vertreter einer überlegenen, ja höher stehenden Zivilisation angesehen werden. Sachlich betrachtet waren die Conquisadores nichts anderes als ein goldgieriger Haufen von Räubern, die vor keinem noch so schlimmen Verbrechen zurückschreckten ... wenn nur Gold als Belohnung winkte!

Der seltsame Stein - Foto: W-J.Langbein
Fußnoten
1 Das Foto des nachgebauten Flugzeugs entstand am 29.08.2006 im »Mystery Park« (heute JungfrauPark) bei Interlaken, Schweiz.
2 Stingl, Miloslav: »Auf den Spuren der ältesten Reiche Perus«, Leipzig, Jena, Berlin, 2. Auflage 1990, S. 237

»Gold, Gold ... Gold«,
Teil 135 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 19.08.2012


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Sonntag, 5. August 2012

133 »Ein Motor aus Stein?«

Teil 133 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein

Vorderseite von Santo Domingo
Foto: Martin St-Amant
Für die Inkas war Cuzco – offizielle Schreibweise Qosqo, »Zentrum« - der »Nabel der Welt«. Für mich ist Cuzco die schönste Stadt Südamerikas. Gern habe ich sonntags am Nachmittag in einem der vielen Cafés einen starken Espresso getrunken und eine gute Zigarre geraucht. Manchmal war ich von zahlreichen Schuhputzern umlagert, die alle nach und nach und immer wieder meine Stiefel poliert haben ... immer gegen einen bescheidenen Obolus ... So verlockend es auch sein mag, gleich nach Ankunft die Stadt zu erkunden: Man bedenke die Höhe – 3440 Meter über Normalnull. Am hilfreichsten ist der in jedem Hotel als Begrüßungstrunk angebotene Coca-Tee, der die Höhe erträglicher macht!

Leider haben die »kultivierten« Spanier vor Jahrhunderten gewütet wie die sprichwörtlichen »Berserker«. Ohne Skrupel haben sie vermeintlich »Wilde« in großer Zahl gefoltert und ermordet, haben sie gezielt sakrale Bauten der Inkas zerstört. Die Spanier bauten die verwüstete Stadt wieder auf. Sie nutzten häufig Inka-Fundamente, um darauf im kolonialspanischen Stil das neue Cuzco entstehen zu lassen. Beim Bau der Kirche Santo Domingo wurde massives Inkamauerwerk integriert.

Mauern aus der Inkazeit
Fotos: W-J.Langbein
Was die Inkas bauten, das überdauerte im Lauf der Jahrhunderte manches Erdbeben, so zum Beispiel das im Jahre 1650. Kolonialspanische Bauten wurden weitestgehend zerstört, die uralten Inkamauern blieben erhalten. Die jüngeren Gebäude, von den »zivilisierten« Spaniern errichtet, bestanden derlei Bewährungsproben meistens nicht. Die Baukunst der vermeintlich »Wilden« erwies sich immer wieder als standhafter.

Wer das ursprüngliche Qoso sehen will, nehme sich einige Tage Zeit ... und erkunde vor allem Nebensträßchen wie jene um den »Plaza de Armas«. Es ist ein eigenartiges Gefühl, als ob man einige Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit gereist sei ... besonders, wenn man Einheimischen in Landestracht begegnet.

Atahualpa wird überwältigt,
Bild: etwa 1800
Archiv Langbein
Nachdem die Spanier Cuzco eingenommen hatten, versuchten die Inkas ihre Metropole zurück zu gewinnen. Sie starteten eine gewaltige Großoffensive. 200.000 ihrer Krieger attackierten Cuzco unter Manco Ina ... und hätten die Spanier fast – aber eben leider nur fast – vertrieben. Zurück blieben unzählige Tote ... und eine verwüstete Stadt. Pizarro, der ehemalige Schweinehirt, blieb Sieger ... Dabei hätten die Inkas die goldgierigen Eindringlinge leicht überwältigen können. Atahualpa, der letzte Inkaherrscher, ermordet von den Spaniern am 26. Juli 1533 in Cajamarca, sandte den Spaniern Boten mit üppigen Geschenken entgegen.

Joachim G. Leithäuser (1) schreibt in seinem Werk »Ufer hinter dem Horizont«: »Er konnte nicht ahnen, was für eine Brut sich in seinem Reich einnisten wollte.« Pizarro lud Atahualpa in sein Feldlager ein. Atahualpa nahm an ... und erschien, begleitet von den Vornehmsten des Reiches. Der kultivierte Inka war den blutrünstigen Spaniern unterlegen. Die räuberischen Europäer suchten und fanden einen Anlass, den ahnungslosen Atahualpa gefangen zu nehmen.

Schwarze Inkamauer in der
Kirche Santo Domingo.
Foto oben: Håkan Svensson
(Xauxa), Foto unten:
Ingeborg Diekmann
Leithäuser (2): »Pizarro schickte den Dominikanerfrater Vincente de Valverde mit einem Dolmetscher zu Atahualpa. Der Mönch hielt eine kurze Ansprache und reichte dem Inka eine Bibel .... Valverde streckte den Arm aus, doch der Inka, solche Zudringlichkeit nicht gewöhnt, schlug ihm auf den Arm, öffnete das Buch, betrachtete es und ... warf es fort.« Der Dominikanerfrater zeterte (3): »Ich rufe euch, meine Brüder in Christo, auf, die Schmach zu rächen, die hier unserem heiligen Glauben angetan worden ist!« Es war eine geradezu groteske Szene: Die Spanier, die wie mörderische Bestien raubten und eine hochstehende Kultur auslöschten, beriefen sich auf's Christentum ...

Dann lief alles wie geplant (4): »Und nun brach die Hölle los. Trompetensignale, Kanonenschüsse, Berittene, die aus den Verstecken hervorstürmten, angreifendes Fußvolk ... Unter den Indianern entstand eine Panik, keiner setzte sich zur Wehr, zumal ihre Führer alle um den Inka geschart waren und Mann für Mann niedergemacht wurden. Binnen einer halben Stunde waren einige Tausend Eingeborene getötet, die anderen flohen, Atahualpa gefangen – Pizarro war der Herr des Inkareichs!«
Atahualpa wurde gefangen genommen. Ein gigantischer Goldschatz wurde als Lösegeld geliefert, Atahualpa aber dann doch nicht wie versprochen freigelassen. Vielmehr wurde ihm ein Scheinprozess gemacht und das von Anfang an feststehende Urteil gesprochen ... die Todesstrafe.

Atahualpa wurde auf dem Marktplatz öffentlich erdrosselt. Die christlichen Eroberer erwiesen sich als die wahren Barbaren der schlimmsten Sorte. Sie metzelten, plünderten, folterten, mordeten ... und fielen schließlich – wie sollte man es bei solchem Gesindel anders erwarten – auch übereinander her. Sie misstrauten einander. Keiner der »christlichen« Barbaren gönnte seinen Glaubensbrüdern die reiche Beute ...

Motor in Stein ..
Fotos: W-J.Langbein
Angesichts der Grausamkeit der spanischen Eroberer wundert es mich doch sehr, dass die Nachkommen der Inkas den Glauben der Mörder aus Europa angenommen haben. Meine Sympathie liegt, ich gebe es zu ... bei den »wilden« Inkas. Und so suchte ich stets auf meinen Reisen Spuren der einstigen Herrscher, aus Zeiten vor der spanischen Eroberung. Während Touristengruppen durch eine Kirche nach der anderen geführt wurden ... versuchte ich, hinter die Kulissen zu schauen. So gelangte ich auf der Rückseite der Kirche Santo Domingo hinter das Inka-Mauerwerk. Und als ich die schwarzen Inkasteine fotografierte ... sprach mich ein katholischer Geistlicher an.

»Wollen Sie sehen, was sonst kaum jemand zu sehen bekommt?«, fragte er mich in seltsam schwäbelnder Mundart. Der Mann hatte in Deutschland Theologie studiert ... und kannte mein Buch »Astronautengötter«. Zögernd folgte ich ihm. Dann zeigte mir der Gottesmann zwischen Hunderten von Bausteinen aus der Inkazeit ... zwei fast identische Plastiken, in harten Stein gemeißelt. »Sieht das nicht wie ein Motor aus?« fragte er mich, die Stimme zu einem Flüstern senkend.

Ich muss zugeben: Ich bin nach wie vor perplex. Was stellen diese beiden seltsamen Steinplastiken – von Inkas angefertigt – dar? Etwa tatsächlich einen Motor? Die beiden »Dinger« wirken technisch auf mich, wie eine motorbetriebene Töpferscheibe, zum Beispiel. »Die Inkas sollen den Motor gekannt haben?«, frage ich den Geistlichen. Er lacht verschmitzt. »Oder jemand hat ihnen einen Motor gezeigt ... und sie haben diese primitiven Kopien in Stein angefertigt ...« Ich will noch fragen, wer denn den Inkas einen Motor gezeigt haben soll. Der Theologe lacht nur ... und entschwindet mit wehendem Priesterrock.

Einer der »Motoren« von oben
Foto: W-J.Langbein
Ja ... Wer sollte den Inkas so etwas wie einen Motor gezeigt haben? Oder haben Steinmetze der Inkas nur in Stein gemeißelt, was ihre Vor-Vor-Vorfahren irgendwo gesehen haben? Aber ein Motor passt weder in die Zeit der Inkas, noch in die Epoche vor den Inkas ... wenn diese kuriosen Kunstwerke aus Inkazeiten ... überhaupt etwas Motorähnliches darstellen.

Wenn es nichts Technisches ist ... was dann? Ich frage mich: Dürfen wir Inkaplastiken mit unseren Augen sehen? Wir müssen es ... haben wir doch keine anderen!

Fußnoten1 Leithäuser, Joachim G.: »Ufer hinter dem Horizont«, Berlin 1968, S. 189
2 ebenda, Seite 190
3 ebenda, Seite 190

»Noch ein kurioser Stein und der Garten aus Gold!«,
Teil 134 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 12.08.2012

Sonntag, 3. Oktober 2010

37 »Mit der Bahn in die Vergangenheit«

Teil 37 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Ein kleiner Teil der Monstermauer
von Cusco/ Sacsayhuaman
In unserer schnelllebigen Zeit werden auch die großen Rätsel der Vergangenheit gern im Sauseschritt absolviert. Nach einer Bustour durch Cuzco wird ein Abstecher zur Monstermauer von Sacsayhuaman gewagt. Oft spulen gelangweilte Guides ihr einstudiertes Informationsprogramm ab. Rasch werden einige Fotos gemacht.. und schon geht es weiter.

Gewaltige Schätze fielen im 16. Jahrhundert den raubenden und plündernden Spaniern in die Hände. Unvorstellbare Mengen an Gold wurden als Lösegeld für den letzten Inka Túpac Amarú gefordert. Aus dem gesamten Inkareich setzten sich schwer beladene Karawanen in Bewegung. Gewaltige Reichtümer wurden nach Cuzco geschafft. Allen Versprechungen zum Trotz wurde aber der Inka-Herrscher dann doch nach einem absurden Schauprozess zum Tode verurteilt und ermordet.

Die Spanier, Vertreter des »zivilisierten Abendlandes«, hatten keinen Sinn für die Goldschmiedearbeiten der Inka. Sie schmolzen herrlichste Kunstwerke ein, gossen sie in Barren. Nicht unerhebliche Schätze konnten aber vor den spanischen Barbaren gerettet werden. Sie wurden, so lautet die Überlieferung, in entfernte und kaum zugängliche Bergregionen geschafft. In den legendären Orten Huilcabamba und Vilacabamba sollen sie versteckt worden sein. Vergeblich suchten die Spanier danach. Sie folterten zahllose Inka grausam zu Tode, erfuhren aber nicht, wo sich die geheimen Schatzverstecke befanden. Auch Hiram Bingham suchte vergeblich. Auch wenn er den bis heute vermissten Inkaschatz nicht fand, soll er dennoch Kostbarkeiten von erheblichem Wert außer Landes geschafft haben.

Unterwegs nach Machu Picchu
Von Cusco aus geht es im Morgengrauen mit der Eisenbahn nach Machu Picchu. Wenn man Glück hat, kann man die ganze Strecke im Zug zurücklegen. Manchmal muss man die erste Etappe mit dem Bus fahren.

Zunächst passiert man die Elendsviertel von Cusco. Zum Skelett abgemagerte Hunde wanken durch die Slums. Erwachsene, Kinder und Jugendliche schuften. Selbst Kleinkinder schleppen schwere Lasten. Thilo Sarrazin hat Recht: Im Vergleich zu den Armen von Cusco sind die »Armen« in Deutschland steinreich. Doch während manche »Arme« in Deutschland ihr unerträgliches Los bejammern.... scheinen die materiell wirklich Armen von Cusco stolz auf ihrer Hände harte Arbeit zu sein.

Der Zug quält sich durch grandiose Landschaft in die Höhe. Was für ein krasser Gegensatz bietet sich dem Reisenden: zwischen dem schlammigen Grau von Cusco und dem üppigen Grün der subtropischen Gefilde. Wir nähern uns den Ausläufern des Amazonasgebietes.

Unterwegs legt der Zug eine kurze Pause ein. Die kleine »Station« markiert den höchsten Punkt der Zugstrecke: 4319 Meter über dem Meer! Weiter geht’s: über den Urubamba. Wir erreichen Ollantaytambo. Hier enden alle Straßen. Von hier an ist der Zug das einzige Verkehrsmittel. Nach etwa vierstündiger Fahrt kommen wir in »Aqua Calientes« an. Der Name des Dorfes weist auf die heißen Quellen hin.

4319 Meter über dem Meer
In Aqua Calientes kann man höchst preiswerte kleine Hotels finden. Von hier aus sind es nur noch etwa acht Kilometer bis zu den Ruinen von Machu Picchu. Busse schaffen Touristengruppen über eine geradezu lebensgefährlich anmutende Serpentinenstraße zur verlorenen Stadt und wenige Stunden später wieder zurück. Touristenströme drängen sich durch den schmalen Eingang am Kartenhäuschen vorbei und ergießen sich über das Areal von Machu Picchu. Jeder der bis zu 1500 Besucher ärgert sich über die anderen 1499 Touristen, die jedes Foto durch ihre bloße Anwesenheit verderben.

Wer den Zauber von Machu Picchu erleben möchte, hat nur eine Chance: Man nimmt sich ein Zimmer im »Hotel Machu Picchu Ruinas«, das direkt am Eingang der mysteriösen Stadt liegt. Dann kann man schon vor 10 Uhr morgens die rätselhafte Anlage gehen, bevor der erste Bus ankommt. Nach 15 Uhr, wenn der letzte Bus ins Tal gefahren ist, dann wird es wieder still und man ist nahezu alleine.

Im Herbst 1992 war ich mit drei Freunden vor Ort. Insider warnten: Im Sommer waren die Rebellenführer der »Tupac Amaru« und des »Leuchtenden Pfades« Victor Polay Campos und Abimael Guzman verhaftet worden. Am 10. August 1995 wurden sie vor einem Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Drohten nun Anschläge auf beliebte Ziele wie Machu Picchu? Damit müsse gerechnet werden, hieß es. Derartige Meldungen schreckten offenbar viele potentielle Reisende ab. So waren meine drei Freunde und ich die einzigen Gäste im »Hotel Machu Picchu Ruinas«. Gegen Abend fuhren die Angestellten des Hotels ins Tal. Angeblich blieb ein Nachtwächter bei uns. Ich muss zugeben: Etwas mulmig war mir damals schon!
Plötzlich wie ausgestorben...

Immer wieder hat es mich in den vergangenen Jahrzehnten nach Machu Picchu gezogen. Ich erinnere mich noch sehr gut: Vor meinem ersten Besuch habe ich dickleibige Bücher über die verlorene Stadt gelesen und detailreiche Pläne der Anlage studiert. Vor Ort aber verstand ich, dass die meisten der vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnisse reine Fantasiegebilde sind. »Palast der Prinzessin« heißt ein großes Haus, »königlicher Palast« ein anderes. Bezeichnungen wie »Heiliger Platz«, »Sonnenfeld« und »Heiliger Felsen«, »Viertel der Handwerker« und »Palast der Sonnenjungfrauen« täuschen aber nur Wissen vor. In Wirklichkeit liegt über Machu Picchu der Schleier des Rätselhaften. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass wir so gut wie nichts über Machu Picchu wissen.

Die präzise formulierten Bezeichnungen werden von eifrigen Guides mit inbrünstiger Überzeugung vorgetragen. In Wirklichkeit weiß aber niemand, ob zum Beispiel im »Gefängnisviertel« jemals ein einziger Häftling eine Strafe abbüßen musste. Niemand vermag zu sagen, ob es je so etwas wie eine Haftanstalt in Machu Picchu gab.

Imposant ist auch der »Tempel der drei Fenster«. Drei aus gewaltigen Steinquadern kunstvoll gestalteten Fenster sind bis in unsere Tage erhalten geblieben. Bei Sonnenaufgang soll einst das Innere des »Tempels« in geheimnisvolles Licht getaucht worden sein. Heute ist fast nur noch eine massive Steinfassade erhalten. Ob allerdings die drei Fenster je zu einem »Tempel« gehörten, das weiß niemand. Leider gibt es keine schriftlichen Aufzeichnungen der Erbauer und der Bewohner der Stadt.

Tempel der drei Fenster...
wenn es denn ein Tempel war!
Nichtwissen mag Vertretern der Schulwissenschaften ein Gräuel sein. Dennoch: Vergessen wir die zahlreichen Fantasienamen. Begnügen wir uns mit der Gewissheit, dass wir so gut wie nichts wissen. Eingeweiht in die Mysterien von Machu Picchu wareinst die Amauta, ein Gremium aus adeligen Philosophen und Wissenschaftlern der Inka-Zeit. Noch im 16. Jahrhundert lebte deren uraltes Wissen: als eine alte Form der Esoterik. Den Spaniern wurde dieser Schatz niemals offenbart.

Der spanische Soldat Miguel Rufino, so überliefert es die Chronik von Don Antonio Altamirano (verstorben im Jahr 1556), befreite die Inkaprinzessin Accla Gualca aus den Klauen seiner christlichen Landsleute. Er befürchtete, und das ohne Zweifel zurecht, dass man sie foltern würde, um ihr die Geheimnisse ihres Volkes zu entlocken. Dabei ging es nicht um esoterisches Wissen, sondern ganz konkret um Schatzverstecke. Die Spanier waren in ihren Methoden alles andere als zimperkich.

Miguel Rufino und Accka Gualca entkamen den spanischen Häschern. Sie schlugen sich auf strapaziösesten Wegen bis nach Machu Picchu durch. Vor der Amauta von Machu Picchu mussten beide schwören, das Geheimnis der heiligen Stadt zu wahren. Miguel Rufino hat die wirkliche Bedeutung von Machu Picchu gekannt. Er war der einzige Spanier, der die Stadt in den Anden besuchen durfte, als dort noch stolze Inka residierten.

Blick auf einen Teil der Geisterstadt
Miguel Rufino hielt seinen Schwur. Angewidert von der Grausamkeit seiner goldgierigen Landsleute kämpfte er für die Inkas. Er wurde waffentechnischer Berater des Inka Manco. Beim Versuch, die Spanier wieder aus der Stadt Cusco zu vertreiben, fiel Miguel Rufino im Gefecht.

Martin Fieber schreibt in seinem bemerkenswerten Buch »Machu Picchu« (1): »Das wahre Machu Picchu sind aber nicht die 200 Gebäude, die vielen Tausend Treppenstufen oder die heiligen Megalithe... Das wahre Machu Picchu, die Seele der Stadt in den Wolken, ist für unsere Augen unsichtbar. Aber nicht für unser Herz.«

Machu Picchu ist eine geheimnisvolle Stadt. Und sie ist ein Symbol: Fern der plündernden Spanier überlebte hoch in den Anden eine friedliche kleine Gemeinde von Inkas. Sie hatten sich in eine »unwirtliche« Region zurückgezogen. Sie trieben keinen Raubbau gegen die Natur, sondern mit ihr. In Machu Picchu wurden überwiegend Mumien von Frauen gefunden. Sollte dies auf eine matriarchalische Religion hinweisen? Angeblich wurde Pachamama - »Mutter Erde« - in Machu Picchu verehrt. Uralte matriarchalische Glaubenssystem verehrten Muttergottheiten häufig in unterirdischen Höhlen.....

In der Nähe des »Heiligen Felsens« haben argentinische Studenten ein unterirdisches Labyrinth entdeckt. Es wurde von Archäologen erkundet und zugemauert. (2) Bei einem meiner Besuche in Machu Picchu kletterte ich unter einer Absperrung hindurch und quetschte mich in einen Felsspalt. Er verlief schräg nach unten, wurde offenbar breiter. Bevor ich aber weiter erkunden wurde, beorderten mich zwei recht unwirsch aussehende Aufpasser zurück....

Trotz intensiver Recherchen über Jahre, auch in Cuzco und Lima, konnte ich keine wissenschaftliche Publikation über die unterirdischen Gänge von Machu Picchu ausfindig machen. Wartet das eigentliche Geheimnis von Machu Picchu... in der Unterwelt?


Walter-Jörg Langbein in Machu Picchu
Foto: Willi Dünnenberger
Fußnoten

(1) Fieber, Martin: »Machu Picchu/ Die Stadt des Friedens«, Bad Salzuflen 2003, Klappentext

(2) Schmidt, Kai Ferreira: »Peru Bolivien«, Markgröningen, 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 6/ 2000, S. 271


»Das Geheimnis der Glimmerkammer«,
Teil 38 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 10.10.2010

Sonntag, 4. April 2010

12 »Das Geheimnis der Engel von Chinchero«

Teil 12 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Chinkanas« heißen die geheimnisvollen unterirdischen Tunnels aus der Vorinkazeit. Sie wurden – wie auch immer – angelegt, lange bevor die spanischen Eroberer das heutige Cusco bauten. Sie sollen, so höre ich immer wieder, auch heute noch über weite Strecken gut erhalten sein. In der Kirche Santo Domingo sah ich bei meinem ersten Besuch 1992 einen Bretterverschlag. So armselig die Bretter auch zu sein schienen, der Eingang in die Unterwelt war mit schweren Eisenketten und massiven »Vorhängeschlössern« gesichert. Sie machten einen geradezu »antiken« Eindruck auf mich. Ausgiebig sprach ich im Herbst 1992 mit zwei ehrwürdigen Patres. Zunächst waren sie mürrisch-abweisend, gaben sich verschlossen und einsilbig. Als ich aber darauf hinwies, Theologie studiert zu haben, waren sie zu interessanten Auskünften bereit. Immer wieder beteuerten sie: Cusco ist von einer Vielzahl durch gewachsenen Fels getriebene Tunnels untergraben. Die unterirdischen Gänge verlaufen teilweise in mehreren Ebenen übereinander. Die verschiedenen Etagen wiederum sind untereinander durch steile Treppen verbunden. Ausläufer reichen bis in den Norden Cuscos. Hier liegt die »Festung« Sacsayhuaman. Niemand vermag zu erklären, wie diese Steinkolosse bearbeitet wurden. Trotz ihres gewaltigen Ausmaßes, der Größte der Kolosse hat ein Volumen von rund 200 Kubikmetern, wurden die Yucay-Kalkstein-Klötze millimetergenau angepasst!

Das eigentliche Wunder von Sacsayhuaman wird den Touristen gern vorenthalten. Während sie die gewaltigen Steinkolosse des Monsterwalls bestaunen... entgeht ihnen ein echtes Weltwunder aus uralten Zeiten... nur einige Hundert Meter von den Steinriesen der dreistufigen Maueranlage entfernt. Oberhalb von Sacsayhuaman waren wirkliche Baumeister am Werk. Auf vielen Quadratkilometern Fläche haben sie Steinmassen unvorstellbaren Ausmaßes massiv bearbeitet. Und das angeblich mit primitivem Werkzeug.

Eine Erklärung für das Vorgehen der unbekannten Steinmetze gibt es nicht. Sie haben im Fels gewütet und scheinbar sinnlose Kreationen geschaffen. Da wurde eine Treppe in den Stein geschlagen, die niemand begehen kann. Die Stufen hängen von der Decke. »Wer hat diese Meisterleistung vollbracht?« frage ich »meine« zwei Patres. Sie schweigen. Ich ernte ein hilfloses Achselzucken. »Waren es die Inka?« hake ich nach. Die ehrwürdigen Gottesmänner lächeln milde, schütteln die ergrauten Häupter. »Die mit Sicherheit nicht! Als die Inka kamen, da war die ›Unterwelt‹ schon Jahrtausende alt!«

Gern würde ich in die Unterwelt von Cusco steigen. Ob man mir den Bretterverschlag öffnet? Die Genehmigung wird nicht erteilt. Die Gefahr sei viel zu groß. So mancher Suchende sei nie wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. »Warum?« Die Patres zucken mit den Achseln.»Vielleicht wurde der eine oder der andere verrückt ob der entdeckten gigantischen Schätze da unten... Vielleicht verhungerte und verdurstete man Suchender in dem unterirdischen Irrgarten....« Mahnend erheben die beiden Patres ihre Stimmen. »Überall besteht Einsturzgefahr!« Einige Suchende sollen geistig verwirrt der Unterwelt Cuscos entkommen sein. »Vergessen Sie die unterirdischen Gänge und kehren Sie gesund in die Heimat zurück!« rät mir einer der Patres. Dann entfernen sich die Hüter des Schlüssel gemessenen Schritts.

Einige Male war ich zu Recherchen in Cusco. Einige Male habe ich Sacsayhuaman besucht. Einige Male habe ich die Attraktion von Cusco, die so viele Touristen anlockt, staunend abgeschritten.... Hunderte von Metern Monsterwall. (Foto links!) Und dann ließ ich jedes Mal die Maueranlage hinter mir liegen und kletterte die Anhöhe hinauf... zum eigentlichen Rätsel von Cusco, das immer noch kaum jemand besucht.


Immer wieder entdeckte ich in der bizarren Felslandschaft Eingänge zu Höhlen. Sie sahen wie natürliche Grotten aus. In einige bin ich hineingekrochen. Es kam mir vor, als sei ich jedes Mal tief in die Unterwelt vorgedrungen. Ich mag mich getäuscht haben. Denn meist kam ich nur quälend langsam voran: auf dem Bauch kriechend, eine Taschenlampe zwischen den Zähnen haltend. Manchmal ging es wirklich halsbrecherisch zu. Mehrere Meter kletterte ich in die Tiefe, fast senkrecht ging’s nach unten. In einem der unterirdischen Gänge stieß ich unvermutet auf das Skelett eines kleineren Tieres. Daneben lagen, sorgsam angeordnet, verdorrte Süßkartoffeln und Maiskolben. Haben die unterirdischen Gänge noch heute für die »christianisierten« Nachkommen der Inkas sakrale Bedeutung? Es hat den Anschein! Offenbar wird in der Unterwelt noch heute Göttern aus längst vergangenen Zeiten geopfert.


Man mag zu Erich von Däniken und seinen Theorien stehen wie man will. Unbestreitbar kommt ihm ein großes Verdienst zu: Er macht auf Mysterien unseres Planeten aufmerksam, die von der Schulwissenschaft gern verschwiegen werden. Nach drei Jahrzehnten eigener Reisen zu den großen Geheimnissen unseres Planeten bin ich zur Überzeugung gekommen, dass wirklich Unerklärliches gern in der Fachliteratur übergangen wird. Eines der wirklich großen Rätsel von Planet Erde liegt oberhalb der Monstermauer von Cusco. Wo?

Erich von Däniken gibt in »Reise nach Kiribati« (Düsseldorf 1981, S. 300) erfreulich anschaulich den Weg vor. Er schreibt da: »Meine Damen und Herren, lassen Sie sich am Morgen mit dem Taxi zu den Ruinen von Sacsayhuaman fahren. Veranlassen Sie den Fahrer, auf der alten Straße nach Pisac noch 1,5 Kilometer weiter den Berg raufzufahren – bis zu der ersten Linkskurve. Bezahlen Sie den Fahrer, auch wenn er Ihnen gestikulierend widerspricht. Er wird versuchen, Ihnen einzureden, dass er auf Sie warten wird. Das wird nur teuer und bringt nichts.

Jetzt schauen Sie den Berg hinunter Richtung Inka-Festung. Erklettern Sie gleich neben dem Straßenrand die kleine Anhöhe mit den zerklüfteten Felsen, die rechts von Ihnen 200 Meter über Ihnen liegt. Sie gelangen in ein Felslabyrinth, das die Bezeichnung ›Ruinen‹ im landläufigen Sinne nicht verdient. Da liegen undefinierbare Gesteinsmassen herum, kleinere und größere Quader, unkenntliche Überbleibsel irgendwelcher Bauten. Bald gewinnen Sie den Eindruck, dass hier irgendwann ein mit letztem technischen Raffinement erstelltes Bauwerk total zerstört wurde.

Über Kluften und Felsgrotten klettern Sie auf Plattformen. Unerwartet, überraschend stehen Sie vor erstklassig zugeschnittenen Steinungetümen. Meine Damen und Herren, sehen Sie genau hin, fassen Sie sie an, diese polierten Betonwände, die erst gestern aus ihrer Holzschalung entlassen zu sein scheinen. Sie täuschen sich! Es ist kein Beton, es ist Granit!

Falls Sie es verlernt haben, zu staunen, hier wird Ihnen diese wichtige Begabung ohne Mühe wieder zukommen. Wie von einer Urkraft geschüttelt stehen Grotten auf dem Kopf, sind Tunneleingänge in ihrem ehemals geraden Verlauf unterbrochen, ineinandergeschoben.«

Im Lauf verschiedener Weltreisen war ich immer wieder in Cusco. Immer wieder erkundete ich die mysteriöse Steinwelt oberhalb der Monstermauern von Cusco. Immer wieder zogen mich die monumentalen Steinbearbeitungen wie magisch an. Riesige Steingiganten aus gewachsenem Fels sind eindeutig bearbeitet worden. Aber wie ist das geschehen? Welche Werkzeuge wurden benutzt? Den Inkas war eine solche Steinbearbeitung fremd. Scheinbar spielerisch wurden Felsungetüme – im Großen wie im Kleinen – zugeschnitten. Als sei der harte Fels weich wie Butter gewesen wurden hier rechtwinkelige Nischen herausgearbeitet und runde oder ovale Vertiefungen geschnitten. Dort haben die unbekannten Baumeister so etwas wie ein kurioses Ensemble aus steinernen »Thronen« geschaffen. So gut wie jeder Fleck wurde mit unbekannten Werkzeugen behandelt. Ein Zweck ist nicht zu erkennen. Platteformen.. Felswände... glattpolierter Stein... Einem gewaltigen Koloss, er mag acht Meter hoch sein, wurden scharfe, exakte Kanten abgetrotzt. Immer wieder glaubt man, vor Betonbauten zu stehen. Die Verschalungen, so sieht es aus, hat man offenbar eben erst abgenommen. Der Eindruck aber täuscht: Unbekannte Schöpfer haben hier mit unbekannten Werkzeugen den Stein bearbeitet, als ob sie ihre besonderen Fähigkeiten demonstrieren wollten... oberhalb von Sacsayhuaman, aber auch in Chinchero. (Nächstes Foto: Steinbearbeitung hinter der Kirche von Chinchero!)

Die Spanier hatten keine Ahnung, wer für die wahrhaft monströsen Steinbearbeitungen oberhalb der Wallanlage von Sacsayhuaman verantwortlich war. Die Inkas wussten es auch nicht.Angeblich glaubten die ach so »primitiven Heiden«, ihre vorzeitlichen Schöpfergötter hätten die Wunder in Stein vollbracht. Sie selbst waren dazu nicht in der Lage. Sollte Manco Capac, der legendäre Sohn des Sonnengottes im Stein gewütet haben? Die christlichen Missionare, die mit den mörderischen Plünderern über das Inkareich herfielen, lehnten fremde Götter ab. Nur der eigene, der christliche Gott, durfte angebetet werden. Der aber war natürlich kein Steinmetz. Da Inkagötter als Urheber der Wunder in Stein auch nicht in Erwägung gezogen werden durften... mussten Teufel herhalten. Das wiederum akzeptierten die Inkas nicht. Wenn schon keine Inkagötter als Baumeister akzeptiert wurden... dann mussten es »Engel« gewesen sein, die mit spielerischer Eleganz massenweise am gewachsenen Stein oberhalb von Sacsayhuaman herumsäbelten.

Unweit von Cusco liegt Chinchero. Chinchero war einst eine wichtige Inka-Metrolole, deren einstiger Glanz nicht einmal mehr zu erahnen ist. Übrig geblieben ist ein Dörfchen mit Lehmhütten. Selten verirren sich Touristen hierher. Gelangweilt marschieren Fremde über holperig gepflasterte staubige Straßen. Im starken Kontrast zu den mürrischen Gesichtern der fremden Besucher stehen die stets freundlich lächelnden Einheimischen. Vom einstigen Glanz der Inkazeiten ist hier so gut wie nichts mehr geblieben. Sakrale Tempelbauten wurden von den christlichen Eroberern abgetragen und wütend zerstört. Man erkennt nur noch da und dort sehr bescheidene Häuschen, die auf uraltem Inkamauerwerk errichtet wurden. Auch die Inkas nutzten kleine, handliche Steine, die sie gekonnt zu Mauerwerk auftürmten.

Dabei hat Chinchero Interessantes zu bieten. Der sommerliche Markt gilt als einer der größten der Region. Landwirtschaftliche Produkte und Kunsthandwerkliches werden geboten. Wer sich für die Rätsel der Vergangenheit interessiert, sollte sich hinter der Kirche umsehen. An der Rückseite der Kirche findet sich eine Mauer, die in ihrer Bauweise an den Monsterwall von Cusco erinnert. Gewiss, die sorgsam zugehauenen Steine sind bei weitem nicht so gewaltig wie jene von Sacsayhuaman. Aber auch sie wurden millimetergenau aufeinander gesetzt – ohne Mörtel halten sie schon seit Jahrhunderten stand. Haben hier die Inkas frühere Baumeister zu kopieren versucht?

1560 wurde, so viel ist bekannt, mit dem der Bau einer Kirche begonnen. Christliche Handwerker wollten so ihrem Gott ein Denkmal setzen. Ältere Kulte sollten in Vergessenheit geraten. So setzte man das neue Gotteshaus auf das steinerne Fundament eines älteren Tempels der Inkas. Baumeister ganz anderer Art wirkten hinter der Kirche... wohl schon Jahrhunderte früher. Der Ort für die Kirche war nicht zufällig gewählt. Ein eben dieser Stelle gab es ein uraltes vorchristliches Heiligtum – aus Inka- (oder gar Vorinkazeiten?) !

Ein Naturfels von beachtlicher Größe hat die Zerstörungswut der Spanier überdauert. Er wurde einst ganz so wie die Steinkolosse oberhalb von Sacayshuaman mit unbekannten Werkzeugen bearbeitet. Wieder fällt auf, dass das komplexe Steingebilde nach frischem Beton aussieht. Man könnte meinen, die Verschalungen wurden eben erst abgenommen. Unwillkürlich denkt man an einen Thron in Stein. Die scharfen Kanten beeindrucken. War der kuriose Stein den Inkas so heilig, dass selbst die frühen Missionare es nicht wagten, ihn auch nur anzurühren? Ausfindig zu machen waren sie nur mit mühe.


Um 1693 begann ein Künstler, Francisco Chihuantito (andere Schreibweisen: Chiwantito und Chivantito), das christliche Gotteshaus mit großformatigen Gemälden auszustatten. Wie viele Bilder er für diesen Zweck geschaffen hat, das konnte ich trotz intensiver Recherchen nicht ermitteln. 305 Jahre später, im November des Jahres 1998, befanden sich die riesigen Ölbilder in einem erbärmlichen Zustand. Sie dienten auch nicht mehr als frommer Schmuck für das Gotteshaus. 

Ich habe sie zufällig entdeckt, als ich die Kirche erkundete. Die Gemälde wurden auf der hölzernen Empore mehr schlecht als recht verwahrt. Vollkommen verstaubt lehnten sie an der Mauer im Dunkel der Kirche. Manchmal waren gleich mehrere voreinander gestapelt. Da und dort waren Rahmen zerbrochen. Da und dort war noch ein Motiv zu erkennen, wo die Staubschicht nicht alles überdeckte. Da und dort hatte man mehr schlecht als recht versucht, Bilder vom Schmutz zu befreien. Mag sein, dass durch laienhafte Putzaktionen Bilder beschädigt wurden.

Ich erinnere mich, als wäre es eben erst gewesen... Meine Taschenlampe huscht über die Leinwände... elektrisches Licht steht nicht zur Verfügung. Argwöhnisch beobachtet mich ein Küster. Auf einem der Riesengemälde mache ich Maria, die Mutter Jesu aus. Auf dem gleichen Bild, etwas kleiner, sind Engel in höchst ungewöhnlicher Situation dargestellt. Das seltsame Motiv lässt mich staunen: Engel mit einer Säge. Warum verewigte man die himmlischen Boten so ganz anders als aus christlicher Kunst bekannt: nicht als dickbackige Gestalten mit Flügeln beim Frohlocken, nicht beim andächtigen Beten mit gen Himmel gerichtetem Blick, nicht beim Musizieren... sondern als Steinmetze mit Sägen?

Maestro Francisco Chihuantito (andere Schreibweisen: Chivantito und Chiwantito) hat beim Bild mit den sägenden Engeln nicht aus der Phantasie geschöpft. Er hat die seltsame Szene nur kopiert. Ein unbekannter Künstler hat – Jahre zuvor, wann genau ist nicht mehr bekannt – das Original über den Eingang der Kirche gemalt: Zu sehen sind zwei Engel, die mit ernstem Eifer Stein sägen. Angeblich, so erfahre ich vor Ort, haben einst die Inkas von himmlischen Wesen zu berichten gewusst, die mit ganz besonderen Sägen Stein bearbeiteten.

Die »sägenden Engel von Chinchero« verdeutlichen, dass die Inkas ganz offensichtlich nicht wussten, wie die fantastischen Steinbearbeitungen oberhalb von Sacsayhuaman entstanden. Sie schrieben sie Engeln, also himmlischen Wesen, zu. Die mysteriösen Wunderwerke in Stein wurden so per Gemälde zwangschristianisiert. Wunder waren nun einmal die Domäne des Christentums. Vorchristliche Wunder durfte es nicht geben. Und die Menschen der vorchristlichen, »heidnischen« Zeiten durften auf keinen Fall den Christen überlegen sein.

Es muss bereits vor den Inkas so etwas wie eine fortgeschrittene Zivilisation im Reich der Inkas gegeben haben, über die wir so gut wie nichts wissen. Ist diese Zivilisation sang- und klanglos untergegangen, verschwunden? Oder war sie nicht von unserer Welt? Waren kosmische Besucher auf unserem Planeten zu Besuch, die über eine fortgeschrittene Technologie verfügten?

Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein. Copyright: Walter-Jörg Langbein

»Das Horrorkabinett des Dr. Cabrera«,
Teil 13 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 11.4.2010


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