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Sonntag, 23. Mai 2010

19 »Der Dreizack von Pisco«

Teil 19 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Von Pisco ging’s mit dem Minibus zum Hafen von Paracas. Von Paracas wurde die Reise im röhrenden Motorboot fortgesetzt. In rasanter Fahrt über schaumbekrönte Wellen passierten wir »Puerto San Martin«. Und plötzlich flimmerte so etwas wie ein riesiges Zeichen im staubigen Wüstensand. Hat da ein Gigant in spielerischer Laune mit einem spitzen Stock etwas in den Sand gekratzt?

Größe und Stil erinnerten sofort an die riesigen Erdzeichen (»geoglyphos«) von Nasca. Das geometrisch anmutende Bild ist »El Candelabro«, der Dreizack. 180 Meter misst seine Höhe, 70 Meter seine Breite. Bei Internetrecherchen fand ich eine Vielzahl von unsinnigen Größenangaben. Unterschiedlichste Behauptungen werden aufgestellt, von denen die meisten nicht stimmen. Der »Kandelaber« ist keineswegs nur 40 Meter hoch... und Angaben von 500 bis 800 m sind maßlos übertrieben!

Wissenschaftler streiten, was das Riesenbild darstellen soll. Ist es vielleicht ein »Dreizack«, ein dreiarmiger Leuchter... wie so manche Koryphäe vermutet? Oder zeigt das mysteriöse Bild einen Kandelaberkaktus? Der war einstens den Menschen der Wüstenregion heilig, galt als eine Art Schlüssel in andere Welten... enthielt er doch halluzinogene Stoffe, die von Eingeweihten bei religiösen Zeremonien eingenommen wurden. Diese Substanzen versetzen den Konsumenten in einen Rauschzustand. Glaubten die Priester jener längst vergangenen Epoche, mit Hilfe der Droge aus der Natur Zugang zu einer göttlichen Welt zu finden? Vermutungen werden geäußert... und leider gern als Tatsachen hingestellt.

Die meiner Meinung nach absurdeste »Erklärung«: Der »Dreizack« weise auf ein Piratenversteck, wo wertvolle Schätze vergraben wurden. Kein noch so dummer Pirat wird mit einem riesigen Erdzeichen auf seine verborgenen Goldvorräte hinweisen! Sinn eines Verstecks ist es ja, von Unwissenden NICHT gefunden zu werden! Ein riesiges Signalzeichen von fast 200 Meter Länge indes hat die Diskretion eines Marktschreiers!

Prof. Hans Schindler-Bellamy, ein Wiener Gelehrter, Archäologe und Südamerika-Experte, im Interview mit dem Verfasser: »Drogen wurden von Naturvölkern gezielt eingesetzt. Es galt nicht, aus egoistischen Gründen einen Drogenrausch zu erleben. Vielmehr galt bei verschiedenen Völkern dieser Weg als Möglichkeit für Schamanen, etwa mit dem Jenseits in Kontakt zu treten, oder ohne Zeitverzögerung in fernste Regionen des Globus zu gelangen. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Gegenwart und Zukunft verschwanden, hatten keine Bedeutung mehr. So konnte sich der Schamane nach Belieben in die Vergangenheit oder in die Zukunft versetzen.«

Am 15. August 2007 wurde Peru von einem starken Erdbeben heimgesucht. Das kleine, idyllische Hafenstädtchen Pisco wurde fast vollständig zerstört. Wie viele Menschen der Naturkatastrophe zum Opfer fielen, das konnte nicht geklärt werden. Etwa einhundert Tote waren allein beim Einsturz der Kirche »San Clemente« zu beklagen. Wohlhabende Bürger kamen in ihren ansehnlichen Häusern ums Leben, die Ärmsten der Armen in armseligen Behausungen. Gestorben wurde in Hütten wie in Palästen. Fast wäre Pisco vollständig ausgelöscht worden.

Pisco, im Departement Ica gelegen, hatte als Hauptstadt der Provinz Pisco eine gewisse lokale Bedeutung. Längst im staubigen Boden versunken sind die Spuren der einstigen Hochkultur von Paracas.

Die Paracas-Kultur dürfte vor rund 2500 Jahren – in etwa zu Zeiten des biblischen Propheten Hesekiel – ein erstaunlich hohes Niveau erreicht haben. An der Nordspitze von Cerro Colorado wurden Tote in einer Necropole bestattet. In Gruften mit massiven Mauern warteten die Verstorbenen auf ihre Auferstehung. Der Archäologe Julio C. Tello untersuchte über 400 Mumien von erwachsenen Männern, die im Leben offenbar als ranghohe Vertreter der alten Kultur hoch angesehen waren. Einige von ihnen trugen mehr als einhundert Kleidungsstücke aus farbenfroher Baumwolle.

Schriftliche Aufzeichnungen aus der Zeit der Paracas-Kultur liegen nicht vor. So sind wir, was die religiösen Überzeugungen jener Zeit anbelangt, auf Vermutungen angewiesen. Ob die Toten in Felsgräbern oder in unterirdischen Grabkammern beigesetzt wurden, so nahmen sie alle die gleiche Haltung ein: wie Embryos in Hockstellung. Wertvolle, unglaublich farbenprächtige Tücher, hielten die Verstorbenen in dieser Position. Offenbar glaubten die Menschen damals, das Stadium des Todes sei mit jenem des ungeborenen Kindes im Mutterleib zu vergleichen. So wie das Baby ins Leben eintritt, so sollten auch die Toten in eine jenseitige Welt geboren werden.

Prof. Hans Schindler-Bellamy (Wiener Archäologe und Südamerikaexperte) erklärte dem Verfasser im Interview: »Die Toten warteten nach dieser Vorstellung im Grab wie die Babys im Mutterleib auf die Geburt in eine neue Welt. Man kann davon ausgehen, dass die Erde mit der alles gebärenden großen Mutter gleichgesetzt wurde. Das deutet auf eine zumindest tendenzielle matriarchalische Prägung der Glaubenswelt hin!«

Die Kunst des Webens scheint von ganz besonderer Bedeutung gewesen zu sein. So fanden sich hölzerne Reste von Webstühlen – in der Stadt der Toten. Wollte man ihnen die Möglichkeit schaffen, sich im Jenseits kostbare Stoffe für die Bekleidung zu weben? In sorgsam geflochtenen Körben hatten pflanzliche Nahrungsmittel erstaunlich gut die zweieinhalb Jahrtausende im Wüstenboden überstanden... die Wegzehrung der vornehmen Toten. Pfeile gehörten auch zu den Grabbeigaben.

Bis heute rätselhaft: Vermutlich vom Babyalter an wurden Kinder hochrangiger Familien der Paracas-Kultur auf brutale Weise gepeinigt. Ihre Köpfe wurden mit mechanischen Pressen deformiert. Die armen Kleinen mussten wohl ständig so etwas wie Schraubzwingen am Kopf tragen, was zu einer Deformierung der Schädel führte. Sollten sich die Angehörigen der führenden Kaste durch seltsam in die Länge gezogene Schädel vom niederen Volk unterscheiden? Derartig massive Verformungen wurden – warum auch immer – bei Männern wie bei Frauen vorgenommen.

Aus heutiger Sicht unheimlich sind die sogenannten Schädel-Trepanationen. Warum wurden diese Schädeloperationen durchgeführt? Viereckige oder dreieckige Schädelstücke wurden lebenden Menschen entnommen. Es wurde gesägt und gebohrt... aber warum? Medizinische Eingriffe scheinen als Erklärung auszuscheiden. Wurden derartige Schädel-Löcher doch bei fast jedem zweiten Toten entdeckt. Verwachsungen an den Rändern belegen, dass die Menschen die Prozedur – warum auch immer sie vorgenommen wurde – überlebten.

Waren es die Menschen der Paracas-Kultur, die den Kandelaber von Pisco schufen? Hatte das Riesenbild religiöse Bedeutung? Weit verbreitet ist eine eher profane Interpretation: Der »Dreizack«, so hört und liest man immer wieder, war nichts anderes als ein Orientierungszeichen.... ein Wegweiser für Seefahrer und Fischer. Nach mehreren Besuchen in der Bucht von Pisco leuchtet mir diese bodenständige Erklärung nicht mehr ein.

Warum sollten Fischer oder Seefahrer ein riesengroßes Orientierungszeichen dort im knochentrockenen Wüstenboden verewigt haben, wo man es nur bedingt vom Meer aus sehen kann? Warum sollten sie es am Ufer einer Bucht angebracht haben, in die man erst einfahren muss, um es dann von bestimmten Positionen aus nur verzerrt sehen zu können? Vom Meer aus gesehen... verbirgt sich der Kandelaber hinter einem Inselchen. Er ist also als Markierungspunkt für die Seefahrt ebenso wenig geeignet wie ein Leuchtturm, der von einer vorgelagerten Insel verdeckt wird!

Warum wurde es an einem eher flachen Hang angebracht? Ein für die Seefahrt bestimmtes Signalzeichen müsste doch so weit wie möglich zu sehen sein.... also an einem möglichst steilen Hang? So ein Zeichen hätte man dann doch wohl auf einer der vorgelagerten Inselchen angebracht.... und nicht dahinter versteckt!

Die »Islas Ballestas« gehören zu den mysteriösesten Eilanden unseres Globus. Sie wirken geheimnisvoll und bizarr. Sie könnten problemlos als Kulisse für einen Science-Fiction Film dienen: als Inseln auf einem fernen skurrilen Planeten. Ungewöhnlich geformte Felsen regen die menschliche Fantasie an. In den Formationen meint man Gesichter oder Fratzen erkennen zu können. Zu den attraktiven Wundern in Stein gehörte ein lichtdurchfluteter Steinbogen. Die von der Natur geschaffene Felsbrücke, »La Catedral« genannt, wurde am 15. August 2007 von der Natur wieder zerstört. Sie stürzte beim Erdbeben an jenem Tag ein.

Besonders imposant sind die mächtigen Seelöwen, die oft viele Meter über dem Meeresspiegel auf Felsvorsprüngen lagern. In stoischer Ruhe ertragen sie die Neugier der zweibeinigen Fotografen. Wie mögen die massigen Tiere ihre Ruheplätze aufgesucht haben? Es ist unwahrscheinlich, dass sie die steilen Felsen emporgeklommen sind. Haben sie ihre wuchtigen Leiber von mächtigen Wellen emporheben lassen? Humboldt-Pinguine sieht man gelegentlich waghalsige Sprünge ins eiskalte Meer vorführen.. auf der Jagd nach Fischen. Seltener tauchen Delfine auf... Auch sie sind wegen der Fische hier.

Die Inselwelt – und das ist gut so – darf nicht betreten werden. Sie sind ein einzigartiges Naturreservat und bieten neben den majestätischen Seelöwen auch Pinguinen, Pelikanen, Guanay-Vögeln, Blaufußtölpeln, Kormoranen und anderen Vögeln Zuflucht. Der Kot der Guanays war einst weltweit als wertvoller Dünger beliebt. Reich an Calciumphosphat und Stickstoff war er einst ein Exportschlager und brachte Peru üppige Devisen. Zu Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus hat er keine Bedeutung mehr. Längst wurde er von Chemiedüngern abgelöst.

Man kann den Kandelaber am besten in voller Pracht von der Luft aus sehen. Nimmt man das riesige Bild als Wegweiser... wohin führt er dann? Nun, den Seefahrer geleitet er – so er ihn überhaupt sieht – direkt in eine lebensfeindliche Wüste. Folgt ein Flugzeugpilot dem Kandelaber, dann erreicht er nach rund 160 Kilometern... die Ebene von Nasca mit ihren riesigen Scharrzeichnungen, die man am besten von der Luft aus sieht!



»Vom Kandelaber zum Riesen der Atacamawüste«,
Teil 20 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 30. Mai 2010


Sonntag, 4. April 2010

12 »Das Geheimnis der Engel von Chinchero«

Teil 12 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


»Chinkanas« heißen die geheimnisvollen unterirdischen Tunnels aus der Vorinkazeit. Sie wurden – wie auch immer – angelegt, lange bevor die spanischen Eroberer das heutige Cusco bauten. Sie sollen, so höre ich immer wieder, auch heute noch über weite Strecken gut erhalten sein. In der Kirche Santo Domingo sah ich bei meinem ersten Besuch 1992 einen Bretterverschlag. So armselig die Bretter auch zu sein schienen, der Eingang in die Unterwelt war mit schweren Eisenketten und massiven »Vorhängeschlössern« gesichert. Sie machten einen geradezu »antiken« Eindruck auf mich. Ausgiebig sprach ich im Herbst 1992 mit zwei ehrwürdigen Patres. Zunächst waren sie mürrisch-abweisend, gaben sich verschlossen und einsilbig. Als ich aber darauf hinwies, Theologie studiert zu haben, waren sie zu interessanten Auskünften bereit. Immer wieder beteuerten sie: Cusco ist von einer Vielzahl durch gewachsenen Fels getriebene Tunnels untergraben. Die unterirdischen Gänge verlaufen teilweise in mehreren Ebenen übereinander. Die verschiedenen Etagen wiederum sind untereinander durch steile Treppen verbunden. Ausläufer reichen bis in den Norden Cuscos. Hier liegt die »Festung« Sacsayhuaman. Niemand vermag zu erklären, wie diese Steinkolosse bearbeitet wurden. Trotz ihres gewaltigen Ausmaßes, der Größte der Kolosse hat ein Volumen von rund 200 Kubikmetern, wurden die Yucay-Kalkstein-Klötze millimetergenau angepasst!

Das eigentliche Wunder von Sacsayhuaman wird den Touristen gern vorenthalten. Während sie die gewaltigen Steinkolosse des Monsterwalls bestaunen... entgeht ihnen ein echtes Weltwunder aus uralten Zeiten... nur einige Hundert Meter von den Steinriesen der dreistufigen Maueranlage entfernt. Oberhalb von Sacsayhuaman waren wirkliche Baumeister am Werk. Auf vielen Quadratkilometern Fläche haben sie Steinmassen unvorstellbaren Ausmaßes massiv bearbeitet. Und das angeblich mit primitivem Werkzeug.

Eine Erklärung für das Vorgehen der unbekannten Steinmetze gibt es nicht. Sie haben im Fels gewütet und scheinbar sinnlose Kreationen geschaffen. Da wurde eine Treppe in den Stein geschlagen, die niemand begehen kann. Die Stufen hängen von der Decke. »Wer hat diese Meisterleistung vollbracht?« frage ich »meine« zwei Patres. Sie schweigen. Ich ernte ein hilfloses Achselzucken. »Waren es die Inka?« hake ich nach. Die ehrwürdigen Gottesmänner lächeln milde, schütteln die ergrauten Häupter. »Die mit Sicherheit nicht! Als die Inka kamen, da war die ›Unterwelt‹ schon Jahrtausende alt!«

Gern würde ich in die Unterwelt von Cusco steigen. Ob man mir den Bretterverschlag öffnet? Die Genehmigung wird nicht erteilt. Die Gefahr sei viel zu groß. So mancher Suchende sei nie wieder ans Tageslicht zurückgekehrt. »Warum?« Die Patres zucken mit den Achseln.»Vielleicht wurde der eine oder der andere verrückt ob der entdeckten gigantischen Schätze da unten... Vielleicht verhungerte und verdurstete man Suchender in dem unterirdischen Irrgarten....« Mahnend erheben die beiden Patres ihre Stimmen. »Überall besteht Einsturzgefahr!« Einige Suchende sollen geistig verwirrt der Unterwelt Cuscos entkommen sein. »Vergessen Sie die unterirdischen Gänge und kehren Sie gesund in die Heimat zurück!« rät mir einer der Patres. Dann entfernen sich die Hüter des Schlüssel gemessenen Schritts.

Einige Male war ich zu Recherchen in Cusco. Einige Male habe ich Sacsayhuaman besucht. Einige Male habe ich die Attraktion von Cusco, die so viele Touristen anlockt, staunend abgeschritten.... Hunderte von Metern Monsterwall. (Foto links!) Und dann ließ ich jedes Mal die Maueranlage hinter mir liegen und kletterte die Anhöhe hinauf... zum eigentlichen Rätsel von Cusco, das immer noch kaum jemand besucht.


Immer wieder entdeckte ich in der bizarren Felslandschaft Eingänge zu Höhlen. Sie sahen wie natürliche Grotten aus. In einige bin ich hineingekrochen. Es kam mir vor, als sei ich jedes Mal tief in die Unterwelt vorgedrungen. Ich mag mich getäuscht haben. Denn meist kam ich nur quälend langsam voran: auf dem Bauch kriechend, eine Taschenlampe zwischen den Zähnen haltend. Manchmal ging es wirklich halsbrecherisch zu. Mehrere Meter kletterte ich in die Tiefe, fast senkrecht ging’s nach unten. In einem der unterirdischen Gänge stieß ich unvermutet auf das Skelett eines kleineren Tieres. Daneben lagen, sorgsam angeordnet, verdorrte Süßkartoffeln und Maiskolben. Haben die unterirdischen Gänge noch heute für die »christianisierten« Nachkommen der Inkas sakrale Bedeutung? Es hat den Anschein! Offenbar wird in der Unterwelt noch heute Göttern aus längst vergangenen Zeiten geopfert.


Man mag zu Erich von Däniken und seinen Theorien stehen wie man will. Unbestreitbar kommt ihm ein großes Verdienst zu: Er macht auf Mysterien unseres Planeten aufmerksam, die von der Schulwissenschaft gern verschwiegen werden. Nach drei Jahrzehnten eigener Reisen zu den großen Geheimnissen unseres Planeten bin ich zur Überzeugung gekommen, dass wirklich Unerklärliches gern in der Fachliteratur übergangen wird. Eines der wirklich großen Rätsel von Planet Erde liegt oberhalb der Monstermauer von Cusco. Wo?

Erich von Däniken gibt in »Reise nach Kiribati« (Düsseldorf 1981, S. 300) erfreulich anschaulich den Weg vor. Er schreibt da: »Meine Damen und Herren, lassen Sie sich am Morgen mit dem Taxi zu den Ruinen von Sacsayhuaman fahren. Veranlassen Sie den Fahrer, auf der alten Straße nach Pisac noch 1,5 Kilometer weiter den Berg raufzufahren – bis zu der ersten Linkskurve. Bezahlen Sie den Fahrer, auch wenn er Ihnen gestikulierend widerspricht. Er wird versuchen, Ihnen einzureden, dass er auf Sie warten wird. Das wird nur teuer und bringt nichts.

Jetzt schauen Sie den Berg hinunter Richtung Inka-Festung. Erklettern Sie gleich neben dem Straßenrand die kleine Anhöhe mit den zerklüfteten Felsen, die rechts von Ihnen 200 Meter über Ihnen liegt. Sie gelangen in ein Felslabyrinth, das die Bezeichnung ›Ruinen‹ im landläufigen Sinne nicht verdient. Da liegen undefinierbare Gesteinsmassen herum, kleinere und größere Quader, unkenntliche Überbleibsel irgendwelcher Bauten. Bald gewinnen Sie den Eindruck, dass hier irgendwann ein mit letztem technischen Raffinement erstelltes Bauwerk total zerstört wurde.

Über Kluften und Felsgrotten klettern Sie auf Plattformen. Unerwartet, überraschend stehen Sie vor erstklassig zugeschnittenen Steinungetümen. Meine Damen und Herren, sehen Sie genau hin, fassen Sie sie an, diese polierten Betonwände, die erst gestern aus ihrer Holzschalung entlassen zu sein scheinen. Sie täuschen sich! Es ist kein Beton, es ist Granit!

Falls Sie es verlernt haben, zu staunen, hier wird Ihnen diese wichtige Begabung ohne Mühe wieder zukommen. Wie von einer Urkraft geschüttelt stehen Grotten auf dem Kopf, sind Tunneleingänge in ihrem ehemals geraden Verlauf unterbrochen, ineinandergeschoben.«

Im Lauf verschiedener Weltreisen war ich immer wieder in Cusco. Immer wieder erkundete ich die mysteriöse Steinwelt oberhalb der Monstermauern von Cusco. Immer wieder zogen mich die monumentalen Steinbearbeitungen wie magisch an. Riesige Steingiganten aus gewachsenem Fels sind eindeutig bearbeitet worden. Aber wie ist das geschehen? Welche Werkzeuge wurden benutzt? Den Inkas war eine solche Steinbearbeitung fremd. Scheinbar spielerisch wurden Felsungetüme – im Großen wie im Kleinen – zugeschnitten. Als sei der harte Fels weich wie Butter gewesen wurden hier rechtwinkelige Nischen herausgearbeitet und runde oder ovale Vertiefungen geschnitten. Dort haben die unbekannten Baumeister so etwas wie ein kurioses Ensemble aus steinernen »Thronen« geschaffen. So gut wie jeder Fleck wurde mit unbekannten Werkzeugen behandelt. Ein Zweck ist nicht zu erkennen. Platteformen.. Felswände... glattpolierter Stein... Einem gewaltigen Koloss, er mag acht Meter hoch sein, wurden scharfe, exakte Kanten abgetrotzt. Immer wieder glaubt man, vor Betonbauten zu stehen. Die Verschalungen, so sieht es aus, hat man offenbar eben erst abgenommen. Der Eindruck aber täuscht: Unbekannte Schöpfer haben hier mit unbekannten Werkzeugen den Stein bearbeitet, als ob sie ihre besonderen Fähigkeiten demonstrieren wollten... oberhalb von Sacsayhuaman, aber auch in Chinchero. (Nächstes Foto: Steinbearbeitung hinter der Kirche von Chinchero!)

Die Spanier hatten keine Ahnung, wer für die wahrhaft monströsen Steinbearbeitungen oberhalb der Wallanlage von Sacsayhuaman verantwortlich war. Die Inkas wussten es auch nicht.Angeblich glaubten die ach so »primitiven Heiden«, ihre vorzeitlichen Schöpfergötter hätten die Wunder in Stein vollbracht. Sie selbst waren dazu nicht in der Lage. Sollte Manco Capac, der legendäre Sohn des Sonnengottes im Stein gewütet haben? Die christlichen Missionare, die mit den mörderischen Plünderern über das Inkareich herfielen, lehnten fremde Götter ab. Nur der eigene, der christliche Gott, durfte angebetet werden. Der aber war natürlich kein Steinmetz. Da Inkagötter als Urheber der Wunder in Stein auch nicht in Erwägung gezogen werden durften... mussten Teufel herhalten. Das wiederum akzeptierten die Inkas nicht. Wenn schon keine Inkagötter als Baumeister akzeptiert wurden... dann mussten es »Engel« gewesen sein, die mit spielerischer Eleganz massenweise am gewachsenen Stein oberhalb von Sacsayhuaman herumsäbelten.

Unweit von Cusco liegt Chinchero. Chinchero war einst eine wichtige Inka-Metrolole, deren einstiger Glanz nicht einmal mehr zu erahnen ist. Übrig geblieben ist ein Dörfchen mit Lehmhütten. Selten verirren sich Touristen hierher. Gelangweilt marschieren Fremde über holperig gepflasterte staubige Straßen. Im starken Kontrast zu den mürrischen Gesichtern der fremden Besucher stehen die stets freundlich lächelnden Einheimischen. Vom einstigen Glanz der Inkazeiten ist hier so gut wie nichts mehr geblieben. Sakrale Tempelbauten wurden von den christlichen Eroberern abgetragen und wütend zerstört. Man erkennt nur noch da und dort sehr bescheidene Häuschen, die auf uraltem Inkamauerwerk errichtet wurden. Auch die Inkas nutzten kleine, handliche Steine, die sie gekonnt zu Mauerwerk auftürmten.

Dabei hat Chinchero Interessantes zu bieten. Der sommerliche Markt gilt als einer der größten der Region. Landwirtschaftliche Produkte und Kunsthandwerkliches werden geboten. Wer sich für die Rätsel der Vergangenheit interessiert, sollte sich hinter der Kirche umsehen. An der Rückseite der Kirche findet sich eine Mauer, die in ihrer Bauweise an den Monsterwall von Cusco erinnert. Gewiss, die sorgsam zugehauenen Steine sind bei weitem nicht so gewaltig wie jene von Sacsayhuaman. Aber auch sie wurden millimetergenau aufeinander gesetzt – ohne Mörtel halten sie schon seit Jahrhunderten stand. Haben hier die Inkas frühere Baumeister zu kopieren versucht?

1560 wurde, so viel ist bekannt, mit dem der Bau einer Kirche begonnen. Christliche Handwerker wollten so ihrem Gott ein Denkmal setzen. Ältere Kulte sollten in Vergessenheit geraten. So setzte man das neue Gotteshaus auf das steinerne Fundament eines älteren Tempels der Inkas. Baumeister ganz anderer Art wirkten hinter der Kirche... wohl schon Jahrhunderte früher. Der Ort für die Kirche war nicht zufällig gewählt. Ein eben dieser Stelle gab es ein uraltes vorchristliches Heiligtum – aus Inka- (oder gar Vorinkazeiten?) !

Ein Naturfels von beachtlicher Größe hat die Zerstörungswut der Spanier überdauert. Er wurde einst ganz so wie die Steinkolosse oberhalb von Sacayshuaman mit unbekannten Werkzeugen bearbeitet. Wieder fällt auf, dass das komplexe Steingebilde nach frischem Beton aussieht. Man könnte meinen, die Verschalungen wurden eben erst abgenommen. Unwillkürlich denkt man an einen Thron in Stein. Die scharfen Kanten beeindrucken. War der kuriose Stein den Inkas so heilig, dass selbst die frühen Missionare es nicht wagten, ihn auch nur anzurühren? Ausfindig zu machen waren sie nur mit mühe.


Um 1693 begann ein Künstler, Francisco Chihuantito (andere Schreibweisen: Chiwantito und Chivantito), das christliche Gotteshaus mit großformatigen Gemälden auszustatten. Wie viele Bilder er für diesen Zweck geschaffen hat, das konnte ich trotz intensiver Recherchen nicht ermitteln. 305 Jahre später, im November des Jahres 1998, befanden sich die riesigen Ölbilder in einem erbärmlichen Zustand. Sie dienten auch nicht mehr als frommer Schmuck für das Gotteshaus. 

Ich habe sie zufällig entdeckt, als ich die Kirche erkundete. Die Gemälde wurden auf der hölzernen Empore mehr schlecht als recht verwahrt. Vollkommen verstaubt lehnten sie an der Mauer im Dunkel der Kirche. Manchmal waren gleich mehrere voreinander gestapelt. Da und dort waren Rahmen zerbrochen. Da und dort war noch ein Motiv zu erkennen, wo die Staubschicht nicht alles überdeckte. Da und dort hatte man mehr schlecht als recht versucht, Bilder vom Schmutz zu befreien. Mag sein, dass durch laienhafte Putzaktionen Bilder beschädigt wurden.

Ich erinnere mich, als wäre es eben erst gewesen... Meine Taschenlampe huscht über die Leinwände... elektrisches Licht steht nicht zur Verfügung. Argwöhnisch beobachtet mich ein Küster. Auf einem der Riesengemälde mache ich Maria, die Mutter Jesu aus. Auf dem gleichen Bild, etwas kleiner, sind Engel in höchst ungewöhnlicher Situation dargestellt. Das seltsame Motiv lässt mich staunen: Engel mit einer Säge. Warum verewigte man die himmlischen Boten so ganz anders als aus christlicher Kunst bekannt: nicht als dickbackige Gestalten mit Flügeln beim Frohlocken, nicht beim andächtigen Beten mit gen Himmel gerichtetem Blick, nicht beim Musizieren... sondern als Steinmetze mit Sägen?

Maestro Francisco Chihuantito (andere Schreibweisen: Chivantito und Chiwantito) hat beim Bild mit den sägenden Engeln nicht aus der Phantasie geschöpft. Er hat die seltsame Szene nur kopiert. Ein unbekannter Künstler hat – Jahre zuvor, wann genau ist nicht mehr bekannt – das Original über den Eingang der Kirche gemalt: Zu sehen sind zwei Engel, die mit ernstem Eifer Stein sägen. Angeblich, so erfahre ich vor Ort, haben einst die Inkas von himmlischen Wesen zu berichten gewusst, die mit ganz besonderen Sägen Stein bearbeiteten.

Die »sägenden Engel von Chinchero« verdeutlichen, dass die Inkas ganz offensichtlich nicht wussten, wie die fantastischen Steinbearbeitungen oberhalb von Sacsayhuaman entstanden. Sie schrieben sie Engeln, also himmlischen Wesen, zu. Die mysteriösen Wunderwerke in Stein wurden so per Gemälde zwangschristianisiert. Wunder waren nun einmal die Domäne des Christentums. Vorchristliche Wunder durfte es nicht geben. Und die Menschen der vorchristlichen, »heidnischen« Zeiten durften auf keinen Fall den Christen überlegen sein.

Es muss bereits vor den Inkas so etwas wie eine fortgeschrittene Zivilisation im Reich der Inkas gegeben haben, über die wir so gut wie nichts wissen. Ist diese Zivilisation sang- und klanglos untergegangen, verschwunden? Oder war sie nicht von unserer Welt? Waren kosmische Besucher auf unserem Planeten zu Besuch, die über eine fortgeschrittene Technologie verfügten?

Alle Fotos: Walter-Jörg Langbein. Copyright: Walter-Jörg Langbein

»Das Horrorkabinett des Dr. Cabrera«,
Teil 13 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«,
von Walter-Jörg Langbein
erscheint am 11.4.2010


Sonntag, 17. Januar 2010

1 »Kuelap, eine geheimnisvolle Metropole der ›Chachapoyas‹«

Teil 1 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von
Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Wie eine Krone auf hohem Berg... Kuelap.

40 Jahre lang bereiste ich die Welt, um für meine Bücher zu recherchieren und Material zu sammeln. Auf manchen meiner Reisen nahm ich Leserinnen und Leser mit, um gemeinsam mit ihnen die rätselhaftesten Stätten unseres Planeten zu besuchen. Vermeintlich »primitive« Steinzeitvölker schufen mysteriöse Bauten gigantischen Ausmaßes. Im Wüstensand vergrabene Mumien warten seit Jahrtausenden auf ihre »Wiedergeburt«. In archäologischen Sammlungen schlummern geheimnisvolle Objekte, die es gar nicht geben dürfte. Mysteriöse Kulte geben Rätsel auf. Indische Tempel stellen die fliegenden Vehikel der Götter dar. (Foto: Ingeborg Diekmann Bremen)

2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus. Auf der strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte.

Foto 2: Steiler Weg nach Kuelap

In meiner neuen Exklusivserie berichte ich über meine Forschungsreisen in die entlegensten Regionen unseres Globus – von Ägypten bis nach Vanuatu. Den Anfang macht Kuelap, die Ruinenstadt der »Chachapoyas«, hoch in den Anden gelegen. Kuelap ist eine echte Sensation. Die Stadt könnte eine Massenattraktion für Touristen sein.... wenn sie nicht so abgelegen und nur auf beschwerlichen Wegen zu erreichen wäre! Vielleicht ist das die Chance für Kuelap: Touristenmassen könnten Schäden anrichten, bevor wissenschaftliche Ausgrabungen möglich sind. Dazu fehlt immer noch das Geld.

Ich lade Sie zu einer außergewöhnlichen Reise ein: Lesen Sie meine neue Serie, exklusiv für ein-Buch-lesen geschrieben!

Foto 3: Mächtige Monstermauer, schwer zu erreichen...

Von Cuencea in Ecuador fliegen wir nach Piura im Norden Perus. Von der Wüstenmetropole Piura – fast 300 000 Einwohner – bekommen wir nichts zu sehen. Unser Zeitplan ist zu knapp. Die Gluthitze der »Desierto Sechura«-Wüste macht uns zu schaffen. Wir werden in den winzigen »VIP-Bereich« des Flughafens geführt. Angenehme Kühle umfängt uns. Freundliche Angestellte erledigen die Passformalitäten. Flüchtig wird unser Gepäck kontrolliert. »Ihr habt Glück!» lacht eine Stewardess. »Im Augenblick vertragen wir uns mit Ecuador... sonst würde sich die Einreise aus Ecuador höchst kompliziert erweisen...« Kopfschütteln ernten wir für unsere Reise um den halben Globus in den Norden Perus. Da gibt es doch nur alte Ruinen. Für die Regierenden sind Bodenschätze sehr viel wichtiger. Sie verheißen Reichtum. Und deshalb streiten sich Ecuador und Peru seit vielen Jahren immer wieder um den Grenzverlauf.

Per Bus geht es weiter bis nach Olmos. 168 Kilometer auf der imposanten Pan Americana legen wir in zwei Stunden zurück. In Olmos warten bereits fünf Geländewagen auf uns. »Nur« 302 Kilometer liegen noch vor uns. Aber die Straßen machen das Weiterkommen mehr als mühsam. Nach acht Stunden (!) kommen wir endlich in »Lagina Pomocochas« an:

Foto 4: Für Angreifer kaum zu überwinden....

Um 1.30 nachts stehen wir vor unserem Hotel. Wir sind erschöpft und übermüdet. Endlich gelingt es uns, auf uns aufmerksam zu machen. Einige Hotelangestellte lassen uns ein. Laguna Pomacochas liegt im Tal des Rio Utcumbamba. Es ist traumhaft schön. Wir haben aber leider keine Zeit, die herrliche Andenlandschaft zu erkunden... denn am Morgen geht es schon wieder weiter – nach Chillo bei Tingo. Die Fahrt bis nach Magdalena ist abenteuerlich. Die Straße ist wesentlich schlechter als man das in heimischen Gefilden von Feldwegen gewohnt ist. Wir haben März... und Regenzeit. Gewaltige Schlaglöcher – sie ähneln manchmal eher Kratern – machen die Fahrt zur Tortur. Die Straße schlängelt sich an steil emporragenden Felswänden entlang. Zum Glück sind wir mit geländegängigen Vehikeln unterwegs. Eigentlich hätten es auch drei getan. Wir wollen aber möglichst kein Risiko eingehen. Falls zwei der wendigen Fahrzeuge ausfallen, muss die Reise nicht unterbrochen werden. Tatsächlich haben wir mehrfach Autopannen. Wir fahren mit den fahrtüchtigen Autos weiter, die defekten werden notdürftig repariert... und holen uns wieder ein!

Mitten in den Anden wartet das spartanische »Hostal el Chillo« auf uns. Es besteht aus zwei Haupthäusern und bungalowartigen kleineren Gebäuden. Mehrere Bungalows teilen sich eine Dusche. Der Chef, Oscar, hat die kleine Anlage mit seiner Familie selbst gebaut. Schon das Heranschaffen der Steine war eine Meisterleistung in der abgelegenen Region. Man sieht es den einzelnen Gebäuden an, wann sie gebaut wurden. Haus Nr.1 ist inzwischen baufällig. Der Frühstücksraum ist noch intakt.

Foto 5: Massiver Pflanzenwuchs setzt den Mauern zu.

Oscar reicht zur Begrüßung einen selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps.. ein wahres Feuerwasser! Selbst gebaut ist auch ein Wasserrad, angetrieben von einem eisigen Gebirgsbach. So erzeugt Oscar eigenen Strom. Eiskalt sind auch die Duschen. Aber wir suchen keinen Luxus... wir möchten Kuelap, eine geheimnisvolle Ruinenstadt, besichtigen. Gebaut wurde sie als gewaltige Wehranlage von dem Volk der »Chachapoyas«. Der Name stammt von den Inkas, den Feinden der Erbauer der Monstermauern hoch in den Anden.

Ob die archäologischen Funde in Oscars Sammlung aus Zeiten der »Chachapoyas« echt sind? Wir wissen es nicht. Echt ist jedenfalls die warmherzige Freundlichkeit, mit der wir von Oscar und seiner Familie behandelt werden. »Fremde kommen selten in unsere Gegend...« meint ein wenig enttäuscht Oscar. Er hat auf Touristenströme gehofft. Vielleicht wird ja Kuelap eines Tages touristisch erschlossen... und Oscar weiß nicht, wohin mit den Gästen.

Foto 6: Ein "Riss" in der mächtigen Mauer.

Unser Ziel: Kuelap, die Festung der »Wolkenmenschen«. Mit unseren Geländewagen versuchen wir so weit wie möglich an die mysteriöse Anlage heranzukommen. Fast dreitausend Meter über dem Meeresspiegel wurde die wahrhaft gewaltige Anlage errichtet. Die Luft ist dünn und eiskalt. Die Kameratasche wird zur Qual. Schritt für Schritt kämpfen wir uns voran. Teilweise geht es steil bergan.

Auf einem schmalem Fußweg ächzen wir vorbei an unscheinbaren Mäuerchen. Sie sind Jahrhunderte alt. Wackelige kleine Holzbänkchen laden zur Rast ein. Wir stolpern an ihnen vorbei. Längst frieren wir nicht mehr... wir schwitzen wie die Bären. Und unser »kleines Gepäck« wird immer schwerer. Merkwürdige Steinmauern mit seltsamen Mustern verraten uns, das wir auf dem richtigen Weg sind. Irgendwo muss die geheimnisvolle Ruinenstadt sein. Wir schleppen uns weiter über Wurzeln und seltsam behauene Steinbrocken. »Bald sehen wir Kuelap!« macht uns unser Guide Mut. Von der mysteriösen Stadt aber – keine Spur. Plötzlich wird es ungemütlich: »Nebelbänke« tauchen auf, als wollten sie ein Geheimnis vor uns verbergen. Man fühlt sich in den Roman »2010« – verfasst von Ursula Prem – versetzt. Im Thriller von Ursula Prem spielen Nebelbänke eine ganz zentrale, unheimliche Rolle.

Foto 7: Unsere kleine Expedition....

Doch die wattig-weißen wabernden Schwaden verschlingen uns nicht... so gespenstisch sie auch wirken. Sie stimmen aber nicht gerade optimistisch: Werden wir überhaupt etwas Interessantes zu sehen bekommen?

Plötzlich reißt die alles verbergende Wolkendecke auf, gibt den Blick auf eine fantastisch anmutende Anlage frei. Eine wuchtige Steinmauer taucht aus dem Nichts auf. Sie ist gut zwanzig Meter hoch. Wir staunen. Die Meisterleistung der Baumeister der »Wolkenmenschen« macht uns sprachlos. Bis zu 200 Kilogramm wiegen die Granitblöcke, aus denen die Mauer aufgetürmt wurde. Wir gehen an diesem monumentalen Bauwerk vorbei. Aus den Steinen, so hat man berechnet, hätten leicht mehrere »Cheopspyramiden« gebaut werden können!


Foto 8: Keramik der Wolkenmenschen von Kuelap

1.500 Meter lang ist die Mauer. Sie umschließt das Oval der Stadt »Kuelap«.Im Schutz der Mauer lebte ein geheimnisvolles Volk, das der Chachapoyas. Bisher wurden in verschiedenen Regionen von »Kuelap« die Fundamente von rund 400 meist ovalen Gebäuden freigelegt. Von ganz besonderer Bedeutung muss einst ein gewaltiger Turm gewesen sein. Wie groß mag er einst gewesen sein? Wie hoch mag er einst in den Himmel geragt haben? Niemand vermag das zu sagen. Heute ist nur noch ein zwölf Meter hoher Stumpf übrig geblieben. Er erinnert von seiner Form her an ein Tintenfass. Deshalb wird er »El Tintero« (Tintenfass) genannt.

Fiel das Bauwerk einem Angriff von Feinden zum Opfer? Oder verdankt es seinen erbärmlichen Zustand, in dem es sich heute befindet, dem Zahn der Zeit, der schon seit vielen Jahrhunderten an ihm nagt? Ein seltsames Gesicht wurde von den Erbauern von Kuelap sorgsam in einen der Steine geritzt. Wen oder was zeigt es? Einen Wolkenmenschen, vielleicht einen besonders vornehmen oder wichtigen Bewohner der Stadt? Oder ist es eine Gottheit, die uns da stoisch anblickt... störende Besucher aus dem fernen Europa?

Foto 9: Blüten zwischen Steinen
Welchem Zweck diente das kuriose Bauwerk? Angeblich war es einst eine Art Sternobservatorium. Von einem kleinen Raum im Inneren – so heißt es – sollen die Sterne durch einen zum Himmel ausgerichteten Schacht beobachtet worden sein. Waren die »Wolkenmenschen« Anhänger einer Religion, in deren Zentrum die Sterne standen? Wir wissen es nicht. Wir kennen ja nicht einmal den Namen, den sich das geheimnisvolle Volk der Andenbewohner selbst gab.

Weitere Türme standen einst im Inneren der Anlage, an der Nord- und an der Südseite. Es soll sich um Wachtürme gehandelt haben. Von den Türmen aus konnte man offenbar alle weitaus tiefer gelegenen Dörfer beobachten. Fürchtete man Angriffe? Von astronomischer Bedeutung könnte ein anderes Bauwerk gewesen sein, vielleicht eine Art Observatorium? Das »Castillo« hatte, wie Ausgrabungen ergeben haben, einst ein rechteckiges Fundament und bestand aus drei plattformartigen Stockwerken. Oder war das »Castillo« eine Verteidigungsanlage, innerhalb der gewaltigen Mauerwerks? Das macht wenig Sinn: Befindet sich die vermeintliche »Verteidigungsanlage« eher im mittleren Bereich von Kuelap. Feinde, die erst einmal so weit in das Innere der Stadt vorgedrungen waren, konnten kaum noch abgewehrt werden, hatten sie doch dann das Zentrum von Kuelap bereits erobert! Die riesige Mauer um den Komplex herum, sie war ein riesiges Bollwerk zur Verteidigung, aber doch keine Gebäude im Zentrum!

Drei »Tore« führen in die Stadt, zwei an der Ostseite und einen an der Westseite. »Tore«.. der Begriff führt in die Irre. Es sind eigentlich nur schmale Spalten in der mächtigen Steinmauer. Eine Vorrichtung zum Verschließen dieser Eingänge gab es nicht. Angreifer, die sich einem dieser »Risse« der Mauer näherten konnten von den Verteidigern mit Steinen bombardiert werden. Hatten sie die schmalen Türen erreicht, mussten sie feststellen, dass sich kein offener Blick auf das Innere der Stadtanlage bot, sobald sie sich durch den schmalen Spalt gezwängt hatten. Vielmehr mussten sie erkennen, dass sie sich einzeln und hintereinander gehend durch einen engen, steinernen Korridor quälen mussten, und zwar eine steinerne Treppe empor. Ein Ende dieses schmalen Gangs, der zudem in einer Kurve verläuft, war nicht auszumachen. Und Krieger, die sich durch diese Enge zwängten, ihre Waffen so gut wie nicht einsetzen konnten, wurden von oben bombardiert. Die Verteidiger von Kuelap konnten den Angreifern hart zusetzen, ohne selbst verwundbar zu sein.

Foto 10: Autor Langbein im Reich der Wolkenmenschen

Drei oder vier Tausend Menschen sollen einst in »Kuelap« gelebt haben. Wurde die Stadt trotz der gewaltigen und ausgeklügelten Verteidigungsanlage trotzdem von den Inkas eingenommen? Wurden die »Wolkenmenschen« getötet oder als Sklaven verschleppt? Oder wurden sie durch lang anhaltende Belagerung ausgehungert? Wir wissen es nicht! So viele Fragen blieben bis heute unbeantwortet!

Im Inneren der Anlage hat man bis heute etwa 420 steinerne Fundamente runder Häuser nachweisen können. Sie sahen wie kleine Miniaturtürmchen aus. War Kuelap also eher ein Dorf als eine Stadt? Die riesenhafte Wehrmauer aber – eine Mammutleistung der Erbauer – scheint aber ganz und gar nicht zu einem Dörfchen eines südamerikanischen Völkchens á la »Asterix und Obelix« zu passen. Siedelten sich vielleicht die Dörfler erst an, als die Metropole der Chachapoyas längst gefallen war?

Foto 11: Mysteriöse Steinmaske in der Festung

Vermutlich – aber auch das ist ungewiss – tauchte das rätselhafte Volk der Wolkenmenschen im 9. Jahrhundert im Norden Perus auf. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser Menschen, auch nichts über ihre Sprache. Warum bauten sie Kuélap? Als militärische Anlage? Als Verteidigungsbastion gegen Feinde? Bei den gewaltigen Ausmaßen der Mauer um Kuelap herum muss von sehr lange Baudauer ausgegangen werden. Die Monstermauer kann also nicht als Antwort auf eine aktuelle Krisensituation gebaut worden sein. So muss der eigentliche Zweck von Kuelap hinterfragt werden: War Kuelap kein militärisches Objekt, sondern ein religiöses Zentrum? Dienten die drei schmalen Gangkorridore ins Innere von Kuelap nicht der Abwehr von Feinden... sondern unbekannten religiösen Riten? War Kuelap so etwas wie ein Wallfahrtszentrum eines prä-inkaischen Volkes? Gehörte es zu mysteriösen Riten, sich mühevoll ins Innere von Kuelap vorzukämpfen, symbolisch für den harten Weg des religiös Suchenden zur Wahrheit?

Über die Religion der »Wolkenmenschen« wissen wir so gut wie nichts. Astronomische Beobachtungen gehörten anscheinend ebenso dazu wie die Verehrung von heiligen Schlangen. Betete man zu Muttergöttinnen? Frauen genossen bei den Chachapoyas großen Respekt. Bei Verhandlungen mit anrückenden feindlichen Truppen wurden stets Frauen zugezogen. 

Foto 12: Ingeborg Diekmann "erobert" Kuelap

Zu den Fotos:
Foto 1: Wie eine Krone auf hohem Berg... Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Steiler Weg nach Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mächtige Monstermauer, schwer zu erreichen... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Für Angreifer kaum zu überwinden.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Massiver Pflanzenwuchs setzt den Mauern zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ein "Riss" in der mächtigen Mauer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7:Unsere kleine Expedition.... Foto Walter-Jörg LangbeinFoto 8: Keramik der Wolkenmenschen von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Keramik der Wolkenmenschen von Kuelap. Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Blüten zwischen Steinen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Autor Langbein im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 11: Mysteriöse Steinmaske in der Festung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Ingeborg Diekmann "erobert" Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein

Fortsetzung folgt am 24. Januar 2010:
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