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Samstag, 25. Juli 2020

Gute Reise, Inge!

Nachruf »Ingeborg Diekmann«...

Ingeborg Diekmann
(*16.11.1928; †22.07.2020)
Foto: Ingeborg Diekmann
in der Atacamawüste
im Norden Chiles.

Sonntag, 19. Juli 2020: Wie jeden Sonntag seit Jahrzehnten rufe ich Ingeborg in Bremen an. Wir plaudern über dies und das. Wir kommen auf unsere Reisen zu den geheimnisvollsten Stätten unserer Erde zu sprechen. Inge hat die Welt bereist. Sie war auf allen meinen Reisen dabei, die ich für kleine Gruppen organisiert habe. Wann wir uns wohl wiedersehen, fragt Inge. Beim nächsten Seminar in Bremen, Anfang März 2021 vielleicht? Bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg, die wir schon manches Mal gemeinsam besucht haben? Hoffentlich gibt es 2021 wieder Karl-May life in Bad Segeberg. 2020 fallen die Festspiele Corona zum Opfer.

Ingeborg Diekmann in der Stadt der
»Wolkenmenschen« (Kuelap, Peru)
Inge hat meinen Sonntagsblog von Nummer 1 an gelesen. Sie fragt, wann ich ihr denn die nächste Folge schicken werde. Am Mittwoch, verspreche ich ihr. Inge freut sich sehr.

Mittwoch, 22.Juli 2020: Ich drucke Folge Nr. 549, wie immer doppelt, für Inge aus. Damit sie’s besser lesen kann in Schriftgröße 16. Der Briefträger nimmt meinen Brief für Inge mit. Folge 549 geht auf die Reise. Er wird wohl am Donnerstag oder Freitag ankommen. Dann wird mich Inge anrufen und wir werden über den Artikel sprechen.

Ingeborg Diekmann in einer der Höhlen der Osterinsel.
Eine weitere Folge entsteht: Nr. 565.. »Das Wüten des Golems«. Schließich ist der Text fertig. Ich speichere ihn mit den »eingebauten« Fotos ab. »Das Wüten des Golems« wird am Sonntag, den 15. November 2020 in meinem Sonntagsblog erscheinen.

Zur Kontrolle schaue ich mir an, wie der Beitrag aussehen wird. »Kann man so lassen!«… denke ich. Da klingelt das Telefon. Es ist Inges »Seniorenwohnpark«. Inge lebt dort. Man teilt mir mit: Inge ist gerade gestorben. Sie ist, versichert man mir, »friedlich eingeschlafen«… auf einem Stuhl in ihrer Wohnung sitzend, leicht nach vorn geneigt.

Ein Krankenlager, ein Leben auf der Pflegestation… das ist ihr erspart geblieben. Vor langsamem Siechtum hatte sie Angst. Das Schicksal hat es gut mit ihr gemeint. Leid zum Lebensende hat sie nicht heimgesucht. Still und leise ist sie gegangen. Ohne Schmerz.

Inge fotografiert
im Hinterhof von »Santo Domingo«
(Peru)
Ingeborg Diekmann, seit Jahrzehnten Mitglied der AAS, bereiste die Welt auf den Spuren der Astronautengötter: von Ägypten bis Vanuatu. Sie erkundete die Ruinen von Nan Madol (Mikronesien) und nahm am Jahresfest des John-Frum-Kults (Tanna) teil. Inge Diekmann ist am 22.7.2020 im 92. Lebensjahr sanft entschlafen.

Inge hat ihre letzte Reise, die größte und vielleicht doch kürzeste, angetreten, als ich Blog-Folge 565 abgeschlossen hatte. Nr. 565 wird am Sonntag, den 15. November 2020 erscheinen, einen Tag vor Inges 92. Geburtstag.

Ingeborg Diekmann wartet darauf, dass die
Tür zum Gepäckraum abgenommen wird, damit sie
aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren kann...

Inge war zeitlebens aktiv und wissbegierig. Sie liebte es zu reisen und zu fotografieren. Die großen Rätsel unseres Planeten faszinierten sie, so wie mich. Das war die Basis unserer Freundschaft, die vor 40 Jahren ihren Anfang nahm. Wir waren immer wieder gemeinsam unterwegs, zuletzt in der Südsee. Wir erkundeten zum Beispiel die mysteriösen Ruinen von Nan Madol auf den künstlichen Inseln vor Temwen Island, einer Nebeninsel von Pohnpei im Archipel der Karolinen (politisch Föderierte Staaten von Mikronesien). Wir überflogen das Eiland in einer gecharterten Propellermaschine. Inge saß im »Gepäckraum« des kleinen Flugzeugs. Die Tür war abmontiert worden, so dass Inge aus luftiger Höhe ungehindert fotografieren konnte. Mutig war sie immer, die Inge.

Nan Madol aus der Luft.
Foto: Ingeborg Diekmann

Und nun hat Inge, um es poetisch auszudrücken, ihre »letzte Reise« angetreten. Oder ist es die erste »richtige Reise«, gar nicht zu vergleichen mit Reisen auf unserem kleinen Planeten? Ist sie unterwegs zu Orten, die man von keinem regulären Flugplatz aus erreichen kann? Wenn ja, dann wird sie alles spannend finden.

Walter-Jörg Langbein in den Ruinen
von Nan Madol.
Foto Ingeborg Diekmann.
Gute Reise, Inge! Und, wer weiß, vielleicht bis irgendwann irgendwo…. 

Ingeborg Diekmann bei der Jahresfeier des John-Frum-Kults.
(Die weißhaarige Dame im Hintergrund ist Inge.)



Inge in Copan (Honduras)

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Sonntag, 22. Mai 2016

331 »Kamen die Kelten bis nach Peru?«

Teil 331 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Unterwegs nach Kuelap

Das »Hostal el Chillo« liegt in den Anden Nordperus. Wirt Oscar hat es selbst gebaut. Die Unterkunft ist spartanisch. Die Zimmer sind schlicht, aber sehr sauber. Und Oscar weiß viel über die legendären Erbauer der Metropole Kuelap. Wie hießen sie in ihrer eigenen Sprache. Oscar: »Wir wissen es nicht! Die Inka eroberten im 15. Jahrhundert auch den Nordosten Perus, stiegen auf die Berge hinauf und ›entdeckten‹ die wilden Krieger von Kuelap. Die Inka nannten sie ›Chachapoyas‹. Was das genau bedeutet, weiß man nicht wirklich.«

Zwei Übersetzungen finden sich in der wissenschaftlichen Literatur recht häufig: »Wolkenmenschen« und »Nebelwaldkrieger«. Das klingt vernünftig. Kuelap liegt immerhin in einer Höhe von 3.000 Metern über dem Meeresspiegel. Ich habe selbst erlebt, wie die gewaltige Monstermauer urplötzlich im Dunst von Wolkennebel verschwand. Manchmal ragte ein Mauerstück heraus, manchmal schien so etwas wie eine steinerne Wand »im Himmel« zu schweben.

Foto 2: Geheimnisvolles Kuelap

Oscar wartete mit einer kühnen These auf: »Vielleicht nannten die Inka die Krieger von Kuelap so, weil sie die Nebel hoch in den Anden an das nebelige Europa erinnerten? Ja manche behaupten sogar, dass die Chachapoyas gar nicht aus Südamerika stammen, sondern ursprünglich aus Europa kamen. Und das lange Zeit bevor Kolumbus Amerika entdeckte!«


Foto 3: Einer der Eingänge von Kuelap

Bei einem gemütlichen Imbiss diskutierten wir diese These. Oscar: »Vielleicht gab es wirklich schon in der Antike europäische Besucher in Peru. Vielleicht waren es Europäer, die Kuelap bauten, vor vielen Jahrhunderten?« Oscar verwies darauf, dass manche der ersten Chachapoyas für südamerikanische Verhältnisse ungewöhnlich groß waren. So waren Archäologen mehr als verblüfft, als sie Skelette der »Ur-Chachapoyas« fanden, die 1.80 Meter groß waren. Auch sollen sie hellere Haut als die  Inka gehabt haben. Auf derlei Kontakte deuteten, so Oscar, die »Gringuitos«. Gelegentlich werden in Chachapoya-Gefilden hellhäutige, blonde Kinder geboren. Derlei »europäische« Kinder sind uns freilich nicht begegnet.

Foto 4: Er stand auf seines Daches Zinnen

Auf die »Gringuitos« stieß ich erst kürzlich, und zwar bei der Literatur-Recherche in Sachen Chachapoyas. Bei Hans Giffhorn lese ich (2): »Der Anthropologe und Paläopathologe Michael Schultz von der Universität Göttingen – zuständig auch für Altamerikanistik – beschäftigte sich mit Fotos dieser Menschen (3). Sein erster Eindruck: ›Die sehen aus, als wenn sie vor zweihundert Jahren aus Irland eingewandert wären.‹ Doch ihre Familien, so hört man in den Dörfern, hätten schon immer hier gelebt, schon vor der Ankunft der Konquistadoren.«

Man mag zu derlei Spekulationen stehen wie man will: Seetüchtige phönizische Völker wie die Karthager hätten sehr wohl den Atlantik überqueren können. Aber kamen sie schon in der Antike bis nach Südamerika? Wir wissen es nicht. Belege für derlei Fahrten gibt es keine. Am 8.5.2013 berichtete die Tageszeitung »Welt« (4):

Foto 5: Treppe ins Innere von Kuelap
»Wie kamen blonde Weiße vor Kolumbus nach Peru? Als die Konquistadoren in die Anden kamen, staunten sie über die hellhäutigen Chachapoyas. Nach genetischen Untersuchungen ist sich Hans Giffhorn sicher: Es handelt sich um Nachfahren von Kelten. Wer sich die Hinterlassenschaften der Kelten anschauen möchte, fährt naheliegenderweise zu den einschlägigen Orten in Deutschland, nach Frankreich und in andere Länder Westeuropas, um Überreste von Siedlungen, Grabstätten und Verteidigungsanlagen zu finden. Hat er sie alle durch, kann er allerdings auch nach Südamerika fahren, um am Ostrand der Anden Bauwerke und andere kulturelle Errungenschaften jenes frühen europäischen Volkes und seiner Nachfahren zu bewundern – alles aus einer Zeit viele Jahrhunderte vor der ersten Überfahrt von Christoph Kolumbus. Kelten waren nämlich lange vor Kolumbus in der Neuen Welt. Gemeinsam mit Karthagern.«

Sollten tatsächlich Kelten, vielleicht auf Schiffen von Karthagern, bis nach Peru gekommen sein? Sollten Kelten beim Bau der Monstermauer von Kuelap mitgewirkt haben? Tatsächlich ähnelt die Bauweise von Festungsmauern der Kelten Spaniens sehr jener der »Wolkenmenschen«. Allerdings konnte ich auf meinen Reisen zu rätselhaften Orten unseres Planeten immer wieder feststellen, dass weltweit an Orten, zehntausende Kilometer voneinander getrennt, erstaunlich ähnliche Techniken bei der Setzung von Steinmauern verwendet wurden. Bedeutet dies, dass es tatsächlich Kontakte zwischen den unterschiedlichen Kulturen gegeben hat? Oder entwickelten sich weltweit und unabhängig voneinander ganz zufällig verblüffend ähnliche Fähigkeiten?

Foto 6: Mauer von Kuelap

Anerkennend konstatiert die seriöse »Wienerzeitung« (5): »Doch Giffhorn bleibt nicht bei einem Vergleich der Architektur stehen. Er schmiedet eine beeindruckende Kette an Indizien: Trophäenkopfkult, Steinschleudern, Schädelbohrungen, dazu DNA-Analysen heute lebender hellhaariger Einheimischer mit Chachapoya-Vorfahren bis hin zum Phänomen präkolumbianischer Tuberkulose (nach gängiger Auffassung wurde die Tuberkulose durch die Europäer eingeschleppt) stützen die Annahme des Kulturwissenschaftlers, die Chachapoyas seien keltischer Herkunft.«
Hans Giffhorn stellt in zutreffender Weise fest (6): »Giffhorn … ist nun wahrlich kein pan-germanischer oder pan-keltischer Spinner ...«

In der Tat: Der 1942 geborene deutsche Kulturwissenschaftler ist ein seriöser Gelehrter. Er unterrichtete »Visuelle Kommunikation« an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, wurde 1981  Universitätsprofessor für Kulturwissenschaften an den Universitäten Göttingen und bis zu seiner Emeritierung in Hildesheim. Er beharrt auch nicht selbstgerecht auf der Richtigkeit seiner kühn anmutenden These. Er versteht sie als Diskussionsansatz, »in der Hoffnung, dass dadurch sachliche Diskussionen und weitere Forschungen angeregt werden.«

Die Chachapoyas wurden offenbar um das Jahr 1475 von den Inka militärisch besiegt. Kurz darauf trafen die Spanier ein, eine mordende und plündernde Bande. Die Chachapoyas müssen die Inka abgrundtief gehasst haben. So kämpften Chachapoyas auf Seiten der spanischen Eroberer gegen die Inka.

Es ist tragisch: 1549 lebten noch 90.000 Chachapoyas. 1475 dürften es noch 500.000 gewesen sein. Der Krieg mit den Inkas, die spanischen Banden, aber auch Masern und Pocken forderten einen sehr hohen Blutzoll!

Foto 7: Typisches Kuelap-Mauerwerk

In Leimembamba lagerten zur Zeit meines Besuchs rund 200 Mumien in einem angeblich »klimatisierten« Raum. Man versicherte mir vor Ort, dass es sich nur um ein Provisorium handele. Man wolle einen weiteren Verfall der Mumien durch Temperaturveränderungen vermeiden. Die Aufbewahrung der Mumien empfand ich als unwürdig. Da lag die noch sehr gut erhaltene Mumie eines Babys auf einer Art Krepppapier in einem schäbigen Pappkarton, der einst Bierflaschen enthalten hatte.

Foto 8: Toter Chachapoya
In Kisten aus Holz kauerten Mumien in Embryohaltung. Inzwischen wurden die Mumien aber in ein eigens errichtetes, modernes Museum überstellt. Ob allerdings die Aufbewahrung eines ihrer Toten in einer Glasvitrine aus Sicht der Chachapoyas so viel würdevoller, so viel angemessener ist als die Unterbringung in einer klimatisierten Rumpelkammer, das wage ich zu bezweifeln.

Was bleibt, das sind Fragen wie: Wer waren die Chachapoyas? Woher kamen sie? Zu welchem Zweck wurde die Festung Kuelap mit der zwanzig Meter hohen Monstermauer gebaut?

Fußnoten

1) Siehe auch Lerche, Peter: »Chachapoyas«, Lima 1966
2) Giffhorn, Hans: »Wurde Amerika in der Antike entdeckt?« München, März 2014. Zitiert habe ich die eBook-Ausgabe!
3) Gemeint sind Fotos von »Gringuitos«.
4) Meine Quelle ist die Online-Version des zitierten Artikels!
5) Meine Quelle ist die Online-Version des Artikels »Die Kelten kamen bis nach Peru«  der »Wienerzeitung« vom 20.9.2013
6) ebenda
7) Giffhorn, Hans: »Wurde Amerika in der Antike entdeckt?« München, März 2014. Zitiert habe ich die eBook-Ausgabe, »Zur Entstehung dieses Buches«

Zu den Fotos

Foto 9: Ein/ Ausgang von Kuelap
Foto 1: Unterwegs nach Kuelap. Foto Ingeborg Diekmann.
Im Bild zu sehen: Unsere kleine Reisegruppe mit gelädegängigen Fahrzeugen. Ein »Ersatzfahrzeug« war immer dabei, so dass wir im Falle einer Panne nicht aufgehalten wurden.

Foto 2: Geheimnisvolles Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 3: Einer der Eingänge von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein. Die sehr schmalen Zugänge konnten von wenigen Kämpfern effektiv verteidigt werden. Offenbar wurde Kuelap nie von den Inka erobert.

Foto 4: Er stand auf seines Daches Zinnen. Foto Walter-Jörg Langbein (Schiller: Der Ring des Polykrates)

Foto 5: Treppe ins Innere von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 6: Mauer von Kuelap.Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 10
Foto 7: Typisches Kuelap-Mauerwerk. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 8: Toter Chachapoya. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 9: Ein/ Ausgang von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein

Foto 10 (links): Gottheit oder Geist? Schnitzwerk aus Kuelaps rätselhafter Vergangenheit. Foto: Archiv Walter-Jörg Langbein

332 »Der Schrei der Mumie«,
Teil 332 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 29.05.2016


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Sonntag, 15. Mai 2016

330 »Kuelap – Kultur aus dem Nichts«

Teil 330 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der steile Pfad nach Kuelap

»2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus. Auf der strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte.« So berichtete ich in Folge 1 meiner Sonntagsserie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«, erschienen am 17. Januar 2010.

Die Metropole der Chachapoyas, einst eine gigantische Wehranlage mit einer Monstermauer erstaunlichen Ausmaßes, stellt Touristenattraktionen wie Machu Picchu in den Schatten. Die Anreise freilich schreckt viele Menschen davon ab, das archäologische Mysterium in den Anden zu besuchen.

Wir flogen von Cuenca in Ecuador nach Piura in Nordperu. Per Bus reisten wir weiter bis nach Olmos. Von Olmos aus war ein Weiterkommen nur per Geländewagen möglich. Nach und nach näherten wir uns unserem Ziel: Via Laguna Pomacochas  im Tal des Rio Utcumbamba wagten wir uns nach Chillo bei Tingo, kamen allen Widrigkeiten zum Trotz in Magdalena an und fanden nach abenteuerlicher Fahrt das schlichte »Hostal el Chillo«. Eine Gemeinschaftsdusche spendete eiskaltes Wasser, vom Wirt Oscar selbst gebrannter Schnaps wärmte Leib und Seele. Und per Jeep machten wir uns endlich auf, um die Metropole der Chachapoyas, Kuelap, zu erkunden. Das letzte Stück des Wegs ab dem Dörfchen Quisango in recht dünner Luft – etwa 3.000 Meter über dem Meeresspiegel – war recht anstrengend, auf schmalem Pfad, teilweise steil bergan.

Foto 2: Ein Teil der Monstermauer von Kuelap

Die wirklich atemraubende Ruine mit ihrer bis zu 20 Meter hohen Monstermauer ist archäologisch bis heute erst zum Teil untersucht. Es fehlt am Geld. Geld bringen Touristen ins Land. Die »Süddeutsche Zeitung« vermeldete (1): »Nur wenige Touristen verirren sich in diese Gegend, die von den Peruanern ›Augenbraue des Amazonas‹ genannt wird. Dabei verbirgt sich 70 Kilometer von Chachapoyas entfernt an der Ostflanke der Anden eine der spektakulärsten und doch weitgehend unbekannten archäologischen Stätten Südamerikas: die altperuanische Festungsstadt Kuélap, die keinen Vergleich mit der Inkafestung Machu Picchu zu scheuen braucht, aber wegen der schwer zugänglichen Lage bislang wenig besucht wird.«


Foto 3: Tingo Nuevo, vorn, und Kuelap, oben

Bald soll Kuelap aus dem konservierenden Dornröschenschlaf geweckt werden (2). Die fantastische Ruinenanlage soll für den Massentourismus erschlossen werden. Die Regierung von Peru möchte Kuelap zu einer lukrativen Geldquelle machen. So ist seit dem 13. August 2015 eine Kabel-Kabinenbahn in Arbeit, die vielleicht schon bald etwa 100.000 Besucher direkt in die geheimnisvolle Stätte schaffen wird. In Tingo Nuevo sollen die Touristenmassen in luxuriöse Kabinen verfrachtet werden. Zwanzig Minuten sind sie dann unterwegs und reisen ein Jahrtausend in die Vergangenheit.

Tingo, Hauptstadt des Distrikts Tingo, wurde 1994 durch eine gewaltige Schlammlawine vollkommen zerstört. Tingo Nuevo, also »Neues Tingo«, wurde oberhalb des verschütteten Dorfes gebaut. Trotz der lokalpolitischen Bedeutung verlief das Leben beschaulich-gemächlich. Mit der ländlichen Idylle wird es freilich bald ein Ende haben, wenn Touristenströme auftauchen werden. Aus Sicht der Tourismusindustrie wird die Kabel-Kabinenbahn mit ihren modernen Gondeln ein Segen sein.

Ob diese Neuerung sich freilich auch für die Dörfler als Segen erweisen wird, halte ich für fraglich. Den Reibach werden wohl finanzstarke Investoren machen, die Einheimischen benötigt man allenfalls für niedere, schlecht bezahlte Arbeit. Ich fürchte auch, dass der Schaden für die zahlreichen kleineren Ruinen bis hin zur einstigen Metropole Kuelap selbst größer als der Nutzen sein wird. Allein die gewaltigen Stützpfeiler der Bahn werden massive Eingriffe in die bislang unberührte Landschaft bedeuten. Ob da Rücksicht genommen wird auf archäologisch bedeutsame Funde? Das bezweifle ich stark.

Ich hoffe aber, dass auch Geld in den Erhalt von Kuelap fließen wird. Bei meinem letzten Besuch verharrten die erstaunlichen Ruinen noch in einem stillen Dornröschenschlaf. Die einst stolze Festungsanlage, einst in drei »Etagen« angelegt, bot Schutz für mindestens 300 steinerne, runde Häuser. Ich bin die gesamte Stadt abgeschritten. Sie ist – nord-südlich ausgerichtet – fast 590 Meter lang und 110 Meter breit. Unklar ist bis heute, ob Kuelap durchgehend bewohnt war. Oder diente die Anlage nur als Fluchtburg? Oder war Kuelap weniger weltliche Siedlung als religiöses Zentrum? Strömten die Menschen vor einem Jahrtausend nach Kuelap, um dort ihren Göttern zu huldigen?

Foto 4: Baufälliges Mauerwerk von Kuelap

Schriftliche Zeugnisse haben die Erbauer und Bewohner von Kuelap nicht hinterlassen. So wissen wir kaum etwas über ihre Religion. Vermutlich war Kuelap auch so etwas wie ein Zentrum für astronomische Beobachtungen. Einzelne Bauten wie ein ruinös erhaltener Turm mögen der Beobachtung von Planeten und Sternen gedient haben. Einige Gravuren im Stein deuten womöglich auf einen Schlangenkult hin. Frauen, das ist überliefert, genossen hohes Ansehen bei den Bewohnern von Kuelap. Sie wurden auch bei militärischen Fragen konsultiert. Mag sein, dass matriarchalische Strukturen das Leben der Menschen bestimmten.

Foto 5: Mumiensarkophage von Kuelap

Die Toten von Kuelap wurden in Mumienbündeln an Steilwänden in Felsspalten deponiert. Oder sie wurden in Embryohaltung in Sarkophagen in Menschengestalt zur letzten Ruhe gebettet. Theologie-Professor Georg Fohrer, den ich konsultierte, erklärte mir: »In mutterrechtlich organisierten Gruppen wurde die große Göttin verehrt. Sie stand für den ewigen Kreislauf des Lebens. Wer als Mumie konserviert wurde, sollte dereinst neu geboren werden. Die Magie des Weiblichen, das Wunder von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt stand im Zentrum.«


Foto 6: Autor Langbein vor Ort
Vermutlich, aber auch das ist ungewiss, tauchte das rätselhafte Volk der Wolkenmenschen im 9. Jahrhundert im Norden Perus auf, so hörte ich vor Ort immer wieder. Archäologische Funde würden das bestätigen. Heute freilich geht die Wissenschaft davon aus, dass Kuelap sehr viel älter ist. So konstatiert Hans Giffhorn, Professor i.R. für Kulturwissenschaften an den Universitäten Göttingen und Hildesheim: »Kuelap entstand fernab von allen anderen peruanischen Hochkulturen, nach neuesten Schätzungen irgendwann zwischen 100 vor und 400 nach Christus. Das war lange, bevor es die Inka gab.«

Wer auch immer Kuelap baute, ein »primitives« Volk war es nicht. So war die mysteriöse Stadt Kuelap mit einem erstaunlich modern wirkenden Abwassersystem ausgestattet. Die steinernen Rundbauten sind einzigartig, ja fremdartig. Sie wurden auch außerhalb der Monstermauer von Kuelap gefunden. In den schwer zugänglichen Wäldern um Kuelap fanden sich Reste, auch auf Bergen. Kurios ist, dass sich keine Entwicklung hin zu den runden Steingebäuden gegeben hat. Ja die Kultur von Kuelap hatte offensichtlich keinerlei Vorläufer. Sie taucht plötzlich aus dem Nichts auf. So schreibt auch Hans Giffhorn (4): »Schon die ältesten Funde zeigten die hochentwickelte Baukunst, wie sie zum Beispiel in der Festung Kuelap zum Ausdruck kommt. Plötzlich war diese Kultur da – scheinbar wie aus dem Nichts! Bis heute sind die wenigen Archäologen, die sich mit den Rundbauten Nordperus befassen, ratlos.«

Wenn Kuelap von Vertretern einer hoch entwickelten Kultur erbaut wurde, wo sind dann die Wurzeln dieser Kultur zu vermuten?

Fußnoten

Foto 7: Buchcover Giffhorn
1) »SZ.de, 18. März 2011, 11:18 Uhr: »Archäologie in Nord-Peru/ Kuélap – älter und größer als Machu Picchu«
2) Information von »Condor Travel«
3) Giffhorn, Hans: »Wurde Amerika in der Antike entdeckt?« München, März 2014. Zitiert habe ich die eBook-Ausgabe!
4) ebenda


Zu den Fotos

Foto 1: Der steile Pfad nach Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein Teil der Monstermauer von Kuelap
Foto 3: Tingo Nuevo, vorn, und Kuelap, oben. Foto wiki commons/ i
Foto 4: Baufälliges Mauerwerk von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Mumiensarkophage von Kuelap: Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Autor Langbein vor Ort. Foto Ingeborg Diekmann

Foto 7: Buchcover Giffhorn. Foto Verlag

331 »Kamen die Kelten bis Peru?«,
Teil 331 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.05.2016


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Sonntag, 17. Januar 2010

1 »Kuelap, eine geheimnisvolle Metropole der ›Chachapoyas‹«

Teil 1 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von
Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Wie eine Krone auf hohem Berg... Kuelap.

40 Jahre lang bereiste ich die Welt, um für meine Bücher zu recherchieren und Material zu sammeln. Auf manchen meiner Reisen nahm ich Leserinnen und Leser mit, um gemeinsam mit ihnen die rätselhaftesten Stätten unseres Planeten zu besuchen. Vermeintlich »primitive« Steinzeitvölker schufen mysteriöse Bauten gigantischen Ausmaßes. Im Wüstensand vergrabene Mumien warten seit Jahrtausenden auf ihre »Wiedergeburt«. In archäologischen Sammlungen schlummern geheimnisvolle Objekte, die es gar nicht geben dürfte. Mysteriöse Kulte geben Rätsel auf. Indische Tempel stellen die fliegenden Vehikel der Götter dar. (Foto: Ingeborg Diekmann Bremen)

2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus. Auf der strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte.

Foto 2: Steiler Weg nach Kuelap

In meiner neuen Exklusivserie berichte ich über meine Forschungsreisen in die entlegensten Regionen unseres Globus – von Ägypten bis nach Vanuatu. Den Anfang macht Kuelap, die Ruinenstadt der »Chachapoyas«, hoch in den Anden gelegen. Kuelap ist eine echte Sensation. Die Stadt könnte eine Massenattraktion für Touristen sein.... wenn sie nicht so abgelegen und nur auf beschwerlichen Wegen zu erreichen wäre! Vielleicht ist das die Chance für Kuelap: Touristenmassen könnten Schäden anrichten, bevor wissenschaftliche Ausgrabungen möglich sind. Dazu fehlt immer noch das Geld.

Ich lade Sie zu einer außergewöhnlichen Reise ein: Lesen Sie meine neue Serie, exklusiv für ein-Buch-lesen geschrieben!

Foto 3: Mächtige Monstermauer, schwer zu erreichen...

Von Cuencea in Ecuador fliegen wir nach Piura im Norden Perus. Von der Wüstenmetropole Piura – fast 300 000 Einwohner – bekommen wir nichts zu sehen. Unser Zeitplan ist zu knapp. Die Gluthitze der »Desierto Sechura«-Wüste macht uns zu schaffen. Wir werden in den winzigen »VIP-Bereich« des Flughafens geführt. Angenehme Kühle umfängt uns. Freundliche Angestellte erledigen die Passformalitäten. Flüchtig wird unser Gepäck kontrolliert. »Ihr habt Glück!» lacht eine Stewardess. »Im Augenblick vertragen wir uns mit Ecuador... sonst würde sich die Einreise aus Ecuador höchst kompliziert erweisen...« Kopfschütteln ernten wir für unsere Reise um den halben Globus in den Norden Perus. Da gibt es doch nur alte Ruinen. Für die Regierenden sind Bodenschätze sehr viel wichtiger. Sie verheißen Reichtum. Und deshalb streiten sich Ecuador und Peru seit vielen Jahren immer wieder um den Grenzverlauf.

Per Bus geht es weiter bis nach Olmos. 168 Kilometer auf der imposanten Pan Americana legen wir in zwei Stunden zurück. In Olmos warten bereits fünf Geländewagen auf uns. »Nur« 302 Kilometer liegen noch vor uns. Aber die Straßen machen das Weiterkommen mehr als mühsam. Nach acht Stunden (!) kommen wir endlich in »Lagina Pomocochas« an:

Foto 4: Für Angreifer kaum zu überwinden....

Um 1.30 nachts stehen wir vor unserem Hotel. Wir sind erschöpft und übermüdet. Endlich gelingt es uns, auf uns aufmerksam zu machen. Einige Hotelangestellte lassen uns ein. Laguna Pomacochas liegt im Tal des Rio Utcumbamba. Es ist traumhaft schön. Wir haben aber leider keine Zeit, die herrliche Andenlandschaft zu erkunden... denn am Morgen geht es schon wieder weiter – nach Chillo bei Tingo. Die Fahrt bis nach Magdalena ist abenteuerlich. Die Straße ist wesentlich schlechter als man das in heimischen Gefilden von Feldwegen gewohnt ist. Wir haben März... und Regenzeit. Gewaltige Schlaglöcher – sie ähneln manchmal eher Kratern – machen die Fahrt zur Tortur. Die Straße schlängelt sich an steil emporragenden Felswänden entlang. Zum Glück sind wir mit geländegängigen Vehikeln unterwegs. Eigentlich hätten es auch drei getan. Wir wollen aber möglichst kein Risiko eingehen. Falls zwei der wendigen Fahrzeuge ausfallen, muss die Reise nicht unterbrochen werden. Tatsächlich haben wir mehrfach Autopannen. Wir fahren mit den fahrtüchtigen Autos weiter, die defekten werden notdürftig repariert... und holen uns wieder ein!

Mitten in den Anden wartet das spartanische »Hostal el Chillo« auf uns. Es besteht aus zwei Haupthäusern und bungalowartigen kleineren Gebäuden. Mehrere Bungalows teilen sich eine Dusche. Der Chef, Oscar, hat die kleine Anlage mit seiner Familie selbst gebaut. Schon das Heranschaffen der Steine war eine Meisterleistung in der abgelegenen Region. Man sieht es den einzelnen Gebäuden an, wann sie gebaut wurden. Haus Nr.1 ist inzwischen baufällig. Der Frühstücksraum ist noch intakt.

Foto 5: Massiver Pflanzenwuchs setzt den Mauern zu.

Oscar reicht zur Begrüßung einen selbstgebrannten Zuckerrohrschnaps.. ein wahres Feuerwasser! Selbst gebaut ist auch ein Wasserrad, angetrieben von einem eisigen Gebirgsbach. So erzeugt Oscar eigenen Strom. Eiskalt sind auch die Duschen. Aber wir suchen keinen Luxus... wir möchten Kuelap, eine geheimnisvolle Ruinenstadt, besichtigen. Gebaut wurde sie als gewaltige Wehranlage von dem Volk der »Chachapoyas«. Der Name stammt von den Inkas, den Feinden der Erbauer der Monstermauern hoch in den Anden.

Ob die archäologischen Funde in Oscars Sammlung aus Zeiten der »Chachapoyas« echt sind? Wir wissen es nicht. Echt ist jedenfalls die warmherzige Freundlichkeit, mit der wir von Oscar und seiner Familie behandelt werden. »Fremde kommen selten in unsere Gegend...« meint ein wenig enttäuscht Oscar. Er hat auf Touristenströme gehofft. Vielleicht wird ja Kuelap eines Tages touristisch erschlossen... und Oscar weiß nicht, wohin mit den Gästen.

Foto 6: Ein "Riss" in der mächtigen Mauer.

Unser Ziel: Kuelap, die Festung der »Wolkenmenschen«. Mit unseren Geländewagen versuchen wir so weit wie möglich an die mysteriöse Anlage heranzukommen. Fast dreitausend Meter über dem Meeresspiegel wurde die wahrhaft gewaltige Anlage errichtet. Die Luft ist dünn und eiskalt. Die Kameratasche wird zur Qual. Schritt für Schritt kämpfen wir uns voran. Teilweise geht es steil bergan.

Auf einem schmalem Fußweg ächzen wir vorbei an unscheinbaren Mäuerchen. Sie sind Jahrhunderte alt. Wackelige kleine Holzbänkchen laden zur Rast ein. Wir stolpern an ihnen vorbei. Längst frieren wir nicht mehr... wir schwitzen wie die Bären. Und unser »kleines Gepäck« wird immer schwerer. Merkwürdige Steinmauern mit seltsamen Mustern verraten uns, das wir auf dem richtigen Weg sind. Irgendwo muss die geheimnisvolle Ruinenstadt sein. Wir schleppen uns weiter über Wurzeln und seltsam behauene Steinbrocken. »Bald sehen wir Kuelap!« macht uns unser Guide Mut. Von der mysteriösen Stadt aber – keine Spur. Plötzlich wird es ungemütlich: »Nebelbänke« tauchen auf, als wollten sie ein Geheimnis vor uns verbergen. Man fühlt sich in den Roman »2010« – verfasst von Ursula Prem – versetzt. Im Thriller von Ursula Prem spielen Nebelbänke eine ganz zentrale, unheimliche Rolle.

Foto 7: Unsere kleine Expedition....

Doch die wattig-weißen wabernden Schwaden verschlingen uns nicht... so gespenstisch sie auch wirken. Sie stimmen aber nicht gerade optimistisch: Werden wir überhaupt etwas Interessantes zu sehen bekommen?

Plötzlich reißt die alles verbergende Wolkendecke auf, gibt den Blick auf eine fantastisch anmutende Anlage frei. Eine wuchtige Steinmauer taucht aus dem Nichts auf. Sie ist gut zwanzig Meter hoch. Wir staunen. Die Meisterleistung der Baumeister der »Wolkenmenschen« macht uns sprachlos. Bis zu 200 Kilogramm wiegen die Granitblöcke, aus denen die Mauer aufgetürmt wurde. Wir gehen an diesem monumentalen Bauwerk vorbei. Aus den Steinen, so hat man berechnet, hätten leicht mehrere »Cheopspyramiden« gebaut werden können!


Foto 8: Keramik der Wolkenmenschen von Kuelap

1.500 Meter lang ist die Mauer. Sie umschließt das Oval der Stadt »Kuelap«.Im Schutz der Mauer lebte ein geheimnisvolles Volk, das der Chachapoyas. Bisher wurden in verschiedenen Regionen von »Kuelap« die Fundamente von rund 400 meist ovalen Gebäuden freigelegt. Von ganz besonderer Bedeutung muss einst ein gewaltiger Turm gewesen sein. Wie groß mag er einst gewesen sein? Wie hoch mag er einst in den Himmel geragt haben? Niemand vermag das zu sagen. Heute ist nur noch ein zwölf Meter hoher Stumpf übrig geblieben. Er erinnert von seiner Form her an ein Tintenfass. Deshalb wird er »El Tintero« (Tintenfass) genannt.

Fiel das Bauwerk einem Angriff von Feinden zum Opfer? Oder verdankt es seinen erbärmlichen Zustand, in dem es sich heute befindet, dem Zahn der Zeit, der schon seit vielen Jahrhunderten an ihm nagt? Ein seltsames Gesicht wurde von den Erbauern von Kuelap sorgsam in einen der Steine geritzt. Wen oder was zeigt es? Einen Wolkenmenschen, vielleicht einen besonders vornehmen oder wichtigen Bewohner der Stadt? Oder ist es eine Gottheit, die uns da stoisch anblickt... störende Besucher aus dem fernen Europa?

Foto 9: Blüten zwischen Steinen
Welchem Zweck diente das kuriose Bauwerk? Angeblich war es einst eine Art Sternobservatorium. Von einem kleinen Raum im Inneren – so heißt es – sollen die Sterne durch einen zum Himmel ausgerichteten Schacht beobachtet worden sein. Waren die »Wolkenmenschen« Anhänger einer Religion, in deren Zentrum die Sterne standen? Wir wissen es nicht. Wir kennen ja nicht einmal den Namen, den sich das geheimnisvolle Volk der Andenbewohner selbst gab.

Weitere Türme standen einst im Inneren der Anlage, an der Nord- und an der Südseite. Es soll sich um Wachtürme gehandelt haben. Von den Türmen aus konnte man offenbar alle weitaus tiefer gelegenen Dörfer beobachten. Fürchtete man Angriffe? Von astronomischer Bedeutung könnte ein anderes Bauwerk gewesen sein, vielleicht eine Art Observatorium? Das »Castillo« hatte, wie Ausgrabungen ergeben haben, einst ein rechteckiges Fundament und bestand aus drei plattformartigen Stockwerken. Oder war das »Castillo« eine Verteidigungsanlage, innerhalb der gewaltigen Mauerwerks? Das macht wenig Sinn: Befindet sich die vermeintliche »Verteidigungsanlage« eher im mittleren Bereich von Kuelap. Feinde, die erst einmal so weit in das Innere der Stadt vorgedrungen waren, konnten kaum noch abgewehrt werden, hatten sie doch dann das Zentrum von Kuelap bereits erobert! Die riesige Mauer um den Komplex herum, sie war ein riesiges Bollwerk zur Verteidigung, aber doch keine Gebäude im Zentrum!

Drei »Tore« führen in die Stadt, zwei an der Ostseite und einen an der Westseite. »Tore«.. der Begriff führt in die Irre. Es sind eigentlich nur schmale Spalten in der mächtigen Steinmauer. Eine Vorrichtung zum Verschließen dieser Eingänge gab es nicht. Angreifer, die sich einem dieser »Risse« der Mauer näherten konnten von den Verteidigern mit Steinen bombardiert werden. Hatten sie die schmalen Türen erreicht, mussten sie feststellen, dass sich kein offener Blick auf das Innere der Stadtanlage bot, sobald sie sich durch den schmalen Spalt gezwängt hatten. Vielmehr mussten sie erkennen, dass sie sich einzeln und hintereinander gehend durch einen engen, steinernen Korridor quälen mussten, und zwar eine steinerne Treppe empor. Ein Ende dieses schmalen Gangs, der zudem in einer Kurve verläuft, war nicht auszumachen. Und Krieger, die sich durch diese Enge zwängten, ihre Waffen so gut wie nicht einsetzen konnten, wurden von oben bombardiert. Die Verteidiger von Kuelap konnten den Angreifern hart zusetzen, ohne selbst verwundbar zu sein.

Foto 10: Autor Langbein im Reich der Wolkenmenschen

Drei oder vier Tausend Menschen sollen einst in »Kuelap« gelebt haben. Wurde die Stadt trotz der gewaltigen und ausgeklügelten Verteidigungsanlage trotzdem von den Inkas eingenommen? Wurden die »Wolkenmenschen« getötet oder als Sklaven verschleppt? Oder wurden sie durch lang anhaltende Belagerung ausgehungert? Wir wissen es nicht! So viele Fragen blieben bis heute unbeantwortet!

Im Inneren der Anlage hat man bis heute etwa 420 steinerne Fundamente runder Häuser nachweisen können. Sie sahen wie kleine Miniaturtürmchen aus. War Kuelap also eher ein Dorf als eine Stadt? Die riesenhafte Wehrmauer aber – eine Mammutleistung der Erbauer – scheint aber ganz und gar nicht zu einem Dörfchen eines südamerikanischen Völkchens á la »Asterix und Obelix« zu passen. Siedelten sich vielleicht die Dörfler erst an, als die Metropole der Chachapoyas längst gefallen war?

Foto 11: Mysteriöse Steinmaske in der Festung

Vermutlich – aber auch das ist ungewiss – tauchte das rätselhafte Volk der Wolkenmenschen im 9. Jahrhundert im Norden Perus auf. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser Menschen, auch nichts über ihre Sprache. Warum bauten sie Kuélap? Als militärische Anlage? Als Verteidigungsbastion gegen Feinde? Bei den gewaltigen Ausmaßen der Mauer um Kuelap herum muss von sehr lange Baudauer ausgegangen werden. Die Monstermauer kann also nicht als Antwort auf eine aktuelle Krisensituation gebaut worden sein. So muss der eigentliche Zweck von Kuelap hinterfragt werden: War Kuelap kein militärisches Objekt, sondern ein religiöses Zentrum? Dienten die drei schmalen Gangkorridore ins Innere von Kuelap nicht der Abwehr von Feinden... sondern unbekannten religiösen Riten? War Kuelap so etwas wie ein Wallfahrtszentrum eines prä-inkaischen Volkes? Gehörte es zu mysteriösen Riten, sich mühevoll ins Innere von Kuelap vorzukämpfen, symbolisch für den harten Weg des religiös Suchenden zur Wahrheit?

Über die Religion der »Wolkenmenschen« wissen wir so gut wie nichts. Astronomische Beobachtungen gehörten anscheinend ebenso dazu wie die Verehrung von heiligen Schlangen. Betete man zu Muttergöttinnen? Frauen genossen bei den Chachapoyas großen Respekt. Bei Verhandlungen mit anrückenden feindlichen Truppen wurden stets Frauen zugezogen. 

Foto 12: Ingeborg Diekmann "erobert" Kuelap

Zu den Fotos:
Foto 1: Wie eine Krone auf hohem Berg... Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Steiler Weg nach Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 3: Mächtige Monstermauer, schwer zu erreichen... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 4: Für Angreifer kaum zu überwinden.... Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Massiver Pflanzenwuchs setzt den Mauern zu. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Ein "Riss" in der mächtigen Mauer. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 7:Unsere kleine Expedition.... Foto Walter-Jörg LangbeinFoto 8: Keramik der Wolkenmenschen von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 8: Keramik der Wolkenmenschen von Kuelap. Walter-Jörg Langbein
Foto 9: Blüten zwischen Steinen. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 10: Autor Langbein im Reich der Wolkenmenschen. Foto Ingeborg Diekmann
Foto 11: Mysteriöse Steinmaske in der Festung. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 12: Ingeborg Diekmann "erobert" Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein

Fortsetzung folgt am 24. Januar 2010:
»Sarkophage und Mumien«

Teil II der Serie lesen [...]
Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

Montag, 11. Januar 2010

Vorankündigung: Monstermauern, Mumien und Mysterien –

die neue Serie von Walter-Jörg Langbein.... exklusiv bei ein-Buch-lesen. Vermeintlich »primitive« Steinzeitvölker schufen mysteriöse Bauten gigantischen Ausmaßes. Im Wüstensand vergrabene Mumien warten seit Jahrtausenden auf ihre »Wiedergeburt«. In archäologischen Sammlungen schlummern geheimnisvolle Objekte, die es gar nicht geben dürfte. Mysteriöse Kulte geben Rätsel auf. Indische Tempel stellen die fliegenden Vehikel der Götter dar... In seiner neuen Exklusivserie berichtet Walter-Jörg Langbein über seine Forschungsreisen in die entlegensten Regionen unseres Globus – von Ägypten bis nach Vanuatu.

Der 1. Teil der Serie erscheint am 17. Januar 2010: Kuelap... eine geheimnisvolle Metropole der »Chachapoyas« (»Wolkenmenschen«) der Anden.

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