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Sonntag, 15. Mai 2016

330 »Kuelap – Kultur aus dem Nichts«

Teil 330 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Foto 1: Der steile Pfad nach Kuelap

»2001 führte ich eine kleine Gruppe ins Reich der Chachapoyas in den nördlichen Anden Perus. Auf der strapaziösen Reise wollten wir gemeinsam das Erbe eines der geheimnisvollsten Völker unseres Planeten kennenlernen. Woher kamen die Chachapoyas? Niemand vermag das zu sagen. Rätselhaft ist auch ihr Verschwinden aus der Geschichte.« So berichtete ich in Folge 1 meiner Sonntagsserie »Monstermauern, Mumien und Mysterien«, erschienen am 17. Januar 2010.

Die Metropole der Chachapoyas, einst eine gigantische Wehranlage mit einer Monstermauer erstaunlichen Ausmaßes, stellt Touristenattraktionen wie Machu Picchu in den Schatten. Die Anreise freilich schreckt viele Menschen davon ab, das archäologische Mysterium in den Anden zu besuchen.

Wir flogen von Cuenca in Ecuador nach Piura in Nordperu. Per Bus reisten wir weiter bis nach Olmos. Von Olmos aus war ein Weiterkommen nur per Geländewagen möglich. Nach und nach näherten wir uns unserem Ziel: Via Laguna Pomacochas  im Tal des Rio Utcumbamba wagten wir uns nach Chillo bei Tingo, kamen allen Widrigkeiten zum Trotz in Magdalena an und fanden nach abenteuerlicher Fahrt das schlichte »Hostal el Chillo«. Eine Gemeinschaftsdusche spendete eiskaltes Wasser, vom Wirt Oscar selbst gebrannter Schnaps wärmte Leib und Seele. Und per Jeep machten wir uns endlich auf, um die Metropole der Chachapoyas, Kuelap, zu erkunden. Das letzte Stück des Wegs ab dem Dörfchen Quisango in recht dünner Luft – etwa 3.000 Meter über dem Meeresspiegel – war recht anstrengend, auf schmalem Pfad, teilweise steil bergan.

Foto 2: Ein Teil der Monstermauer von Kuelap

Die wirklich atemraubende Ruine mit ihrer bis zu 20 Meter hohen Monstermauer ist archäologisch bis heute erst zum Teil untersucht. Es fehlt am Geld. Geld bringen Touristen ins Land. Die »Süddeutsche Zeitung« vermeldete (1): »Nur wenige Touristen verirren sich in diese Gegend, die von den Peruanern ›Augenbraue des Amazonas‹ genannt wird. Dabei verbirgt sich 70 Kilometer von Chachapoyas entfernt an der Ostflanke der Anden eine der spektakulärsten und doch weitgehend unbekannten archäologischen Stätten Südamerikas: die altperuanische Festungsstadt Kuélap, die keinen Vergleich mit der Inkafestung Machu Picchu zu scheuen braucht, aber wegen der schwer zugänglichen Lage bislang wenig besucht wird.«


Foto 3: Tingo Nuevo, vorn, und Kuelap, oben

Bald soll Kuelap aus dem konservierenden Dornröschenschlaf geweckt werden (2). Die fantastische Ruinenanlage soll für den Massentourismus erschlossen werden. Die Regierung von Peru möchte Kuelap zu einer lukrativen Geldquelle machen. So ist seit dem 13. August 2015 eine Kabel-Kabinenbahn in Arbeit, die vielleicht schon bald etwa 100.000 Besucher direkt in die geheimnisvolle Stätte schaffen wird. In Tingo Nuevo sollen die Touristenmassen in luxuriöse Kabinen verfrachtet werden. Zwanzig Minuten sind sie dann unterwegs und reisen ein Jahrtausend in die Vergangenheit.

Tingo, Hauptstadt des Distrikts Tingo, wurde 1994 durch eine gewaltige Schlammlawine vollkommen zerstört. Tingo Nuevo, also »Neues Tingo«, wurde oberhalb des verschütteten Dorfes gebaut. Trotz der lokalpolitischen Bedeutung verlief das Leben beschaulich-gemächlich. Mit der ländlichen Idylle wird es freilich bald ein Ende haben, wenn Touristenströme auftauchen werden. Aus Sicht der Tourismusindustrie wird die Kabel-Kabinenbahn mit ihren modernen Gondeln ein Segen sein.

Ob diese Neuerung sich freilich auch für die Dörfler als Segen erweisen wird, halte ich für fraglich. Den Reibach werden wohl finanzstarke Investoren machen, die Einheimischen benötigt man allenfalls für niedere, schlecht bezahlte Arbeit. Ich fürchte auch, dass der Schaden für die zahlreichen kleineren Ruinen bis hin zur einstigen Metropole Kuelap selbst größer als der Nutzen sein wird. Allein die gewaltigen Stützpfeiler der Bahn werden massive Eingriffe in die bislang unberührte Landschaft bedeuten. Ob da Rücksicht genommen wird auf archäologisch bedeutsame Funde? Das bezweifle ich stark.

Ich hoffe aber, dass auch Geld in den Erhalt von Kuelap fließen wird. Bei meinem letzten Besuch verharrten die erstaunlichen Ruinen noch in einem stillen Dornröschenschlaf. Die einst stolze Festungsanlage, einst in drei »Etagen« angelegt, bot Schutz für mindestens 300 steinerne, runde Häuser. Ich bin die gesamte Stadt abgeschritten. Sie ist – nord-südlich ausgerichtet – fast 590 Meter lang und 110 Meter breit. Unklar ist bis heute, ob Kuelap durchgehend bewohnt war. Oder diente die Anlage nur als Fluchtburg? Oder war Kuelap weniger weltliche Siedlung als religiöses Zentrum? Strömten die Menschen vor einem Jahrtausend nach Kuelap, um dort ihren Göttern zu huldigen?

Foto 4: Baufälliges Mauerwerk von Kuelap

Schriftliche Zeugnisse haben die Erbauer und Bewohner von Kuelap nicht hinterlassen. So wissen wir kaum etwas über ihre Religion. Vermutlich war Kuelap auch so etwas wie ein Zentrum für astronomische Beobachtungen. Einzelne Bauten wie ein ruinös erhaltener Turm mögen der Beobachtung von Planeten und Sternen gedient haben. Einige Gravuren im Stein deuten womöglich auf einen Schlangenkult hin. Frauen, das ist überliefert, genossen hohes Ansehen bei den Bewohnern von Kuelap. Sie wurden auch bei militärischen Fragen konsultiert. Mag sein, dass matriarchalische Strukturen das Leben der Menschen bestimmten.

Foto 5: Mumiensarkophage von Kuelap

Die Toten von Kuelap wurden in Mumienbündeln an Steilwänden in Felsspalten deponiert. Oder sie wurden in Embryohaltung in Sarkophagen in Menschengestalt zur letzten Ruhe gebettet. Theologie-Professor Georg Fohrer, den ich konsultierte, erklärte mir: »In mutterrechtlich organisierten Gruppen wurde die große Göttin verehrt. Sie stand für den ewigen Kreislauf des Lebens. Wer als Mumie konserviert wurde, sollte dereinst neu geboren werden. Die Magie des Weiblichen, das Wunder von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt stand im Zentrum.«


Foto 6: Autor Langbein vor Ort
Vermutlich, aber auch das ist ungewiss, tauchte das rätselhafte Volk der Wolkenmenschen im 9. Jahrhundert im Norden Perus auf, so hörte ich vor Ort immer wieder. Archäologische Funde würden das bestätigen. Heute freilich geht die Wissenschaft davon aus, dass Kuelap sehr viel älter ist. So konstatiert Hans Giffhorn, Professor i.R. für Kulturwissenschaften an den Universitäten Göttingen und Hildesheim: »Kuelap entstand fernab von allen anderen peruanischen Hochkulturen, nach neuesten Schätzungen irgendwann zwischen 100 vor und 400 nach Christus. Das war lange, bevor es die Inka gab.«

Wer auch immer Kuelap baute, ein »primitives« Volk war es nicht. So war die mysteriöse Stadt Kuelap mit einem erstaunlich modern wirkenden Abwassersystem ausgestattet. Die steinernen Rundbauten sind einzigartig, ja fremdartig. Sie wurden auch außerhalb der Monstermauer von Kuelap gefunden. In den schwer zugänglichen Wäldern um Kuelap fanden sich Reste, auch auf Bergen. Kurios ist, dass sich keine Entwicklung hin zu den runden Steingebäuden gegeben hat. Ja die Kultur von Kuelap hatte offensichtlich keinerlei Vorläufer. Sie taucht plötzlich aus dem Nichts auf. So schreibt auch Hans Giffhorn (4): »Schon die ältesten Funde zeigten die hochentwickelte Baukunst, wie sie zum Beispiel in der Festung Kuelap zum Ausdruck kommt. Plötzlich war diese Kultur da – scheinbar wie aus dem Nichts! Bis heute sind die wenigen Archäologen, die sich mit den Rundbauten Nordperus befassen, ratlos.«

Wenn Kuelap von Vertretern einer hoch entwickelten Kultur erbaut wurde, wo sind dann die Wurzeln dieser Kultur zu vermuten?

Fußnoten

Foto 7: Buchcover Giffhorn
1) »SZ.de, 18. März 2011, 11:18 Uhr: »Archäologie in Nord-Peru/ Kuélap – älter und größer als Machu Picchu«
2) Information von »Condor Travel«
3) Giffhorn, Hans: »Wurde Amerika in der Antike entdeckt?« München, März 2014. Zitiert habe ich die eBook-Ausgabe!
4) ebenda


Zu den Fotos

Foto 1: Der steile Pfad nach Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 2: Ein Teil der Monstermauer von Kuelap
Foto 3: Tingo Nuevo, vorn, und Kuelap, oben. Foto wiki commons/ i
Foto 4: Baufälliges Mauerwerk von Kuelap. Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 5: Mumiensarkophage von Kuelap: Foto Walter-Jörg Langbein
Foto 6: Autor Langbein vor Ort. Foto Ingeborg Diekmann

Foto 7: Buchcover Giffhorn. Foto Verlag

331 »Kamen die Kelten bis Peru?«,
Teil 331 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                       
erscheint am 22.05.2016


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Sonntag, 3. November 2013

198 »Elefanten, Tempel und die Göttin«

Teil 198 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein


Erinnerungen an einen Mord - Foto: Ingeborg Diekmann
Die Welt der Göttinnen und Götter Indiens ist uns fremd. Wie einfach und übersichtlich ist doch der monotheistische Eingottglaube im Judentum, im Christentum und Islam! Besonders einfach haben es wir Christen. Namen müssen wir uns nur einen merken: Jesus hat als Sohn Gottes zu gelten. Gottvater hat keinen Namen, der »Heilige Geist« auch nicht. Wer oder was der »Heilige Geist« ist, das weiß in der Regel auch der eifrigste Kirchgänger nicht wirklich.

Das »Alte Indien« hingegen kennt eine nicht zu überblickende Fülle von weiblichen und männlichen Gottheiten, deren Namen für uns unaussprechbar kompliziert sind. Ich habe vor Ort in Indien manch blasierten Westler erlebt, der sich über »dummen Aberglauben um Elefanten, barbusige Göttinnen und mächtige Kriegergötter« mokierte. »Die Inder wissen doch selbst nicht, wie viele Göttinnen sie anzubeten haben!« Bei etwas gründlicherem Hinsehen wird aber deutlich, dass es immer die gleiche Göttin ist, die in unterschiedlichsten Gestalten mit unterschiedlichsten Namen auftaucht.

Wir westlichen Besucher uralter indischer Tempel freuen uns, wenn wir auf mächtige, geduldige Dickhäuter treffen. Die zum Teil gewaltigen Kolosse sind sehr oft reich geschmückt. Wir dürfen sie streicheln und genießen es, wenn uns so ein Riese mit dem Rüssel sanft unser Gesicht streichelt. Wo sonst kommt man schon in den Genuss, das weiche Rüsselende eines Elefanten so deutlich zu spüren? Wo sonst darf man so einem tonnenschweren Dickhäuter in die listig blinzelnden Äuglein schauen? Man darf die Riesen füttern. Und sie nehmen Spenden in Form von Münzen, aber auch Scheinen geschickt mit dem Rüssel entgegen und reichen sie an ihren Menschen weiter, vermutlich für »Wo am nötigsten!«

Ganesha hat einen Elefantenkopf - Fotos: W-J.Langbein

Parvati, Gattin des Supergottes Shiva, soll – so besagt es ein uralter heiliger Mythos – einst aus Schlamm und Wasser einen Mann erschaffen haben, Ganesha. Die sakrale Überlieferung ist sehr viel älter als der Schöpfungsbericht der Bibel. Alberner Aberglaube? Mancher Christ lächelt herablassend über eine Göttin, die einen Mann aus Wasser und Schlamm kreiert. In der Genesis wird der erste Mensch vom männlichen Gott aus Lehm erschaffen. Was ist nun Aberglaube, was wahre Religion?
Als Shiva den offenbar recht attraktiven Adonis nackt im Schlafzimmer antrifft, so wird überliefert, schlägt er ihm in rasender Eifersucht den Kopf ab ... dem eigenen »Stiefsohn«. Von tiefer Reue gepeinigt verspricht er, dem Kopflosen ein neues Haupt zu schenken ... Das nächste Lebewesen, das des Wegs kommen würde, soll dann ebenfalls geköpft werden. Kurz darauf trottet ein Elefant vorbei, verliert seinen Kopf ... und Ganesha erhält auf seinen menschlichen Leib einen Elefantenkopf.

Als kurios, ja grotesk empfinden wir eine Gottheit mit dem Leib eines Menschen und dem Haupt eines Elefanten. Gewöhnt haben wir uns aber an die sogenannte »Trinität« im Christentum: Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist als eine Einheit. Die »heilige Trinität« ist allerdings Jahrtausende älter als das Christentum. Im »Alten Indien« gab es im ganzen Land zahlreiche Heilige Plätze der Göttin, die so viele Namen hatte. In Kanchipuram wurde und wird »Sri Kamakshi« verehrt, eine Verkörperung von Shivas Gattin Parvati alias »Sri Kamakshi«.

In Kanchipuram residierte »Sri Kamakshi« an einem heiligen Ort, genannt  »Nabisthana Ottiyana Peetam«. Die Göttin, so heißt es, stellt die Verbindung zwischen Göttern und Menschen her. Sie ist wunderschön und gütig. Auf ihrem Haupt trägt sie eine Krone aus Mondstein. Von diesem kostbaren Schmuck gehen göttliche, heilsame Strahlen aus. Der Name der Göttin, »Sri Kamakshi«,setzt sich zusammen aus »Ka« (Göttin der Erziehung und Bildung), »Ma« (Göttin des Wohlstands) und »akshi« (zu Deutsch: »Auge«). Was das zu bedeuten habe, erkundigte ich mich wiederholt in Kanchipuram. Meine Frage löste immer wieder Erstaunen aus.

Teil des Kamakshi-Tempels
Foto: W-J.Langbein
»Sie sind Christ?«, fragte mich ein Physikstudent aus Kanchipuram zurück, als ich mich  nach dem Sinn von »Kamakshi« erkundigte. Der junge Mann blieb sehr höflich, verbarg aber nicht seine Verwunderung über meine aus seiner Sicht wohl nicht eben intelligente Frage. Kennt doch jedes Kind die Antwort! »Wenn Sie Christ sind, dann sind Sie doch mit der Trinität vertraut! Die Göttin Kamakshi ist eine weibliche Dreifaltigkeit. Die Göttin ist eins mit zwei weiteren Göttinnen ... Die Göttinnen ›Ka‹ und ›Ma‹ sind in ihr.«

So exotisch-fremdartig mir die Göttinnen und Götter Indiens auch anmuten mögen ... so glaube ich doch die religiöse Weisheit Indiens zu verstehen. Götter und Göttinnen stehen für die Kraft, die hinter allem steckt. Parvati, Gattin Shivas, Schöpferin von Ganesha, ist die »Mutter des Universums«. Sie zeigt sich auch ... als schwarze Göttin Kali. Kali ist die Verkörperung von Zeit und Natur. Kali hat drei Funktionen: Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung.

Der atheistische Wissenschaftler, der heute mehr über die Entstehung des Kosmos weiß als alle seine Vorläufer zusammen, kann nach wie vor die Frage nach dem »Warum?« nicht beantworten. Warum kam es zum »Big Bang«? Warum dehnt sich das Universum aus, nachdem es zu Urzeiten auf einen Punkt konzentriert war? Wird sich die Ausdehnung irgendwann umkehren? Wird sich das Universum wieder zusammenziehen? Wird es wieder implodieren ... um neu zu explodieren? Dehnt es sich aus, schrumpft es wieder zusammen ... wie ein pochendes Herz oder eine atmende Lunge?  Welche Kräfte verursachen die Entstehung des Universums? Die modernen Wissenschaftler von heute wissen letztlich nicht mehr als die Weisen Indiens vor vielen Jahrtausenden. Die »Alten Inder« gaben den Kräften, die wir bis heute nicht begreifen können, Namen: die Namen von Göttinnen und Göttern! Die Himmlischen erschaffen, erhalten, zerstören und rufen eine neue Schöpfung ins Leben.

Kali, die Göttin, verkörpert Zeit und Natur. Kali hat die Funktionen Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung... Ist das nicht das Prinzip, für das unsere hochmoderne Wissenschaft nur keinen Namen gefunden hat... das Prinzip vom Entstehen, Werden und Vergehen? Kali verkörpert den unendlichen Prozess der Entstehung, des Seins, der Zerstörung... und neuerlichen Entstehens. In der Unendlichkeit der Zeit werden und vergehen Galaxien ... In der Unendlichkeit der Zeit wirken die Kräfte der Natur.

Eine schwarze Madonna
Foto: Heidi Stahl
Seltsam: In der christlichen Kunst taucht auch immer wieder eine schwarze »Heilige« auf. Sie wird von evangelischen wie christlichen Christen eher diskret behandelt ... die »schwarze Madonna«. Ich bin davon überzeugt, dass die »schwarze Madonna« nichts anderes ist als eine Göttin aus heidnischen Zeiten in christlichem Gewand! Welcher Gläubige, der im Lugenser Wald (Bad Birnbach) zur »Schwarzen Madonna« betet, denkt dabei wohl an die schwarze Göttin Kali aus Indien?


Viele, vielleicht die meisten, indischen Tempel aus uralten Zeiten sind längst verschwunden. Sie wurden im Verlauf der Jahrhunderte abgetragen. Aus ihren Steinen wurden neue sakrale Bauwerke geschaffen. So gut wie unbekannt ist die wahrscheinlich älteste Tempelkultur Indiens ... unter den heiligen Städten, in der sprichwörtlichen Unterwelt! Für mich gibt es keinen Zweifel, dass unter der alten Stadt Mahabalipuram ein verzweigtes Netz von unterirdischen Tunneln darauf wartet, wissenschaftlich entdeckt zu werden. Vor Ort erhielt ich immer wieder Hinweise auf diese für Fremde verbotene Welt. Selbst Einheimische, so heißt es, wagen sich nicht in die unerforschte Welt. Vom Varagha-Tempel aus soll man in die Unterwelt hinab steigen und in breiten Tunneln bis nach Kanchipuram gelangen können – unterirdisch! Zwischen beiden Städten liegen fast 70 Kilometer!

»Wenn es noch irgendwo die ältesten Tempel der Göttin gibt, dann sind es unterirdische Höhlentempel, in Mahabalipuram und in Kanchipuram, zum Beispiel!«, diese Information wurde mir bei intensiven Gesprächen mit Ortskundigen immer wieder gegeben, vor Ort in Mahabalipuram und Kanchipuram. »Warum darf man die unterirdischen Gänge und Tempel nicht besuchen?«, wollte ich immer wieder wissen. Teils erntete ich hilfloses Achselzucken als Antwort, teils wurden »Sicherheitsprobleme« als Begründung genannt. Und von »Entweihung heiligster Orte« war die Rede ... »Begnügen Sie sich doch mit den überirdischen Tempeln!«, riet mir ein Reiseleiter.

Ein Tempelturm ragt in den Himmel ...
Foto: W-J.Langbein
Meiner Information nach sind es die ältesten Shiva-Tempel, die Verbindung zu den unterirdischen Tempeln haben, zu den Tempeln von Shivas Frau, zur Muttergöttin, zur Urgöttin.

Thomas Ritter, Weltreisender und Autor, bestätigt die Existenz der unterirdischen Anlagen. Ritter schreibt (1): »Mahabalipuram birgt auch unterirdische Geheimnisse, die bislang kaum bekannt sind. Im Süden des Ortes errichteten die Engländer um 1910 den modernen Leuchtturm, der bis heute seinen Dienst versieht. Unterhalb dieses Leuchtturms auf der Landseite des Felsplateaus wurde in ferner Vergangenheit ein Höhlentempel aus dem harten Gneisgestein herausgearbeitet. Dieser Varagha-Mandapam wird noch heute von einer Brahmanen-Familie betreut und ist eigentlich nur für Hindus zugänglich ... Nicht nur die ausgezeichnet erhaltenen Skulpturen und Reliefs machen den Mandaparam so interessant, sondern sein Eingang zu dem geheimen Labyrinth von Tunneln und unterirdischen Straßen, das von hier bis in die alte und heilige Hauptstadt Kanchipuram führt.«

Leider ist es mir nicht gelungen, in diese Unterwelt zu steigen. Von »amtlich versiegelten Eingängen« bekam ich zu hören, von »eingestürzten Tunneln«, von »religiösen Wächtern« wurde mir erzählt, die nur strenggläubige Hindu einlassen. Ganz aufgegeben habe ich aber das Projekt »Indiens Unterwelt« noch nicht ... Werde ich je in einen der Eingänge zur Welt unter den prachtvollen Tempeln gelangen? Wo könnte ich um eine entsprechende Erlaubnis ansuchen? Seit bekannt ist, dass Indiens Tempelkeller Milliardenwerte an Gold und sonstigen Schätzen zu bieten haben könnten ... wird die »Unterwelt« strikter denn je bewacht!
Vor rund fünf Jahrtausenden blühte im fruchtbaren Indusgebiet eine uralte Kultur, deren Wurzeln sich in der mystisch anmutenden Frühzeit verlieren. Wir wissen wenig Genaues über die Religion dieser städtischen Kultur. Bei archäologischen Ausgrabungen wurden Amulette und Phallus-Symbole entdeckt. Vermutlich herrschte damals das Matriarchat, das Mutterrecht.

Was mag unter diesem Tempel
zu entdecken sein?
Foto: W-J.Langbein
Vor rund dreieinhalb Jahrtausenden drang ein fremdes Volk aus dem Nordwesten ein. Die Invasoren nannten sich selbst »Ayra«, »die Edlen«. Jahrtausende später eigneten sich die Ideologen des III. Reiches diesen Namen, verdeutscht zu »Arier«, an. Mit den Invasoren kamen neue Gottheiten. Zwei religiöse Welten prallten aufeinander: die der Göttinnen der Urbevölkerung (Harappaner) des Indusgebiets und die männlichen Gottheiten der Eroberer (Ayra). Eigentlich sind es immer die militärischen Sieger, die die Geschichte schreiben ... und die bestimmen, woran „man“ im Volke zu glauben hat. So schien es auch in Indien zu geschehen. Die Ayra kämpften sich unaufhaltsam in Richtung Osten vor. Sie verwüsteten die Ur-Kultur auf ihrem Vormarsch. Sie versuchten anfangs wohl auch, den Besiegten ihren Glauben aufzunötigen. Doch je weiter sie in fremdes Terrain vorstießen, je länger sie gegen die Nachfahren der heimischen uralten Kultur kämpften, desto weniger konnten sie selbst sich der alten Religion der Einheimischen entziehen.

Gibt es bis heute geheim gehaltene Relikte des Matriarchats in der Unterwelt ... unter den prächtigen Tempeln Indiens?

Fußnote:
1 Ritter, Thomas: »Unterirdische Geheimnisse in Südindien – Spuren aus dem Untergrund«, veröffentlicht in Knörr, Alexander und Roth, Roland: »Terra Divina«, Groß Gerau, Oktober 2012, S. 15-25

Literaturempfehlung:

Walter-Jörg Langbein: »Die Geheimnisse der sieben Weltreligionen«, Köln 2007

Der Spuk von Gangaikondacholapuram,
Teil 199 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«                         
von Walter-Jörg Langbein,                                                                                              
erscheint am 10.11.2013

Sonntag, 4. März 2012

111 »Die Monsterbauten von Malta«

Teil 111 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein


Geheimnisvolles Malta
Foto: NASA
Malta ist ein Zwergstaat im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn man die Nebeninsel Gozo mit einbezieht ... dann ist das mysteriöse Eiland nicht größer als Bremen. Mit einer Fläche von 316 Quadratkilometern erscheint Malta als kleiner Klecks auf dem Globus. Und doch gehört das Eiland zu den geheimnisvollsten Gefilden unseres Planeten.

Wieso wurden auf dem kargen Fleckchen Land – keine 100 Kilometer südlich von Sizilien gelegen – 25 Tempel errichtet? Wozu benötigten die Steinzeitmenschen von Malta ... es waren vor Jahrtausenden eher Hunderte als Tausende ... gleich 25 Tempel? Und warum wurden diese sakralen Bauten so angelegt, als hätten Riesen mit gigantischen Steinquadern gespielt? 25 Monsterbauten stehen in keinem Verhältnis zur Mini-Inselwelt von Malta.

Ein Beispiel: Die Ruinen des Tempels von Hagar Qim. Die verwirrende Anlage sieht so aus, als hätten Kinder Bauklötzchen aneinander gereiht und aufeinander getürmt, um so etwas wie ein Märchenschloss zu bauen ... mit vielen Türchen und Toren, verschachtelten Höfen und kleinen Plätzen. Von »Bauklötzchen« aber kann nicht die Rede sein: einer der monströsen Kolosse ist über fünf Meter hoch und über einen Meter dick! Ein anderer ist knapp sieben Meter lang und über drei Meter breit. Seine »Dicke«: etwa 75 Zentimeter!

Hagar Qim - Foto: W-J.Langbein
Bislang habe ich keine glaubhafte Erklärung gefunden, wie derartige Steinmonster transportiert wurden. Gewiss, sie wurden aus »weichem« Kalkstein gemeißelt. Dafür können sehr wohl primitive Faustkeile benutzt worden sein. Wie aber hat man die wuchtigen Steinkolosse befördert? Hagar Qim entstand, so lautet übereinstimmend die Meinung der Wissenschaftler, in mehreren Etappen. 3700 und 2700 vor Christus wurde an Hagar Qim gearbeitet. Die Ausrichtung des verwirrenden Tempelkomplexes wurde mehrfach geändert, da und dort wurden »Kammern« ergänzt ... nach wessen Plan? Und wenn vor Jahrtausenden über Jahrhunderte hinweg auf der riesigen Baustelle gearbeitet wurde ... wer hatte die Bauaufsicht? Wer entwarf die Baupläne, als es keinerlei Schrift gab?

Im Verlauf mehrerer Malta-Aufenthalte kroch ich immer wieder in Hagar Qim umher. Die wuchtigen Steinkolosse wurden mit Präzision aneinandergefügt. Der verschachtelte Bau muss sorgsam geplant, die riesigen Bauelemente müssen vorher entsprechend der Pläne exakt vorbereitet worden sein. »Kleeblatt-Form« sei, so lese ich immer wieder, die Grundform der meisten Tempel. »Einst gab es unterirdische Grabhöhlen, in denen die vornehmen Toten bestattet wurden!« erklärte mir vor Ort ein Wissenschaftler. »Die wuchtigen Tempel sind überirdische Nachbildungen der unterirdischen Anlagen! Kollege widersprach energisch: »Umgekehrt verhält es sich, genau umgekehrt!« Die unterirdischen Grabanlagen von Malta seien Nachbildungen der überirdischen Tempelkomplexe.

Hagar Qim - Foto: W-J.Langbein
Während Experten über die unterirdischen Tunnel und Grabanlagen streiten ... erfreut sich die mysteriöse Unterwelt von Malta bei der einheimischen Bevölkerung keiner besonderen Beliebtheit. So werden zwar auch heute noch immer wieder – etwa beim Ausschachten von Kellerräumen – unterirdische Kammern entdeckt. Offiziell müssten solche Entdeckungen den amtlichen Behörden gemeldet werden. Das aber geschieht so gut wie nie. Müssen doch die »Häuslebauer« damit rechnen, dass dann ihr Grundstück enteignet wird. Ich selbst durfte einmal mit Erlaubnis des Hausbesitzers in einen muffigen Kellerraum steigen ... nachdem ich hoch und heilig versprochen hatte, niemandem zu verraten, wo ich was gesehen habe! Lachend erklärte mir der Hausbesitzer in gebrochenem Englisch: »Solche geheimen Entdeckungen gibt es viele auf Malta!«

Der Autor in Hagar Qim - Foto: Ilse Pollo
Eine schwache Glühbirne flackerte an der bröckelnden Decke. Hinter einem Regal mit süßsauer eingelegtem Kürbis verdeckte ein wollener Teppich ein etwa einen Quadratmeter großes Loch. Auf meine wiederholte Bitte wurde der Teppich abgenommen. Ich leuchtete mit meiner Taschenlampe hinein.

Die Größe des Raums konnte ich nur vage abschätzen. Er war wohl einst – etwa – fünf Meter im Quadrat und mindestens drei Meter hoch. An einer Seite machte ich – halb reliefartig herausgearbeitet – so etwas wie »Säulen« aus. Sie reichen von einem schmalen Sockel am Boden bis unter die Decke. Ein gutes Viertel des Raums war vom Boden bis zur Decke mit Geröll gefüllt. »Vielleicht gab es hier einst einen Ausstieg nach oben...«

Der Lichtkegel wandert über die Wände. Da und dort, so scheint es mir, hat man mit Hammer und Meißel Löcher in die Wände geschlagen, wohl auf der Suche nach vermeintlichen Schätzen. Ob man fündig wurde? Der Besitzer schwieg wie ein Grab. Ob ich fotografieren darf, frage ich höflich. »Auf keinen Fall!« Ist es erlaubt, durch das Loch in den angrenzenden Raum zu klettern? Auf keinen Fall. Das sei zu gefährlich. Immerhin darf ich meinen Kopf durch das Loch stecken. Mühsam gelingt es mir, auch noch Platz für meinen Arm zu finden. Der Lichtkegel schleicht nun über die glatt polierte Decke und den etwas raueren Boden. Im Boden fallen mir wiederum einige offensichtlich frisch gemeißelte Löcher auf.

Nach längerem Rückfragen gibt der Hausbesitzer zu: »Unter diesem Raum gibt es einen weiteren. Vom tieferen Raum führt eine schmale Treppe nach oben ... « Die sei aber »wohl schon vor Ewigkeiten« eingestürzt. »Und wenn man etwas von dem Schutt herausholt ... rutschen weitere Steinbrocken und Sand nach ...« Und eine weitere Etage tiefer ... mag es noch einen Raum geben. »In solchen Räumen ...« erfahre ich ... »wurden schon manches Mal Sachen gefunden«. Sachen ... frage ich nach. »Naja, so kleine Figürchen aus Stein ... von fetten Weibern!«

Eine schlafende Muttergöttin von Malta
Foto: W-J.Langbein
Natürlich ist jeder Entdecker archäologischer Objekte verpflichtet, seine Funde zu melden. Wie häufig Archäologisches gefunden ... und einbehalten wird? Niemand vermag das zu sagen. Fakt ist: Unzählige archäologische Funde – von Statuetten und Statuen unterschiedlichster Größe belegen, dass es vor Jahrtausenden auf Malta einen Kult der Muttergöttin gegeben haben muss. In privaten Sammlungen, aber auch in offiziellen Museen sah ich diverse »Exemplare« dieser Muttergöttin. Ob nur wenige Zentimeter klein ... ob über lebensgroß ... immer wurde diese Göttin mit sehr femininen, drall-ausladenden Formen dargestellt.

Für mich gibt es keinen Zweifel: Malta war vor vielen Jahrtausenden Zentrum einer matriarchalischen Religion, in deren Mittelpunkt eine Erdgöttin stand, die über Leben, Sterben und Geburt »regierte«. Es war eine Göttin der Fruchtbarkeit, die in den unterirdischen Höhlen von Malta angebetet wurde. Meiner Überzeugung nach sind die Monstermauern von Malta Überbleibsel einst gigantischer Tempels, die Nachbildungen der Höhlen darstellten. DIE Urgöttin wurde weltweit – zum Beispiel auch in Ägypten, bevor die Pyramiden gebaut wurden – in unterirdischen Kammern verehrt. Unterirdische Höhlen – künstliche wie natürliche – wurden als besonders heilig angesehen, als »Gebärmutter« der Erde, aus der alles Leben hervorging.

Fast alle der Muttergöttinnen von Malta scheinen Schwangere zu zeigen. Was mir aufgefallen ist: Bei der überwiegenden Mehrzahl dieser Figürchen und Figuren fehlt der Kopf. Häufig liegt eine Hand der Göttin auf ihrem Leib, so, als solle die Schwangerschaft betont werden. In einem einzigen Fall wurde meines Wissens nach eine komplette Darstellung einer Malta-Göttin gefunden, tief unter der Erde in einem bunkerartigen Keller, mehrere Etagen unter der Erdoberfläche.

Lesetipp: Die Bücher von Walter-Jörg Langbein

»Die Göttin von Malta«,
Teil 112 der Serie
»Monstermauern, Mumien und Mysterien«
von Walter-Jörg Langbein,
erscheint am 11.03.2012


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